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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Siebentes Kapitel

Das Gejauchze, welches vom cartagenischen Ufer die absegelnden Galeeren des großen Emirs begleitet hatte, war lange schon verhallt, entschwunden die spanischen Küsten aus den Augen der Seefahrer; über das tiefblaue Meer, unter dem tiefblauen Himmel glitten die Fahrzeuge vor günstigem Westwinde schnell und eben dahin.

Auf dem Verdecke des Hauptschiffes saßen Nureddin und Bertha, unter einem Baldachine von olivengrüner Seide, bald in arabischer, bald in einer der europäischen Sprachen emsig miteinander redend; die Scheu vor des Emirs feierlicher Miene hielt jeden Hörer fern. Selbst Meister Aleard, der edle Troubadour, ward zu der ernsthaften Verhandlung nicht mit berufen. Zwar mochte das Gespräch mit Sang und Scherz angefangen haben, denn Berthas Zither lag noch immer auf ihrem Schoße, jedoch bald hatte es eine andre, höhere Wendung genommen, wie es denn wohl mit allen Gesprächen zu gehen pflegt, welche zwei kräftige, redliche Seelen, des Strebens nach dem Höchsten voll, über irgend einen Gegenstand erheben. Man sagt ja, der Flug des Adlers richte sich ganz von Natur nach dem Sonnenblick, und komme meist allemal in diese Bahn, sei er auch anfangs nur mit einer Jagd auf Rehe und andres Gewilde des Forstes begonnen.

Was nun die beiden hohen Gestalten, einander gegenüber sitzend, besprachen – die Erzählerin der Rittergeschichten, von unsern Voreltern Frau Abenteure, von unsern romanischen Stammverwandten Dame Avantüre genannt, vermag es nicht von Wort zu Wort wieder zu berichten. Sie spielt, wenn auch im Grunde der Sachen ein ernstes, doch oft von erfundenen Schatten durchgaukeltes Spiel, und eben, weil sie es sehr fromm und innig meint, wagt sie es nicht, die klar ausgesprochnen höchsten Wahrheiten der heiligen Religion in ein und dieselbe Reihe mit ihren bunten Gebilden zu stellen. Von jenen höchsten Wahrheiten aber hielten Bertha und Nureddin ihr Gespräch. Mit aller blühenden Weisheit Arabiens, Persiens und Indiens stritt der Emir; mit einfachen Worten, in kurze, fast kindlich hergesagte Sätze zusammengedrängt, die Jungfrau. Meister Aleards Zithertöne klangen von einer nahe segelnden Barke mit wehmütiger Rührung halbvernommen herein. Darüber stieg der Abend aus dem Meer, darüber endlich die Nacht mit ihren feierlichen Sternenaugen, und der Emir, das Fräulein ihren Dienerinnen übergebend, zog sich mit tiefsinnigem Ernste in sein Gemach zurück; Bertha tändelte heitrer als je, mit ihren Frauen, und mit dem Schlafe zugleich legte sich ein seliges Lächeln über das himmlische Gesicht.

Der nächste Tag sahe den stillen, und dennoch so gewaltigen Streit zweier edlen Geister aufs neue begonnen. Einige Rollen von beschriebnen Palmenblättern hatte der Emir mit heraufgebracht unter das olivengrüne Zelt, und las zwischen seinen Reden bisweilen tiefersonnene Sprüche daraus ab, bisweilen anmutige Reime aus Helden-, Lehr- und Liebesgedichten. Bertha führte kein Buch zu ihrer Hülfe mit. Wohl besaß sie eine Abschrift des Buches der Bücher, in schwarzen Sammet mit silbernen Schlössern und Beschlägen eingebunden, durch fromme, zarte Bilder verziert, aber die war auf Burg Trautwangen zurückgeblieben, und die schönen Heiligengeschichten lagen auf Gabrielens gasconischer Veste. Dennoch hatte das fromme Kind so treu und achtsam in den geweiheten Zeilen gelesen, daß deren Beistand ihr nimmer entging. Sie sann wohl bisweilen Minuten lang nach, daß man hätte meinen sollen, sie werde verlegen, und scheu vor den glänzenden Blumen und Früchten, die aus Nureddins königlichem Dichtergeiste, den Alkoran beschattend und verherrlichend, emporstiegen; aber bald darauf trat ein schlichter, Liebe, Glauben und Hoffnung atmender Spruch hervor, dessen Taubeneinfalt die farbenspielende Schlangenklugheit in Mahomas Lehre mit leichter Mühe bezwang.

Es dauerte mehrere Tage so. Ganz anders zeigte sich das Leben während der Seefahrt, als man gedacht. Die Stelle der Kriegslieder und herrlichen Gelage, darauf alle Teilhaber gerechnet hatten, nahm ein feierliches Schweigen ein, dessen Macht sich sogar auf Firmament und Meer zu erstrecken schien. Bloß eben so viel Wind hauchte in die Segel, als nötig war, die Flotte ohne angestrengte Arbeit des Schiffsvolkes gegen Ostia hinzutreiben, spiegelglatt lag die blanke Meeresdecke ausgedehnt, nur von sanftem Wellenspiele gekräuselt, von den durchschneidenden Bahnen der Schiffe gefurcht.

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