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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Sechstes Kapitel

Bertha hatte dieser Erzählung mit großer Bewegung zugehört, und noch an mehrern Tagen mußte sie Nureddin ihr wiederholen, welches er auch mit sichtlichem Wohlgefallen und mit einer nur halb verhehlten Rührung tat. Dann fragte sie ihn auch wohl bisweilen, wer denn der Ritter Hygies eigentlich gewesen sei? Und ob er nicht mehr von ihm wisse, als die Sage enthalte? – »Nicht viel mehr«, pflegte der Emir zu erwidern. »Aus fremden Reichen ist er in die Griechenlande gekommen, als ein allwärts bewunderter und gefürchteter Jüngling, und ich habe nie ergründen können, ob sein wirklicher Name Hygies gewesen sei, oder ob er ihn nur als Beinamen erhalten hat, denn in hellenischer Sprache bedeutet Hygies einen muntern, frischen Menschen.« – Nach solchen Worten brach er gewöhnlich kurz ab, und eine Wolke des finstern Unmutes zog über seine Heldenstirn.

Eines Abends saßen Bertha und der Emir auf einem luftigen Altane, der über die Orangenbäume des blühenden Gartens hinaus die Aussicht auf des Meeres ungemessene Spiegelfläche freigab, die Seele zu Gedanken in die sehnsüchtige Ferne anregend. Ein kühlender Ostwind spielte auf den Wassern, und führte Blätter aus den Orangenwipfeln empor, sie wie zum Kranze gegen die Schläfe der Jungfrau hinhauchend. – »Weht er wohl aus Kreta herüber?« fragte sie lächelnd ihren Begleiter. »Und will er mir Nachricht bringen, was aus dem Ritter Hygies geworden ist, und aus seinem Knaben?«

»Ihr habt ja noch nie nach dem armen Knaben gefragt?« sagte der Emir.

»Ich weiß nicht, wie es gekommen ist«, entgegnete Bertha. »Mir war es immer im Herzen, wie eine große Lust, mehr von ihm zu vernehmen, und wenn ich davon sprechen wollte, warf es sich als ein Siegel vor meine Lippen, und machte mich stumm.«

»Das ist recht wunderlich«, sagte der Emir. »Denn mich hat es auch immer getrieben, daß ich zu Euch von dem Knaben des Hygies sprechen sollte, und dann hielt mich wieder die Besorgnis zurück, daß Ihr den Sohn des abenteuernden Ritters, den in der kretischen Zauberhöhle Gebornen, meiden würdet und fliehn. Eben dieser Sohn des kühnen Hygies bin ich aber selbst.«

Bertha schaute ihn etwas verwundert an. Endlich sagte sie: »Was sollte ich mich denn darum vor Euch fürchten, daß Ihr ein Sprosse des Hygies und der schönen Jungfrau von Damaskus seid? Ihr müßt mir ja lieber werden dadurch. Aus solch einem Bunde von Heldenkraft und Rosenlieblichkeit muß der Welt ein Stern der Ehre und Galanterie aufgegangen sein.«

»Ein Komet, wollt Ihr sagen!« rief Nureddin aus. »Ein Komet ist der Welt in mir aufgegangen, ein rächerischer, verderblicher, aber heilbringend den künftigen Geschlechtern.«

»Die müssen sehr schlecht sein«, sprach Bertha ernst, »wenn sie von einem einzelnen Rettung erwarten wollen, und nicht von sich selbst.«

»Eben darum, daß sie nicht so schlecht werden«, sagte Nureddin, »bin ich auf die Erde vorausgesandt. Ich soll Feuer anschüren, Reinigungs-, Prüfungsfeuer, davor manch ein Dach, und manch ein Land zusammenfällt, um nachher desto herrlicher wieder zu erstehn. Glaubt mir nur, edle Jungfrau, das Menschengeschlecht hat mit dem Phönix eine und dieselbe Natur. Es muß von Zeit zu Zeit verbrannt werden, und neu aus der eignen Asche aufblühen, wenn es unsterblich bleiben soll und jung in ewiger Kraft.«

»Ich glaube, Ihr seid in einem furchtbaren Irrtum«, entgegnete Bertha, das schöne Haupt langsam hin und her wiegend. »Aber Gott wird Euch schon davon los zu helfen wissen, und alle frommen und treuen Menschen vor Euern Irrflammen zu beschützen weiß er sicherlich auch.«

»Wir werden nun bald sehen, ob er das will«, sagte der Emir. »Zu Morgen schiffen wir mit meinen Galeeren auf Ostia zu; das ist die längst beschlossene Fahrt, auf welcher Ihr mich vorerst begleiten müßt, bis ich imstande bin, Euch hinzufahren, wohin Ihr es begehrt. Im Hafen von Ostia laufen wir ein. Rom ist nur schwach bemannt, und wenn ich den dreigekrönten Priester unter den Trümmern all seiner Kirchen begrabe, fällt wohl der ganze morsche Bau der sogenannten Christenheit mit seinem Schlußsteine zugleich in Schutt und Graus. Vorzüglich mit, weil Eures Rittertumes Licht, der große Richard Löwenherz, von seinen eignen Glaubensgenossen im Dunkeln gehalten wird.«

Da zog über Berthas Antlitz ein anmutiges Lächeln, recht in so kindlicher Lust und Sorglosigkeit, daß man es fast hätte Lachen heißen mögen; der Emir hub sich erstaunt von seinem Sitze auf, sprechend: »O wehe, du schöne Erscheinung, wie kannst du doch scherzen mit so ernsten Dingen? Das war ja eben mein erneutes Leben und Blühen in deiner Nähe, daß ich meinte, du verständest jeden Gedanken meiner Seelen, und wenn du auch bisweilen nach Weiberart etwas davor zusammenschräkest, empfändest du dessen Größe dennoch durch und durch, und fühltest dich auch unter dem schwindlichsten Zittern beflügelt und entzückt! jetzt aber, da ich gegen dich ausspreche, was ich bisher nur im heimlichsten, begeistertsten Gebete vor Gott und dem Propheten ausgesprochen habe, jetzt hast du nur ein kindisches Lachen für meinen Heldenentwurf! Du bebst ja nicht einmal bei dem Gedanken an die Todesgefahr, die dem Glauben bevorsteht, zu welchem du dich bekennst.«

»Wäre es denn ein Glaube«, sagte Bertha, noch immer mit demselben unbefangenen Lächeln, »wenn ich an seine Todesgefahr glauben könnte? Der rechte Glaube stirbt nicht. Gott wird sein Rom schon erhalten, und ich danke Euch herzlich, daß Ihr mich nach Ostia mitnehmt, wo ich bewundernd schauen werde, durch welchen Boten der Herr Euch mächtig zürnenden Kriegsmann zurückweist, ob durch einen zürnenden Cherub, oder durch einen friedelächelnden Seraph. O lieber Himmel, ich wünschte um Euretwillen so recht aus ganzem Herzen das letztere.«

Der Emir neigte sich tief vor der lächelnden Huldin, und sagte: »Verzeiht, wenn ich Euch mißverstanden. Ist es denn meine Schuld, daß Ihr immer so unendlich mehr gebt, als selbst ein Heldensinn erwarten kann?«

Bertha reichte ihm gütig die Hand, sprechend: »Gute Nacht, Ihr wunderlicher Hygiessohn! Wir werden morgen doch früh auf sein müssen zur Reise.« – »Jawohl«, antwortete Nureddin; »aber bitt' Euch, nennt mich nicht den Hygiessohn. Ich ehre meinen tapfern Vater, aber daß er mich weder nach Damaskus brachte zu den königlichen Eltern meiner Mutter, noch auch mich mit sich nahm in seine mir unbekannte Heimat, sondern mich streifenden Arabern auf Geratewohl zur Erziehung überließ, – Herrin, es nagt mir grimmig am Herzen, und ich bin versucht, zu denken, er seie wohl des Damaszenerschwertes würdig gewesen, nicht aber der zarten Mädchenrose aus Damaskus.« – Damit neigte er sich ehrerbietig, und verließ den Altan.

Am nächsten Morgen funkelte das Leuchten der Sonne auf den goldfarbigen Zieraten von Nureddins Schiffen und ihren erzbeschlagnen Schnäbeln, gaukelte die Frühluft um die farbigen Seidenflaggen, und schwellte die schneeweißen Segel mit ungeduldigem Hauchen an. Durch einen buschigen Gang des anmutigen Gartenhügels wandelte Bertha an der Seite ihres seltsamen Beschützers vom Palaste nach dem Meeresstrande hinab. Indem sie sich den glänzenden Gitterpforten naheten, drang von außen ein leises Singen in Berthas Ohr, und bald die wohlbekannte Mundart des Frankenreiches erkennend, horchte sie mit der Sehnsucht auf, die uns allemal beim Wiederbegegnen irgend einer bekannten Erscheinung aus vergangnen glücklichen Tagen ergreift. Sie vernahm ungefähr folgende Worte:

    »Meeresstrand,
Mit den dunkelgrünen Büschen,
Mit der frischen
Nahen, laub'gen Gartenwand!
Sonn'ge Fluten
Kühl im hellen Morgenschein!
Ach ich möcht Eu'r Sänger sein,
Wenn mir ruhten
Einmal in des Busens Schrein
Diese Klagen,
Die umsonst, umsonst nach ihr,
Nach der weißen Blume fragen,
Ehmals dieser Gärten Zier.

    Bittres Leid,
Nah dem Ort, wo jüngst noch weilte,
Die mir heilte
Jeden Schmerz! Nun ist sie weit.
Ach, wie klag' ich
Fern verflogner Vogel, bang!
Seufzer dringen in den Sang,
Schluchzend sag' ich:
›Weh' das Leben ist so lang!
Und so flüchtig,
Was ihm einzig Kränze lieh.
Liebeshoffnung ist so nichtig,
Liebeszagen ist es nie.‹«

Es war, als wolle der Sänger, dessen Töne aus einem Gebüsche, dicht an dem äußern Gartengegitter, hervordrangen, seine Liebesklage noch weiter fortklingen lassen, aber als hemme sein leises Weinen die Stimme; nur die Zither, mit welcher er sich begleitet hatte, schwirrte noch in einzelnen wehmütigen Akkorden weiter.

Bertha war in ihrem Aufmerken unwillkürlich stehen geblieben; der Emir, achtsam, jeglichen ihrer Wünsche zu erfüllen, stand gleichfalls still, und winkte einigen Dienerinnen und Sklaven, die mit Sonnenschirmen, Polstern und andern Bequemlichkeiten, der schönen Herrin folgten, sich nicht zu regen. Als das Lied verklang, und Berthas Augen nach dem Sänger umherspähten, eilte Nureddin schnellen Trittes aus der Gartentür, und mit den leuchtenden Kriegeraugen durch das Gebüsch blickend, entdeckte er bald darin den weinenden Jüngling mit der Zither, welchen er zu sich hinwinkte, und vor die Herrin führte. Ohne Scheu, voll sanften Ernstes, nahte sich der Sänger, in welchem Bertha mit froher Überraschung den Meister Aleard erkannte. Sie fragte ihn freundlich teilnehmend, was ihn an diese Küsten führe, und ob sie vermöge, ihm sein, wie es schiene, feindseliges Schicksal zu mildern. – »Redet nur frei heraus«, fügte sie hinzu, da der Jüngling, mit einem forschenden Seitenblick auf Nureddin, zögernd schwieg. »Was Ihr, mein edler Sänger, zu sagen haben könnt, kann dieser edle Held auch sonder allen Zweifel hören.« – Nun erzählte Aleard ohne Hehl, wie er hierher gekommen sei, Blancheflour zu retten, wie er nach der Verwundung ihres heldenmütigen Bruders, im Unwillen auf Tebaldo und Vinciguerra, mit diesen keinen Verkehr mehr habe halten wollen, die Nacht über darauf sinnend, was er nun für Wege einsam betreten müsse, um das Fräulein nach der Heimat zu führen. Da habe er dann erst am Morgen aus aller Munde das Wunder von des Freiherrn Wiederbelebung und von der Damen Rettung gehört. – »Nun leb' ich hier verlassen«, schloß er seine Rede, »wandle zwischen Gesichtern und Worten, dem Innersten meiner Seele gleichermaßen fremd; nur Freundin Zither ist mir geblieben. Die sorgt den Tag über in den Häusern einiger reichen Mohrenritter dafür, daß ich keiner niedrigen und erschöpfenden Arbeit bedarf, um mein Leben in der Fremde hinzuhalten, und am Abend und Morgen singt sie mir in süßer Vertraulichkeit die Freuden vergangner Tage zurück. Ich war schon recht darauf gefaßt, hier ganz vergessen und unbekannt zu verklingen. Wie aber Eure holde, so oft an Blancheflours Seite erblickte Gestalt in mein Leben hereinschaut, da wacht die Sehnsucht nach der trauten Heimat wieder lieblich schmerzend in mir auf. Ich sehe, Ihr seid reisefertig. Könntet Ihr mich mit Euch führen in ein christliches Land, so gäbt Ihr meinem Dasein ein frisches Morgenlicht; wo nicht, so wird doch wohl mindestens ein Abendlicht daraus, und die stille Nacht breitet über den heißer Sehnenden ihre linden Schleier um manche Stunde früher aus.« – »Nein, ich will Euer glückbedeutend Frührot werden, so Gott es vergönnt«, entgegnete Bertha. »Mein hoher Gefährt hier wendet gewiß nichts dawider ein.« – Freundlich faßte der Emir des Sängers Rechte, und sagte: »Was Fräulein Bertha wünscht, ist schon getan, dafern es Nureddins Macht erreichen kann, und Eure edle Kunst ist mir auch an sich selbsten lieb. Wir Araber sind ein sang- und märchenlustiges Volk, ja bisweilen, wenn mir Laute und Lied so recht günstig zusammenklingen, hege ich wohl den stolzen Gedanken, als gehörte ich zu den Dichtern mit.« – Sich in ein erquickendes Künstlergespräch verflechtend, schritten die dreie den morgenrötlichen Strand hinab, und bestiegen das Schiff.

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