Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
Schließen

Navigation:

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fragt euch, die ihr eine geliebte Mutter unter den Gestorbnen zählt, wie es euch sein würde, wenn die so lang verloren Geglaubte noch in dieser Welt unvermutet, und wo euer Gemüt ihrer am mehrsten bedürfte, wieder vor euch da stünde, und euch all den Frieden eurer Kindheit, all die süße, schuldlose Lust von damals her wieder mit ihren holden Tröstungen in die Seele lächelte! Ihr aber, die ihr noch des unaussprechlichen Heiles genießt, unter Mutteraugen zu wandeln, euch will ich den furchtbaren Gedanken nicht zumuten, auch nur auf Augenblicke als verloren zu betrachten, was eures Lebens mildeste Freudigkeit und reinste Zier ist. Ihr werdet ja auch wohl ohnedem die heilende Wonne zu ahnen wissen, die sich so urplötzlich in rechter Himmelsfülle durch des armen Otto blutende Brust ergoß. Vor Hilldiridurs sanften Mondscheinaugen ging ein ganzes Blumenbeet der kindlichen Zuversicht und Hoffnung in seinem Herzen auf. Das nun entschleierte Mutterantlitz leuchtete ihn in aller wohlgekannten Milde und Tröstlichkeit an, nur nicht mehr so tiefbetrübt, als damals im Walde, nicht auch so bleich und regungslos, als von der Kapellenwand in der Nacht der Waffenwache.

Es dauerte lange, ehe man irgend zu Erklärungen miteinander kam. Otto kniete nur immer vor Hilldiridur, sprechend: »O süßes, süßes Mütterlein! O hab' ich dich wieder! O Gott, wie bist du denn so lange fort gewesen? Dein armes Kind hat sehr um dich geweint.« – Und Hilldiridur übergoß sein Angesicht mit süßbittern Tränenströmen, und trocknete sie zugleich immer wieder mit streichelnden Fingern ab. Arinbiörn und Heerdegen standen mit gefaltenen Händen still zu beiden Seiten, wie man wohl noch auf altdeutschen Bildern ähnliche Gestalten neben heiligen Männern oder Frauen anzutreffen pflegt.

Endlich entließ Hilldiridur die drei jungen Helden, den Sohn auf morgen abend allein wieder herbescheidend, daß er das Schicksal seiner Eltern aus der Mutter Munde vernehme. Halb jubelnd, halb weinend, ritt Otto durch die helle Mondnacht zurück, die Gefährten fast in gleicher Stimmung, neben ihm her.

Im Lager kam Swerker gesprungen, und wollte des Ritters Trautwangen Stegreif halten. »Nicht so«, sprach abwehrend dieser,«du bist mein Knappe nicht, du bist mein lieber, ebenbürtiger Waffenbruder.« – »Mitnichten, Herr«, entgegenete Swerker. »Noch bin ich ja kein Christ, und wer weiß, komm' ich im Leben dazu.« – »Das kommst du gewiß«, sagte Otto. »Hätten wir nur einen ordentlichen Priester hier in der Schar. Der sollte dir unsre Lehre in ihrer Göttlichkeit zeigen, und fürwahr, du nähmest sie ohne Zögern an.« – »Wißt Ihr was, Herr?« sagte Swerker. »Ich dächt', Ihr machtet Euch selbst an die Arbeit. Ritter und Ritter bespricht sich immer am besten zusammen, und so aus ganzem, treuen Herzen werden wir gewißlich miteinander eins. Habt Ihr recht, so geh' ich Euch nach zu dem Christ; hab' ich es, so kommt Ihr mit mir zu dem Altvater Odin herüber.«

»Es sei gewagt«, sprach Otto, »und noch morgen, mit Aufgang der Sonnen. Hat mir Gott mein Herz doch eben erst so wunderbarlich zerknirschet und erfreut; ich denke, da soll es mir gut gelingen.«

Wie gesagt, so getan. Den ganzen, folgenden Tag hindurch rangen die zwei jungen Helden mit feurigen Worten gegeneinander. Otto fühlte den Geist, der ihm die seinigen eingab, und durch ihn seinen nahen Sieg. Als der Abend dunkelte, ritt er freudigen Mutes zu der lieben Mutter nach dem Drudenturm.

Die trat ihm schon an der Pforte entgegen, und führte ihn liebkosend die Steigen hinauf, in das Gemach mit dem runden Tische, das heute vorzüglich hell und anmutig erleuchtet war. Auf dem runden Tisch selbst aber lagen viele glänzende Dinge: ein prächtiger Helmbusch, von edlem Gestein zusammengehalten, ein großes Goldkreuz, an reicher Kette hangend, eine grün samtene Feldbinde, von goldner Stickerei blendend hell durchfunkelt, und was der edlen Rittergaben mehr waren. – »Das soll dein sein, lieber Sohn!« sagte Hilldiridur, ihren wiedergewonnenen Liebling vor das lichte Rund hinstellend, und während er noch staunend bald auf den Reichtum der Geschenke, bald auf die Mutter blickte, sagte diese mit zwei hellen Tränen in ihren lichtbraunen Mondscheinaugen: »Ich habe dir ja durch so viele Jahre nichts zu Weihnachten oder zum Geburtstage bescheren können, du armer, verlassener Knabe. Da soll es denn nun mit einem Male geschehen.« – Und zugleich fing sie an, ihr liebes Kind mit den funkelnden Herrlichkeiten auf das leuchtendste auszuschmücken, so daß bald der junge Held wie ein Feenkönig in Zier und Schimmer strahlend vor ihr stand. Nachdem sie ihn nun noch einmal mit der ganzen Seligkeit des mütterlichen Wohlgefallens angestaunt hatte, ließ sie ihn sich gegenüber an den runden Tisch sitzen, und hub, ihm unverwandt in die Augen blickend, folgendergestalt zu sprechen an:

»Dein Vater, mein lieblicher, milder Sohn, war lieblich wie du, aber nicht so mild: ein furchtbarer, dräuender Kriegsheld, vor dem alles, was ihn liebte, zugleich erzittern mußte, wie vor einem herrlichen Sommertage, an dessen Saume schwefelblaue Gewitter stehn. So war auch ich denn, nachdem er in einer Bucht des Nordmeers, halb verheißend, halb schreckend, mich auf meiner Heimreise von Island zum Eheweibe gewonnen, ihm nicht minder in Scheu als Treuen ergeben. Noch dröhnt das Bangen durch mein Gebein, das mich ergriff, als er einstmalen – wir kamen eben von einem fröhlichen Feste, das ihm zu Ehren in einer holländischen Seestadt, wo wir einige Monden lebten, gehalten worden war, – in meinem Gemache ein Runenstäblein fand, von wunderbaren, gewaltigen Zeichen umwunden, und mit plötzlich aus süßer Liebeshuld in grimmiges Zürnen übergehenden Zügen zu mir sagte: ›Ich habe schon vernommen, daß du eine gewaltige Zauberin seist, aber hüte dich, daß ich von diesen Kunststücklein nicht fürder etwas bei dir gewahre. Der Augenblick wär deines Lebens letzter.‹ – In unvorsichtiger Furcht, des Runenstäbleins Kraft nicht beachtend, warf ich es in die Flamme des Kamins, die alsbald, wild auflodernd vor dem unheimlichen Gaste, den Schornstein emporflog, das Gemäuer sprengte, und so schnell um sich griff, daß Hugur kaum noch Zeit gewann, mich zum Tod' Erschreckte aus dem Flammengewirbel zu tragen. O hätt' es doch nur all mein Zaubergeräte mit verzehrt, und vor allem den furchtbaren Spiegel, der draußen in der Wand eingefugt ist, und den ich damals, sorgsam verpackt, überallhin mit mir führte! Aber die geheime Kraft darin hatte die Flammen zurückgetrieben, und so sehr ich auch Hugurs Zürnen scheute, fand ich dennoch nicht Macht in mir, mich von allen erlernten Geheimnissen und ihren Werkzeugen loszumachen. Ach Sohn, wohin ein angebornes Sehnen den Menschen treibt, da muß er hin, und risse sich ihm unterwegens im Ringen sein ganzes Erdenheil von den Schultern! – Doch verhieß ich mir selbsten, die gewaltigen Geräte nur ganz ungenutzt bei mir zu behalten, vorzüglich da Hugurs Ingrimm gegen alledem ähnliche durch die Feuersbrunst wohl noch gestiegen sein mußte. Er entschädigte den Besitzer des Hauses, wie es ihm seine königliche Freigebigkeit gebot, und zog alsdann mit mir nach der gesegneten Stadt Koblenz, die am Zusammenflusse des Rheinstromes und der Mosel gelegen ist, und vielleicht an Anmut ihrer blühenden Gegenden mit jeglichem Orte in der Welt, leuchte er auch aus den Gefilden der herrlichen Asia auf, Wettstreit zu halten vermag.

Dort, in einem Ritterschlosse unfern der Stadt zwischen blühenden Obstbäumen, auf einem der lieblich anschwellenden Rasenhügel gelegen, überschauend die von beiden herrlichen Flüssen umarmte Fruchtebne voll reifender Saaten und duftender Wiesen, – dort wurdest du geboren, mein liebliches Kind. In süßer Unbewußtheit lächeltest du aus deiner Wiege vom Altane der Burg her durch die helle, dich grüßende Welt hinaus, und so wenig du auch damals dich selbst und sie zu begreifen vermochtest, so könnte ich doch darauf schwören, daß die in jenen Träumen empfangenen Lichter und Düfte noch jetzt bisweilen durch dein Wachen und deinen Schlummer ziehn.«

»Mutter, mir ist auch so zumut«, sagte Otto. »Eure Worte rufen mir Bilder herauf, die tief, tief, wie ungelöste, anmutig verflochtene Rätsel in meinen Gedanken liegen. Und reisten wir nicht, als ich mich besser besinnen lernte, weiter? Ging es nicht über hohe Berge hin, die voller schönen Weintrauben hingen, und standen wir nicht einmal dicht über einer schäumenden und donnernden Wasserflut? Oder war es vielleicht ein zürnendes Gewitter unter uns in weißlich bläulichen Wolken?«

»Das war der herrliche Rheinfall, mein lieber Sohn«, entgegnete Hilldiridur. »Ich weiß noch wohl, wie du freudig in die Händchen klopftest, und dein Jauchzen, das in dem Gedonner des Wogensturzes verschwamm, hellfunkelnd aus deinen glühenden Wangen und Augen strahlte, so heftig die Bretter auch erbebten, auf denen wir standen. Da küßte der starke Hugur inbrünstig dich und mich, und rief jubelnd mit seiner Löwenstimme durch das Tosen der Flut: ›Das ist mein echter, tapfrer Sohn! Hab' Dank für die Bewährung, du Heldenprüfer, gewaltiger Rhein!‹«

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.