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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

    Auf Nordlands Bergen hoch und hehr,
Im Abendschimmer,
Da sitzt ein Knab, von Lieb umwallt,
Und denkt an eine Magdgestalt,
Die macht ihm immer
Gefahren leicht, doch Trennung schwer.

    Dich, edlen deutschen Minnesang
Läßt er hell klingen
Durch Schwedens grün' Gebirg' und Tal.
Ei wie vertraut sich allzumal
Die Vögel schwingen,
Die Wiesen blühn vor solchem Klang!

    Sie wissen's wohl, die Wälder dicht,
Und Burgeshalden,
Und Wart' und Fels und Runenstein:
Der deutsche Sänger meint's so rein,
Wie alte Skalden,
Ausstreuend ernster Sagen Licht.

    Ein selig Lichtlein streu' ich aus,
Durch euch, ihr Grenzen!
Dieweil der zartsten Huldin Bild
Mir von den trunknen Lippen quillt,
Dürft ihr erglänzen
Als hoher Schönheit Tempelhaus.

    Ich sing' euch all mein Bestes gern,
Euch meine Seele!
Da müßt ihr frisch auch im Verein
Als Chorus mir verbunden sein,
Müßt: Gabriele!
Mir widerklingen nah und fern.«

Es war ein schöner Sommerabend, an welchem Herr Ott' von Trautwangen dieses Lied auf einer der schwedischen Grenzhöhen gegen Finnland hin, zu seiner Zither sang. Er befand sich unweit von Frau Minnetrostens Warte, denn bis tief in die schöne Jahreszeit hinein war der Angriff der Christen auf die Heidenmarken verzögert geblieben, der Unterhandlungen halber, welche die Ungetauften wegen ihrer Unterwerfung und Bekehrung angeknüpft hatten; Otto und Arinbiörn also standen noch immer auf der gewohnten Stelle mit ihrer Schar. Jetzt eben wollte der junge Ritter aufbrechen, um nach dem Wohnplatze der frommen Drude heimzukehren, da schwebte es wie ein scheues Gefieder um seine Locken her. An Fledermäuse oder andre Luftbewohner von häßlicher Art gedenkend, die mit der Nacht frei werden, schlug Otto, sie zu verscheuchen, in die Hände, und hub einen kühn hallenden Jagdruf an; das schien aber die Schwingen des ihn umgaukelnden Vogels erst recht einzuladen, und plötzlich schmiegte sich ein wunderschöner Edelfalke wie vertraulich bittend an seine Brust. Der geübte Jäger mußte alsbald Montfaucons treuen Waidgenossen erkennen, um so sichrer, da sich das goldne, oft geschaute Halsband, mit den freiherrlichen Farben und Zeichen ausgeschmückt, um die leuchtenden Federn hinwand.

»Mein Gott!« seufzte Otto, »ist denn der heldenmütige Folko so frühe gefallen?« – Denn er wußte wohl aus Montfaucons ehemaligen Erzählungen, daß solch ein edles Tier nur im Tode lasse von seinem Herrn, und dann über Land und Meer weit umherkreise, sich einen gleichwürdigen Meister und Genossen zu erwählen.

»Wollte Gott«, sprach Otto, in des Vogels kluge Augen hineinschauend, »du könntest mir nur vier oder fünf Worte erwidern. Es drängt sich ein Heer von Fragen darnach in meiner Brust.« – Und wie uns denn oftmalen gewährt wird, warum wir törichterweise bitten, und was uns vielmehr zu Schmerzen, als zum Heile gereicht, so geschah es auch hier. Ein rosenfarbnes Pergamentblättlein sah aus des Falken goldnem Halsbande heraus, und als Otto es hervorzog, las er des herrlichen Freiherrn glühende Liebesbitte, las Gabrielens Gewährung, welche den, der ein seliges Erlaben daraus schöpfen sollte, nimmer erreicht hatte, den Armen hingegen, dem ein Todespfeil daraus entgegensprang, in diesem Augenblicke scharf und bitter traf.

Ihr, die ihr irgend ein Wesen in der Welt über alles liebt, von ihm mit schmeichelnden, euer Hoffen noch überflügelnden Aussichten angelockt worden seid, und nun, weil es sich plötzlich abgewandt hat, dasteht, wie ein Wandrer in der Wüste, dem der Mond unvermutet untergegangen ist, – ihr werdet des armen Otto tiefe Schmerzen verstehen. Fiele dies Buch in eine Hand, die mehr gewohnt wäre, dergleichen Wunden auszuteilen, als sie durch einen festen Druck auf die eigne Brust zu verdecken, so möchte wohl ein höhnisches Lächeln darüber hinziehn. Aber Gott wird euch, meine lieben, ehrlich gemeinten Zeilen, schon vor solchen Lesern bewahren, und so darf ich hoffen, daß wer euch liest, den seelenwunden Otto bedauert, und sich doch zugleich an ihm erfreut, weil der Jüngling noch Kraft genug hat, seinen tiefen Schmerz für sich ganz allein zu behalten, und, die Zither im Arm, den Edelfalken auf der Faust, nach Frau Minnetrostens Warte mit gefaßtem Mute und äußerlich ruhig hinaufzuwandeln.

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