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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Einundzwanzigstes Kapitel

Zur selben Stunde war Tebaldo vor der Herberge des Freiherrn von Montfaucon eingetroffen, wo dieser soeben viele prächtige Waffen auf ein Maultier geladen hatte, um damit vor dem großen Emir Nureddin, dessen Verlangen gemäß, in seinem angenommnen Kaufmannsstande zu erscheinen. Weil aber Tebaldo die Ankunft der Galeeren, mit welchen Don Hernandez vor dem Hafen erwartet wurde, seit etwa einer Stunde erspäht hatte, auch sich bereits mit dem edlen Castilier durch verabredete Signale verständigt, ließ Folko den Emir warten, und verabredete mit dem gewandten Italiener Entführung und Flucht auf die See hinaus noch für diese Nacht.

Inmitten des wichtigsten Gespräches aber war es, als hefte sich des Freiherrn Blick starr auf eine goldne Kette, die aus Tebaldos Sklavenkittel hervor sichtbar ward, und endlich vor der südlichen Lebhaftigkeit, mit welcher der Kaufherr sprach, gänzlich heraus schwankte, und Gabrielens daran befestigten Ring unverhohlen wies. – »Woher das?« fragte der Freiherr streng, und die Röte des aufsteigenden Zornes im Gesicht. »Dergleichen Kleinigkeiten«, entgegnete Tebaldo mit einer Art von ruhigem Trotze, welcher ihn allemal überkam, wo jemand ihn heftig oder gebieterisch anredete, – »dergleichen Kleinigkeiten hätten wohl Zeit, dächte ich, bis wir auf den Schiffen sind. Weil Euch aber so unendlich viel daran liegt, es zu wissen, kann ich Euch wohl sagen: ich habe das Kleinod von der Dame selbst, und zwar gab sie es mir, weil ich es als ein Handgeld auf meine Bundesgenossenschaft begehrte.« – »Der Handel ist null und nichtig«, sagte Montfaucon mit kaum zurückgehaltenem Grimme. »Es ist zu edles Blut um diesen Ring geflossen, als daß Ihr Euch sein bemächtigen dürftet, weil ein zagendes Fräulein in Scheu und Hülfsbedürftigkeit ihn Euerm frechen Fordern nicht zu versagen verstand. Her damit! vor aller weitern Unterhandlung her!« – »Ihr könntet ebensogut mein Herzblut fordern«, entgegnete Tebaldo, »und ich stehe Euch dafür, daß Ihr eins oder das andre nicht mit ein paar despotischen Freiherrnworten von mir herauskriegt. Aber mäßigt Euern Zorn. Ich entsage allen Ansprüchen, die der Ring auf Burgen oder Ländereien geben mag. Einzig und allein um sein selbst willen, begehre ich ihn, und kann Euch versichern, daß ich nicht ohne Rechte darauf bin.« – »Daß ich mit dem Kaufmann weiter handelte und unterhandelte um so ein Gut über allen Preis hinaus!« rief der Freiherr. »Ich will Euch zeigen, was es mit den Freiherrnworten auf sich hat!« Und indem faßte er zugleich Kette und Ring und Halskragen des überraschten Italieners, so schnell und kräftig, daß dieser, trotz seiner Gewandtheit, wie fest gebannt stehenblieb, und im Augenblick seines Kleinods verlustig gegangen wäre, nur daß der Graf Alessandro Vinciguerra hinzutrat, und mit einer vornehmen Herrlichkeit, die auch durch seine Sklavengewänder herdurchleuchtete, fragte: »Was habt Ihr mit meinem Reisigen, Herr Baron?« – »Messire«, sagte Folko, von Tebaldo ablassend, »macht, daß er diesen Ring, den ich Namens der Fräulein Portamour von ihm zurückheische, in meine Hände liefre, und ich habe nichts auf der Welt mehr mit ihm.« – »Ich hätte es ihm vielleicht geboten«, entgegnete Vinciguerra, »hätte es Euch beliebt, auf eine andre Weise darum einzukommen.« – »Ihr hättet es mir vielleicht geboten«, sprach Tebaldo drein, indem er mit ungewöhnlicher Hoheit wie auf die beiden Ritter herablächelte, »aber es wäre deshalben doch ebenso wenig daraus geworden.« – Vinciguerra warf einen mißvergnügten Blick auf den kecken Gefährten, aber Montfaucon, nur die Reden des Grafen beachtend, nahm dessen letzte Worte auf, sprechend: »Einkommen hätt' ich darum sollen? Ich komme bei niemandem, als bei meinem Könige, um etwas ein. Von andern Leuten fordr' ich mein Recht. Geliebt's Euch, mir das zu gewähren, oder nicht?« – »Ihr wärt um ein gutes Teil artiger und sanfter gegen mich«, erwiderte Vinciguerra mit zürnendem Hohn, »stände ich nicht als ein wehrloser Gefangner vor Euch da.«

Das fiel wie ein Gift in des Freiherrn von Montfaucon adlig reinen Sinn. Gärend, das feindlich fremde Gemisch wieder auszuwerfen, empörte sich das tapfre Gemüt, nicht achtend der Zeit, der Umgebung, noch der ihn und den Gegner gemeinschaftlich bedräuenden Gefahr. Blitzschnell hatte er zwei persische Schwerter vom reinsten Stahl mit einwärts gebognen, sichelartigen Klingen, vom Maultiere herabgerissen, hielt sie dem Vinciguerra, über das Kreuz gelegt, vor, und sagte: »Wählet, Herr Graf. Sie sind beide von gleicher Länge, und schneiden beide haarscharf. Europäische Ritterwaffen habe ich leider nicht zu Hand.« Während nun Vinciguerra, zwar etwas betroffen, aber doch mit fester Entschlossenheit, unter den zwei wunderlichen Klingen seine Auswahl traf, versuchte Tebaldo, den Fechtern bemerklich zu machen, wie wenig ein entzweites Reich auf den Sieg hoffen dürfe, und welch ein gefährlicher Feind ihnen allesamt gegenüberstehe. Ein verachtender Blick des Freiherrn war die Antwort, und leicht abfertigend schollen die Worte hintendrein: »Es gilt um meine Ehre. Haltet Euch bei Eurer Elle, mein Kaufherr.« – Achselzuckend, und mit stolzer Unverletzbarkeit des Sinnes, wandte sich Tebaldo ab, sprechend: »Ihr werdet mich wohl dennoch brauchen!« Dann ging er ans Gestade des Meeres lustwandelnd hinunter, während die zwei Ritter einander voll ingrimmiger Heftigkeit anfielen. Vergebens schwebte der Falke mit der himmlischen Botschaft Gabrielens über seines Herrn Haupt, den Augenblick erlauernd, wo er sich werde herabsenken dürfen. Der Ritter ließ den Falken unbeachtet, in diesem Augenblick für weit ein andres Tun, als das der süßen Liebeskunde, entbrannt.

Beide Streiter hatten wohl noch nie ein so seltsames Gewaffen zum Ernstkampf in den Händen gehabt, aber des weitgereisten Messire Huguenins Zögling war in keiner Art des Fechtens ungeübt. Bald schwirrte ihm das Sichelschwert so leicht und stark und sicher in der Faust, als seine Ritterklinge sonst, und während sein Gegner oftmalen in der Verwirrung die stumpfe, auswärts gebogne Seite statt der Schneide gebrauchte, schnitt Folko immer besonnen mit der innern Sichelschärfe grad ein, bis Alessandro Vinciguerra mit drei tiefen Wunden in Brust und Arm ohnmächtig zu Boden taumelte. – »Da habt Ihr was Herrliches angerichtet«, sagte Tebaldo, der in diesem Augenblick wieder neben den beiden stand. »Macht Euch nur jetzt hier fort; es ist nicht gut sein. Den Wunden will ich schon aus dem Wege schaffen.« – Damit hatte er sanften, aber gewaltigen Schwunges den ohnmächtigen Grafen auf seine Schultern geladen, und war mit ihm zwischen einigen nahestehenden Gartenhäusern verschwunden.

Noch stand der Freiherr sinnend, die Kampfeswut verhauchend und Tebaldos letzte Worte kaum halb verstehend; da wurden sie ihm plötzlich nur allzuklar. »Sehe ich recht? Ist solch eine Frechheit erhört?« rief eine bekannte Stimme dicht neben ihm. Es war der Fürst Muza, der staunend auf der Straße, ein reiches Gefolge um sich her, seinen schlanken arabischen Hengst anhielt, und starr in des Freiherrn Antlitz schaute. Dieser wollte in seine Kaufmannsweise wieder zurück, aber nun erst ward er inne, was er im Eifer des Zweikampfes aus der acht gelassen hatte; Vinciguerra hatte ihm durch einen jener Streiche, mit der stumpfen Seite des Perserschwertes geführt, den Bund vom Kopfe gehauen, die falschen Bärte waren mit zu Boden gestürzt; von seinen reichen braunen Locken umwallt, den ritterlich schönen Knebelbart an Lippen und Kinn, stand der Freiherr Folko von Montfaucon unverkennbar in voller fränkischer Heldenherrlichkeit da, die blutige Sichelklinge in der tapfern Faust. Er schüttelte aber die Bestürzung viel früher, als Muza es vermochte, von sich ab, riß einen Panzerhandschuh aus dem Waffenzeuge, das auf des Maultieres Rücken lag, und ihn in des Fürsten Antlitz schleudernd, rief er aus: »Ich fordr' Euch zum Zweikampf, Herr, auf Leben und Tod! in Waffen, wie Ihr selbsten sie wählen mögt, und damit tu' ich Euch viel zu viel Ehre an. Denn nicht nur seid Ihr wie ein wortbrüchiger Knecht aus einem ritterlichen Gewahrsam entronnen, sondern habt noch dazu, wie ein gemeiner Räuber, zwei edle Jungfrauen entführt, deren eine Eure Wirtin war.« – Eine Totenblässe schoß über Muzas Angesicht. War es nur die des Zornes, war ein schlechteres Beiwerk darunter? Es ließ sich schwer entscheiden, weil ein jeder Tritt vom Pfade der offnen Rechtlichkeit weg auch den besten von uns in die Macht abscheulicher Gewalten gibt, deren Dasein er vorher nimmermehr geahnet hatte. Soviel zeigte sich alsbald, daß Muza tief genug gesunken war, seinem Gefolge zuzurufen: »Fangt ihn! Bildet sich der meuchelmörderische Kaufmann ein, daß ich mit ihm fechten soll?«

Da fielen die Kriegsmänner und Dienstleute in des Fürsten Gefolge, von ihren Rossen springend, den Freiherrn mit zornig drängender Übermacht an. Aber der, nachdem er mit dem Perserschwerte zweien bis dreien das allzukühne Vordringen auf immer verleidet hatte, riß während des Zögerns der übrigen von des Maultieres Ladung mit unerhörter Gewandtheit Dolche, Pfeile, Wurfspeere und Äxte herab, und schleuderte sie in den Haufen der Angreifenden mächtig hinein. Geheul und Ächzen scholl alsbald rings um ihn her, und er rief im furchtbar lodernden Zorn beständig dazwischen: »Probt den Kaufmann! Probt! das sind seine heiß verderblichen Waren!« Schon wichen Muzas Getreue von allen Seiten zurück, niemand mehr hatte Lust, den Kampf zu erneuen, da rief der von Scham und Ingrimm lodernde Fürst: »So muß denn ich es noch endlich mit ihm versuchen, wenn Ihr allsamt so jammernswürdige Memmen seid.« – Er machte Anstalt, vom Hengste zu steigen, auf dem er bisher als Zuschauer ruhig gehalten, aber Folko rief aus: »Jammernswürdigste Memme du selbst, von allen, die hier umherstehen, du bist keines Zweikampfes mehr wert.« Und zugleich schleuderte er eine Streitaxt auf seinen Gegner hin, so sichern, so gewaltigen Schwunges, daß die Schneide tief in Muzas hohe Stirne fuhr, und der junge frevle Degen leblos in die Gräser hernieder taumelte. War es nun aber im Todeskampf geschehen, oder in letzter Zornanstrengung, der Sterbende schleuderte seinen Damaszenersäbel gegen des fränkischen Helden Brust, und da glitt die Klinge tief hinein, so daß Folko zugleich mit seinem Gegner, der Sinne beraubt, am Boden lag. Wütig drang das Gesinde zur Rache seines Herrn und der selbst erlittenen Schmach über den gefallenen Ritter her, und vor drei Wunden in die Brust, vor mehrern über Haupt und Schulter und Arm, strömte sein edles Leben in reichen Purpurquellen fort. Ängstlich schwebte der treue Falke über dem grausen Gewimmel.

Zwei weißen Lichtstrahlen vergleichbar, leuchteten zwei schöne Frauen zwischen den streitwilden Gestalten, die ihnen ehrerbietig Raum gaben, heran. Es waren Blancheflour und Gabriele, im allgemeinen Tumult, der um des Fürsten Muzas Tod den Palast erfüllte, aus den Umhegungen desselben gedrungen. Über des Freiherrn von Montfaucon starren, blutgeronnenen Leib sanken sie weinend hin, und küßten bald einander, bald den erblichenen Helden, und baten Gott mit klagenden Stimmen um den Tod. Eine Zeitlang standen Volk und Sklaven umher, staunend wie vor einem ernsten Gruß aus höhern Welten. Aber nach und nach entbrannten die schlechten Gemüter wieder zu den gewöhnlichen rohen Flammen, und erst in einzelnen Lauten, dann in vernehmlichen Worten, dann endlich im wilden, widerhallenden Zuruf brauste die gräßliche Rachgier los, zum Opfer begehrend die zauberischen Christinnen, durch deren böslich verlockenden Reiz der herrliche Muza seinen Tod gefunden habe. Die beiden Fräulein waren hinter dem Silberschleier ihrer Tränen vor all dem unheiligen Treiben verborgen, aber sie hätten in eben dieser Verborgenheit ungeahnet ihren plötzlich gewaltsamen Tod gefunden, wäre nicht ein Mensch in die Mitte des Getümmels getreten, mehr einem Halbgott als einem Menschen an Herrlichkeit und Kraft vergleichbar, und der Menge durch seine Heldentugend, wie auch durch viele glänzende Äußerlichkeiten gebietend; es war der Emir Nureddin.

»Die Frauen sind in meinem Schutze!« sagte der; und kaum nur, daß die einfachen Worte, ohne Kraftanstrengung, ohne Zorn oder Drohung, von seinen Lippen klangen, so trat der Haufe im ehrerbietigen Staunen zurück, nicht ein Wort dawider zu flüstern wagend, daß der Emir die Frauen mit sittiger Milde, mit einer ganz väterlich holden Vorsorglichkeit von dem Freiherrn zu entfernen wußte, und sie aufs ehrerbietigste in einen glänzenden Tragesessel hub, befehlend, sie nach den erlesensten Zimmern seines Palastes zu führen. Dann begab er sich wieder zu den beiden Gefallnen. Dem Fürsten Muza saß der Tod auf den verzerrten Zügen in den gebrochnem Augen; seine Verwandten holten ihn wehklagend ab. Aber auch den Freiherrn von Montfaucon erklärten die weisesten herbeigerufnen Ärzte, mit allen Balsamen und Künsten Arabiens vertraut, für gestorben, an den vielen heißen Wunden, die seinen Leib bedeckten; worauf der Emir gebot, ihn einstweilen in einer nahen Halle aufzubewahren, wo man sonst nur Fürstenleichen zu erblicken gewohnt war. Es geschahe nach des mächtigen Fürsten Nureddins Gebot. Der Falke schwebte langsamen, schweren Flügelschlages dem traurigen Zuge nach. Als sich die tönenden Eisentüren des Begräbnisses schlossen, hackte er noch einigemal mit dem Schnabel, krallte mit den Fängen daran; dann schwang er sich plötzlich, wie in wilder Verzweiflung, rasch über die Wogen des Meeres in die ungemeßne Ferne hinaus.

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