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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Zwanzigstes Kapitel

Die Morgenröte stand noch kaum über den östlichen Strandhügeln, da blickten schon durch die von blumigen Laubzweigen vergitterten Fenster Gabriele und Blancheflour nach der Erscheinung des fränkischen Helden aus. Es war ihnen desto mehr um seinen Anblick zu tun, da des Traumgottes gaukelnde Bilder die ganze Nacht hindurch Wahrheit und Ahnung und Märchen in ein so wunderliches Gewebe verflochten hatten, daß beide Jungfrauen sich kaum mehr getrauten, mit Gewißheit anzunehmen, es sei gestern wirklich ein so hülfreicher Edelfalke mit so lieblich kühner Botschaft erschienen.

Aber nicht lange, da scholl ein anmutiges Getöne von hellen Cymbeln und Hörnern und Flöten den weißgeebneten Weg heran, der sich zwischen blühenden Wiesen in einiger Entfernung vor dem Palaste vorüberzog. Ein Geschwader mohrischer Reiter kam als Bedeckung voran, dann folgten viele Kamele und andre Saumtiere mit hohen Ladungen von Kaufmannsgütern, himmelblau samtne Decken mit goldnen Fransen darüber gebreitet. Blancheflour und Gabriele erkannten freudig die edlen Farben des Montfauconschen Wappenschildes, und lächelten einander mit wachsender Zuversicht an. Darauf kamen die Spielleute, musizierend auf mannigfachen Instrumenten, deren Metall aus nichts, als dem reinsten Gold oder Silber bestand. Edelsteine funkelten an Handhaben und Stegen und wo sich sonsten nur ihresgleichen anbringen ließ. Endlich kam der Herr des Zuges selbst. Sein edles Maultier war von blau und goldgestickten Sammetdecken so verhangen, daß man nur eben die schlanken Füße mit zierlicher Feierlichkeit darunter hinschreiten sah, während die großen rollenden Augen, wie aus goldnen Fenstern, hervorblickten, aus den leuchtenden Rändern der Goldstickerei um die Augenlöcher her. Der edle Freiherr selbst, in blau und goldne Seidengewänder so seltsam herrlich gekleidet, daß man nicht wußte, ob er sich nach christlicher, ob nach mohrischer Sitte trug, saß auf einem Saumsattel nach Frauenart, eine Guitarre zur Hand, auf der man ihn mehr spielen sah, als hörte, denn vor dem immer fortjubelnden Marsche seiner Dienerschaft kamen die zarten Klänge, die er als das köstlichste für sich allein aufzuheben schien, niemanden anders zu Ohren. Das aber sah man ihm dennoch an den leuchtenden Augen an, daß er plötzlich das alleranmutigste Lied spielte; es war in dem Augenblick, als er Gabrielen hinter den laubumgitterten Fenstern ahnte.

Die Frauen erkannten ihn auf den ersten Blick. Mochte ein nachgeahmter schwarzer Bart weit über seine Lippen herabhängen, ein andrer von seinem Kinne herabwallen, und eine Art von türkischem himmelblauen Bunde sein weiches lockiges Haar verbergen – Gabriele und Blancheflour hätten ihn wohl noch unter entstellendern Verkleidungen wiedererkannt. Zudem gaukelte der Falke unausgesetzt mit jubelnden Flügeln über seines edlen Meisters Haupt, wie um ihn den beiden einzigen, die ihn jetzt kennen sollten und durften, mit noch größerer Sicherheit und Klarheit zu bezeichnen. – Muza jedoch ahnete hier seinen edlen, von ihm so bitter getäuschten Überwinder nicht. Vielmehr ritt er ganz unbefangen aus seinem Palaste dem Zuge entgegen, fragte nach köstlichen Waren, handelte dergleichen ein, und bat endlich den seltnen Kaufherrn, mit ihm in seinem Schlosse zu speisen. Aber Folko schlug dies letztre aus. Er wollte die Fassung der Frauen auf keine gefährliche Probe stellen, und hatte er ja doch an seinem Falken, ohne jetzt andrer Näherung zu bedürfen, den schnellsten und zuverlässigsten Boten. Der treue, geflügelte Gesandte flog auch die nächsten Wochen oftmalen aus, das rosenfarbne Pergament mit vielfach verschiednen Sprüchen hin und her tragend, dadurch dann der Freiherr von Montfaucon mit Meister Aleard, Tebaldo und dem Grafen Vinciguerra in Verbindung trat. Don Hernandez mit einigen Galeeren, die er, nach einer Verabredung mit dem Freiherrn, vor dem Hafen von Cartagena führen sollte, ward nur noch erwartet, um den kühnen und verständig erdachten Plan der Entführung ins Werk zu richten.

Eines Abends – die verhängnisvolle Zeit nahte heran – ruhten die beiden Frauen wieder einsam unter dem Oleanderbaum. Der Falke hatte neue Botschaft gebracht, und saß lauernd, die Abfertigung erwartend, auf Blancheflours weißer Hand, sich sehr in acht nehmend, daß er den zarten Schnee mit seinen Krallen nicht ritze. Aber Gabriele hielt das rosenfarbne Pergament noch immer zweifelnd in der einen, den Goldgriffel, mit dem sie zu schreiben pflegte, in der andern Hand, ohne daß sie vermocht hätte, ein einziges Wort auf die Fläche zu zeichnen. Blancheflour redete ihr zu, sie solle eilen; man könne sie überraschen – »Und«, sprach sie mit etwas leiserer Stimme weiter, »wenn es angeht, so schreibe dem armen Bruder deiner Gespielin etwas recht Mildes und Tröstendes.« – Gabriele schüttelte das wunderschöne Haupt sehr ernst, und seufzte aus beklommenem Herzen; dann überlief sie die Worte noch einmal, die Folko auf das Pergament geschrieben hatte, und welche etwa folgendergestalt lauteten:

» An Gabriele
            Der Freiheit Stunde schlägt. Der Freiheit Stunde
Bringt manchem Kämpfer wohl den heil'gen Tod.
Trifft sie auf meine Brust mit sel'ger Wunde,
Die mich für dich umströmt im letzten Rot,
Dann sterbe nicht mit mir die süße Kunde
Von deiner Liebsgewalt und meiner Not.
O segne mild dann Folkos fliehnde Seele,
Die einzig dich geliebt, dich Gabriele!

    Zum Kampf mit dir trieb mich durchs stürm'ge Leben
Der Schwester Recht, und strengen Worts Gewalt.
Dann, als versöhnt, der Lippe wollt' entbeben
Ein süßres Sprechen, rief die Freundschaft: Halt!
Weil jetzt mir's ahnt: für dich darf hin ich geben
Das Blut, so mir zunächst am Herzen wallt;
Da strömt vorweg mein Wort in süßen Schulden,
Und fleht: antworte mild, Herrin der Hulden!«

Gabriele fing heftig zu weinen an, und Blancheflour weinte mit, immerdar sprechend: »Und willst du ihm denn nichts, gar nichts erwidern? Dem teuern, armen Kämpfer? Soll er für dich so ohne Trost in den Tod gehen?« – Es klirrte an den Pforten des Gartens, man hörte Muzas Stimme, der Falke regte die Flügel, und blickte mit ängstlicher Ungeduld scharf umher. – »O nun schnell, nun recht schnell!« flüsterte die zitternde Blancheflour. »Du tötest ihn, wenn du den Boten ohne Antwort heim sendest.« Da schrieb Gabriele, von zwiefacher Bangigkeit beflügelt, folgende Zeilen auf die rosige Fläche:

    »O, lebe Held, o lebe
Für mich, die ich, ganz Liebe, dir mich gebe!«

Blancheflour steckte, ihre Freundin mit dankbaren Küssen überdeckend, das Blatt in das Halsband des Edelfalken, und der schwang sich, schnell wie ein Strahl, mit der köstlichen Beute durch die Lüfte davon.

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