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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Wieder am Fuße des Oleanderbaumes, in das blumige Gras gesunken, sahe Blancheflour die noch vor ihr stehende Freundin mit solchen Blicken des heimlichsüßen Hoffens und Erfreuens an, daß diese in Erstaunen geriet, und sich nicht enthalten konnte, zu fragen, »welche Sonne dieses Morgenrot über das anmutige Antlitz heraufgehen heiße?« – »Gottlob, daß wir einmal ganz allein sind«, sprach die selig lächelnde Blancheflour, »und daß ich mein Herz ohne Rückhalt gegen dich eröffnen kann! Setze dich aber zu mir in das Gras, denn wenn gleich kein Horcher hier in der Nähe sein kann, so möchte ich doch überhaupt von solchen Dingen lieber flüstern, als reden.« – Und wie nun Gabriele nach ihrem Begehr getan hatte, senkte die errötende Jungfrau ihr Lockenköpfchen, und sagte ganz leise: »Er ist hier, Meister Aleard ist hier. Ich habe ihn die letztern Tage hier vielfach um Palast und Garten herumstreichen sehn.« –

Gabriele wollte ihre Freude über die hoffnungserweckende Botschaft kund tun, da stand urplötzlich vor den beiden Frauen – sie wußten nicht, wo er herkommen war – ein fremder Mann in Sklaventracht, von jugendlichem Ansehn, blitzenden, schwarzen Auges, und höchst anmutigen Lächelns; der neigte sich vor ihnen demütig, aber nicht nach arabischer, sondern nach europäischer Sitte. – »Wer seid Ihr? Hat Euch ein Zauber hereingeführt? Wißt Ihr auch, daß Ihr verloren geht, wenn man Euch sieht?« – Diese Worte riefen Blancheflour und Gabriele dem Fremden entgegen, welcher mit ruhiger Freundlichkeit erwiderte: »Vergönnt, ihr ebenso hohen als holden Bilder, daß ich euch eure Fragen in umgekehrter Ordnung beantworte, euch zuerst beteuernd, daß ich weder so unwissend bin, die Gefahr nicht zu kennen, der ich mich aussetze, noch auch so ungeschickt oder so tollkühn, ihr in den Rachen zu rennen, wenn ich mich nicht ziemlich gesichert wüßte vor ihr. Dann wollt ihr wissen, ob mich ein Zauber hereingeführt? Und ich entgegne darauf: Nein; sondern bloß einige goldne Gitterstäbe, welche seit drei, vier Nächten künstlich von mir durchgefeilt, und zum Schein in ihre Fugen wieder eingepaßt sind. Auf die Frage aber, wer ich sei? Obgleich ihr sie den übrigen voranschicktet, habe ich nur ganz etwas Unbedeutendes zu antworten: daß ich nämlich Tebaldo heiße, ein italischer Kaufherr bin, und im Gefolge des Ritter Otto von Trautwangen jenem schönen Abendfeste beiwohnte im herbstlichen Buchenhain, wo Fräulein Blancheflour das schöne Lied von Abälard und Heloise mit Meister Aleard sang: daß ich Tages drauf mit dem Grafen Alessandro Vinciguerra davonzog, um über Italien an das heilige Grab zu König Löwenherzens Schar zu stoßen; daß wir unweit Neapolis von zwei arabischen Galeeren gefangen wurden, um hier in Cartagena sklavenweis zu dienen; vor allem aber, daß ich mich noch weit berufner erachte, euch zwei holden Frauen zu dienen, als meinem graubärtigen Herrn, und daß ich zu eben diesem Ende hier in den Garten hereingeschlichen bin.«

Die beiden Fräulein sahen ihn staunend an, die Züge des früher wenig beachteten Jünglings nach und nach in ihrem Gedächtnisse heraufrufend, während Tebaldo in freundlicher Besonnenheit ihnen klar machte, daß er sich mit Meister Aleard verbunden habe, die holde Beute zwei so himmlischer Bilder zu retten, und sich und dem Grafen Vinciguerra zu gleicher Zeit frei mit davon zu helfen. Zum Schluß seiner Rede aber brachte er folgende seltsame Worte vor,

»Ich habe euch gesagt, ihr edlen Jungfrauen, daß ich ein Kaufmann bin, und ein solcher hat immer noch viel lieber tausendfachen, als hundertfachen Gewinst. Nun trägt Fräulein Gabriele einen wundersamen Ring bei sich, auf den ich ein Recht zu haben vermeine, seit ich einen gewissen Grabhügel in Italien von neuem besucht habe. Die Sache ist mir selbsten noch nicht ganz klar, aber wer mir den Ring gäbe, hätte mich erst recht zum unwiderruflichen Bundesgenossen, und ich kann euch für gewiß sagen, daß ich ein sehr tüchtiger und zuverlässiger bin; ja vielleicht ein ganz notwendiger, in dieser Abgeschiedenheit von andern Christenleuten, und bei dem fahrvollen Unternehmen, so wir im Sinne tragen.«

Es lag dabei auf seinem Antlitze eine so seltsame Mischung von Ernst, kraftvoller Freundlichkeit und Dräuung, daß Blancheflour Gabrielen angelegentlich ins Ohr flüsterte: »Gib ihn, o gib ihn doch hin, den unseligen Ring! Hat er uns beiden denn jemals wohl Glück und Freude gebracht?« – Gabriele sann lange, lange nach. Dann zog sie endlich das ihr selbst noch ganz fremde und rätselhafte Kleinod aus dem schneeigen Busen an einer goldnen Kette hervor, häkelte es los, und sprach, es dem italischen Kaufherrn einhändigend: »Da habt Ihr die begehrte Gabe. Aber nehmt Euch in acht damit. Es ist ein gefährliches Spielwerk.« – Tebaldo sah funkelnden Blickes auf die funkelnden Steine hin. Eins schien sich an dem andern immer heller zu entzünden. Endlich rief er aus: »Willkommen mir in meiner Hand, du geweihter, du mir noch tief verhülleter Schatz! Aber wir wollen uns bald miteinander verständigen. Geht's mir nicht schon in den ersten Augenblicken ganz klar und erleuchtend auf?« – Dann zu den Damen gewandt, sprach er weiter: »Ihr seid gerettet, holde Frauen. Und Ihr, Fräulein Portamour, habt wohl nur wenig verloren, indem Ihr mir unermeßlich viel gabt. Eure Mildigkeit aber soll dieser Mund preisen, dieweil die heitre Luft des Lebens noch aus und ein durch ihn strömt.« – Und anmutig grüßend, schritt er in die Gebüsche zurück.

»Das war ein verwunderlicher Mensch«, sagte Blancheflour nach einigem Schweigen. »Und kam er dir nicht am Ende des Gespräches ganz anders vor, als zu Anfang? Ordentlich wie gewachsen.« – »Ja wohl«, erwiderte Gabriele, »bedeutsamer, feierlicher, gewaltiger sah er aus. Man hätte ihn, trotz seiner Sklaventracht, für einen Freiherrn halten können, aber doch für einen so herrlichen nicht, als deinen tapfern Bruder Folko, um den die Mohrenbräute weinen.«

Da schwirrte es mit leichtem Fittichschlag um die beiden Fräulein her, daß sie erstaunt in die Höhe blickten. Ein wunderschöner Edelfalke, mit güldnem Halsbande geziert, kreiste dicht um ihre Häupter hin, und senkte sich endlich freudeflatternd und schmeichelnd in Fräulein Blancheflours Schoß. – »Mein Gott«, rief diese schreckenbleich aus, »was soll mir das bedeuten! Es ist der Falke meines Herrn und Bruders, und man sagt, solche edle Tiere lassen nur von ihrem edlen Meister, wenn er begraben ist, und fliegen dann weit umher, sich einen gleich edlen und würdigen zu suchen!« – »Rede uns nicht solche entsetzliche Dinge ein«, sprach die gefaßtere Gabriele, auf deren Wangen zwar auch eine furchtsam Blässe lag. »Wie, wenn er nun als Bote zu dir käme? Für einen trauernden Flüchtling sieht er viel zu hell und freudig aus.« Und damit untersuchten sie das güldne Halsband des königlichen Vogels, ein rosenrotes Pergamentblättlein darin antreffend, worauf mit einem Silberstift folgende Reime in zierlichen Schriftzügen gezeichnet standen:

    »Ich Falke will ein Bote sein,
Ein Bote treuen Sinnes;
Der Folko schickt den Falken 'nein;
Ich, traute Schwester, bin es.
Der Falke senkt den Fittich nur
In treue, zarte Hände,
Drum kommt's, daß sonder Fährt und Spur
Ich durch die Luft ihn sende.
Das Fechten ging nicht schnell genug,
Da komm' ich in Verhüllung
Als Kaufherr an im reichen Zug,
So hoffend auf Erfüllung:
Und sagten mir zwei Fraun es an,
Daß sie mich gern sehn reiten,
Da zög' ich morgen früh die Bahn
Am Schlosse hin von weiten.
O schreib es mir, mein Schwesterlein;
Der Falke wird nicht fehlen.
Und willst du mir recht huldig sein,
So grüß auch Gabrielen.«

Nun küßten die beiden Jungfrauen einander so freudeweinend, als sie vorhin einander kummerweinend geküßt hatten. – »Alles ist da!« lächelte die freudige Blancheflour. »Mein Bruder, Meister Aleard und der Falke! Mir ist, als wären wir schon wieder daheim.« – Dann zeichnete sie, nachdem sie sich mit ihrer Freundin beraten hatte, mit einer Goldnadel folgende Worte auf das Rosenpergament:

    »Gabriele grüßt und ich;
Morgen komm vorsichtiglich,
Wenn der Sonne Gluten sich
Tun den Menschen offen.
Edle Sonne, treuer Strahl,
Zeuch verhüllt noch durch das Tal,
Bald dann flimmre kühn auf Stahl;
Ach, wir Mädchen hoffen!«

Damit ward dem Falken das Blättlein wieder in sein Goldband eingesteckt, freudig schwung er sich durch die sonnigblauen Höhen davon; freudig wandelten die Jungfrauen über das angestrahlte Rasengrün nach dem Palaste heim.

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