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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Achtzehntes Kapitel

Während Otto in den fernen Nordlanden ein so rühmliches und erquickliches Leben führte, war auch an dem alten Herrn Hugh der Winter still und mild, ja man kann wohl sagen recht heiter, vorübergegangen. Der alte Heldensänger, Meister Walther, hielt sich zu vielen Tagen hintereinander in der Burg Trautwangen auf, und wenn er auch dazwischen einmal fortzog, war es doch immer nur für kurze Zeit, den greisen Rittersiedler bald wieder mit seinem Umgang und seinen Liedern erfreuend. Was man aber ganz vorzüglich als einen Gottessegen für den alten Herrn Hugh preisen konnte, das waren die schönen Träume, die sich in diesen Monden um ihn her zu stellen pflegten, sei es nun, daß er zu Nacht in seinem uralten verhangnen Bette lag, sei es, daß er nachmittags oder gegen Abend auf seinem großen Lehnstuhle, in der Halle, wo er den jungen Herrn Ott' zum Ritter geschlagen hatte, einschlummerte. Daher kam es denn auch, daß er sich ordentlich zu freuen begann, wenn die Müdigkeit mit anmutig betäubendem Dunkel über seine Brauen heranzog, und ihr viel öfter und williger nachgab, als vordem. Dann tat sie ihm meist immer die Gärten seiner reichhaltigen Jugend auf, nur daß statt der Nesseln, die es doch wohl mitunter gegeben hatte, lauter Rosen darinnen blühten, statt der giftigen Pflanzen heilsame Kräuter, und die ganze Erscheinung gleich einer ungeheuern Sonnenblume sich immer dem vollesten Sonnenlichte entgegenbog. Und mitten unter den blühendsten Beeten saß kindlich lächelnd des jungen Ritters Otto Gestalt, und pflückte von den herrlichsten Blüten und Früchten nach üppiger Wahl.

Da war denn auch eines Nachmittages der alte Herr Hugh eingeschlafen, noch im Entschlummern sich freuend auf die vielfach schönen und verheißenden Dinge, die er geistigen Auges zu schauen bekommen möchte. Aber es ward ganz anders, als er gehofft hatte. Ihm deuchte, als stapfe ein schwerer, geharnischter Tritt die Stiegen herauf, daß die Fenster davor klirrten, und gleich darauf klopfe eine gepanzerte Faust eben so gewaltig dreimal an die eichenen Türen des Saals. Dem Träumenden wollte sich das Herein! nicht aus der Brust losmachen. Endlich meinte er doch, es gerufen zu haben, und da war es, als knarrten die eichnen Türflügel mit ängstlichem Mißlaute voneinander, und plötzlich sähe herein mit blutigem, abscheulich verzerrtem Angesichte, drohe herein mit bluttriefender Faust der Rächer mit den Geierfittichen in aller entsetzlichen Leichenpracht. Schaudernd fuhr der erwachende Herr Hugh in die Höhe, und kaum besann er sich darauf, er habe nur geträumt, da hörte er wirklich mit völligen, wachenden Sinnen den schweren geharnischten Tritt die Stiegen herauf, daß die Fenster davor erklirrten, hörte das dreimalige gewaltige Pochen der gepanzerten Faust an die eichene Türe des Saals. Ihn rettend vor dem Wahnsinn des grauenvollsten Entsetzens schlang eine tiefe Ohnmacht ihre Nebelgewölke um ihn her.

Die Reisigen und Diener, welche der alte Herr Hugh auf der friedlichen Veste noch um sich hatte, waren allzumal nicht daheim; jene auf der Jagd, diese zum Teil nach dem Heldensänger Walther fortgeschickt, zum Teil in das nahe Städtlein, um allerlei zur Bewirtung des ersehntes Gastes herbeizuholen. Wenn sie bei solchen Aussendungen manchmal etwas dawider einzuwenden wagten, daß doch auf die Art in dem alten, weitläuftigen Baue der Burgherr ganz allein zurückbleibe, pflegte dieser gemeiniglich zu antworten: »Der alte Herr Hugh hat seinen Platz in der Waffenhalle, zwischen vielfachen Rüstungen und Schwertern, und tät es Not, so erwischte seine Hand wohl noch leichtlich irgendein altes Klingengefäß, das die Väter geführt.« – Diesmal aber merkte der erste, welcher von der Dienerschaft wieder in den Saal trat, hier müsse fürwahr ein ganz andrer Feind eingebrochen sein, als der, auf welchen Herr Hugh gerechnet hatte, und weil der Greis so ganz regungslos und totenbleich im Stuhle saß, schien es, als sei der Tod selbsten jener Feind gewesen, weshalb der Diener ein lautes Wehklagen begann, und um sich her versammelte, was irgend wieder von seinen Genossen in die Veste zurückgekehrt war. Meister Walther kam eben über die Zugbrücken geritten, und den lauten Jammer vernehmend, sprach er seufzend vor sich hin: »Ei, und konntest du denn nicht einmal so lange mehr leben, bis dein Sohn von seinen rühmlichen Fahrten heimgekehrt war, du alter Held?« – Hinauf gelangt aber in den Saal, und die bleiche, riesige Gestalt im Lehnstuhle betrachtend, war es ihm, als könne der alte Herr Hugh durchaus noch nicht gestorben sein. Die Natur hat die Sangeskinder lieb, und wenn sie auch nicht wissen, sich ihr auf den ordentlichen Leitersprossen der mühseligen Gelehrsamkeit zu nahen, wirft ihnen die freundliche Pflegerin doch oftmalen unverdient, ja wohl gar ungebeten, ein Lichtlein oder ein Sträußlein zu, daß sie damit wunderviel ausrichten, zum Erstaunen aller nicht liederlustigen Leute. So kam es denn auch, daß Meister Walther im Besitz einer köstlich duftenden Salbe war. Die hielt er dem ohnmächtigen Greise vor, und mit einem Male richtete sich der alte Herr Hugh in die Höhe, schlug die Augen auf, und sagte: »Ich habe ein entsetzliches Gesicht im Traume gesehn. Wo ist denn nun der, der es im Wachen nachmachen wollte? Wo ist er geblieben, der heranschritt die Stiege mit den langsamen Eisentritten, der dreimal an die Türe pochte mit der beerzten Faust?« – Sie wollten alle nichts davon wissen, da sprach der alte Mann endlich: »Hier gewesen muß doch einer sein, recht leiblich hier gewesen. Denn seht ihr nicht das wunderliche Ding, was da neben mir steht?« – Hinschauend erblickten sie ein seltsames Banner, das in die Ecke gelehnt war. Ein häßliches Drachenbildnis sah von der Stange herunter, aber um die Stange her glänzten schöne goldne Buchstaben, die der vielerfahrne Meister Walther sehr wohl kannte, und folgendergestalt ablas:

»Der an der Finnengrenze focht,
Riß frisch dies Banner aus Heidenfaust;
Da schlug er drein zum Schwedensieg,
Drob Schwedenvolk den Sieger preist;
Herr Otto ist sein Name,
Von Trautwangen sein Geschlecht.«

Da jubelten alle die Reisigen und Diener hoch auf, und wünschten ihrem Herrn Glück. Der alte Herr Hugh aber nahm sein grün samtnes Käpplein vom Haupte, betete still, und sagte endlich: »Wenn die Kobolde solche Siegeszeichen bringen, kann man sich ihre bösen Träume schon gefallen lassen.«

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