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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Funfzehntes Kapitel

Wo diese Stimme klingt, da kann ich nicht wegbleiben«, sagte Otto, saß ab, entzäumte den Lichtbraunen, und bedräuete ihn, ruhig und sittig zu sein; dann ging er gegen die Pforte des Turmes vor. Arinbiörn schien einen tiefen Schauder vor dem Gebäu zu empfinden; doch wollte er nimmermehr zurückebleiben, wo sein lieber Waffenbruder voranschritt. Er tat also, wie der Ritter von Trautwangen tat; doch fragte er ihn: »Kennst du denn diese Stimme, daß sie dich mit so zaubrischer Gewalt an sich zieht?« – »Nein, ich kenne sie nicht, ich weiß nicht, wem sie angehört« entgegnete Otto, »aber mir geht das Herz davor in Wehmut und Vertrauen auf.« – Am Eingange der Warte erschien eine hohe, edle Frauengestalt in schneeweißen Kleidern, einen grünen Schleier über Haupt und Angesicht; doch leuchteten zwei freundliche, lichtbraune Rehaugen durch das zarte Gewebe herdurch, wie die Sonne durch ein dichtverflochtenes Blättergezweig. Sie blieb staunend vor den Rittern stehn, und sagte. »Ei, wie bist du denn so schnell zurückgekommen, Ottur, und wie gerätst du in die fremde, schwarzsilberne Rüstung hinein? Aber du siehst ja um ein so Großes milder und freundlicher aus; du hast dich wohl besonnen, daß du mir unrecht tust, und bist nun stiller geworden und frömmer, nicht wahr?« – »Frau«, entgegnete der Ritter, mit adligem Verneigen, »ich heiße nicht Ottur, sondern Otto, mit dem Zunamen von Trautwangen, aber besser und sittiger will ich mich aufführen, als der, welchen Ihr Ottur nennt, wenn Ihr mich würdig achtet, mir einen Teil der mütterlichen Huld zu gewähren, die Ihr an jenen Wilden verschwendet.«

Die Frau stand eine Weile ganz regunglos und stumm; dann sprach sie endlich mit leiser Stimme: »So war es denn doch kein Traum, als ich Euern Ruf gestern aus dem Felsentale herauf vernahm.« – Darauf senkte sie das Haupt, und sagte freundlich: »Tretet in die Tür, Herr Otto von Trautwangen, und führt auch Euern Gefährten mit ein, wenn Ihr es für gut haltet. Dieser Bau nimmt Euch fortan zu jeder Stunde mit Frieden auf, und jeden, den Ihr mit Euch bringt.« Freudig leistete Otto der Einladung Folge, der Seekönig schritt ihm zögernd nach.

Sie gingen seltsam gewundene Wendeltreppen hinauf, über lange, hallende Gänge, durch Gemächer mit allerlei verwunderlichem Gerät. In einem derselben stieß Arinbiörn den Ritter an, und sagte, nach einem verhangnen Rahmen hinwinkend, mit leiser Stimme: »Das muß der Spiegel sein, oder ich bin gänzlich irr.« – »Edle Frau«, sprach Otto zu ihrer Führerin, »Eure Huld macht mich dreist zu einer Bitte. Wollet mir es vergönnen, hinter den Vorhang zu sehn, welcher von jenem guldigen Rahmen herunterhängt.« – »Wenn Ihr es begehrt, Herr von Trautwangen«, antwortete sie, »so mag es geschehen. Aber soviel sag' ich Euch, es ist ein Spiegel dahinter, in dessen gläsernen See schon einmal das ganze Glück meines Lebens versunken ist, und späterhin mein Hoffen, es wieder zu gewinnen, auch. Ich halte ihn immer seitdem verhangen, und lasse ihn nur zu gewissen Zeiten des Jahres offen, wo sein zaubrisches Wesen keine Umhüllung duldet, und wo ich meist selbsten abwesend bin. Wollt Ihr es aber, so ist auch das zu Euerm Dienste.« – Sie trat neben den purpurnen Vorhang, und faßte dessen güldne Schnur, auf Ottos Entscheidung wartend.

»Da sei Gott vor«, sagte der Ritter, »daß ich etwas begehre, das Euerm Willen entgegen wär!« – Und nach Arinbiörn umschauend, fuhr er fort: »Es müßte denn sein, daß deines ganzen Lebens Heil daran hinge, Waffenbruder. Und ehrlich gesagt, ich glaube nicht, daß es dir dieser Spiegel beschert!« – Der Seekönig schüttelte, trüb verneinend, das Haupt, und neigte sich ehrerbietig gegen die Wirtin des Baues, als bitte er sie, von dem Vorhange wegzutreten, wie sie es denn auch tat, und ihren beiden Gästen in ein andres Gemach voranging. Es war überhaupt, als seie Arinbiörn hier wider seine Gewohnheit ganz untergeordnet und scheu und fremd, während Otto mit kindlicher Offenheit alle seine Gedanken vor der feierlichen Fremden laut werden ließ. Sie bezeigte ihr mildes Wohlgefallen daran durch freundliche Worte und heitre Redespiele, die durch ihren ernsten Geist hinzogen, wie Glühwürmchen durch eine feierliche Mondnacht.

»Es ist mir so wohl, so innig aus ganzem Herzen wohl!« rief Otto aus, indem sich alle drei um einen runden Tisch in einer kleinen, dämmernd beleuchteten Kammer niedergelassen hatten. »Nur eines drückt mich noch auf dem Herzen, und nagt an meiner Freudigkeit. Ist denn der, welchen Ihr Ottur nennt, ein wirklicher Mensch? Oder ist es ein entsetzlicher Widerschein meiner selbst, ein Zauberkobold, der Gewalt genug über mich hat, um mir meine eigne Bildung zu stehlen, und mich in der unauflöslichen Schlinge mit verwirrendem Gaukeln zu zerreißen?«

»Beruhige dich, anmutiger Jüngling«, sagte die feierliche Wirtin. »Der arme Ottur ist wirklich ein Mensch, ein liebender, herzinniger Mensch, der sein ganzes Leben daran setzt, die Gunst eines heidnischen Zaubermädchens zu gewinnen, das mir gegenüber auf den finnischen Bergen in einer weltalten Felsenkluft wohnt, und von da alle bösen Geister, deren sie Meisterin ist, herübersenden würde auf euer christliches Land, stände nicht glücklicherweise mein Turm als eine Wetterscheide dazwischen. Sie und ich, wir halten ein stilles, unsichtbares, aber höchst gewaltiges Ringen miteinander. Dort fern, im eben aufgehenden Vollmondslichte, könnt ihr ihre Klippenveste sehn.« –

Die Ritter traten ans Fenster, und schauten in die wilde, herbstlich wehmütige Gegend. Über die feuchten Nebel hinaus ragte eine wunderliche Gestaltung von Felsen, zusammengewölbt am Eingange, wie ein Tor, man sahe tief in mannigfache Bogengänge ungeheuern moosigen Gesteines hinein; fern im Hintergrunde brannte es, wie ein trübes Licht. – »Das ist eines furchtbaren Kessels Glut«, sagte die Wirtin. »Da beschwört das Zauberfräulein Gestalten herauf, so entsetzlich, als sie selbst anmutig ist und schön.« – »Wer ist aber der schwergewappnete Kriegsheld?« fragte Otto. »Er schreitet im bleichen Mondlicht so ernst und langsam vor dem Eingange, wachthaltend, auf und ab. Wie ihm der Roßhaarbusch im Herbstwinde weht! Wie lang und gewaltig seine Hallebarte in die Höhe starrt!« – »Das ist eben der arme Ottur«, sagte die Frau. »So denkt er nun ihr strenges Herz für sich zu erweichen; aber das gelingt ihm nun und nimmermehr. Was hat er nicht schon erlitten, was erfochten und ersiegt für die furchtbare Maid! Er will mich nicht hören, er läuft in sein Verderben.« – Sie sah einen Augenblick wehmütig vor sich hin; dann schaute sie lächelnd zu Otto empor, sprechend: »Aber Otto ist nicht Ottur, kein wilder Normann der milde Deutsche. Nicht wahr, du holder Jüngling, du läßt dich zügeln, du läufst mir nicht in dein Verderben?« – »Gott wird mich ja wohl davor behüten«, sagte Otto freundlich und mit gefalteten Händen. »Nächst Gott ist mir, als würd' auch Euer gütiges Lenken mich oftmals schirmen in der Welt.« Die Frau faltete ihre Hände auch, und sahe mit großer Freudigkeit in die Nacht hinaus. Man konnte merken, daß sie aus preisendem Herzen zu Gott sprach.

Eine Weile nachher wandte sie sich in das Zimmer zurück und sagte zu den Rittern: »Nun kommt, ihr jungen tapfern Kriegsleute, und erquickt euch mit einem Mahl.« – Der eben noch leere runde Tisch von Stein in der Kammer Mitten war mit einigen Flaschen edlen Weines und mit köstlichen Speisen besetzt. – »Staunet nicht«, sagte die Wirtin, »vor allem aber scheuet euch nicht.« – Und das Zeichen des heiligen Kreuzes über Speise und Trank machend, sprach sie fürder: »Ihr seht, es hält die Prüfung aus.« – »Wer könnte auch daran zweifeln«, sagte Otto, »wenn Ihr es darbietet, holde Frau Minnetrost?« – »Frau Minnetrost, Frau Minnetrost!« wiederholte die Wirtin einigemal, das Haupt sanft hin und her wiegend, »Wie kommst du Jüngling denn auf diesen verschollnen Namen?« – »Ihr könnt wahrhaftig keine andre sein!« rief Otto freudeglühend. »Gottlob, daß ich Euch gefunden habe. Von Euerm Leben an der ostfriesischen Küste haben mir Heerdegen und Muhme Bertha erzählt.« – »Du!« sagte die Frau, und hob den Finger lang und drohend in die Höhe, »du solltest demütiger aussehen und ernster, wenn du von Muhme Bertha sprichst.« – Otto blickte beschämt zur Erde, aber die Wirtin sprach mit wiederkehrender Freundlichkeit süßlächelnd weiter: »Ich bin wirklich die Frau Minnetrost, von welcher du redest. Du bist mir ein lieber Gast in meinen Hallen, und dein Geleitsmann auch. Ich weiß wohl, daß er der Seekönig Arinbiörn ist, und schon früher einmal hier war, obgleich ziemlich unberufener Weise.« – Da traf auch auf Arinbiörn ein strenger Blick, vor dem er die Augen nicht zu erheben vermochte; aber dann nötigte Frau Minnetrost die beiden Jünglinge mit einer recht engelmilden Gütigkeit zum Mahle, und sie fühlten sich heiter und sicher, wie noch kaum bisher in ihrem ganzen Leben, so freudigfrisch sie es auch zu führen gewohnt waren. Als sie Abschied nahmen, sagte Frau Minnetrost: »Ihr könnt alle Woche zweimal wiederkommen, und daß in eurer Abwesenheit den Scharen eures Heerbannes nichts Widriges begegne, sei meine Sorge.«

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