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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Dreizehntes Kapitel

Der Abend lag schon über den Tälern, der Sturm rauschte wilder, die Wolken zogen tiefer; Otto stand allein in einem verwachsenen Gebüsch. Bis dahin hatte ihn die Schlachtlust fortgelockt; nun war nicht Freund nicht Feind mehr um ihn her, und der siegesmatte Kämpfer sank in die herbstlichen Blätter auf den Boden nieder. Durch eine kurze Rast ermuntert, blickte er um sich her, ohne doch irgend eines bekannten Gegenstandes, an dem er sich zurecht helfen könne, zu gewahren. Eine laubige Höhe vor ihm klomm er hinan, gedenkend, von ihrem Gipfel weiter um sich zu schauen. Aber das Gehölz ward oben nur immer dichter, und statt zwischen dem Gezweig den nächtlich dunkelnden Himmel zu erspähen, ward Otto vielmehr über die Eichen- und Buchenwipfel hinaus eines spitzigen Föhrenwaldes ansichtig, der dem Näherkommenden schon durch die frischen Laubgitter seine nadligen Arme entgegenstreckte. Wie eine grüne Mauer schlangen sich hinter den Buchen die Föhren ineinander. »Da kann ja kaum ein Vogel durchfliegen«, sagte Otto zu sich selbst; und im selben Augenblick fiel es ihm ein, daß er irgendwo schon ähnliche Worte vernommen haben müsse. Er wollte sich darauf besinnen, aber ein nahes Wolfsgeheul unterbrach ihn; es lautete mehr jämmerlich, als wild, und indem er näher hinzuschritt, ward er eines Grabhügels gewahr, recht an der Föhren- und Buchengrenzscheide, und drauf lag eine weiße Wölfin, die das klägliche Gewinsel erhub; aber, so wie Otto näher kam, sich streitfertig in die Höhe richtete, und ihm zwei scharfe Reihen entsetzlicher Zähne aus einem blutroten Rachen entgegenhielt. Otto schwang seinen Speer gegen sie, da kam von einer andern Seite ein alter Mann, in einem langen Kleide, den Berg herangeschlichen, ein großes Kreuz an Stabesstatt in seiner Hand, und die Wölfin nahm ängstlich die Flucht in das Föhrenholz hinein. Durch Ottos Sinn aber fuhr plötzlich wieder die Einsiedler- und Wolfsgeschichte, welche Heerdegen ehemals ihm und Tebaldo an den Mainesufern erzählt hatte. Er sagte nachdenklich vor sich hin: »Wäre das hier nun wirklich – an der finnischen Grenzmark sind wir ja – wäre das hier nun wirklich des ritterlichen Siedlers Grab?« »Ja«, entgegnete der alte Einsiedel, »es ist wirklich meines armen Sohnes Grab, und weil ich jetzt eben darauf beten will, sähe ich es gerne, wenn Ihr mich ungestört ließet, edler Ritter. Macht Euch aber nicht in den finnischen Forst hinein. Die Stunde ist schwer.« – Otto wandte sich, in seltsam wechselnden Gedanken zusammenwerfend, was er zweifelnd hatte erzählen hören, und doch nun selber erlebte, und schritt den laubigen Abhang wieder hinunter, eiliger, weil er ein Tönen aus dieser Gegend her vernahm, fast wie Trompeten- und Hörnerklang, das ihm die Nähe fechtender Feinde und Freunde verhieß.

Aber unten im Tale war es still und regungslos, ebenso, wie er es vorhin verlassen hatte. Die Nacht legte sich immer dunkelnder darüber hin, Otto mußte sich fragen, ob er nicht im eignen Sinne betört gewesen sei, Schlachtenlärm in dieser grabähnlich schweigenden Gegend zu erwarten. Da schwebte es von Mitternacht herüber schon wieder mit dem Getöne kriegerischer Instrumente. Mehr und mehr sich besinnend, mehr und mehr umherspähend, nahm Otto endlich wahr, daß er das Haupt rücküber beugen müsse, um der tönenden Scharen ansichtig zu werden, die hoch über ihn dahinruderten durch das nachtblaue Luftmeer, weiß und dichtgedrängt, wie eine Herde geflügelter Lämmer, mit schwerem Fittichschlag ihre unsichtbare Bahn durchmessend. Die Sagen vom wütenden Heer, welche er aus Deutschland mitgenommen hatte, drangen durch sein Gemüt; er dachte, ob dies wohl etwas Ähnliches sei, und doch war es wieder so anders: sehr feierlich und schauernd zwar, aber lieblichen Getönes, und gar nicht wild.

Plötzlich rasselte ein schwergewaffneter Krieger zwischen den Klippen heraus. Otto, ungewiß, ob er Freund oder Feind vor Augen habe, stellte sich kampffertig zurecht, während der Fremde, ohne ihn zu bemerken, eilig vorüberstrich. Aber ein einziger Blick in dessen Antlitz lähmte Ottos Kraft, goß die schneidende Eiskälte des Entsetzens durch sein Gebein. Es war sein eignes Gesicht, sein, des jungen Herrn Ott' von Trautwangen selbeignes Gesicht, das ihm unter dem fremden Helme hervor im eben aufgehenden Vollmondslichte wie aus einem Spiegel sichtbar ward. – »Es ist nicht wahr, es ist nicht möglich!« sagte Otto nach einem langen Schweigen des grausenvollen Erstaunens laut zu sich selbst. »Hier steh' ich, fest und gottvertrauend, und stark; wie könnt' ich denn zu gleicher Zeit in gräßlicher Verdopplung je wüsten Klippen entlängst gleiten? – Oder bin ich wahnwitzig? – Oder ist es ein finnischer Kobold, der mich so frech zu erschrecken wagt? – Ich hätte nur dreist in des unsinnigen Gauklers Antlitz, meinen Helmsturz aufschlagend, hineinblicken sollen. Nur mein verhüllender Eisenkorb gab ihm Mut. Aug' im Auge hätte er sich's wohl nimmermehr unterstanden, mit meiner Gestaltung Spott zu treiben.« – Da war es, als rief eine milde Frauenstimme von der Höhe: »Otto, Otto, wilder Otto! Gleite doch nicht so ungestüm den Felshang hinab!« Das Grausen drang bis an Ottos Herz, er stand einen Augenblick wie gelähmt; dann aber schüttelte er sich gewaltsam auf, schaute empor, und rief nach einer moosigen Warte hin, von wo der Ruf herabgeklungen war: »Otto bin ich, und stehe fest, und gleite nicht im tollen Spiel auf den Felsen herum. Wer der ist, der das tut, mag Gott wissen. Sagt aber der Bursch, er sei Otto von Trautwangen, so lügt er. Das bin ich ganz allein.« – Von den mondbeflimmerten Bogenfenstern der Warte schien eine weiße Gestalt zurückzuwanken vor Ottos Worten; aber sein seltsames Ebenbild hub sich von der andern Seite hinter einer Felsenkante mit halbem Leibe in die Höh, mit der vollen furchtbar bestätigten Ähnlichkeit gegen den Mond gestellt, und sprach über das Tal hin: »Was schreit denn der da drunten? Er kann sich nur in acht nehmen, daß ich ihm nicht über den Hals komme. Ich bin so nicht eben gut aufgeräumt. Heiß er meinetwegen Otto, so lang er will; ich heiße Ottur, und die wahnsinnige Frau vom Turme ruft nach mir. Hör' doch erst einer recht, bevor er mitspricht. Ottur ist gerufen worden, nicht Otto. Und tut der Fasler da unten noch einmal seinen unberufnen Mund auf, so spalt' ich ihm den Kopf in tausend Stücke.« – »Komm herunter, wenn du Herz hast!« rief Otto, und schlug den Helmsturz auf. Da ward sein Ebenbild vor Entsetzen totenbleich, und fiel zusammenrasselnd hinter die Felswand zurück.

Arinbiörns Stimme tönte das Tal entlang, die Geierflügel wurden über das Tal her sichtbar, der goldne Schild leuchtete durch die Zweige. Otto klirrte zur Antwort mit dem Schwertgriff gegen die Rüstung, und lautjubelnd flog der Seekönig an des Gefundenen Hals. – »Der Heerführer fragt nach dir, wie nach einem einzigen Sohn«, rief er aus, »an hundert der edelsten Krieger sind im Gebirge, dich zu suchen, und mit welchem Herzen ich dich gesucht habe, weiß Gott. Dafür mußte es auch mir vorbehalten sein, dich zu finden. O sei mir zu tausendmalen willkommen, du junges Reis, das Siege trägt, wie ein andres Blüten im Lenz! Wir haben sie gejagt mein Jüngling, wie Hirsche und Rehe; das Schwedenrevier soll ihnen für lange Jahre zuwider geworden sein, und auch im eigenen Tann wollen wir sie aufsuchen, sobald nur Herbst und Winter vorüber sind. Weißt du denn schon? Das Götzenbanner, das du erobert hast und in den Abgrund geschleudert, hat einer deiner Kampfgenossen wieder heraufgeholt. Die finnischen Gefangnen heulten, als sie es sahn, und schrien, ihr Gott habe sie verlassen. Und hat's dir wer gesagt, daß der Schwedenjüngling, welchen du fingest, der tapfre Swerker war, die Hoffnung des ganzen heidnischen Heeres? – O ich rede verworren, in Siegeslust und in der Freude, dich wiederzuhaben. – Aber du, wie stehst du ganz träumend und eingewurzelt da? Was ist dir begegnet, junger Sieger? Bist du wund?« – »Nein«, entgegnete Otto, »aber verstört bin ich von allerhand graunvollen Dingen in diesem Tal.« – »Ja freilich«, sprach Arinbiörn, »unsre Nordlande hegen manch wunderliche Erscheinung in ihrem Schoße. Sie liegen wie seltsame, ungeheure Rätsel in Meeresflut und Nordlicht hineingeworfen, so daß es wohl kein Wunder ist, wenn selbst ein Heldenherz, das aus der Fremde kommt, ein wenig stärker davor zu klopfen anfängt.« – »Horch einmal da zum Beispiel«, sagte Otto, in den dunkeln Nachthimmel hinaufzeigend, wo die mächtigen Töne wieder eben kriegerisch herunterschallten, die weißen, gedrängten Scharen mit ihrem dröhnenden Flügelschlage überhinzogen. – »Ist es nichts, als das?« erwiderte der Seekönig. »Das sind keine bösliche Zaubergestalten, sondern klingende Schwäne, wie sie im Herbst aus unsern Gegenden weiter nach Mittag hinunterziehn. Da kannst du deine Freude ohne alles Grauen dran haben. Horch nur, wie freudig sie tönen! Schau, wie so groß und hellweiß sie glänzen!« – Aber indem er ihren Zug durch die blauen Höhen hin in den Augen verfolgte, prallten seine Blicke, auf den alten Wartturm treffend, plötzlich wie verwundet zurück. – »Ja«, rief er schaudernd aus, »nun glaub' ich es, Otto, daß dir Grausenvolles in diesem Tale begegnet ist. Da steht der Turm, von dem ich dir früher sagte. Dort oben hab' ich Blancheflours Bildnis im Zauberspiegel geschaut.« – »Wollen wir hinan?« fragte Otto. »Wollen wir mit eins den Geheimnissen, die uns locken und schrecken, ihre Schleier abreißen? Wahrhaftig, ich denke, die Schleier sind furchtbarer, als alles, was sich hinter ihnen verstecken kann.« – Arinbiörn sann einen Augenblick; dann entgegnete er: »Die Nacht ist ein gewaltiger Bundsgenoß solcher Feinde, mein tapfrer Gesell. Laß uns jetzt nicht in das unheimliche Gebäu. Aber freilich, wenn es einmal dein fester Wille ist« – sie schwiegen beide. In Ottos Gemüt stiegen allerhand entsetzliche Gestaltungen auf, vorzüglich eine, wie sein Ebenbild vielleicht totenbleich hinter einem langen Tisch säße, wenn sie hineinkämen, und läse in einem Buche voll teuflischer Figuren. Der Seekönig mochte seines Freundes Schauder bemerken, und sagte: »Wir haben ohnehin noch weit zum Lager.« – Darauf schritten beide Ritter eilig den Gebirgsrücken hinunter, und Arinbiörn stieß oftmalen lustig ins Horn. Er sagte, es sei, um den andern Suchenden ein Zeichen von seinem glücklichen Funde zu geben; es konnte aber auch ebensowohl geschehen, um sich und seinem Freunde die grausigen Ahnungen der Nacht vom Herzen wegzublasen.

Der Morgenstern funkelte bereits am Himmel, als sie der zahlreichen Lagerfeuer in einer weiten Ebne am Fuße der Grenzberge gewahrten. Arinbiörns Hörnerruf machte die normännischen Reiter, die am weitesten vorwärts lagen, mit wohlgekanntem Gruße munter. Sie sprangen auf die Rosse und jagten ihrem teuern Führer Otto jubelnd entgegen, der Lichtbraune, ohne sich bändigen zu lassen, ihnen mit weiten Sätzen voraus; bei seinem Herrn stillstehend, und während er ihm den Kopf schmeichelnd auf die Schulter legte, mit seinem fröhlichen Gewieher den Zuruf der Reisigen und das Gerassel ihrer zusammengeschlagenen Schilde übertönend.

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