Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel

Zu dieser Zeit heulten über die nördlichen Berge hin schon die Stürme des Herbstes, und am selben Abende, wo seine Braut entführt ward, stand Otto auf einer heißen und dunkeln Stelle in der Feldschlacht. Vom Lichtbraunen war er abgesessen und einen engsteilen Felsweg hinangeklommen, um den von dort hereinbrechenden Heiden Widerstand zu tun; denn sie überflügelten von allen Seiten das christliche Heer, und es war schon sehr im Wanken. Der fürstliche Heerführer rief dem jungen Helden nach, was er doch nur beginne? Er sei ja fast allein! – Aber Otto rief zurück: »Dafür ist auch der Paß gar schmal. Sie können beinah nur einzeln an mich heran, und da soll einer nach dem andern seinen Mann an mir finden.« – Wirklich auch stand er, wie ein wachthaltender Cherub, an der Bergespforte, der schöne, blonde Jüngling, vor dem schwarzen Gewimmel von kleinen, häßlichen Heiden, die auf ihn losstrudelten, und in rastlos flimmernden Kreisen flog seine Klinge schwirrend umher, und jedesmal, daß sie niedertauchte, schwang sie sich, von Blut gerötet, und Blutestropfen von sich sprühend, wieder in die Höh'. Schon lag es vor ihm wie ein Bollwerk, von mißgestalteten blutigen Leichen, und es war, als stäube an diesem Damme die Flut allmählich zurück. Da blitzte es lichthell zwischen dem Gewimmel durch, wehte ein hochflatternder Roßhaarbusch drüber hin. Ein heidnischer Schwedenheld in glänzenden Waffen, schlank und herrlich, rasselte im Laufe gegen Otto heran. Pfeifend flog sein Speer an des Ritters Haupte vorüber, und gleich darauf schmetterten seine Schwerthiebe schloßendicht über den Adlerhelm hin. – »Bist meines Bruders Töter, du Silberschwarzer!« schrie der entbrannte Fechter dazu. »Kenne dich wohl! Weißt du noch, wie du ihn trafst auf dem Waldhügel? Ihn schleudertest mit dem Wurfspeer vom Rotroß hinab? Nun gilt es Blut um Blut! Nun faßt dich die Rache! Hei! Hei! Wehrst dich umsonst! Hier Odin! Hier Odin und Swerkers Schwert!« – Aber Ottos Klinge traf wohl noch besser. Von einem ihrer ungeheuern Schläge, grad' über den Kamm des Helmes hin, begann der Heidenritter zu schwanken, der Sieger ergriff den taumelnden Jüngling beim Roßhaarbusch, zog ihn über die Leichen zu sich herüber, und schleuderte ihn seinen wenigen Gefährten zu, rufend: »Bringt den in Sicherheit, und pflegt ihn gut! Ich fordr' ihn von euern Händen!«

Da wichen die Finnländer um viele Schritte zurück, und murmelten untereinander; man konnte nicht verstehen, wovon der böse Rat handelte, nur einzelne, mißlautende Klänge drangen bis in Ottos Ohr. Der faßte den Speer, welchen der Heidenritter nach ihm geworfen hatte, und schleuderte ihn zwischen den dichten Haufen hinein. Zwei sanken schwer blutend zu Boden, die andern stäubten mit wildem Geheul auseinander, und einzeln hinter Klippen und Büsche versteckt, ließen sie einen Bolzenregen auf Ottos Rüstung hinrasseln. Seiner festen Bewaffnung vertrauend, stand der Ritter ohne Bewegung da. Nur seinen blanken Schildrand streckte er links hin, um den engen Paß völlig zu sperren, und so die leichter geharnischten Kriegsmänner hinter ihm vor jeder Gefahr zu sichern. Das Schießen dauerte fort und fort, tat aber keinen Schaden. »Schlechtes Fechten«, sagte Otto in sich hinein. »Hilft ihnen nichts, und langweilt uns.« Und zugleich fing er zum Zeitvertreibe an, die Bolzen zu zählen, welche von seiner schwarzsilbernen Rüstung abprallten.

Da raschelte etwas dicht hinter seinen Füßen; er sah sich um, ein grinsendes Heidenantlitz brach aus einer ihm noch unbemerkten engen Höhle zwischen verschlungenen Gebüschen hervor. Das traf nun zwar alsbald seine Asmundurklinge gut, es in zwei blutige Hälften spaltend, aber eine Anzahl von finnischen Kriegern wimmelte dem Gefällten mit gräßlichem Geheule nach; fast, als wären die Kobolde mit den Heiden in Bund getreten, und drängen nun zu deren Hülfe vor, oder hätten ihnen doch wenigstens die weltalten Schlupfwinkel und Gänge der Berge verraten.

Otto und seine paar Schweden – die Normänner fochten in der Ebne zu Roß – hielten fest gegen die Höhle und den Fußweg zugleich. Aber ihre Zahl war noch vermindert durch die, welche auf ihres Führers Befehl den gefangnen Heidenritter weggebracht hatten, und man spürte wohl an der wachsenden Menge und Kampflust des Feindes, an den eignen siegmüden Armen, daß der Augenblick der Überwältigung nahe war. Da streckte noch einer aus dem Höhlengrunde ein häßlich Banner vor, mit einem drachenartigen Götzenbilde drauf, und schrie: »Nun ist auch eure Gottheit hier; nun vorwärts, kühne Finnlandskrieger, vorwärts!« – Der Feind drang jubelnd vor; aber Otto das Schild auf den Rücken geschleudert, faßte sein Schwert zu beiden Händen, und machte sich im verzweifelten Ingrimm eine Gasse nach dem scheußlichen Banner. Wohin er hieb, war eine Todeswunde, bald faßte er die furchtbare Standarte, riß sie mit Riesenkraft aus ihres Trägers Händen, und warf sie gewaltigen Schwunges über die Klippen hinab, rufend: »Eure Gottheit ist im Abgrund, wo sie hin gehört! Probt, was ihr ohne sie könnt, ihr rasend Volk!« – Einen Augenblick stutzten die Heidenscharen in Überraschung und Schreck; bald jedoch ward ihr Zornesgeheul nur wilder, ihr Vordringen wütiger. Da erhub Otto, mit letzten Kräften fechtend, eine ernste Liederweise, wie er deren nach nordischer Art wohl hatte dichten und singen lernen. Sie hieß also:

    »Baut Steine, Heldensteine auf,
Ins Sterbetal zum Denkmal her!
Hier haben die Schweden frisch gehaun,
Hier sind die Schweden gefallen kühn. –

Und seine Genossen sangen ihm nach:

»Hier haben die Schweden frisch gehaun,
Hier sind die Schweden gefallen kühn.«

Dazu hieben sie, den Liedesworten gemäß, aus allen Kräften links und rechts um sich, obzwar die mehrsten schon Blutes rot waren, alle von der großen Erschöpfung totenbleich.

Plötzlich rasselte etwas, wie ein ehrner Donner, in der finnischen Krieger Rücken, hoch auf den Bergen. Viele frische Krieger sangen von dorther:

    »Aber aus den Schiffen schwang sich risch
Hochschlanken Schwunges der Arinbiörn,
Hat Feindes Rücken gefaßt gar scharf
Mit bissigem Fangzahn. Flüchte nun, Feind!«

Zugleich sahe der aufblickende Otto die goldnen Geierflügel über die Berghöhe hervordringen, Arinbiörns goldnen Schild, groß und hell nach Mondesweise, und die ganze erzbewaffnete Heldenschar, und wie ein Hagelschauer prasselten die geworfnen Nordmannslanzen in die finnischen Haufen herab. Die stoben nun heulend auseinander. – »Sie fliehn, sie fliehn!« rief es von der Ebne herauf. »Schweden, haut nach!« – Und: »Schweden, haut nach!« rief Otto samt seiner Schar. Alle vergaßen der Müdigkeit und Wunden, und stürzten Klippen hinauf, Klippen hinunter, mit leuchtenden Racheschwertern den zersprengten Widersachern nach.

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.