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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Zehntes Kapitel

Zu eben dieser Zeit ritten durch einen blühenden Wald in der schönen französischen Landschaft Gascogne drei junge Damen mit einem Geleite von Knappen und Zofen. Man konnte es dem ganzen fröhlichen Aufzuge wohl ansehen, daß es auf keine Reise gemeint war, sondern nur auf eine Lustfahrt in dem sonnendurchblitzten, von der nahen Meeresluft angenehm abgekühlten Laubforste. Hin und her stieg ein zierliches Liedlein aus den Kehlen der Frauen und der Edelknaben gegen den blauen Sommerhimmel auf, und die Kehlen der Vögel wetteiferten damit.

Da sagte die Dame, welche von den dreien in der Mitten ritt, zu ihrer Nachbarin rechter Hand: »O wie anders ist es doch jetzt, und wie besser, Blancheflour, als da uns noch immer der Ring in unselige Streitigkeiten verwickelte!« – »Ich habe ihn immer« entgegnete die andre, »ohne Neid, wie auch in diesem Augenblick am goldnen Kettlein auf deinem weißen Busen spielen sehn, Gabriele. Wäre es auf mich angekommen, du hättest ihn schon vorlängst behalten, und meines Bruders schönes silbergraues Streitroß, das dich eben trägt, wäre nicht erst deshalb in den Schranken lahm geritten worden.« – »Bedauerst du den Silbergrauen?« lächelte Gabriele. »Mich dünkt, du hättest eben nicht Ursache dazu. Wie er jetzt mit mir auf unsern leichten Ritten durch Anger und Wald hinschreitet, bis ihn etwa der verletzte Schenkel schmerzt, und ich durch sein Zucken ermahnt werde, abzusteigen, und des edlen Tieres mit verdoppelter Sorgfalt pflegen zu lassen – ist das ihm nicht besser, als wenn es dein Bruder in die Scharen der spanischen Mohrenritter hineinspornte, und falls es wund würde, höchstens die Fäuste eines alten derben Reitersmannes seine Wartung übernähmen?« – »Du hast wohl recht«, entgegnete Blancheflour, und sagte, die Mähne des Silbergrauen streichelnd: »Ich wünsche dir Glück zu jener Verletzung, du artiges, gutes Pferd.« – »Es kommt darauf an«, sprach die Dame zur Linken sehr ernst, »ob der Silbergraue mit deinem Glückwunsche zufrieden ist. Er sieht mir aus, wie ein echt ritterliches Tier, und da ersetzt ihm keine holde Pflege die rühmliche Bahn, der er entrissen ist.« – »Was du auch strenge zu sprechen weißt, Bertha!« entgegnete Gabriele. »Wärest du nicht zugleich oftmals so wundermild, und sähest du nicht so gar mädchenhaft, zart und lieblich aus, es könnte mich bisweilen versuchen, daß ich dich für einen verkleideten Ritter hielt, und mich in acht nähme vor dir.« – »Tue das nicht, edle Wirtin«, sagte Bertha mit freundlich leiser Stimme. »Du hast kein ergebeneres Wesen auf der Welt, als mich, die du so gastlich aufnimmst und beschützest. Zudem bist du ja meines Vetters Otto verlobte Braut, und wen könnte ich mit größern Treuen in Ehren halten, als die.« Gabriele seufzte schmerzlich auf, und drückte im tiefen Sinnen Berthas Hand.

Da kam aus dem Gebüsch ein zierlicher Knappe hervorgesprengt; blau mit goldner Stickerei leuchtete sein samtnes Kleid, goldne Schellen klangen hell um Sattel und Hauptgestell seines Rösseleins. Wie er die Frauen erblickte, hielt er, sprang ab, und sagte, ein Knie vor Gabrielen gebeugt: »Dame, mein Gebieter, der Freiherr Folko von Montfaucon bittet um Vergunst, sich Euch vorstellen zu dürfen, und noch einen edlen Gast, den er mit sich führt.« – Ein liebliches Rot glühte über die Wangen des schönen Fräuleins hin, sie winkte grüßend mit der zarten Hand, und sprach: »Guter Knappe, heiße deinen edlen Freiherrn und seinen Gast in meinem Namen willkommen. Ich sage dem hellen Sommertage Dank, daß er mich hinausgelockt hat, ihnen früher zu begegnen.« – Und der Knappe, leicht wieder auf sein Roß geschwungen, neigte sich tief, und jagte in die grünen Schatten zurück.

»Wer mag der Gast sein, welchen dein Bruder mit sich bringt?« fragte Gabriele, gegen Blancheflour gewandt. – »Wenn es ein Sänger wäre!« erwiderte diese – »aber nein, der ist es gewißlich nicht.« Und sie verstummte, ihr errötendes Antlitz in seltsamer Verwirrung nach den Vergißmeinnichten des frischen Rasens hinuntergebeugt.

Alsbald leuchtete Herrn Folkos blaugoldner Harnisch durch die Zweige, der Goldgelbe mit schwarzen Mähnen, den er seit des Silbergrauen Verletzung ritt, sprengte funkelnd aus den Schatten hervor. Tief neigte der Ritter seine Lanze, sprang alsdann leicht aus dem Sattel, warf die Waffe einem Knappen zu, und trat mit anmutig höfischem Anstande, seinen schönen Edelfalken auf der Faust, den Damen entgegen. Wer ihn aber begleitete, mit ihm zugleich von dem Rücken seines schlanken arabischen Rosses sprang, und artig grüßend zu den Damen heranschritt, war freilich kein Sänger, wohl aber eines höchst edlen, jugendlich schlanken Kriegers Gestalt, in reichwallende Gewande von unerhörter Pracht an Stoff und Stickerei auf mohrische Art gekleidet, vom weitesten, feinsten Schleierzeuge den Turban um sein Haupt gewunden, den eine reiche Demantagraffe zusammenhielt, und ein Busch der königlichsten Reiherfedern schmückte.

»Dann«, sagte Folko, gegen Gabrielen geneigt, »erlaubt mir, daß ich Euch den Fürsten Muza vorstelle, den tapfersten von all den Mohrenrittern, die auf Granadas Ebne mit uns fochten.«

Muza beugte vor Gabrielen und den andern Frauen mit adliger Zierlichkeit das Haupt, dann aber sagte er etwas finster: »Wär' ich ein so ausgezeichneter Mohrenritter, als es der Freiherr von mir zu rühmen beliebt, so würde er sich des Sieges über mich nicht in diesem Maße schämen. Er vergißt ja, vor den Augen der schönsten Frauen, die ich in meinem ganzen Leben sah, zu verkünden, daß ich sein Gefangner bin, welches also wohl gar nicht der Mühe wert sein muß. Wisset denn, ihr holden Sterne, daß sich zwar eben jetzt der Fürst Muza vor Euern Strahlen neigt, daß er aber nur für einen der mindern Ritter seines Vaterlandes gilt, wenigstens seitdem er ein Gefangner ist, als welcher er Euch, o schönstes Frauenbild auf der Erden, bittet, ihm die Waffe abzunehmen, die ihm des Siegers Großmut allzu lange ließ.«

Bei diesen Worten hatte er seinen goldnen, demantbesetzten Säbel von den silbernen Ketten, die ihn um seine Hüften gürteten, losgehäkelt, und hielt ihn Gabrielen in ehrerbietiger Stellung hin.

Das schöne Fräulein nahm ihn, machte aber im selbigen Augenblick eine Bewegung, von dem Silbergrauen zu steigen, worauf Muza, schnell in die Höhe gerichtet, sie linden Schwunges herunterhob. Da sagte sie zu ihm: »Ihr habt Euch selbst zu meinem Diener gemacht, fürstlicher Herr. Edlen Frauen aber ziemt es, bewaffnete Diener zu haben.« Und somit hing sie den Säbel an seine Seite, ließ sich von ihm wieder auf das Roß heben, und zog in seiner und Folkos Begleitung, der indes seine Schwester und Bertha begrüßt hatte, nach dem Schlosse zurück.

Auf einem hohen Altane, von den letzten Gluten des Abends aus der weiten Meeresfläche angestrahlt, von den aufsteigenden Düften aus den Blumenbeeten und Laubengängen des Gartens umhaucht, saßen die drei Damen mit den zwei Rittern, und ergötzten sich an Gesang und Saitenspiel, und an Erzählung anmutiger Geschichten. Folko und Muza wetteiferten miteinander, wie früher auf der blutigen Kampfesbahn an Rittermut und Kraft, so in diesem artigen Kreise an edler Zier und feiner Sitte, und war der Sieg dorten lange unentschieden geblieben, so wollte er sich hier noch minder entscheiden. Gabriele, von den glühenden Blicken Muzas verfolgt, wußte in tausendfachen Wendungen der Augen und des Geistes den leuchtenden Geschossen zu entgehen, und sich, ohne den Mohrenfürsten zu beleidigen, dennoch mit bezaubernder Huld dem Freiherrn von Montfaucon entgegenzuneigen. Blancheflour hob das sonst oftmals gesenkte Köpfchen in der Nähe des hochverehrten und über alles lieben Bruders freudig empor, und leuchtete in so anmutigem Schimmer, daß man kaum ihr weißes Rosen-Sinnbild mehr für so reiche Strahlen genügend finden konnte. Nur Bertha saß voll stillen, tiefen, man möchte sagen, strengen Nachdenkens da, und keine Schmeichelei Folkos oder Muzas, keine freundliche Neckerei Gabrielens, kein liebliches Bitten und Zuwinken Blancheflours, konnte ihr an diesem Abende Märchen oder Lied entlocken. Sie ward darüber endlich in der heitern Umgebung beinahe vergessen, oder doch nur ohne Anrede freundlich betrachtet, so daß sie fast wie eine schöne Bildsäule anzusehn war, um die sich vier lebendige Gestalten herbewegten, ohne sie recht zu verstehen, oder von ihr verstanden zu sein.

Im Laufe des heitern Redespiels nahm der Araber eine Guitarre, und sang folgende Worte:

    »Düster über düstre Berge
Zog gefangen der Alarbe,
Düstrer noch auf blüh'nden Ebnen
Ward sein Antlitz nachtumfangen; –
(Denn beim Zornigen ist Gifthauch
Froher Menschen Spiel und Lachen!) –
Aber was in Zaubergärten
Seid Ihr ihm so göttlich strahlend,
Sel'ge Sterne, süße Sterne
Holder Augen aufgegangen?
Zwar nun blüht in seinem Herzen
Euch ein Beet von Blumenflammen,
Zwar nun haucht durch seine Sinne
Euch ein Strom von süßen Klagen,
Doch wenn ihn zu Morgen fürder
Treibt des finstern Weges Wandel,
Ach, da müssen wild entlodern
Seines Herzens Blumenflammen,
Und zu Asche drin verstoben
Treibt ihn fort die Flut der Klagen.«

Folko nahm eine Guitarre von Blancheflours Schoße und sang dem Fürsten entgegen.

    »Des Morgens freudiger Schimmer,
O käm' er doch zu morgen nimmer, nimmer!
Die Sterne, jetzt erblühend,
O blieben sie durch alle Zeiten glühend!
Daß sich im heitern Zielen
Des Witzes ohne Wandel stets gefielen
In luft'ger Worte Lichtern
Drei edle Fraun mit ihren Ritterdichtern! –
Doch ach, zu unsern Stunden
Ist Merlins starker Zauberbann entschwunden.
Dürft' ich denn nur den Frauen
Mein Carthagenisch Fürstenwild vertrauen,
Bis, wenn ich wieder käme
Von meiner Fahrt, hier gastlich auf mich nähme
Nochmals des Schlosses Pforte,
Nochmals mir blühten holde Blick' und Worte!
Doch wird uns von sich treiben
Derselbe Blick, der uns so lockt zum Bleiben,
Und gilt's, sich zu vergleichen
Den größten Helden aus den alten Reichen,
Ziehn, einig miteinander,
Darius klagend fort und Alexander.«

»Ich behielte den Darius recht gerne hier, bis Alexander wieder käme«, lächelte Gabriele, »wenn der Sieger es sich dagegen gefallen ließe, mindestens eine Woche in Gesellschaft seiner anmutigen Schwester im Schlosse auszuruhen, und vor allen Dingen, wenn seine Worte nicht bloß eine zierliche Liedesweise waren, sondern eine ehrliche Herzensmeinung.«

»O Gott«, rief Folko, sich anmutig gegen Gabrielen verneigend, »welch eine Woche habt Ihr mir geschenkt! Und dem Fürsten welch einen Monat! Denn so lange dauert es mindestens, bis ich aus der Normandie zurückkomme, wohin mich meine Pflichten als Bannerherr und Baron des Reichs rufen. – Muza, Ihr seid dieser Dame Gefangner, und betreibt von hier aus Eure Auswechselung gegen den edlen Castilier auf die Weise, die Ihr schon früher beschlossen hattet.«

Muza setzte sich zu Gabrielens Füßen, sprechend: »Das ist eines Gefangnen Platz. Aber ich sage Euch eins, Montfaucon: Ihr habt mich in Feenbande gelegt, und das ist wider die Abrede. Wißt Ihr auch, daß Ihr mir auf diese Weise mein Ehrenwort zurückgebt? Und daß es mir nun vergönnt ist, sobald zu entwischen, als ich entwischen kann?«

»Dafür mögen die Feenbande sorgen«, entgegnete Folko, »aber, Gefangner, wenn das Euer Platz ist, so mag man einen andern hinfort einen Freien heißen, als mich.« – Und damit ließ er sein Schwert mit Schärpe und Wehrgehäng auf die Erde niedergleiten, und setzte sich neben Muza zu Gabrielens Füßen nieder.

Blancheflour sang in die Saiten der Guitarre, welche ihr Folko zurückgelassen hatte:

    »Ein Rätsel künd' ich, löst die Fessel
Dem tiefen Sinn!
Es thront auf einem luft'gen Sessel
Die Königin.
Von Namen gleicht sie einem Engel
Wie von Gestalt,
Und übt ohn' alle Sorg' und Mängel
Der Feen Gewalt.
Denn zu den zarten Füßlein schmiegen
Zwei Bilder sich,
In heißen, bluterfüllten Kriegen
Sonst fürchterlich.
Das ein', als goldner Löwe, dräute
Von Tigris Strand,
Wenn sich das andr', ein Adler, freute
Im Norderland.
Nun schaun allzwei mit sitt'gem Wenden
Zur Königin,
Und sie erwählt – wer mag beenden
Des Rätsels Sinn?«

Blancheflour hatte nur spielen wollen, aber die drei Herzen, in welche sie unbewußt glühende Funken geschleudert hatte, loderten hell auf. Adler und Löwe schauten unverwandt, begierig, ihr Urteil zu empfangen, die ganze Seele in ihren Augen, nach der Königin empor, welche mit niedergeschlagenen Blicken, hocherrötend, zwischen ihnen saß, und einen grünen Zweig, den sie eben zufällig in der Hand hielt, wie von magnetischer Kraft bezwungen, nach des Freiherrn Haupte mit fast unmerklicher Neigung zu senken schien, – da hatte Bertha die Guitarre ergriffen, und mit einigen tiefen, schauerlich wehmütigen Gängen schreckte sie die andern aus ihren Träumen auf. Alles wandte sich staunend nach ihr hin, als fange ein Gemälde zu musizieren an, während sie folgende Worte sang:

    »Wo sind die schwarzen Waffen
Mit ihrer Silberzier?
Wo der lichtbraune Schlachthengst.
Das adlig frohe Tier?

    Die Waffen sind verschwunden,
Verlaufen ist das Pferd,
Man hat es laufen sehen
Um ein zerbrochnes Schwert.

    Der Herr, der ist verloren,
Dem all das eigen war,
Und kommt er einstens wieder,
So schmückt die Braut ihr Haar.

    Bis dahin Leide, Leide
Singt, wer es hält mit mir,
Singt: »Weh ihr Heldenwaffen,
Und weh du adlig Tier!«

Folko sprang in die Höhe, daß seine Harnischringe zusammenrasselten, gürtete Schwert und Feldbinde eilig um, und sagte Gabrielen Lebewohl. Wenn er wiederkomme, fügte er hinzu, wolle er den Muza mit Hörnerklang auf die nahe Waldwiese hinausbescheiden. Gabriele wagte nichts einzuwenden; es mochte wohl von ihren und Folkos Wangen in dem verhüllenden Abenddunkel ein warmer Tau rieseln. Seine Schwester küßte der Freiherr wehmütig, und sagte im Vorüberstreifen leise zu Bertha: »Danke, mein edel strenges Fräulein, danke!« – Er hörte es nicht, daß ihn der erstaunte Araber wegen seines schnellen Aufbruchs befragte, und ihm nochmals, zwar lachend, aber nicht ohne Feierlichkeit, wiederholte, daß er sich von nun an durch kein Ehrenwort mehr gebunden erachte. Eilig war der edle Montfaucon die Stufen vom Altane hinunter ins Schloß, und bald sahen die droben stehenden Frauen, wie er mit seinem Gefolge aus den Pforten trabte, den leuchtenden Goldhelm im Sternenschimmer zum ehrerbietigen Gruße neigte, und dann mit verhängten Zügeln in die nächtige Waldung hineinflog.

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