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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Sechstes Kapitel

Zu Anfang einer lauen Frühlingsnacht war Otto auf dem Verdeck eingeschlafen; es mochte schon fast gegen Morgen gehn, da weckten ihn einige kühle Seelüfte, über sein Gesicht hinstreifend, auf. Er richtete sich in die Höhe, vom hellsten Mondlicht umgossen, und eine Reihe schroffer, hoher Felsen starrte unfern des Schiffes gegen den tiefblauen Nachthimmel empor. Mächtige Buchenwälder rauschten auf der Steinberge Gipfeln, die Zinnen einzelner Warten und starke Bergtürme ragten hin und her zwischen den Bäumen und zwischen dem wilden Geklüft heraus. Adler, in den Klippen horstend, flogen rufend herunter, und über die Schiffe hin. Sehr schaurig war dem jungen Ritter zumut und doch so wohl. Er sang folgende Worte:

    »Wie ernste Sagen wehen
Von Sangesmund, so gehen
Mir Schauer aus und ein.
Uralte Wälder rauschen,
Mondlicht und Seeflut lauschen,
Das muß hier Norweg sein.«

Und hinter ihm erhub sich Arinbiörns Stimme:

    »Hier ist Norweg, hier wohnt Normann,
Hier ist wach die Luft der Waffen,
Skalde hier läßt Lieder hallen,
Die gelungnen Schwunges tönen,
Tönen von der Schönen Treumut,
Von der tapfern Fechter Taten;
Met glänzt lichthell, Herd glimmt traulich.
Grüß dich, grüß dich, liebes Norweg!«

Der Seeheld stand am Steuer, das Hauptschiff selbst dem geliebten Strand entgegenführend. Und schon waren sie einer kleinen Ebne am Fuß der Klippenberge nah, die Anker fielen, Arinbiörn sprang in voller Rüstung über Bord, und schwamm voll freudiger Ungeduld vollends hinan, und als die andern auf den Kähnen nachkamen, blies er schon gewaltige Töne aus seinem Waidhorn zu Gruß und Ankündigung gegen die Berge hinauf.

Oben in dem dichten Buchenforste ward es licht, wie von einzelnen Sternenfunken, und man konnte bald wahrnehmen, daß sich viele Fenster einer weitläufig herrlichen Burg mit Kerzenschein erhellten, das vorhin nur geahnte Gebäu in voller Pracht offenbarend. Zu gleicher Zeit hallte ein freudiges Hörnergetön zur Antwort herab, Rosse hörte man die Steinwege herunterkommen, und Waffen der Reitenden klingen; Arinbiörn zeigte fröhlich hinauf, und sagte zu Otto: »Das ist mein und meiner Väter uralter Wohnsitz. Du sollst viel Tüchtiges droben kennen lernen, lieber Waffengesell.«

Man hatte indes auch die Rosse aus den Fahrzeugen gebracht, und führte sie nun nach guter echter Reitersitte am Strande auf und ab, um ihre Glieder nach dem langen Stehn und der ungewohnten Reise wieder zu schmeidigen und zu kräftigen. Ottos Lichtbrauner taumelte, wie berauscht, und konnte den alten, unbändigen Mut noch gar nicht wiederfinden, während sich Arinbiörns Falber nach wenigen Augenblicken gänzlich erholt hatte, mit Seefahrten vielfach vertraut, und nun voll dreister Lustigkeit um den sonst gefürchteten Lichtbraunen hersprang und herwieherte, als wolle er seine jetzige Obermacht geltend machen.

Des Seekönigs Burgmannen waren die Höhe heruntergekommen, ihren Herrn und dessen Gast, wie auch den jungen Kolbein ehrerbietig, die eignen Waffengenossen mit lustiger Vertraulichkeit grüßend. Sie hatten Rosse für die Ritter mitgebracht, man sprengte jubelnd den Schloßweg empor, und trabte nach einer Viertelstunde durch das finster gewölbte, vielfach widerhallende Tor der Veste in den fackelhellen Burghof hinein.

Da trat aus einer dunkeln Seitenhalle, in welcher man tiefrote Kohlen glimmen sah, ein schwarzrußiger, großer Mensch von ritterlichem Anstande hervor, und bot dem Seekönig seine rechte Hand zum Gruße. Arinbiörn schlug freundlich ein, sprechend: »Guten Morgen, Asmundur, du gewaltiger Waffenschmied! Und hast du viel deiner herrlichen Arbeiten zustande gebracht, seit ich abwesend war?« – »Ich denke, ich habe manchem Feind seinen Tod geschmiedet«, entgegnete Asmundur, zuversichtlich mit dem Kopfe nickend. – »Ich bringe dir einen Freund hier, welcher deiner Kunst bedarf«, sagte Arinbiörn, indem er auf Otto zeigte. »Das köstliche Schwert an seiner Seite hab' ich ihm mit meiner Streitaxt zertrümmert, und ich meine, du sollst es ihm nun wieder zusammenschmieden, besser, als es jemals gewesen ist.« – »Ja, ob's auch der Mühe lohnt!« sprach Asmundur, »denn ebensoleicht könnt' ich ihm ein neues fertigen. Laßt mal sehn das Schwert.« – Otto zog die eine Hälfte aus der Scheide, und ließ die andre, nachschüttelnd, ihr folgen; der Kunstmann faßte beides in die Hände, und betrachtete es genau, dann rief er aus: »Ist der Mann, wie das Schwert, so haben alle zwei ihresgleichen kaum! Freilich, wen der Seekönig Arinbiörn mit sich bringt, und ihm die von mir gefertigte Streitaxt anvertraut, und ordentlich für ihn das Wort führt – der muß wohl ein tüchtiger Recke sein. Aber weil ich nur überhaupt für sehr wenige Leute schmiede, und einzig und allein für die Besten, möcht' ich doch lieber vorher noch ein oder die andre Waffenübung von ihm sehn.« – »Das sollst du gern, Asmundur«, entgegnete der Seekönig. »Er wird dir vollkommen G'nüge leisten. Aber du begreifst doch, daß er vor allem ein wenig ausruhen muß von seiner ersten Reise auf hohem Meer.« – Der tapfre Schmied neigte sein Haupt bejahend, und wollte in die Kohlenhalle zurücktreten, aber Otto rief aus: »Wozu erst ruhen? Das wär' ein jämmerlicher Kämpfer, dem ein bißchen ungewohntes Reisen so viel von seinen Kräften nähm'. Frisch auf! der Morgen funkelt schon so hell, daß er die Fackeln überflüssig macht. Weiß einer irgend eine hübsche Fechterübung, ich tu' ihm gern Bescheid.« – »Es ist nur«, sagte Arinbiörn, »daß du, als ein Ausländer, unsre Art und Weise noch nicht kennst.« – »Warum denn nicht?" rief Otto. »Mein Vater ist nicht also gar umsonst durch viele fremde Länder umhergereist. Er hat all ihre Kampfessitte wohl begriffen, und sie mir sorglich wieder beigebracht. Was sollt ich doch von euch nicht wissen? Meint ihr etwa euer Werfen mit den langen Speeren, von denen dort ein Haufen liegt?« – Und wie ein Ball flog er vom Roß, erfaßte einen Wurfspieß, und schleuderte ihn mit gewaltiger Schwingung sausend durch die Luft, daß er über den ganzen Burghof hin, tief in eine alte Rüster am fernsten Ende hineinfuhr. Das Staunen der Normänner nicht beachtend, sagte Otto: »Ihr müßt es nicht allzugenau nehmen mit diesem ersten Wurf. Ich bin ein wenig aus der Übung, und es ist nur, um euch zu zeigen, daß mir eure Kampfessitte nicht fremd ist.« – Da sahen sie alle den jungen Fremden für einen erkornen Heldensohn an, und einer um den andern wetteiferte, sich in der oder jener Übung mit ihm zu messen. So stieg der hohe Mittag herauf, und Otto ward nicht müde, zu ringen, oder Speere zu schleudern, oder mit zweihändigen stumpfen Schwertern zu fechten, und ebensowenig ermüdete Asmundur, dem jungen Siegesrecken zuzuschaun. Ja, endlich trat er ihm selbst gegenüber, sprechend: »Ich weiß wohl, daß du mich zwingen wirst, aber es muß eine Lust sein, so tapfre Schwertesschläge zu proben, als du sie austeilst, und dann auch möcht' ich dir gern zeigen, daß ich zwar vor allen Dingen ein Waffenschmied bin; aber ein nicht zu verachtender Waffenschwinger doch auch.« – Und es kam, wie Asmundur gesagt hatte. Viele Schwertschläge empfing er von Ottos gewaltigen Handen, und nach tapferm Widerstande flog die Wehr des rüstigen Schmieds neun Ellen weit über den Hof, und wie er sich nachher im Ringen auch tüchtig und kunstreich stemmte, taumelte er dennoch in den Sand; Otto, über ihm liegend, hielt ihm Arm und Beine regungslos fest. – »Laß los«, ächzte Asmundur, und während ihm Otto emporhalf, sagte er: »Noch heute zu Nacht schmied ich dir dein Heldenschwert, du Held, und zu Mittag, bei den Bechern, wollen wir nebeneinander sitzen, denn ich denke immer, du erliegst so wenig vor Met und Wein, als vor irgend einem Kriegsmann in der Welt.«

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