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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Fünftes Kapitel

Hoch auf der Nordsee fuhren die Schiffe Arinbiörns, geschart miteinander, vor den milden Hauchen eines günstigen Windes dahin; nichts als Himmel und Flut war zu schauen, und die Abendsonne sandte abschiednehmend ihre Strahlen, wie glühende Pfeile, über die leise bewegte Fläche. Otto saß auf dem Verdeck und sang, während der Seekönig, neben ihm stehend, sich in tiefen Gedanken an einen Mastbaum lehnte, zu der Zither folgendes Lied:

    »Ich gleit' auf glasigen Hügeln,
Auf grünem Spiegelschein,
Und mit den lauen Flügeln
Weht Südwind hintendrein.
Die weißen Segel alle
Dehnt er mit lindem Schwalle
Zu schöner Wölbung aus,
Und ihre luft'ge Halle
Wird blanker Krieger Haus.

    Mein Lieb, in Tales Schoße,
Am frischen Quellenrand,
Flicht Nelke, Lilg' und Rose
Zum bunten Blumenband.
O Lieb, wen willst du binden?
O Lieb, wen willst umwinden?
Dein Band reicht nicht zu mir;
Doch alle Bänder finden
Mich schon gebunden dir.

    Ich wollt', es träf' sich immer,
Daß du gedächtest mein,
Wenn deiner Hulden Schimmer
Mir all mein Herz nimmt ein.
Mit ahnendstillem Sinnen
Vernähmst du jetzt das Rinnen
Der Wellen kühl im Meer.
Mein Seufzen und mein Minnen
Flög' hin und deines her.«

Der Seekönig hatte sich während des Singens neben Otto niedergesetzt, und das Haupt war ihm in die vorgehaltne Hand gesunken. Endlich ließ er sich, wie von den kindlich weichen Tönen des Liedes umspült, nach und nach auf die Planken niedergleiten, und als die letzten Klänge verhallten, lag er lang ausgestreckt auf dem Verdeck, die Augen gegen den Himmel tränenfeucht emporgerichtet. – »Ich will dir einmal etwas erzählen, lieber Otto«, sagte er, »das vor deinem Singen in mir aufgewacht ist. Aber laß mich's so vollenden, wie ich jetzt liege, die Augen tief in das blaue Gezelt da droben hineingekehrt, denn da wird es dem Menschen so mild und tröstlich zu Sinne, und so vertrauend.« – »Es ist mir auch wohl früher oftmalen so zumute gewesen«, entgegnete Otto. »Desto besser«, sagte Arinbiörn, »und auf den Wogen gleitend ist es vorzüglich anmutig. Da hat man Himmel über sich, und Himmel unter sich, als schwebte man in einer unendlichen Kristallkugel mitten. Höre mir denn recht achtsam zu, und tue dein Herz auf, daß meine Worte drin wiederklingen.

Es war auf meinem ersten Feldzuge, da jagt' ich einen Bergfinn, der hatte vielmal vergebens auf mich die Armbrust abgedrückt, und wie er mich nun so ernstlich hinter sich drein sah, mocht' er denken, von Schonung sei doch wohl bei mir die Rede nicht. (Er hatte aber unrecht; ich war gar nicht erbittert, und wollte nur gern einen Gefangnen mit heimbringen.) Kurz, er stürzte sich in ein schroffes Klippental wie verzweifelt hinab. Ich weiß nicht, ob er den Hals gebrochen hat, oder nicht, denn ich konnte ihn weder lebend noch tot finden, suchte aber so lang in den Schluften umher, daß darüber die Nacht hereinbrach, und ich nicht mehr wußte, welchen Pfades ich zu meinen Gefährten zurück sollte. Der Schnee lag schon hoch im Gebirge, so daß ich mich nach einem Obdach umsehn mußte. Ich fand auch eine alte, ziemlich verfallne Warte, mitten im wildesten Gestein; es antwortete mir auf mein Rufen niemand von drinnen, müde war ich zum Umsinken, und so half ich mir denn im Dunkeln eine Wendeltreppe hinauf, öffnete eine Tür, an die ich oben im Herumtappen stieß, und nachdem ich mit meinem Schwert den Fußboden drinnen untersucht, und ihn sicher und haltbar gefunden hatte, legte ich mich ruhig zum Schlafen nieder. – Gegen Mitternacht wachte ich wieder auf; der Mond war durch die Wolken gebrochen, und sah lichthell zu einem Fenster herein, mir gegenüber etwas beleuchtend, das ich auch für ein Fenster hielt. Dahinter nahm ich ein prächtig geschmücktes Gemach wahr, und wie ich mich aufrichtete, funkelte ein Engelsbild von Fräulein darinnen. Ich will es dir nicht weiter beschreiben, Otto, wie es mit dem lichtbraunen, schlichtanliegenden Haar, mit den klaren, freundlichen Augen, mit dem feinlächelnden Munde, mit der unendlichen Anmut in jeglicher Bewegung des schlanken Leibes erschien, denn du wirst bald erfahren, daß du es auch schon mit Augen gesehn hast, und man kann so was überhaupt nicht beschreiben. Wie ich mich nun eilig erhebe, und sie begrüße, und mich bei ihr entschuldigen will, bemerkt sie mein Dasein gar nicht, aber nimmt eine Laute und fängt darauf zu spielen an, und doch höre ich in dieser Nähe, sechs Schritte von ihr, auch nicht einen einzigen Ton, sehe nur die länglichrunden Marmorfinger auf und nieder gleiten über das goldbesaitete Spiel. Und wie ich staunend näher und näher hinschaue, merke ich endlich, daß sie in gar keinem Gemache sitzt, sondern in einem blühenden Laubengarten, der eine weiße Rose neben ihr so wunderschlank und zart emportrieb, daß es mir vorkam, als versuche er es, auf seine blumige Weise ihr Bild zu entwerfen. Und zugleich kam ein Jüngling aus den Hecken hervor, der brachte ein Notenblatt, und hielt es ihr kniend entgegen, und sie sang daraus, wie man wohl an der lieblichen Bewegung des Mundes wahrnehmen konnte, und warf einen Blick auf ihn – ach Otto, wenn ich je einen solchen Blick von ihr gewinnen kann, bin ich der seligste Mensch auf Erden; kann ich es nicht, so gräm' ich mich zu Tode. – Nun trete ich näher, in Eifersucht und Sehnsucht über alles andre in der Welt weg, und wie ich hinkomme, stoß' ich an einen Spiegel, merkend, daß die Gestalten nur auf dessen Fläche leben, und ein wildes Gewirr und Gebrause beginnt sich drin zu empören, daß ich in fieberhafter Wallung zu taumeln anfange, und so, von einem seltsamen Entsetzen getrieben, hinunterschwanke die Treppe, hinaus in die Nacht, über Berge und Klippen fort, und mich des Morgens erst wieder besinne, als ich schon ganz nahe bei meinen Scharen bin. Hundertfach hab ich seitdem das Gebirg durchspäht, allein und auch mit Genossen, aber nie ist es mir gelungen, eine Spur des Turmes wieder zu entdecken.«

»Du hast wohl geträumt, Arinbiörn?« fragte Otto.

»Da hättest du was Klügeres sprechen können, Waffenbruder«, entgegnete der Seekönig mit einigem Unwillen, »bin ich denn so ein Bursch, der Traum und Wachen nicht mehr voneinander unterscheiden kann? Und vollends erst, wenn du vernehmen wirst, wie mir von Stund an ward. Das Fräuleinsbild kam nicht aus meinen Sinnen mehr; den Bund mit der Gerda verwarf ich, kaum sah ich überhaupt ein Weibsbild an, als um zu spähen, ob ich unter den Schönsten meine süße Herrin finden möchte, und ich fand sie nicht, und die andern galten mir allzusammen für nichts. Weil man aber doch gern benennen will, was man über alles liebt, und ich den rechten Namen der Holden nicht wußte, nannte ich sie nach der weißen Rose, die sich neben ihr aufgetankt hatte, Roselinde, und Roselinde ward mein Feldgeschrei zu mancher herrlichen Schlacht. Die Blumenschrift hatte mir auch nicht gelogen, vielmehr recht ordentlich des Bildes süßen Namen auf den Rand geschrieben, denn als ich an deinem verhängnisvollen Brautmahle den Saal betrat, sah ich zum ersten Male Folkos Schwesterlein, und sah in ihr mein seliges Spiegelbild; und ist nicht eine weiße Rose Blancheflour, und heißt das nicht auch zugleich Roselinde?«

»Da bist du nun wohl ein glücklicher Bräutigam?« fragte Otto.

»Nein«, sagte der Seekönig seufzend, »denn der Jüngling aus dem Spiegel saß auch mit an der Tafel und sie nannten ihn Meister Aleard; er sang auch einige hübsche Lieder, und es kam mir bisweilen vor, als strahle Blancheflour den holden Spiegelblick nach ihm hinüber, allein ganz flüchtig nur und ganz verschämt. Da hab' ich denn noch immer in bangen Zweifeln geschwiegen. O Gott, wenn's auf die Lieder ankäme, und Blancheflour sich lieber wollte ersingen lassen, als erfechten, ich reiste gern bis an der Welt Ende nach schönen Gesängen, und würd' ein milder Zitherschläger, aller zarten Wehmut voll –

Was schrein sie denn da von dem dritten Schiff?« rief er, und fuhr rasselnd in die Höhe. Ein Hauptmann trat heran, sprechend: »Ich soll Euch melden, Herr, daß dorten ein Fahrzeug segelt, und hat bewaffnet Volk an Bord. Dem ha'n wir zugerufen, es möge halten, und sich uns stellen, und sagen, ob da Feind sei oder Freund. Aber sie tun, als ging es sie nichts an, und setzen alle Segel bei, und arbeiten mit den Rudern gewaltig. Sie haben auch schon einen guten Vorsprung.« – »Habt ihr noch griechisch Feuer, von Konstantinopolis her?« fragte Arinbiörn, und sprach auf die bejahende Erwiderung fort: »So wickelt ein Paar Bolzen in Flachs und Werg, und tut solch Feuer dran, und schießt es den frechen Gesellen in ihren Bau. Wer nicht hören will, muß fühlen!«

Und gleich darauf flogen durch das tiefre Abenddunkel hin die Pfeilboten, wie kleine glühende Vögel nach dem verfemten Schiffe zu. Man konnte deutlich sehn, wie einige am Borde, einige an den Segeln hafteten, und alsbald fingen sie an zu flackern, und sich zu drehen, gleich wachsenden Sternen; dann schwamm bald hier, bald dort ein Sternenpaar in eins zusammen, und endlich, wie in lodernden Kranzgewinden, begann es von den Masten nach dem Borde herniederzuleuchten, vom Bord nach den Masten hinauf. Zusammen zischten plötzlich die Streifen und die Punkte allzumal, und das ganze Schiff war eine Glut. – »Nun rasch mit den Nachen zu Hülfe«, sagte Arinbiörn, »und fischt mir die Leute aus dem Meere heraus. Daß ja niemand Schaden nimmt: ich bind' es euch auf die Seele.«

Nicht lange nachher brachte man die Gefangnen an des Hauptschiffes Bord. Glücklicherweise waren sie alle gerettet, und man freute sich um so mehr darüber, da man alsbald an Tracht und Gestalt, und an den wenigen Waffen, welche die See nicht verschlungen hatte, wahrnahm, sie seien gleichfalls Normänner. Ein bildschöner, sehr jugendlicher Mensch ward als ihr Anführer vor den Seekönig geführt. – »Ei«, rief dieser bemitleidend aus, »Vetter Kolbein, warst du's? Das ist ja recht schade.« – »Ja freilich ist es recht schade um mein schönes Fahrzeug«, erwiderte der Jüngling trotzig, »und nie hätt' ich geglaubt, daß eben du, Arinbiörn, es mir verbrennen würdest.« Sehr ernst sagte der Seekönig: »Wer hieß dir's auch, dich auf das Meer hinauszumachen, bevor du recht mit dessen Sitten bekannt warst? Wenn größere Schiffe ein kleines anrufen, so hält es, und gibt Bescheid, sonst macht es sich auch Freunde zu Feinden. Du hast nun heut erfahren, wie wenig solche Keckheit dem Recht verwandt ist.« – »Davon sollten mich eure Flammenbolzen nicht eben überzeugt haben«, sprach Kolbein. »Aber weil du es sagst, ein so tapfrer, weltberühmter Seeheld, bin ich schon überzeugt, und bitte dich sehr um Vergebung, daß ich mich ungebührlich aufgeführt habe.« – »Hat nichts zu sagen«, entgegnete Arinbiörn. »Nun hast du dies Stück der Kriegskunst recht aus dem Grunde gelernt.« Sie schüttelten einander die Hände, und alle zusammen hielten ein höchst vergnügliches Mahl.

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