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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Viertes Kapitel

Der finstern Ahnungen unbewußt, welche sich um seinetwillen über des alten Herrn Hugh Sinne legten, ritt Otto an der Seite seines edlen Gefährten dem Frühling in jungfreudiger Hoffnung entgegen. Es war wohl nicht mehr so, wie als er das erstemal zu gleicher Jahreszeit in die Welt hineinzog, und an den blühenden Mainesufern hinter jeden Hügel einen Palast voll wundersamer Abenteuer und süßen Minneglücks zu finden dachte, in jedem Reitersmann einem bedeutsamen Freund, oder einem rühmlichen Feind entgegensah. Bisweilen kann ein Jahr den Menschen um sehr viel mehr, als um dreihundertfünfundsechzig Tage älter machen; und es war dem Ritter Otto also ergangen. Dennoch blieb er immer jung genug, um unter dem abgefallnen Laube seiner verwelkten Hoffnungen das Keimen neuer, ganz wunderschöner Blütenstauden zu ahnen, nicht nur, wie es ein jedweder treuer und verständiger Geist tut, für die Morgenröte, die niemals Nacht wird, sondern auch für den schwülen Mittag, den wir mit einer törichten Ausschließlichkeit Leben zu nennen gewohnt sind.

Die beiden jugendlichen Helden befanden sich bereits in den ostfriesischen Grenzmarken, und als sie einstmalen einen sanftbegrasten Hügel hinangeritten waren, dehnte sich plötzlich unfern von ihnen das Meer, in leuchtender Herrlichkeit, von tausendfachen Sonnenlichtern überblitzt, gleich einem endlosen Blumengarten, in immer wechselnder Gestaltung aus. Otto hatte das noch in seinem ganzen Leben nicht gesehn. Er breitete die Arme in schweigender Überraschung weit auseinander, als wolle er Meer und Erde mit gottähnlicher Liebe umfassen; dann stürmte er ein lautjubelndes Rufen in die herrliche Welt hinaus; dann stieg er still und bedächtig vom Pferde, und kniete zu einem schweigenden Gebet in das Gras. Wer schon des Meeres ansichtig geworden ist, und ungefähr ermessen kann, wie etwa so einem Ritterjüngling zumute sein mochte, wird sich über das alles nicht gar zu sehr verwundern.

Arinbiörn jubelte auch, während sein Falber die ihm wohlbekannte Seeluft anwieherte, aber das war kein staunendes Bewundern, sondern ein vertrauliches Grüßen, wie das eines Hirten, der zu seinem vieldurchweideten heimatlichen Anger aus fremden Landen wiederkehrt. Er sprang alsbald vom Rosse, sammelte Reisig und trockne Zweige aus einem nahen Gebüsch, und zündete auf dem Gipfel des Hügels ein lustiges Feuer an, das kaum mit seinem glutfarbigen Rauch in die Wolken emporgewirbelt war, als sich auch schon ein stattliches Schiff hinter einem umbüschten Eiland hervorsegelnd wahrnehmen ließ. – »Sieh da«, sagte der Seekönig, »meine Gefährten sind doch richtig bereits zur Stelle, und haben gut aufgepaßt.« – Und dann fuhr er gegen Otto, der sich vom Beten erhoben hatte, fort: »Das dorten, lieber Reisegesell, ist die buschige Insel, wo ich mit Heerdegen den Holmgang hielt, und hier auf einem der nächsten Hügel muß auch Frau Minnetrostens wunderliche Veste zu erblicken sein, davon Heerdegen und Bertha soviel schaurig Anmutiges zu sagen wußten.«

Mit sehnsüchtiger Rührung blickte Otto nach der Burg umher, welche er seit den Erzählungen jenes furchtbaren Siegs- und Verlobungsmahles so lieb gewonnen hatte; alle Worte, die ihm davon erklungen waren, lebten in seinem Herzen und riefen ihm oft in mächtigen Träumen das Bild der geheimnisreichen Pfalz mit ihren Lilienzinnen und der frommen Drude herauf. Er gedachte nun, an die magischen Pforten mit bescheidner Sitte anzuklopfen, hoffend, das selige Tönen aus den Hallen werde ihm hellgrüßend entgegenklingen, und wenn die weise Burgfrau über die blumigen Mauern herausblicke, möge sie ihn wohl freundlich grüßen, und ihm die Bahnen seines Lebens zu Tauglichkeit und Ehre vorzeichnen, da sie ja erkennen müsse, wie geweiht und wie teuer ihr ernstes Bild in seinem Herzen wohne. Er ward auch bald eines Gemäuers in der Nähe ansichtig, aber das sah viel anders aus, als er sich Frau Minnetrostens Veste dachte. Moosigverfallne Steinwände nickten baufällig nach dem Burggraben herunter, statt der Lilien wehten Nesseln und andres verwildertes Unkraut auf den Zinnen, und zwischendurch sah häßliches Geflügel mit den mißgestalten Schnäbeln frech hervor, und flog wieder ängstlich kreischend in die Höhe, als ein großer Fuchs oben auf der Mauer geschritten kam, und mit lauernden aber dreisten Tritten die Zinnen entlängst zog, als sei er der Burgvogt, und mache die Runde durch den menschenleeren Bau. – »Herr Gott, welch ein wüster, grauenvoller Anblick!« seufzte Otto, »das kann doch nimmermehr –?« Ihm erstarb das Wort im Munde, und der Seekönig antwortete auf die ungesprochene Frage: »Ich kann es mir freilich auch nicht denken, daß sie jemals da gewohnt haben sollte. Und doch, nach der Lage kommt es so heraus.«

Wie noch die beiden Ritter in staunender Betrachtung standen, war unvermerkt ein Bauer an ihre Seite getreten, der grüßte höflich, und sagte: »Ja, ja, ihr edlen Herrn, ihr seid wohl zwei Reisende aus fernen Gegenden, und habt in bessern Zeiten auf dieser selben Stelle gestanden? Ich kann's mir wohl so vorstellen. Frau Minnetrostens Burg, die ist es immer noch, aber Frau Minnetrost selbst ist weit von hier weg, und weiß kein Mensch wohin. Aus den Blumen sind böse Kräuter geworden, aus dem hellen See drinnen ein schnöder Sumpf, Bestien wohnen in den Sälen, und man will gar sagen, zur Nachtzeit auch böse Geister. Das kommt davon her, wenn der Mensch sein Machwerk mit dem Rücken ansieht, und das arme Ding nun allein bestehen soll. Dann ist nichts besser, als Einreißen, denn was wir vergängliche Würmer schaffen, ist auch vergängliches Ding, und hält man nicht immer Hand und Auge drob feste, so bricht's vor eignet Zwietracht in Stücken, wär's auch ein so herrlicher Bau, als der unsrer lieben Frau Minnetrost. Auch des Landes Friede bricht hinter ihr ein, denn seit dem Jahre, daß sie verschwunden ist, sind der Häuptlinge und der Untersassen Klingen nicht viel trocken geworden von gegenseitigem Blut. Ja, sie wollen gar behaupten, der tolle Seekönig Arinbiörn zeige sich wieder an den Küsten.«

»Daran haben sie gewissermaßen recht«, sagte der Seekönig lächelnd, »aber er tut Euch diesmalen nichts zuleid.«

»Nun, da danken wir's gewißlich dennoch der holden Frau Minnetrost!« rief der Bauer, und drückte die Mütze zwischen den gefaltnen Händen. »Denn ihr müßt nur wissen, daß sie uns so ganz und gar noch nicht verlassen hat. Zwei bis dreimal haben sie in den ersten Zeiten die Schiffer zu Nacht dorten an der Küste stehn sehn in weißen, wallenden Gewändern, und grüne Schleier drüber, wie es ihre gewohnte Tracht war, und ihre hellen Augen haben mondengleich geleuchtet, aber sie weinte mildiglich, und wand die Hände. Man glaubt, sie habe das Jungfräulein gesucht, das ehmals in der Burg hier bei ihr war. Denn mit den Schleiern winkte sie aufs weite Meer hinaus, und als dann niemand kam, ging sie verhüllten Hauptes fort, doch sah man deutlich, daß sie die Burg vermied. – Daß Gott! da ist schon wieder ein Fechten unten im Tale los; ich muß nur machen, daß ich meine Hämmel auf die Seite treibe, sonst reiten und treten sie mir das arme Vieh zu Mus.«

Er sprang in eiligen Sätzen den Hügel hinunter, und die beiden Ritter schwangen sich in den Sattel. Wirklich ließ sich unten ein Waffengeklirr und Streitesrufen vernehmen, und bald darauf staubten einige Scharen zu Roß und Fuß im Handgemenge vorbei.

»Es war mir vorhin, Reisegesell«, sprach Arinbiörn, »als hättest du Lust, Frau Minnetrostens Burg zu besuchen. Laß dich durch die Kerls hier nicht abhalten. Die wollen wir in einer halben Stunde so zur Ruhe bringen, daß sie Gott danken, wenn sie das Leben behalten, denn sieh, da segelt mein zweites Schiff auch schon heran, und die andern sind gewißlich allsamt nicht weit.«

»Nein, laß nur, Arinbiörn«, antwortete Otto. »Was sollt' ich in den Sälen, wo mir vielleicht eine Wölfin mit ihren Jungen entgegen heulte, und tät', als ob sie die Wirtin wär'? Oder wozu das garstige Geflügel aus den Kammern treiben? Und Frau Minnetrostens und Berthas Augen haben dorten geleuchtet, und ihre holden Reden geklungen. Es müßte ein greulicher Anblick sein, und man könnte drüber toll werden, so daß man die gräßlichen Bestien grüßte, als ob man die Frauen vor sich sähe, – wir wollen lieber nicht weiter daran denken, sondern eilig zu Schiff!«

»Du hast auch im Grunde sehr recht«, sagte der Seekönig, und somit trabten sie den Hügel hinunter an den Strand. Schlachtfertig geordnet standen dorten Arinbiörns riesige Seehelden in ihren verwunderlichen Waffen. Die Erlesensten aus der Schar, ehemals in der Normandie ihres Heerführers Begleiter, erkannten den Ritter von Trautwangen alsbald. Ein Flüstern ging durch die Glieder, das sich schnell zum lauten Jubelgeschrei verstärkte, und endlich in folgenden Sang ausbrach:

    »Flinker Fechter,
Folkos Bänd'ger,
Schallend mit Schilden grüßt dich die Nordlandsschar!
Rangst den Ring ab
Rasch 'nem Normann;
Siege mit uns mal! 's macht sich leichter noch.

    Schau, wie schäumig
Schwillt die Nordsee!
Lockt es dich nicht die lichte Ebn' entlängst?
Fahr', mein Fechter,
Frisch ins Meer aus!
Runter vom Roß! Aufs hölzerne Seeroß steig!«

Sie schlugen dazu gewaltig mit den Wurfspeeren auf die ungeheuern erzbeschlagenen Schilder, und Arinbiörn sagte freudig lächelnd zu seinem Gesellen: »Das ist die Nordlandsweise so. Kaum daß irgend Neues und Schönes geschieht, so tönen sie's gleich in einem Sange aus, der oft auf Kind und Kindeskinder erbt, und viel weiter fort, mit der Sage, weshalb er entstand, wie einfältig er auch verwöhnten Ohren klingen mag.«

Otto aber sprang erglühend vom Pferd, ging die Reihen durch, und schüttelte den künftigen Schlachtgenossen die kräftigen Fäuste. Wie sie ihn so anmutig sahen, und so voll ritterlicher Freundlichkeit, fielen ihm manche ungestüm um den Hals, und preßten ihn an sich, daß ihm der Küris hart auf die Schultern eindrang.

Man machte eiligst Anstalt zum Einschiffen der Rosse des Seekönigs und des jungen Ritters. Willig ging der Falbe auf das ihm wohlvertraute Element; aber Ottos Lichtbrauner stieg und hieb wie ein Ungetüm, und wäre sein Herr nicht immer beiher gegangen, rufend: »Gib dich ruhig, du Bursch!« es hätten einige Normänner ihr Leben drum lassen müssen, ehe man das gewaltige Roß an Bord gebracht hätte.

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