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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Drittes Kapitel

Möchtest du nicht einmal nach dem alten verlassenen Herrn Hugh einen Blick zurücke wenden, mein günstiger Leser? Der greise Mann sitzt so freudenlos auf seiner Burg, sein ganzes reiches Leben ist erblichen, und leichenartig hinter ihm abgefallen, denn von dem einzigen Sohne vernimmt er keine Kunde, nicht auch von Bertha, nicht von Heerdegen, und nur daß ihn der alte Heldensänger Walther bisweilen besucht, sonst wäre der einst so regsame Kriegsmann schon ganz und gar zum Rittereremiten worden, und seine graue Stammveste zur ritterlichen Einsiedelei. Bisweilen, wenn er so ganz allein in dem großen Saale sitzt, vergißt er sich wohl, und ruft: »Otto! Bertha!« – Und: »Otto! Bertha!« hallt's von den öden weitläufigen Bogengängen draußen zurück, und der alte Herr schüttelt den Kopf, und lächelt schmerzlich über sich selbst.

Eines Abends saß er mit Walther an dem runden Tisch, die silbernen Becher voll edlen rheinischen Weines zwischen ihnen; draußen rauschte ein Frühlingsregenguß in Strömen herab, als wollte er nimmer wieder aufhören. – »Rausch nur zu, rausch nur zu!« sagte der alte Herr Hugh, freundlich nach dem Fenster nickend. »So hältst du mir doch den wackern Meister Walther hier in der Burg, und ich trinke dir einen fröhlichen Gruß entgegen, du Himmelsgabe.« – Walther stieß klingend mit seinem Wirte an, erquickt durch den Strahl der Heiterkeit, welcher aus dem edel trüben Geiste hervorbrach, fast so, wie wenn man über eine neblige Wiese geht, meinend, sich verirrt zu haben, und die Sonne wirft plötzlich einen freudigen Schein dazwischen, und zeigt uns unter unsern Füßen die wohlbekannte, richtige Bahn. – »Fürwahr«, sprach der alte Herr Hugh weiter, »lieber Walther, Ihr seid mir recht nötig. Wir tragen wohl beide weißes Haar, aber auf eine ganz verschiedene Weise. Mir lastet es auf dem Kopfe, wie ein Busch bereiften Mooses, der zur Winterszeit auf einer verwitterten alten Bildsäule in die Höhe starrt; Euch läßt es wie eine zierliche Silberkappe, die Euch, zum Lohn für das lange Singen, von anmutigen Frauen mit weißen Händen aufgesetzt worden sei. O kommt doch nur öfter herein, Ihr lächelnder Gottesbote mit Eurer Liedergabe, und sänftigt mir den störrigen Sinn.«

Die beiden alten Leute schüttelten einander sehr gerührt die Hände, und wollten eben die Lippen auftun: der Sänger zu vertraulichen, längst zurückgehaltenen Fragen, der alte Herr Hugh zu eben solchen Erzählungen; da trat ein Reisiger in den Saal, und meldete, daß ein Pilger draußen in der Vorhalle sei, der in dem großen Regenwetter nicht tiefer in den Abend hineingehn könne, und um Obdach und Bewirtung anhalte. – »Der kommt recht ungelegen!« murmelte Herr Hugh, und sprach dann laut zu dem Reisigen: »Nun führ ihn herein, das versteht sich von selbsten, und absonderlich in diesem greulichen Unwetter. Schieb auch noch einen weichen Sessel an den Tisch, laß etwas zum Imbiß bringen, und mehr Wein, und einen silbernen Becher für den Fremden.« – Als der Reisige schon an der Saaltüre war, rief ihm der alte Ritter noch nach: »Hat der Pilger etwa gesagt, was er für ein Landsmann ist?« – »Ein Franzose«, antwortete der Reisige, und schritt hinaus. – »Nun seht«, sprach Walther begütigend, »wenn wir gestört werden sollten, war es doch gut, daß es durch einen Franzmann geschah. Der kann uns vielleicht was gutes Neues vom jungen Herrn Ott' von Trautwangen erzählen.« – »Neuigkeiten«, sagte der alte Herr Hugh sehr ernst, »taugen gewöhnlich auf dieser Erden nicht viel. Ich habe eine rechte Scheu vor Neuigkeiten, und vollends wenn's so einer gar nicht erwarten kann, und ängstlich auf der Jagd mit Fragen hintendrein ist. Deswegen laßt uns wenigstens dieses Torenspiel nicht treiben, und gebt mir Euer Wort drauf, ohne Forschen abzuwarten, was der Fremde kundgeben wird, und was nicht.« – »Recht gern«, sagte Walther, »wenn Euch ein Gefallen damit geschieht. Zudem mögt Ihr wohl mit dieser Abneigung überhaupt auf dem richtigen Wege sein. Für Freunde wenigstens, die Freunde besuchen wollen, gibt es wohl keinen unausstehlichern Gruß, als wenn der Wirt gleich nach dem ersten Händeschütteln anfängt: ›Und was gibt es denn Neues, lieber Herr?‹ – Und der Gast ist ja immer ein Freund, vorzüglich wenn er in Nacht und Regen kommt.« – Der Pilger trat zu der eichnen Tür herein.

Er war ein Mann, nicht alt, nicht jung, nicht ernst, nicht lustig, der nach Frankenart viel und geläufig sprach, und in zwar nicht wenigen, aber doch schnell herausgebrachten Worten zu verstehen gab, daß er ein wohlhabender Edelmann sei, und daß ein Gelübde, welches schon von seinem Vater geleistet worden, ihn zu der Pilgerfahrt zwinge, die er jetzt am besten im Schutze von König Löwenherzens Kreuzheer abzumachen hoffe, sonst, meinte er selbst, wäre er freiwillig wohl nicht aufs Pilgern gekommen. Der alte Herr Hugh hatte sich alsbald mit seinen Gedanken von diesem seichten Strome abgewandt; er saß ganz still vor sich hin, und trank Erinnerungen vergangner Tage aus dem Wein, mit stillfunkelnden Augen, wie er es zu tun pflegte, wenn er allein war, und Walther hatte seine Zither auf den Schoß genommen, sie zu einzelnen beweglichen, fast träumerischen Akkorden anregend, während der Fremde ganz ungehindert weiter sprach, und aß und trank, und die gastliche Wohlhabenheit seines Wirtes mit höflichen Worten pries.

Da geschah es endlich, daß der Pilger einen Namen nannte, der wie ein blitzähnliches Aufrütteln in die Gemüter der beiden alten Männer fuhr. Er sprach von dem großen Freiherrn von Montfaucon, und Herr Hugh sowohl, als auch der Heldensänger, wußten recht gut, wie nahe das mit Herrn Otto von Trautwangen zusammengeknüpft sei. Der starke Folko, erzählte der Fremde, habe im vorigen Herbst einen Zweikampf gehalten, um eines weltberühmten Ringes willen, mit einem jungen deutschen Helden, und sei darinnen ganz unerhörterweise erlegen; der Ruf von diesem Gefecht laufe wie ein zündender Feuerfunke das ganze Frankreich durch; alle Welt spreche von dem jugendlichen Deutschen, dessen Vornamen Otto heißen solle, aber dessen Zunamen er, der Erzähler, nicht gut auszusprechen wisse, weil dergleichen schwierig für französische Zungen sei. Dann berichtete er ausführlich den ganzen Hergang des Gefechtes zwischen Otto und Montfaucon, und Walther schlug die Saiten der Zither freudig und gewaltiglich dazu in der Melodie eines kriegerischen Marsches. Der alte Herr Hugh dagegen sahe nachdenklich aus, und es schien, als passe er recht sorgfältig am Ende jedes glücklichen Wortes auf dessen trübseligen Nachhall, welcher ja doch nun und nimmermehr ausbleiben dürfe. Da sagte denn auch endlich der Fremde: »Sie wollen freilich behaupten, der junge Deutsche habe das alles nur mit Hexenkraft errungen.« – Und Walthers Zither schwieg, und Herr Hugh faltete die Stirn noch dunkler, und nickte nach seinem Freunde hinüber, wie wenn einer sagen will: »Hab' ich's doch gedacht!« »Aber es glaubt kein Mensch mehr daran«, fuhr der Pilger fort, die Gemütsbewegungen seiner Hörer weiter nicht betrachtend. »Die größten und herrlichsten Ritter Frankreichs werfen jetzt auf Folkos und noch eines andern Helden Wort ihre Handschuhe wider jeden aus, der etwas Unheimliches von dem jungen deutschen Sieger behaupten will.«

Mit diesen erfreulichen Worten schloß der Fremde das reiche Maß seiner Erzählungen, wünschte den zwei greisen Männern eine ruhige Nacht, und schritt unter vielen Entschuldigungen, daß ihn die Müdigkeit so frühzeitig übermanne, einem vorleuchtenden Reisigen nach, aus der Tür.

Kaum war er fort, als Walther die Saiten seiner Zither schon wieder in freudigen Klängen schlug, und dazu sang:

    »Der junge Ott', der Reiche
An jedem Ritterwert,
Stand nicht auf Feindes Leiche,
Doch zwang des Feindes Schwert.
Laß nun den Neidhart sprechen
Von Zauberei hinfort!
Des Neidharts Lügen brechen
Vor edlen Feindes Wort!«

Der alte Herr Hugh winkte mit der Hand, und sagte: »Stimme keine Siegeslieder an, du getreuer Walther. Es weiß freilich niemand besser, als ich, daß Otto dem Montfaucon weit überlegen ist, denn so was läßt sich gleich in der ersten Jugend zweier Knaben beurteilen, und ich kenne sie beide gut, aber es sieht ein langer dunkler Schatten in Ottos Leben hinein, und den wirft meine feindlich riesige Bildung auf den verfinsterten Boden. Mußte doch gleich des armen Knaben frühester Ernstkampf den trüben Sieg über Heerdegen erringen. Ach Gott! Ach Gott! Ich bin sehr betrübt. – Frage mich nicht, Walther, wie das kommt, und laß uns schweigend zu Bette zu gehn.«

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