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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Zweites Kapitel

Die beginnende Morgenröte von den östlichen Bergen gegenüber warf eben ihre ersten Lichter in die Höhle, da fuhr Arinbiörn aus buntverworrenen Träumen erwachend auf. Weil er jedoch in dem rötlichen Schimmer einen engelschönen Jüngling neben sich sitzen sah, frühlingshell und mild, und gleichsam ihm zum freundlichen Wächter bestellt, so dachte er, es sei wohl nur wieder ein Traum, und schloß die Augen von neuem. Nicht lange aber, so rührte ihn die Hand des Jünglings leise an, und von seinen blühenden Lippen quollen die Worte: »Wollten wir denn nicht mit dem frühesten Morgen auf unsre Fahrt, mein edler Gesell?« Und Arinbiörn ermunterte sich vollends, und erkannte den jungen Ritter Trautwangen, mit zierlich geschornem und geordnetem Haupt- und Barthaar, zum Teil wieder in die Gewande jenes seltsamen Verlobungsfestes gekleidet, die zwar etwas verschossen und veraltet waren, sich aber mit unverminderter Anmut dem schlanken Leibe des Jünglings anschmiegten. – »Ei Gott, wie schön und herrlich Ihr geschaffen seid!« sprach der Seekönig mit freundlichem Lächeln, und die Hände zusammenschlagend. »Der Herr ist groß in seiner Kreatur, und Ihr habt sehr wohl getan, die rauhen Tierfelle, welche Gottes Ebenbild verstellten, wegzuschmeißen, und auch Euer Haar nicht mehr wuchern zu lassen, wie die Ranken eines wilden Forstes, sondern es zu ordnen und zu bezähmen, einem sonnigleuchtenden Garten gleich.« – »Wenn man wieder zu Menschen will«, sagte Otto, »muß man ja doch auch machen, daß man aussieht, wie ein Mensch. Ist es Euch jetzt gefällig, Euch von mir wappnen zu lassen? Nachher leistet Ihr mir wohl denselben Dienst.«

Es geschah nach Ottos Worten, und beide junge Helden standen einander alsbald, der eine goldleuchtend, der andre in ernster Silberschwärze funkelnd, als eherne Schlachtmänner gegenüber. Dann wurden die Rosse gesattelt und gezäumt. Arinbiörns Tier war bereits vor Ottos guter Pflege und seinen Heilkräutern fast gänzlich wieder genesen; und wie der Lichtbraune auf seines Herrn Rufen herangetrabt kam, schreckte es in Bangigkeit vor dem wilden Gegner zusammen. Aber Ritter Trautwangen bedräute seinen kühnen Schlachtgaul ernst, und er stand abermals wie eine Bildsäule still, ließ sich auch geduldig satteln und aufzäumen, obgleich man ihm wohl anmerken konnte, daß er dessen viele Monde durch ungewohnt worden war, und sich jetzt sehr darüber verwunderte.

»Ei, wie herrlich muß das Tier aussehen«, rief der Seekönig, »wenn es in rechter Wartung und Pflege steht! Schon jetzt mit seinem langen, rauhen Haar, mit seinen struppig wilden Mähnen leuchtet es so trefflich hervor. Ist es in seiner rechten Pracht, so darf es sich wohl ungescheut einem Stamme von Rossen zugesehen, die in meiner Heimat gezogen werden, und sonst nirgend ihresgleichen finden. Ja, ja! dieses muß wahrhaftig dazu gehören, denn lichtbraun sind sie auch, und zornig, wie dieser, und leiden keine andre, als sehr gewaltige Helden zu ihren Reitern.«

»Daß dieser Gaul so lichtbraun aussieht«, sagte Otto, »macht mir ihn ganz besonders lieb. Lichtbraun ist für mich eine recht englisch holde Farbe; meine selige Mutter hatte so große lichtbraune Augen, und weil der Himmel da herausblickte, kommt mir die ganze Farbe wie ein leuchtender Gruß des Himmels vor.«

Als nun alles fertig war, gürtete Otto seine beschlagne Schwertscheide um, ließ das eine Stück der zerbrochnen Klinge hineinfallen, und stieß alsdann das andre, welches den goldnen Heft noch an sich führte, darauf.

»Nein«, sagte Arinbiörn, »so waffenlos dürft Ihr mir nicht reisen. Da, nehmt meine Streitaxt, und kettet sie Euch an dem Sattel fest.«

»Waffenlos?« entgegnete Otto, »das bin ich mitnichten. Schneidet doch mein gebrochnes Schwert wohl immer noch besser, als manch ein unverletztes tut.«

»Ich bitt' Euch, nehmt dennoch die Streitaxt«, sagte der Seekönig, »haut Ihr noch Scharten in die Klinge, oder stoßt sie wohl gar am gebrochnem Ende rauh, so schmiedet sie sich nachher weit schwieriger vor den Zauberworten und Meisterkünsten eines Mannes zusammen, den ich Euch in Norwegen zeigen will, und der sie Euch wieder zurechtbringen soll.«

»Das ist ein andres«, sprach Otto, »und auf diese Weise nehm' ich Eure Streitaxt für geliehen an, bis mir der weise Meister Schmied wieder zu meiner eignen Waffe verholfen haben wird.«

Damit stiegen die beiden jungen Helden zu Pferde, und ritten mitsammen nordöstlich nach den aufblühenden Ebnen vom Ardennengebirge hinunter.

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