Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
Schließen

Navigation:

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Mit den Morgenlichtern des andern Tages regte sich ein vielfaches Treiben auf dem geräumigen, von frischem Rasen begrünten, von hohen Linden beschatteten Burghofe. Pfähle wurden eingerammt, und Balken darin eingefugt, zum Gitter, welches den Kampfplatz vor der zudringenden Menge sichern sollte, reiche Teppiche über die Verzäunung hingehängt. Im Runde selber luden einige Wagen feinen, sehr weißen Sand ab, und eine Menge von Knechten breitete ihn geebnet und sorgfältig aus, damit die Streitrosse festen Tritt fassen könnten, und sich freudig tummeln, ohne auf dem schlüpfrigen Rasen zu gleiten; auch, falls die Herren zum Fußkampf mit geschliffnen Schwertern kämen, die beerzten Fersen sichern Halt gewännen. Auf und ab gingen dabei Don Hernandez und Graf Vinciguerra, welchen man, schon gestern alles verabredend, die Oberaufsicht als Kampfesrichtern anvertraut hatte. Sie maßen den Rund, sie ordneten und bezeichneten die Stellen der Fechter zu gleicher Sonne und gleichem Wind, alles nach sehr reiflichem Erwägen. Für die Frauen ward eine hohe, herrliche Bühne erbaut, recht zwischen das Gezweig der alten Lindenbäume hinein, so daß sie mitten in der Beschattung und dem Schutze der dichten Blätter zu sitzen kamen, dennoch an der freien Aussicht über die Rennbahn ungehemmt, und wie himmlisch belebte Früchte anzusehn, oder vielmehr wie Engel aus Paradieseslauben hervor. Eine Menge von Zuschauern hatte sich bereits umher gesammelt, mit Ungeduld auf die Erscheinung der Helden und Herrinnen des schönen Todesfestes wartend.

In abgesonderten Gemächern wappneten sich indessen der Freiherr und Ritter Trautwangen. Um diesen war heute sein Gefährte Tebaldo mit großer Sorgfalt bemüht, und mit einer Weichmütigkeit, die an ihm selten zu finden war. Vom Adlerhelme an bis auf die goldnen Sporen sah er alles und jedes wohl zehnmal durch, und schnallte bald fester, und lüftete wieder bald, und fand es noch immer nicht gut genug für seinen Ritter und Freund. Dieser schaute ihn freundlich an, sprechend: »Ei, Diephold«, – mit diesem verdeutschten Namen pflegte er ihn in recht innigen Stunden am liebsten zu nennen, – »ei, Diephold, du tust ja so wehmütig besorgt, als wappnetest du mich zum letztenmal!« – »Das kann wohl sein, Ihr edler prophetischer Mund!« seufzte Tebaldo, und beugte sich über seines Ritters noch ungepanzerte Hand.

Da flogen die Türen auf, und glänzend geharnischt, blau leuchtend und gold, wie die sternige Nacht, vom ganz güldnen, noch ungeschloßnen Helm überstrahlt, trat herein der Freiherr Folko von Montfaucon, ein Knappe mit dem großen, funkelndem Schwerte ihm nach. – »Lieber Kampfgenoß«, sprach er den Ritter an, »wir haben verträglich zusammen gehalten, bis auf den heutigen Tag, und einander oftmalen vertrauend ins Antlitz gesehn. Nun aber trifft es sich wohl alsbald, oder kann sich doch wohl so treffen, daß nach dem Schließen unsrer Visiere nicht einer des andern Auge wieder schaut, zum mindestens lebend und ungebrochen nicht. Da komm' ich denn her, und will Euch noch einmal recht herzlich küssen, und beten wollen wir in der Kapelle vor dem Altar zusammen auch.« – Und weit breitete er seine Arme aus, und Otto stürzte liebevoll hinein, und die beiden ehrnen Männer drückten sich aneinander, als sollte die starre Hülle vor der Glut ihrer brüderlichen Freundschaft schmelzen. Draußen blies eine Trompete, und sie rissen sich schleunig los. – »Der erste Ruf!« sagte Folko. »Gürtet mir nun mein Schwert um, Ihr edler Gegner. Ich tu Euch alsdann den gleichen Dienst.« Es geschah nach des Freiherrn Begehr, und wie sie einander mit den herrlich leuchtenden Waffen umgürteten, erzählten sie sich, wie dem einen sein Stiefvater, dem andern sein Vater die goldgeschmückte Wehr zum erstenmal in die Hand gedrückt habe. Dann schritten sie Arm in Arm nach der Kapelle hinab, und knieten im stillen Gebete zu beiden Seiten des Altares, kampfmutig und liebevoll, bis die Trompete von neuem rief. Aufstehend sahen sie sich noch einmal sehr freundlich an, schlossen darauf die Helme und traten miteinander in den sonnenhellen Burghof hinaus.

Die Damen saßen bereits auf dem Balkone, und Folko sprach zu seinem Gefährten: »In den nördlichen Stammlanden meines Hauses haben sie ein Märchen von goldenen Äpfeln der Unsterblichkeit. Siehst du sie da droben, Gesell?« – Er hatte bloß etwas Zierliches und Erheiterndes sagen wollen, aber wie die Stimme dumpf aus dem geschloßnem Helme hervordrang, von keinem Lächeln des Mundes oder des Auges begleitet, starr und regungslos, vor dem Gesichte das kalt metallne Visier, klangen die Worte nicht wie ein artiges Spiel, sondern wie eine ernste Mahnung an den Tod. Die Ritter schüttelten sich die Hand, und gingen auseinander nach ihren Rossen. Indem sich der Freiherr linkshin seinem Silbergrauen nahte, flog sein edler Falke, von jener frühern Wunde Tebaldos fast geheilt, aus einem Fenster des Schlosses auf seines Herrn Goldhelm herab, und wollte von da nicht weichen, bis ihn Folko herunternahm. Dieser streichelte ihn freundlich, und gab ihn dann seinem Leibknappen auf die Faust, welcher die Samtdecke vor des treuen Vogels Augen zog und mit ihm von hinnen ging. Ein wunderliches Gemurmel erhob sich über dieses Begegnis im Kreise; die einen deuteten es für den Freiherrn als einen Siegesgruß aus, die anderen als des frommen Tieres Abschied und des Herren bittern Tod. Da stieß der Herold zum drittenmal in die Trompete, alles Sprechen ward still, die kampffertigen Helden ritten von zwei entgegengesetzten Seiten in die Bahn.

Und es erhob sich zu den Füßen des Balkons, wo die Damen saßen, Don Hernandez, prächtig geharnischt, mit offnem Helm, laut ausrufend: »Kund und zu wissen sei den Frauen und Rittern all, und wer noch sonsten hier biderbe Leute sind, daß mein Gefährt als Kampfesrichter hier, der Conte Alessandro Vinciguerra das Kästlein, welches den bestrittnen Ring bewahrt, in seinen Händen hält. Der Kampf mit Lanzen und geschliffnen Klingen, zu Roß und Fuß, steht beiden edlen Fechtern frei, und wer alsdann von ihnen sich dem Grafen Vinciguerra mit sittgem Gruße nahen kann, das Kästlein von ihm nehmen, es seiner Dame auf dem Balkone bringen, und ihr das Kleinod an den zarten Finger stecken, ohn' daß sein Gegner ihn vermag zu hindern, der hat gesiegt, und aller Streit ist ab und tot. Seid ihr's zufrieden so, ihr edle Herrn?«

Beide Fechter neigten die federgeschmückten Metallhäupter, zum Zeichen der Bejahung, und Hernandez ließ sich mit ernster Würde neben Alessandro nieder. Da lag eine tiefe Stille über der Versammlung, aber nur augenblicks, denn die Trompeten schmetterten von allen Seiten mit furchtbar hallendem Jubel, und die Zuschauer schreckten ineinander, und die beiden Fechter sprengten ihre schnaubenden, hellwiehernden Rosse an. Mitten auf der Kampfesbahn trafen sie zusammen, mit so entsetzlichem Geprassel, daß es den fortjubelnden Tusch der Trompeten überklang, und wie zwei riesige Bildsäulen fanden sich Silbergrauer und Lichtbrauner gegenüber, auf den Hinterbeinen, hauend mit den Vorderhufen, um sich im Gleichgewicht zu halten, nach dem ungeheuern Stoß, der die Lanzen beider Ritter in tausend Trümmern weit über den Rennplatz hinaus zerstäubt hatte. Fest saßen die Reiter, beide vornübergelegt, beide zum Sprunge nach vorwärts mit den Sporen stachelnd, aber nach kurzem Schwanken schlugen beide Rosse, unfähig, sich wieder in den rechten Schwung zu bringen, mit ihren Herren krachend rücküber in den Sand.

Ein Schrei des Entsetzens scholl vom Balkone, scholl von den Zuschauern rings im Kreise umher. Aber noch kaum war er verhallt, noch hatten die gestürzten Hengste sich nicht wieder erhoben, da waren die ringfertigen Kämpfer bereits unter der Wucht ihrer Rosse heraus, von Sattel und Bügel los, und liefen gezückten Schwertes nach der Stelle zu, wo Graf Alessandro Vinciguerra mit dem entscheidenden Kleinode Platz hielt. Bald aber bemerkend, daß keiner dem andern zur Erfüllung der Bedingungen Raum lassen würde, blieben sie sich gegenüber stehn, faßten die Klingen fest, und schritten dann gemessen, jedweder den Gegner im Auge behaltend, nach der Stelle zurück, wo sie gestürzt waren, und wo ihre Schilde noch lagen. Wie auf einem Ruf hatten sie zu gleicher Zeit die leuchtenden Ränder ergriffen, und jedem stand zur Seite sein Roß, denn die edlen Tiere hatten sich auch emporgeholfen, und waren ihren Herren hin und zurück gehorsam und dienstfreudig nachgetrabt. Beweglich aber war es anzusehn, wie des Freiherrn Silbergrauer, vom Zusammenstoßen am Vorderbuge verletzt, auf nur drei Füßen hinter seinem Ritter herhinkte, und nun im Stillstehen das gelähmte Bein weit von sich fort streckte, aber lustig dazu wieherte und mit den Nüstern schnob, die kriegerische Freudigkeit festhaltend, und die Treue, wie sehr die kriegerische Kraft auch schon verloren war. Otto, keinen Vorteil begehrend, und des treuen Rosses sich erbarmend, fragte: »Lassen wir die Streithengste aus der Bahn führen, mein edler Freiherr?« – Und Folko grüßte mit höflichem Dank, sprechend: »Nach Eurem Willen. Ihr tut, wie ich's von Anfang her von Euch gedacht.« – Man zog die Pferde aus den Schranken.

Aber kaum, daß die Ritter mit gehobnen Schildern, mit leuchtenden Klingen aufeinander zugeschritten waren, kaum daß ihre ersten Hiebe auf das tönende Erz der Helme und Rüstungen herunterrasselten, siehe, da flog – ungestüm die Knappen, welche ihn hielten, von der Seite schleudernd – Ottos Lichtbrauner über die hohen Schranken, und mit unbändigen Sätzen und freudigem Schlachtgewieher seinem Herrn zur Hülfe, grad' auf dessen Gegner los. Aber Otto rief Halt! und wandte sich gegen das Roß, es am Zügel fassend, und nach dem Ausgange der Schranken zurückführend. Dort übergab er es den Knappen wieder, sagte ihm mit ernstbedräuender Gebärde: »Sei stille, Bursch!« und regungslos stand es fortan, daß man der goldnen Zügel, um es zu halten, nicht mehr bedurfte.

Der Freiherr winkte dem zurückkommenden Otto einen freundlichen Gruß zu mit dem Schwerte, dann hob er es zu einem gewaltigen Hiebe, und der furchtbare Kampf begann aufs neue. Bald schmetterten die Streiche hageldicht hernieder, bald trafen die Fechter bloß mit den Schilden zusammen, sich hin und her drängend, und die Klingen ruhen lassend, bis irgend einer seine Gelegenheit zum Hauen ersah, und beide dann wieder mit schwirrenden Schwertern auseinanderflogen. Da fuhr endlich Folkos Klinge blitzschnell an Ottos linker Seite herunter, und des jungen Ritters Schildrand fiel halb zerspalten von seinem Arme. »Halt!« rief der Freiherr. Otto hielt, und fragte: »Seid Ihr wund, mein edler Gegner? Mir fehlt sonst nichts.« – »Euer Schild fehlt Euch«, entgegnete Montfaucon, »und auf dem meinen leuchten der goldne Balken und die goldne Kugel noch unversehrt, weshalben ich es auch weggeben will, denn ehrlicher Kampf heischt gleiche Waffen.« – Und er winkte seinen Leibknappen herbei, und reichte ihm das blau und goldne Schild zurück. Aber Otto wollte es nicht zugeben, da sagte der Freiherr sehr ernst: »Junger Degen, wollet diesmal eine freundliche Belehrung von mir ertragen. Ich bin ein Jahrer zwölfe länger unter den Waffen, als ihr, und weiß so ziemlich, was sich schickt. Hab' ich's von Euch mit Dank und Achtung angenommen, daß Ihr vorhin die Rosse aus den Schranken bringen hießt, weil meines wund geworden war, so denk ich, vergeht Ihr Euch Eurerseits nicht allzuviel, wenn Ihr von den Händen Folkos von Montfaucon eine ähnliche Gefälligkeit empfangt.« – »Ihr habt recht, mein edler Meister in allem Rittertum!« sprach Otto, sich ehrerbietig neigend, und der Leibknappe trug den glänzenden Schild hinaus.

Da ging das Fechten mit erneuter freudiger Inbrunst an, aber nicht lange, fuhr ein Hieb Ottos über Montfaucons linken Panzerärmel zwischen Halsberge und Küris hinein, so gewaltigen Schwunges, daß der rückgezogenen Klinge das frische Blut wie ein rosiger Springborn nachsprudelte, und Folko bald nachher zu wanken begann, sich mühsam stützend am Schwerte, und ehe noch Otto ihn auffangen konnte, zu Boden sank. Und mit ihm zugleich kniete auch Otto in den Sand, die Zuschauer meinten, von einer gleich heftigen Wunde schwach, aber bald sahen sie, daß er nur bemüht sei, dem gefällten Widersacher Helm und Halsberge und Küris zu lösen. Zu gleicher Hülfleistung war Blancheflour herbeigeeilt, und kniete von der andern Seite neben dem Freiherrn. Sie weinte schmerzlich, aber Otto sah ihr freundlich in die Augen, sprechend: »Gottlob! Er lebt, und die Brustwunde reicht nicht ans Herz.« – Weil nun auch eben Folko die Augen aufschlug, reichte Blancheflour dem Gegner über den blutenden Bruder hin mit dankbarem Lächeln für seinen Trost die Hand, welche Otto ehrfurchtsvoll küßte, und dann erst aufstand, vom Grafen Vinciguerra das Kästlein zu holen, und es hinaufzutragen auf den laubigen Balkon. Wie er jetzt hintrat unter das grüne Blättergezelt, und Gabriele mit himmlisch süßem Lächeln ihm entgegenschritt, und draußen die Trompeten jubelten, und Ritter und Sänger und alles Volk seinen Namen riefen, da sank er, wie von seligen Träumen umgaukelt, ins Knie, und während er Gabrielen den Wunderring an die schwanenweiße Hand steckte, brannte ein leiser Kuß auf des Überglücklichen Stirn.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.