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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

In einem frischen Buchenwalde, am Fuße des Schloßberges, hatte die Gesellschaft unter den breitschattigen Ästen Halt gemacht, um der anmutigen Herbstluft zu genießen, die abendlich durch die Waldung hinzog, während ein vorausgesandter Knappe nach der Burg hinaufeilte, die Ankunft des Herrn und seiner edlen Gäste zu verkünden. Aber kaum noch, daß man von den Rossen gestiegen war, und die Becher gefüllt hatte, so kam auch der Bote schon wieder eilig zurück, meldend, Fräulein Gabriele von Portamour seie bereits eingetroffen in der Burg, und auf ihr Begehr habe Fräulein Blancheflour, als die Wirtin des Kastells, befohlen, Vesperbrot und Abendessen hier unten im Forste zu bereiten, auch bewege sich der Zug, welcher die edlen Frauen geleite, schon den Hügel herab. Wirklich sah man es durch das Gezweige leuchten von blanken Waffen und silbernen Gerätschaften und reichen Gewanden. Der Freiherr von Montfaucon wandte sich an Don Hernandez und an den Grafen Vinciguerra bittend, daß sie einstweilen an der Spitze der ritterlichen und sangeskundigen Genossenschaft die Damen empfangen möchten. »Denn«, sagte er, »es ziemt sich, daß wir zwei Kämpfer zierlich und geschmückt vor der schönen Gabriele erscheinen, mehr, als es uns Reise und Überraschung jetzt im Augenblick gestatten würden.« – Und so schritt er mit Otto ein kleines Talgesträuch hinab; Tebaldo und ein Knappe des Freiherrn folgten.

Die jungen Degen wappneten und schmückten sich mit Eile und Fleiß. Sorgfältig wurden die Platten und Schienen abgerieben und geglättet, die Riemen fester geschnallt und versteckt, die Federn der Helmbüsche geordnet, die Feldbinden ausgestäubt und zierlicher umgelegt. Als beide ihre Helme auf die Häupter setzten, sahe Folko den jungen Ritter staunend an. – »Nun erst mit dem Adlervisier«, sagte er, »wird mir es recht kund, was mir an Eurer schwarzsilbernen Rüstung so wunderlich vorkam und doch so bekannt. Ist das nicht der Harnisch des Grafen Archimbald von Walbeck?« Und auf Ottos bejahende Antwort, fuhr er fort: »Ich werde Euch einmal bitten, mir ausführlicher zu erzählen, wie Ihr junge Ritterblume in dieses strenge Gewaffen hineinkommt, und Euch dagegen berichten, wieviel Seltsames ich vom Kämpfen mit einem silberschwarzen Adler geträumt habe. Der flog immer von Deutschland her den Rhein herüber, und pflückte mir mit bissigem Schnabel in einem Kranze, der auf meinen Scheiteln saß. Wenn ich dann vor meinem eignen Sträuben erwachte, sagte ich zu mir selber: Du müßtest an heiße Kämpfe mit Graf Archimbald von Walbeck glauben, doch den bindet ja sein Wort und schließt ihn vom Ringesabenteuer aus. Aber nun ist der Adler dennoch schlagfertig da. Folgt mir, mein junger Aar, die Damen warten. – Und alsbald schritten die beiden ritterlichen Genossen Hand in Hand den Abhang wieder hinauf.

Durch den Kreis, welchen oben holde Frauen und edle Herren und Meister geschlossen hatten, leuchtete Gabrielens Schönheit so wunderbar, daß Otto, seines Entscheidungskampfes und des seligen Preises bewußt, die Augen demütig zur Erde sinken ließ. Folko trat gegen das schöne Fräulein Portamour heran, sprechend: »Nie würd' ich es mir verzeihen, als ein saumseliger Wirt später zu erscheinen, denn ein so holder Gast, wenn es nicht noch unentschieden stände, wer hier Wirt und Gast überhaupt verbleiben soll. Wär' es Euch gefällig, so hielte sich dieser tapfre junge Deutsche, die Streitfrage zu entscheiden, bereit.«

Gabriele warf einen seltsamen Blick auf Otto. Es war bald, als zweifle sie an seiner jugendlichen Unerfahrenheit und am Erfolg, bald wieder, als gelte ihr eben diese Jugend und Arglosigkeit für einen helfenden Engel. – »Wart Ihr nicht jener Jüngling am Donaustrand?« – »Das war ich«, entgegnete Otto mit -leiser Stimme, »und stehe nun hier, mein Gelübde von damals zu lösen.« – Gabriele sah wohlgefällig, aber, wie es schien, noch immer zweifelnd auf ihn hin. Da trat Ritter Montfaucon wieder herzu, sprechend: »Dame, wollet diesen edlen Herrn zu Euerm Kämpfer erkiesen. Ich stehe nicht eben in dem Ruf, ohnmächtige Widersacher zu begehren. Diesen in den Schranken mir gegenüber hätt' ich gern.« – Und alsbald zog Fräulein Gabriele den zierlichen Handschuh von der schwanenweißen Hand, knüpfte ihn an Ritter Trautwangens Feldbinde fest, und sagte: »Mein Recht und meine Hoffnung bind' ich an Euer tapfres Schwert.« Dann mit gesenkter Stimme setzte sie hinzu: »Und Gabriele wird des Siegers Dank.« – Er gedachte zu antworten, da girrte es neben ihm, wie zarter Turteltaubenlaut. Und aufblickend sahe er eine wunderholde Gestalt an Ritter Folkos Schulter gelehnt, eine Gestalt, in der er nach der Beschreibung Fräulein Blancheflour erkannte, und nun von Herzen alles glaubte, was ihm der Freiherr von der unverwelklichen Schönheit seiner Mutter gesagt hatte. Blühte ja dieser Huldreiz noch über das Grab her in die Welt herein! Blancheflour aber neigte sich demütig gegen Gabriele, und flüsterte: »O, eine Bitte, edle Maid! Ich habe nur den einen, einen Bruder, und soll er denn bis an sein Lebensende für mein Ringlein fechten? Und nimmer ich des jungen Helden mit Gewißheit froh sein? O, laßt doch den jetzigen Zweikampf für immerdar entscheiden. Erliegt mein lieber Bruder, Herrin, ach, so ist der Ring ja Euer. Drum, wenn Eu'r Kämpfer fällt, so laßt auch Euern Anspruch fallen, ein für allemal. O bitte! Ihr seid der Großmut allzuvoll, um fort und fort so gar ungleiches Spiel zu spielen.« – Man konnte wohl sehn, daß Gabriele ein ernstes Streiten mit sich selbst bestand. Zuletzt aber schaute sie freundlich in die Höhe, und sagte: »Es sei! – Herr Ritter«, fuhr sie fort, gegen Trautwangen mit einer Mischung von Würde und Ängstlichkeit gewandt, »nun liegt mein ganzes Wohl und Weh in Eurer Hand und in Euerm kühnen Herzen.« – »O darf ich denn nicht noch in dieser Stunde fechten?« fuhr der begeisterte Otto auf. – »Nicht also«, sagte Gabriele ernst. »Ich kenne die Rüstung, die Ihr tragt, sehr wohl. Vielleicht ist sie bestimmt, in meinem Dienst mein frühres Unheil wiedergutzumachen, vielleicht, es zu vollenden. Doch wenn ich damals eilig war, zu dem unheilvollen Rennen, so will ich mich heute zügeln. Drum morgen, um die Mittagsstunde, fechtet auf dem Burgplatz. Und bis dahin von all den ernsten Angelegenheiten nichts. Vielmehr, – wenn ich hier irgend um etwas bitten darf – so gehe Fest und Spiel in sorgenfreier Lust vor uns auf.«

Folko neigte sich, und alsbald hatte er die Gesellschaft mit anmutiger Leichtigkeit unter den grünen Laubgewölben geordnet. Weine und Speisen wurden in köstlicher Mannigfaltigkeit umher gereicht, und dazu bald von dem, bald von jenem anmutige Lieder gesungen. Da erhob sich vielfach die Bitte, Fräulein Blancheflour möge das Lied von Abælard und Heloise mit irgendeinem der edlen Meister singen. Sie suchte sich dazu einen Jüngling von ihres Bruders Gefolge aus, der Meister Aleard geheißen war, und ihr Wechselgesang begann in folgenden Worten:

Blancheflour
              »Über Wald und Flur und Wiese
Streut der Abend Blumen aus;
Eine nennt man Heloise,
Doch die welkt allein im Strauß.
Klostergarten
Hält im harten
Zwinger dieses Blümleins Pracht;
Kann nicht fliegen,
Muß erliegen,
Sagt zum Leben: gute Nacht!«
Aleard
    »Lieber Gott, das Spätrot funkelt,
Nachtigall führt süßen Streit,
Lüfte kühlen, Abend dunkelt,
Ach, das war ja sonst die Zeit.
Still, du Locken!
Klosterglocken
Gehn den mahnend ernsten Gang.
Liebeszungen
Sind verklungen,
Was noch klingt, ist Leichensang.«
Blancheflour
»Willst hinaus du, Heloise?
Sehnst dich nach der blühnden Schar?«
Aleard
»Willst du über Feld und Wiese,
Wieder wandeln, Abælard?«
Beide
»Nein, der Erde
Grambeschwerde
Sagen wir fortan Ade!
Wer im Sinne
Klagt um Minne,
Dem tut Einsamkeit nicht weh.«
Blancheflour
Ȇber ferne Seen klingt es;
Kommt's von dir, mein Abælard?"
Aleard
»Über ferne Wälder singt es;
Heloise, tönst so klar?«
Beide
»Nachtigallen –
Lieder schallen,
Sagen schon dem Lenz Ade!
Klosterzelle,
Schleuß die Schwelle;
Mir tut Einsamkeit nicht weh.«

Es standen Tränen in manchen schönen Augen, ja, auch wohl an den Wimpern tapfrer Kriegshelden, so beweglich hatten Blancheflour und Aleard gesungen. Otto fühlte die Töne in seines Herzens Tiefen widerhallen; es kam ihm vor, als sei das ganze Lied auf ihn gemacht, so wenig es sich auch für seine gegenwärtige Lage schicken wollte, und er mußte immer heimlich bei sich selbst welche von den Schlußzeilen des Gesanges wiederholen. Herr Folko von Montfaucon sahe indessen finster vor sich nieder, viel anders, als man es sonst wohl von dem freundlichen Ritter gewohnt war. Endlich wandte er einen strengen Blick nach Fräulein Blancheflour hinüber, die soeben sehr angelegentlich mit Meister Aleard sprach, und sie kam eilig zu dem Bruder, und setzte sich neben ihn, und wich den ganzen Abend lang nicht mehr von ihm. Dagegen liebkosete ihr nun Folko auf das artigste und heiterste, tausend anmutige Dinge aussinnend, um sie zu ergötzen. Dennoch war es bisweilen, als perle in Blancheflours milden Augen ein helles Tränlein, und Meister Aleard wich unter die tiefsten Lauben des Forstes zurück.

Der Abend zog kühl über die Gegend, feuchte Nebel stiegen aus den gefaltnen Buchenblättern herauf, und man erhob sich, mit einem lustigen Marsche, nach der Burg emporwandelnd. Wunderlich schimmerten die Kerzen und Fackeln, welche der Gesellschaft leuchteten, auf dem vielfach gewundnen Bergpfade durch das hereinbrechende Dunkel.

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