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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Einundzwanzigstes Kapitel

Mit den frühesten Strahlen des andern Morgens brach die ganze zahlreich edle Gesellschaft nach der Normandie auf. Es war schön anzusehen, wie sie bald durch blühende Fluren, bald durch schattende Laubgänge oder Holzungen, bald über hellgrasige Wiesen miteinander dahin ritten, Kriegsleute und gelehrte Männer und geputzte Diener in glänzender Mischung, zwischendurch auf Saumrossen viel reiches Gepäcke und leuchtende Decken mit Gold- oder Silberfransen drüber. Zu den herrlichsten Gestalten gehörte Graf Alessandro Vinciguerra, der die vielfach bunten Farben seines Stammschildes von einem seidengewürkten Wappenrock prächtig durch die Luft hinstrahlen ließ; köstliche Perlenschnüre schlangen sich durch das farbige Spiel, und bildeten in mannigfachen Schwingungen bald artige, bald kriegrisch-kühne Sinnsprüche. Was aus den reichen Gewanden und Decken an Schienen und Platten hervorblickte, war vom reinsten, goldeingelegten Stahl, Federn von zahllosen Farben gaben sich auf des Grafen Barette den Winden zum Spiel, oder wallten ihm majestätisch den schlanken Rücken hinunter. Seltsam stach dagegen der edle Spanier Hernandez ab. Er hatte es sich nach Reisemanier bequem gemacht, und zog auf einem wunderschönen, sehr zierlich geschmückten Maultiere einher, keine andre Waffen zur Hand, als ein zierlich geformtes Schwert und eine kleine, glänzende Tartsche, beide an den samtbezogenen Sattel seines Tieres gehängt. Unfern von ihm aber führte ein Knappe den schnaubenden andalusischen Streithengst an goldnen Kettenzügeln, ein andrer auf einem Saumroß so herrlich leuchtendes Rittergewaffen, und so schön geordnetes, als man sich es nur irgend denken mag, den geschloßnem Helm mit seinen gewaltig wogenden Reiherfedern hoch oben darauf gebunden.

Der tapfre Freiherr und Otto ritten meist immer nebeneinander in mannigfache Gespräche vertieft, und sich gegenseitig mit jedem Augenblicke lieber gewinnend. So waren auch Folkos Silbergrauer und Trautwangens Lichtbrauner verträglich miteinander, so wenig dieser sonsten Friede mit fremden Rossen hielt. Von dem, was die edlen Feinde zusammen besprachen, sei es vergönnt, folgendes aufzuschreiben.

»Ich meinte kaum, Euch mehr in Frankreich zu finden«, sagte Otto einmal. »Am heiligen Grabe, dachte ich, müßten wir zusammentreffen, oder doch mindestens auf dem Wege dahin. Denn schlagen nicht alle großen Herzen Europas dem seligen Magnetsteine zu, welcher in der Grabesnacht, umwogt von heidnischen Gottlosigkeiten, seinen stillen, aber gewaltigen Zug zur Befreiung aussendet durch alle Welt? Und Euer Herz, mein hoher Widersacher, schlägt gewißlich mit den allerbesten in der Christenheit gleichen Takt. Wie ist denn Eure Schulter nicht rot bekreuzt?«

»Weil nicht nur der Heiland an seinem Grabe Fechter braucht«, entgegnete Montfaucon, »sondern auch mein König in seinem blühenden Reiche Barone. Eben weil mein edler Herr selbsten mit hinauszieht in die Morgenlande, begehrt er und gebeut, daß meinesgleichen zurückbleiben sollen, ihm den Erdengarten Frankreich zu hüten, während er den Gottesgarten Palästina erobert. Die Mohren in Spanien sind ja nicht so gar fern von hier, auch durch keinen Meeresarm von uns getrennt, und wenn sich tapfre kastilische Degen dawider anstemmen, müssen wir entweder unser edles Bollwerk verstärken helfen, oder uns selbsten vorkommen, wie müßige Feiglinge. Ich denke nächstens dorthin zu ziehen, mit dem tapfern Hernandez in Gesellschaft, und es kann sein auch mit Euch, dafern ich im Kampfe erliegen und ihn dennoch überleben sollte, denn als Sieger werdet ja auch Ihr ein französischer Vasall.« – Otto sah ihn fragend an, und der Freiherr fuhr fort: »Ich dachte, Ihr wüßtet schon, daß die schöne Gabriele von Portamour dem, welcher ihr den wundersamen Ring erstreitet, ihr wunderholdes Selbst als Eigentum verheißen hat. O wie Euch nun die Augen funkeln, Ihr hoffender Kämpfer!« – In der Tat leuchtete Ottos Seele von nie geahnter Freude, und doch mußte er wieder mehr als je an seinem Siege zweifeln, zweifeln, ob er leben werde bis zum Tage des Gefechtes, weil jenes Glück in allzu überraschender Herrlichkeit ihm entgegenstrahlte. Folko schien eine rechte Freude an der Begeisterung des Jünglings zu haben, und sah ihn wieder zugleich mit einer tiefen Wehmut an, vielleicht weil er bedenken mochte, daß den jungen Ritter diese Heldenglut eben jetzt seiner furchtbaren, schon manchem Gegner tödlichen Lanzenspitze entgegentreibe. Da suchten beide in unterschiedlichen Gesprächen zu vergessen, daß sie einander bald auf Tod und Leben zu treffen hatten, und als Otto den Freiherrn befragte, was er denn eigentlich von dem wunderbaren Ringeskleinod wisse, gab ihm dieser in folgenden Worten Kunde:

»Der Ring ist ein Erbteil meines Stiefvaters, eines sehr gewaltigen Kriegshelden, welcher Messire Huguenin geheißen war, und am Hofe unsers Königs in einem hohen Ansehn stand. Obgleich er als ein Fremder in das Land gekommen war, einige sagten vom Osten, andere vom hohen Norden her, hatte er sich doch viele große Lehen im Reiche zur Belohnung seiner tapfern Kriegstaten erworben, und zwar mit so uneingeschränktem Besitz, daß er sie hinterlassen durfte, wem er wollte, sei es Fräulein oder Ritter. Bei allen Festen des Hofes glänzend, war er in eine schöne Jungfrau entbrannt, der Tochter eines der ersten Häuser, hatte sich ihr verlobt, und ihr den wunderbaren Ring verheißen, welchen er mit aus den nordischen Wunderlanden gebracht haben soll, geheimen Zaubers stark. Auch sollte dies Kleinod der Besitzerin als Pfand gelten, auf die in Frankreich errungenen Lehen. Man will sogar das Fräulein mit dem köstlichen Goldreife bereits an Festen haben prunken sehn, doch kehrte er noch immer wieder in die Hände Messire Huguenins zurück.

Er reiste um diese Zeit in die Normandie, um seine schönen Burgen das erstemal zu sehen, und diese lagen dicht am Stammsitze unsres Hauses, wo meine Mutter einsam lebte, einzig beschäftigt, mich zu einem wackern Ritter, des Namens der Montfaucon nicht unwürdig, zu erziehen, und in ihrem verlaßnen Stande um so bedrängter, da ihre, es schien unverwelklich blühende, Schönheit noch immer die huldreichsten und jüngsten Frauenblumen des Landes überstrahlte, und von vielen, ihr allesamt lästigen Freiern nachgesucht ward. Ich erinnere mich noch wohl, wie der herrliche Messire Huguenin das erstemal auf unser Schloß geritten kam, wie mein ganzes Herz an der fürstlichen Gestaltung hing, und wie er so ritterlich artig, so fern und doch so sittig vertraut mit der Mutter sprach; denn ich war schon ein Knabe von mehr als zehn Jahren, und wohl fähig, den Unterschied zwischen ihm und unsern andern Nachbarn wahrzunehmen. Wenn ich nachher bisweilen so glücklich gewesen bin, edlen Frauen nicht zu mißfallen, mußt' ich mir immer sagen, daß ich die beste Sitte von Messire Huguenin erlernt habe, ohne dies Musterbild adligen Wesens doch je vollkommen erreichen zu können. Auch meiner schönen Mutter war er höchst anmutig und bedeutend gewesen, so wie dagegen ihre himmlische Erscheinung ihm jede andre Verbindung, als die mit ihr, unerträglich machte. Seine erste Sorge war nun, sich von dem frühern Verhältnisse mit jenem Fräulein loszuwinden, und die Scheu vor der Gunst des Königs gegen Huguenin sowohl, als vor des Ritters tapfern Arm zähmte die Verwandten der Dame dergestalt, daß alles im tiefen Frieden abging, der Ritter seinen Ring behielt, und meine Mutter erst lange nachher, als sie schon Huguenins Gattin war, das erste von dieser Verhandlung erfuhr.

Willig hatte die schöne Wittib ihr Leben und Glück, und was ihr weit höher am Herzen lag, die ritterliche Erziehung ihres Sohnes, dem ruhmvollen Messire Huguenin anvertraut. Wie die beiden erstgenannten, köstlichen Kleinode bei ihm aufgehoben sein mochten, weiß ich nicht, denn so herrlich die Rosenzeit seiner Liebe blühte, so kurz blühte sie auch. Kaum etwas über zwei Jahr, während welcher meine Stiefschwester Blancheflour, ein Abbild alles Huldreizes der schönen Mutter, geboren ward, lebte der prächtige Ritter Huguenin in unsrer Burg; dann zog er auf die See hinaus, und kam nimmermehr wieder. Zum besten seiner Seele und seiner Ehre laßt uns denken, ihn habe irgendwo ein schneller rühmlicher Tod erreicht. Meine Mutter vernahm nie wieder etwas von ihm, und je mehr er während jener kurzen Verbindung ihr Glück erhöht hatte, je sichrer zog er jetzt ihr schönes Leben in seine Dunkelheit nach. Wenige Jahre zehrte der Gram an ihrer Gesundheit; dann sank sie schmerzlich lächelnd in ihr stilles Grab.

Das andre Pfand, mich selbst und meine ritterliche Bildung, hatte er ehrlich bewahrt. Ernst und liebevoll, hoch und freundlich, einer winkenden Feuersäule vergleichbar, schritt er immer vor mir her. Des Tages über sprach er wenig mit mir, aber er zeigte mir in Waffenübung und Jagen und Reiterstücken desto mehr Treffliches und Ermunterndes. Des Abends quollen die Sagen und Geschichten uralter Zeit reichlich von seinen stolzen Lippen zu mir hernieder; wenig oder keine Ermahnungen dazwischen, aber er erzählte so, daß immer der Geist und die Schöpferkraft der Taten in freudiger Lieblichkeit dastand, mir gleichsam die Hand hinhaltend, daß ich einschlagen sollte zum glänzenden Bund. Und das tat ich denn im Herzen um so inniger, da ich wohl wußte, es erzähle mir das alles ein gewaltiger Held, der vielfach nicht mindere Dinge vollbracht habe, als die, von welchen er sprach. Ich war ihm auch, – das darf ich wohl ohne Prahlerei sagen, – in den zwei Jahren gut nachgewachsen, weshalb er mich am Abend vor seiner Abfahrt mit in sein Zimmer nahm, hinter uns abschloß und sagte: ›Folko, ich ziehe hinaus; auf wie lange, weiß Gott; mag sein, auf immer. Deine Augen sagen mir schon die Bitte an, daß ich dich mitnehmen soll in Kampf und Sieg, aber das geht nicht, weil ich dich noch zu was Höherm berufen habe. Du sollst mir hier bleiben, als Schirmvogt deiner Mutter und der kleinen Blancheflour, denn zählest du gleich nur dreizehn Jahr, so bist du doch an Geisteskraft und Waffenfertigkeit um ein halb Dutzend Jahre älter. Dazu hast du mich lieb, und die arme kleine Blancheflour auch. Die sollst du nun schützen bei dem wunderbaren Ringeskleinod, welches ich ihr hinterlasse, und das man ihr – ich sehe es voraus – von mancherlei Seiten her anfechten wird. Aber laß du es ihr nicht nehmen, mein junger Leue von Montfaucon, und sorge auch, wenn ihr beide größer werdet, daß sie dereinst deines Hauses Namen führen möge, denn der des meinen, zwar groß und gewaltig, ist nicht so bekannt hier im Reich, und rauscht fremd und unbehülflich in fränkische Ohren. – Willst du mir nun das alles versprechen?‹ – Ich schlug stolz und freudig ein, und habe mit Gott mein Wort ehrlich gehalten bis auf den heutigen Tag. – Messire Huguenins frühre Verlobte heiratete nachher den Ritter Portamour, und ward Gabrielens Mutter. Darauf hörte die schöne Gabriele, früh zur elternlosen Waise geworden, durch ihre Vormünder viel von ihren Rechten auf den Ring, nach welchem ihre arme Mutter in der Todesstunde gerufen haben soll, als nach einem ihr verlobten, teuern Eigentum, und da nahm das viele Fechten darum seinen Beginn. Wenn es Gottes Wille und Euer gutes Glück so ist, nimmt es heute oder morgen vielleicht sein Ende; denn seht, die Türme der Burg, wohin ich meine schöne Feindin geladen habe, ragen bereits über die Baumwipfel hervor.«

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