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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Zwanzigstes Kapitel

Es wurden viel Stimmen über die Begebenheit des alten Kriegsherrn Dimetri und des jungen Messer Donatello laut, und man hörte bald den Verliebten wegen seiner klugen Verschwiegenheit und Zurückhaltung preisen, bald Madonna Porzia loben, daß sie ein so feines Werben zu verstehen und zu würdigen gewußt habe, bald wieder alle Personen der Geschichte, selbst den Dimetri miteingeschlossen, glücklich nennen, weil ja doch jedem ein lang gehegter Wunsch erfüllt worden sei; kurz, man wußte des Lachens und der mannigfachen Bemerkungen kein Ziel zu finden.

Herr Folko von Montfaucon ließ während dessen die freundlich leuchtenden Augen mit achtsamer Wirtlichkeit um die Tafel kreisen, und weil es ihm vorkam, als sitze Otto in trüben und verdrießlichen Gedanken da, vermeinte er, ihn aufzuheitern, und ihn der Gesellschaft bekannter zu machen, indem er sagte: »Mein edler deutscher Gast, Ihr hört, wie man bald dies bald jenes an der Geschichte des Grafen Alessandro lobt; was dünkt nun Euch das Preisenswürdigste dabei zu sein? Und findet Ihr's am Ritter oder an der Dame?«

Mit dunkelglühenden Augen, mit tiefer Stimme und einem strengen Aussehen, das seltsam gegen die witzige Lustigkeit der Gesellschaft abstach, erwiderte Otto: »Ich weiß nicht, ob an solchem Ritter oder an solcher Dame auf irgendeine Art das mindeste zu preisen sein kann. Wenn Ihr mich frügt, bei welchem von beiden das Abscheulichste, Schmachwürdigste und Teufelmäßigste zu finden sei, hätt' ich wohl eher eine Antwort, und auch alsdann würde mir die Wahl schwer fallen! Pfui! Hat über all ihr Verdienst der rühmliche Kriegsheld die glatte Puppe gewählt, hat seine Ehr' in ihre Hand gelegt, ihr vertrauend, daß sie den edlen Friedensabend seines tapfern Lebens mit frommen Lichtern der Lieb und Herzigkeit und Treue bestrahlen werde, und sieht die schlechte Kreatur von ihrer hohen Bestimmung weg nach leckern Buhlen aus! – Pfui! Mag es dem zierlich nichtstuerischen Burschen gelingen, daß ihn der alte Held gern um sich hat – eine Ehre, davor einem rechten Kerl das Herz aufhüpfen müßte vor Lust – und braucht er's nur, ihm seine Fallen desto listiger zu stellen! Gibt sich mit Meuchelmördern ab! Warum nicht lieber gar mit Giftmischern auch! Und endlich rettet ihn der alte Kampfesfürst im Ernst, wie er's mit jenem frevelhaft gespielt, braucht treu und brav für ihn, vielleicht zum letztenmale, das ruhmgekränzte Schwert, und statt vor Scham in die Erde zu sinken – erlaßt mir, liebe Herrn, die Müh, es weiter auseinanderzusetzen. Ich habe schon länger hingeschaut, als es gesunden Augen zuträglich sein mag.«

Es war still geworden an der Tafel, auf vielen Wangen brannte eine hohe Schamröte, von der sich auch der Graf Alessandro Vinciguerra übergossen fühlte. Doch gedachte er sich daraus hervorzureißen, sprechend: »Ihr nehmt die Sache zu streng, mein edler alemannischer Ritter. Aus Euerem Gesichtspunkte mögt Ihr recht haben, aber verurteilt und verdammt mir nicht meine glühenden Landsleute von Eurer Seite der Alpen herüber, wir sind anders als ihr, darum muß es auch anders zugehn bei uns, als bei Euch.« – »Gibt's denn Gesichtspunkte, oder wie Ihr's nennen wollt, in solchen Dingen?« fragte Otto, »ich weiß doch gewiß, man will auf jener Seite der Alpen ebenso ungern zur Hölle fahren, als auf unsrer; und zur Hölle führt der Weg, den Eure Geschichte lehrt, darauf könnt Ihr Euch verlassen.

Es lag bei diesen Worten ein Ernst, ein Fernsinn alles Bösen, und zugleich eine stille Kindlichkeit auf Ottos Zügen, wie man es wohl auf Engelköpfen altdeutscher oder altitalischer Meister antrifft; ein leiser Schauer, eine Ahnung der maßlosen Ewigkeit zog durch die Versammlung, der stolze Vinciguerra brachte kein Auge mehr vom Boden. Hernandez hingegen war unbemerkt aufgestanden, und hatte sich hinter Ottos Stuhl gestellt. Er klopfte ihm freundlich auf die Schulter, und sich umwendend, traf der junge Ritter auf einen freudig liebevollen Lichtstrom aus des Castiliers Augen.

Nach einem langen Schweigen erhob sich der Freiherr von Montfaucon von seinem Sitze, und sprach zu dem jungen Deutschen: »Herr Ritter, Ihr habt uns allesamt beschämt, aber Ihr habt uns auch allesamt auf den rechten Weg geholfen, denn Ihr klangt es heraus, wie eine reine Kirchenglocke, was Christ und Ritterschaft gebeut. Nehmt meinen inbrünstigen Dank; ich erkenne Euch für das edelste Juwel in dieser Burg.« Und damit neigte er sich ernst vor ihm, und alle die Ritter und Meister standen auf und taten das gleiche.

Ottos Wangen leuchteten hell in sittiger Verlegenheit. – »Liebe Herren«, sagte er, »ich denke, ihr neigt euch vor dem lieben Gott und nicht vor mir, und so ist es denn sehr gut. Wär' es anders, ich unbedeutender Ritterjüngling dürft' es ja nimmermehr verstatten.«

»Wir bitten um Euern Namen, edler Herr«, sagte der Freiherr, »und um die Geschichte Eueres Lebens.«

»Daß mein Leben erst noch eine Geschichte bekommen wird, und welche es bekommt«, erwiderte Otto, »liegt mit auf Euerm Schwertgriff, mein edler Wirt. Gedenkt Ihr noch des Knappen am Donaustrande, zur Stund', als Ihr den starken Grafen Archimbald von Walbeck fälltet? Ich habe nun die goldnen Sporen, und die drei flachen Klingenschläge auch.«

»Wohl, Ritter, und Ihr kommt nach Gabrielens Ring?« fragte Montfaucon. – Mit höflich bejahender Verbeugung senkte Otto sein Haupt. – »Zu Euern Diensten«, sagte Folko freundlich, und fuhr dann, zu der Gesellschaft gewendet, fort: »Ihr Herren, der junge deutsche Ritter hat euch keine Geschichte erzählt, aber er wird euch eine sehn lassen, wenn ihr ihm und mir die Ehre erzeigen wollt, uns Morgen auf eine meiner Burgen in der Normandie, wohin ich die wunderschöne Gabriele von Portamour einladen will, zu begleiten, und dorten unsre Kampfeszeugen zu sein.« – Er sagte darauf, wie er mit Otto früher bei der Veste Trautwangen zusammengetroffen sei, und was jetzt zwischen ihnen bevorstehe, zugleich auch, daß die Burg, wo man nun vor Gabrielens Augen fechten wolle, der Hauptsitz jener Herrschaften sei, auf welche der bestrittene Ring ein ausschließliches Recht erteile, so daß die schöne Herrin nicht zögern werde, sich dorten einzufinden. Alle Anwesenden hatten schon die Einladung angenommen, da ging Otto mit bescheidner Anmut im Kreise umher, dankend, daß eine so hohe Versammlung zuschauen wolle, wie seine fast tatenlose Jugend durch einen Kampf mit dem großen Folko von Montfaucon geehrt werde. Jedes Herz schlug dem freundlichen Jüngling entgegen, und Alessandro Vinciguerra küßte ihn herzlich, ausrufend. »Wahrhaftig, wenn das Schicksal meinen Übermut mit einem strengen Hofmeister und Prediger dämpfen wollte, konnte es mir doch in der weiten Welt keinen lieblichern und treuherzigern zusenden, als diesen hier!«

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