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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Siebzehntes Kapitel

Einige Zeit, nachdem sich die letzterzählten Begebenheiten an dem Strande der Nordsee zugetragen, saßen Otto und Tebaldo in der Mitte des schönen Landes Frankreich unter den Schatten eines tiefdunkeln Forstes auf schwellendem Rasen beieinander. Die Sonne stand hoch am wolkenleeren Himmel, und schickte, ohne die Kühlung zu unterbrechen, nur heiter spielende Lichtlein durch das saftgrüne Laubengezweig. Die Rosse der beiden Gefährten graseten friedlich nebeneinander, denn des Ritters lichtbrauner Hengst hatte sowohl den gelben Polacken als dessen Herrn auf der langen Reise kennengelernt, und tat keinem von ihnen mehr etwas zuleide. Während nun Otto in ernsthaften Gedanken rückwärts gelehnt durch das Waldesgrün emporblickte nach dem Himmelblau, ergriff Tebaldo eine zierliche Mandoline, welche er immer mit sich zu führen pflegte, stimmte sie, und sang mit anmutiger Stimme folgende Worte zu seinem Spiel:

»Die Lande fliehn, die Reise schwingt die Flügel,
Im süßen Schwindel saust man durch die Lüfte,
Umkränzung immer neu, und nie Begrenzung!
Gehabt euch wohl, entschwundne Seen und Hügel,
Seid schön gegrüßt, ihr fern geahnten Düfte,
Einfassend ihr der Gegenwart Umglänzung!
O Wechsel, gaukelnd Kind der zart'sten Feien,
Führt endlos fort den lust'gen Lebensreihen!«

»Nein, ich kann dir dein Lied nicht nachsingen!« fuhr Otto aus seinem tiefen Sinnen auf, und Tebaldo entgegnete lächelnd: »Wer verlangt denn das auch von Euch? Singt ein anders. Die wenigsten Menschen können einerlei Lieder singen, kaum einerlei Lieder vertragen, weshalben es eben so viele Sänger und Dichter gibt, und geben muß.«

»Ich mag gar nicht singen«, sagte Otto. »Die Sehnsucht in mir überschwillt das holde Maß, in welchem sie ein tönend Meer des Liedes wird. Sag' mir, Tebaldo, ist es nicht unbegreiflich, daß man zwei so leuchtenden Gestalten, als Folko und Gabriele, zweien Namen, denen das ganze Frankreich zum Echo dient, noch immer vergeblich nachziehen kann, wenn man so lange und so eifrig bemüht ist, sie zu suchen, als wir?«

»Eben die vielen Spiegel, draus sie widerleuchten«, erwiderte Tebaldo lachend, »eben die zahllosen Echos, die von ihnen widerklingen, machen uns irre, und unsre Bemühungen zunicht. Sind die beiden nicht etwa schon ganz geworden, wie Erscheinungen aus der alten Sagenzeit, von deren wundervollen Taten jedermann erzählt, was ihm am wundervollsten vorkommt, und sich berechtigt glaubt, auf ihre Rechnung zu lügen, was er sich irgend erdenken kann? Sie sind gewissermaßen schon bei ihren Lebzeiten vergöttert, und eben deshalb auf Erden nicht mehr gut ausfindig zu machen.«

»Du willst mich zu lachen machen«, sagte Otto, »aber gib mir die Mandoline. Ich will doch lieber ein Lied singen.«

»Seht Ihr nun wohl?« sprach Tebaldo, ihm das Instrument hinreichend. »Ach ja, singt, lieber Ritter, singt. Gesang ist wahrlich der reinste Engel, der sich in unsre Welt herein verfliegt. Es müßte denn den Düften einmal einfallen, Paradies spielen zu wollen, die nehmen's wohl mit jenem auf.«

Otto rührte die Saiten und sang folgendes Lied:

    »Vöglein dort im klaren Blauen,
Zeigt mir an
Rechte Bahn,
Wo sie führt zu meiner Frauen!
Ach, ihr fliegt so kreuz und quer
Irr umher,
Habt sie selbst noch nicht gefunden;
Bang' im Leib
Unterm bunten Federkleid
Tragt auch ihr der Sehnsucht Wunden.«

»Es ist seltsam«, sagte der Italiener, als Otto schwieg, »wenn Ihr deutsch redet und vollends etwas ungestüm, scheinen sich diese Bäume und Gräser und Gewässer ordentlich zu verwundern, ja wohl gar ein wenig zu erschrecken; aber so wie Ihr singt, ist alles wieder gut, und sie schauen ganz befreundet drein. Und seht einmal, was sie Euch jetzo gar, wie zur Belohnung, Wundervolles und Schönes bescheren wollen.«

Die Augen emporrichtend, sahe Otto, daß auf einem schlanken weißen Pferd ein junger Mann durch die Hainesschatten geritten kam. Er trug ein faltiges grünes Sängerkleid, und eine prächtige Goldkette darüber, an der ihm die blanke Zither vor der Brust herunterhing. Er spielte während des Reitens darauf, denn das Rößlein war so artig und wohlgezogen, daß es ordentlich den tiefer hängenden Zweigen aus dem Wege zu gehen suchte, damit sein Reiter nicht dadurch in seiner anmutigen Beschäftigung gestört wurde. Angekommen bei den Reisenden, fragte der Fremde: »Wart ihr es, die eben so ergötzlich gesungen habt?« Und auf Ottos höflich bejahende Antwort stieg er ab, sprechend: »So erlaubt, daß ich mich ein wenig zu euch setze. Gleich und gleich gesellt sich gern.« – Damit nahm er seinem Pferde das Hauptgestell ab, und ließ es über die frische Waldwiese hinlaufen. Alsbald kam Ottos Streithengst herbei, und stellte sich kampfheischend dem fremden Weidegesellen gegenüber, daß davor das zarte Tier erschrak, und Schirm suchend zu seinem Herrn zurücktrabte. Otto aber rief den zornigen Lichtbraunen mit strengen Worten an, und sogleich begab er sich ruhig zu dem Polacken, worauf denn des Sängers Rößlein wieder dreist ward, und sich in allerlei zierlichen Sprüngen auf dem Anger ergötzte.

»Wir ziehen vielleicht eines Weges«, sagte der freundliche Fremde, »ja ich hoffe es sogar stark. Denn wo ich jetzt einen geharnischten Ritter erblicke, kann ich mir immer nichts anders einbilden, als er reise nach Osten in das heilige Land.« – »Leider ist es mit mir nicht so«, entgegnete Otto mit einem flüchtigen Erröten, »aber es ist nicht meine Schuld. Ein gegebnes Wort treibt mich immer weiter gegen Abend fort, so sehr auch mein Herz der erquickenden Sonne des Orients entgegenschlägt.« – »Schade!« sagte der Sänger. »Es hätte hübsch sein müssen, in eurer Gesellschaft zu reisen. Aber so wie die Sache steht, habt ihr vollkommen recht. Gegebnes Wort ist heilig Pfand, und es wär' ein schlechter Gottesdienst, das Heiligste im Stich zu lassen, um dem Heiligen zu dienen. Wollt Ihr aber nicht für jetzt noch etwas singen?« – »Ich weiß nicht«, sagte Otto, »aber Ihr habt mir mit dem Gedanken an das Morgenland das Herz so schwer gemacht. Ich könnte jetzt nichts Ordentliches singen, oder doch wenigstens was Erfreuliches nicht. Viel lieber hörte ich von Euch ein Lied.« – »Ja«, sagte der Fremde, »ich weiß auch eben von nichts anderm zu singen, als vom Morgenland. Wenn Ihr mich aber hören wollt, so hört.« – Darauf schlug er die Saiten, und sang mit wundersüßer Stimme folgende Worte:

    »Was bebt durch diese grünen Räume?
Was rauscht durch diese blaue Luft?
Was sagt ihr zueinander, Bäume?
Welch ferne Kunde bringst du, Duft?

    Es klingt wie Jammer aus der Ferne,
Es hallt wie tiefer Seufzerlaut,
Es ist ein Weh, doch hört man's gerne,
Und hegt's, wie eine kranke Braut.

    Ach Gott, wer hätt' es nicht verstanden,
In dem ein christlich Herze schlägt!
Seht ihr den Frevel in den Landen,
Wo man den Herrn ins Grab gelegt?

    Die einen haben ihn erschlagen,
Die andern schwelgen um sein Grab;
Für jenes haben wir nur Klagen,
Für dieses Kling' und Lanzenstab.

    Wenn Schmerzenlaut von dorther tönet,
Horch, wie von hier Trompete klingt,
Schau, wie mit rotem Kreuz verschönet,
Der Ritter sich in Bügel schwingt!

    Sieh Wellen sich an Wellen schließen,
Und allesamt von blankem Stahl,
Den Speerwald sieh zusammenschießen,
Und jeder Zweig ist Gottes Wahl.

    Wir wären lange schon gekommen,
Wir meinten's längst im Sinne gut,
Doch fehlt' es am Panier den Frommen,
Und blöd und einzeln schwieg der Mut.

    Jetzt tönt ein freud'ger Sang von allen,
Steigt zuversichtlich himmelwärts;
Panier, Panier, wir sehn dich wallen,
Bist König Richard Löwenherz!«

Ottos Wangen brannten, er wäre um alles gern mit dem wunderbaren Sänger dem königlichen Kreuzpaniere nachgezogen in das Morgenland, und er wollte eben seinen Mund auftun, den Fremden zu befragen, ob er nicht etwa vernommen habe, daß der Freiherr Folko von Montfaucon mitziehe an das heilige Grab; dann wäre jede einzelne Fehde zur Ruh' bis nach der Fahrt, und ihr Weg und ihr Kämpfen gemeinschaftlich das Glorwürdigste und Seligste auf der ganzen Welt. Aber noch ehe er fragen konnte, trabten einige Kriegsleute durch den Wald heran, sprachen ehrerbietig mit dem Sänger, zäumten nach seinem Gebote das weiße Rößlein wieder auf, und alsbald ritt er mit ihnen, Otto und Tebaldo freundlich grüßend, durch das frische Gezweig davon. – »Wer war der Herr?« fragte Otto einen Kriegsknecht, der sich etwas verzögert hatte. – »Ei«, entgegnete dieser, »es ist der berühmte Meister Blondel, der beste Minstrel in allen englischen Landen, und König Richard Löwenherzens Busenfreund, deshalben er auch dem heiligen Lande zureiset mit unserm großen Heere. Der hat uns ihn als Begleitung zugeordnet, wenn der Meister unterweges hin und her zieht, in freundlicher Neubegier, wie es der edlen Sänger heitre Weise ist. Gehabt euch wohl, ihr Herren!«

Und damit sprengte er dem lustigen Zuge nach, den man noch fernherüber durch den Wald scherzen und singen hörte.

»Kommt es dir nicht vor«, sagte Otto nach einem langen Schweigen zu Tebaldo, »als ob uns fast immer die besten Freuden und Kräfte des Lebens nur hohnneckend ins Gesicht sähen, ohne uns jemals den Weg zum rechten Genusse zeigen zu wollen? Oder, weil du so gar verdrießlich zu meinen Worten aussiehst, laß mich lieber die Sprachweise verändern, und statt: uns sagen: mir. Es ist doch ein ordentlich boshaftes Spiel, daß ich nun heute erblicken muß, und ganz nahe bei, was mir das Allerschönste und Höchste dünkt auf der ganzen Welt, und daß mich dennoch ein fremdes Treiben an der Kette meines heiligen Wortes so unaufhaltsam abwärts reißt.«

»Ich hätte im Grunde mehr zu klagen, als Ihr«, entgegnete auf eine ziemlich mürrische Weise Tebaldo. »Denn seht nur an, mein edler Herr, wenn Ihr törichte Versprechungen getan habt, habe ich sie meines Wissens nicht mitgetan, und wäre jetzo doch sehr gern nach Jerusalem hinausgezogen.«

»Verlasse mich nur immer, Tebaldo,« sagte Otto weichmütig, »ich habe viel verlassen, und muß deshalben schon gut daran gewöhnt sein.«

Da sah ihn Tebaldo sehr freundlich an, und sprach gerührt: »Nein, Gott bewahre mich vor dergleichen. Aber laßt die Lamenten sein, und seht wieder hinauf ins Himmelblau. Wie da Wolke und Zweig und Vogelflug durcheinander spielt! Ich dächte, es müßte Heilkraft für alles Weh der Erden aus dem freudigen Gewimmel herunter regnen.«

Otto schaute empor, und sprach: »Du hast recht; auch mir vertreibt nichts besser das Grämeln, und alles Nichtsnutzige, als der Hinaufblick in die rege, sonnenblaue Halle über uns.«

Und wie nun die Jünglinge schon eine geraume Zeit auf den Rasen hingestreckt lagen, die Augen nach dem klaren Himmelsmantel gerichtet, siehe, da zog ein wunderbar schöner Edelfalk, wie ein Schnellsegler im Wolkenmeer, freudig über sie fort, in solcher Höhe, daß die schon tiefer stehende Sonne ihm Schwingen und Leib von unten mit ihrem leuchtendsten Glührot bestrahlte. Freudig fuhr Otto auf, und rief und lockte nach Jägerweise das ritterliche Tier. Aber der Falk schwebte nicht zu ihm herab. Wohl sahe man, daß er sein Rufen vernahm, und eines edlen Waidmanns Stimme erkannte, denn er zog seine luftigen Bahnen wohlgefällig um den Jüngling her, doch auf ein Locken, fernher aus dem Forste, schlug er seine Schwingen rüstig zusammen, und schoß mit Pfeilesschnelle nach jener Gegend hin. Man sah, er hatte den rechten Meister gehört. – »Ich bin froh, daß er fort ist«, sagte Tebaldo, »mir ist nichts mehr in der Seele zuwider, als so ein räubrischer Kerl mit krummgebognem, hakenartigem Schnabel, mit gräßlich funkelndem Auge, mit den spitzbübischen Krallenfingern an seinen Beinen. Wie könnt Ihr nur irgend Lust an ihm finden?« – »Wie du es sagst«, entgegnete Otto, »könnte man sich jegliches Tier zum Abscheu machen. Ich aber hege alle Tierchen gern; und vollends so ein Falke! So klug und treu!« – »Klug ist der Teufel auch«, sagte Tebaldo, »und wenn Ihr das Treue nennt, sich mit seinen spitzen Krallen überall fest anzuhäkeln, so kann er das eben so gut.« – »Du bist wohl noch nie auf eine Falkenjagd mitgeritten?« fragte Otto. – »Es gehört zu den Vorurteilen des Ritterstandes«, entgegnete Tebaldo, »dergleichen für eine Ergötzlichkeit auszugeben.« – »Nein, sage das nicht«, rief Otto aus, »ein Leben ist's, wie auf Himmel und Erden zugleich: über uns der geflügelte Jäger, unter uns ein windschnell jagendes Roß, durch die grünen Matten dahinwirbelnd, gedreht von der Eil das wolkige Zelt, der Lüfte freudiges Rauschen durch unser Haar, der Gesellen jubelnder Waldruf um uns her – und endlich bannt der zaubrische Falk seinen Feind, und in Kreisen wogt und schwebt und leuchtet er über ihm, und nun, und nun« –

Tebaldos Bogen klang, und Otto, aus seiner Rede aufgeschreckt, blickte umher, da schwebte eben der Edelfalke taumelnden Flugs, einen Bolzen in der Schwinge, stark blutend und ganz wie ohnmächtig nach der andern Seite des Waldes davon. – »Wer hieß dich verletzen, was mich freut?« rief der junge Ritter flammenden Blicks. – »War es denn Euer Falke?« fragte Tebaldo. »Und wenn Ihr die Tierlein alle gern hegt, wie Ihr vor kurzem spracht, so solltet Ihr froh sein, daß mein Schuß ein armes, scheues Gefieder errettet hat, welches sich jetzt eben vor dem hochmütigen Räuber in jenen Gebüschen barg.« »Du bist nicht zum Richter gesetzt über des Adlers Reich«, sagte Otto mißmutig, worauf Tebaldo entgegnete: »Doch immer eben so gut, als Ihr oder ein andrer zum Jäger darin.«

Die jungen Männer aber wurden in ihrem beginnenden Streit durch die Dazwischenkunft eines Dritten gestört.

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