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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Erster Teil

Erstes Kapitel

In dem gesegneten Schwabenlande, hart an den Ufern des Donaustroms, liegt eine schöne Aue, darauf sich einstmalen im Monat Mai, just als die letzten Sonnenstrahlen von den Blumen Abschied nehmen wollten, ein junger Knappe erging, der Otto von Trautwangen geheißen war. Von seines Vaters, Herrn Hugh von Trautwangens Veste, die unweit auf einem hohen Berge stand, pflegte er oftmals in diese anmutige Gegend zu kommen, bald sich mit der Angel im Strom ergötzend, bald auch mit Bolzen nach Zielen schießend, die er sich von mancherlei wunderlichen Gestalten, als Drachen, Hexen, Kobolden mit grellen Farben ausgemalt hatte, und dann hier auf der grünen Ebne hinstellte, wo er sicher war, niemanden unversehens zu beschädigen. Heute nun lagen Armbrust und Bolzen bei ihm im Grase, und er ließ die Angel ruhig auf dem glatten Wasserspiegel hin und her schwimmen, wohl mehr als ein leichtes Gedankenspiel, als um des Fischefangens willen. Es mochte nicht einmal ein Würmchen am Haken sitzen. Da kam Bertha von Lichtenried gegangen, seines Vaters Nichte, und mit ihm von frühester Kindheit an auf der Burg erzogen. Die setzte sich neben ihn auf dem Rasen, und fragte ihn halb neckend und halb in lieber Besorgnis, wovon er denn so gar anmutig träume? Er wußte es selbst nicht recht zu sagen, und wußte es noch minder, seit ihn des Mühmleins holdes Gesichtchen aus dem Wasser anlächelte. Es sahe gar zu schön aus den Fluten heraus; sie mochte wohl das gleiche bei ihm finden, denn sie lächelte unverwandt auf seinen Widerschein hin, und so besprachen sich die zwei holden Kinder wie im Spiegel miteinander. Nachdem sich Otto eine Weile besonnen hatte, fiel ihm ein, daß er zuerst durch den Anblick eines Pilgers im rotbekreuzten Mantel, der jenseits des Flusses vorübergezogen war, so nachdenklich geworden sei. Er erzählte der Jungfrau davon, und wie es ihm besonders feierlich vorgekommen sei, daß der Wallbruder immer so ganz grade aus auf seinen Weg geblickt habe, nicht zur Rechten, nicht zur Linken, wie von ganz unbezwinglicher Sehnsucht fortgezogen, so daß man nicht einmal wissen könne, ob Alter, ob Demut, ob heißes Sehnen nach dem Ziele sein Haupt so vornüber gebogen halte. Dann fing er an zu sagen, wie es doch so eigen und herrlich sein möge, wenn man fern über Land und Strom und See etwas wisse, das einem unendlich und über alles teuer sei, und wie auf solchen Wanderungen nicht sowohl das Wandern eine Plage sein müsse, als nur das böse Ausruhn ganz allein. – »Du willst doch nicht etwa so wandern?« fragte die Jungfrau mit zuversichtlichem Lächeln. – »Behüt!« entgegnete der Jüngling. »Mir sind die Wiesenmatten hier mein Ziel, oder vielmehr mein Zauberring; es sei dann Sach', daß du sie jemals verließest, mein wunderschönes Mühmlein.« – Bertha errötete so hell, daß es im Wasser aussah, als habe sich ein Sternlein darin entzündet, und sie sagte zu ihrem Vetter: »Weil du denn so ganz gewißlich bleibst, darf man wohl mit dem Abschiede spaßen. Laß uns einmal das Trennungsliedlein singen, das der alte Meister Walther gedichtet hat. Da wird's einem nachher noch heimlicher und wohler, daß man nicht voneinander braucht. « – Und Otto begann folgendergestalt zu singen:

            »Du Heimat süße,
Du lieber Ort,
Ich grüß' dich, grüße
Mit bitterm Wort.
Mein bittres Wort das heißt: Ade!
Das schlimmste von allen Dingen,
Denn weil ich dich nicht fürder seh',
Macht's Tränenquellen springen.«

Bertha antwortete:

    »Du böse Ferne,
Du glatte Bahn.
Dir folgt' ich gerne,
Doch geht's nicht an.
Denn ach, es heißt Ade! Ade!
Jungfrau muß einsam warten,
Und gießt mit ihrer Augen Weh
Die Blümchen an im Garten.«

Sie hörten auf, zu singen, denn es kam ein großer Zug von Pilgerleuten jenseit des Stromes vorbei, und zwar in so mannigfacher Gestaltung, daß die jungen Leute ihr ganzes Aufmerken dorthin kehrten. In der Mitte des Gewimmels ragten schöne Frauen auf prächtigen Maultieren hervor, und zu ihrer Hut gingen dicht neben ihnen Kriegsmänner mit großen Hallebarten. Dann zeichneten sich wieder einige Pilgrime aus, denen man, trotz ihrer grauen Kleider und Muschelhauben, ansah, daß sie vom Hofe kamen, indem eine gewisse vornehm-sittige Zierlichkeit sie verriet und seltsam gegen einen ganzen Haufen bäurischen Volkes abstach, welcher sich um sie her und zwischen sie durch drängte. Doch wurden darunter auch anständige Bürgersleute sichtbar, mit festem, ehrsamem Wesen, und Maler und Sänger in ihrer Zahl, wie es das mitgeführte Kunstgerät anzeigte, womit sie auch jenseit des Meeres, unmittelbar an den heiligen Leidensstätten, Gott und ihrem Heiland zu dienen verhofften. Endlich kamen auch einige Ritter auf schönen Hengsten, im vollen blanken Harnisch, und nur an den rotbekreuzten Schultern als Pilgersleute kennbar. Als eben der Zug der beiden gegenüber war, fingen die Frauen an, folgende Worte zu singen:

    »Nach Morgen hin, nach Morgen!
Im dunkeln Abend laßt daheim die Sorgen!
Der Morgen funkelt hell.
Da predigen süße Blumen
Von Christi Heiligtumen,
Da singt der Kidrons-Quell.
Da ist die Herd in Vaters Schoß geborgen,
Da wächst nur frommer Mut;
Stirbt einer, stirbt er gut;
Nach Morgen, Schwestern, Brüder, auf nach Morgen!«

Sie sangen so schön und freudig, daß es war, als wolle die Sonne vor dem heiter sehnenden Liede noch einmal im funkelnden Spätrot wieder aufgehn, und ihnen zu Gefallen Morgen aus Abend machen. Als nun die holden Töne langsam und feierlich verhallt waren, fielen die Ritter mit einer lustigen Kriegsweise ein. Die Bewaffneten, welche die Damen geleiteten, sangen mit, und ein Trompeter, hinter den Rittern herreitend, blies abgebrochene gewaltig schmetternde Töne dazu. Die Worte des Gesanges klangen etwa folgendermaßen:

    »Sarazene, mußt nicht wetzen
Dein gebognes Schwert;
Sarazene, magst dich letzen
Mit dem eignen Herd.
Mußt nun bald von hinnen!
Magst dir wohl gewinnen
Tief in Asia neues Land;
Vom gelobten wirst verbannt.

    Löwenherz, ein Königsritter,
Tat viel ernsten Schwur,
Kommt, befruchtendes Gewitter,
Bald zur heil'gen Flur.
Dann, wo Christ gelitten,
Wird ein Kampf gestritten;
Wer da fällt, hat Gloria,
Wer da lebt, Victoria!«

Der Zug war vorüber, die jungen Leute schwiegen noch immer, bis endlich Otto mit glühenden Wangen sagte: »Es ist wahr, der König Richard von England, den sie seiner Tapferkeit und Großmut wegen Löwenherz nennen, hat einen Kreuzzug angelobt. Der Vater und Meister Walther redeten noch vorgestern abend davon. O Gott, was wird das ein herrlicher Krieg werden!« – Bertha seufzte und sprach: »Wenn du immer so lebhaft von Krieg und Fortreisen anfängst, sobald nur irgend etwas vorbeizieht, hab ich kaum den Mut mehr, das Liedlein vom Abschied weiter zu singen.« – »Ach, sei kein Kind!« sagte der Jüngling lächelnd, »es ist ja noch gar nicht die Rede von irgend dergleichen. Gib nur hübsch auf deine Stimme acht; du weißt, nun singen wir beide zusammen.«

Es war aber, als sollten sie das Lied heute durchaus nicht zu Ende bringen, denn eben, als sie das letzte Verslein anfangen wollten, ließ sich hinter ihnen ein Geräusch auf der Aue vernehmen, wie von vielen Rossen, und sie wandten sich eilig darnach hin.

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