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Friedrich de la Motte Fouqué: Der Zauberring - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Rauberring
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1984
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05335-9
titleDer Zauberring
pages5-450
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1813
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Sechzehntes Kapitel

Erwachend fand sie sich auf dem Rasen liegen, ihren Bruder neben sich kniend, und mit ängstlicher Sorgfalt um sie beschäftigt. Noch immer tönte ein verworren wildes Geräusch in ihr Ohr. Sie richtete sich in die Höhe, und sah, daß es staubig und waffenblitzend auf dem festen Lande tose, von welchem sie durch einen Arm des Meeres geschieden war. Der Nachen schaukelte sich angelegt zu ihren Füßen.

»Gottlob, daß wir auf der Insel sind!« sagte sie zu ihrem Bruder, und Heerdegen erwiderte: »Ja freilich ist es recht gut. Denn vor dem wilden Donnern und Stürmen von der Mondesburg herab, hat sich das ganze Land in Waffen erhoben, teils um die Drude, welche sie gefährdet glauben, zu retten, teils um den eigenen Grimm, dieweil es ja selbst vom Sitze des Friedens hertoset, desto ungehinderter gegeneinander austosen zu lassen. Das ist nun fürder dort kein Wohnungsplatz für zarte Fräulein mehr, und wir müssen trachten, wie wir weiter von hinnen kommen.« – »Warum denn von hinnen?« fragte Bertha, »Warum denn von diesem Eilande weg? Hier blühet gewißlich Frieden und Liebe und Versöhnung, und alles, was man nur auf Erden wünschen kann. Folge mir nur, ich weiß Bescheid.« Und damit schritt sie in die tiefgrünen Schatten der Gebüsche hinein; überzeugt, sie müsse Otto und seine Siedlerhütte finden, der frühern Gaukelei ihrer Wünsche gemäß, welche sie mit den weissagenden Gebilden des Spiegels verwechselte. Heerdegen mochte wohl glauben, sie habe wirklich ein geheimes, wohltätiges Wissen mit aus der Burg gebracht, und ging ihr staunend nach in die Verschlingungen des unwirtbaren Forstes hinein.

Aber da sahen sie nichts von geebneten Gängen, nichts von zierlich gepflegten und geordneten Blumen, nichts überhaupt, was den Sinn und die Hand einsam sehnender Liebe verraten hätte. Eifriger und erhitzter drang Bertha vor; sie stand fast im Begriff, nach Otto zu rufen, nur daß Scham und Furcht vor dem Bruder ihre Zunge band. Während dessen wanden die Gezweige der Bäume sich immer dunkler zusammen, die Wurzeln liefen wilder und kühner über den feuchten Boden hin, Schlangen und andre Untiere raschelten, von den ungewohnten Menschentritten erschreckt, scheu durch das hohe Gras. Da blitzte schon das Meer von der andern Seite wieder herdurch, und seinen Strand ereilend fand Bertha nur eine noch wildere Gegend, wo auf alten Runensteinen und Grabhügeln die Abendsonne ihre Scheidelichter wehmütig spielen ließ, wehmütig die Seelüfte im Moose rauschten, das über den grauen Denkmalen hervorgeschossen war. Weinend sank die getäuschte Bertha auf einen der verwitterten Steine hin, und rief in schmerzlicher Ergebung aus: »So war es denn nichts, als ein Grab?« – Je mehr nun ihr Bruder mit Fragen in sie drang, je bitterlicher mußte sie weinen, die Beschämung über ihr voreiliges Hoffen und dessen Vereitelung mit gleich heftigem Jammer empfindend.

Heerdegen fing, in seiner Betrübnis und Ungewißheit über die Tränen der Schwester, auf die Muhme zu schelten an, die gewiß mit ihren tollen Zauberstücken das Gemüt der Jungfrau so wunderlich verwirrt habe. Da tat sich mit dieser Erinnerung eine neue Quelle schmerzhafter Tränen für Bertha auf. Mit all ihrer feierlichen Milde, mit ihrem Weinen am letzten Abende, mit ihren zärtlich warnenden Bitten stieg Frau Minnetrost vor dem Geiste des Mägdleins auf, und die Reue über das verletzte Versprechen, wie auch über das verlorene Glück, welches die Drude als nahe bei ihrer Heimkehr angedeutet hatte, löste die arme Bertha fast ganz in Wehmut auf, und machte ihren Bruder mit jedem Augenblick ungeduldiger.

Da hörten sie dicht neben sich ein helle und liebliche Frauenstimme erklingen, welche ungefähr folgende Worte sang:

»Beeren glührot, Blätter grün
Brauen grimmen Heldentrank.«

Und aufblickend gewahrten sie einer hohen, schlanken Gestalt, die am Ufer umherging, bisweilen sich nach dem Grase bückend, oder Laub von den Zweigen streifend, und alles in einen glänzenden Becher einstreuend, den sie unter dem Arme trug, und der wie ein großes goldnes Horn anzusehen war. Reiche blonde Haare wehten über den Nacken und die Schultern der Wandelnden hin, zugleich ihr das Antlitz, weil sie suchend nach der Erde sah, verhüllend. Ein reichgesticktes Gewand, wie nur vornehme Frauen es tragen, aber nachlässig gegürtet und wie zum Reisen aufgeschürzt, schmiegte sich um ihre zarten Glieder, von ihren Hüften hing ein schönes leuchtendes Schwert herab, Köcher und Bogen über ihren Rücken. Sie sang und suchte emsig fort, während die beiden Geschwister ihres eignen Leides und Unwillens vergaßen, um die herrliche Erscheinung zu betrachten, und auf die seltsamen Worte ihres Liedes zu horchen, welches in ganz ungewohnten Weisen klang, und von einem Zaubertranke handelte, der Helden grimm mache zur Schlacht, und ganz unüberwindlich, als nur vor bezauberten Waffen. Jeder Absatz schloß aber mit langsamen milden Klängen, und in einen weichern Ton übergehend. Er hieß etwa also:

»Aber zögernd trink, mein Zecher,
Zaubermet ist wild. O hüt dich!«

Als sie sich eben wieder nach dem Grase gebeugt hatte, rief Heerdegen unwillkürlich aus: »O Gott, wie muß ihr Antlitz schön sein!" – Da sprang sie fieberschnell in die Höhe, wie eine starkgebeugte junge Tanne, die plötzlich ihre Bande zersprengend gegen das Himmelblau wieder emporfährt. Und sonnengleich strahlte die wunderbare Schönheit ihrer Züge durch die finstre Gegend. Aber der Zorn funkelte alsbald aus den großen blauen Augen. Drohend blickte sie nach den Geschwistern herüber, und rief: »Ihr habt mich gestört! Wozu der günstige Abend nun! Wozu der herrlichen Zauberkräuter reiches Blühn!« Und zürnend schüttelte sie das Goldhorn, daß dessen würziger Inhalt zerstreut über die Gräser hinflog. Heerdegen wollte sich ihr entschuldigend nahen. Da blinkte die helle Klinge rasch in ihrer schönen Hand. Sie winkte ihn zurück damit, und schritt feierlich in einen Nachen, der sie vermutlich kaum erst hergetragen hatte, und den sie nun geübten Armes mit Ruderschlag in die weite Meeresfläche hinaustrieb, bald darauf hinter einem nahen Hügelgehölze verschwindend.

Die Geschwister sahen ihr staunend nach, und als sie nach einer Weile anfangen wollten, sich über die seltsame Erscheinung zu besprechen, fuhr Bertha überrascht in die Höhe, und rief: »Ach Bruder, was sind das für wunderliche Masten dort im Wald?« – Und hinschauend ward Heerdegen statt der Masten gewaltige Hallebarten gewahr, welche über das minderhohe Gezweig hervorragten. Gleich darauf traten viele der Männer, welche sie trugen, aus dem Schattendunkel des Forstes heraus: riesengroße Gestalten, mit gewaltig klirrenden, schweren Panzerplatten überdeckt, und große, erzbedeckte Schildränder an ihren linken Schultern. Heerdegen sprang empor, und blickte forschend, die Hand am Schwertgriff, nach der andern Seite um, von welcher eine eben so furchtbare Menge gewaffneten Volkes angezogen war. Ein bildschöner junger Mann, im goldfarbnen Harnisch, von seinem sehr hohen Helme zwei ungeheure, goldgetriebne Geierflügel hervorragend, trat aus dem Gewirre der Schar auf den Platz heraus, zeigte mit einem mächtigen Wurfspeer in seiner Rechten auf die Geschwister und sagte: »Bringt sie nach unsern Schiffen.« – »Was wollt Ihr mit freigebornen Leuten?« rief Heerdegen, und das Schwert in seiner Faust leuchtete den Fremden entgegen. »Tritt hinter mich, Bertha! Und wer sich von euch zuerst heranwagt gegen uns, hat sein Leben verspielt.« – Da richteten sich eine Menge von Wurfspeeren in nervigen Händen gegen den Jüngling, aber der Anführer rief – »Laßt ab! ich will sie lebendig.« – Und die Wurfspieße senkten sich, aber die Schilde reiheten sich zusammen, wie zu einem kunstreichen, wandelnden Gebäu, und immer enger und enger schloß sich der eherne Reihen um Heerdegen und Bertha her. – »Pfui des Mißbrauchs der Übermacht!« rief der bedrohte Jüngling. »Hättest du Goldgeharnischter dort ein kühnes Herz, und wärst ein Rittersmann, wie ich, die Fehde nähme bald einen andern Gang.« – »Halt!« rief der junge Führer, und die vordringenden Erzriesen standen wie regunglos. Dann trat er selbsten in den Kreis, stellte sich Heerdegen gegenüber, lehnte sich auf den Griff seines großen Schwertes, und sprach: »Was wolltest du denn da sagen, du wärst ein Rittersmann? Du bist ja ohne allen Harnisch.« – »Zog ich denn aufs Kämpfen aus?« entgegnete Heerdegen. »Ich fuhr mit meiner Schwester zu Abend von der Küste herüber. Wer dachte an Überfall!« – »Ihr hättet doch dran denken sollen«, antwortete der Fremde. »Habt ihr mir meinen Zins vorenthalten, so nehm' ich dafür im Vorübersegeln von eurem Strande, was mir gefällt; ihr beide gefallt mir, obgleich du auch in Wams und Barett nicht prächtig angetan bist, wie eure Häuptlinge doch sonst zu tun pflegen.« – »Zu den Häuptlingen des Landes gehör' ich nicht«, sagte Heerdegen. »Ich bin ein fremder Rittersmann, und halte nichts auf Schmuck und Zier.« – »Das seh ich wohl«, hohnlachte der Führer, »und wer weiß überhaupt, wie es mit deinem Rittertum angetan ist! Fangt ihn ein, Landsleute.« – Die ehrne Mauer engte sich wieder, langsam vorschreitend, zusammen. – »Halt!« rief Heerdegen mit so erschütternder Stimme, daß die eisernen Gestalten abermals standen, wie auf das Gebot ihres Herrn. »Ich erkenne euch für Normänner«, fuhr er fort, »an Sprache, Gestalt und Tracht. Normänner sind tapfre Degen, dem Zweikampf hold und jeglichem ehrbaren Wagstück. Ich rufe dich auf, du Führer dieser Schar, prob' dich mit mir in Waffen. Der Obsieger mag entscheiden, was aus mir und meiner Schwester werden soll!« – »Ja, das ist ein andres«, sagte der Führer. »Hier wird's nun ein ordentlicher Holmgang, wie wir bei uns die ernsten Zweikämpfe nennen, die wir auf Eilanden ausfechten. Gebt Raum, ihr Kriegsleute, denn jetzt sehe ich wohl, daß hier ein echter Rittersmann vor uns steht, und steckt uns den Rund zum Gefechte ab. Du aber, fremder Degen, kannst du die Waffen unsres Volkes führen? Das ist eine Hauptsache, denn ich habe keine andern bei mir.« – »Siehst du mich für ein Knäblein an?« sagte Heerdegen. »Ein Kriegsmann, der so lange im Nordland umhergereist ist, als ich, wird doch wohl vor allen Dingen Nordlands Kampfessitte gelernt haben, und verstehn, eure großen Schilde zu schwingen, und eure gewaltigen Speere zu werfen.« – Da sorgte der Führer alsbald, daß schöne Harnische und Helme und Schilde herbeigeschafft wurden, und auch die besten Wurfspieße, die man im Schiffe fand, und ließ unter allen seinem Gegner die Wahl. – »Schwerter«, sagte er, »heiß ich dir nicht bringen, dieweil ja ein eignes an deiner Hüfte klirrt, und ein solches ist doch immer uns Fechtern der allerbeste und zuverlässigste Freund.«

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