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Der Zauberer von Rom. VII. Buch

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. VII. Buch - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Gutzkow
firstpub1858-61
year1863
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleDer Zauberer von Rom. VII. Buch
created20070729
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Bändchen.

1 Siebentes Buch.

3 1.

In Rom liegt jenseit der Tiber, auf dem Berge Janiculus, das Kloster San-Pietro in Montorio. Vor einer zu demselben gehörenden Kirche, deren erste Anlage sie den urältesten zurechnet, genießt man eine der schönsten Aussichten über die Siebenhügelstadt und die Campagna. In nächster Nähe schwimmt, von Abendnebeln durchzogen, das unermeßliche Häusermeer, durchschnitten von den Krümmungen der Tiber. Zahllose Kirchen ragen auf, Paläste, das Capitol, mit seinen Trümmern aus der eisernen Römerzeit, die Engelsburg, auf der Zinne mit dem St.-Michael, der sein Schwert senkt. Ein Bild, groß und herrlich, wie die Vision einer Verheißung –!

Der erste Gedanke jedes Pilgers, der in Rom ankommt, ist die welthistorische Macht der christlichen Idee. Schon von dem Fuß der Alpen her begleiten ihn die Schauer der Erinnerung an die blutige Märtyrerzeit. In Rom endlich angekommen, sieht er die Triumphe des Kreuzes. Kein Tiberius, Nero und Domitianus beherrschen noch das Universum. Die Vexillen und blutigen Fasces der Imperatoren, unter denen die Bekenner Christi verspottet, gefoltert, den wilden Thieren vorgeworfen wurden, sind zerrissen, zerbrochen. Vom tarpejischen Felsen stürzte jetzt der capitolinische Jupiter selbst; den Rand seines zurückgebliebenen Sessels ziert das Kreuz. Das Kreuz triumphirt über Cicero, 4 Cato, August, Seneca –! Es triumphirt ohne Rache; denn St.-Michael auf der Engelsburg hält sein Schwert nicht drohend empor, sondern versöhnt senkt er es zur Erde.

So allenfalls kann man fühlen, wenn hinauf nach San-Pietro in Montorio Hunderte von Glocken die Klänge des Angelus tragen. Links kommt der nächste Gruß aus San-Onofrio, herüber von Tasso's Eiche; zur Rechten, über die botanischen Gärten, aus Trastevere von Santa-Cecilia. Hier oben bei den reformirten Franciscanern wird es später Nacht, als unten im Thal, wo Hunderte von Lichtern nun aufblitzen. Soeben sitzen die Mönche im Refectorium – essen Polenta – köstlichen jungen Salat aus ihrem eignen Garten, Salz und Pfeffer, nicht Asche darauf gestreut, wie – Petrus von Alcantara, der Stifter dieser – »Reformation« – mit seinem Salat es zu halten pflegte.

Der fromme Pater Vincente, für welchen Bonaventura jetzt in dem piemontesischen Städtchen Robillante wirklich Bischof geworden ist, fehlt heute unter den Brüdern von der braunen Kutte. Er liegt in seiner Zelle und erbittet sich von Gott Kraft und Sammlung zu dem harten Weg, für den gerade ihn heute das Loos getroffen hat. Alle Klöster der von Almosen lebenden Orden sind heute in der Nacht eingeladen, auf Villa Rucca zu erscheinen, um die Gaben des jungen heute vermählten fürstlichen Paars, die Abfälle der köstlichen Tafel zu empfangen. Der alte Fürst Rucca, Generalpächter der Steuern an der Nordküste des Kirchenstaats, will zeigen, daß das Sprichwort falsch ist: »Unrecht Gut gedeiht nicht!« Was kann gedeihlicher sein, als Almosen an Klöster und Bettler austheilen –!

Guardian und alle Brüder wissen es, daß einst Pater Vincente um einen »Kuß in der Beichte«, den ihm nur sein Gewissen und seine Phantasie als begehrt vorgespiegelt hatten, 5 hier oben jahrelang büßen wollte – büßen zu dem Stachelgürtel, den Barfüßen und den aus drei Bretern bestehenden Betten, die hier Regel sind, noch hinzu –! Ein Trost der Brüder war, daß noch nicht ganz hier gelebt werden mußte, wie Petrus von Alcantara, der Freund der heiligen Therese, der Beichtvater des Einsiedlers von St.-Just (Karl V.), gelebt hat, in einer Zelle, die kürzer war, als seine Leibeslänge! Ging man über den Hof hinweg, so fand man eine Kapelle, die Bramante gerade über der Stätte erbaut hat, wo der Apostel Petrus einst gekreuzigt werden wollte, mit dem Kopf nach unten – St.-Peter wollte nicht die Ehre haben, zu enden, wie sein Meister und Erlöser. Der Janiculus ist das zweite Golgatha –! Was sagten, solchen Leiden gegenüber, die dunklen Zellen mit eisernen Gittern drüben, in deren einer der selige Bartholomäus von Saluzzo zehn Jahre hinbrachte, ein Priester, der die Dreistigkeit gehabt hat, schon dem Rom seiner Zeit, Päpsten und Cardinälen, zu sagen: Nicht einer unter euch ist ein wahrer Priester –!

Pater Vincente war kein so wilder Feuerkopf. Ein Schwärmer aus dem Thal von Castellungo, gehörte er ohne Zweifel zu jener dritten Art von Heiligen, zu den Geschlechtlosen, von denen gelegentlich einmal der Onkel Dechant sprach. Im Süden sind vollkommen schöne Jungfrauen nicht so häufig. wie diese rein vegetativen, willenlosen, zuweilen bildschönen Jünglinge. Ein Mönch lebte auf San-Pietro in Montorio gefangen, der diesen Pater Vincente nur einmal gesehen hatte und sich sagte. »Nun begreif' ich Horaz und Alcibiades, Plato und – Platen –!«

Wer konnte hier oben anders vom deutschen Dichter Platen sprechen, als Klingsohr, der Flüchtling aus dem Eichstamm vom Düsternbrook? Pater Vincente hatte das Loos gezogen, der Hochzeit seines bösen Beichtkindes beizuwohnen. Er sollte die Speisen in Empfang nehmen, die man ihm in seinen Quersack schütten 6 würde, den jedoch ein stärkerer Laienbruder tragen sollte. Dieser Laienbruder war krank. Das Fieber springt in Rom von einem Berg zum andern. Im Monat Mai hockt der unheimliche Dämon auf dem Janiculus. So hatte man beschlossen, ihm einen der beiden gefangenen deutschen Mönche, die hier in Rom auf der Höhe des freien Vogelflugs in strenger Haft saßen, zur Begleitung mitzugeben. Der eine, den die Brüder »den Todtenkopf« nannten, war so stark, daß er im ersten Anfall seiner Ungeduld die verrosteten Eisenstäbe seines Kerkers verbog und fast zerbrach; jetzt war Bruder Hubertus schon lange viel ruhiger geworden. Nach dem letzten Vierteljahr, das er und Pater Sebastus hier noch für ihre Flucht aus dem Kloster Himmelpfort in Deutschland zu büßen hatten, ließ er in seiner Person ein nützliches Mitglied der Alcantarinergemeinde erwarten, falls Pater Campistrano, der General der Franciscaner, und der Cardinal-Großpönitentiar ihm und dem nur noch schattenhaft am Leben hängenden Doctor Klingsohr die Bestätigung gaben, daß ihre Absicht, zu den »Reformirten« ihres Ordens überzutreten, auf einem wirklichen Bedürfniß der Seele beruhte.

Als Pater Vincente gehört hatte, er müßte auf die ganz Rom in Bewegung setzende Hochzeitsfeier der Gräfin Olympia Maldachini mit dem Sohn des reichsten aller Römer nächst dem Fürsten Torlonia gehen und unter den hundert Bettlern, die alle Klöster schickten, auch für San-Pietro in Montorio seine zarte, frauenzimmerliche Hand öffnen, diese Hand, die einen Bischofsstab hätte tragen dürfen, wäre sein Herz nicht voll Demuth gewesen, war er in seine Zelle gegangen, fastete und betete. Dem »Bruder Todtenkopf« hatte man den Vorschlag gemacht, den voraussichtlich heute überfüllten Zwerchsack zu tragen. Bruder Hubertus sang seit einiger Zeit so viel heitere Lieder, daß man den Versuch glaubte wagen zu dürfen, ihn ins Freie zu lassen, 7 hinaus in die allerdings fieberschwangere Mainacht. Hubertus hatte erwidert: Wohlan! Laßt mir aber auch den Pater Sebastus mitgehen! Wahrlich, es ist zu grausam, in Rom angekommen sein und neun Monate lang nichts davon gesehen haben, als eine Zelle von zehn Fuß Länge und zehn Fuß Breite! Beim Kreuz des heiligen Petrus drüben, laßt ihn ohne Furcht mit uns gehen! Schon deshalb, weil er vielleicht ein Fieber mitbringt und ich dann Gelegenheit habe, euch zu zeigen, wie in Java solche Fieber curirt werden. Der nimmt die Arznei, vor welcher ihr euch so fürchtet!

Die Mönche lachten über diese Worte aus zwei Ursachen. Einmal, weil sie aus einem Kauderwälsch von allerlei Sprachen bestanden, Holländisch, Deutsch, etwas Meßlatein und so viel Italienisch, als man auf einer Wanderung durch Italien bis hieher und in dem beschränktesten Verkehr mit der Welt erlernen konnte. Fürs Zweite, als man zum Uebersetzen den Pater Sebastus herbeigerufen hatte, lachten sie über die Methode des Fiebercurirens, die nach Hubertus hauptsächlich in einer nicht eben normalen Anwendung von Theer und Kuhmist bestehen sollte.

Die Stimmung wurde dem Mitgehen des Paters Sebastus, sobald er nur in das Refectorium eingetreten war, günstig. Er sah aus wie ein echter Nacheiferer des heiligen Petrus von Alcantara. Hätte ihn sein General gesehen, er würde gesagt haben: Auch du, mein einst so wilder Kriegsmann, wirst mit der Zeit reif sein, die Wonne der heiligen Therese zu werden! So einst mochte der edle Ritter Don Quixote de la Mancha ausgesehen haben! So fleischlos hingen auch gewiß die Arme des Don Pedro von Alcantara, so voll Schwielen waren gewiß auch seine Kniee! So sah er aus, als er in der schauerlichen Einöde zu Estremadura seinen schreckhaften Tractat über den »Seelenfrieden« schrieb –!

8 Armes Jammerbild des Wahns! Aber »doch noch ein Glück dabei!« sagt der gute Bruder Lorenzo in »Romeo und Julia«. Dinte und Papier hatte man dem Pater Sebastus gelassen. Man hatte ihm Bücher gegeben, um sich zu vervollkommnen in der italienischen Sprache. Man hatte gefunden, daß er ein besseres Latein verstand, als der Pater Guardian, der seit dem Besitz dieses deutschen Pflegebefohlenen seine Sprachschnitzer nicht mehr so oft vom General im Kloster Santa-Maria corrigirt bekam. Zuvor tilgte sie der Gefangene.

Pater Sebastus, fahl, bleich, mit übergebeugter, hohler Brust, hüstelnd, unsichern Ganges, flößte dem Guardian keine Besorgniß ein, daß er entfliehen und dem wahrscheinlich doch nur noch kurzen Rest seiner Strafzeit sich entziehen könnte. Der Guardian betrachtete seine Collegen, wie der heilige Vater im Consistorium die Cardinäle: Quid vobis videtur? Worauf ein einmüthiges Stillschweigen die jahrtausend alte Regel ist. Zustimmung schien auch hier aus Jedes Auge zu leuchten. Gewiß versah man sich bei dem »Bruder Todtenkopf«, daß er keinen Schinken, keinen Büffelkäse als zu viel ablehnen, sondern den Sack so vollstopfen würde, wie nur irgend möglich – vorzugsweise um seine Kraft zu zeigen, über welche er etwas ruhmredig und plauderhaft war, der alte Polterer. Man beschloß, den Pater Sebastus mitgehen zu lassen und unterrichtete noch beide, wie sie es anstellen müßten, um von Koch, Kellner, Haushofmeister des Fürsten Rucca mehr, als alle andern Klöster, besonders die nicht blöden Kapuziner von Ara Coeli, zu bekommen. Hubertus begriff schon, das Hauptmittel war auch hier die Faust. Wenn um Mitternacht die große Tafel, welche der alte Fürst Rucca seinem Sohn und der »Nichte« des Cardinals Ceccone aufrichtete, zu Ende war, begann die Austheilung. Brachen die Mönche um die zehnte Stunde auf, so kamen sie wol gerade zu rechter 9 Zeit. Wogte es dann schon die ganze Nacht in jenen Straßen, die zur Villa Rucca führten, so ging für sie der Weg durch entlegenere Gegenden, wo sich rascher dahinschreiten ließ.

In Hoffnung auf die große Beute waren die Frate so nachsichtig, daß sie heute sogar in dem Verlangen des Paters Sebastus nach Siegelwachs nichts Sträfliches fanden und ihm die Mittel einer sonst an sich unerlaubten Correspondenz an die Hand gaben – erst sollte alles, was die beiden deutschen Mönche auf die Post gaben, hinunter an den General kommen. Heute ging demnach zwischen den Würsten, Schinken, Käsen, den feinern Tafelresten, die man sich erhoffte, unbemerkt auch ein Brief hin, den Pater Sebastus seinem Leidensgefährten Hubertus fast sichtbar zu dem Zwecke zusteckte, daß er ihn vorher läse und mit unterschriebe. Er wollte sich noch eine Weile ruhen, dann den Brief siegeln, mitnehmen und irgendwie suchen »der Post beizukommen« – auf deutsch flüsterte er das dem Leidensgefährten zu.

Klingsohr hatte bisher Rom, sein ewiges, hochheiliges Rom, nur erst aus der Ferne gesehen. Nur seit drei Vierteljahren kannte er diesen magischen Anblick vom Fenster des Refectoriums. Nun sollte er zum ersten mal den heiligen Boden betreten! Die Sonne sank in ihrer goldensten Pracht. An Festtagen hatte er zuweilen durch die Olivenbäume des sich vom Fenster des Refectoriums abdachenden Bergabhangs hindurch, diesen Anblick auf kurze Zeit genießen dürfen. Heute verweilte er länger bei ihm. Sein dumpf gewordener Geist belebte sich, aus den matten Augen glitt ein Schimmer der Erwartung – Er hatte an den Bischof von Robillante geschrieben und Robillante lag dort, wo eben die Sonne so schön unterging! Er wußte es, daß Bonaventura von Asselyn jener Bischof geworden war, der Pater Vincente hier oben hätte sein können, wenn dieser gewollt. Vincente's Geschichte war das große Wunder, das man auf 10 San-Pietro jedem erzählte, der etwas länger verblieb, als nöthig war, um die Bilder Sebastian's de Piombo zu der Klosterkirche und die alten paolischen Wasserleitungen zu sehen.

Unbeschreiblich ist die Schönheit des letzten Blicks der scheidenden Sonne Italiens, wenn sich ihre Strahlen zuletzt nur noch leise durch die grünen Zweige der Bäume stehlen. Ein Olivenwald vollends ist an sich schon zauberisch! Seine Schatten sind so licht, das Laub ist so seltsam graugrün blitzend. Und sind dann seine Stämme hundertjährig, so sind die Gestalten der Zweige und der über dem Boden herausragenden Wurzeln so phantastisch, daß sie sich im purpurnen Dämmerlicht der Sonne zu bewegen scheinen, wie die Bäume in den »Metamorphosen« des Ovid. Durch einen solchen uralten Olivenhain gaukelt ein magischer Sommernachtstraum. Sieben, acht Stämme sind zu Einem zusammengewunden! Wie Polypen von Holz sind sie, ausgeschnitten, das Mark ist heraus und nur die Rinde ist noch zurückgeblieben, doch trägt diese die graugrünen Blätterkronen mit den blauen kleinen Pflaumen der Frucht ganz so, als wäre noch drinnen Herz und Seele. Diese groteske Welt, voll Fratzen, als hätte sie ein Höllen-Breughel geschaffen, sie ist es, die nun im Lichte schwimmt und zu purem Golde wird; die untergegangene Sonne läßt am Horizont einen riesigen Baldachin der glänzendsten Stickerei zurück, flimmernde Goldfranzen hängen in Himmelsbreite an violetten und rosa Wölkchen. Während nach der östlichen Seite hin schon die Nacht urschnell und tiefblau, mit sofort sichtbaren Sternen aufleuchtet, steht im Westen diese Phantasmagorie der Farbenmischungen noch eine wunderbare Weile. Endlich wird auch sie röther und röther; die goldnen Franzen. die Stickereien von Millionen von Goldperlen erbleichen; dann wird der westliche Himmel tief dunkelblauroth, der Olivenwald schwimmt wie in einem Meer von aufgelöstem Ultramarin; im 11 Osten ist indessen die Nacht schon tiefschwarz heraufgezogen. Man möchte fragen: Lehrt das alles nicht – die Ewigkeit des Schönen?

In seiner dunkeln Zelle hatte Hubertus heute eine zinnerne Oellampe. An sich war sie armselig, aber ihrer Form nach konnte sie in Pompeji gestanden haben. In der Mitte gleichsam eines Tulpenkelches brannte der Docht aus vier Oeffnungen.

Hubertus las mit einiger Anstrengung jenen Brief, der von ihm mit Pater Sebastus verabredet worden war, um vielleicht durch Bonaventura's Vermittelung für sie beide ein besseres Loos zu erzielen, als ihrer durch den Spruch aus Santa-Maria unten harren mochte und selbst für den Fall harrte, daß sie sich diesem römischen oder sonst einem Kloster der Alcantariner dauernd einreihen durften. Zugleich mußte der Brief so geschrieben sein, daß er auch allenfalls in die Hand des Generals hätte gerathen können, ohne sie aufs neue zu compromittiren, ohne zur Fortsetzung ihrer Leiden Anlaß zu geben. So hatte denn ein weiland göttinger Privatdocent, Dr. Heinrich Klingsohr, ganz im gebührenden Ton, wie etwa Pater Vincente gethan haben würde, wörtlich an Bonaventura geschriebenVielen dieser Einzelzüge, auch in diesem Briefe, liegen Actenstücke zum Grunde.: »Vivat Jesus! Vivat Maria! Halleluja! Friede sei mit Ihnen, hochwürdigster Herr und hochgnädigster Herr Bischof! Hat unser Ohr recht gehört, so ist ein Wunder geschehen! Hochgeehrtester Herr, Sie verweilen nicht mehr auf der deutschen Erde, wo das Salz dumm geworden ist, Sie führen den apostolischen Stab im Lande der Verheißung –! Hochgnädigster Herr und Bischof! Wir sind die beiden Flüchtlinge aus dem Kloster Himmelpfort, die wir schon einmal durch Ihre gnädigste Frau Mutter Schutz gefunden, als wir unter den Thieren des Waldes und in einer Hütte von 12 Baumzweigen lieber wohnen wollten, als in der üppigen Völlerei der entarteten Minderbrüder des heiligen Franciscus. Lieblosigkeit, Zank, Mangel an gottseliger Gesinnung haben uns von einer Stätte getrieben, wo unser allerheiligster Herr Jesus von seinen eigenen Jüngern noch täglich gekreuzigt wird! In dem großen Feldzug, den die Kirche gegen den Belial der Aufklärung gerade in unserm Vaterlande zu bestehen hat, sind diese Klöster, in denen sich nichts als der Schein der alten Regeln erhalten hat, nur zu Verschanzungen des bösen Feindes nütze. Provinzial Maurus hat an unsern General eine Liste unserer Verbrechen geschickt und so müssen wir denn, da man uns ohne Richterspruch verurtheilte, unser sehnsüchtiges Verlangen nach der reformirten Regel der Minderbrüder durch eine Gefangenschaft büßen, die hier auf San-Pietro in Montorio bereits drei Vierteljahre dauert. Freilich schmachten wir in der Nähe des Kerkers, den der selige Bartholomäus von Saluzzo zehn Jahre lang innehatte. Aber die Krone des Himmels zu gewinnen wird, denn doch ach! zu mühselig für die schwache Kraft unsrer Sterblichkeit! Hochgnädigster Herr Bischof! Wol schöpfen wir Muth aus dem Vorbild der Märtyrer und heiligsten Apostel, aber unsere Kräfte schwinden, unsere Hoffnungen auf die Macht der Wahrheit erlöschen; was wir seither erlitten, ist zu schwer für menschliche Schultern! Von dem unterzeichneten Pater Sebastus, hochgnädigster Herr Bischof, wissen Sie aus einer denkwürdigen Stunde mit dem gefangenen Kirchenfürsten, daß er die Rettung seiner Seele dem ›Bruder Abtödter‹ verdankt, der sich im Gegentheil, im Lebendigmachen auch hier schon mannichfach bewährt hat. O daß ich in einem einfachen, schlichten Menschen mehr fand, als in meinen weiland Genossen, in Hochgebildeten, die mich durch die sophistische Moral der heidnischen ›glänzenden Laster‹ zum Tödten eines Mitmenschen, Ihres Verwandten, reizen konnten. Oft hat mich Nachts meilenweit Hubertus auf seinen Armen getragen, wenn wir auf unserer Flucht mit nackten Füßen den Häschern zu entrinnen suchten. Vom Düsternbrook an, von der verhängnißvollen blitzerschlagenen Eiche bis zu den trauernden Cypressen dieses heiligen St.-Peter-Kreuzes-Hügels, verfolgte uns das Concil von Trident, nach dem ein entsprungener Mönch seinem Kloster zurückzuführen ist. Wir lebten von Wurzeln und von Beeren, suchten die einsamsten Straßen des Rhöngebirges, des Schwarzwaldes und der Alpen auf. Nie legten wir unser hären Gewand ab, unsers heiligsten Franciscus Ehrenkleid, das ich einst, Sie wissen es, im schnöden Rückfall um jene Lucinde verleugnen konnte. Nie gönnten wir uns eine andere Erquickung, als unsern blutenden Füßen die kühlende Welle des Waldbachs. Die durch Steckbriefe aufgewiegelten Häscher ergriffen uns auf der Schweizergrenze. Der Kraft des Bruders Hubertus, die er indessen nur seinem Gebet zuzuschreiben bittet, gelang es, daß wir auf dem Transport aus einem Polizeiwachthause entsprangen und uns drei Tage und drei Nächte, dem Verhungern nahe, unter dem Heu einer Scheune verbargen. Zu unserm Uebergang über die Alpen wählten wir die einsamste Straße, die des Großen St.-Bernhard. So verschmachtet und verkommen waren wir, daß wir den Gerippen glichen, die dort von verschütteten Wegwanderern aufbewahrt werden –!«

Sebastus ahnte nicht, wie auf Bonaventura, wenn er den Brief empfing, gerade diese Worte wirken mußten!

»Nur die Hoffnung auf Rom belebte uns. Rom! Rom! rief es in unsern Herzen und gestärkt erhoben wir uns, wie einst die verschmachteten Kreuzfahrer mit dem Feldruf: Jerusalem! Aber auch in diesen heißersehnten Gefilden verfolgte uns die Hand des Pater Maurus. Jedes Kloster unsers Ordens drohte für 14 uns zum Gefängniß zu werden. In den Reisfeldern Pavias mußten wir uns in giftigen Sümpfen verstecken und mich ergriff das Fieber. In der Nähe jener prachtvollen Certosa, einer architektonischen Wunderblume deutscher Baukunst in einer Oede voll Trauer, trauriger als die Fieberkrankheit, glaubte ich sterben zu müssen. Mein zweiter Vater rettete mich und am Wege wieder schimmerte der innere Stern des Morgenlandes – Rom! rief es von unsichtbaren Geistern, in deren Lobgesang zuletzt wirkliche Stimmen, die Stimmen der Pilger einfielen, denen wir uns anschlossen. Alle meine Gräber öffneten sich in der öden Tannhäuserbrust! Leiche auf Leiche erhob sich! Die Wissenschaft, die Kunst, die Philosophie, die seraphische Liebe – alles wachte auf in dieser Sehnsucht nach Rom –! Ich fühlte ein unendliches Leben in meinen Adern! Wir kamen ein kahl Gebirge, die Apenninen, hinauf und sahen das Meer – zum zweiten male sah ich's und mein Führer kannte es von Indien. Was blieb da noch meine Ostsee! Nußschaale gegen einen Bethesdateich –! Dort, dort lagen Afrika, Asien – Hannibal stieg mit uns nieder, Scipio kam von Karthago – Hinan! Hinan! So wanden wir uns drei Wochen durch Etrurien hindurch nach dem Sanctum-Patrimonium. Mit den Pilgern, mit manchen Verbrechern, mit denen uns die Nachtwanderung vereinigte, hofften wir: Rom ist die Stadt der Gnade –! Ein Pilger rief: Rom ist mit Ablässen gepflastert! Ich verzieh einem Mund, der solchem natürlichen Jubel des frommen Entzückens erwiderte: Noch mehr, denk' ich, dein eigen Herz –! Diese Denkerphrase – wurde deutsch gesprochen! Ich verzieh dem Sprecher, weil es ein Greis war –!« . . .

Hubertus hielt hier einen Augenblick inne. Dieses greisen deutschen Pilgers hatte er öfters wieder gedacht. Auch ihm und Klingsohr war er streng gewesen; aber eine verklärte und wieder Andere verklärende Natur war er bei alledem. Wo mochte wol dieser Reisegefährte weilen! Hubertus, der manches an diesem Briefe zu tadeln hatte, namentlich das ihm selbst gespendete Lob, fand diese Erwähnung des interessantesten ihrer Reisegefährten nicht nach seinem Sinne.

Dann fuhr er zu lesen fort: »Oft mußten wir mit den andern in den Felsen schlafen, vermieden dann die großen Städte, deren Zinnen und Domthürme ich nur von fern aufragen sah, wie die Märchenerinnerungen meiner Jugend. Parma! Florenz! Siena! Welche Klänge –! Aber in Höhlen, oft zu Räubern, mußten wir flüchten, bis wir in diesem öden Kesselthal ankamen, das Euch Ungläubigen die wüste Campagna heißt – die ›wüste‹! Leipziger Nationalökonomen, ein Hirtenland mußte es ja sein, wo wiederum die Krippe des Heiles steht! Verlorene Welt, darfst du denn hier anderes, als nur Schafhürden und Ställe suchen? Hier sollst du ja nur der Hirten Lobgesang hören wollen! Entzückt er dich in Correggio's ›Nacht‹, warum nicht in Wirklichkeit? – Endlich eines Morgens ging die Sonne auf und wir sahen – die Stadt der Städte! Im Kern einer großen Muschel liegt, nächst Jerusalem, die köstlichste Perle der Erde! Das Auge unterschied die Peterskuppel. Schon hörte das Ohr die Glocken jener versunkenen Kirche, die in meiner Brust seit dreißig Jahren schon ›Rom‹ läuten; ich hörte sie – nun von sichtbaren Thürmen niederhallen –! Hosianna! rief alles um uns her. La capitale du pardon jauchzte ein Franzose. Da umringen uns wieder die Häscher des Pater Maurus! Die in der Knabenlectüre vielbelachten – ›Sbirren‹, häßliche Dreimaster von Wachsleinen auf dem Kopf! Sie wissen schon, wer wir sind. Sie wissen schon, wir kommen. Sie führen uns über die Tiber zurück, die wir schon hinter uns hatten –!«

16 Hubertus dachte dem Schmerze nach, der sie beide damals ergriff. Sie glaubten den Himmel erreicht zu haben und lernten nur die Gesetze der Erde kennen.

»In der Abenddämmerung«, las er weiter, »geleiten uns die Häscher einen jener riesigen Aquäducte entlang, die man nicht sehen kann ohne an Roms ewige Größe, an die fruchtlosen Belagerungen durch Attila, die Hohenstaufen und – Beelzebub zu denken, führen uns durch ein entlegen Thor auf einen hohen Berg und hier in ein Gefängniß, das wir seit dieser Stunde nur zuweilen im Umkreis einiger hundert Schritte verlassen haben –! Vor unserm Kloster stürzen sich die Wasser jenes Aquäductes, dem wir folgten, in ein Becken und gleiten nach Rom hinunter, das, wie man sagt, vom Geriesel der Brunnen und Cascaden wie ein einziger Quell des Lebens rauschen soll –! Wir hier oben verschmachten aber! Wir müssen uns der Gewalt des Pater Maurus ergeben, die auch bis hierher reicht! – Wohlan, die Ordnung herrsche in der Welt, selbst in den Händen unwürdiger Gotteswerkzeuge! Wir wollen unser Joch-Jahr dulden. Aber die Zukunft! Soll sie denn nur den Tod bergen –? Wenn es Ihre große Güte, hochgnädigster Bischof, übernähme, ein Wort des Zeugnisses für uns beim General zu sprechen! Wenn Sie Ihren Nachbar, den Erzbischof von Coni, Cardinal Fefelotti, der, wie man sagt, die Stelle des Großpönitentiars der Christenheit erhalten wird, für uns gewännen! Das Elend meines eignen persönlichen Lebens kennen Sie! Sie wissen, was ich schon alles von Menschenschuld dem Kreuz des Erlösers aufgebürdet habe! Sie kennen Klingsohr's Sünden – kennen auch seine verwelkten Rosen – Sie wissen – welche Hand mir den Lebensfrühling zerriß. Ueber den Trümmern aber ist das Kreuz erstanden! Ich will meine Fahne nicht mehr lassen, die Fahne des geopferten Lammes! Lassen Sie mich nicht 17 streiten unter sinnlosen Führern! Das ist das Schrecklichste, unter Mitknechten stehen, die nicht wissen, wessen Harnisch sie tragen! Müßten wir nach Deutschland zurück, zurück nach Witoborns öden Gassen, zu den dumpfen Wänden Himmelpforts, so würde der letzte Funke unsers Lebenslichts erloschen sein! Lieber dann noch das Grab in Rom, als ein Leben im Leichentuche Deutschland! Sie, Sie sind glücklich! Sie dürfen reden, hochwürdigster Herr und Bischof. Legen Sie für uns Zeugniß ab! Ein Wort von Ihnen zu unserm General, ein Wort zu Cardinal Fefelotti, und man wirft uns nicht länger mit denen zusammen, die wie der Tag kommen und wie der Tag gehen. Auch mein guter Führer und Lehrer würde gern in der Stadt der Katakomben sterben. Noch hat er auf dem Amt in Witoborn eine Summe Geldes liegen, ungerecht Gut, das er der Sache der Gerechtigkeit schenken möchte. Er hoffte in Rom einen Erben zu entdecken, einen Krieger im Heere Sr. Heiligkeit, den zu erkundschaften noch keine Muße ihm geboten wurde. Fände er ihn nicht, so würde er das Vermögen dem General seines Ordens anweisen. Laßt ihn doch eine Weile suchen! Laßt uns eine schaffende Thätigkeit! Der Trieb zu helfen ist ein Gradmesser der noch vorhandenen Lebenslust. Er ist zurückgekehrt zu uns mit dieser neuen schönen Sonne, ob wir Gefangenen sie auch nur spärlich sahen. Nicht mehr jage ich dem Spuk der nordischen Phantome nach. Dieser blaue Himmel, diese göttliche Luft, diese immer gleiche Stimmung der Natur, auch im Blättergrün, das im Winter nicht entschwindet, sie gießen einen so vollen Glanz der Schönheit selbst über unsre bescheidensten Wünsche, daß ich mir vorkomme, als hätte meine seitherige Vergangenheit nur unter meinem, von der Natur versehenen Geborensein im Norden gelitten. Meine Zweifel schwinden. In einem römischen Sonnenuntergang glaub' ich an das Labarum des Constantin, das ihm 18 in den Wolken erschien! In jener bunten Wolke dieses italienischen Himmels sehe ich das Tabernakel des Hochamts! Halleluja! Die Kreuzesfahne voran! In diesem Zeichen Sieg und Hoffnung! Retten, retten Sie uns! Heinrich Klingsohr, genannt Pater Sebastus a Cruce. San-Pietro in Montorio, im Mai 18**«

Diesen Brief ganz flüssig zu lesen und dann auch seinerseits zu unterschreiben mit »Eines hochgnädigsten Herrn und Bischofs gehorsamster Kreuzesträger und apostolischer Pilger Frater Hubertus«, kostete dem »Todtenkopf« Mühe. Seine knöcherne Hand kritzelte lange an den wenigen Worten. An jener Stelle, wo von seinem Geld die Rede war, hielt er ein wenig besorgt inne. Mismuthig gedachte er jenes Wenzel von Terschka auf Westerhof, von dem er lange bereits ahnte, daß er zu leichtgläubig dessen Versicherungen, er wäre nicht jener Soldat, der einst im römischen Heer gestanden, hingenommen, von dessen Verbleiben aber, seinem Ursprung, seiner spätern Flucht, seinem Uebertritt, gegenwärtigem Aufenthalt in London die Eremiten im winterlichen Walde, die Flüchtlinge durch Deutschland und Italien, die Gefangenen von Rom nichts hatten erfahren können – Klingsohr kannte diesen Terschka nicht einmal dem Namen nach. War die Erwähnung seines Geldes praktisch? Wie würde diese Stelle auf den General wirken, wenn er sie läse? Vielleicht – ganz förderlich! dachte zuletzt Hubertus mit einiger Pfiffigkeit.

Gegen zehn Uhr erhob er sich von seinem Maisstroh. Aufgeschreckter, denn je. Dachte er an Terschka, Picard, an sein Geld, so erschienen ihm Eulen und Fledermäuse und Brigitte von Gülpen rang unter ihnen die Hände und Hammaker's blutigen Kopf sah er und Picard hing am brennenden Dachbalken und den Pater Fulgentius, den er »richtete«, indem er ihn getrost sich selbst tödten ließ, sah er am Seile schweben – Der Riegel seines Kerkers wurde klirrend zurückgeschoben.

19 Der fieberkranke Laienbruder war es, der den mächtigen Sack brachte, diesen und sich selbst schüttelnd. Er geleitete Hubertus an Sebastus' Zelle. Auch hier fiel die eiserne Klammer. Sebastus stand in erregter Spannung. Rom und die langen Leiden hatten seinem sonst so vornehm verächtlich, so hochmüthig in die Welt und auf andere Menschen herabblickenden Wesen seit einiger Zeit eine vortheilhafte Veränderung gegeben. Er ergriff den heimlich dargereichten Brief, siegelte ihn, während Hubertus dem Laienbruder, um diesen zu zerstreuen, seine Pillen rühmte und zu größerer Deutlichkeit das Verschwinden des Fiebers mit der Leere des mächtigen Sackes verglich. Dann steckte Sebastus unter der braunen Kutte den Brief zu sich und folgte mit Hubertus dem Laienbruder, der beide auf die Terrasse zu den rauschenden Wassern führte. Hier harrte ihrer schon Pater Vincente.

Benedictus Jesus Christus –!

In aeternum, Amen –!

Nach diesem Gruß schritten die drei Mönche den Hügel San-Pietro hinunter, mit jenen kleinen gespenstischen Schatten der Bäume und Häuser und Menschen, die ein helles Mondlicht wirft.

Alle drei schritten sie zur Stadt in den gleichen Kutten. Die Kapuze über den Kopf gezogen, um den Leib die fliegende weißwollene Schnur des heiligen Franz von Assisi. Die beiden Deutschen nach ihrer alten Regel noch in Sandalen. Pater Vincente mit entblößten Füßen.

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