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Der Zauberer von Rom. VI. Buch

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. VI. Buch - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Gutzkow
firstpub1858-61
year1863
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleDer Zauberer von Rom. VI. Buch
created20070717
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72 4.

Noch blieb Bonaventura einige Tage auf der Dechanei mit gehobener Kraft. Sein Ringen nach einer idealen Lebenshöhe hatte einen neuen Anhalt, einen neuen Rundblick gewonnen. Schmerzlich genug war er erkauft; er hielt ihn aber fest mit dem leuchtenden Aufblick der innern Verklärung und des Gefühls, sich eins zu wissen mit dem unerforschlichen Verhängniß.

An die Wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken . . . Er stürzte sich nun doch wieder in das Allleben der Natur, umfaßte nicht mehr zagend und bangend nur das Einzelne.

Beim Besteigen der grauen Berglehnen um Kocher, die kahler noch erschienen durch die noch wenig belaubten Weinstöcke, umzog sich vor seinem geistigen Blick alles schon mit den Früchten des Herbstes. Er wollte sich mit Gewalt helfen, grüßte freundlicher, stand denen Rede, die im Felde ihm begegneten, auch denen, die ihm nachschlichen, wie – Löb Seligmann that, der seit einigen Wochen in seine Heimat zurückgekehrt war. Dieser suchte sich hoffnungsvolle Ernten auf Reps und Taback, worauf er Vorschüsse gab. Das war die sicherste Anlage seiner um Witoborn herum verdienten Gelder.

Bei all seiner Menschenliebe war Bonaventura in gewissem Sinne »Egoist«. Er beurtheilte zu sehr aus sich allein die Menschen und die Dinge. Hätte er ein wenig mehr neugierige 73 Vertiefung in das irrende Flimmern der kohlschwarzen Augen Löb's gehabt, ein wenig mehr Lesekunst geübt in gewissen, so eigenthümlich fragwürdig stehen gebliebenen Lachmienen – er hätte ja beinahe zu ihm sprechen müssen: Nicht wahr, bester Herr Seligmann, seitdem Sie zur Hälfte unser Viergespräch auf Schloß Neuhof belauscht, sagen auch Sie: »Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt?« Denn kein Beichtvater kann (in verbotener Weise) so lächelnd an denen vorübergehen, die ihm gestanden, daß sie keineswegs das sind, was sie der Welt erscheinen, als Löb Seligmann im wogenden Kornfeld, unter blauen Cyanen, im Widerklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini'schen Tyrolienne: »Blütenkränze, Lust und Tänze!« den hochstehenden jungen Geistlichen nicht blos grüßte, sondern so zu sagen stellte. Sein Blick wenigstens sagte: »Von Euern Geheimnissen weiß ich jetzt alles!« Er näherte sich ihm auf Fußzehenweite.

Seligmann's ganzes Herz trug übervoll an dem Frevel des Dechanten, den man, seiner Kenntniß von Schuld und Strafe gemäß, noch »leicht auf die Festung hätte bringen« können. Wie rang er mit sich, diese Ueberzeugung bei sich zu behalten! Leider hatte er die criminalistisch-strafbaren Thatsachen aus dem Leben Leo Perl's nur halb erfahren. Das hatte sich natürlich sofort verstanden, daß er seiner Schwester und David Lippschütz leise Andeutungen über seine Geheimnisse gegeben hatte, vollständigere seiner Freundin Veilchen Igelsheimer. Seitdem diese die Last mittrug und die Schwester nur immer sagte: Behalte, was du weißt, bei dir! Ich will nichts wissen! war ihm das Tragen seiner Bürden jetzt leichter geworden.

Als Bonaventura stehen blieb und fragte: Wünschen Sie etwas, Herr Seligmann? brachte Löb in äußerster Verlegenheit wirklich einen Versuch der Annäherung hervor. Er sagte 74 natürlich nichts von dem geheimen Betrug einer italienischen Primadonna, nichts von der Herzogin von Amarillas, nichts von Leo Perl's erster geistlicher Handlung auf Veranlassung des »Alcibiades« drüben in der Dechanei. aber im Sinne hatte er alle diese Thatsachen, als er fragte: Ich wollte – um Vergebung – Herr Domcapitular – ich wollte nur fragen – erlauben Sie – ist wol noch Bröder's lateinische Grammatik gut genug – zu gebrauchen zum Unterricht für einen hoffnungsvollen Knaben?

Zu Gunsten des immer kräftiger auf die Beine gekommenen David Lippschütz, des kleinen Voltaire von Kocher, ließ Bonaventura sich auf alle Vorzüge eines wahrscheinlich durch Löb vom Antiquar erstandenen alten »Bröder« ein und nannte berühmte Gelehrte, die auch ohne »Zumpt« ein classisches Latein hätten schreiben lernen.

Nach diesen lehrreichen Auseinandersetzungen, denen Löb nur zerstreut zuhörte, war ein Rückblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden. Löb erzählte, was er »nach dem Herrn Domcapitular« noch erlebt hätte. Zart und discret deutete er das Meiste davon doch nur in leisen Contouren an. Selbst die Gerüchte über Terschka, dessen plötzliche Abreise ihm manches schöne, bereits angeknüpfte Geschäft zerriß, tauchten in seinem Mund wie Sagen aus der Vorzeit auf, die keineswegs vor einem aufgeklärten Geschlecht Bestand haben können. Auch dunkle Vermuthungen deutete er an über einen »gewissen sogenannten Jesuitenorden« und einen haarsträubenden Uebertritt zur protestantischen Religion, die aber auch aus Löb's discretem Munde wie Verhältnisse aus der Zeit der Makkabäer klangen. Löb hatte ja bereits vollauf den erhebendsten Genuß, den er nur suchen konnte. Er schwelgte schon in dem stillen Wandeln mit dem vornehmen Priester, in dem Grüßen der Vorübergehenden, die gleichsam nun auch ihn jetzt ehrerbietiger grüßen mußten. Er hätte der Hasen-Jette 75 herablassend gedankt, wenn sie ihnen beiden jetzt begegnet wäre. Es war die Begebenheit an sich, die ihn erfüllte, ganz wie jenes schmeichelhafte Begossenwerden damals mit der westerhofer Spritze nach dem Schloßbrande.

Als die Rede auf die beiden Flüchtlinge nach Rom, die Eremiten vom Düsternbrook, den Pater Sebastus und den Frater Hubertus kam, deutete Löb verschämt lächelnd seine Mitverdienste um die Rettung des verunglückten westerhofer Dieners an. Erstaunend horchte Bonaventura und wünschte mehr zu wissen. Gerade dieser Diener war so auffallend verschwunden! Er fragte, ob es wahr wäre, daß Bruder Hubertus, der ihn davongetragen und im Kloster Himmelpfort eine Zeit lang verborgen gehalten, eine Beziehung zum Fräulein Schwarz gehabt hätte, die bei Frau von Sicking gewohnt – Bonaventura glaubte über den Brand und die unheimliche Urkunde etwas hören zu können. Aber Löb, der sich vor Zeugenaussagen vor Gericht und etwaigem Schwörenmüssen wie vor dem Tode fürchtete, ging gerade nur bis an die äußerste Grenze seines Wissens, erzählte die Fahrt des Kranken bis an das Kloster und würde vielleicht allmählich ein ganz klein wenig den Schrei in der Kirche, das entsetzliche Krachen und das Licht im Todtengewölbe in Aphorismen angedeutet haben, wäre die fortgesetzte Wanderung nicht endlich dadurch unterbrochen worden, daß man eben die Stadt erreicht hatte. Zur Seite eines Priesters durch die Straßen von Kocher zu gehen, würde sich, glaubte Löb, für die beiderseitige Stellung nicht geziemt haben. So wurde denn das gemüthliche Selbander vom rauschenden »Fall«, von den Gerberwäschen und den Metzgerklötzen unterbrochen.

Auch mit Beda Hunnius, mit Major Schulzendorf und Grützmacher knüpfte Bonaventura bei flüchtiger Begegnung wieder an. Jenem hatten die Zeitläufte bittere Erfahrungen gebracht. Ein seraphischer Briefwechsel zwischen ihm, Lucinden und 76 Joseph Niggl war zu den Acten der über ihn verhängten Untersuchung gekommen. Der »Kirchenbote« erschien nicht mehr; um so größer war seine Ermuthigung durch die mächtige, mit brausendem Wogenschlag zurückgekehrte Flut der hierarchischen Bewegung nach kurzer Ebbe. Er rühmte das kirchliche Leben jener östlichen Gegenden, wo Bonaventura im Winter gewesen und wo ihm besonders die reformatorischen Bestrebungen eines Norbert Müllenhoff – Bonaventura lächelte – wie »Bonifaciusthaten« erschienen. Beda erwähnte nicht ohne Bosheit den auffallenden Urlaub des so schnell Gestiegenen. Er mußte die Veranlassung desselben kennen. Um seine Schadenfreude zu verbergen, sagte er: Procul a Jove, procul a fulmine! und lobte seine bescheidene Stadtpfarre. Paula's Visionen mußte ihm Bonaventura bis an die Pforte der Dechanei erzählen.

Major Schulzendorf zeigte sich gekniffen und süßsäuerlich. Die Zeitverhältnisse verhinderten eine zu häufige Theilnahme an den Diners und Soupers der Dechanei. Seine ohnehin sehr spitze Nase hatte jetzt einen Charakter von Pfiffigkeit bekommen, die weniger zu verrathen schien, wo Trüffeln, als wo Verschwörungen lagen.

Grützmacher gratulirte zu einem Avancement, das schneller gekommen, »wie's bei's Militär« sonst möglich gewesen wäre. Er klagte über den Dechanten, der alt würde. Von seiner leider ohne »Prämie« gebliebenen großen Satisfaction »von wegen des ausgebuddelte olle Männeken«, sagte Grützmacher: Darüber sind wir »in's Klare« –! Es war ein ehemaliger Galeerensträfling, erzählte er, der ein paar Jahre in Paris gelebt hat, hierher kam, Pferdehandel treiben wollte, gleich die Leute anschmierte, auf ein paar Wochen Knecht im Weißen Roß war, den Coup auf Ihrem Kirchhof machte, der ihm nichts einbrachte, nachher bei alten Kunden und Hehlern von Gaunern sich 77 verkrochen hatte, vielleicht gar mit dem Hammaker, den Sie ja absolvirt haben, Herr Capitular, bekannt war, und zuletzt soll er denn auch noch unter falschem Namen nach Witoborn gegangen »sind«. Da das Feuer, sagen sie, hätte blos Er angelegt auf Schloß Westerhof. Darüber hört man – hm! – freilich denn allerlei. Aber jetzt, wie gesagt, ist er »chappirt« und wird wol zu Amerika »sind«.

Wenn hierauf Grützmacher, als er von dieser Begegnung zu seiner Frau sprach, zu äußern beliebte: »Ne, diese kathol'schen Pfaffen! S'ist doch nichts Aufrichtiges an ihnen! Jetzt der nun auch schon – Und ein ehemaliger Porteépéefähnrich noch dazu –!« so hatte er keineswegs Recht. Allerdings reden seit drei Jahrhunderten Jüterbogk und Rom verschiedene Sprachen, aber Bonaventura hörte ihm über die angeregten Punkte nur deshalb so seltsam scheu und unstet zu, weil er durch Beichtgeheimnisse und die äußerste Spannung gefesselt war. Immer deutlicher und gewisser trat ihm die Urkunde als das Erzeugniß eines weitverzweigten Verbrechens entgegen und dennoch sagte er: Kann ich denn gegen die Ehre Paula's und ihrer Angehörigen zeugen? Und mehr noch, wenn er sich Lucinden »an dem Frevel« betheiligt dachte – hatte die Urkunde vielleicht in dem Sarge des alten Mevissen gelegen? Gehörte sie dem Nachlaß seines Vaters an? Seine Gedanken und Schlußfolgerungen verwirrten sich.

Dem Oheim aber gegenüber legte Bonaventura noch vor seiner Abreise die übertriebene Scheu vor seinen Beichtgeheimnissen ab und theilte ihm nach kurzem Kampfe mit, was er inzwischen über den Sarg des alten Mevissen und über den Kirchhofschänder alles erfahren hatte. Gab dann auch der Onkel nicht zu, daß sein Bruder Friedrich noch lebte, so mußte doch unzweifelhaft der alte Diener desselben ein Geheimniß bewahrt und in seinen Sarg Dinge gelegt haben, die mit einem Verlangen in 78 Verbindung standen, sie sollten einst vom Tode erstehen – zu irgendwelchen noch verschleierten Zwecken . . . Bonaventura erzählte dem Onkel, daß der Fund in Lucindens Händen wäre. Und als dieser darüber hoch erstaunte, nannte ihm Bonaventura auch die Drohung, die Lucinde ausgestoßen, und hielt nur – weiterer Ausmalung derselben zurück, als er die dadurch hervorgerufene außerordentliche Aufregung des Onkels sah. Das ist ja erschreckend! sagte dieser. Und du hast ihr immer noch nicht diese Papiere abverlangt? Mit Gewalt abverlangt? So fliehst und verachtest du sie? Bona! Bona! So alt ich bin, durch meine Adern rollt Feuerstrom, so oft ich an die wenigen Tage denke, die dies Wesen bei uns zubrachte. Ich nehme sie, wenn sie will, morgen wieder! Meine Macht im Hause hat zugenommen. . . . Hm! Hm! Was kann jene Schrift enthalten? Und von wem ist sie ausgestellt?

Auf die von Bonaventura zusammengefaßten nähern Angaben, auf die Mittheilung, jene Schrift, deren Urheber er nicht kannte, sollte ebensowol mit seiner persönlichen Ehre, wie mit dem ganzen Bau der Kirche zusammenhängen und Lucinde könnte alle seine Handlungen, selbst wenn er die dreifache Krone trüge, damit entwerthen, ja ungeschehen machen – lachte endlich der Onkel und hielt die Meinung fest: Bester, wenn ich mir es recht überlege, so hör' ich darin doch nichts, als die verschmähte Liebe! Das sind jene Erfindungen, welche die Frauen regelmäßig zu machen pflegen, wenn man mit ihnen »bricht«. Immer gibt es dann Papiere, von denen es heißt, ihre Veröffentlichung würde uns »vernichten«. Oder der Briefwechsel würde zwar ausgeliefert werden, aber»Abschriften würden auf alle Fälle davon zurückbehalten« werden. Ich habe das alles erlebt!

Dennoch rieth der Onkel ernstlich, mit Lucinden Frieden zu 79 schließen und fügte hinzu: Das Leben ist so arm an Liebe, daß man eine dargereichte Hand nicht ablehnen soll!

Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte, die fortwährend in Haß und Rache überzuschlagen drohte, entgegnete der Onkel: Aber so sind sie ja alle! Die Besten, die sogenannten Edelsten! Meine eigene Petronella würde mich, wenn ich »mit ihr bräche«, mit kaltem Blut an einer Pastete sterben sehen, die mir eine andere Hand, als die ihrige, zubereitet hätte. Selbst die Buschbeck, deren grausamem Charakter ich den Besitz ihrer Schwester verdanke – letztere war jünger; Benno's Vater trat sie mir ab – aus Geiz trat er mir sie ab, um nicht »zwei von dieser Bande« ernähren zu müssen! – selbst Brigitte von Gülpen, sag' ich, die älteste Tochter einer Bischofsköchin und unzweifelhaft fürstabtlichen Amtes, wäre besser geworden durch gewährte Liebe. »Liebe« nennen diese Naturen einen Gegenstand haben, den sie quälen können! Die Idee, für einen treulosen Geliebten, der ins Kloster ging, die ganze Menschheit zu tyrannisiren, Kindern und Mägden das Leben zu vergiften und sich selbst das Stück Brot abzuhungern, vergegenwärtigt dir die tiefe Bedürftigkeit des Weibes, unter allen Umständen ein Wesen sein zu nennen und vielleicht wirklich zu caressiren, wär's zuletzt auch nichts als ein alter Mops, der nur in Flanelljacken noch leben kann und der in den Armen seiner weinenden Gebieterin am Asthma stirbt! Deine Renate – wie alt ist sie? Nahe den Siebzigen! Du wirst an einen Ersatz denken müssen. Wehe dir aber auch da, wenn sie deine Absicht merkt! Schlage die Concilien nach! Sie ließen lange zweifelhaft, ob die Frauen überhaupt – Menschen sind.

Bonaventura ließ, wenn auch zögernd, diese Auffassung der Drohungen Lucindens gelten.

In fernern Gesprächen zeigte sich auch noch zuletzt, warum regelmäßig der Onkel bei Erwähnung des Schlosses von 80 Castellungo in Nachdenken verfiel. Das zufällige Aussprechen der Worte: Fiat lux in perpetuis! brachte zwischen beiden das Geheimniß des empfangenen lateinischen Briefes zur Sprache. Kopfschüttelnd öffnete der Onkel sein Schreibbureau und reichte dem Neffen die auch ihm gewordene anonyme Aufforderung hin. Sie war gleichlautend mit der auch an Bonaventura gerichteten.

Ich werde die bedenklichen Ehren eines Huß und Savonarola nicht mehr gewinnen, sagte der Onkel, und hüte auch du dich vor ihnen –! Welche Mystificationen das!

Bonaventura versicherte, daß sein Glaube feststünde, niemand anders wäre der Eremit von Castellungo, als sein Vater. Jedenfalls wär' er in Italien Waldenser geworden und hätte, ein Opfer der römischen Scheidungsgesetze, den Gedanken einer Kirchenverbesserung gefaßt. Würde er auch an jenem 20. August der Versammlung, zu welcher er einlud, achtzig Jahre sein oder nicht mehr leben, so würde man seine Gemeinde finden. Nach allem, was ich höre, schloß Bonaventura, ist dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden, die bis dahin leicht an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann. Näher forschen dürfen wir nicht um meiner Mutter willen, die nicht in Bigamie leben darf!

Sohn! Sohn! unterbrach der Dechant. Welche Träume! Welche Anschauungen! Und sehen alle diese meinem Bruder Friedrich ähnlich? Nein, nein – es sind Mystificationen und vielleicht Fallstricke, vor denen wir uns hüten wollen.

Doch die Eichen von Castellungo grünen! entgegnete Bonaventura. Castellungo gehört dem Grafen Hugo – Dort lebt, unter dem Schutz der Gräfin Erdmuthe, ein Deutscher, Fra Federigo – Paula sah ihn deutlich in einer ihrer Visionen und sagte, er gliche mir –!

Weil sie dich an einer Himmelsreligion betheiligt glaubt, die 81 den Priestern erlaubt zu heirathen! entgegnete der Onkel nach einiger Betroffenheit. Nein, nein! alles das ist nur Spuk und hängt zusammen mit den Umtrieben, die jenen Terschka plötzlich enthüllten. Coni oder Cuneo steht in der anonymen Aufforderung? Fefelotti, Ceccone's Gegner im Conclave, ein noch viel ärgerer Jesuit jedoch als der, ist soeben aus Rom verbannt und Erzbischof in Cuneo geworden. Ihr armen Waldenser jetzt! Eure Bibeln werden bald confiscirt sein –!

Den Anklagen, die der Onkel auf Ceccone, auf Fefelotti und alle, die mit Roms Intriguen zusammenhingen, schleudert, lieh Bonaventura um so bereitwilliger sein Ohr, als sich auch durch Benno's Lebensschicksale jetzt ein Netz um sie alle her zu spinnen schien, dessen Fäden immer enger und enger wurden und auf Rom's Macht und Ansprüche zurückführten.

Ihr beiden – Ultramontanen! Zum Glück hab' ich euch bei Zeiten angehalten, italienisch zu lernen! scherzte der Onkel, ohne sich – darum den Beängstigungen zu entziehen, welche alle diese Dunkelheiten in den betheiligten Gemüthern zurücklassen durften.

Aus der Residenz des Kirchenfürsten kamen inzwischen vom Generalvicariat Briefe, die, bis auf eine von Rom zu erwartende weitere Entscheidung über den Magnetismus, jede Beeinträchtigung des Domcapitulars in seinen Würden niederschlugen. Rother's Anklage war als ungebührlich abgewiesen worden.

Die Genugthuung war demnach vollständig. Dennoch reiste Bonaventura voll Bangen in seinen Wohnort zurück. Das Bild des Alters und des Kummers, das er vom Onkel mitnahm, beunruhigte ihn. Mehr als je fürchtete er sich vor einer Stadt, die er auch sonst schon gemieden hatte. Sein Ehrgefühl war zu sehr verletzt worden. Feinde wirkten gewiß auch noch künftig gegen ihn. Sich zu derjenigen Widerstandskraft, die Haß oder 82 Verachtung verleihen, zu erheben vermochte sein Gemüth nicht. Auch konnte ihm nie Frieden kommen, wo Lucinde weilte.

Bei seiner Ankunft fand er Briefe von Schloß Neuhof vor – auch vom Onkel Levinus. In letzterm fand sich kein Wort über die doch gewiß mächtige, nach allen Seiten hin aufregende Wirkung, die sein Brief aus Kocher am Fall hatte hervorbringen müssen. Nur die auf eine Heirath hindeutenden Anzeichen eines Besuchs, den, von England zurückkehrend, Gräfin Erdmuthe aus Westerhof machen wollte, mehrten sich.

Die Aufforderung, nach Wien zu reisen, wiederholte sich im Laufe des Sommers. Bonaventura's Herkunft, seine würdige äußere Haltung, seine vollständige Kenntniß des Italienischen, alles veranlaßte aufs neue die Bitten der Curie, er möchte ebensowol im Interesse der Befreiung des Kirchenfürsten wie zur Abwendung der Stockungen, die für die Fortsetzung ihrer geistlichen Obliegenheiten die Stellvertretung desselben fand, die Reise nach Wien übernehmen. Galt doch der Staatskanzler für einen Gegner der Jesuiten; auch Ceccone hatte seit dem Sturz Fefelotti's Frieden mit ihnen geschlossen; vielleicht war in Wien der gute Wille zu gewinnen, die römische Curie zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Bonaventura sollte es sein, der den Unterhändler zum Frieden machte.

Er entzog sich diesen Vorschlägen solange als möglich. Wie konnte seine Reise gerade in Westerhof aufgenommen werden! Mistrauen erfüllte ihn auch, als er hörte, daß es vorzugsweise Nück war, der diese Rathschläge ertheilte; konnte von solcher Seite Gutes kommen? Nück kam wieder in seinen Beichtstuhl. Er gab ihm in der That vier Davidssteine an, die er gegen den Goliath der Leidenschaft in seiner Brust in Bereitschaft halte: 1) Ankauf eines Ritterguts, 2) landwirthschaftliche Studien, 3) Rückkehr zu alten Dichtversuchen, die er in seiner Jugend 83 gemacht, 4) die Erlernung der türkischen Sprache. Das Besuchen von Gräbern nütze ihm nichts, setzte er hinzu; er besäße eine alte Vorliebe für den Tod – darin wäre er wie die Türken, die auf Gräbern Kaffee tränken.

Der somit offenbar von Nück verhöhnte Geistliche konnte nicht eine Ahnung überwinden. Es war ihm, als spräche alles das nur die Eifersucht. In einer Zeitschrift gab Nück mit voller Namensunterschrift als einen »Wurf mit seinem dritten Davidssteine« in Versen die Klage, daß man das Höchste, was ein Weib geistig einem Manne sein könne, doch ohne die Vertraulichkeit der Sinne nicht gewinne. Die volle Unterschrift: »Dominicus Nück« beleidigte Stadt und Land. Seine Feinde und sogar Freunde sprachen von einer plötzlichen Enthüllung des »Pferdefußes«. Goldfinger junior, inzwischen mit Johanna Kattendyk vermählt, rückte ihm aufs Zimmer und stellte ihn über diese muthwillige Zerstörung des Rufs der Familie zur Rede. »Kümmern Sie sich um Ihre heilige Botanik oder, wenn Sie wollen, um unsere Conto-Currentbücher!« war Nück's kurze und grobe Antwort. Es war nur Eine Stimme, Oberprocurator Nück hatte sich so nur in Lucinde Schwarz, die Gesellschafterin im Hause seiner Schwiegermutter, verlieben können.

Zwar arbeitete noch Benno bei dem unheimlichen Mann, streifte aber inzwischen leise eine Fessel nach der andern ab, die ihn noch an seine gegenwärtige Stellung gebunden hielt. Auch seine Heimats-, seine Adoptions- und Unterthanenverpflichtungspapiere revidirte und ordnete er. Er wollte nach Italien – für immer. Seine Forschungen gingen mit Hülfe des Onkel Dechanten über Borkenhagen bis nach Kassel hinaus. Hier konnten die über die ersten Lebensjahre eines Julius Cäsar von Montalto, so war Benno getauft worden, gebreiteten Schleier, nach dem Tode des Kronsyndikus und Max von Asselyn's, seines Adoptivvaters, nicht mehr gelüftet werden. Sie konnten es nur noch in Italien – von seiner Mutter. Benno hatte bei allen diesen Unternehmungen zu verhüten, daß Thiebold, der im August aus England zurückgekehrt war, mit seiner gewohnten »Wißbegierde« hinter sein zur Enthüllung noch nicht reifes, vor dem Tode des Dechanten völlig auch unmögliches, neues Leben kam.

Thiebold hatte die Reise nach England im Interesse seiner canadischen Holzgeschäfte machen müssen und war, wie sich erwarten ließ, mit elegischer Stimmung heimgekehrt . . . London ist nicht gemacht zum Romantischen! sagte er denen, die nicht gewohnt waren, daß er nicht nach einer Reise ins Ausland in Deutschland alles »unter Null« fand. Im Gewühl der Weltstadt war er dem Obersten von Hülleshoven, seinem Lebensretter, nur ein einziges mal begegnet und noch dazu ohne Armgart. Letztere war auf dem Lande bei Lady Elliot. Da er erfuhr, daß auch gerade Terschka – »bedeutungsvolles Zusammentreffen!« – dort zum Besuch war, hielt er es für »unter seiner Würde«, sich »daselbst anmelden zu lassen« . . . Nur Gräfin Erdmuthe und Porzia Biancchi sah er. Er begleitete beide in ein Bibelgesellschaftsmeeting, wozu sie »vom Lande nach London hereingekommen« waren, auch noch eine Strecke am Themseufer entlang auf der Rückreise nach dem Landsitz der Lady. Er erzählte, er hätte nur aus allem, was er mit der Gräfin verhandelt, das Eine herausgehört, wie Terschka bei ihr »trotz alledem« in höchsten Gnaden stand. Er war der Löwe der Saison in London. Ein Jesuit, der ein Protestant geworden! Auch der Oberst hätte Terschka in Schutz genommen, um so mehr, da Terschka's Leben nicht sicher wäre. Lächerlich! sagte Thiebold. Rom wird den Menschen laufen lassen und seinetwegen noch nicht einen einzigen Banditen nach London schicken! Vom Obersten wußte Benno, daß seine kühle Gesinnung gegen den katholischen Glauben von den 85 Erfahrungen stammte, die er wollte in Canada gemacht haben. Das Leben in den Klöstern von Montreal hätte Anlaß zu gerichtlichen Untersuchungen gegeben; dann hätte Hedemann mit einer angebornen pietistischen Anlage vollends den Obersten auf ihren Reisen angesteckt.

Auch Bonaventura erfuhr diese Mittheilungen. Da seine Augen, träumerisch und irrend, immer nach dem Thal von Castellungo gerichtet waren, so mußten die reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiet der katholischen Kirche mehr denn je Gegenstand auch der Unterhaltungen werden, zu denen er die Freunde öfters bei einem einfachen Mahl in seinen Zimmern einlud. Benno's Gesichtspunkte waren ausschließlich dabei politische. Benno sah in der Kirchenspaltung den Untergang Deutschlands. Er haßte das Betonen kirchlicher Streitigkeiten überhaupt und lehnte deshalb die vom Protestantismus auf größere Vorzüglichkeit gemachten Ansprüche ab, ohne darum die Berechtigung des Abfalls von Rom zu bestreiten. Wenn man den katholischen Glauben, sagte er, bei alledem von dem Zwang, innerhalb kirchlicher Gemeinschaft leben zu müssen, befreien und die Verbindlichkeit der Autorität für die Freiheit des Gewissens aufheben könnte, so liegt eine freundlichere Lebensauffassung in unsern Ceremonieen, als wenigstens im protestantischen Pietismus. Haben Sie je in Gegenwart jener Gräfin eine wahre Freude über die Schönheit des Meeres und den blitzenden Spiegel der Wellen äußern dürfen oder haben Sie irgendeinen weltlichen Gegenstand unbefangen nennen können? Wenigstens hat uns Hedemann in Witoborn auf jede natürliche Aeußerung unserer Empfindungen einen Dämpfer zu legen gewußt, der scheinbar fromm sein sollte, im Grunde aber nur rechthaberisch war.

Bonaventura nannte seinerseits die Erscheinung des 86 Protestantismus nur deshalb unvollkommen, weil er hervorgerufen wäre nur durch das Bedürfniß, einen polemischen Gegensatz gegen den Katholicismus aufzustellen. Der Pietismus, sagte er, ist ein Versuch, aus dem Protestantismus wieder zu Religion überhaupt zurückzukommen; denn Protestant sein, heißt noch nicht: Christ sein, sondern nur: Nichtkatholik sein. Und allerdings, fuhr er fort, müsse man sich eine Zeit denken können, wo in seiner jetzigen Gestalt auch der Katholicismus aufhörte. Freilich würde die Verbreitung der Philosophie dann schon bis in die kleinsten Hirtenthäler Spaniens und Siciliens gedrungen sein müssen. Unter Philosophie verstehe ich hier eine Aufklärung, die ihre Resultate in die Welt hinausgehen lassen kann mit verständlichen Allgemeinbegriffen. Dann wird die Frage nur noch lauten: Was ist christlich? Protestanten und Katholiken werden sich im apostolischen Gemeindeleben begegnen müssen. Auf welchem andern Grunde soll man sich zuletzt wieder die Hände reichen, als auf dem der Bibel?

Mit Thiebold's schüchterner, fast mit latentem Fanatismus hingeworfener Bemerkung zu Benno: »Vorausgesetz, daß man überhaupt kein Heide ist, wie denn doch wol mehr oder weniger Ihr Fall, bester Freund!« schloß die Debatte im Scherz.

Ohne zu auffallende Erlebnisse, ohne ein Lebenszeichen von Westerhof, ohne die von dort gemeldete Ankunft der Gräfin Erdmuthe nahte sich schon der Spätsommer. Benno wurde erkoren, der Ueberbringer der Pacten zu sein, die bereits die Agnaten der Familie Paula's, die Landschaft und die Curie von Witoborn dem Grafen Hugo zur Unterschrift vorzulegen hatten. Der Präsident von Wittekind und Bonaventura selbst waren an diesen Pacten persönlich betheiligt. Jener erschien dann auch plötzlich in der Residenz des Kirchenfürsten selbst. Bonaventura und Benno wurden durch seinen Besuch in jeder Beziehung überrascht – Benno 87 durch den Besuch – seines »Bruders«. Kein stürmischer, doch auch kein kalter Gruß war es, mit dem der Präsident Benno »seinen Bruder« nannte. In der darauf folgenden kurzen Umarmung lag ein ganzes Leben.

Die Sehnsucht Benno's, Mutter und Schwester kennen zu lernen, fand der sonst dem Abenteuerlichen wenig geneigte Mann unnatürlich. Die Mittel, eine Reise nach Wien und Italien zu unternehmen, wurden reichlich dargeboten. Das Band des Blutes zwischen beiden Männern war zu eigenthümlich bedingt, als daß sie sich nicht anfangs mit einer Anwandlung des Erröthens hätten ansehen sollen. Die in solchen Lagen vom Gemüth vorausgesetzte Gegenwart eines unsichtbaren Geistes, der vom Lande der Seligen herüber die Hände zweier in solchem Maß widerstrebenden Interessen ineinander legt mit dem Friedenswort: Seid einig! konnte hier nicht vorausgesetzt werden. Was diese Halbbrüder umrauschte, war der mitternächtige Flügelschlag der Eule.

Der Hinblick auf Wien und die ihnen beiden dort weilende gemeinsame – Schwester mehrte den unheimlichen, erschütternden Eindruck. Der Präsident kam als nächster Verwandter Paula's, als Vertreter der Agnatenansprüche. Er dachte über die Nothwendigkeit dieser Ehe ganz wie Monika. Eine Schonung Bonaventura's, falls ihm diese überhaupt hier zu üben räthlich erschien, forderte die Stellung eines Priesters nicht, besonders eines solchen, wie sein Sohn war. Eher war die Erwähnung des Grafen Hugo um Benno's willen mislich. Der Präsident erzählte von Angiolina und von der Herzogin von Amarillas, was er mit Vorbedacht erkundschaftet hatte. Sie werden vorziehen, sagte er zum Bruder, den er – noch nicht Du nennen konnte, den Namen der Asselyns für immer zu behalten und fortzupflanzen, zumal da er ohne Sie aussterben würde! Wiederholt 88 mußte die Gültigkeit der betrügerisch geschlossenen Ehe des Kronsyndikus zur Sprache kommen. Geld würde es auf alle Fälle reichlich kosten, sagte er, bis die Sacra-Dataria in Rom, natürlich erst nach dem Tode des Dechanten, zu Ihren und Angiolinens Gunsten Ihre Deutungen des kanonischen Rechts anerkennt. In unserm Lande aber würde die Anerkennung nur ein Gnadenact der Krone sein können. Die Herzogin von Amarillas dürfte dabei kaum zu sehr in den Vordergrund treten, da sie sich sehr wohl hüten müßte, ihrerseits das Verbrechen der Bigamie auf sich zu laden. Freilich wird sie sagen, daß sie zuletzt den Betrug durchschaut hätte. Ich bin begierig auf Ihre Begegnung mit ihr! Der Präsident erläuterte dann, daß Julius Cäsar von Montalto ein von der Mutter hergenommener Name war, die sich nur als Sängerin Maldachini genannt und wirklich einer armen Adelsfamilie angehört hatte.

Bonaventura vertheidigte die Einfachheit der katholischen Ehe. Sie ist ein letzter Rest der apostolischen Zeit, sagte er. Die bürgerliche Gemeinde war damals die Kirche und die Kirche war die bürgerliche Gemeinde. Zwei Liebende sagten vor dem gemeinschaftlichen Genuß des Abendmahls: Wir sind Eins! und keine Macht der Erde konnte sie trennen.

Leider auch die Kirche nicht mehr! setzte der Präsident seufzend hinzu.

Die eignen Familienbeziehungen wurden für die Fortsetzung des Gespräches zu schmerzlich.

Den heftigen Anklagen des Präsidenten gegen Terschka, Rom, die Jesuiten, Nück konnten natürlich die Freunde nicht widersprechen. Sie erstaunten, wie auch hier Friedrich von Wittekind Zusammenhänge gefunden hatte, deren Kenntniß ihm nur aus amtlichen Quellen gekommen sein konnte. Dennoch rieth er Benno, Nück nicht durchaus aufzugeben und jedenfalls die Reise 89 nach Wien im Auftrag der Dorste'schen Agnaten zum äußern Anlaß seiner weitern südlichen »Entdeckungsfahrt« zu machen. Aber lassen Sie sich kein rothes Kreuz aufheften, um in päpstliche Dienste zu treten! fügte er hinzu. Wenn Sie aber von Nück an den Staatskanzler empfohlen werden, so nehmen Sie das immerhin als interessante Reiseerinnerung mit!

Ich würde dem Allgewaltigen, fürcht' ich, wie Posa reden! scherzte Benno.

Thun Sie das ja nicht! Dann gibt er Ihnen eine Anstellung und ihr Freimuth ist geheilt! entgegnete der Präsident.

Man stritt über diesen Scherz. Der Präsident sagte: Glauben Sie mir, der Staatskanzler stellt jeden noch so freisinnigen Posa an, der von guter Familie und katholisch ist. Es hat damit gute Wege! Sprächen Sie ihn, würden Sie den klugen Mann so liebenswürdig finden, daß Sie auch nicht ein einziges freisinniges Wort gegen ihn aufbrächten. Er würde sogar liberaler sein, als Sie – wenigstens fürchtet er mehr, als wir, die Jesuiten. Wenn er jetzt den Schein annimmt, in unserm Streite Rom beizustehen, so ist es nur, um unserm Staat zu schwächen. Aber auch das wird er in Abrede stellen. Kurz – er wird dem jugendlichen Sinn jede Zustimmung abschmeicheln.

Der Präsident besuchte dann noch, zur Beruhigung des Dechanten, Kocher am Fall. An Muße fehlte es ihm nicht. Er hatte sich als Beamter zur Disposition stellen lassen, weil ihn zu sehr seine Erbschaft in Anspruch nahm. Einige Wochen später war Benno zur Abreise bereit und erhielt von Nück die Papiere, die dem Grafen Hugo vorzulegen waren. So sehr er sich auch dagegen sträubte, er mußte auch Depeschen an Ceccone und an den Staatskanzler mitnehmen – bei der Fülle der ihm übergebenen Aufträge konnte er diese Besorgung nicht ablehnen. Außerdem hatte ihn der Dechant an alle seine alten wiener 90 Freunde empfohlen und besonders an Einen, bei dem er auch wohnen sollte. Benno sah in Wien nur den gewonnenen Vorsprung nach Rom. Daß ihm die Reise nach Rom erspart werden sollte durch Ceccone's Anwesenheit in Wien, ahnte er nicht. An die Möglichkeit, daß Ceccone es wagte, in irgendeiner Form die Herzogin von Amarillas sich nachkommen zu lassen, konnte niemand von den enger Verbundenen glauben.

Thiebold blieb außerhalb aller dieser Geheimnisse. Unter der Trennung von Benno litt er wie ein Liebender unter der Trennung von seiner Geliebten. Sein »Halt«, seine »Führung« war dahin! Er zerfloß in jene bekannte Sentimentalität, die sich vor dem Uebermaß der Selbstrührung durch Poltern zu bewahren sucht. Er packte Benno's Koffer, »revidirte« die Garderobe des Freundes und zerstörte ihm seine alten Brieftaschen, Haar- und Nagelbürsten, letzteres um ihm dafür ein prachtvolles englisches Reisenecessaire mitgeben zu dürfen. Nicht ebenso »unausstehlich« aufmerksam, aber theilnehmend waren auch alle andern Bekannte Benno's.

Nur Piter hatte sich seit einiger Zeit von Thiebold's Freundeskreise, in welchen auch allmählich Benno eingetreten war, zurückgezogen. Noch am Abend vor Benno's Reise kam Thiebold zu Bonaventura ins Capitel, wo er hoffen konnte, Benno zu finden, und erzählte beiden athemlos einen »schönen Skandal«. Piter hatte Trendchen Ley gewaltsam aus dem Kloster entführt. Denken Sie sich, erzählte er, Piter soll schon früher »einige male« im Kloster gewesen sein und zwar auf welchem hoffentlich »nicht mehr ungewöhnlichen« Wege? In einem Waschkorb! Ich versichere Sie auf Ehre! Eingepackt als Leinzeug, um von einer im Kloster gehaltenen Nähschule gesäumt, gesteppt, gezeichnet, gewaschen und gebügelt zu werden!

Bonaventura schlug die Augen nieder.

91 Diese Ueberfälle, fuhr Thiebold fort, misglückten. Aber – Sie wissen ohne Zweifel, Herr Domcapitular, die kleine allerliebste Blondine, sie diente bei seiner verstorbenen Schwester – diese für ihn unbegreiflicherweise – nein, um es aufrichtig zu gestehen, diese Verirrung seines Geschmacks kann ich mir – »wenn Sie wollen«, erklären! – Nicht nur nicht, daß die Kleine wirklich ein Bild von Schönheit, Sanftmuth, Anmuth – ohne Spaß – sondern auch – daß sie –

»Mehr Inhalt, weniger Kunst!« unterbrach Benno.

Thiebold, die Benno'schen Hindernisse seines »Dialogs« gewohnt, hörte nicht auf diese Mahnung, sondern wandte sich an Bonaventura, der den Freunden bereitwilligst sein Studirzimmer, sogar zum Rauchen hergab, und fuhr fort. Sagen Sie selbst, Herr Domcapitular, finden Sie es nicht auch begreiflich?

»Nicht nur nicht –« schaltete Benno ungeduldig ein . . .

Wer – sich – nur – irgend – auf Piter's – Standpunkt – zu – versetzen weiß – – betonte jetzt Thiebold jede Sylbe seiner Mittheilung.

Ich kenne das junge Mädchen und wünsche jedem Glück, der seine Liebe gewinnt –! schaltete Bonaventura lächelnd ein.

Vollkommen meine Ueberzeugung! äußerte Thiebold mit einem Mitleidsblick auf Benno. Nur eine»dergleichen Acquisition« konnte »Piter's Naturell Befriedigung gewähren«! Manche Charaktere darf eine Liebe nicht »geniren«!

Kurz, Thiebold erzählte von einer Verkleidung, unter deren Schutz sich Piter ins Kloster geschlichen hätte. Früher wäre er im Waschkorb gekommen, diesmal als ein Mitglied der weiblichen Nähschule. Er hätte nicht einen einzigen seiner Sherrypunschfreunde zum »engern Complicen« gehabt. Der Gedanke wäre, »original aus seiner Seele allein« entsprungen. Vielleicht höchstens mit Hinzuziehung des Fräulein Lucinde, die dem Trendchen 92 diese Partie gönnte – so »vermuthete« Thiebold. Piter hätte sich in den einfachen Anzug eines Nähmädchens geworfen, hätte seine interessante Erscheinung durch einen Strohhut mit Schleier unkenntlich gemacht und wäre so ins Kloster gekommen. – Glück hätte ihn begünstigt und vor einem zu langen Umherirren bewahrt. Trendchen Ley wäre bald von ihm aufgefunden, er hätte sie in ihrer Zelle überrascht und ihr so lange – Thiebold bediente sich des allerdings auf Piter anwendbaren Ausdrucks– »zugesetzt«, bis das schwache, gewohntermaßen willenlose Mädchen eingewilligt und mit ihm durch die Gänge, die ins Waisenhaus führten, das Kloster verlassen hätte. Dort hätte sie erst noch ihre Geschwister unter Thränen geküßt und wäre dann »spurlos verschwunden.« Piter hätte ohne Zweifel den Weg nach einer Gegend genommen, die derjenigen völlig zu au contraire wäre, von woher er jetzt »mit seinem Hause« correspondire. Sein Schwager, der Professor außer Diensten, hätte »im Sturm der Indignation« sofort die Procura bekommen, während die Commerzienräthin die »gewöhnliche Farbe ihrer Scheitel aus Anstandsrücksichten ins Kummergraue melirt« hätte. Ohne Zweifel würde Piter nach einigen Monaten an der Hand seines jungen Weibchens »am Platz« zurückgekehrt sein und höchstens nur mit den Curatoren des von ihm entweihten Klosters, namentlich mit dem wiederhergestellten Pfarrer vom Berge Karmel, noch »einen schönen Tanz kriegen«.

Bonaventura hörte dem zu, wie ein Arzt seinen Kranken reden läßt und durch kein Lächeln verräth, daß ihm die mitgetheilten Symptome in nichts überraschend sind, wenn sie ihn auch auf völlig andere Ursachen hinleiten, als der Kranke ausspricht.

Die Belustigung seiner Freunde über »Piter als Nähmamsell« 93 konnte Thiebold, trotz des Verdachts der Blasphemie, »nicht umhin« zu theilen. Für den stadt- und landersehnten nächsten Carneval versprach er sich davon ein »anregendes Motiv«.

Am folgenden Morgen reiste Benno ab und Thiebold gab ihm bis auf eine Tagereise, Bonaventura nur bis zur Abfahrt des Dampfboots das Geleite. In Bonaventura's letztem Blick und Handdruck lag ein tiefes Bangen vor den Erfahrungen, denen Benno entgegenreiste. Die Rührung des Abschieds konnte nicht zum vollen Ausbruch kommen – Thiebold's wegen, der theils mit den Kofferträgern zankte, theils dem Abschied der Freunde und den dabei etwa fallenden »letzten Wünschen« ein aufmerksames Ohr lieh.

Nach einem jener abwechselungsreichen Tage, wie man sie auch nur auf einem menschenüberfüllten Dampfboot, dann aber auch nur mit Thiebold de Jonge, der Seele einer solchen Fahrt, verbringen konnte, nahm Benno auch von seinem »närrischen« Freunde Abschied. Sie hatten noch eine Nacht in einem der schönen Hotels zugebracht, deren sich in der Nähe des Grabes der heiligen Hildegard mehrere erheben. Wieder brach ein milder, sonniger Herbsttag an, als Benno bergauf, Thiebold thalwärts weiter fahren wollten. Ihr Abschied war, wie Thiebold versicherte, nur auf kurze Zeit. Zwar trat der Landtag, der seinen Vater beschäftigte, zusammen, doch erwartete man, derselbe werde wegen der von der Ritterschaft und den Städten beabsichtigten Anträge zu Gunsten des Kirchenfürsten sogleich aufgelöst werden. Dann würde er nicht verfehlen, Benno eines Morgens in »Oesterreich und Umgegend« zu überraschen.

Im Fremdenbuch ihres Hotels hatten sie den Namen Schnuphase gefunden. Sogar »Stadtrath« Schnuphase. In der That war »Herr Maria« wegen seiner kirchlich oppositionellen 94 Richtung von der Commune durch diesen Titel ausgezeichnet worden und, wie zu lesen stand, reiste er gleichfalls nach Wien. Prächtige »Unterhöltung« das! sagte Thiebold. Ein »Ersötz« für meine »unfreiwillige Kömik«!

Dieser letzte »Stich« störte nicht die Rührung, mit der sich beide Freunde umarmten. Auch von Thiebold nahm Benno Abschied in dem seltsam ihn beschleichenden Gefühl, ihn nie wiederzusehen. Er mußte sich abwenden, um das flatternde Taschentuch nicht mehr zu bemerken, womit ihm Thiebold so lange seine Grüße zuwehte, bis der Dampfer, der jenen trug, hinter dem grünen Vorgebirge des Niederwalds verschwunden war.

Benno's Schiff ging später und legte in Rüdesheim an, um Güter und Passagiere aufzunehmen. In der That – hier wurde ihm Stadtrath Schnuphase als Mitpassagier zu Theil. Herr Maria mit der röthesten Nase, gekleidet wie zu einer Audienz, in weißer Weste, Frack, weißer Halsbinde, erschien auf der Landungsbrücke und ließ eine Menge Koffer, eine Equipage von wenigstens zehn Centnern Uebergewicht ausladen, darunter eine Kiste, der er eine Aufmerksamkeit widmete, als wäre sie mit Monstranzen, Meßgewändern oder consecrirten Kerzen gefüllt. Anfangs bemerkte er Benno nicht. Herr Maria war in einem zärtlichen Abschied begriffen von einer hohen Gestalt, die ihm kräftig die Hand schüttelte.

Benno erkannte den Moppes'schen Küfer, den Richter von der Eiche am Düsternbrook, den Richter seines eigenen Vaters, Stephan Lengenich. Wohl war ihm diese Begegnung eine unheimliche! Er wich Schnuphase'n aus, ergriffen wie von einem Omen.

Allmählich jedoch, als das Schiff weiter fuhr und Benno, sich in einen Mantel gegen den noch kühlen Morgenwind hüllend, vom Verdeck aus den Küfer lange noch auf der Brücke verharren 95 und dann und wann noch mit abgezogenem Hut den »Stadtrath« zum Scheiden grüßen sah, löste sich der Druck der Erinnerung, der mit eisigen Krallen sein Herz erfaßt hatte.

Auch der Stadtrath hatte ihn jetzt entdeckt, erkannt und mit Bewillkommnungen überhäuft.

Wo reisen Sie hin, Herr Stadtrath? Auch nach Wien? sagte Benno gelassen.

Herr Maria bejahte und hätte Benno vor Freude über eine solche Reisebegleitung fast umarmt. Er schilderte – eben fuhren sie am Johannisberg vorüber – geheimnißvoll, was er oben gestern und heute gesehen hatte auf dem in der Sonne leuchtenden Schlosse. Er schilderte die »Öpörtements«, den berühmten Schreibtisch, der ganz mit »S–piegeln« umgeben wäre, sodaß der hohe »S–tötsmönn«, indem er die Feder führte, immer sehen könnte, ob hinter ihm etwa die »demögögischen Umtriebe« mit einem geschliffenen »Dölche« –

St! unterbrach Benno. Die Kellerei! Erzählen Sie von der!

Der Stadtrath war vor Begeisterung auch über diese Keller, wie er sagte, noch in einem »ungefrühs–tückten Zus–tönde befindlich«, machte eine bedeutungsvolle Miene, sah nach Rüdesheim zurück, dann auf sein Gepäck und unterbrach mit eigenthümlicher Pfiffigkeit die Antwort, zu der er schon den Ansatz gemacht hatte.

Ich glaube gar, Sie haben geheime Aufträge an – den Staatskanzler? fragte Benno.

Wieder folgte eine mysteriöse und diplomatische Abschwenkung. Die Nase funkelte in der Sonne. Das weiße lockige Haar stand dem kleinen Haupte staatsmännisch und bedeutungsvoll. Benno gab sich der Hoffnung hin, daß ihm seine Reise wenigstens von dieser Seite her Unterhaltung bieten würde. Vorläufig mußte er dem Stadtrath den Gefallen thun, ein »Frühs–tück« einzunehmen.

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