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Der Zauberer von Rom. VI. Buch

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. VI. Buch - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Gutzkow
firstpub1858-61
year1863
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleDer Zauberer von Rom. VI. Buch
created20070717
sendergerd.bouillon
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18 2.

Als im ersten Beginn des diesjährigen Frühlings Benno mit seinem Freunde Thiebold de Jonge von Witoborn nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückreiste, that letzterer »von seinem Standpunkt aus« alles Mögliche, die schmerzlichen Nachklänge des so gänzlich den »gehegten Erwartungen nicht entsprochenen« witoborner Aufenthalts zu mildern. Was nur aus dem unerschöpflichen Born seiner guten Laune zu entnehmen war, gab Thiebold bereitwilligst zur Zerstreuung her, sogar seine eigene Person.

Aber für alle Anschläge seines erfinderischen Genius blieb Benno unempfänglich. Ja er verdarb sogar dem guten Thiebold den »Spaß«, Extrapost zu nehmen, um desto ungestörter in der »Einsamkeit der Landstraße« den »gegenseitigen Gefühlen« Luft zu machen. Benno kannte diese Thiebold'schen Extrapostfahrten mit ihren »gemüthlichen kleinen Aufenthalten« von vier bis fünf Stunden, ihren Nachtlagern, ihren Wirthshausbekanntschaften, ihren Abstechern auf »gerade an diesem Abend« stattfindende Casinobälle in kleinen Städten, zu denen sich Thiebold ganz gemüthlich wie ein alter Stammgast einzuladen verstand. Sie fuhren mit der Schnellpost und kamen auf diese Art in ihre »laufenden Verhältnisse« rascher zurück als mit Thiebold'scher Extrapost.

19 Das durch vier Mitpassagiere auferlegte Schweigen über die Resultate der witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches. Thiebold verbrauchte seinen letzten Cigarrenvorrath mit Blicken der Resignation. Er gefiel sich in dem von ihm sonst so oft an Piter unerträglich gefundenen System des Au contraire gegen sämmtliche Mitpassagiere, deren Behauptungen ihm in der Regel unbegründet und haltlos erschienen, ob sie nun den Segen der diesjährig zu erwartenden Ernte oder die projectirten Eisenbahnlinien oder die Zukunft der damals erst neuerfundenen Stahlfedern oder den Kirchenstreit betrafen. Wenn auch Thiebold wußte, daß er durch seine unausgesetzten »Erlauben Sie!«, mit denen er seine »thatsächlichen Berichtigungen« einführte, Benno zum stillen Märtyrer machte, es blieb ihm unmöglich, die Aufregung seines Gemüths, den »stellenweisen« Schmerz seiner Erinnerungen anders zu beschwichtigen, als durch eine fortwährend auf Berichte von »Augenzeugen« gegründete Polemik. Nur bei Nacht traten Pausen der Ergebung ein, die Thiebold theils durch Schnarchen. theils durch Seufzer ausfüllte. Hätte er nicht von Seiten Benno's das schnöde Wort: »Machen Sie sich nicht lächerlich.« gefürchtet, sogar von den Sternen würde er gesprochen und die von Joseph Moppes so zart gesungene Arie mit nachgeahmter Waldhornbegleitung intonirt haben: »Ob sie meiner noch gedenkt« –.

Als Thiebold dann seinem Vater hinter »Maria auf den Holzhöfen« über die »glücklicherweise« »verfehlte Speculation« des Ankaufs der Camphausen'schen Waldungen, infolge des bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des hieraus sich von selbst ergebenden Abbruchs aller Verhandlungen mit Terschka berichtet und dafür ein: »Gesegn's Gott!« geerntet hatte, fand sich leider »noch immer die stille Stunde nicht«, wonach sein Herz sich sehnte, die Stunde, um mit Benno »alles 20 durchsprechen« und das Thema variiren zu können: »Ist denn alles das wol ein Traum gewesen –?« Benno hatte sofort mit den Berichten zu thun, die er Nück zu erstatten hatte. Thiebold war theils überhäuft mit Commissionen, die ihm die Stiftsdamen aufgetragen, theils war seine Ankunft die erfüllte Sehnsucht aller seiner übrigen Freunde, besonders Piter's, den Trendchen's Flucht ins Kloster und die bevorstehende mögliche Einkleidung des geliebten Wesens rein in einen »Schatten« verwandelt hatte.

Die überraschende Mittheilung erst, daß sich auf einer Reise nach England Wenzel von Terschka einige Stunden in der Stadt aufgehalten hatte, ohne jemanden zu besuchen, brachte den »Austausch der Gefühle zu Wege«, wonach Thiebold so dringend verlangte. Es war eines Abends sechs Uhr und mitten auf der Straße, als die Sonnenstrahlen im Verschwinden waren und die Entdeckung gemacht wurde, daß die letzten Austern, »auf die man sich allenfalls noch verlassen konnte«, aus Ostende angekommen. Ein stiller Winkel auf dem Hahnenkamp lockte mächtig. Benno wurde von Thiebold gezwungen zu folgen. Benno tadelte keinen einzigen Vorschlag, den Thiebold über die Sorte Wein machte, die sie wählen wollten zu den noch »unbedenklichen« Austern.

»Terschka geht denn also nach England, um die Gräfin über die Urkunde und die gänzliche Veränderung der Dinge auf Schloß Westerhof in Kenntniß zu setzen –!«

Dies war das wehmuthsvolle Thema, das zuerst besprochen wurde.

Die zweite Schlußfolgerung war die Ahnung von einer Heirath Paula's mit dem Grafen Hugo.

Die dritte die »Ueberzeugung«, Armgart würde für Paula unentbehrlich sein und demzufolge – die Heirath mit dem Freunde des Grafen, mit Wenzel von Terschka, eingehen.

21 Nie hatte Thiebold seinen männlichen Freund so kleinmüthig gesehen, nie so nachgiebig gegen jede seiner Vermuthungen. Benno lehnte sogar die Hypothese nicht ab, daß Armgart »keinem von ihnen beiden hätte wehe thun wollen«. Beide Freunde redeten sich in das Unergründliche so hinein, daß sich Benno zuletzt die schwarzen Locken aus der heißen Stirn strich, wild den Arm aufstemmte und jene Anklagen des Schicksals ausstieß, die Thiebold sonst »unmännlichen Weltschmerz« zu nennen pflegte. Heute »unterschrieb« er alles, was Benno in sein grünes Römerglas hineinwetterte, wie z. B.: De Jonge! Ich fand Ihre Entsagung natürlich! Ich würde Ihnen Armgart nimmermehr gelassen haben! Vergeben Sie mir diese offenherzige Sprache! Selbst auf Gefahr, Sie zu beleidigen!

Unter Männern volle Wahrheit! entgegnete Thiebold ebenso kräftig und stieß die leeren Austerschalen zurück, um für neue Platz zu machen, die er wie mit einem Mordmesser behandelte.

In der That, sie konnte – mich nur lieben! Ich habe Vorzüge vor Ihnen! Nicht daß ich lateinisch, griechisch und italienisch verstehe, de Jonge – Sie sprechen englisch und spanisch, das schätzen Manche höher. Aber mein Vorzug vor Ihnen liegt im Herzen! Ja, mein Herz kann lieben, das Ihrige nicht, de Jonge –! Morden Sie mich dafür mit – Ihrer Austerngabel!

Nein, im Gegentheil! rief nun Thiebold und seine Augen leuchteten – lediglich vor Begeisterung über seinen so doch einmal aus sich herausgehenden Freund. Nein! Sie haben recht! Ich schaudere über mich selbst! Ich versichere Sie heilig: Ich kann lieben – aber darin haben Sie recht, nie auf die Länge –! Er schenkte mit wilder Geberde die Gläser voll. Sein ganzes Sein war aufgelöst in Behagen – nur allein über Benno's »edle Vertraulichkeit«. Ja, zum Beweise, daß er 22 Ursache zum Zorn hatte, sich aber »zu mäßigen wünsche«, warf er sein Glas hinterwärts in tausend Scherben. Was kostet das? setzte er zum erschrocken herbeieilenden Kellner hinzu. Die Stunde ist mir in dem Grade feierlich, Louis, daß nie wieder aus diesem Glase ein Mensch trinken soll! Geben Sie mir aber ein neues!

In dieser Art »sprachen« beide Freunde von Sieben bis gegen Mitternacht in einer »stillen Stunde« ihre witoborner und westerhofer Erinnerungen, ihre Anschauungen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft »durch«. Beide Jünglingsseelen nenne man darum nicht in ihrem Schmerz oberflächlich! Männer bedürfen eines solchen heftigen Ausbruchs ihrer Gefühle. Benno tobte und fand es unerträglich. daß der Kellner sich unterstand, mit dem Besen die Splitter zusammenfegen zu wollen. Hinaus! rief er ihm zu. Beide Freunde waren nicht im mindesten etwa trunken. Nur die Jugendkraft sprach aus ihnen. Zorn, Eifersucht, Schmerz müssen in jungen Seelen solche Formen haben, um ihnen möglich zu machen, daß sie dann zu den einmal nicht zu ändernden Gesetzen des Lebens wieder zurückkehren.

Acht Tage nach diesem Abend, der nichtsdestoweniger in Benno's Seele nur neue Wunden schnitt, nicht heilte, erhielten beide die Nachricht, daß Terschka entflohen, ein Priester und sogar ein Jesuit war. Das Staunen darüber mußte allerdings das mächtigste sein. Sie erfuhren die unglaubliche Kunde zugleich mit dem Zusatz, daß Terschka in England zu bleiben gedächte, sich unter den Schutz Englands stellte, seinen Glauben entweder schon geändert hätte oder zu ändern vorhätte und ohne Zweifel von Gräfin Erdmuthe, die hier einen Triumph über Rom, eine Genugthuung für die »entsetzenerregende« Urkunde sah, Verzeihung erhalten würde. Ueber Terschka's Verhältniß zu Armgart mußte 23 jetzt eine ganz neue Beleuchtung fallen und wieder begannen – die Hoffnungen.

Dann war es Bonaventura, der, unterwegs da und dort in Amtsgeschäften aufgehalten und erst vierzehn Tage nach ihnen eintreffend, die Thatsachen bestätigte. Beide Freunde kannten Armgart's katholischen Sinn – Sie hofften eine Weile. Dann aber sagten sie sich. Steht jetzt nicht Armgart unter der Leitung ihrer Aeltern, deren freisinnige Richtung allbekannt ist? Weiß nicht jeder, daß sich Armgart's Aeltern um ihrer Principien willen ausgesöhnt haben? Graf Hugo ist Lutheraner, hieß es auf Nück's Schreibstube, »dieser elende Terschka« wird zum Grafen Hugo zurückkehren.

Bonaventura kam trauernd, ernst und schweigsam. Allerdings bestätigte es sich: Er war Domcapitular geworden. In noch so jungen Jahren! Sein schnelles Emporsteigen auf der Staffel der geistlichen Würden war die Folge der immer heftiger gewordenen Kämpfe mit der Regierung. Die alten Bewohner des Domstifts erlagen diesen Aufregungen. In auffallender Schnelligkeit raffte der Tod die schwachen Greise hinweg, die nicht mehr wußten, wie sie sich in der Mitte halten sollten zwischen ihren geistlichen und weltlichen Oberhäuptern. Der Kirchenfürst und sein Kaplan Michahelles blieben gefangen.

Bonaventura's Stellung zum täglichen Gottesdienst veränderte sich infolge seines Aufsteigens. Doch bei feierlichen Gelegenheiten trat sie in desto höherer Bedeutung hervor. Gleich die Osterzeit theilte auch ihm den ganzen Nimbus mit, den gerade in diesen Tagen die katholische Kirche um sich zu verbreiten weiß. Auf die goldnen Gewänder, die Fahnen und Baldachine fällt dann zugleich der Strahl der ersten Frühlingssonne. In den noch kalten Kirchen grünen Jerusalems Palmen –! Ueber den Garten von Gethsemane breitet sich das abendliche Dunkel der 24 Vigilien. Selbst den Hahn der Verleugnung glaubt man bei diesen Nachbildungen der heiligen Leidens- und Ostervorgänge in den katholischen Kirchen rufen zu hören – wenigstens weiß man mit täuschenden Anklängen das Alte wach zu halten. Die schönen Phantasmagorieen bedurfte Bonaventura, um – sein Leiden zu mildern – sein Denken und Zweifeln eine Weile zu unterbrechen.

Die Beichten kamen wieder, die Prüfungen in dem kleinen Flüsterwinkelchen, das Bonaventura nicht aufgeben durfte. Renate bat ihn um Schonung seiner selbst. Ihr Pflegling kam von Witoborn um Jahre ältergeworden zurück. Mittheilsam sprach er ihr wol von der Mutter und breitete alles aus, was diese ihm für die alte Dienerin sowol, wie für ihn selbst mitgegeben hatte. Aber es drückte ihn Schmerz und Unmuth. Von wie viel geisterhaften Fäden war er nicht umsponnen! Vision und Wirklichkeit hielten ihn in einem steten Zauberbann. Seine alten Zimmer behielt er in dem großen Gebäude des Domstifts. Gerade weil er so viel Neues in seinem Herzen trug, fühlte er das Bedürfniß, alles Äußerliche beim Alten zu lassen.

Bonaventura sah Benno wieder, sah Nück, auch Lucinden. Wie gewaltige Veränderungen waren seither wieder vorgegangen! Sowol äußerlich, wie innerlich! Benno konnte er nicht sehen ohne die tiefste Rührung. Immer und immer empfand er den Reiz, die Binde von den Augen des Freundes zu reißen und ihn rückhaltslos über seinen Ursprung aufzuklären. Noch fehlten die vollen Verständigungen mit dem Dechanten und mit seinem Stiefvater. Von Stunde zu Stunde mußten sie kommen.

Nück war und blieb für Bonaventura ein Gegenstand des Grauens. Der Unheimliche umschlich seinen Beichtstuhl und gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er frei zu werden wünschte von mancher Bürde. Bonaventura lenkte die Geständnisse, die dann 25 bald auch aus Nück's Munde an sein Ohr drangen, auf den Brand von Westerhof, auf die Urkunde. Ueber diese Vorfälle stellte sich jedoch Nück völlig unwissend. Er verweilte nur bei den Verirrungen seiner Phantasie und fragte eines Nachmittags geradezu, was die Kirche riethe, wenn man ich von allen seinen Sünden und Schwächen aufraffen wolle und es auch könne, jedoch von dem einzig dazu verhelfenden Mittel eingestehen müsse, daß dasselbe der göttlichen Verzeihung nicht minder bedürfe. Bald kam die fast geflissentliche Hindeutung auf Lucinden; Lucinde war die alleinige Absicht dieses Beichtstuhlbesuchs. Einem Nück konnte an Wahrheit und Aufrichtigkeit nicht gelegen sein. So sprach er denn von einem Wesen, das er nicht nannte, das ihn frevlerisch bestricke, von einer verzehrenden Glut ihres Athems, von seinem Bedürfniß, sich von einem so starken weiblichen Willen beherrschen zu lassen, ja daß er schon jetzt nichts mehr ohne sie thäte. Er sprach von einer Aenderung seines ganzen Lebens, von einer Aufgabe seiner Geschäfte, einem Zurückziehen ins Privatleben, vom Ankauf eines Gutes, Reisen in südliche Gegenden. An allem ist sie betheiligt! sagte er seufzend und seine Geständnisse deshalb so auffallend betonend – als wollte er lediglich den Priester selbst damit durchbohren!

Bonaventura beeilte sich, von dem häßlichen Bild dieser Seele hinwegzukommen. Abschüttelnd, was vom sogenannten Molinismus der Jesuitenmoral in solchen Fällen des Verhältnisses der größern zur kleinern Sünde gerathen wird: Sei wie die entwöhnende Amme! Verwandle, was du dem Sünder bietest, erst in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwärtigenden Brei –! sprach Bonaventura: Was sind das für geringere Sünden, mit denen man größere austreibt! Lesen Sie die Schrift und Sie werden David's Leidenschaften und seine Reue finden! Ich will Sie an den Knaben David erinnern, wie er den Riesen Goliath erschlug. David hielt sich zu seinem Schleuderwurf fünf 26 Steine bereit, obgleich ihm wol kaum der Riese wenn der erste fehlte, für die Abschleuderung des zweiten Zeit gelassen haben würde. Ein Uebel rottet sich am besten dadurch aus, daß man ihm die Nahrung nimmt. Also: Ergreifen Sie noch vier andere Leidenschaften! Sie werden dann an die unedle fünfte nicht mehr denken. Beten Sie ein Ave auf dem Hügel der letztbegrabenen Angehörigen Ihrer Familie! Friedhöfe zu besuchen, wäre z. B. eine der Leidenschaften, die ich meine. Legen Sie sich vier solcher steten Reservebeschäftigungen Ihres Thuns an und Ihre Phantasie hat eine Milderung.

Hendrika Delring war mit der letztbegrabenen Angehörigen gemeint. Was gibt es Heilenderes, als die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit! Bonaventura wußte nicht, wie Nück's verirrter Seelenzustand gerade am Tode kein besonderes Grauen empfand –!

Lucinden sah Bonaventura oft genug, nur nicht mehr in seinem Beichtstuhl, den er ihr verboten. Er sah sie besonders zur Zeit, als die Kattendyk'sche Familie sich nach Witoborn zu den Exercitien der Frau von Sicking begeben hatte. Lucinde war wohlweislich zurückgeblieben. Statt ihrer hatte sich anfangs Johannens Verlobter, der »Außerordentliche« außer Diensten, Guido Goldfinger, an diese Uebungen anschließen wollen. Da jedoch der praktische Mann angefangen hatte, vorerst sich »nur der Zerstreuung wegen« auf Delring's verlassenen Comptoirsessel zu setzen und Piter'n im Familieninteresse der Jahresdividenden zu überwachen, so ging mit der Mutter und Schwester die Frau Oberprocurator. Während dieser Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen, flüchtete auch oft in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, auch auf den Römerweg zu Trendchen Ley. Nück, in übermäßiger Freude über die gänzliche Verschollenheit des Brandstifters Jean Picard, nicht einmal von dessen Drohbriefen um 27 Geld belästigt, beruhigt sogar über Hubertus, der in der That mit Pater Sebastus aus dem Eichstamm entwichen und auf der Flucht nach Rom war, lebte nur seinen jetzt doppelt entfesselten Begierden. Er suchte Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen seiner Gefühle zu umstricken. Er vernachlässigte seinen Beruf und gab sich Blößen vor allen seinen Arbeitern. Benno bestätigte, was Bonaventura schon aus dem Beichtstuhl wußte. Sie wollen mich jetzt verlassen, jetzt?! jetzt?! schnaubte Nück Benno an und seine Augen traten in ihre Höhlen zurück und ließen nur einen einzigen weißen Schimmer erblicken. Sie dürfen jetzt nicht! Sie müssen bleiben –! Und ich habe es gut mit Ihnen vor! lenkte er ein. Sie müssen eine glänzende Carrière machen. Dieser Staat hier bietet Ihnen nichts. Herr von Asselyn, Sie bleiben? Nicht wahr? Wenigstens bis zum Herbst? ich wickle dann mein Geschäft ganz ab und gebe meine Praxis auf. Werden Sie mein Nachfolger oder – ich erfinde noch etwas ganz Anderes für Sie! On ne marche qu'avec les hommes! sagte Mirabeau, fuhr er fort. An Menschen hänge dich an! Die nur tragen dich, wie der heilige Christophorus das Kind übers Meer trug! Meinungen, Ueberzeugungen, Pflichterfüllung – pah – das ist alles eitler Tand. Ich setze Sie auf die Schultern von Menschen – des ersten Mannes in der weltlichen Christenheit und Ihren Cousin, den Domcapitular, auf die Schultern des ersten Mannes in der geistlichen –! Nur durch Menschen kommen wir vorwärts!

Benno, in dieser Art oft von Nück auf Kaiser und Papst verwiesen, lachte zwar, mußte aber die tiefste Abneigung behalten. Da er in der Camphausen'schen Proceßfrage arbeitete, hinderte ihn die eigene Theilnahme, von Nück so schnell und offen zurückzutreten, wie er am Tage nach dem Auffinden der verdächtigen Urkunde gewollt hatte. Den Regierungsrath von Enckefuß sah er oft. 28 Er mochte von seinen Ahnungen nicht selbst beginnen und dieser wollte entweder durch Schweigen seine Maßregeln verschleiern oder war zu sehr vom Antreten seiner traurigen Erbschaft in Anspruch genommen. Den verdächtigen Dionysius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen, wie Herr von Enckefuß schon auf Schloß Westerhof vorgeschlagen, hatte Levinus von Hülleshoven nicht unterstützen wollen, obgleich die Spur des Verwundeten aufzufinden unmöglich war. Hubertus, der ihn geborgen, wurde vernommen, aber seine Aussage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern des herrschaftlichen Dieners, der für Pater Ivo und Löb Seligmann in den Gewölben einer Klosterkirche verschwunden war. Löb Seligmann hatte sich noch nicht veranlaßt gefühlt, in einer so frommen Gegend mit Zeugenaussagen hervorzutreten gegen Klöster und hohe Adelssitze.

Eines Tages – es war gegen Pfingsten – erhielt Bonaventura folgende Zeilen: »Hochwürdiger Herr! Eine Novize bei den Karmeliterinnen, Gertrud Ley aus Kocher am Fall, wünscht schon seit lange Ihnen Beicht zu sprechen. Herr Cajetanus Rother verhinderte es. Jetzt ist Herr Rother lebensgefährlich erkrankt und bedarf eines Substituten. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, diese Stellung von der Curie zu erhalten. Sollten Sie von dem Gerücht, daß Sie Comtesse Paula magnetisirten, Unannehmlichkeiten haben, so wollt' ich Ihnen nur bemerken, daß, wenn auch jeden, der sich auszeichnet, Neid verfolgt, doch in diesem Fall die Veranlassung etwaiger Verdrießlichkeiten nur die Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn ist.«

Der überraschende Brief war ohne Namen, konnte aber nur, die Handschrift bewies es, von Lucinden kommen. Bonaventura war aufs Aeußerste betroffen. Von der »Seherin von Westerhof« hatte er überall unbefangen gesprochen. Die »Intrigue der Frau von Sicking«? Diese Dame war allerdings von ihm 29 vernachchlässigt worden, von ihren Bußunternehmungen hatte er gleichgültig gesprochen. Dafür konnte sie an ihm Rache nehmen? . . . Paula hatte er »magnetisirt«? Die Geistlichen der Michahelles'schen Richtung beklagten allerdings, daß Paula's Ekstase keine rechtgläubig religiöse war. Die Indifferenten lächelten öfters zweideutig, wenn sie mit Bonaventura von seiner Reise nach Witoborn sprachen. Der Weihbischof, ein Greis, hatte ihm manches mitgetheilt, was hinter seinem Rücken gesprochen wurde. Sogar der Onkel Dechant hatte ihn in einem seiner jetzt öfter als sonst geschriebenen Briefe gewarnt vor bösen Gerüchten, auch Hunnius und Rother als seine Gegner bezeichnet. »Gib Acht«, schrieb er ihm, Sie flicken Dir etwas ans Zeug. Greift die Intrigue um sich, so verbieten sie Dir, trotz Deiner hohen Stellung, noch den Beichtstuhl! Halte Dich nur mit dem Generalvicar, der ein aufgeklärter Mann ist!«

Bonaventura hatte sich gelobt, Lucinden zu betrachten, als wäre sie nicht mehr auf der Welt. Er hatte zu Renaten, als ihm diese mittheilte, jeden Abend ginge eine verschleierte Dame an einem auf eine kleine Gasse hinausgehenden Fenster seiner Zimmer vorüber und sähe minutenlang hinauf – bittend gesprochen: Reden Sie doch davon nicht mehr! Er wollte Lucinden vergessen. Er wollte den Muth zeigen, sich nicht zu fürchten vor ihren Drohungen. Bei jeder Leiche, die er segnete, sah er im Geist den Sarg von St.-Wolfgang offen und Lucinde mit dem »Geheimniß über sein Leben« ihn anstarren wie die Sphinx. Er wollte auch jetzt von diesen Zeilen sich nicht erschüttern lassen, nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens wahrscheinliche Absicht unterstützen, mit Gewalt wieder Posten in seinem Innern zu fassen. Der Abschied von Paula lag zu schmerzhaft noch auf seinem Gemüth. Immer näher sah er kommen, was ihm und Paula der Tod war, die 30 von den Standesrücksichten gebotene Ehe derselben mit dem Grafen Hugo – mit dem Geliebten der leichtsinnigen und verlorenen Schwester – Benno's! Das waren Fernsichten, gegen deren Düster das nächste Leid verschwand.

Da kam in der That ein Brief von der Curie, worin ihm die Inspection der Klöster anzeigte, daß die Damen auf dem Römerwege wünschten, ihn für die andauernde Krankheit ihres Beichtvaters in Stellvertretung zu sehen. An der kurzen Frist bis sich die Curie für die Genehmigung dieser Bitte entschied, sah er bis jetzt nur noch einen geringen Widerstand, der sich gegen ihn zu regen wagte. Freilich bürdete man ihm nur zu schnell jede neue Last auf.

So ging denn Bonaventura eines Tages in erster Morgenfrühe auf den Römerweg. Er gedachte der ihm so werthen Gertrud Ley und wie Paula wol von diesem Kloster zu sprechen pflegte, wenn die Rede ging, daß sie möglicherweise den Schleier nähme. Schwester Therese, die ehemalige Verlobte des Pater Ivo, betete hier für das Heil der umnachteten Seele ihres Freundes, dem sogar noch ein Gelübde seiner entferntesten Ahnen zu einer Gewissensfrage hatte werden können. Immer lehnte er die Wahl gerade dieses Klosters ab; denn sich Frauen denken zu müssen unter einem geistlichen Führer wie Cajetan Rother, das mußte ihm der Anblick des von Würmern zernagten heiligen Brotes sein! Er gedachte: Ist dies Haus, das so ganz versteckt und verbaut, äußerlich kaum neben einem kleinen Kirchthurm erkennbar, zwischen dem Waisen- und Jesuitenprofeßhause liegt, der Himmel auf Erden oder die Hölle? Wer ergründet das? . . . Die Bischöfe dürfen wol zuweilen diese nur den Frauen gewidmeten Räume betreten; sie dürfen in die Zellen blicken; auch die Wahl eines fremden Beichtvaters, statt des gewöhnlichen, steht den Nonnen frei; aber wie viel Dinge sind erlaubt und man 31 versagt sie sich doch! Wie viel Klagen ersterben in Rücksichten! Wehe denen, die in einem ganz nur auf die Personen begründeten Gemeinwesen etwas wagen, das dem allgemeinen Esprit de corps widerspricht! Bei den Nonnen macht sich vor allem die weibliche Natur selbst geltend, die räthselhafte Gattungsstimmung, für welche die Männer selten ein richtiges Verständniß haben. Die weibliche Natur wird an die Gesetze des Lebens, an Hinfälligkeit und Schwäche mehr erinnert, als wir. Dann festet die Männer der Geist, ihre irdische Natur können sie zuweilen abstreifen; Frauen aber stehen immer im Zwang eines gleichen Naturlooses und entbehren völlig die freiere Selbstbestimmung. Daher denn in einem Nonnenkloster der doppelt und dreifach gebundene Wille. Ein einziges Gefühl bemächtigt sich aller; der Instinct leitet sie; selbst die Freisten werden hinübergezogen in ein allgemeines Sklaventhum.

Das alles wußte Bonaventura. Dennoch hoffte er auf Ausnahmen. Verließ ihn selbst doch nicht die Vorstellung: Wer weiß, ob dir nicht eines der großen Benedictinerklöster in Oesterreich die Weltentsagung in anderem Lichte zeigen würde, als das Kloster Himmelpfort mit Klingsohr und Pater Maurus –!

Die Aebtissin, die er fand, war eine Greisin. Am Stabe daherwankend empfing sie den Domcapitular, der mit der Würde seiner äußern Erscheinung und in seinem Ornate zu ihr kam. Sie geleitete ihn in die Kapelle, wo sich die Vorrichtungen des Beichthörens befinden. Das Kloster war von keiner zu strengen Regel. Einige der Schwestern widmeten sich der Erziehung im Waisenhause, wohin sie durch ein Gewirr von Gängen gelangen konnten. Die Annäherung des hochgefeierten Priesters schien Himmelsmanna für diese verhungernden Seelen. Da und dort tauchten eilende Gestalten auf hinter den Gittern der kleinen Kirche. Leben und Bewegung, wenn auch geisterhaft und leise,32 regte sich ringsum. Dicht am Tabernakel befand sich ein Zimmer. Hier konnte sich Bonaventura ungestört allein angehören. Ein Zugfenster zurückschiebend, sah er zu einen düstern Gang, von welchem ihn ein einfaches, nicht, wie es am allgemeinen Sprachgitter üblich, doppeltes Gitter trennte. Die Nonnen treten nicht frei in die Kirche. Sie wohnen sogar der Messe nur durch die vergitterten größeren und kleineren Mündungen ihres Klostergebäudes bei. Hier und da diente ein kleiner Ausbau aus der Kirche ins Kloster zu Beichten, wenn deren mehrere zu gleicher Zeit zu nehmen waren bei etwaiger Ueberfüllung an Bewohnern.

Bonaventura nahm in einem dieser kleinen Glaskästen Platz, während sein Akoluth Vorrichtungen traf zur Messe, die er morgen hier halten wollte. Mit dem Pfingsttage naht die österliche Zeit ihrem Ende. Schon waren die drei »Bitt-Tage« vorüber. Die morgende Vigilienfaste gehörte diesem Kloster als ein ganz besonderer Gründungs- und Seelenläuterungstag.

Es war draußen heiß, in der Kirche kühl. Hinter einem Gitter, das Bonaventura nicht ganz übersehen konnte, saßen die Harrenden in ihren braunen Kutten, mit leichten weißen Mänteln und weißen Schleiern, einen schwarzen ledernen Gurt um den Leib. Von jeder, die sich ihm nahte, hörte man auf dem steinernen Boden das Knarren der groben Lederschuhe, die im Süden die heilige Therese entfernt hat, als sie aus den Karmeliterinnen Barfüßerinnen machte, wie ihr Freund, der heilige Petrus von Alcantara, den Orden der Franciscaner verschärfte.

Wer sollte glauben, daß auch diese abgeschlossene Frauenwelt Erlebnisse zu beichten hatte! Ihre Verrichtungen waren so einfach. Gebet, Messe, Essen und Trinken, weibliche Arbeiten, Singen, Beten und Schlafen. Das war die Ordnung jedes Tages, etwa bei vier oder fünf ausgenommen, die Unterricht 33 gaben – eine Licenz, zu deren Erlangung bis nach Rom hatte berichtet werden müssen –!

Nach den ersten fünf oder sechs Beichten, die schon die Zeit bis fast gegen elf Uhr einnahmen – Trendchen Ley mußte als Neuling bis zuletzt bleiben – übersah der immer nur still horchende und murmelnde Märtyrer schon das ganze Seelenleben eines Nonnenklosters. Die hochbetagte Oberin sprach wie ein Kind. Seit Jahren schien sie nur dieselben Fehler zu bekennen. Sie hatte am Rosenkranzgebet einzelne Kugeln übersprungen! Sie hatte um des geliebten Schlafes willen sich einigemal krank melden lassen! Sie hatte bei einem Uebermaß von Fliegen in ihrem Zimmer auf diese Jagd gemacht und solche getödtet in den Zwischenpausen ihrer – Gebete –! Alledem sprach Bonaventura milde und den Fehl eigentlich in anderm suchend, als die Beichtende. Da es seine Gewohnheit war, durch eine plötzliche Querfrage mechanische eingelernte Beichten zu durchkreuzen und lehrreiche Stockungen des Gewissens hervorzubringen, so gestand ihm auch diese gute alte Frau zuletzt ein, daß sie allerdings in Streit und Zank lebte. Zunächst galt dann das Bedürfniß der Reue über leidenschaftliche Ausbrüche ihres Temperaments einer – Henne, die regelmäßig vom benachbarten Profeßhause der Jesuiten über die Mauer flog und durchaus ihre Eier hier bei den Karmeliterinnen im Garten legen wollte. Um diese Henne und um diese Eier war das ganze Kloster in Aufruhr –! Die Aufwärterin von drüben, die Hanne Sterz, begehrte von der verflogenen Henne die Eier und im Kloster war man verschworen sie nicht herauszugeben, die Vicarin ausgenommen, Schwester Therese. Das war nun die große, wochenlang alles ergreifende Frage unter diesen Frauen und alle waren daran betheiligt –!

Wie oft saß Bonaventura sonst zu St.-Wolfgang in seiner Jasmin- und Nachtviolenlaube und las die Worte der Braut im 34 Hohen Liede: »Erquicket mich mit Blumen, labet mich mit Aepfeln, denn ich bin krank vor Liebe!« oder er übersetzte Lope de Vega's Sonett von jenen beiden Frauen, von denen Eva sogleich nach reifen Aepfeln griff und alles verlor, Maria nur nach der künftigen Blüte aus der Wurzel Jesse und alles gewann – Renate konnte aber während dessen auch mit den Nachbarn um Aepfel zanken, die über den Zaun hinaus gefallen waren, um Trauben, die bei jenen reiften, während der Stamm im Pfarrgarten stand. Auf alles das ist ein katholischer Priester in der Beichte gefaßt. Daß sich aber auch ein Kloster von achtzehn Bewohnern um die Eier einer Henne in Gewissensscrupeln befand, entsetzte ihn – um Paula's willen –!

Die Schwestern dürften die Eier der Gartenverwüsterin und Klosterfriedensbrecherin dem Nachbar vorenthalten, entschied er, wenn sie dies in der Absicht, zu strafen, thäten und die nachlässige Besitzerin der Henne gewöhnen wollten, ihre Henne besser zu hüten. Sie würden es aber wahrscheinlich mit Schadenfreude gethan und sich am Besitz der Eier listig erfreut haben. Da wäre es denn freilich ein Raub. »Sammeln Sie jetzt die Eier und sind es ihrer jedesmal eine Mandel, so schicken Sie sie nebenan ins Waisenhaus –!«

Als die Aebtissin mit diesem Bescheide gegangen war, kamen die alten Nonnen zuerst – das Warten schien ihnen beschwerlich zu fallen. Rother hatte es so eingeführt, wahrscheinlich um sie rascher zu entfernen. Fanatismus für Formalitäten, wie er namentlich die Frauen im ehelosen Stand mit der Zeit alle Stadien der Qual für sich und andere durchmachen läßt, sprach sich hier umständlich genug aus. Einige hatten zugleich ein nervöses Zucken, andere eine Sprechweise, die vor Ueberhastung nicht einen einzigen geordneten Satz hervorbringen konnte. Dann hatte die Art, wie die von ihm auferlegten Bußen sofort ausgeführt 35 wurden, wenn er den sich Entfernenden nachblickte, etwas gradezu Erschreckendes durch den Mechanismus und den eiligen Eifer der Formalität ohne jeden Duft der Innerlichkeit. Das Schönste am Weibe, die scheue Unsicherheit in solchen Bewegungen, die der Natur und dem sonstigen Triebe des Weibes widersprechen, fiel ganz hier weg. Das Zusammenleben in einem weiblichen Freistaat hob die Grazie auf, die eben nur aus dem Zusammenleben mit Männern entspringt. Er sah eine Nonne eine Betglocke an Stricken so hastig ziehen, wie eine Magd den Brunnenschwengel regiert, wenn ihr Salat wartet. Alles wurde mit dem reizbarsten Fanatismus hervorgebracht; die Regel der Tagesordnung, der Küche, der Bekleidung, des Backens, das Scheuern, Beten, Singen und Gewinnen von Geld durch weibliche Arbeiten, wie Blumenmachen, Stickereien, Wäschenähen und -zeichnen – alles geschah wie im Krampf. Eine beaufsichtigte die andere und ganz ersichtlich war es, daß hier nur die geringeren Seelenthätigkeiten des Menschen in beständiger Erregung blieben. Man denke sich die alte Mönchsregel, die Sebastus gelegentlich zu Bonaventura wiederholt hatte: »Wir Mönche kommen zusammen und kennen uns nicht, wir leben zusammen und lieben uns nicht, wir sterben zusammen und beweinen uns nicht!« – angewandt auf Frauen! Das weibliche Herz verknöchert, das angeborne Bedürfniß der Liebe erstarrt –!

Die Schulschwester Beate und die Vicarin Therese folgten sich unmittelbar. Wie war jene so häßlich mit ihren Zahnlücken –! Und dabei war sie die Einzige, die dennoch zu lächeln versuchte – sogar mit Wehmuth zu lächeln. Sie hatte noch Formen des Zusammenhangs mit der Außenwelt. Vorzugsweise schien der Geist der Intrigue bei ihr mächtig zu sein. Sie war die einzige, die Rother'n anklagte. Sie sagte, sie wäre durch die Reihe der Jahre gewohnt, das Sakrament der Buße übermäßig leicht zu 36 nehmen. Sie schlüge sich oft mit der Geißel nur um Fehler, die sie so eingestünde, um vor den andern nichts voraus zu haben.

Bonaventura ließ sich nicht irre machen, er rüttelte hier an einer nur halbgeöffneten Thür des Gewissens und erkannte bald, der hinterhältige Sinn des starkwilligen Mädchens wollte nicht öffnen. Sie blieb bei Oberflächlichem und mußte, da sie zuletzt nur noch gestand, ihr Herz zu sehr an ein Hündchen gehängt zu haben, hören, daß dies allerdings eine Sünde wäre, wenn sie dem Hunde die Liebe schenkte, die sie den Menschen versagte. Voll Unmuth und Staunen über dies Wort erhob sie sich nach der ihr auferlegten Buße, drei Tage lang im Waisenhause, für sich allein, ohne Bericht an die Direction, einen Fehler nicht mit Züchtigungen zu bestrafen, sondern nur mit Worten. Bonaventura hatte sogleich ihre Heftigkeit erkannt. Sie verschwand eilends nach einer entgegengesetzten Seite hin, als die andern Nonnen.

Schwester Therese, die ehemalige Freiin von Seefelden, war klein und blaß und schien mehr von Ergebung, als von Seelenschmerz verzehrt. Sie gehörte scheinbar jener seltsamen Stimmung ihrer Standes- und Stammgenossen an, derzufolge die Begriffe der Etikette, Conduite, Tournüre vom Leben auch ohne alles weitere Nachdenken auf das Verhältniß zum geoffenbarten Gott und zur Kirche übertragen werden. Auch sie zeigte zunächst kein besonderes inneres Leben. Sie hatte nur Formfehler zu berichten und Nachlässigkeiten, die sie sich in ihrem Unterricht zu Schulden kommen ließ. Bonaventura rieth auf sie nur aus dem feinern Sprechton und dachte sich: Das ist also die Nonne, von welcher eine ganze Landschaft spricht und der sich Paula als Freundin zu nähern hofft! Welch ein Nimbus umgab sie aus der Ferne und nun – wie war auch sie schon abgestorben – so schattenhaft geworden –!

Am Schluß der Beichte, die ihn zweifelhaft ließ, ob er denn 37 wirklich mit der Verlobten des Pater Ivo, des Mariensängers, gesprochen, rührte ihn eine Selbstanklage. Sie sagte ihm, daß sie ich freute über jeden Tag, wo im Waisenhause der Schulunterricht ausgesetzt war. So auch auf morgen. Widmen Sie sich dieser Thätigkeit nicht mit voller Befriedigung? fragte er.

Nein – lautete die zögernd gegebene, aufrichtige Antwort.

Bonaventura tadelte eine solche Geringachtung der Versüßung des Klosterlebens.

Hochwürdiger Vater, sprach Schwester Therese, das Kloster und das Leben gehen nicht Hand in Hand. Wir sind Erzieherinnen, ja – aber die rechte Erziehung, die Erziehung zur Freiheit des Lebens kann auch nur von der Freiheit kommen! Die Kinder wollen dem Leben erzogen sein und wir kommen nicht aus dem Leben.

Mein Kind, entgegnete Bonaventura nichtzustimmend, jeder Christ muß in seinem Innern eine Stelle haben, um die es wie mit dem Frieden eines Klosters weht. Selbst im rauschendsten Gewühl des Lebens, selbst im höchsten Genuß der Kraft und der Freude soll die Christenheit etwas achten, was ungefähr dem Leben mit ewig bindenden Gelübden gleichkommt. Für diese heilige Stelle im Gemüth nun erzieht man überhaupt und erziehen Sie! Selbst die Mütter können so nicht erziehen, wie die Erzieherin. Die Mutter steht zu sehr unter dem Eindruck des eigenen Lebens, um Kindern immer allein den Werth des Hohen und Göttlichen und einer von allem Erdenwust befreiten Bildung zu vergegenwärtigen. Sie können mehr leisten, als eine Mutter. Sie können für das Ewige im Menschen erziehen! Wollen Sie nicht in diesem Geiste erziehen?

Schwester Therese blickte einen Moment mit leuchtenden Augen auf und ging, aufs neue für ihr langsames Sterben im Kloster, wie es schien, ermuthigt.

38 Bonaventura sah ihr voll Wehmuth nach. Er hatte den Schmerz, sich sagen zu müssen: War denn dein Wort auch wol mehr, als nur eine Phrase? Du fürchtetest zu hören, daß selbst das Lehren und Unterrichten der Jugend einer vom Leben getrennten Kaste nicht gebühre; du fürchtetest, es würde dir die letzte Glorie des Klosterlebens, die Krankenpflege, als Anhalt deines gläubigen Sinnes entzogen? Aber zum Nachdenken über solche Zweifel blieb ihm keine Zeit. Neue Stimmen murmelten schon. Ueber Kleinigkeiten und Kleinigkeiten –! Rother gehörte zu denen, die da lehrten: Die Kirche will alles, auch das Kleinste wissen! »Was ist kleiner«, predigte Beda Hunnius über die Beichte, »als Regentropfen! Und dennoch entstehen daraus Ströme, die Häuser niederreißen! Was ist kleiner, als ein Sandkorn! Ueberladest du aber damit ein Schiff, so wird es in den Abgrund fahren!« Darauf hin verlangte er in der Beichte aus dem Privatleben seiner Gemeinde jeden Regentropfen und jedes Sandkorn zu wissen.

Wieder sprach Eine, mit der Geschwindigkeit einer Flattermühle, die im Korn die Spatzen verscheuchen soll. Eine Fülle von Sünden gab es doch auch noch hier – unter den Heiligen! Die ganze Stufenfolge der »sieben Todsünden«, der »sechs Sünden in den Heiligen Geist«, der vier »himmelschreienden Sünden« und der neun »fremden Sünden« –! Und als kannte die Schwester Küchenmeisterin vollkommen die Unterscheidung dieser neun »fremden Sünden«, in welchen der Mensch erstens zur Sünde rathen, zweitens die Sünde befehlen, drittens in die Sünde einwilligen, viertens nur passiv zu ihr reizen, fünftens die Sünde loben, sechstens zu ihr stillschweigen, siebentens dieselbe übersehen, achtens selbst daran theilnehmen und neuntens sie bei etwaigem Anlaß blos vertheidigen kann – so blitzten alle diese Facettirungen der Jesuitendialektik auf in der Klage 39 über die Verhältnisse des Marktes, der Speisekammer, des Backens, des dabei vorgekommenen Naschens und aller möglichen Sorglosigkeiten! Hier tauchten jetzt auch zwei halbe und drei ganze Novizen auf und im sprudelnden Mittheilungsdrang zum ersten mal, mit Namennennung, Trendchen Ley, die nach Bonaventura's Warnung, niemand zu nennen, hierauf als die »Kostgängerin« bezeichnet wurde.

Manches Wort aus dem lebensklugen Jesus Sirach, dem Montaigne oder Knigge der Bibel, war wie für die Schwester Küchenmeisterin geschrieben. In ihren Bekenntnissen liefen harmlos auch die Schüsseln mit unter, die im Kloster für Cajetan Rother zubereitet und in seine Wohnung geschickt wurden. Am Sprachgitter der Eingangspforte schienen Schachteln und Körbe immer unterwegs zu sein – denn selbst seine Wäsche ließ der Pfarrer im Kloster waschen – sodaß es Bonaventura nicht wunder nehmen konnte, von einer der folgenden Nonnen, der Schwester Wäschmeisterin, unter den heißesten Thränen ein Bekenntniß zu erhalten, wo plötzlich wiederum Namen fielen – diesmal Eva und Apollonia Schnuphase. Die Wäschmeisterin beichtete: vor vierzehn Tagen kam ein Korb auf einer Karre vor die Thür des Klosters und so schwer stand er am Gitter, daß die Damen Schnup –

Keine Namen! sagte Bonaventura.

– die gerade im Kloster waren, selbst angreifen mußten, um ihn zum Gitter hereinzuheben. Sie sagten, es wären lauter neue Servietten für die Wirthin »Zum goldnen Lamm«. Sie wollten den Korb zum Zeichnen in die Zelle der Gertrud Ley tragen.

Keine Namen! wiederholte Bonaventura aufs strengste.

Ich sehe den großen Waschkorb und sage: Die Zelle der Kostgängerin ist dafür nicht groß genug! Der Korb muß in die Nähstube! Die beiden Fräulein wollten nicht. Darüber werde 40 ich zornig und sage: Ich denke, die Wäschmeisterin hier bin ich –! Nun ergaben sich die Damen. Sonst so hochmüthig und vornehm, trugen sie heute mit ihren feinen Händen und Handschnhen den Korb selbst und das fiel mir auf. Durchaus wollten Sie damit zur Kostgängerin. Diese war im Chor; sie lernte singen. Wie nun die beiden Fräulein durchaus so den schweren Korb, statt in die Wäschstube, an der wir schon standen, in die Zelle bringen wollten und niemand auf dem Gange war – die Schwestern waren im Chor – sagte ich, und schon mit Furcht und Ahnung zu dem Fräulein Eva, der Aeltesten: Was ist das heute mit dem Korb –? Gleich machen Sie auf! Da wurden die Mädchen blaß wie die Wand und nun ich das sah, da riß ich selbst den Korb auf und – heiliger Joseph! – statt Wäsche stak – eine Mannsperson unter dem Deckel –!

Bonaventura mußte der Bekennerin Kraft zur Sammlung lassen.

Ich weiß nicht, hochwürdiger Vater, fuhr sie fort, wo ich es hergenommen habe, daß ich nicht sofort in Ohnmacht fiel. Ich schrie: Herr! Verlassen Sie jetzt nicht sogleich auf demselben Wege, wie Sie hereingekommen sind, so auch wieder hinaus, dies Heiligthum unsrer allerseligsten Jungfrau und des gekreuzigten Jesus, so zieh' ich hier an der Glocke und rufe das ganze Kloster zusammen – wehe dann Ihnen und Ihren Helfershelferinnen –! Und Sie, meine Fräulein, wandte ich mich zu diesen – Aber nun konnte ich nicht weiter, denn die beiden Nichtswürdigen fielen vor mir auf die Kniee und baten um alle Wunden Jesu, sie nicht zu verrathen. Ein Glück für sie, daß die Orgel so laut ging. Der junge Mann stand noch im Korb und wollte herausspringen, zog auch eine volle Börse, um sie mir in die Hand zu drücken. Nein! schrie ich. Danken Sie allen heiligen Märtyrern und Bekennern, daß die Schwestern im Chor 41 singen und die Nähstunde schon geschlossen ist! Entfernen Sie sich augenblicklich! Damit drückte ich den jungen Mann, so vornehm und stark er auch war, wieder in den Korb hinunter, zwang ihm den Deckel über den Kopf und die beiden Damen mußten ihn selbst wieder an beiden Henkeln zum Sprachgitter zurückschleppen, wo sie sich bald damit verhoben hätten, um ihn nur an die Oeffnung hinaufzubringen. Da waren denn zwei Kerle, die schon auf alle Fälle bereit standen, nahmen die Last wieder an sich und trugen sie zur Straße hinaus, wieder auf die Karre.

Bonaventura konnte bei diesem auf Trendchen berechneten Besuch nur an Piter Kattendyk denken.

Und Ihre Sünde? fragte er nach einer Weile, ohne sich das bedenklich komische Bild: Piter im Waschkorb! – zu lange auszumalen. Er fühlte sogar Antheil der Freude über einen Beweis so großer Liebe, die Trendchen hatte gewinnen können.

Sünde? Daß ich den Vorfall – verschwieg –! sagte die erschöpfte Wäschmeisterin.

Verschwieg? Einer pflichtgetreuen That soll man sich gegen niemanden rühmen!

Mußte das Kloster nicht gesühnt werden?

Nein!

Die beiden ruchlosen Frauen kommen noch immer her und ich lass' es zu!

Sie werden sich bessern!

Als der Korb und die Frauen hinaus waren, rannt' ich umher wie sinnlos und –

Mußten es los werden? Erzählten es also gleich?

Die Beichtende schwieg.

Sie waren mir also jetzt eben unwahr! Das ist ein Frevel – ich will ihn aber verzeihen. Die natürlichste Mittheilung, die Sie 42 jedoch machen konnten, war die an das arme Kind, dessen Ruf durch diesen Vorfall so heillos bedroht wurde. Machten Sie diese?

Der Pfarrer hat –

Die Stimme stockte. Dann ergänzte sie zagend: Hat befohlen, ihr nichts davon zu sagen und – ohnehin – mit ihr kein Wort zu sprechen, das nicht – heilig ist!

Bonaventura konnte nicht die Befehle seines Vorgängers brechen. Er konnte ohne Gefahr für die geistliche Würde nicht fragen: Warum nur Geistliches mit Trendchen Ley? Er half sich wie wol öfters in diesem Theil seiner römischen Zauberkunst und hielt sich an die Gesinnung, die sich eben, im Bekennen, offenbarte, nicht an den schwierigen Fall selbst. Er hatte die Nonne auf Lügen ertappt. So sprach er denn von dem bedenklichen Vorfall selbst nicht mehr, sondern vom Trieb der Wahrheit, deren Umgehung schon Adam mit Nachtheil sich hätte zu Schulden kommen lassen, als er den Genuß der verbotenen Frucht auf Eva schob, und schon Eva, als sie die Schuld wieder der Schlange zuschrieb. Die Lüge der Lügen aber nannte er es, wenn man mit dem geheuchelten Schein, recht ausnehmend wahr sein zu wollen, dennoch lüge. Er legte der Wäschmeisterin eine Buße auf, die seiner immer mehr zunehmenden Reizbarkeit und dem Verdruß entsprach, den er darüber empfand, daß hier Alle etwas ausgeplaudert bekamen und nur die nicht, der dadurch ein Beweis entging, wie sehr sie geliebt wurde. Er befahl ihr, sich der nächsten Beichte der – Kinder im Waisenhause anzuschließen, und sagte: Mein Kind! Lerne als Erwachsene etwas bei dir behalten!

Die Wäschmeisterin entfernte sich mismuthig.

Das Läuten einer Glocke. die eine Nonne mit jener Hast zog, die wir schon schilderten, zeigte Bonaventura an, daß er bereits drei Stunden im »Holz der Buße« gesessen hatte. Nur die Spannung, ob denn nicht endlich auch Trendchen Ley erscheinen würde, gab ihm Kraft noch auszuharren. Da sah er denn endlich den Gang daher kommen eine kleine Gestalt im braunen Kleide – unverschleiert. Ein Häubchen bedeckte den Kopf, der ihm aus dem Dunkel des Ganges allmählich erkennbar wurde. Einige Monate hatten die lieblichen Züge des jungen Kindes, das schon so viel des Trüben erfahren hatte, mit melancholischer Verhärmung angehaucht. Die blonden Haare, die bald unter der Schere der Klosterregel fallen sollten, waren in der unkleidsamen Haube versteckt. Um so edler traten die Formen des blassen Antlitzes selbst hervor. Von der angebornen Schönheit hatte ihnen die Melancholie nichts nehmen können.

Trendchen näherte sich mit gefalteten Händen. Sie schien zu einem Gebet zu kommen und leuchtete wie eine Verklärte. Hoffnungstrahlend und doch zugleich zaghaft schritt sie näher. Als sie Bonaventura sah, legte sie mit ausbrechenden Thränen ihr Haupt auf das Holz, ähnlich einer Verbrecherin, die den Todesstreich erwartet.

Was geht nur in dieser kindlichen Seele vor? dachte sich Bonaventura. Welche Verwüstungen hat ein ruchloser, langsam, aber sicher wühlender Priester, der sie ohne Zweifel in diesem Kloster festhalten will, in ihr angerichtet? Schon hatte Bonaventura, da Trendchen noch schluchzte, angefangen aus ihrer Seele zu beten und, wie sie für die Beichte gelehrt war, den Heiligen Geist anzurufen, der dem Menschen erleichtere, sich selbst zu erkennen.

Da vernahm er hinter sich in der kleinen Kirche ein auffallendes Geräusch. So wenig ihn sonst beim Spenden des Bußsakraments Reden, Singen, Wandeln in der Kirche zu stören pflegte, jetzt mußte er sein Haupt von der zusammengeschlagenen 44 Stola erheben. Er hörte einen lebhaften und unziemlichen Wortwechsel zweier Männerstimmen.

Sein eigener Akoluth war es, der ihn begleitet hatte, und der Meßner vom Berge Karmel drüben, die miteinander stritten.

Kaum hatte Bonaventura einige Worte unterscheiden können, ohne noch die Ursache des Streits zu verstehen, als sich beim Umwenden seinem Auge der schreckhafte Anblick eines im Meßornat daherkommenden Priesters darbot, der, kaum sich aufrecht erhaltend, an den Chorstühlen mit den Händen entlang tastete und sich auf ihn zuschleppte. Ein langes Scapulier hing ihm, wie einem Mönch, von den Schultern herab bis an die Knie. Es war ein Abbild des bekannten Scapuliers, das die allerseligste Jungfrau im 13. Jahrhundert einem General der Karmeliter verehrte und mit dessen Nachahmung behangen jeder Sterbende den seligen Tod gewinnt. Der Pfarrer vom Berge Karmel war es selbst, Cajetan Rother. Sonst eine hohe, wohlgenährte, mit glühenden Augen ein Bild des Lebens gebende Persönlichkeit. Heute dahinschleichend, gelb, von Fieberflecken entstellt und offenbar eben aus dem Krankenbett gekommen. Gerufen vielleicht durch die beiden intriguanten Nonnen. Er taumelte unsicher und in jeder Bewegung wie zum Zusammenbrechen.

Bonaventura übersah sofort, daß auch diese üble Nachrede seines Glaubens, daß die Beichtväter der Nonnen von heftigster Eifersucht gegeneinander entbrannt sein können, keine Fabel war –! Der Zorn, die Ungeduld, vielleicht die Furcht vor dem Inhalt der Beichte Trendchen's, vielleicht eine Anzeige der Nonnen, hatten den Mann vom Lager getrieben. Ein fremder Wolf bricht in deine Hürde! Das stand auf seinem verzerrten Antlitz. Er erschien, begleitet von seinem Meßner, der schon gegen Bonaventura's Akoluthen seinen frechsten Einspruch erhoben 45 hatte, und redete, erst noch mit gezwungener Freundlichkeit, heiser, von dumpfhohlem Husten unterbrochen, auf drei Schritte den sich erstaunt erhebenden Bonaventura an: Mein Herr Bruder! Ei danke! Danke! . . . Ich bin ja gesund und wieder wohlauf. Bitte! . . . Sie sind – ja – sehr rasch und – auch hier wieder mein Nachfolger geworden – Ich erfahre das – soeben erst – Bitte – Erlauben Sie –!

Bonaventura ging ihm entgegen und ergriff seine Hand, die sich eiskalt anfühlte. Sie sind krank –! sprach er. Ich beschwöre Sie – Gehen Sie nach Hause –!

Mit künstlicher Kraftäußerung schlug der Pfarrer an seine Brust und sprach so laut, daß es weithin in die Kirche schallte: Gesund bin ich! Danke, Herr Bruder! Mit Gott! Mit Gott! Adieu! Schon drängte er zu dem Gitter, in welchem Trendchen's Haupt unbeweglich lag und nicht aufblickte.

In Bonaventura's Innern wühlten alle Schwerter des Schmerzes. Auch das, auch das ist möglich – bei unserm Priesterthum! Dein heiligster Name, Jesus von Nazareth, wird in solchem Munde zur Lästerung! . . . Bei dem Gedanken, daß dieser ruchlose Priester deshalb nur verzweifelte, weil Trendchen Ley einem andern anvertrauen könnte, was ihre Seele belastete, ergriff es ihn mit solcher Wallung des äußersten Zornes, daß er, nichts mehr achtend von dem, was er sonst, selbst mit Bekämpfung seiner Ueberzeugungen, zu schonen pflegte, rief: Sie unterbrechen eine heilige Handlung, die ich bereits begonnen habe! Nach einer Stunde überlaß' ich Ihnen den Sitz in diesem Stuhle. Jetzt aber gehen Sie!

Die Hände des Pfarrers griffen krampfhaft am Scapulier hin und her und wickelten sich bald in das lange Tuch hinein, bald aus ihm heraus. Der Fiebernde konnte kein Wort gewinnen. Die beiden Diener standen wie auf der Flucht in einiger 46 Entfernung. Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung, am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Trendchen von dieser unwürdigen Scene zu trennen.

Herr Domcapitular –! sprach Rother mit hämischer Betonung einer Würde, die über ihm stand, und tastete zitternd nach dem Eingang in den kleinen Ausbau. Es war eine Scene, die Bonaventura an sein Erlebniß in der kleinen dunkeln Kapelle am Kreuzgang der Kathedrale mit dem Habicht erinnerte, dessen Fänge, als ihn Pater Sebastus ergreifen wollte, sich ebenso an die Altarsäulen festgeklammert hatten, während beinahe dämonisch mit umgewandtem Kopf der Raubvogel seinen Angreifer anstarrte. Sich sammelnd, hauchte er jetzt leise: Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Würde! Ich befehle Ihnen, mir die Functionen zu lassen, die mir die Curie übertrug!

Rother lachte nun hellauf und zog unter seinem Scapulier einen Brief hervor, rief seinem Meßner, hielt den Brief in die Höhe und krächzte mit heiserer Stimme: Da, Fangohr! Tragen Sie – den Brief sogleich in – die Curie! Meine Kirche muß neu geweiht werden – das heilige Holz – exorcisirt –! . . . Diese reinen Seelen meiner Himmelsbräute – verführt mir ein – Magnetiseur –!

Dies Wort wurde von dem sich gewaltsam Kraft Gebenden wie eine Waffe geschleudert. Ein Wurfspieß konnte nicht drohender fallen. Der Brief war ein Protest des Pfarrers, den er schriftlich aufgesetzt hatte, und Fangohr, sein Meßner, ergriff ihn, um ihn zum Generalvicar zu tragen.

Bonaventura stand starr. Nichts mehr hörte er von alledem, was in fieberhafter Hast, mit frostklappernden Zähnen sein selbst in Todeskrankheit noch unbändiger Gegner an Verwünschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte. Ein dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung. Um ihn her schwankte alles. Seine 47 edelsten Empfindungen waren entweiht, seine heiligsten Gefühle wie auf die Straße geworfen. Einen Augenblick zuckte seine Hand, dem Meßner die Schrift zu entreißen. Dann aber beherrschte er sich, ordnete seine in Verwirrung gerathenen Gewänder und verließ, ohne ein Wort der Erwiderung, vom tiefsten Entsetzen durchrieselt, eine Stätte, auf welche das Wort des Heilands gepaßt haben würde: »Ihr macht mein Haus zur Mördergrube!«

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