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Der Zauberer von Rom. V. Buch

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. V. Buch - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Gutzkow
firstpub1858-61
year1863
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleDer Zauberer von Rom. V. Buch
created20070620
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Neuntes Bändchen.

1 Fünftes Buch.

3 1.

»C. M. B. – Caspar, Melchior, Balthasar –! Diese Namen der heiligen drei Könige aus dem Morgenland schrieb die alte Zeit, um dem Heiland eine Weihnachtskrippe zu bereiten, über Thür und Schwelle eines jedes Christenhauses. Aber sie können noch mehr sagen, diese heiligen drei Könige aus dem Morgenland! Sie können euch auch rufen: C. M. B.: C–reuzige M–eine B–egierden! C. M. B.: C–hrist M–ein B–ekenntniß! C. M. B.: C–hristus M–eine B–ahn! C. M. B.: C–ommunicire M–it B–edacht! C. M. B.: C–abalen M–üssen B–rechen! C. M. B.: C–abinetsweisheit M–acht B–ankerott!«

In dieser nicht eben harmlos zeitgemäßen Weise war am heiligen Dreikönigstag in der uralten Archipresbyteriatskirche zwischen Witoborn, Stift Heiligenkreuz und Schloß Westerhof gepredigt worden vor einer aus Hoch und Niedrig bestehenden Gemeinde, die auch deshalb so zahlreich vertreten war, weil alles erwartete, es würde der von vierundzwanzig Damen gefertigte Wunderteppich, die vom Doctor Laurenz Püttmeyer gezeichnete Vision der »Seherin von Westerhof«, heute vom Pfarrer Norbert Müllenhoff feierlich geweiht werden. Diese »Weihe« mußte dem ersten Betreten des Teppichs durch den erwarteten Archipresbyter vorangehen.

4 Es verging aber noch längere Zeit, bis diese heilige Handlung vollzogen werden konnte. Die Damen hatten zu viel für den Kirchenfürsten zu sticken gehabt, zu sehr jenen Müllenhoff'schen – »Bankerott aller Cabinetsweisheit« beweisen müssen. Denn auf die mächtig erstandene katholische Opposition gegen die Regierung spielte der Redner an, als er sein Witzspiel mit dem C. M. B. der heiligen drei Könige bis ins Endlose verfolgte.

Armgart war mit ihrem Drachen, den sie, wie an jenem Gesellschaftsabend bei Piter Kattendyk Terschka berichtet hatte, durch »längern Umgang sogar lieb gewann«, fast die erste fertig und hatte sich bereits wieder in zwei »Vielliebchen« verloren, die sie für Thiebold und Benno stickte, eine Cigarrentasche und einen Aschenbecher. Nur ihre übrigen Mitfräulein im Stifte zögerten so lange mit Ablieferung der Einzeltheile jener großen Arbeit, die dann Jean Tübbicke, nicht Schneidermeister, sondern – man staune des Fortschritts zu Witoborn! – »Maître-tailleur« in der alten Priesterstadt und sogar der Sohn eines Meßners, des alten Meßners Tübbicke hier zu St.-Libori selbst, nach Püttmeyer's Zeichnung zusammenzunähen hatte.

Armgart saß am Dreikönigstag gleichfalls in der Kirche. Ach, sie deutete sich die akrostichische Nutzanwendung von C. M. B. aus dem Munde des jungen, immer polemisch schlagfertigen Geistlichen, der noch nicht zu lange aus dem Seminar gekommen war und schon auf zwei Pfarren fungirt und seines reformatorischen Eifers wegen überall zwar Spectakel gehabt, aber doch diese höchst vortreffliche Pfarre auf den Dorste-Camphausen'schen Gütern bekommen hatte, in ihrer Weise. Ihr – sprachen Caspar, Melchior, Balthasar: Herr! C–röne M–ein B–eginnen! Daß sie dabei »Cröne« mit einem C schrieb, entsprach den witoborner alten Gesangbüchern. Stand doch die ganze Bildung jener Gegend noch auf dem Standpunkte mehr von 1738, als 5 von hundert Jahren später. Die wunderherrlichen Gedichte Annette's von Droste-Hülshoff, dieser edeln, anschauungsreichen Sängerin, die, wie Benno von Asselyn gelegentlich zum Verdruß der Tante Benigna von Ubbelohde beim Thee auf Westerhof gesagt hatte, auf dem Parnaß das Heidekraut und die Buchweizengrütze aussäete, diese Gedichte kannte Armgart; aber mit Andacht las sie seit Kindesbeinen nur die Poesie auf den Kreuzwegstationen und Wallanlagen von Witoborn und in den Corridoren ihres Stiftes Heiligenkreuz. Denn dort war sie eingetreten. In der That hielt sie jetzt Markt mit ihren Naturaleinkünften (in diesem Winter erst Einen einträglichen mit zehn Schinken, zehn Würsten und zehn Speckseiten) – Ueber ihrer Thür stand zu lesen in altfränkischen Buchstaben:

O Libori, o Antoni, zwei Gefäß der Heiligkeit,
Daß wir müssen euch begrüßen, heißet uns die Schuldigkeit!
O Libori, o Antoni, steht uns bei am letzten End',
Daß nicht sterben und verderben! Führet uns in Jesu Händ'!

Ohne uns bei Enträthselung dieser sonderbaren Construction aufzuhalten, fragen wir: Welches ist denn Armgart's »Beginnen«? Wir können vorläufig nur sagen: Noch mehr, als sie schon sonst war, ist sie eine Grüblerin geworden. Stundenlang konnten ihre braunen Augen in die innersten Wände ihrer kleinen ahnungsvollen Gedankenwelt zurückschauen. Stundenlang konnte sie ihre bekannten weißen Vorderzähnchen ohne Bedeckung der schmerzlichverzogenen Lippen lassen, wenn sie über etwas grübelte, was ihr seltsam erschien. Und was erschien ihr nicht seltsam! Noch jetzt, wenn die Rede war von der Erblassenschaft der Dorste'schen Besitzungen, von dem Grafen Joseph, ihrer geliebten Paula Vater, als eben von dem Erblasser, konnte sie sich fragen ob denn dies schmerzliche Wort nicht eigentlich auszusprechen wäre: Er–blasser und den im Tode tief erblassenden, leichenweiß 6 erbleichenden edeln alten Herrn bezeichnen sollte? Eine Erbskette nahm sie noch jetzt für eine Kette, die man von geliebten Personen, etwa von einer theuern Mutter, erbt, nicht etwa als Kette von Kügelchen, so groß wie Erbsen. Wenn Onkel Levinus Abends nach dem Nachtessen im Schloß Westerhof vom Untergang der westfälischen Herrschaft und von Napoleon's Sturz in Rußland sprach und die Schlacht bei Mosaisk erwähnte, träumte und grübelte sie, wie denn doch nur mit dieser Begebenheit dazuweilen in Kunstgesprächen und bei schönen römischen Brochen ihr vorgekommene ahnungsvoll poetische Wort Mosaik zusammenhängen konnte. O, schon das achtjährige Kind ließ sich nicht nehmen, daß in dem auf dem Finkenhof, einem Wirthshause in der Nähe, zuweilen gesungenen Liede: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht!« keine Lampe, mit welcher ja ohnehin kein Mensch springen würde, sondern ein springend erhitztes Lämmchen gemeint wäre. Zwölfjährig schon, wo sie noch nicht ahnte, daß sie selbst einst in Lindenwerth wohnen würde, auf welcher Insel jene Ritter-Toggenburg's-Sage vom angestarrten Fenster der Geliebten in Wahrheit einst vor sich gegangen sein soll, sprach sie Schiller's, aus einem Schulbuch ihr bekannt gewordenes Gedicht: »Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz!« nie anders, als: »Rittertreue, Schwesterliebe –!« Drückte doch beides das für sie Schönste und Herrlichste im Leben aus: Ritterliche Treue und schwesterliche Liebe –!

Drei Wochen nach dieser, der Regierung denuncirten, aber ihrer gegenwärtigen »Schwäche« wegen von ihr nicht bestraften Predigt wurde dann endlich wirklich der Teppich geweiht. Das war ein festlicher, hochkatholischer Sonntag –! Zwar war es hier, in viel rauherer Gegend, als in der Residenz des Kirchenfürsten, vollständiger Winter und fußhoch lag der Schnee und darunter hatte kurz vor seinem Fallen etwas Frost alles 7 Flach- und Hügelland mit seinen Walleinschnitten und Hecken gehärtet und gefestet. Jetzt erst zeigte sich recht die Isolirung, der eigenthümliche Charakter des hiesigen Zusammenwohnens. Der Bauer auf seinem Kamp, der Junker auf seinem Hof schließt sich ab, als wäre dies Land, gleichfalls nach Benno's früherer Aeußerung, ein Meer und seine Wohnungen Inseln oder Schiffe. Ringsum hat jeder bei sich in nächster Nähe sogleich alles, was er bedarf. Im Bauernhause selbst liegt sogleich der Viehstall und der Backofen. Den Wald opferte man nicht ganz, sondern behielt davon eine gute Strecke als Grenzmarke der Aecker. Nirgends findet man hier die langen Ackerfeldfurchen, die anderswo in unübersehbarer Einförmigkeit nur von vollständigen Dörfern abgelöst werden. Hier ist das Dorf aufgelöst in Höfe, die jetzt im scheinbar alles nivellirenden Schnee nur sichtbar sind an den rauchenden Schornsteinen. Man glaubt eine unterm Schnee nach allen Orten hin sich öffnende unabsehbare Kraterwelt zu erblicken. Gegen Osten hin ragen einige alte Thürme auf, wie wenn sich dort eine Citadelle erhöbe. Das ist denn Schloß Westerhof. Gegen Süden zu zeigt ein bucklig geschnörkelter, mit Schiefer belegter Thurm (was man heraussehen kann, da der Schnee nicht von allen Seiten an den Rundungen festhielt) das Stift Heiligenkreuz. Und inmitten dieser großen Rundsicht, welche Berge, Wälder, Seen, die Witobach und das an ihr gelegene thurmreiche Witoborn, mehr ahnen als deutlich unterscheiden läßt, liegt dann am Fuß einer kleinen Anhöhe die alte, einst byzantinisch angelegte, jetzt zopfig überbaute Kirche von grünlichem Sandstein, St.-Libori. In nächster Nähe gehört dazu ein Stückchen Wald, der jedoch nur die Einfriedigung eines Kampf ist, dessen Inneres zwei stattliche moderne Häuser bilden, das des Pfarrers und das des Schullehrers von Westerhof.

Aber diese ganze Winterlandschaft ist heute belebt, wie im 8 erwachenden Frühling! Sieben bis acht Schlitten stehen unten vor dem Calvarienberg des Aufgangs, davor schellenklingelnde Rosse mit langen fliegenden Decken. Die putzigen Türkenköpfe auf den Schnäbeln der Schlitten gafft die Jugend von drei Meilen in der Runde an. Dazwischen die Bauern und die »Kötter« und die Knechte in Pelzkappen; die Frauen trotz der Kälte in all den wunderlichen Hauben und fliegenden Aufsätzen, die der Tracht jener Gegend eigen sind; die alten Mütterchen mit großen weißen Krägen, die sie halb den so sehnlichst vom Adel erwarteten Barmherzigen Schwestern schon ähnlich machen; in der Hand der reichen Bäuerinnen ein goldgeschnittenes Gebetbuch, am Gürtel ein Rosenkranz, auf der Brust eine Ringelkette von vergoldeten Medaillen.

Die »Weihe« des Teppichs ist endlich vorüber. In den Schnee hineinblickend mußte die sich zerstreuende Gemeinde nur bunte Flecken sehen, wie wenn man in die Sonne geschaut, so prächtig war der Teppich, der vorm Hochaltar hoch an rothen Stangen mit Goldtroddeln geprangt hatte. Er leuchtete wie der Widerschein eines Fensters im mailänder Dom. Violett und gelb und blau und rubinroth strahlten die bunten Gewebe und namentlich wurde der Pfau des heiligen Liborius von einem noch dazu auch gerade hervorblitzenden Sonnenlichtsschimmer prächtig erleuchtet. Norbert Müllenhoff predigte in seiner jungkatholischen Weise. Wieder knüpfte er an Caspar, Melchior, Balthasar an und sagte, die wilden Thiere des Teppichs da wären auch in dem Lande heimisch, von wannen jene Morgenlandskönige gekommen. Dann schilderte er diese Morgenlandskönige gelegentlich im Gegensatz zu den Abendlandskönigen. Jene waren theilweise, sagte er, schwarz von außen; diese sind nicht selten schwarz von innen. Jene brachten dem Heiland köstliche Geschenke; diese beraubten nicht selten den Heiland noch und bestöhlen ihn und 9 plünderten ihm das Stroh hinweg aus seiner dürftigen armen Krippe, der Kirche. Jene hätten sich auf einen einzigen Stern am Himmel verlassen; diese ertheilten Hunderte von Sternen auf die Brust ihrer Schmeichler und gingen dennoch in der Irre. Auch der Pfau, sagte der Redner, dieser große Vogel, der den heiligen Liborius geleitet hätte, wäre ein solcher himmlischer Stern gewesen! Man sollte doch nur hinblicken auf sein geschwungenes Rad! Wie das in ihm von Licht und Farbe funkelte! Zwölf Augen säßen in dem Rand des Rades und hätten gewacht über den Weg, den damals der Heilige durch die Herden hindurch hätte nehmen müssen, um gerade hieher nach Westerhof zu kommen, gerade hieher, wohin ihn seine ganze Sehnsucht zog! Jetzt freilich müßte die Kirche, um wie dieser Heilige durch soviel noch herrschendes Heidenthum hindurchzukommen, viel kleinere und bescheidenere Vögel zu Führern wählen, leider – vor allem nur die schüchterne Taube. Glücklicherweise wäre diese aber denn doch auch nichts Kleineres, als eben der Heilige Geist selbst. Und so wollten auch sie, zaghaft und schüchtern zwar, doch die gute Sache des ewigen Gottes und seiner Heiligen in dieser Welt der Gewalt vertreten, wollten flicken an den Schäden, so gut es ginge mit Menschenkraft, wollten die Kirche ausbauen, wo sie allzu schadhaft würde; denn die Kirche Gottes, sagte er mit einem jetzt etwas sonderbar blinzelnden Blick auf den Dorste'schen Kirchenstuhl auf dem Chore ihm gerade gegenüber, die ist nicht byzantinisch, nicht gothisch, nicht Renaissance, nicht Rococo gebaut, sondern blos einfach – felsenfest. Das hat St.-Paulus bereits den Korinthern anzuhören gegeben, fuhr er fort, die sich auf ihre Säulenknaufe und Säulenordnungen bekanntlich so viel eingebildet! Warum würde sonst St.-Paulus gerade in der zweiten Epistel an die Korinther Capitel 5 über das wahre christliche Bauwesen seine Meinung abgegeben haben –?

10 Aufrichtig gestanden, diese Bemerkungen des Pfarrers waren nichts als Anzüglichkeiten. Aber man war an dem frischen, jungen, noch ganz studentisch aussehenden Mann von etwa dreißig Jahren dergleichen in der Gegend schon gewohnt. In dem gräflichen Stuhl im Emporchor verstand man vollkommen, was gemeint war mit dem Blick auf Terschka, auf Levinus von Hülleshoven, Armgart's Onkel, der die Dorste'schen Güter verwaltete, und wir selbst werden es noch näher in Erfahrung bringen. Wir berichten nur, daß trotz des feierlichen Tages das erste Wort, das Norbert Müllenhoff in der Sakristei, mit beiden Armen sich zum Erwärmen auf die Schultern schlagend, sprach, lautete: Nein, ist das hier wieder eine Hundekälte –! Zähneklappernd trat er an einen in der Sakristei stehenden eisernen Ofen, der auf drei Schritte allerdings eine Glühhitze verbreitete, nicht aber den übrigen Raum erwärmte. Das Rohr entließ den Dampf durch eines der großen Rundfenster –

Ich sagt' es ja gleich, Herr Pfarrer! begann der alte Meßner Tübbicke, Vater des »maître-tailleur« . . . Die neue Thür, die Sie durchaus durchgebrochen haben wollten –

Schweigen Sie! sagte der Geistliche und entkleidete sich.

Der Meßner war ein alter hagerer Mann, mit einer rothen Flachsperrüke. Er sah in seinem langen rothen Rock selbst wie einer der vor drei Wochen auf den Dörfern wandelnden heiligen drei Könige aus, die mit ihrem: »Wir sind die Könige aus Morgenland, ho, je!« an den Thüren bettelten. Auch eine Art Scepter hatte er in der Hand, die lange Lichtputze, mit welcher er die Altarkerzen auslöschen wollte in der nunmehr sich entleerenden Kirche. Wirklich, Herr Pfarrer, diese neue Thür, die sonst nicht da war – begann Tübbicke aufs neue –

Wollen Sie wol schweigen! wiederholte Müllenhoff aufstampfend und zog sich sein Meßkleid aus. Ein für allemal, 11 Tübbicke, rief er dem Alten mit seiner riesigen Lichtputze nach, wenn ich vom Allerheiligsten komme oder von der Kanzel herab, so sollen Sie mich nicht eher anreden, bis ich Sie gefragt habe!

Gut, gut, gut! antwortete brummend der Alte und ging kopfschüttelnd über seinen neuen Vorgesetzten – Dieser brummte, weniger maliciös, als burschikos, fort: Diese Sucht von den Meßnern, überall mit uns umzugehen, als wenn der ganze Gottesdienst ein bloßer Spaß wäre! Schon wie die Barbiere kommen sie des Morgens zu unserm Herrgott und kramen in der Sakristei ihre Neuigkeiten aus –! Und nun pfiff sich sogar Müllenhoff selbst eine leichte Weise und genoß im stillen seinen Triumph, in die Predigt eine Rüge des gräflichen Bauwesens eingeflochten zu haben –

Tübbicke kam zurück.

Tübbicke! sagte der Pfarrer, etwas versöhnlicher gestimmt. Daß wir uns doch so wenig verstehen!

Sechsundsiebzig! war die mit Achselzucken gegebene Antwort –

Ja, Tübbicke, Sie sollten sich einen Beistand halten! Wenn Ihr Sohn nicht in Witoborn »maître-tailleur« wäre – Schande, Schande auch über diese neubackene Afferei!

Mein Sohn war in Paris, Herr Pfarrer!

Deshalb will er nun kein deutscher Ziegenbock mehr sein? Er trägt einen Bart, der Kerl, so lang wie ein Kameel!

Herr Pfarrer, junge Leute –

Vierzig Jahre alt ist der communistische Heimtücker! Tübbicke, Tübbicke! Ich höre, daß Ihr »maître-tailleur« auf dem Finkenhof verkehrt! Ich sage Ihnen, rathen Sie ihm Gutes! Der Finkenhof und alles, was wir hierorts von Sodom und Gomorrha noch in Rest haben, hat an mir einen schlimmen Aufpasser! Warten Sie ab! Sitzt auch noch unser hochherrlicher Kirchenfürst 12 in Ketten und Banden, der Sieg ist dennoch unser! Hei, wir haben unsere Kraft fühlen gelernt! Nun muß es von Grund aus in Deutschland anders werden! Jetzt zumal, wo hier auch bald eine luthersche Herrschaft commandiren will –

Na, ich denke doch, der Herr Archipresbyter wird an uns beiden seine Freude haben, Herr Pfarrer! sagte der Alte, ohne sich auf die große Veränderung in der Herrschaft einzulassen.

Kurze Zeit nach dieser Weihe des Teppichs und solchen ähnlichen Zwiegesprächen zwischen dem Pfarrer und dem Küster zu St.-Libori hielt denn auch wirklich der vom Westen gekommene Archipresbyter Bonaventura von Asselyn das Hochamt zu St.-Libori und Müllenhoff administrirte dabei und mußte sich dem Domherrn unterordnen. Es war ein Fest für die ganze Gegend; wieder war die Kirche überfüllt, der Eindruck einer nie so würdig celebrirten Messe, wie vorauszusehen, der heiligste. Auch Bonaventura's spätere Rede zündete. Man hatte hier nie so schön vom Thema der Zeichen und Wunder sprechen hören. Wenn das Wesen der Zeichen und Wunder, hatte der Priester im weißgoldenen Gewande gesagt, schwer zu deuten wäre, so wisse man doch Eines ganz bestimmt, was zu ihnen gehöre: die Liebe. »Die Menschen müßten sich gegenseitig erst etwas werth sein, wenn sie sich zu Propheten und Aerzten werden könnten.« Der Redner vermied, die ihm gegenübersitzende Paula zu bezeichnen; aber man gedachte nur ihrer. Er übertrug das Uebersinnliche in diejenige Seite der Natur, welche uns offen und enthüllt vorliege und zugleich ihre heiligste und höchste wäre, in die Seele, in das Gefühl. Der Text des Sonntagsevangeliums: »Jesus weissagt sein Leiden« gab die Veranlassung zu diesem Thema, das Bonaventura sonst wol vermieden hätte. Er war verpflichtet, darüber zu predigen. Er sagte, wir wüßten 13 alle selbst unser künftiges Schicksal, wenn wir nur erst uns mehr gewöhnt hätten, in Gott zu leben, d. h. auf die innere Stimme in uns selbst zu hören.

Auch nach diesem ersten Gottesdienst und während Bonaventura, (wie sich wol denken läßt) tief schweigsam und von seinen neuen Eindrücken erschüttert, sich in der Sakristei entkleidete und ringsum die Bevölkerung aufgeregt, urtheilend, vergleichend, erwartungsvoll, sich zerstreute, polterte Müllenhoff, der gewissermaßen nur Bonaventura's Vicar war, wieder über die baulichen Grillen des Barons Levinus – Er sagte: Für sein chemisches Laboratorium weiß er nicht genug Geld auszugeben! Ja, Herr von Asselyn, melden Sie ihm doch das: Diese Thür hier muß durchaus neu gebaut werden! Es ist wahr, ich habe hier eine Thür verlangt, aber nicht so – sehen Sie nur, wie der Schnee hereinfegt! Eine Doppelthür muß es sein! Und überhaupt, was hoff' ich nicht alles von Ihnen –!

Kaum verstand Bonaventura etwas von Tübbicke's dienstgefälliger Erläuterung: Früher war die Sakristei ohne eigenen Eingang gewesen, der Pfarrer mußte durch die Kirche gehen; Müllenhoff erst hatte eine Thür durchbrechen lassen. Nun lag sie ihm aber dem Winde und dem Wetter zu offen – Als noch der Eingang durchs Schiff war, hat hier ein Cardinal celebrirt –! äußerte Tübbicke.

Schweigen Sie! bedeutete Norbert und reichte dem Domherrn eine Prise.

Tübbicke ging heute auch wieder in die Kirche, um die Lichter zu löschen.

Müllenhoff sprach hinter ihm her: Nicht wahr, Domherr, der Meinung sind Sie doch auch? Man muß das Reinigen der Kirche mit dem Nächsten anfangen, was unser Kehrbesen trifft! Dieser Tübbicke ist, wie die Meßner sämmtlich sind! Ich sagte 14 ihm schon neulich: Tübbicke, sitzt das Wachs noch nächsten Freitag an den Leuchtern auf der Epistelseite, so nehm' ich mit eigner Hand vor dem Introibo ein Tuch und putze vor der ganzen Gemeinde die heiligen Gefäße selbst erst rein!

Bonaventura, in tiefen Gedanken, lächelte und sprach: Dann können Sie ja mit dem Apostel sagen: Es sind Gefäße des Zorns –! Bonaventura sah am alten Tübbicke, er hatte die gewöhnliche Krankheit der Kirchendiener (wie auch Lucindens Vater als Schulmeister), sich mit dem lieben Gott auf einem kameradschaftlichen Fuße zu wissen. Auch Tübbicke war wie ein alter guter Kammerdiener der Heiligen. Die Livree der Mutter Gottes trug er, wie wenn er die hohe Frau schon als Kind auf seinen Knieen geschaukelt hätte. Christus war ihm fast wie der »junge Herr« in seiner Himmelsfamilie und die wechselnden Geistlichen waren ihm nur neuangeworbene Hofmeister, die manches gar nicht in derjenigen Weise verstanden, wie die Tradition des hochgräflich himmlischen Hofstaats es mit sich brachte. Das war nun aber gerade der Anstoß, den Müllenhoff nahm. Ich glaube, Sie dünken sich wol einen Liturgiker, hatte er dem Alten gleich nach seiner ersten Messe gesagt, als dieser ihm bemerken wollte, daß seit neun Jahrhunderten in der Liborikirche die Communicanten erst dann knieten, wenn sie an die Communicantenbank kämen; vorher dürften sie stehen. Nach Müllenhoff mußten sie gleich knieen und zwar utroque genu! wie er donnernd ausrief. Und von dem Tage an, wo sich Tübbicke bei wiederholter Anfechtung seiner alten Art, die Gläubigen zu ordnen und zu scharen und bei erneuetem Ausrufe: Utroque genu! die Bemerkung erlaubt hatte: Na, Herr Pfarrer, Sie werden sehen, daß die Bauern sich beklagen, weil die Jungens auf die Art zu viel Hosen zerreißen! da war offene Fehde zwischen beiden. Tübbicke vertheidigte das alte Herkommen und die Schwäche aller Creatur, 15 Müllenhoff das Gesetz, den hochheiligsten Buchstaben und die neukatholische Reform.

Zuletzt sogar mußte Bonaventura des erneuerten Streites lächeln. Gerade als wenn Tübbicke alle gegen ihn während seiner Abwesenheit im Kirchenschiff erhobenen Anklagen gehört hätte, so brachte er jetzt den Leuchter, den er gereinigt hatte, zeigte ihn stumm seinem nächsten Vorgesetzten, drehte ihn vor den Augen desselben rundum und schloß ihn ebenso schweigsam in den Schrank.

Darauf hatte Müllenhoff dann seinen langen wattirten Winterrock angezogen und den Hut aufgesetzt. Einen Stock, den er sonst trug, hatte er feierlich vor seinem Dechanten geloben müssen für alle Zeit abzulegen, denn schon war vorgekommen, daß er bei Vorwürfen, die er etwa zufällig ihm im Felde Begegnenden machte, denselben zur Unterstützung der Rede benutzte. Bonaventura hüllte sich in einen Pelz. Auf ihn wartete ein Schlitten, der ihn nach Schloß Westerhof bringen sollte, wo er, obgleich bei Müllenhoff wohnend, täglich zu Mittag speiste.

Als Tübbicke die neue Thür aufschloß und den Schnee wegstieß, bat Müllenhoff seinen Vorgesetzten: Herr von Asselyn! Noch eins! Erinnern Sie doch den Herrn Baron von Hülleshoven, daß ich meinen eigenen Eingang haben muß auch in die Hofkapelle auf dem Schlosse!

Herr Domherr, ein solcher Eingang ist bereits in die Hofkapelle, erläuterte halb und halb denuncirend Tübbicke; aber er führt durch andere, verschlossene und höchst wichtige Zimmer –

Ein durchbohrend strafender Blick Müllenhoff's verwies ihn zum Schweigen. Nein, ich, ich will die Schlüssel zu diesen Zimmern haben! sagte er zu Bonaventura mit scharfer Bestimmtheit.

Herr Pfarrer, dieser Eingang führt ja aber erst durch die Bibliothek und durch das Archiv und der Baron hat ja partout nichts davon hören wollen . . .

16 Müllenhoff glühte vor Zorn, beherrschte sich jedoch. Ich will, sprach er wie mit einem auf Tübbicke gerichteten Märtyrerblick und langsam jedes Wort betonend, ich – will – auch – in – die – Sakristei – der – Schloßkirche – meinen – eigenen – Eingang – haben! Wenn dieser durch das Archiv führt, so gebührt mir um so mehr – ein – Schlüssel – zu – demselben –, als die Urkunden und Kirchenbücher – der – Pastorei – gleichfalls in demselben aufbewahrt werden! Verstanden?

Soviel ich weiß, ist dafür der Patron verantwortlich! sagte Bonaventura.

Seit neun Jahrhunderten! setzte Tübbicke hinzu.

Schweigen Sie! brach Müllenhoff jetzt aus, im ersten Tonansatz furchtbar, dann aber – mit kindlich gemäßigter Stimme, als fürchtete er, zum blutdürstigen Tiger zu werden. Er fuhr zu Bonaventura fort: Ich bitte, Herr von Asselyn! Es ist mir nicht angenehm, in meiner bürgerlichen Tracht erst durch die Kirche zu gehen und dann erst hinterm Altar Toilette zu machen. Ich will, daß die Gemeinde, auch selbst die vornehmste, mich gleich nur in meinen Priestergewändern sieht. Der Schlüssel zum Archiv soll von mir wie ein Heiligthum bewahrt werden!

Bonaventura setzte sich mit dem Versprechen in den Schlitten, die Sache, wenn irgend thunlich, nach Wunsch zu ordnen. Noch standen Menschen draußen, die den so lange Erwarteten noch einmal sehen wollten. Mit einem Blick des Neides sah ihm Müllenhoff nach, als er von dannen fuhr, und verwies die Umstehenden, sich länger hier nun nicht aufzuhalten.

Norbert Müllenhoff war ein noch zelotischerer Geistlicher, als Beda Hunnius. Dieser hatte in seinem reformatorischen Wirken doch nur die Lehre und den Kampf mit der protestantischen Welt vor Augen; jener gehörte schon ganz den jungen Geistlichen der Michahelles'schen Richtung an, die in Allem eine Wiederherstellung 17 des alten kirchlichen Lebens wagten und die Axt nicht blos an die Zweige, sondern an die Wurzel legen wollten. Norbert Müllenhoff war ein Priester im Geist des Kirchenfürsten. Ein Bauernsohn, zeigte er die Kraft, Energie und Selbstgenüge, wie sie hier zu Lande den Nachkommen der alten Sachsen eigen ist. Sein Aeußeres drückte einen Beruf zur Thätigkeit, zum Krieger, Geschäftsmann, Arbeiter auf einem Felde des muthigen Bewährens aus; aber trotz seiner gewölbten athletischen Brust, seiner Stimme wie ein Löwe, war er nun doch einmal zum Geistlichen bestimmt, wie Sitte bei diesen Bauern, die selbst bei Vermögen nicht unterlassen können, eines ihrer Kinder der Kirche zu weihen. Zwar machte Norbert, dessen Aeltern nicht vermögend waren, den ganzen Weg, der in diesem Falle Herkommen ist, durch Stipendien, Freitische, Freibücher, Freiwohnungen hindurch, nahm aber alles das wie etwas, was sich von selbst verstand. Die Priesterweihe gibt einer solchen Natur ein Bewußtsein, als wäre sie gefeit gegen alle Anfechtung der Welt. Aus diesem levitischen Stolz heraus fing die Zeit überall an ihre Kirchenreformen zu befördern. Aus den jesuitisch geleiteten Seminaren kommen die jüngern Geistlichen wie endlich losgelassene junge Streitstiere. Sie bohren die Erde auf mit ihren Hörnern, rennen im Kreise rundum und scheuen den Kampf mit Königen und Kaisern nicht. Leider gehören zu denen, vor welchen sie keine Furcht haben, auch die Könige und Kaiser des Denkens und der Wissenschaft. Norbert Müllenhoff war, zuerst als Vicar in einem Walddorf des Gebirges, dann als Vicar in Witoborn, hier jetzt als Pfarrer in St.-Libori, wie Beda Hunnius nicht nur im Stande, auf der Kanzel zu predigen von einer »hundsföttischen Art«, den lieben Herr Gott beim Benetzen der Brust mit Weihwasser um das Symbol des eigenen demüthigen Kreuztragens zu »betrügen«, indem man nur zwei »zimpferliche, 18 schandbare Pünktchen« machte, statt sich das ewige »Stigma des Heils« und »die Signatur der Erlösung« mit zwei »gründlichen Querbalken« auf die Brust zu drücken; er verwarf Poesie und alle Zauber der Bildung. Er verwünschte »die Niedertracht der Sentimentalität«, sprach von einem nur um unserer gnadenreichen Gottesmutter willen zu duldenden »Weibsvolk«, donnerte gegen den »vornehmen Kirchenpöbel«, der in der Messe nicht knieen wollte oder, wenn er kniete, nur so eine leise Andeutung machte, als wäre »Gott eine Excellenz oder eine Durchlaucht«, vor welcher eine höfliche Verneigung genüge. »O diese kniesteifen Heiden –!« rief er dann wol, wieder zu den Bauern zurücklenkend, aus. »Man sollte sie nur sehen, wenn sie Kegel schieben und dabei die Beine wie mit Oel geschmiert ausgrätschen können – daß dich! – als hätten sie's von den Possenreißern gelernt auf dem Liborimarkt zu Witoborn!« Sanft und lieblich und wie mit Lerchentrillern aufsteigend schilderte er dann wieder ein wahrhaft frommes Leben, das alle Ceremonien wie ein gutgeartet Kind mitmachte; aber gleich schlug er dann mit Hämmern drein, wenn es »klapperdürren Vorurtheilen« galt oder »fadenscheinigem Tagesruhm«. Wie der heilige Augustinus sagte er: »Die Menschen lieb' ich; ihre Irrthümer schlag' ich todt!« – eine Procedur, gegen welche selbst Onkel Levinus im Abendgespräch auf Schloß Westerhof geltend machte, daß der Herr Pfarrer auf die Art denn doch wol auch manchmal in die Lage jenes Bären kommen könnte, der auf der Stirn seines schlummernden Herrn die störende Fliege mit einem schweren Stein und somit ihn selbst erschlug.

Müssen Sie sich denn ewig in alles mischen? fuhr jetzt Müllenhoff heraus zu dem im Schnee hinter ihm hertrottenden Alten, der mit ihm in einem und demselben Hause wohnte.

Es würde, da Tübbicke zu erwidern liebte, unfehlbar zu 19 lebhafterer Discussion gekommen sein, wäre nicht eben aus den kahlen, schneegepuderten Gebüschen jemand herausgetreten, der, halb dem davonfliegenden Schlitten nachschielend, halb die Ankommenden und auf das Pfarrhaus Zugehenden höflich begrüßend, mit scheuer Unterwürfigkeit einen Brief in die Höhe gehalten hätte, den sofort der Pfarrer ergriff – Der Fremde sprach mit etwas fremdartigem Accent: Mit Erlaubniß, Herr –! Er deutete auf den Alten, dem der Brief bestimmt war.

Müllenhoff las die Aufschrift und gab den Brief an Tübbicke. Er musterte schon den Fremden von oben bis unten. Von Ihrem Herrn Sohn – in Witoborn – wenn ich die Ehre habe – Monsieur Tübbicke –? sprach dieser mit einer eigenthümlichen Betonung. Müllenhoff ging weiter und murmelte: Aha! Vom maître-tailleur –!

Auch die andern schritten, sich ihm anschließend, dem Pfarrhause zu und der Meßner suchte mit den Worten: Von meinem Sohn? Was ist denn nur? Was soll es denn? im Gehen eifrigst nach seiner Brille.

Lassen Sie! Ich werde lesen! wandte sich Müllenhoff und erbot sich, den Inhalt mitzutheilen, da Tübbicke die Brille nicht sofort finden konnte.

Bitte, Herr Pfarrer – sagte dieser zögernd.

Einige Raben krächzten, flogen auf und schüttelten den Schnee von den Zweigen, auf welchen sie gesessen hatten, und gerade auf den Brief. »Liber Vater!« las Müllenhoff schon und unterbrach sich sofort: Schreibt der Kerl »Lieber« ohne E! –»Liber Vater. Dieser überbringer« – »Ueberbringer« klein! – »ist ein guter Freund zu mir!« – »Zu mir«! Das ist ein Ueberbleibsel wol aus Paris? – »Es ist ein gelernter Friseur« – Sieh! Sieh! Das Wort schreibt er richtig! – »und sucht ein Enkagement« – Heidengugguck! Der Franzos! – »wo möglich 20 bei großen herrschaften als Bedienter« – Klein die »Herrschaften«, obgleich er sie »groß« nennt; Bedienter groß! Das ist der Communismus! – »Lieber vater« – St.-Libori! Was war hier das Schulwesen vernachlässigt! – »Könnten Sie es machen, so recom – man –« – Brich dir den Hals nicht! – »tiren Sie ihn auf das Schloß – als La – La – Lagay! . . .« Geier! Als Lakai! . . . »Tante Schmeling« – Aha! Aha! »Läßt grüßen und sorgen Sie doch bei Dem – Sie wissen schon von wegen!« – Das bin ich wol? – »Fanchon ist recht krank, wenn's nur nichts auf sich hat« – Wer ist Fanchon? Eine Hündin, die geworfen hat – oder – ich meine von wegen der Schmeling –?

Jesus Maria! rief der Alte. Mein Enkelchen! Ist Fanchon krank? – wandte er sich zu dem Ueberbringer. Dieser war theils mit gespanntester Aufmerksamkeit der Vorlesung des Briefes, theils den Zwischenreden des gestrengen Herrn Pfarrers gefolgt und fand sich nicht sogleich zurecht. Mein Herzblättchen?! Steht denn weiter nichts im Briefe, Herr Pfarrer? rief Tübbicke.

Fanchon! Fanchon! Hat diesen Namen hier irgendein christlicher Pfarrer gegeben?

Franziska! Herr Pfarrer! Das Kind ist ja mein Augapfel!

Der Fremde, der einen wassergrünen Winterrock von langhaarigem Flaus trug, eine tief in die Augen gedrückte Pelzkappe, einen rothen Shawl um den Hals geschlungen, Pelzhandschuhe und Filzüberschuhe an den Füßen, gab die Auskunft, daß er eigentlich auf einer Reise nach Polen begriffen wäre, aber auch gern hier bleiben würde, wenn er Condition finden könnte – Herr Tübbicke wäre eine alte Bekanntschaft von ihm aus Paris – er hätte ihm seine Fürsprache empfohlen für die Herrschaft auf dem Schlosse – er könne »frisir«, spräche französisch, könne auch Pferde »dressir'« – Fanchon hätte sich erkältet, läge im 21 Bette – aber Madame Schmeling hätte gesagt, daß es nichts auf sich hätte –

Doctert die also auch, die holdwertheste! ließ Müllenhoff einfallen. Schon war er weiter voraus, während der alte Tübbicke seinem Schutzbefohlenen still die Schulter klopfte und das Seinige zu thun versprach, ihn auf dem Schlosse zu empfehlen. Frau Schmeling war eine Landhebamme, mit welcher Müllenhoff im offenen Kriege lebte. An sich war die Frau die Religiosität selbst. Sie vertheilte Bilder, Amulette, Rosenkränze zur Unterstützung aller der Zustände, die auf ihre Hülfe angewiesen waren; sie rieth jedem, zur heiligen Barbara zu beten während eines Gewitters, zu St.-Florian und St.-Antonius gegen Feuer, zu St.-Antonius II. gegen Wasser, zum heiligen Dionysius gegen Kopfschmerzen, zum heiligen Blasius gegen steifen Hals, zur heiligen Lucia gegen Augenleiden, zur heiligen Palonia gegen Zahnschmerzen, zum heiligen Dominicus gegen Fieberfrost, zum heiligen Rochus gegen die Cholera, und ihre Kreißenden und ihre Gebärenden hatten als zwei ihr immer assistirende Hebärzte im Himmel den heiligen Ramon und den heiligen Lazarus, nicht zu gedenken aller der Marienbilder, die unter jenem alten Gemäuer, in dieser alten blitzzerschlagenen Eiche, da und dort eine traditionelle Kraft für die wichtigsten Vorkommnisse im Frauenleben hatten und durch ein »gestiftetes« Lichtchen gerade ebenso zu sympathetischen Curen gebraucht wurden, wie die in Schiller und Goethe lebende Bildung sich manchmal doch auch wol mit »Sympathie« – die Rose vertreiben läßt. Alles, was nur zum christlichen Heidenthum gehörte, war in üppigster Blüte bei Frau Schmeling. Todt zu schlagen hätte sie angerathen jeden Ketzer, der bei einer Procession vor dem hochwürdigsten Gute nicht wenigstens den Hut abgenommen. Aber über alle diese Dämmerungszustände fehlte der Frau, wie der ganzen Bevölkerung, ein 22 theoretisches, klares, formelles Bewußtsein. Sie meinte, trotz aller Aves und Rosenkränze ließe ich dennoch die Lust am Leben lieben. Die jungen Bursche hier ringsum, stattlichen Aussehens, waren drei Jahre im Kriegsheer und brachten fröhliche Welt, Leben und Lebenlassen heim. Nun sollte auf Müllenhoff's und vieler hoher Herrschaften Betrieb ein Jünglingsbund und ein Jungfrauenbund gestiftet werden; es sollte sich alles verpflichten, nicht zu fluchen, nicht zu trinken, nicht zu tanzen und besonders den Finkenhof nicht mehr zu besuchen. Da war denn Frau Schmeling eine Gegnerin des eifernden Pfarrers geworden –! Ohne den Finkenhof gibt es wol keine Geburten mehr? fuhr sie Müllenhoff an, als sie gelegentlich von einer Nothtaufe, die sie verrichtet hatte an einem sterbenden Kinde, Bericht erstattete und mit aufrichtiger Beredsamkeit auseinandersetzte, daß auch die Musikanten Menschen wären und etwas verdienen müßten. Sie ließ sich aber »bei ihren sechzig Jahren« nicht von dem jungen Pfarrer abkanzeln und mit »sittenlosem Weibsbild« tractiren. Sie sagte, daß es Familienväter genug gäbe, die ihren Söhnen lieber statt Taschengeld die Erlaubniß ertheilten, sich's im Kegelspiel selbst zu verdienen, genug Familienmütter, die mit sechs bis sieben stattlichen Töchtern gesegnet wären und den Tanzboden für die beste Gelegenheit halten müßten, sie los zu werden. Von dieser Frau konnte Müllenhoff schon lange nichts mehr vernehmen, ohne im höchsten Grade gereizt zu werden.

Er war noch nicht in sein Studirzimmer getreten, als der alte Tübbicke schon mit einer der Mägde, die für ihn und den Pfarrer zu sorgen hatten, darüber einverstanden war, daß der Freund seines Sohnes vorläufig gleich zu Mittag bleiben sollte.

Müllenhoff fand Briefschaften vor und ließ den Ankömmling außer Acht. Es war ein williger Mann und hieß Dionysius Schneid aus Strasburg, der sich jeder Arbeit unterzog. 23 Einen Beistand bedurften der alte Tübbicke und die Kathrein; der Domherr wohnte nicht auf dem Schloß, sondern hier in seinem geistlichen Hause von St.-Libori, oben im ersten Stock; zu den jetzt doppelt nothwendigen Hülfsleistungen fehlten die Hände. War dann auch der Herr Dionysius Schneid allerdings etwas steif und schwerfällig, so war er doch keineswegs unbrauchbar, ob im Stall des Schlosses für die Pferde oder im Hausdienst zum Spalten des Holzes oder zur Hülfe in der Küche oder selbst zur Pflege einer herrschaftlichen Garderobe benutzt zu werden – ja er wurde auch zuletzt, wie wir sehen werden, auf das Schloß empfohlen und dort angenommen.

Wenn auch für Westerhof große Veränderungen bevorstanden, an Leben und Bewegung fehlte es nicht. Zumal da an demselben Sonntage, nach der Heimfahrt von St.-Libori, alle Herrschaften, die in der Kirche gewesen waren, von der wenn auch nicht überraschenden, doch für Schloß Westerhof nicht bedeutungslosen Nachricht empfangen wurden, daß in verwichener Nacht endlich der Onkel der Comtesse Paula, der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof, mit Tode abgegangen war –

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