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Der Zauberer von Rom. IX. Buch

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. IX. Buch - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Gutzkow
firstpub1858-61
year1863
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleDer Zauberer von Rom. IX. Buch
created20070820
sendergerd.bouillon
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191 Neuntes Buch.

193 18??

Der Vogel nistet selbst am brausenden Donnerton des Wassersturzes in seinem traulichen Versteck. Auch die ermüdete Menschenseele, Erquickung bedürfend, sucht sich ihre Ordnung aus den Schrecken der Zerstörung sogar heraus, sucht – und findet dann auch ihre alte, ihr so wohlbekannte Gewöhnung an Freud' und Leid – selbst bei Sturm und Ungewitter.

Am Fuß eines alten unschönen Gemäuers in Rom, die Pyramide des Cestius genannt und, der Inschrift zufolge, das Grabdenkmal eines wohlhabenden – Kochs aus Kaiser Augustus' Zeit, schmettert in die blaue sonnige Frühlingsluft eine Nachtigall. Vielleicht würde die Sängerin der Haine entfliehen, wenn sie die Fittiche der luftbewohnenden Nachtunholde, das ringelnde Schleichen einer Schlange umkreisten – aber die Wildheit der Menschen störte sie nicht.

Kanonen donnern –! Wilde Lieder erschallen –! Tausende von Menschen üben sich im Dienst der Waffen – Die Nachtigall singt dennoch ihre Klage unter den Rosenbüschen.

Am Fuß des alten Gemäuers breitet sich ein Kirchhof aus. Wohlgewählt der Platz beim alten Cajus Cestius, Koch und vielleicht Gastwirth im alten Rom –! Auch Herberge gab er vielleicht den Fremden – den Griechen, Persern, Afrikanern. Sein Grundstück gibt jetzt den Juden und Ketzern Herberge, wenn sie 194 in Rom ihr Auge schließen. Diese Rosen und Lilien an dem alten Gemäuer, wo die Nachtigall schlägt, gehören dem Kirchhof der Protestanten.

Rom ist in Waffen. Ein Dictator ist erstanden. Eben befindet er sich oben und überschaut an diesem entlegenen Ende der Stadt, vom Monte Testaccio aus, die Ebene mit seinem Fernrohr. Eine kräftige, gedrungene Gestalt mit gebräuntem Antlitz, mit schlichtem, schon weißem Haar und mit fast deutschen Augen. Ein Italiener ist's mit dem grauen Reiterhut und einer rothen wallenden Feder darauf. Sein militärischer Stab begleitet ihn.

Von hier aus sieht man deutlich drei Heere zu gleicher Zeit, die in Latiums großer Ebene, der Campagna, so lagern, wie hier einst die Cimbern und Teutonen und zur Zeit der Völkerwanderung die Hunnen lagerten. Dem Meere zu liegt das Heer der Franken. Dem Gebirge zu das Heer der »Deutschen« – was eben »Deutsche« unter Oesterreichs Fahnen sind. An der südlichen Seite liegt das Heer der Italiener, im Bund mit der Erhebung in Rom und seinem sieggewohnten Führer.

Der Monte Testaccio ist ein seltsamer Berg. Vom Abfall der Küchen, den hier eine Verwaltung, die im Alterthum sorgsamer als die spätere päpstliche war, auf einen Haufen an die Thore der Stadt schaffen ließ, hat sich ein Hügel gebildet, wo Unkraut wuchert auf angeflogener Erde, die, in die Ritzen eingedrungen, den Mörtel dieser zu einem Ganzen vereinigten Scherben bildet. Wie mancher schöne Henkelkrug liegt da in Trümmern –! Wessen Hand mag ihn einst an die dürstende Lippe gesetzt haben –!

Noch sind die Götter des friedlichen Hauses nicht ganz von diesen Gefäßen gewichen, die ihnen einst geweiht waren. Der Monte Testaccio wurde ausgehöhlt und verbreitet aus Weinkellern süßen Kelterduft. Vielleicht hatte hier schon Cajus 195 Cestius seine Weinvorräthe. Ueber diese Trümmer gibt es Treppen, Estraden, Lauben von Akazien und Hollunderbüschen, wo die, die einen »Guten im Kühlen« zu schätzen wissen, in Hemdärmeln sitzen und das schöne »Aller Weisheit sich entschlagen« üben, das in Rom von je beim Becher geliebt wurde.

Auch heute fehlen, wie nicht die Nachtigall und die Rosen unter den Gräbern, so auch die Trinker nicht. Massenhaft durchforschen sie die heiteren Katakomben des Testaccio. Wilde und sanfte Gestalten gemischt – Priester und Mönche sogar – alle in Waffen, die meisten mit rother Blouse – die Büchsen sind in Haufen zusammengestellt. Der nahe Kirchhof stört niemanden – doch hat der Tod seit Jahren in Italien furchtbare Ernten gehalten –! Throne brachen zusammen. Völker kämpften gegen Völker. Die letzte Entscheidung über Italiens Wiedergeburt ist nahe herbeigekommen.

Die gegenwärtige Waffenruhe trat ein durch den Tod des Stellvertreters Christi. Ihrer mehre sind sich seither nun in kurzer Frist gefolgt. Einige Greise sanken in stürmischer Zeit dahin, wie schon sonst ein Stephan II. nur drei Tage auf jenem Stuhl saß, wo man, nach Innocenz' III. Wort, »zwar weniger, als Gott, aber mehr, als ein Mensch ist« – Bonifaz VII. ermordete ihn. Auch dieser wich in einem Jahre schon vor Donus II. Auch Clemens II. Freiherr von Horneburg, ein Deutscher, war vor Jahrhunderten in jener Schwebe zwischen Himmel und Erde nur ein Jahr geblieben; Gregor VIII. nur wenige Wochen. So herab bis zu Pius VIII., der gleichfalls nur wenig über ein Jahr an den schweren Himmelsschlüsseln getragen hat. Seitdem kamen andere und schon hatte Frankreich in Avignon, Oesterreich in Salzburg einen Papst wählen und krönen lassen.

Das neuntägige Trauergeläut unterbrach den Kanonendonner in der Campagna und Roms Dictator, bestürmt von seinen 196 Kriegern, bestürmt vom freisinnigen Theil Europas, Er möchte doch am wenigsten in Rom noch einmal eine Papstwahl dulden, erhob dennoch sein Schwert und sprach: Der Letzte der Reihe! Doch hört sein Wort! Ist es ein Prätendent auf die weltliche Herrschaft Roms, wie sie alle gewesen, so senden wir ihn zu den beiden Heeressäulen draußen hinaus, deren Bajonnete ihn halten mögen, den Schatten ohne Macht und Würde! Ist es aber ein Nachfolger Petri im Geiste Petri, ein Friedensfürst und Apostel, so soll die Welt seine segnende Hand nicht entbehren. Dann wird unser Schild ihn tragen. Unser ihm zujubelnder Beifall feiert vielleicht die Erlösungsstunde der Menschheit!

Drei Tage nun dauerte schon das Conclave von nur noch dreißig Cardinälen. Immer noch eine ausreichende Anzahl von Anwesenden unter den nie ganz vollständig gewesenen Siebzig – Und vollends in solcher Zeit –! Offen und ehrlich hatte der Dictator in die Welt gerufen, daß jeder, der den Purpur trüge, unbekümmert an die Thore Roms pochen dürfe; Rom würde ihm öffnen und ihn bei Ausübung seiner Gerechtsame schützen.

So ruhten denn nun seit zwölf Tagen die Waffen und an das Schreckensvolle, an brennende Dächer, stürzende Thürme, an die Verheerungen der Seuchen, hatte sich schon wieder die bedrängte Stadt so gewöhnt, daß zwölf Ruhe- und Trauertage Festtage erschienen. An die Thore, die mit haushohen Barrikaden befestigt waren, hinter die Schanzkörbe der Mauern wagten sich die Frauen, die Kinder, die Greise. Bang und erwartungsvoll umstanden sie die Batterieen, die mit brennenden Lunten den Monte Cavallo umgaben, wo die Cardinäle eingemauert und den Heiligen Geist erwartend saßen.

Der Dictator hatte jetzt sein Roß bestiegen und sprengte mit seinem Stab vom Fuß des Testaccio dem Thor der Bocca della Veritâ zu und zur Stadt zurück. Er blickte sorglos. Durch 197 nichts verrieth er, daß die Welt in diesem Augenblick einer Mine glich, die ein einziger Funke in die Luft sprengen und vor allem ihn selbst vernichten konnte.

Lächelnd grüßte er zwei ihm wohlbekannte Damen in Trauer, welche die allgemeine Erlösung vom Schrecken dieser Tage benutzten, um den Sonnenschein, die Nachtigall, die Rosen und die Gräber zu besuchen. Von bebenden Hoffnungen, schmerzlichen Erinnerungen bewegt, suchten sie Erholung auf dem Friedhof. Ein blühender Knabe von sieben bis acht Jahren saß vor ihnen munter und ruhig.

Die Reiter bogen aus und ließen den offenen Wagen hindurch. Mitten durch die Zelte und Gruppen der singenden oder sich im Kriegsspiel übenden Krieger hindurchfahrend, stiegen die Frauen, der Knabe und ein Diener am Thor des Friedhofs der Protestanten aus. In den Händen trugen sie Kränze.

Der kleine grüne Fleck dieses Todtenackers war in den letzten Stürmen sichtlich verschont geblieben. Zwar lagen manche der Ahornbäume, die seine Alleen bildeten, niedergesägt; ebenso Sträucher mit verwelkten Schneeballen oder Jasmindolden; aber die Gräber selbst waren verschont geblieben. Der stille Geisterhauch, der doppelt geheimnißvoll über diese Gräber, die in der Fremde Gestorbene bedecken, hinweht, schien ruhige Grüße der Sehnsucht nach dem Vaterlande hinüber oder von dorther zurückzutragen. Aeltern, Geschwister, Kinder der hier Ruhenden weilen in der Ferne –! Manchem jenseits der Alpen Weinenden ruht hier sein ganzes Glück – unter einem – wie oft! – nur einfachen grünen Hügel. Doch prangen auch auf marmornem Monument die Bildnisse berühmter Künstler, Gelehrten, hochgefeierter Staatsmänner. Meist sind die Züge der Abgebildeten leidend – man sieht es, der Geschiedene hat noch zuletzt auf diese milde weiche Luft, auf diesen heitern Sonnenschein seine 198 Hoffnung gesetzt und die Hoffnung betrog ihn. Dürftige Holzkreuze mahnen an manchen armen jungen Maler, der in Italien sein Ideal gesucht und es in einem römischen Spital in einer einzigen Fiebernacht finden sollte!

Jetzt halten die beiden Damen in Trauer – hohe, schlanke, edle Gestalten, gefolgt vom Diener und geführt vom voranspringenden Knaben – vor einem Denkstein, auf welchem der Name zu lesen steht:

»Graf Hugo von Salem-Camphausen.«

Sie nehmen dem Diener ihre Rosen und Lorberkränze ab, die auf dem Wagen dieser mitgebracht, und legen sie auf das Grab, das erst kürzlich seine Vollendung erhalten hatte. Graf Hugo, nicht in die Dienste seiner Armee zurückgetreten, hatte seither auf Schloß Salem seiner Gattin und dem Sohne gelebt, den sie ihm geboren: Benno Thiebold Bonaventura Graf von Dorste-Salem-Camphausen! Er wurde lutherisch getauft. Graf Hugo starb bei allem Glück an einem Siechthum des Herzens – er hatte seit Jahren der Kämpfe zu viel bestanden. In Rom hatte er Genesung gehofft und heute vor einem Jahr war sein Auge erloschen. Das da ist sein lieber Sohn – er wird erzogen von zwei Müttern statt einer –! Von Paula und von Armgart. Letztere ist nun auch schon von grauen und nicht verfrühten grauen Locken – wie bei ihrem auf Castellungo noch mit dem Vater lebenden streitbar rührsamen Mütterchen.

Das heutige Opfer der Freundschaft und Dankbarkeit konnte nicht lange währen; denn die bangen weiblichen Herzen entdeckten bald, daß sie denn doch in so wildem Kriegerjubel zu allein waren. Es war eine einzige Stunde Allerseelen. Sie gedachten voll Innigkeit aller Todtenhügel, die sich ihnen in der Welt schon erhoben –! In der Ferne das noch immer von Armgart mit 199 Rosen und Vergißmeinnicht umfriedigte Grab des Onkel Dechanten –! Benno's –! Der Tante Benigna, des Onkel Levinus –! Des Präsidenten von Wittekind –! Auch in der Nähe gab es trauervolle Erinnerungen. Nicht weit von hier, auf dem Kirchhof der Laterangemeinde, lag ein Hügel, unter welchem die Herzogin von Amarillas ruhte. Man sagte von ihr, daß sie ein Jahr vor ihrem Ende nachts wie ein verstörter Geist in ihren Zimmern umirrte und die Ruhe suchte, die ihr nur noch der Tod geben konnte. Am Vatican befand sich Lucindens Grab –! Im Inquisitionspalast ein Hügel, der Bonaventura's Vater deckte –! Bruder Hubertus' Asche ruhte auf San-Pietro in Montorio –! Terschka's Ruhestätte kannte man nicht. Die Frauen suchten und forschten auch nicht nach ihr – ebenso wenig, wie nach den Umständen, unter denen Lucinde, Terschka und Hubertus aus dem Leben gingen. Es gab darüber grauenvolle Sagen – Armgart und Paula glaubten diese nicht; nicht um der Religion willen, sondern um deshalb nicht, weil ein weibliches Herz die Schleier böser Dinge ungern gelüftet sieht. Wo ist der Widerhall zu finden, die ganze Grabesrede, die jedem dieser Menschen gebührte! Nur in Gott mögen sie ruhen; nachfühlen und von ihnen träumen mag der Dichter! Paula und Armgart waren gerechter als andere – was man noch lange, lange in Rom und Deutschland von Lucinden sprach, erschöpfte selbst ihrem strengen Urtheil nicht die ganze Wahrheit.

Oder sollte Lucinde wirklich den Tod gefunden haben, überrascht bei einem Briefe, den sie damals gerade an Bonaventura geschrieben –? Vor einem offenen Kästchen, in welchem Documente lagen, die – mit den Schicksalen der Familien Wittekind und Asselyn zusammenhingen, mit Benno's Ursprung, wie man glaubte, mit seines Vaters betrügerischer zweiter Ehe, mit dem 200 scheinbaren Tod des weiland Regierungsraths von Asselyn –! Was ließ sich nicht alles an unheimlichen Stellen im Leid dieser Familien auffinden –!

Oder sollte es wahr sein, daß Fefelotti, das Al Gesù und Olympia im Bunde jenes Kästchen bei Gelegenheit einer Feuersbrunst ebenso wollten verloren gehen lassen, wie einst die verhängnißvolle falsche Urkunde, die Hammaker geschrieben, bei jenem Brande zu Westerhof gefunden wurde –? War es wirklich Terschka, der diesen Raub hatte auf sich nehmen wollen – sollen – und ihn auszuführen schon lange versuchte –? Hatte Terschka's Ohr im Inquisitionspalast, in den nur die Verschlagenheit des ehemaligen Anwohners der Porta Cavallaggieri sich einzuschleichen wußte, die Beziehungen belauschen sollen, die zwischen Bonaventura und dem deutschen Einsiedler aus dem Silaswald obwalteten –? Und hatte die Feuersbrunst zu früh begonnen und der Mönch mit dem Todtenkopf, der alte Freund aus ihrer Jugendzeit, der zwischen Westerhof und Himmelpfort so oft im wogenden Kornfeld traulich mit ihnen geplaudert und scherzend ihnen Cyanenkränze gewunden, seinen seit Jahren gesuchten zweiten Schützling in dem Augenblick wiedergefunden, wo ihn zugleich auch über diesen der Himmel zum Richter machte – freilich nunmehr mit dem Einsatz seines eignen Lebens –?

Wandte sich alledem ein grübelndes Forschen und Staunen der Menschen zu, so ließen die beiden Frauen von andern diese so geheimen Fäden offen und klar darlegen; sie selbst verglichen schon sonst wol das Meiste, was im Schoose Gottes ruht, dem stillwaltenden Naturgeheimniß, das oft ein einfaches Summen schwärmender Käfer im heißen Sommerbrand tiefer auszudrücken scheine, als Bibliotheken voll Menschenwitz. Mochten sie nicht glauben, daß ein Falter, der von Blume zu Blume fliegt, schon vom All mehr erfahren hat, als wir Menschen es je 201 vermögen –? So war es ihnen wenigstens immer, wenn man von Lucinden sprach.

Eine Stunde verging. Alle düstern Vorstellungen schwanden im Hinblick auf die Enthüllungen des Conclave. Bonaventura, der muthige Bekämpfer der jetzt überall aus Italien vertriebenen und nur noch in Spanien und Deutschland nistenden Jesuiten, Bonaventura, der noch immer in Coni wohnende Segner alles dessen, was Fefelotti von Trident und Brixen, zuletzt von Salzburg, Wien und Würzburg aus verdammte – auch er war angekommen und eingezogen in den wiederum vermauerten Palast des Quirinal.

Von ihrer Wohnung aus, die sie in Palazzo Ruspigliosi genommen, hatten die Frauen den Einzug der Cardinäle mit angesehen. Die lange Procession war hindurchgeschritten durch die Krieger, deren drohendes Toben der Dictator hatte beschwichtigen müssen. Tausende bis in die höchsten Dächer und Schornsteine hinauf blickten auf die seit lange zum ersten mal wieder zusammengekommenen höchsten Würdenträger der in Auflösung begriffenen Hierarchie. Noch befanden sich unter ihnen manche der Alten und Unverbesserlichen. Da eine hagere, leichenfahle Gestalt, gebeugt von der Last der Jahre, doch noch funkelnden ehrgeizigen Auges –! Dort eine beleibte, freundlich lächelnde, selbst wie mit dem Bäuchlein grüßende und nicht minder hoffnungsvolle – trotz der Sorgen, die auf dieser erledigten Krone lasteten –! Hier eine mit wirklichem Schmerz niederblickende, der schweren Zeit gedenkend –! Geprüft waren sie alle, diese »letzten Märtyrer«, wie sie sich nennen ließen, durch die bittersten Erfahrungen, zum mindesten durch ihre ungewohnten Entbehrungen. In dieser diesmaligen Wahl entschied sich die Frage der Hierarchie für immer.

Unter ihnen schritt auch Cardinal Vincente Ambrosi – oft 202 als ein künftiger Stellvertreter Christi bezeichnet und noch jedesmal mit großer Stimmenzahl bedacht. Noch immer gab er ein wohlthuendes Bild männlicher Schönheit. Schneeweiß zwar sein Haar, aber schwarz die scharfe Augenbraue. Ihm galt der Zuruf der Römer zumeist. Um so mehr, da man wußte, daß das alte Recht der drei großen rechtgläubigen Dynastieen Frankreich, Oesterreich und Spanien gegen ihn geübt werden sollte – das Recht, daß, als Bevollmächtigter einer dieser Monarchieen, ein Cardinal gegen ihn protestiren darf. Gegen Einen nur und Einmal nur durfte protestirt werden – dann »stirbt die Biene, wenn sie den Stachel in ihren Feind gesenkt«, wie Cardinal Wiseman sagt.

Auch Fefelotti folgte. Krumm, ganz vom Alter gebeugt, citronengelb, geführt von zwei Conclavisten. Ein Zischen und Höhnen der Masse verfolgte ihn, wie mit Spießruthen; jeder Mund hatte eine andere böse That von ihm zu erzählen. Auch die Feuersbrunst vor Jahren auf Strada dei Mercanti wurde nur ihm, nur der Fürstin Olympia Rucca, die mit ihm im Bunde stand, zugeschrieben. Letztere war nach Spanien entflohen und lebte ihre angeborne Natur, vielleicht auch einen innern Schmerz, jedenfalls die Zerstörung und den gänzlichen Verfall, den solchen Naturen das Alter verhängt, in den Stiergefechten von Madrid, im Muth der Espadas und Picadoren aus. Alle Trümmer des ehemaligen Rom verendeten in Spanien. Der junge Rucca befand sich dort mit seinen Orden, mit seinen Titeln und mit dem klingenden Werth seiner verkauften Güter.

Ein Glück für Fefelotti, daß ihm im Zug der Cardinäle Bonaventura d'Asselyno folgte – sein Gegner, ein Name, den Italien verehrte. Sogleich verstummte der Hohn, als die rollenden Augen dieser wilden Menschen den Erzbischof von Coni sahen. Auf Bonaventura paßten die Worte Samuelis: »Sieh nicht auf 203 sein Angesicht, noch auf die Höhe seiner Gestalt – sieh auf sein Herz!« Angesicht und Gestalt ragten im Zuge majestätisch hervor und doch sprach nur jeder von seinem muthigen Geist, von seinem edlen Herzen. Nach des Präsidenten von Wittekind Tode wußte alle Welt die Geschichte Federigo's.

Drei Tage hatte das Volk durch einen kleinen Schornstein am Quirinal den aufsteigenden Rauch beobachtet. Er kommt vom Verbrennen der Wahlzettel im Ofen der Kapelle des Conclave. Im kleinen Garten, der zu dem von seinem Besitzer verlassenen und deshalb leicht zu ermiethenden Palast Ruspigliosi gehörte, wandelten Paula und Armgart schon seit drei Tagen auf und nieder wie mit Flügeln, die ihr Wille gewaltsam niederhalten mußte; bangfrohe Sehnsucht und Erwartung hob ihre Seelen, als wäre ihr Reich nur noch der Aether.

Die dreifache Krone gewinnt nur Er –! sprach Armgart zur Freundin, der sie eine Führerin und Lenkerin aller ihrer Lebensentschlüsse geworden war. In deinen Jugendträumen hast du ihn so gesehen; so wird es sich auch erfüllen!

Was sah' ich nicht alles und die Erfüllung – blieb doch aus! sprach Paula.

Alles kam anders – als wir erwarteten, aber es traf zu – zum Guten –! Armgart durfte gewiß so sprechen in Rücksicht auf den eigenen Frieden, der in ihr Inneres eingezogen war. Thiebold's Hand hatte sie abgelehnt, aber die fortdauernden Beweise seiner Freundschaft ließ sie sich nicht entgehen; wenn die Trennungen zu lange dauerten, konnte sie seine erheiternde Nähe nicht entbehren. Thiebold, reich und guter Laune, gefällig, alles zum Besten wendend, reiste zwischen den »Trümmern seiner schöneren Vergangenheit« hin und her.

Sein Pathenkind, Benno, wie er genannt wurde, hatte jetzt nur die Krieger im Auge, die Kanonen an den Schanzkörben 204 hinter dem braunen Gestein der Cestiuspyramide, die dreifarbigen Fahnen und die blitzenden Bajonnete auf dem nahegelegenen alten Römerthor.

Als ich heute in unserm Hause das Bild des Guido an der Decke betrachtete, sprach Paula, den Aufgang Aurorens über die Gewässer, mußt' ich deiner Erzählung gedenken, die du nach dem Schreckenstage des westerhofer Brandes vom Jagdgelag auf Münnichhof gegeben – an des seligen Onkels Schilderung der Farben, die dem Aufgang der Sonne über südliche Meereswogen vorangehen. So schwimm' ich auch heute ganz in Licht und Purpur –!

Armgart drückte die Hand der Freundin und sprach: Wir sind nur bis zu Gräbern gekommen und haben immer noch für diese Erde Hoffnungen –!

Während sie so plauderten auf dem marmornen Sarkophage, versunken in Träume und Erinnerungen, und ihre Augen dem Knaben folgten, der nach Schmetterlingen haschte, erbebte plötzlich die Luft vom Donner eines Kanonenschusses. Die Krieger ringsum griffen zu den Waffen. Auch auf dem Monte Testaccio wurde es lebendig. Der Schuß kam von der inneren Stadt.

Bald fielen, während die Kanonenschüsse sich wiederholten, Glocken ein. Immer mehr und mehr der ehernen Zungen begannen auf allen Thürmen zu sprechen. Ueber die ganze Stadt wehte es wie ein einziger klingender Luftstrom.

Die Wahl ist vollzogen! rief Armgart und brach auf. Der Knabe wurde gerufen. Sicher war es jetzt kaum zum Hindurchkommen, wenn man auf den Monte Cavallo zurückfahren wollte. Es mußte gewagt sein. Paula mußte geführt werden. Sie schwankte schon in zitternder Erwartung.

Der Donner der Kanonen, das Lärmen der Glocken währte 205 fort. Pfeilgeschwind schoß der Wagen durch die Vorstädte. Im Innern der Stadt mußt' es langsamer gehen.

Haben wir das versäumt! klagte Armgart und zugleich erwartungsvoll forschend, so oft der Wagen im Gewühl der Truppen, der Bivouaks, der Volksmassen still halten mußte. Sie fragte. was man wisse.

Man hörte nur Trommeln, Commandowörter, Drohungen sogar – Zu den Waffen! schrie das Volk und von Trastevere stürmten die Menschen in wilder Wuth über die Brücken. Was mag es geben! fragten sich die Frauen, voll Bangen über eine unerwartete Wendung.

Daß zur bestimmten Stunde aus dem kleinen Schornstein nicht Rauch gekommen war, galt bisjetzt für das einzige Zeichen, daß jemand für die Wahl das richtige Zweidrittel der Stimmen erhalten hatte. Wer es war? wußte noch niemand. War es Fefelotti oder ein anderer der Gekennzeichneten – dann Tod und Verderben –!

Dem Monte Cavallo zu, wo nur denen Platz gelassen wurde, die beweisen konnten, daß sie dort wohnten, hieß es: Fefelotti ist es nicht –!

Aber auch Ambrosi war es nicht. Man hatte gehört, daß von den drei weißen Gewändern, die für den neugewählten Papst bereitgehalten werden müssen, nicht dasjenige geholt worden war, das zu einer kleinen Gestalt paßte. Anfangs hieß es: Man holte das mittlere. Endlich, schon an dem von Truppen umlagerten vermauerten Palast, lärmten die Rufe wie bei den Vorbereitungen zu einem Bühnenspiel durcheinander: La roba grande!

Halb ohnmächtig über die Schlußfolgerungen, die sich aus diesem üblichen Vorspiel eines überlebten Vorgangs ziehen ließen, 206 kam Paula am Thor des Palazzo Ruspigliosi an. Armgart sprang aus dem Wagen – eilte durch die Säle, riß eines der von den Dienern und den Freunden und Angehörigen derselben nicht belagerten Fenster auf und blickte in den schon vom Abendlicht beleuchteten nicht großen, aber menschenübersäeten Platz. Hoch und herrlich bäumten sich über dem Gewühl von Menschen, Rossen, Kanonen, Waffen aller Art, wehenden Fahnen die Kolosse der Dioskuren, die Phidias und Praxiteles geschaffen haben soll. Jeder der ehernen Rossebändiger hatte in der einen freien Hand die dreifarbige Fahne.

Armgart rief nach Paula. Diese schwankte näher – krampfhaft ihren Sohn umfassend. Ueber dem Portal des päpstlichen Palastes am großen Fenster wurde es lebendig. Eine Mauer, vor wenig Tagen erst aufgeführt, rissen in wilder Hast Arbeiter im Schurzfell nieder. Stein auf Stein fiel. Die Balconthür wird frei. Ein lieblichster Abendsonnenstrahl fällt auf die bunten Gewänder der Männer, die jetzt auf dem Balcon erscheinen.

Cardinal Ambrosi tritt hervor, jubelnd vom Volk bewillkommt. Er trägt eine Rolle in der Hand. Auch ohne den Purpurstrahl der Sonne und den Abglanz seiner Gewänder würde er vor Aufregung hocherröthet erschienen sein.

Das Jauchzen, das Rufen der Menge, die ihn gleichsam für eine getäuschte Hoffnung schadlos halten wollte – er konnte nicht der Gewählte sein – hörte endlich auf. Todtenstille trat ein, unterbrochen vom Krachen der Kanonen auf der Engelsburg, vom Läuten der Glocken.

Ambrosi, wie einst Johannes der Täufer den Ruhm seines Freundes Jesus verkündete, rief mit lauter Stimme: Annuncio vobis gaudium maximum! Habemus, habemus, habemus Papam eminentissimum Cardinalem Archiepiscopum Cuneensem Dominum Bonaventuram d'Asselyno.

207 Trommeln wirbelten, Trompeten schmetterten – Fahnen flatterten. Von seinem Roß herab salutirte der Dictator mit seinem im Sonnenstrahl blinkenden Schwert dem neuen Bischof Roms, einem Deutschen.

Wohlgefällig und neugierig murmelnd ging es durch die Reihen. Der Name war bekannt und in seinem Rufe bewährt. Es war eine Wahl, die zugleich als ein Symbol der Universalität und Unparteilichkeit der Kirche erscheinen durfte.

In italienischer Sprache fuhr Ambrosi fort: Der erste Papst, der nicht heilig gesprochen wurde, hieß einst Liberius I. In Demuth nennt sich deshalb der neue Bischof von Rom Liberius II.

Die Spannung mehrte sich.

Ambrosi fuhr fort: Liberius II. nimmt die Wahl unter der von den Cardinälen zugestandenen Bedingung an, daß seine erste That als gekrönter Bischof von Rom die Berufung eines allgemeinen Concils ist!

Der Dictator schwang sein Schwert. Ein Sturm der freudigsten Unterbrechung folgte. Die Krieger riefen wie mit ehernen Zungen: Evviva!

Ambrosi fuhr fort: Damit sich jedes katholische Herz auf die seit dreihundert Jahren ruhende Frage der Kirche und Lehre, auf eine Kirchenverbesserung nach dem Worte Gottes, Christi und der Apostel vorbereite, gibt das versammelte Conclave der zweiten Bedingung des neuen Herrschers der Kirche die Zustimmung: In allen Sprachen der Christenheit ist das Lesen der Bibel gestattet! Von allen Kanzeln der katholischen Christenheit sollen die Völker ausdrücklich sieben Wochen und in jeder Abendstunde dazu aufgefordert und angeleitet werden –!

Der Dictator nahm seinen Reiterhut mit der wallenden Feder vom greisen Haupte. Geisterhaft lag ein heiliges Schweigen über dem Menschenmeer.

208 Endlich schloß Ambrosi: Und daß das Concil in heiliger Stille, fern vom Geräusch der Waffen und weltlichen Störungen gehalten werde, so ist dafür ein stilles Alpenthal Italiens bestimmt in der Erzdiöcese des Gewählten. Zwischen Coni und Robillante im Piemont liegt das Schloß Castellungo. Dorthin, in einen Eichenhain und zum zwanzigsten August dieses Jahres, zum Tag des heiligen Bernhard von Clairvaux ist die Versammlung der Bischöfe der Christenheit ausgeschrieben –! Betet, daß der Geist Gottes die Stätte und die gewählte Stunde segnen möge!

Der Jubelruf nahm an Kraft und lufterschütternder Macht noch zu, als, von den üblichen Gewohnheiten der Papstwahl abweichend, diesmal der Gewählte selbst vom Cardinalvicar vorgeführt wurde und an dem riesigen Fenster bereits in den Kleidern seiner Würde erschien.

Allerdings, diese Kleider sind für uns eines Zauberers Tracht – in Persien tragen sich so die Eingeweihten der Geheimnisse der Natur. Aber der neue Zauberer von Rom erschien, ob auch unter silbergesticktem, weißem Traghimmel, ob auch in der Sottana von weißem Moor, ob auch mit dem rothsammetnen Baret auf dem edlen Dulderhaupt, doch wie ein Mensch der Demuth und Schwäche, wie ein Vater, ein Freund, ein Bruder aller Menschen. Alle blickten zu ihm auf voll Liebe. Lang umflossen die weißen Locken das allmählich freudig niederlächelnde Haupt des Gewählten. Die Hände streckten sich segnend über die in endlosen Jubel ausbrechende Menge: an der Rechten blitzte der mächtige Fischerring Petri.

Die Abendsonne beglänzte einen Verklärten. Als ihre Strahlen sein braunes Auge trafen, da mußte er es schließen. Auch schloß er es um des thränenvollen Blickes willen auf jene beiden Frauen am wohlbekannten Fenster, deren weiße Tücher 209 ihm ein: Hosiannah, Sieger und Ueberwinder –! entgegenwinkten.

Das sah – wie konnte das Concil anders enden, als mit dem Ende des Papstthums! – »der Letzte der Päpste« wol nicht, wie hinter den Frauen ein kräftiger Männerarm sich Bahn brach und einen Knaben emporhielt. Thiebold war es, der plötzlich angekommen, keine Gefahr des Krieges gescheut hatte. Wie konnte auch Er fehlen bei einem solchen Augenblick der Verheißungen und Erfüllungen –!

Endlos war der Jubelruf des Volkes. Ging es zum Frieden mit der Welt oder zur letzten Entscheidung mit dem Schwert – die hier Versammelten riefen die Forderung der Jahrhunderte, die unvertilgbar ewige Losung und das gottgegebene Erbe der Menschheit: Freiheit –! Freiheit –! Freiheit –!

 

Ende.








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