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Der Zauberer von Rom. IV. Buch

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. IV. Buch - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Gutzkow
firstpub1858-61
year1863
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
titleDer Zauberer von Rom. IV. Buch
created20070609
sendergerd.bouillon
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Siebentes Bändchen.

1 Viertes Buch.

3 1.

An einem milden Novemberabend wurde Graf Truchseß-Gallenberg mit einem Aufgebot zahlreicher Truppen von seinem kirchenfürstlichen Stuhl entfernt und gefangen in eine ostwärts gelegene Festung geführt – mit ihm sein Kaplan und Secretär Eduard Michahelles.

Die gewaltige Entschließung des Landesherrn zu hindern, hatte sich keine Hand gerührt. Diejenigen, die sich zu offnem Widerstande gerüstet hatten für den Fall dieses längsterwarteten Schritts der Regierung, wurden an jenem Septemberabend im Gasthaus zum Roland am Hüneneck aufgehoben. Auch sie befanden sich seitdem schon im Gefängniß – Stephan Lengenich, Joseph Zapf, ein Arzt, ein Priester, einige Gemeindevorstände, Ackerwirthe, Schreiber, Landleute – Benno von Asselyn war durch sein Abenteuer mit Thiebold de Jonge und Armgart von Hülleshoven vor diesem Schicksal glücklicherweise bewahrt geblieben.

Die fortdauernd milde Witterung begünstigte dasjenige, was Dominicus Nück »Treppenwitz« nannte. Jeden Abend erfolgte in den Straßen ein zu spät kommender Protest – Rottirungen – Zusammenstöße mit Patrouillen – einzelne Verwundungen – Die Aufregung hatte sich ganz Deutschland, selbst Europa mitgetheilt. Auch im Osten wurde ein anderer Erzbischof von derselben Regierung aufgehoben. Eine wilde Zeit. Sie entfesselte 4 Geister, die der protestantische Fürst nicht geahnt hatte und die ihm nach langem glücklichen Frieden die Ruhe seiner letzten Lebensjahre verbittern sollten. Vom Vatican hatte »der Knecht der Knechte« am 10. December in einer Allocution an die Cardinäle Blitze geschleudert. In den Landen, die zunächst betheiligt waren, stockte das kirchliche Leben; wie Bann und Interdict, wie ein Fluch über Feuer und Wasser lag es auf allen Handlungen der Kirche, allen Weihen und Segnungen, der ganzen geregelten Ordnung des Lebens; der apostolische Stuhl hatte keine Stellvertretung des gefangenen Kirchenfürsten anerkannt; – die geweihte Hand des Priesters Immanuel fehlte, sie, die allein die Fasten, Ablässe, Dispense, Consense ertheilen konnte; rings waren die Wege des Heils versperrt; niemand besaß die Vollmachten Christi, die der Schlüssel Petri allein unter Verschluß hält. Die, welche nach dem Willen des Landesherrn den entthronten Kirchenfürsten zu ersetzen hatten, die Kapitel, die Administratoren, geriethen in Schwankungen, in Angst und Schrecken über ihre vom Heiligen Vater verwirrten Gewissen. Die Lämmer flohen vor den Hirten. Nück und die Sporenritter und die Beda Hunnius riefen ein Feuerjo! nach dem andern, so daß der rothe Hahn allen Palästen und Staatskanzleien drohte und das Vaterland in eine Spaltung gerieth, wie wenn Tilly wieder vor den Thoren Magdeburgs stehen sollte.

Nück's »Treppenwitz«, seine zu spät gekommene Antwort auf die kühne That der »Neunmal-Weisen«, ein Protest, der bei alledem von ihm geleitet wurde, hatte sich nur seit den Weihnachtstagen und dem Beginn des neuen Jahres etwas gemildert.

Am Morgen nach dem heiligen Dreikönigsabend hatte dann auch Jodocus Hammaker unter dem Messer der Guillotine geendet. Der Mörder des Fräuleins Brigitte von Gülpen, genannt Frau Hauptmann von Buschbeck, gestand Dinge, die verdrießlich sein 5 mußten für die Herrschaft »der Achselklappen mit den numerirten Knöpfen« und der »Avantgarde des großen Czernebog«. Hammaker sah sich vom Staat geopfert. So wollte er denn mit der Kirche, der er nicht minder gedient hatte, im Frieden scheiden. Nück vertheidigte ihn. Hammaker dankte ihm für seine Anstrengung, ihn vor den Assisen durchzubringen, mit manchem schmachtenden Blicke, den er aus seinem so kunstvoll beherrschten, doch verzweiflungsvollen Auge auf ihn warf, mit manchem gen Himmel gerichteten Aufseufzer, und nur einmal, als ihm Nück beim Plaidiren und gerade seine Dose ziehend schaudernd die Prise verweigerte, die von ihm der Freche zu nehmen begehrte, da zuckten seine weißen Augen unheimlich drohend auf – doch der Agent beherrschte sich, schonte alles, was die eine seiner beiden Schultern getragen hatte, die kirchliche, und nur in seiner letzten Beichte, die er dem neuen jungen Domherrn, Herrn Bonaventura von Asselyn, gesprochen, mochte er Rückblicke gegeben haben auf sein Leben, Enthüllungen auch über den Verdacht, ob er einst wirklich einen Mann hatte aufhängen wollen, der ihn jetzt noch einmal, wie schon früher, vertheidigte.

Nach diesem entsetzlichen Zwischenspiel, das der Armesünder durch übergroßen Heldenmuth keineswegs zum Volksschauspiel »auf Applaus« gemacht hatte, war es einige Abende in der gewaltigen Stadt still geworden – Der Carneval war abgesagt. Ihr Theuerstes opferte die Stadt, um nur beweisen zu können, daß der Stellvertreter Christi diese Zeit mit Recht den schlimmsten der Propheten verglichen hatte.

Im Englischen Hof, einem der ersten Hotels der Stadt, waren, wie seit einigen Wochen allabendlich, mehrere Fenster erleuchtet. Die Frequenz der Stadt hatte abgenommen. Niemand mochte dem Ansinnen der Regierung, Feste zu geben, entsprechen. Da auch manche Familie ihrerseits wieder vor dem Schein der 6 Demonstration sich fürchtete und deshalb lieber auf dem Lande blieb, so fiel es auf, wenn sich irgendwo Leben zeigte in einer Stadt, für welche die geheimen Lenker jetzt in allem und jedem Trauer angesagt hatten.

Aber auch jene Fenster oben im ersten Stock des Englischen Hofes werden bald nicht mehr an jedem Abend erleuchtet sein. Schon ist ein großer Reisewagen in der Einfahrt sichtbar. Vorn und hinten bepackt, wird er morgen aufbrechen und die oben wohnende Herrschaft nach Belgien und an den Strand des Meeres entführen, von wo aus es nach England gehen soll. Ein Reisekurier ordnet am Wagen. Ein anderer Diener hat die Gräfin von Salem-Camphausen, die Mutter des wiener Grafen Hugo, in einem Miethwagen begleitet, in welchem sie noch einige Abschiedsbesuche macht. In dem einen der oben von ihr seit zwei Monaten bewohnten Zimmer brennt eine große Astrallampe auf einem runden, mit einem Teppich bedeckten Tische. Eine andere, noch hellere, wenn auch kleinere Lampe bescheint ein Schreibbureau, vor dem eine Dame sitzt und mit Emsigkeit die Feder führt.

Alles ist um sie her still. Und beträte ein Fuß das geräumige Zimmer, dem man nicht die einer Abreise vorangehende Unordnung ansieht, durch einen Teppich würde sein Schritt gemildert werden. Neben der Schreibenden steht eine wiener Reiseuhr. Zuweilen blickt die Dame wie mechanisch auf und scheint sich flüchtig über den schnellen Lauf der Zeit zu wundern, obgleich sie im Schreiben darum immer noch fortfährt. Die Dame ist nicht, wie seit dem 20. November in dieser Stadt jeder, welcher der gemeinsamen Strömung Rechnung trägt, schwarz gekleidet, sondern nur dunkelfarbig. Weit ausgebreitet bauscht sich um sie her ein einfacher Seidenstoff. Ein den Nacken bedeckendes Spitzentuch ist niedergeglitten – ja an dem zurückgehenden Ausschnitt des 7 Kleides kann man entnehmen, daß sich's die emsige Schreiberin, um die Brust zu schonen, unbewußt bequem gemacht hat. Man sieht noch die Fülle der Anmuth und Jugend.

Jetzt blickt sie auf und athmet wie erschöpft. Die saubern Octavblättchen, die sie vollgeschrieben, zählt sie und lächelt, da es deren so viele geworden sind. Dies Lächeln sollte uns nicht fremd sein. Es hat Aehnlichkeit mit jener eigenthümlichen Duldermiene, die an Armgart ihr Lächeln dem Blick der Madonnen Murillo's ähnlich macht. An dem seltsamen Glanz der langen Locken, die auf den weißen, durch Zufall entblößten Hals der jetzt ihre Blätter Lesenden niedergleiten, erkennen wir Armgart's Mutter, Monika, die Oberstin von Hülleshoven, die Geborene von Ubbelohde.

In der That hat nie so nahe der Winter beim Frühling gewohnt. Nie ist in anmuthigerm Neckspiel auf die ersten Blüten eines Gartens der letzte Schnee gefallen. Nie hat zur Osterzeit der Sonnenstrahl so schnell die letzten Flocken eisiger Lüfte hinweggeküßt. Oder müssen wir von einem Hagelwetter sprechen, das grausam seine Eiskörner zurückgelassen unter Rosen und Lilien? Monika's Locken sind grau. Sie ist eine Frau mittler Größe, nicht von übervollen, aber runden Formen. War ihr Antlitz jetzt nur so vom Ueberbeugen geröthet oder trägt es für immer dies frische Incarnat? Fast möchte man letzteres glauben, wenn man die schwellende Röthe der Lippen vergleicht, die ein wenig sich öffnen, weil sie leise vor sich hin das Geschriebene lesen. Monika's Blick ist ernst. Die Hand, weiß und klein, hält die Blätter dem Auge etwas zu nahe. Wer weiß, ob nicht auch diese schönen braunen Augen von den Thränen, die sie vergossen haben mochten, gelitten haben? Bei alledem liegt auf der Stirn ein seltener Friede. Oder ist es nur eine große Klarheit, die ihre Vorstellungen zu einem Lichte hindurchgerungen hat, 8 das nun auch die Stirn so edel erhellt? Eine Stirn, die unharmonisch ist, entstellt ein noch so zierliches Antlitz. Die Stirn dieser jungen Frau stieg sanft aus den eingesenkten Schläfen und erhob sich nur oben, dicht an den gescheitelt niedergleitenden grauschimmernden Locken, deren an jeder Seite drei bis auf die in dem Lehnsessel sich aufstemmenden Oberarme fielen, zu einem leisen Hervortreten zweier Flächen, die in der Mitte durch eine einzige sanfte Linie getheilt waren. Die Rundung des Kopfes, dessen Hintertheil ein unterm Kinn zusammengebundenes Flortuch von schwarzer Seide bedeckte, bezeichnete ein Wesen, das die Harmonie und demzufolge die Gerechtigkeit liebte. Die Augenbrauen waren dunkel und noch nicht betroffen von dem Loose des Haares. Au dem Zittern der Blättchen in der Hand der Lesenden war nur die Haltung der auf die Lehnen des Sessels sich stemmenden Arme schuld, nicht die bangende innere Aufregung. Mit Ruhe, Fassung, mit dem Ernst eines Denkers überliest die junge Frau, was sie geschrieben.

Die Blätter lauteten: »Seit vier Monaten, meine theure Freundin, haben Sie nichts von mir vernommen und vielleicht zu buchstäblich hab' ich mein Wort gehalten, Sie mit den Aufwallungen über halbe und unentschiedene Zustände zu verschonen. Bei meinen Berechnungen hab' ich nicht in Anschlag gebracht, daß anzunehmen war, wie schon seit meines Mannes Rückkehr die Vorbereitungen getroffen sein mußten, sobald als möglich Armgart wieder nach Westerhof zurückzurufen. Ich suchte unmittelbar nach meinem Briefe bei den Englischen Fräulein einzutreffen. Ich hatte kaum von den Zimmern, die mir Herr von Terschka bestellte, Besitz genommen, als ich mich auch schon in einen Nachen setzte und zur Insel Lindenwerth überfuhr. Ich wiederholte eine der Scenen, deren vor Jahren so viele stattgefunden. Damals, in der seligsten Gewißheit, am Ziel meiner 9 geltend gemachten Mutterrechte zu sein und mein Kind wieder zu besitzen, es zu überraschen im Schlummer, es entdeckt zu haben in einer Köhlerhütte, bei einem Förster im Walde, hatten mein Schwager und meine ihm verbundene Schwester den Raub, den sie an einem Vater und einer Mutter begingen, schon wieder an einen andern Ort geborgen – nur daß ich diesmal nicht die mir tödtlichen Worte in einem zurückgelassenen, in seinem Inhalt immer sich gleichbleibenden Briefe fand: ›Dein Platz ist – in der Kaserne beim Olivaer Thor in Danzig; dort wirst du dein Kind finden!‹ – es war die Garnisonsstadt meines Mannes. Ebenso stand ich wieder wie sonst! Muttergefühl und Stolz im gegenseitigen Kampf! Nach halbstündigem Warten auf Armgart merkt' ich, daß sie nicht mehr auf der Insel war. Die Englischen Fräulein schienen aufs äußerste bestürzt; eine der Lehrerinnen war im Geheimniß. Als alles geweckt wurde und ich den Nonnen vollkommen zugab, daß ich sie für unbetheiligt hielt am Verstecken meines Kindes, als die Lehrerin ringsum wirkliche Angst über einen möglichen Unglücksfall bemerkte und gestanden hatte, daß Armgart entflohen war, da hinderte ich selbst, daß man die Schiffer antrieb ihr nachzueilen. Wie sonst aus den Köhler- und Waldhütten ging ich, ich will nicht mehr sagen, mit dem Trotz meiner Jugend, aber doch so vernichtet und nach dem Fehlschlagen der heißesten Hoffnung so tief erkältet, daß ich, wie schon oft im Leben, den Eindruck einer Frau ohne Herz mag zurückgelassen haben, als ich schweigend auf meinem Boote zum Ufer zurückfuhr – –«

»Am folgenden Morgen besuchte mich die Lehrerin. Der Armen, verdächtig, eine Flucht aus dem Pensionat unterstützt zu haben, hatte man sofort gekündigt. Das schon ältliche Mädchen dauerte mich. Sie selbst sprach nicht ihr Leiden aus, das die gewöhnliche Chronik verblühender Jugend und des 10 unterrichtgebenden Tagelöhnerns schien, aber ich sah es ihr an und vertraute ihrer Erzählung. Das Mädchen schien mich nicht für würdig zu halten, ganz in ihr Inneres einzublicken. Ich war ihr ohne Zweifel ›die Mutter, die ihr Kind aufgeben konnte‹. Erst als sie wiederholt auf mein graues Haar und den Ursprung desselben, den sie mit einer etwas ungläubigen Miene aus dem Kummer herleitete, zurückkam und ich jetzt, lächelnd sogar bei allem Leid, ihr sagen mußte: Liebe, Sie stellen mich viel zu hoch! Dies Erblinden meiner Haare stammt blos aus einer Lebensgefahr, in die ich mich einst begeben hatte, als ich mich vierzehn Tage lang versteckte, versehen nur mit einem Körbchen Proviant, ohne Wasser und auf den Augenblick harrend, wo ich die Wahnsinnigen, mit denen ich im Kampfe lebte, überraschen wollte – man fand mich endlich fieberkrank; der Typhus raubt oder bleicht uns ja das Haar –! – da wurde sie mittheilsamer und erzählte mir, was in Armgart's Seele vorgegangen. Dies war denn allerdings so, als wäre der Geist ihrer Tante Benigna über sie gekommen, einer Velledennatur oder, daß ich die Beschränktheit nicht zu hoch stelle, einer Meg-Merilis Walter Scott's, ohne daß meine Schwester je den Hochlandsdichter gelesen haben mag. Ebenso will nun auch Armgart richten über mich und den Vater und setzt sich als Preis für unsere Aussöhnung! Die Lehrerin erbot sich zur Vermittelung mit dem Obersten. Aber er wohnt so nahe und dennoch läßt er nicht von seiner ihm ganz entsprechenden Art, daß er nicht einmal den Versuch macht, sich umzusehen, wo er seinem einzigen Kinde begegnen könnte, geschweige es mit Gewalt an sein Herz zu ziehen! Ich lehnte das Anerbieten ab, indem ich auf das verwies, was mich vom Obersten immer getrennt hat und ewig trennen wird.«

»Die nähern Umstände dieser Flucht erfuhr ich dann von Herrn von Terschka. Sie kennen dessen unermüdete Gefälligkeit. 11 Ich erfuhr die kleinsten Details. Das wahnbethörte Mädchen war nach einer nächtlichen Fahrt von zwei jungen Männern, welche die Unbesonnene begleiten durften, auf eine Station der großen Postroute gebracht worden, wo sie die Diligence bestieg und nach Witoborn fuhr.«

»Ich konnte ihr nicht folgen. Die Nähe so vieler Feindseligkeit beängstigte mich schon bei Lindenwerth. Ich schrieb einige Worte an meinen guten Dechanten und begab mich nach Belgien und Ostende, wo ich die Gräfin erwarten wollte, um sie nach England, wie ich früher gehofft, mit Armgart, nun vielleicht allein, zu begleiten. Die Ankunft der Gräfin verzögerte sich. Ich wartete einige Wochen. Ich sah das Meer in allen seinen wechselnden Launen, in seiner Größe und seiner Gefahr, unheimlich und selbst im Sonnenschein und bei Windstille dem Menschen nicht wohlwollend. Die Jahreszeit wurde rauher, die Stürme tobten, die See ging hohl – eine Welle, die schon von weither rollt und über dem gefurchten Spiegel sichtbar wird wie eine glattgeschliffene riesige Sichel, immer näher kommt, immer mächtiger in ihrem weißen Gischt anwächst und sich dann auf den Strand wirft, hat etwas so unbarmherzig Unerbittliches, daß ich selbst vom schützenden Leuchtthurm aus nicht mehr diesem Spiele zusehen mochte. Ich reiste der Gräfin, die endlich in Frankfurt angekommen war, auf halbem Weg entgegen.«

»Doch in der Residenz des Kirchenfürsten schon begegneten wir uns und erlebten hier die stürmischen Tage seiner Gefangennehmung. Die Gemüther waren und sind noch jetzt in einer Aufregung, die den Verkehr mit ihnen peinlich macht, zumal wenn man mit einer Protestantin auftritt, die so entschieden wie die Gräfin an ihrem Bekenntnisse festhält und überall für ihre Angelegenheiten hier mehr Mistrauen und Feindschaft, als Entgegenkommen findet. Die Rechte ihres Sohnes auf die 12 Dorste'schen Besitzungen sind unantastbar; die Processe, die man dagegen aufbrachte, wurden in drei Instanzen zu Gunsten des Grafen Hugo entschieden. Bereits ist Terschka nach Westerhof, um die Uebernahme der Güter und eine Verständigung über Paula's Zukunft zu beschleunigen. Sie kennen meine Verehrung vor dieser ehrwürdigen strengen Matrone und ihrer hoheitsvollen Gesinnung. Schon mit ihrem Erscheinen entwaffnet Gräfin Erdmuthe jede Feindseligkeit; selbst der gefährlichste ihrer Gegner, ein Procurator Nück, windet sich vor ihr, wie wenn schon ihr Blick etwas Zähmendes und Bändigendes hätte; und gerade diesem gegenüber thut auch die sittliche Macht des festen Willens und der reinen Ueberzeugung noth. Noch bis zur Stunde. obschon für seine Clienten, die Geistlichen, die Klöster, die Stifte, die Landschaft, alles verloren ist, will er sich nicht dem Unvermeidlichen fügen, zumal seit dem 10. December, wo hier alles von Rom aus wie mit unsichtbaren Schwertern bewaffnet ist.«

»Eine freundliche Erscheinung waren mir die beiden jungen Männer, die an jenem für mich so schmerzlichen Sonntage die unbesonnene und ihren Ruf aufs Spiel setzende Armgart auf ihrer Flucht begleitet hatten. Ich erkannte zwei edle Naturen, die meinem Kinde nur durch Zufall die helfende Hand zu bieten gezwungen waren. Benno von Asselyn arbeitet bei jenem Herrn Nück und mußte sich deshalb leider als ein Gegner der Gräfin einführen. Doch verständigte sich die würdige Frau bald mit dem jungen unterrichteten Manne, der für einen Neffen des Dechanten gilt, jedoch nur ein Adoptivsohn seines Bruders ist und eine Spanierin zur Mutter gehabt haben soll. Der andere ist ein junger reicher Kaufmann hiesiger Stadt, ein Herr Thiebold de Jonge, eine heitere, lebensfrohe Natur, etwas beschränkt, doch darum um so reicher ausgestattet an jenem Enthusiasmus, der allen Dingen und Menschen immer aufmerksam und präsent 13 ist, was man nur selten bei den blasirten jungen Männern dieser Tage findet. Herr de Jonge gestand mir in aller Offenheit, er betrachte mich nur mit großem Mistrauen, sein Herz gehöre dem Obersten, der ihm vor einigen Jahren in Canada das Leben gerettet. In Wahrheit gehört sein Herz nur Armgart. Sie scheint schon früh das Talent zu haben, die Männer zu verwirren. Herr von Asselyn und Thiebold de Jonge lieben sie ohne Zweifel beide und ich weiß nicht, wem sie den Vorzug gibt. Wenigstens scheinen sich die jungen Männer resignirt zu haben, sich ihrem eignen Spruch zu unterwerfen.«

»Natürlich war ich auch ihnen eine herzlose Mutter. Erst seitdem sie zufällig in Erfahrung gebracht, daß ich damals, als ich von meiner Krankheit mich erhebend im Spiegel mein graues Haar erblickte (allerdings im Verzweiflungsanfall – weiblicher Eitelkeit!), mit allem brach und zu Ihnen in ein Kloster reiste, wo man, wie hier bei den Karmeliterinnen, nicht etwa Näharbeiten fertigt, höchstens ein paar Unterrichtsstunden gibt und die übrige Zeit im Müßiggang vertändelt, sondern in ein Krankenhaus, in dessen stündlichem sorgenvollen Geschäftsgang ich die Vergangenheit vergessen wollte, da milderte sich denn doch auch hier ein wenig das Mistrauen und ich muß schon über mich wachen, mich nicht etwa mit Lorbern zu schmücken, wenn ich von Ihnen und meinem Tode in Ihrem Kloster spreche.«

»Statt Armgart's soll nun die Gräfin nach England eine Italienerin begleiten, ein junges Mädchen, das sie aus ihren Besitzungen in Piemont kannte und hier wiederzufinden sich wahrhaft gefreut hat. Die Gräfin ist die Güte selbst und würde alles glücklich machen, wenn sie dazu die Mittel besäße. Sie warnten mich vor ihrem Lutherthum! Freundin, seit den langen Jahren, wo ich an Ihren Krankenbetten lebte, hab' ich über die Religion in jedem Augenblick nachgedacht, nie aber über den Unterschied 14 der Religionen. Auch Sie, theure Freundin, Sie, Aebtissin der Hospitaliterinnen, die Sie noch zu den Barmherzigen Schwestern alten Stils gehören, nicht zu den neuen, mit denen Vincenz von Paula den Jesuiten ein zweideutiges Geschenk machte, Sie haben mir ja selbst – wie oft gestanden, daß Sie die Zumuthung nicht ertragen würden, die Ihnen die Römlinge stellen, neue und strengere religiöse Vorschriften in Ihr Kloster einzuführen. Eines kann der Mensch nur vollbringen, entweder Gott in der Erfüllung seiner Pflicht dienen – oder sich ganz der Betrachtung widmen und ausruhen, phantasiren und träumen. Wenn Sie noch so viel beten und singen sollen, sagten Sie selbst, können Sie nicht die Kranken pflegen. Die wahre Religion ist die Pflichterfüllung und ein ganzes Versenken nur in sie allein. Das beste Gebet ist eine That, die deshalb auf Gottes Beistand rechnet, weil sie gut ist. Ich höre hier zuweilen die Predigten eines neuen jungen Domherrn, eines Verwandten unsers Benno von Asselyn, der einen außerordentlichen Zulauf hat und noch der Last der an ihn gestellten Zumuthungen, namentlich im Beichtstuhl, erliegen wird, wenn er sich nicht Schonung gönnt. Noch neulich sprach er die Worte, die ich nur gewünscht hätte von ihm weiter ausgeführt und auf die Gegenwart doch noch viel anders gedeutet zu sehen: ›Wir bewundern es und fassen es noch kaum, wie so eigentlich das Christenthum in alten Zeiten verherrlicht und opferfreudig bekannt wurde! Nicht nur war es die tägliche Ordnung des Lebens, des öffentlichen sowol wie des gesellschaftlichen und häuslichen, sondern der stündliche Ausdruck jedes Gefühls, jedes Gedankens, der stete Begleiter des Seufzers im Kummer, der Begleiter des Jauchzens in der Freude. Festzüge sah man und sie verherrlichten nur die Vorgänge der heiligen Geschichte‹ – der Redner strafte wol damit den kindischen Kummer um den verbotenen Carneval –; ›Schauspiele sah man wie 15 jetzt und sie unterhielten durch die Geschichte der Passion; jeder Gedanke der Kunst, der Bildung, der Gelehrsamkeit war zu gleicher Zeit ein christlicher Gedanke.‹ – Nun wohl, flüsterte ich nach der Beendigung dieser Predigt der Gräfin zu, die sich entschlossen hatte, diesen Domherrn zu hören (eine merkwürdige Aehnlichkeit desselben mit einer italienischen Bekanntschaft von ihr, auf die sie von der obengenannten jungen Italienerin aufmerksam gemacht worden war, zog sie an und wurde von ihr bestätigt): Warum fügte er nicht hinzu, die Kenntnisse haben sich erweitert, die Anschauungen sind umfassender, die Pflichten verwickelter, die Lebensäußerungen mannichfaltiger geworden? Wenn jetzt nicht mehr jede einzelne Lebensthat die christliche Signatur tragen kann, so genügt es ja schon, wenn sie dem Christenthum nicht widerspricht! Freilich hat auch die gute Gräfin ihre Herzensberuhigung nur zu sehr darin gefunden, daß sie nach dem Standpunkt, auf welchem sie einmal steht, dem Standpunkt des Grafen Zinzendorf –«

Bis hierher hatte Monika von Hülleshoven geschrieben . . . Sie las die Blätter nur deshalb wieder durch, weil sie den Faden ihrer Erzählung verloren hatte, und eben fand sie ihn, wollte eben weiter schreiben, mittheilen. daß sie trotz des fertigen Gepäcks bis zur Stunde noch im Zweifel wäre, ob sie morgen nach England mitgehen sollte, als sie im Nebenzimmer die sanften Accorde einer Guitarre hörte. Sie wußte, daß Porzia Biancchi spielte, die schon zur Reise alle ihre eigenen kleinen Geräthschaften geordnet hatte und vielleicht eben noch ihre Guitarre einpackend sich nicht überwinden konnte, das Instrument, das sie mit Gewandtheit spielte, anzuschlagen . . . Allmählich wurde aus den Accorden ein Lied und Monika hörte nun zu schreiben auf. Ob sie wol wahr macht, sagte sie sich, was sie uns so oft versprochen, auch einmal zu singen? Ich glaube, sie fürchtet 16 die Gräfin, die nur zum Lobe Gottes die menschliche Stimme geschaffen erklärt! Leise und wie schüchtern erklang zu den angeschlagenen Accorden ein melodischer Gesang. Porzia hatte eine schöne Altstimme. Monika lauschte, um die italienischen Worte zu verstehen.

Indem meldete der Kurier einen Besuch und wollte gleichfalls im Nebenzimmer, wo Porzia sang, mittheilen, daß es Marco Biancchi war, ihr vor vier Monaten aus England gekommener Onkel, der in großer Eile sie zu sprechen begehrte. Lassen Sie doch! sagte Monika und bedeutete den Meldenden, die Sängerin nicht zu unterbrechen. Sie wollte den Italiener selbst empfangen. Der Sprache desselben war sie mächtig. Sie sagte, sie würde dann schon selbst Porzia das Nöthige mittheilen.

Marco Biancchi kam in großer Aufregung, um Gräfin Erdmuthe anzukündigen, daß er mit ihr zugleich nach England reisen würde, wo er schon seit Jahren heimisch geworden. Da Monika wußte, daß Porzia's Onkel tiefer ins Innere Deutschlands hatte reisen wollen und daß er für die Kunst, Bilder zu restauriren, Aufträge nach Frankfurt und München hatte, auch zuletzt einen dritten Bruder zu besuchen gedachte, der in Wien lebte und der ihr selbst als ein vielgesuchter Musiklehrer wohlbekannt war, so äußerte sie ihr Erstaunen, wie er seinen Plan so schnell hatte ändern können. Marco gab ausweichende Antworten. Bald bemerkte sie, daß seine Rückkehr nach England keine freiwillige war, ja daß er mit einem längern Verweilen in dieser Stadt sich einer Gefahr aussetzen würde. Porzia schien dabei nebenan so in ihren Gesang verloren, daß sie die nicht leise geführte Conversation des Nebenzimmers nicht vernahm. Sie sang und spielte all die Lieder, die sie schon im Gasthof Zum goldnen Lamm, auf Befehl ihres nach Frankfurt zurückgekehrten Vaters, sogleich dem Onkel Marco 17 damals nach dem ersten Wiedersehen als Probe ihrer Gaben hatte vortragen müssen.

Das angeborne lebhafte Naturell, auch das Sicherheitsgefühl, das durch eine im vaterländischen Idiom geführte Conversation geweckt werden konnte, veranlaßte den Italiener einzugestehen, daß ihm eine der Polizei angehörende einflußreiche Person durch Herrn Benno von Asselyn dringend hätte anrathen lassen, sofort Deutschland zu verlassen. Er würde bereits seit seinem ersten Ankommen beobachtet, weil er für einen Abgeordneten der auf englischem Boden stattfindenden italienischen Conspirationen gälte. Für Monika war es nach dem ersten Ausdruck des Bedauerns und Erstaunens wohlthuend, in Verbindung mit einem, wie sie bald sah, sehr wohlangebrachten Rathe den Namen Benno's zu vernehmen, der seit einiger Zeit sie nicht wieder besucht hatte, während Thiebold fast alle Tage kam und längst nun auch schon wieder für Armgart's Mutter seine gewohnte Schwärmerei zur Schau trug. O das ist ja brav von Herrn von Asselyn! sagte sie und forschte theilnehmend: Würden Sie sich denn gegen diesen Verdacht nicht haben rechtfertigen können?

Die Miene des Italieners wurde von dem Gesange seiner Nichte eigenthümlich erläutert. Es war ein Ausdruck, der zunächst zwar nur der der Verschmitztheit schien und doch mischte sich ihm etwas Elegisches bei, das Monika vollkommen als die Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit erkannte. Ja wäret ihr Italiener wirklich nur fähig, die Freiheit zu ertragen! sagte sie. Aber ihr seid wahrhaft ein Volk von entthronten Königen! Entweder müßt ihr herrschen oder in Ketten gehalten werden – Deshalb verstand euch auch Napoleon so gut! Weil Napoleon nur herrschen wollte, hat er gerade euch mehr mit Füßen getreten, als irgendeine andere Nation!

Italia la regina del mondo! rief Marco aus und begann, 18 indem er sich in die Stimmung des leisen Gesanges nebenan versetzte, eines der vielen Gedichte zu recitiren, woran für die Behandlung dieses Themas seine Nation so reich ist und deren Zahl jeder einigermaßen gebildete Italiener durch die ziemlich verbreitete Kunst der Improvisation noch zu vermehren weiß.

Deshalb wollt ihr die Freiheit für euch, unterbrach Monika seinen langen Monolog, um sie wieder den andern Völkern zu entziehen!

Wir wollen nur das Joch der Fremden brechen! rief Marco. Ein Volk von Brüdern, von den Alpen bis zum Meere! Ein einziger Bund von Bruderstaaten! Republik oder Monarchie, nur keine Trennung mehr!

Doch dem Schlüssel Petri gönnt ihr dabei alle Pforten des Himmels, nur am wenigsten die eurer großen Roma! Ihr wollt ihn lediglich nur zu einem Heiligen machen und ihn ganz aus der Liste der weltlichen Souveräne streichen! Aber thätet ihr das, so hat ja eure letzte Stunde geschlagen! Alle katholischen Nationen würden sich ja zu einem neuen Kreuzzuge rüsten und Rom würde, wenn es den Kampf aufnähme, aufs neue zerstört werden –!

Das ist schon oft geschehen und Rom lebt dennoch! erwiderte Marco. O, ich weiß, es gibt Italiener, die unserm Glauben untreu geworden sind! Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich will den wahren christlichen Glauben und ich will, daß er eine große Macht besitze. Aber ein geistiges verjüngtes Rom soll von jetzt ab herrschen! Der Heilige Vater soll in Wahrheit ein Vater der Menschheit sein, erhalten von seinen liebenden Kindern, zunächst von den Römern, die durch ihn ihre alte Freiheit und Größe gewinnen müssen! Rom, der Sitz des Lichtes! Rom, die Sonne, deren Strahlen die Erde erleuchten! Einst zitterte die Welt vor den Waffen dieser stolzen Königin, aber schon damals brachten die Imperatoren mit ihren Adlern die milden Sitten 19 und eine Gesetzgebung, deren Inhalt die Freiheit selbst war und das Menschenrecht und die geschriebene Vernunft! Roms Sprache ist die Sprache der Religion, der Wissenschaft, der Denkmäler! In alle Sprachen der Barbaren mußte sie eingeführt werden, wenn diese die Gedanken der Civilisation aufnehmen wollten, für welche sie keinen Ausdruck hatten. Roms Bischöfe wurden die neuen Befreier der Welt! Der Ring des Fischers drückt das Siegel auf alle Freiheitsurkunden, die noch jede Nation den Händen ihrer Henker abtrotzen wird! Roms Hirtenstab hat die Leibeigenen befreit, die Städte gegründet, die Gemeinden geschaffen, die Republiken erleuchtet, sie geschmückt mit Bildern und mit Denkmälern des menschlichen Geistes! Rom, ohne Waffen, Rom, nur ein Gedanke, hat allein dem treulosen Corsen ins Auge zu blicken gewagt, muthiger, als Könige und Kaiser, die vor ihm im Staube krochen! Durch Rom wird das Christenthum erhalten bleiben als ein linder Balsam, der das Gemüth von seinen Wunden heilt! Signora, nicht das jesuitische Rom mein' ich, das hasse ich, weil die Jesuiten die Freiheit hassen und die Unabhängigkeit der Völker und die wahre Größe des Menschen – Ha! Cardinal Ceccone! Daß Menschen, wie du, dem wahren Rom ein falsches Gewand umhängen durften! Ceccone! Politiker statt Priester, Scherge, die Patrioten verfolgend, statt sie zu schützen gegen die Feinde Italiens! Signora! Lassen Sie Italien frei sein von seinen Tyrannen, von seinen – Ceccones und die Geschichte wird ein Volk der Größe finden, Republiken, die sich zu mäßigen verstehen, ein Rom, das den katholischen Glauben wieder zur Sehnsucht aller Völker macht, auch der abgefallenen!

Das Auge des Italieners leuchtete. Sein weißes Haar schien sich aufzusträuben. Der rechte Arm begleitete seine Worte wie mit den Gesticulationen der Rednerbühne. Mit Aufmerksamkeit und prüfender Ueberlegung folgte ihm Monika. Cardinal Ceccone 20 war ein in diesem Augenblick oft genanntes Glied der römischen Curie. Die Arme auf die Lehne des Sessels stemmend und die Locken schüttelnd, sagte sie. Nein, nein! Es gibt auch andere Italiener, die an diese Siege der katholischen Lehre nicht mehr glauben wollen!

Ich habe deren in England genug kennen lernen! Ich verachte sie! warf ihr Biancchi entgegen.

Diese protestantisch gesinnten Italiener berufen sich gerade darauf, wie es nur bei den Misbräuchen unserer Religion möglich sein könne, daß ein Ceccone den Purpur trägt!

Noch las Ceccone keine Messe –!

Gut! Aber aus allem, was von Euren Meinungen Ihr mir verrathet, erseh' ich, daß Ihr dem Unbekannten zu danken habt, der Euch rathen ließ, nach England zurückzukehren! Was Porzia betrifft, so laßt sie nicht zu viel in einer schönen Bibel lesen, bei der ich sie zuweilen überrasche und die sie jedenfalls ebenso heilig zu halten scheint, wie ihre Guitarre!

Es ist das Geschenk eines freundlichen Mannes, der schon ein wenig alt ist, sonst würd' ich glauben, daß sie sich von seinem Lande ungern trennt! sagte Marco und wandte sich mit höflicher Verbeugung zu Porzia's Thür.

Ihr glaubt an die ewige Jugend Roms, das schon so alt ist? Dann müßt Ihr auch dem Geiste und der Liebe eine Verjüngungskraft zuschreiben! Wer schenkte ihr denn die Bibel, in welcher Porzia so eifrig liest, daß ich fast glaube, sie studirt die deutsche Sprache darin, um – diesem Manne zu gefallen?

Biancchi blickte auf die Nebenthür und schien auszuweichen, den Namen zu nennen –

Der deutsche Name wird für Eure Zunge zu schwer sein – sagte Monika lächelnd.

Ein Signore Hedemann ist es! erklärte der Italiener scharf 21 betonend und in der prüfenden Schärfe seines Blickes verrathend, daß ihm die Beziehung dieses Namens zu dem Gatten der freundlichen Dame, die so vertraulich und wohlwollend und offenbar von seinen Aeußerungen angezogen mit ihm plaudern konnte, wohlbekannt war – Als guter Anwalt seiner Nichte wollte er zugleich die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, über einen Mann Erkundigungen einzuziehen, der die in St.-Wolfgang und Kocher am Fall angeknüpfte Bekanntschaft auch noch in der Residenz des Kirchenfürsten fortgesetzt hatte, als er zum Betrieb seiner Ankäufe hieher gekommen und so lange geblieben war, bis Frau von Hülleshoven von Ostende zurückkehrte, wo dann die Gräfin von Salem-Camphausen Porzia beim Wandeln in der Kathedrale erkannte. Porzia war nach der Abreise ihres Vaters noch geblieben, um später erst mit dem Onkel Marco nach Frankfurt zurückzureisen. Welchen Namen nannten Sie da? sagte Monika und erhob aufhorchend ihr in Gedanken verlorenes Haupt.

Remigius Hedemann! wiederholte der Italiener und setzte frank und frei hinzu: Un intendente del Signore Colonello de Hülleshoven –! Es schien ihm bei dieser Bezeichnung das italienische Verhältniß vorzuschweben, wonach sich dort bei Landbesitzern und großen Adelsfamilien noch ganz im Sinne der alten römischen Clientel die Stellung von Dienern erhalten hat, die man ebenso gut auch die vertrauten Freunde ihrer Herrschaft nennen kann.

Hedemann –! sagte Monika erregt und erhob sich. Aber statt dem Wunsche des Italieners entgegenzukommen und über Hedemann weitere Nachrichten zu geben, winkte sie ihm, er möchte ins Nebenzimmer treten. Auch Porzia hatte endlich die Stimme des Onkels gehört und leise ihre Thür geöffnet und der Italiener trat zu ihr ein.

Als Monika allein war, sammelte sie sich erst langsam von 22 dem Eindruck, welchen ihr das plötzliche Nennen eines Namens gemacht hatte, der mit ihren ernsten Lebensbeziehungen in so naher Verbindung stand. Hedemann stand, solange sie denken konnte, zu ihrer Familie im Verhältniß eines sich nie überhebenden Dieners, Rathgebers und Helfers in aller Noth. Daß nun er und mit ihm der Oberst schon so in ihre nächsten Kreise eingetreten und daß dies zu ihrer Begleitung und Bedienung bestimmte junge Mädchen mit einem sie so nahe berührenden Manne bekannt war, nahm ihr den Athem. Auf und nieder ging sie und konnte zur Beendigung ihres Briefs nicht zurückkehren. Sie schloß die Blätter, die sie zusammenlegte, zuletzt in ein Reiseportefeuille, das sie mit der ihr ohnehin heute stündlich wiederkehrenden Empfindung betrachtete: Sollst du wirklich fliehen? Sollst du dieser Reise nach England dich anschließen? Was zagst du und trittst nicht mitten in die Kreise, wo du dich so gehaßt weißt, allen trotzend – wie der Oberst –? Sie wußte von Benno, daß ihr Gatte die Absicht hatte, sich in Witoborn anzusiedeln und mit Hedemann einen der adeligen Lebensweise völlig widersprechenden Industriezweig zu ergreifen.

Voll Erregung klingelte sie dem Kurier, ließ heller die große Lampe herrichten, befahl, da die Gräfin unfehlbar bald zurückkommen würde, die Vorrichtung zum Thee, und entließ Marco Biancchi, der aufgeregt seiner auf das Klingeln sich gleichfalls einstellenden Nichte folgte. Sie entließ ihn sowol mit dem Rathe, einem ihm in so freundlicher Weise gegebenen Wink baldmöglichst zu folgen, wie mit dem Erbieten, bei Gräfin Erdmuthe von dieser Wendung gern die von ihm gewünschte Anzeige zu machen. Daß Marco Biancchi trotz aller Größe und Adelswürde, die seiner Nation angeboren sein sollte, Lust zu bezeigen schien, die Gesellschaft der Gräfin zu vermehren und auf die Art wenigstens bis Antwerpen umsonst zu reisen, bemerkte die junge Frau nicht. 23 Auch erschien dem feurigen Patrioten vielleicht eine Rücksprache mit dem Kurier eine noch geeignetere Maßregel, um zu seinem Zwecke zu gelangen. Porzia, sichtlich von des Onkels Gefahr erschreckt, begleitete ihn hinaus.

Inzwischen hörte man einen Wagen anrollen. Monika, den Reiz einer an Porzia zu richtenden Frage nach Hedemann unterdrückend, trat an die vom Regen beschlagenen Fenster, sah in den düstern, von Laternen matt erhellten Abend und stellte, als sie die rückkehrende Gräfin erkannt zu haben glaubte, auf den großen runden Tisch, den sie zum Sopha rückte, auch noch ihre kleinere Lampe. Lag dann auch in dem kurzen Blick auf einen Spiegel, vor dem sie ihre einfache Toilette ordnete und die Schleifen des Geflechtes, das ihr Haar bedeckte, fester band und die in Verwirrung gerathenen Locken ein wenig aufwickelte, der Ausdruck der Sammlung und der ehrerbietigen Unterordnung unter die hochgestellte Dame, die in der That durch die weitgeöffnete Thür eintrat, so war sie bei alledem in einer Stimmung, wie damals Armgart, als sie mit Benno und Angelika am Hüneneck stand und in den Riesenhäuptern der Sieben Berge sieben Propheten zu sehen behauptete. Sie war dem Gegebenen entrückt, »hangend und bangend in schwebender Pein«.

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