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Der Zauberer von Rom. II. Buch

Karl Gutzkow: Der Zauberer von Rom. II. Buch - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
titleDer Zauberer von Rom / II. Buch
authorKarl Gutzkow
firstpub1858-61
year1863
publisherF. A. Brockhaus
addressLeipzig
created20070516
sendergerd.bouillon
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Drittes Bändchen.

1 Zweites Buch.

3 1.

Den Strom zu nennen, auf dem soeben ein in erster Morgenfrühe ausgefahrener Dampfer seine schäumenden Furchen zieht, drängt es unser ganzes Herz. Sei aber nur von ihm gesagt. daß er, von den ersten Frage- und Ansrufungszeichen seiner Alpen-Jugend an bis zu den letzten versandenden Gedankenstrichen und Stirnrunzeln des Alters, groß und bedeutsam ist wie das Menschenleben selbst.

Es ist ein schöner Sommertag. Wie grüßen uns hellblinkend die Zinnen der Thürme, die rings auf hohen Felsenufern ragen! Wie schlägt die Welle an Wehre und Buchten! Wie kräuselt sich über gesprengtem Felsenriff im offenen Bett spielend jetzt die Woge, wo sonst die Strömung tödtliche Opfer forderte! In diese grüne Gegenwart ringsum, in diese blaue über uns, in dies Singen und Rufen von den Gestaden, in dies Läuten von uralten Thürmen in grauen Städten und Weilern spricht Sage und Geschichte so lebendig hinein, so gegenwärtig, als wenn auf den Kanten der Felsen immer noch die verlockenden Geisterjungfrauen säßen und ihre goldenen Locken im Mondlicht strählten, auf den Söllern immer noch die Ritterfräulein mit ihren Schärpen winkten, die sie dem Kämpen zum Lohne gestickt, immer noch der schwere Tritt der schellenbehangenen Rosse, der vom Felsen drüben zum Felsen hüben das Echo weckt, von einem Banner 4 Geharnischter kommen könnte, nicht von den Fuhrleuten mit ihren zweirädrigen Karren und den an den Stirnen mit einer großen rothen wollenen Agraffe geschmückten, über den Hufen so langzottig behaarten Rossen, die in unsere Keller nur den Wein verführen. »Nur« den Wein! »Nur« deinen goldensten Hort! Wir Undankbaren, so schon durch den Reichthum dieses schönsten aller Ströme Verwöhnten!

Bunt und lustig drängten sich die Passagiere auf dem Dampfboot. Nennt ihr den Inhalt der Gegenwart leer und flüchtig, so ist das Leben auf Eisenbahnen und Dampfschiffen gewiß dem kurzen Moussiren zu vergleichen, das die Weinperlen oben zum flüchtigen Kranze einigt. Närrische Blasen, die da aufgeworfen werden von Ost und West! Moden, ihr tollen, wer hat euch erfunden? Trägt man die Mützen jetzt so flach, die Burnusse. die Plaids, die Abd-el-Kaders mit dieser kühnen Schwenkung um die Schulter? Was welscht und radebrecht der Zeitgeist im Gespräch zusammen, nicht nur äußerlich barock dem Ohre nach, auch innerlich dem Geiste? Sind wir auf dem Hudson oder Delaware, daß uns so yankeehaft zu Muthe wird? Müssen wir der Versuchung widerstehen, diese Kellner mit ihren carrirten Halsbinden und grotesk gestreiften Inexpressibles für Affen zu halten? Großer Saturn, verspeise deine eigenen Kinder und nimm uns alle hin zu deinen urewigen Frühstücken, wenn diese Reisewelt der Dampfschiffe, Eisenbahnen und Hotels mehr sein wollte, sein dürfte als der kurze Schaum, den unser Zeitalter aufwirft beim Gähren seines hoffentlich doch noch tiefern innern Gehaltes!

Auch auf der »Prinzessin Marianne« (so hieß das Dampfschiff) hatte man ein Quodlibet von Albums, ausgebreiteten und die Bänke einnehmenden Panoramas, Plaids, blauen, grünen und rothen Schleiern, Firnißstiefeln, Coteletten, Beefsteaks, 5 Schooshündchen, hinterpommerschen Welt- und Zeitansichten, ideellen Dünsten und Nebeln über Baumwolle, Bundestag, Whigs und Tories. Louis Philippe's neueste, bombenfeste Kutsche, Thalberg und Liszt – alles was sich nur dem Streit des Zeitalters der Revolution mit dem Horror vacui des immer siegreicher werdenden Systems der materiellen Interessen entbinden und entwinden kann. Nur schied von Station zu Station sich von diesem kosmopolitischen Chaos ein Sonderleben nach dem andern. Die ausgesteckte Fahne auf einem Häuschen am Ufer bringt neue Passagiere, ein Zeichen vom Schiffe kündigt den Nachenführern Abgehende an. Es gibt noch einzelne Individuen in der Welt! Man schwimmt und schwatzt oder schweigt so eine Weile im Allgemeinen mit; aber abseits sich wendend bleibt jedem wieder sein eigen Herz, sein eigen Schicksal, sein eigenes, oft angstvolles Mühen, im allgemeinen Drängen das gerade ihm vorschwebende Ziel nicht zu verlieren.

Die Mittagsmahlzeit war auf offenem Verdeck abgehalten, als eine Dame zu öfterm den Steuermann nach der baldigen Nähe eines Ortes fragte, wo sie abzusteigen gedachte. Sie hatte an dem Mahle nicht theilgenommen und nur hinüber in die schroffen Felsen gestarrt. Schon lange stand sie an jener kleinen Thür, an welcher die Stiege aufgezogen hängt, über welche die Abgehenden in Kähne steigen müssen, die von den kleinern Stationen dem Dampfschiff entgegenkommen.

Manchem schon mochte die Dame wegen des unausgesetzten Vorbehaltens ihres blauen Schleiers aufgefallen sein. Ein einfacher gelber Strohhut schützte sie gegen die senkrecht fallenden Strahlen der Augustsonne. Den trotz der Hitze zuweilen heftig aus den Biegungen des Stromes hervorbrechenden Windstößen hielt ein schottischer Mantel Stand von grün und roth carrirtem Muster und leichtem Wollenzeuge. Neben ihrer schlanken 6 Gestalt stand schon in Bereitschaft ein Koffer von ganz neuem hellbraunen Leder, ein Koffer, der so klein und handlich war, daß er nur auf die nothwendigsten Bekleidungsgegenstände schließen ließ; selbst eine Hutschachtel fehlte; man mußte annehmen, daß der gelbe Strohhut, den die Dame trug, der einzige war, den sie für ihre Reise nöthig hatte. In der Hand hielt sie noch eine kleine buntgewirkte Bügeltasche.

Frauen und Männer, denen solche indiscrete Prüfungen ebenso nahe lagen wie uns, gab es schon seit einigen Stunden genug. Die Dame aß nichts, trank nichts, sah nur starr und stumm in die Abwechselungen der Gegend, setzte sich zuweilen mit großer Sicherheit auf diejenige Seite des Schiffs, die Schutz vor der Sonne bot, und brütete unter ihrem blauen Schleier und schottischen Mantel und Sonnenschirm über Dinge, die schon mancher gewünscht hätte zu errathen. Entgehen konnte niemandem, daß die Reisende jung war. Durch den dichten Schleier funkelten zwei brennende Augen von halb scheuer, halb klug prüfender Unruhe. Richtete man plötzlich auf sie selbst entweder zu lange den Blick oder ein Glas, das scheinbar die alten Burgen und Städte, in der That nur die Züge der seltsamen Unbekannten musterte, so entzog sie sich dieser Neugier durch eine rasche Wendung, die zugleich verrieth, daß sie nie gänzlich in die Abwesenheit ihrer Gedanken versank, die sie scheinbar zur Schau stellte. Sie blieb gegenwärtig allem, was sie rings umgab, vorzugsweise auch dem Interesse, das sie einflößte.

Die Ungeduld, welche die verschleierte Dame bei alledem zu beherrschen schien, war offenbar auf den Augenblick gerichtet, wo sie das Schiff zu verlassen hatte. Der größte Theil der Passagiere saß noch an der großen, auf dem Verdeck aufgeschlagenen Tafel und bewunderte beim Dessert Stachelbeeren, die in dieser himmlisch üppigen Gegend so groß wie Zwetschen gereift waren, als man 7 endlich jene Station erreicht hatte, nach der die Verschleierte schon mehreremal den Steuermann reglementswidrig angeredet und gefragt hatte. Eine neugebaute Kirche, die auf einem Vorsprung des linken Ufers stand, war schon lange als Merkziel derselben in Sicht. Hier erweiterte sich der Strom und die Gegend nahm die mildern Linien der Umgebungen eines Sees an.

Die Schaufelräder hielten in ihrem gleichmäßigen Takt inne, das Schiff kam in eine schwebende Bewegung, der Kahn vom jenseitigen Ufer tanzte in den aufgeregten Wogen näher, das Seil wurde vom Bord den Schiffern zugeworfen, die Brücke herabgelassen und mit sicherer Haltung, den Sonnenschirm einlegend, stieg die Dame in den Kahn. Ein kurzes Brausen der Räder, ein geschicktes Auffangen des nachgeworfenen Koffers, ein Augenblick bedenklichen Schwankens des noch gleichgewichtlosen Kahns und der Dampfer schoß weiter, der Kahn dem Ufer zu.

Die neugebaute St.-Maximinuskapelle wurde sonst vom Dampfschiff aus stark besucht. Heute traf es sich, daß die Schiffer nur diesen einzigen Passagier ans Ufer setzten.

Wie weit ist es bis St.-Wolfgang? fragte die Reisende, den Sonnenschirm wieder aufspannend und mit einem bestimmten und sichern Tone.

Zwei Stunden!

Bekomm' ich einen Einspänner dorthin?

Gewiß!

Wo?

Im Weißen Roß!

Wollen Sie mich ins Weiße Roß führen?

Da liegt's am Wasser!

Die kurz angebundene Sprecherin blickte hinüber und sah das Hotel »Au Cheval Blanc« in großen Buchstaben angekündigt. Den Schleier hatte sie jetzt zurückgeworfen, den Mantel 8 abgenommen, den ein Schiffer beim Aussteigen über den Arm behielt, während der andere das Kofferchen auf die Schulter lud. Die über ein ausgelegtes Bret behend das Ufer Betretende zeigte sich zu Land und Wasser von gleicher Sicherheit.

Der Garten des Weißen Rosses geht beinahe bis an das Ufer des hier mit besonderer Schönheit sich erweiternden, im Sonnenlicht glänzenden Stroms. Mit wenig Schritten durch den Sand war er erreicht. Als alle drei in ihn eingetreten waren, warteten die Schiffer auf weitere Befehle. Ein dicht an der Thür auf einer geebneten Terrasse unter einem anmuthigen, schattenreichen Baume gelegener Tisch schien diese Befehle zu entscheiden. Die Dame bezahlte, ließ neben sich den Koffer hinstellen und befahl wegen eines Wagens den Wirth zu rufen. Noch rief sie dem einen der Schiffer, der deshalb ins Haus ging, nach, er möchte ihr auch »eine Kleinigkeit« zu essen bestellen.

Einige Augenblicke war sie nun allein. Vor der steinernen Balustrade über die Terrasse auf- und abgehend und jetzt auch den Hut sich freier bindend, um wie von einer langen Gefangenschaft in der himmlischen Luft aufzuathmen, musterte sie die Gegend, die sie ohne Zweifel zum ersten mal sah und vom Lande aus noch viel entzückender finden mußte als vom Dampfschiff, das immer nur Panoramen gibt, in denen man sich, weil man eben zu viel sieht, meist ohne Befriedigung verliert. Nur diejenige Gegend ist ganz schön, die das Eine gibt und das Andere nur ahnen läßt.

Die Schiffer kamen mit dem Wirth zurück. Es wurde ein Einspänner behandelt, der die Dame nach dem zwei Meilen tiefer ins Innere hinein gelegenen Orte St.-Wolfgang führen sollte. Bis zum Anspannen wünschte die Reisende ein mäßiges Mahl zu nehmen, dann die St.-Maximinuskapelle zu besuchen und von dort dann mit dem Wägelchen abgeholt zu werden. Sie 9 erkundigte sich genau nach den üblichen Preisen, bedingte sich das, was sie zahlen wollte, mit großer Bestimmtheit und erklärte, das kleine Mahl, das sie in allen Einzelheiten specificirte, unter dem »schönen fruchtbeladenen Apfelbaum da« und »an jenem Tisch« einnehmen zu wollen.

Der Wirth ging. Die Reisende nahm den Hut vollends ab und warf ihn auf den ehemals weiß angestrichenen Tisch. Ihr Antlitz glühte. Mantel und Hut und Schleier hatten ihr heiß gemacht. Mit der ganzen Behaglichkeit, sich allein zu wissen, warf sie sich auf die harte Bank. Einem auf schwellender Ottomane Ruhenden konnte es kaum bequemer sein.

An die Reize der Natur mußte sie sich bald gewöhnt haben; von einem langen Erstaunen überhaupt schien sie nicht viel zu halten. Nur zur Maximinuskapelle warf sie zuweilen einen prüfenden Blick. Dazu las sie, doch ohne besondern Eifer, aus einem Führer, den sie aus ihrer kleinen, jetzt aufgeschlossenen Handtasche nahm, dasjenige, was über die Oertlichkeit, wo sie sich befand, gesagt war.

Das Haupt aufstützend, zuweilen umblätternd, zuweilen nach einem Gegenstand aus dem Flusse, zuweilen rückwärts blickend, wo ein Tellergeklapper die Anstalten zu ihrem Mahle verrieth, erkennen wir die Fremde. Es ist Lucinde. Drei Jahre ist sie älter geworden. Sie trägt das dunkle Haar in Flechten wie sonst, aber mit einem hohen Thurm, wie eine Krone; ihr Wuchs ist hoch wie sonst, aber elastischer in der Haltung; ihre Augen sind glühdunkel, aber etwas spitz und stechend; ihr Lächeln verschönt noch immer die plastisch-scharfen Formen der Nase, der Lippen, des Kinns, zuletzt verliert es sich in eine Bitterkeit um die Mundwinkel; ihr Unternehmungsgeist scheint wiedergekehrt, ganz wie in jener Zeit, wo sie zu Pferde saß; ihr Wesen hat die alte Unreife und Unfertigkeit verloren, womit 10 freilich auch der Reiz des Mädchenhaften abgestreift ist. Lucinde ist eine Dame geworden, zu deren Erscheinung unzertrennbar die Glacéhandschuhe zu gehören scheinen, die sie selbst während des Essens nicht abzieht. Mit einer, an ihr uns ganz neuen Versunkenheit in sich selbst, die auf eine mächtige innere Gedankenarbeit schließen läßt, hat sie das bestellte und vom Kellner gebrachte Mahl bald mechanisch eingenommen.

Zur letzten Schüssel war der Wirth zurückgekehrt und hatte auch den verlangten Wagen in Aussicht gestellt.

Kennen Sie den Pfarrer von St.-Wolfgang? fragte sie.

Von St.-Wolfgang? Gewiß!

Es ist ein Herr von Asselyn?

Von Asselyn!

Was wissen Sie von ihm?

Man nennt ihn einen Heiligen . . .

Ist er's nicht?

Einen jungen Mann kann noch keiner einen Heiligen nennen!

Warum nicht? Wer heilig genannt werden will, muß sich's in der Jugend verdienen; im Alter sind wir alle Heilige!

Ein curioses Gespräch, das den Wirth lachen machte. Der Wirth sprach fort, nur um zu sprechen oder die Fremde ferner so anregend antworten zu machen. Er erzählte, daß die Dame in St.-Wolfgang zu einem Leichenbegängnisse ankommen würde.

Kein gutes Omen! Wer ist gestorben? fragte sie.

Ein Häusler, den die Leute in der Gegend für reich hielten, ohne daß er einen Pfennig mehr hinterlassen hat, als zu seinem Begräbniß nöthig sein wird.

So werden an seinem Grabe keine lachenden Erben stehen!

Lucinde war mit ihren Speisen schon fertig und wählte sich bereits von dem schönen Obst, das ihr auf einigen Tellern zum 11 Dessert gebracht wurde. In der kurzen, ihr jetzt eigenen inquisitorischen Art fragte sie, eine Birne schälend:

Wie konnte man einen Häusler für reich halten?

Man schickte ihm, erzählte der Wirth, was er brauchte, aus Welschland oder der Schweiz. Das übertrieben die Leute! Er hinterließ nichts als einen Sarg, den er sich selbst gezimmert hat. Er war in die Sechzig gekommen.

Seinen eigenen Sarg? fragte Lucinde und biß in die Birne.

Man erzählt's, berichtete der Wirth. Den Sarg hatte der alte Mevissen, so hieß er, in St.-Wolfgang in seiner eigenen Stube gehabt, hat drinnen auch schon seit Jahren geschlafen. Der Pfarrer hat ihm feierlich versprechen müssen, ihn auch in diesem Sarg zu begraben und zu weihen. Er hat ihn wirklich sich selbst gezimmert! Da nichts Unheiliges dabei sein soll, so wird er wol heute gegen Abend in die Erde kommen in diesem seinem selbstgezimmerten Sarge.

Hm! Hm! Ei! Ei! sagte Lucinde.

Der Wirth bemerkte, daß sie ein scharfes Lächeln durch ihre Mienen spielen ließ. Warum lachen Sie? fragte er.

Wenn der Mann für vermögend galt und sich um keine Erben kümmern wollte, so würd' ich die Wände des Sarges untersuchen lassen. Es gab schon manchen Geizhals, der auf diese Art seinen Mammon in die andere Welt mit hinübergenommen hat!

Damit wählte sie zum Schälen eine zweite Birne. Sie warf sie weg, weil sie einen Wurm fand. Als sie von Würmern murmelte, konnte es ebenso viel sein als sagte sie: Die andere Welt – ich meine die Welt der Würmer!

Der Wirth mußte seine Teller, die er eben wegnehmen wollte, niedersetzen vor Befremden über diese Erklärung wegen des Sarges. Der Einfall der so kurz angebundenen Dame kam ihm gar nicht unwahrscheinlich vor und schon hatte er eine weitere 12 Ausführung der Vermuthung begonnen, als er durch einen langgezogenen Ruf dicht in der Nähe unterbrochen wurde. Ma hörte die Worte rufen: Figuri kauf! Figuri kauf! Ein italienischer Gipsverkäufer ging mit einem Knaben unten an der Balustrade vorüber und bot hinaufgrüßend seine Waare an, die er und sein Begleiter auf den Köpfen trugen. Diese Leute setzen bekanntlich voraus, daß man in einem Postwagen selbtsechs reisen kann und doch noch Platz findet, sich die Gruppe des Laokoon mitzunehmen. In Venedig rennen die Fischer den Fremden nach und bieten ihnen Frutti di Mare an, Seespinnen, Quallen und Krebse, die man, frisch wie sie vom Lido kommen, in ein Taschentuch binden und, wie sie selbst plausibel zu machen verstehen, in seinem Hotel sich kochen lassen soll.

Miracolo! rief Lucinde den ältern Italiener an, ihres Gesprächs über den Sarg und der Wirkung desselben auf den Wirth vom Weißen Roß nicht weiter achtend, Miracolo! Si vede che venite direttamente della Santa Casa di Loretto! Sie deutete auf die nur mit Gegenständen religiöser Verehrung geschmückten beiden Tragbreter der Verkäufer. Und noch ehe der Italiener erwiderte, fuhr sie fort: Nessuna Minerva! Ne Amore col arco! Tutti santi del Cielo? Nach der, keine Antwort schuldig bleibenden Weise seines Volks erwiderte der Figurenhändler bejahend und lächelnd: Si! Si, Signora! Siamo in un mondo pieno di peccati! Sein Kleiner rief dazwischen: Figuri kauf!

Lucinde erhob sich und betrachtete die Heiligen und Muttergottesbilder, die theils von geringem künstlerischen Werth und bunt bemalt waren, theils aber auch schönere Leistungen darboten, unter anderm die heilige Agnese aus der Kirche Santa-Agnese vor den Thoren Roms, den Moses Michel Angelo's, auch den altberühmten, fast schon ganz um seine Zehen geküßten Apostel Petrus aus der Peterskirche in Rom, der indessen leicht ein alter Janus sein 13 kann mit dem Schlüssel nicht des Himmels, sondern des Tempels zu Krieg und Frieden. Lucinde machte ihn gar zu einem Jupiter. worauf der Italiener in seiner Sprache erwiderte: Mag sein, Signora! Aber jetzt ist er getauft und ein so guter Christ wie wir! Inzwischen gingen beide schon einem Trupp Engländer entgegen, der soeben von der Maximinuskapelle herunterkam.

Der Wirth hörte allen diesen kurzen aphoristischen Aeußerungen mit erhöhtem Interesse zu. Als er Lucinden einige bessere Birnen ausgesucht hatte und anbot, fragte sie: Gibt es heuer ein gutes Jahr? Schon setzte sie sich den Hut auf. Die Frucht war leidlich! hieß es. Aber der Wein misräth! Die Leute erwarteten nichts Besseres!

Wie so? fragte sie und band sich die blauen Bänder in eine Schleife.

Wir haben hier einen Aberglauben, antwortete der Wirth. Am Himmelfahrtstage wird ein Crucifix vom Grunde der Kirche mit einer eisernen Kette in die Höhe gezogen. So viel mal die Kette dabei knackt, so viel Thaler wird der Malter Weizen kosten. Heuer knackte sie achtzig mal. Es wird also eine theuere Zeit!

In welcher Kirche geschieht dergleichen?

Aufrichtig, in keiner! Aber immer in jeder benachbarten. Ueberall nennt man eine andere Kirche und geschehen ist's in keiner!

Brav! sagte Lucinde lachend. Das ist das ganze Wesen der Offenbarung und des Wunders auch! Ohne aber diesen Satz weiter auszuführen, fragte sie nach ihrer Zeche, ihrem Fuhrwerk und dem Wege nach St.-Wolfgang.

Der Wirth wäre gern auf alle dreie so sprungweisen Andeutungen, vorzugsweise aber auf das Begräbniß in einem mit Tresorscheinen und Staatspapieren gefüllten Sarge, des Näheren zurückgekommen. Jetzt gab es aber wieder eine neue Störung. Es schlich ein Knabe die Stufen des Gartens herauf und veranlaßte nun auch ihn zu dem Anruf: Scher' er sich weg mit seiner Fuchserei! Der barfüßige Knabe zog sich eine Stufe zurück. Dabei hielt er einen kleinen, nicht sogleich erkennbaren Gegenstand hin und suchte die Fremde dafür zu interessiren.

Was hat er denn? fragte Lucinde. Fuchserei? Armer Junge! Was kann er für seine rothen Haare!

Da sitzt ihm der Fuchs nicht! fiel der Wirth ein, dem selbst die Röthe seines Antlitzes und der gute Wein, wie in jener Gegend vielen, bis in den Bart und in die Spitzen seines nur noch dünnen Haupthaars geflossen zu sein schien. Die Dame ist keine Engländerin! Mach' er nur fort! fügte er hinzu.

Was hat er denn? fragte Lucinde.

Der Wirth wollte verhindern, daß Lucinde von dem Knaben in einem projectirten Handel betrogen wurde. Der Spitzbube, sagte er, während der Knabe noch immer stand, verkauft alte römische Münzen, wie sie die Leute hier finden wollen. Sie sind aber nicht echt!

Lucinde, sogleich voll Heiterkeit der Nikolaus Carstens'schen Liebhaberei in Hamburg gedenkend, rief den Knaben zurück. Schon hatte sie einige wie uralt erscheinende, mit grünem Rost beschlagene Kupfermünzen in der Hand und fand sie von einem so unbezweifelbaren Schein der Echtheit, daß sie für den Knaben Partei ergriff und dem Wirth die Münzen entgegenhielt mit den Worten: Die wären nicht echt? Woher sind die Münzen? wandte sie sich an den Knaben zurück. Der Knabe zeigte in die Berge, die sich mit dem grünen Schmuck des Rebstocks bekleideten. Da hast du sie gefunden? Mein Vater! hieß es leise und unsicher.

Der Wirth drohte und meinte: Wenn Sie's glauben wollen, mir recht! Für zehn Groschen läßt er Ihnen das ganze Münzcabinet seines Alten! Der Knabe hatte fünf Münzen. Lucinde 15 betrachtete sie und fand sie sämmtlich täuschend alt. Sie hatte ja eben gelesen, wie in diesen Gegenden sich auf Tritt und Schritt noch die Spuren der alten Römerzeit verrathen. Kirchen sind hier auf den Trümmern alter Castelle gebaut; Thürme, aus denen jetzt der Krahnen der Zollwage und das Wappenschild des städtischen Octrois hervorragt, waren einst die Brustwehren der Besatzungen, die die Legionen des Drusus in den neubegründeten Niederlassungen zurückließen; Aschenkrüge zertrümmert täglich der Spaten des Weingärtners, der seinen Berieselungen in den Bergen ein neues Bett graben will; Münzen, die Augustus und Constantinus schlagen ließen, werden das Spielzeug der Kinder, denen es ganz gleich ist, ob sie »Fasseln« mit Kieseln spielen oder mit Erinnerungen, die den Geschichtsforscher in Entzücken versetzen.

Der Wirth berichtete jedoch, daß es hier jetzt schon ganz wie in Italien wäre. Die Arbeiter im Felde entdeckten mehr Münzen, als zu Zeiten der Legionen in Umsatz gewesen. Eiserne Töpfe voll könnte man in einer großen Stadt, auf deren Lage er hinunterzeigte, bei einem Juden finden, dem sie die Verschmitztheit der Bettler wieder abkaufte und, als eben aufgefunden und vom Pflug, dem Spaten, der Egge entdeckt, bei den Reisenden in Umlauf brächte.

Lucinde hielt die zerbröckelten, halb erdfahlen, halb grünen Münzen gegen das Licht, buchstabirte DRUS.. und AUGUS.. und DIV. und verglich die fast allein nur noch hervortretenden gewaltigen Nasen der Brustbilder mit den Vorstellungen, die man über Römerköpfe hat. Sie fand alles so ähnlich, so zutreffend, daß sie erstaunt erklärte, nicht an Verfälschung glauben zu können.

Und doch! setzte der Wirth hinzu. Die Münzen da können gestern noch ganz neu gewesen sein!

Gestern noch? rief Lucinde erstaunt.

Gestern! bestätigte der Wirth. Man drückt eine solche von 16 dem Juden geschlagene Münze in einen Teig und nudelt damit die Gänse.

Was? Wie? Die Gänse?

Ich sage Ihnen, die Gänse! Und heute früh können die Dinger da den Gänsen erst abgegangen sein! So, wie sie jetzt da sind, kommen sie zum Vorschein! Grün und rostig und halb zerschmolzen!

Der Wirth schilderte ohne weitern Anstand den chemischen Proceß, nach welchem diese Münzen durch einen Gänsedarm hindurch binnen vierundzwanzig Stunden achtzehnhundert Jahre alt werden.

Lucinde war schon in ein solches Gelächter ausgebrochen, daß er eine noch ausführlichere Erklärung nicht nöthig hatte. Sie gab dem auf dem Sprunge stehenden Knaben ein Geschenk, nahm seine Münzen und rief: Das muß ja der Ahasverus selber sein, der in der Stadt da drunten so die Jahrhunderte machen kann! Sie kennen doch die Sage von dem bösen Schuster, der einst dem Heiland die Erquickung des Ausruhens abschlug, als er sein Kreuz auf Golgatha tragen mußte? War das ein Herren- oder Damenschuster, ich kann es nicht sagen; aber in der Stadt da unten wohnt er jetzt und macht Münzen, die von gestern auf heute tausend Jahre alt sind! Und das ist prächtig, mit Hülfe des Vogels der Dummheit! Sehen Sie, wieder, wie schon einmal auf dem Capitol! Die Gänse sollen leben! Die Gänse! Es ist nicht ohne, daß Doctor Martin Luther an dem Tage geboren wurde, wo man die erste Gans auf den Tisch bringt!

Dem Wirthe mochte der Ausbruch dieses Humors unverständlich, ja an einer Dame, der sich auf der Brust, wie sich eben beim Lachen gezeigt hatte, ein großes goldenes Kreuz an einem Bande aus der Chemisette losnestelte, fast unheimlich erscheinen. Dennoch machte er keine auffallend betroffene oder etwa den 17 Vermittlerinnen des chemischen Processes, wodurch Neuestes zu Aeltestem werden kann, verwandte Miene, sondern bemerkte, daß er selbst ein Freund alter Münzen wäre, eine schöne Sammlung echter hätte und sie der jungen Dame, wenn sie es wünschte, vorlegen könnte.

Nein, nein, nein! rief sie in ihrem alten, wie wir wissen, die Grenze überschreitenden Humor. Wer bürgt mir für die Unschuld Ihrer Gänse? Sie nudeln sie auch mit Jahrhunderten! Die Münzen sind unecht! Gewiß, gewiß!

Bitte! bemerkte der Wirth. Ich fand den größten Theil derselben selbst.

Nein! Man hat sie Ihnen hingelegt, frisch aus dem Gänsestall!

Ich fand sie an unzugänglichen Orten!

Sie irren sich! Was entscheidet an diesen fünf alten römischen Kupferdreiern, die ich hier in der Hand halte und mir zum Andenken in meine Tasche schließe, daß sie nicht echt sind! Ihre Münzen, Herr Wirth, haben alle denselben Weg gemacht! Ob der Rost von der Magensäure einer Gans kommt oder von den allerdings längern Gedärmen wirklicher Jahrhunderte, das ist eins! Lassen Sie's nur so und – glauben wir's!

Sie setzte ihren Hut auf und band den Schleier darüber. Beim Bezahlen der Zeche erscholl plötzlich aus der Ferne ein lieblicher Gesang. Sanfte Accorde wallten durch die sonnige Luft. Es war ein Kirchengesang von jener getragenen Einfachheit, die etwas Kindliches und in den kurzen, zwischen den Strophen liegenden Pausen etwas Ländliches hat, nach Art der Schifferlieder auf den italienischen Seen.

Woher kommt das? fragte Lucinde.

Es sind die jungen Mädchen aus dem Englischen Fräuleinstift auf der Insel Lindenwerth drüben! sagte der Wirth und 18 zeigte auf einen weit über den Spiegel des Stroms hinweg aufragenden Kirchthurm. Die Englischen Fräulein, setzte er erklärend hinzu, halten das Stift seit ein paar Jahren. Sie kommen oft mit den Kindern herüber in die neue Kapelle da oben!

Lucinde blickte auf den schönen Bau, erinnerte an ihren Einspänner und wollte gehen. Das Erbieten des Wirthes, sie zu führen, lehnte sie mit ihrer frühern, jetzt zurückkehrenden Bestimmtheit ab. Der freundliche, von seinem Gaste, wie selten von einem solchen flüchtigen Ankömmling, unterhaltene und nicht ungebildete Mann hätte sie gern zurückgehalten, gern, wie er selbst sagte, noch vom Sarg des alten Mevissen mit ihr gesprochen; sie hatte aber gezahlt, übergab, zur Verladung vorn auf das Gefährt, ihren Koffer, sah sich noch einmal um, ob sie nichts vergessen hatte, und verließ den Garten ohne weitere gemüthliche Anknüpfung. Sie begab sich zwischen einer Reihe kleiner Sträucher und dem mit ruhigem Sonnenglanz überwobenen, von berg- und thalwärts gehenden Schiffen belebten Strom auf den am Ende des Ortes liegenden Hügel, zur Kapelle des heiligen Maximinus. Man hätte fast annehmen mögen, der fromme Gesang mahnte sie, ihrem bizarren und skeptischen Humor endlich Einhalt zu thun.

Vor einem Crucifix am Aufgang zur Kapelle wollte sie sich in Andacht verneigen, sah aber auf der unter demselben befindlichen Bank den Gipsfigurenhändler und seinen Sohn sich ausruhen. Jener rief ihr freundlich winkend und die Stirn trocknend zu:

Fa caldo!

Kommt Ihr nicht ins Land hinein? fragte sie und zeigte über die Berge.

Si, Signora!

Nach Kocher am Fall?

Si! Si!

19 Kennt Ihr dort die Dechanei? An der Kathedrale St.-Zeno?

Der Italiener schien aufs angenehmste an einen seiner besten Kunden erinnert, an den Dechanten von Asselyn.

Un compratore dei Santi? fragte sie scherzend.

Der Italiener schüttelte den Kopf und machte eine schlaue Miene, als wenn der Dechant einen völlig andern Geschmack hätte.

Lucinde horchte der Charakteristik des Dechanten von Kocher am Fall, sagte aber jetzt fast wie eine Fromme:

Kommt zu Lucinde Schwarz in Kocher am Fall! Ich wohne in der Dechanei des heiligen Zeno! Ich will Euch den Moses da des Michel Angelo abkaufen!

Der Italiener nickte befriedigt. Lucinde stieg zur Kapelle hinauf.

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