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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Der wunderthätige Magus

Pedro Calderón de la Barca: Der wunderthätige Magus - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. I
authorPedro Calderón de la Barca
translatorJohann Diederich Gries
firstpub1817
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer wunderthätige Magus
pages33-138
created20050531
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Zweiter Aufzug.

Platz vor Lysanders Hause.

Cyprianus, Clarin und Moscon treten auf, alle in Festkleidern.

Cyprianus. Meine schwindelnden Gedanken,
Wohin, wohin reißt ihr mich?
Wisset ihr doch sicherlich,
Wahnsinn eines Fieberkranken
Sei so frecher Kühnheit Grund,
Wann ihr, stolz gen Himmel wallend,
Dann, auf einmal niederfallend,
Stürzt hinab zum Höllenschlund.
Ach! mein Auge sah Justinen
In so heil'gem Glanz! O wäre
Dieses Licht der vierten Sphäre
Nimmer, nimmer mir erschienen!
Ihre Hand begehren zwei,
Keiner sie dem andern lassend,
Und ich, alle beide hassend,
Weiß nicht, wer mein Gegner sei;
Weiß nur, daß des Argwohns Bangen
Aus Verschmähung mich in Glut,
Aus Beleidigung in Wut
Peitscht mit grimmen Höllenschlangen.
Nichts als dies kann ich erkennen;
Und seit diese Qual begann,
Ist Justina mein Tyrann,
Muß ich für Justina brennen. –
Moscon!

Moscon.         Herr?

Cyprianus.               Sieh nach Lysandern,
Ob er heim ist.

Moscon.                   Wohl.

Clarin.                                 Wohl nein!
Ich muß gehn; denn dahinein
Darf der Moscon heut nicht wandern.

Cyprianus. Muß eur Zank zu jeder Frist
Mich beläst'gen, frech und dumm?
Warum darf er nicht? Warum?

Clarin. Herr, weil heut sein Tag nicht ist,
Sondern meiner; gern besorgen
Werd' ich, was dein Mund gebeut,
Denn ich darf hineingehn heut,
Aber Moscon nicht vor morgen.

Cyprianus. Welche Thorheit neuer Art
Soll ich, zu dem Zank, noch leiden?
Gehn soll keiner nun von beiden,
Denn ihr Glanzlicht offenbart
Dort Justina.

Clarin.                 Von der Gasse
Geht sie in ihr Haus.

Justina und Livia treten auf, in Mänteln, von der Gasse kommend.

Justina.                             Weh mir!
Livia, Cyprianus hier!

Cyprianus (für sich). Daß ich nur nicht merken lasse,
Wie mich Eifersucht verzehrt,
Eh ich besser sie ergründet!
Nur die Liebe sei verkündet,
Wenn's die Eifersucht gewährt. –
(Laut.) Herrin, nicht umsonst, fürwahr,
Hat sich meine Tracht verwandelt,
Daß ich, als Eur Knecht behandelt,
Euch zu Füßen immerdar
Dienen mag. Sei meinen Trieben
Dies zum mindsten nicht geraubt!
Euch zu dienen, sei erlaubt,
Da Ihr nicht erlaubt, zu lieben.

Justina. Ueber Euch, Herr, wenig Macht
Hat mein Wort, so wie ich sehe;
Da es nicht einmal . . .

Cyprianus.                         O wehe!

Justina. Zum Vergessen Euch gebracht.
Cyprianus, sagt, wie stelle
Ich Euch vor, es sei vergebens
Die Beharrlichkeit des Strebens,
Das Euch bannt an meine Schwelle?
Bliebt Ihr Tage, Monde, Jahre
Und Jahrhunderte noch hier,
Dennoch hoffet nie von mir,
Daß ich glimpflicher verfahre;
Denn so hart ist meine Not,
So die Strenge mein Tyrann,
Daß ich nicht Euch lieben kann,
Cyprianus, als im Tod. (Sie geht ins Haus.)

Cyprianus. Wahrlich, diese Hoffnung ist
Mir ein teurer Trost geblieben;
Wollt Ihr mich im Tode lieben,
Setzet Ihr mir kurze Frist.
Wohl, es sei! Euch zu erwerben,
Naht die Zeit mir bald heran;
Fanget Ihr zu lieben an,
Denn schon fang' ich an, zu sterben.

Clarin. Livia, da mein Herr einstweilen
Steht wie ein Skelet, das lebt,
Und, in Gram versunken, strebt
Sich vom Liebeswahn zu heilen,
So umarme mich.

Livia.                           Geduld!
Denn vor allem muß ich wissen,
Ob dein Tag ist; mein Gewissen
Halt' ich gerne frei von Schuld.
Freitag, ja; Sonnabend, nein. (An den Fingern zählend.)

Clarin. Nun, was hast du noch zu zählen?
Moscon schweigt ja.

Livia.                               Er kann fehlen,
Aber ich will sicher sein;
Denn Gerechtigkeit muß leben,
Und nie soll mich mein Gericht
Strafen, weil ich jedem nicht,
Was ihm zugehört, gegeben.
Doch heut kann's dem Recht nicht schaden,
's ist dein Tag.

Clarin.                   Umarme mich!

Livia (ihn umarmend).
Tausendmal umarm' ich dich.

Moscon. Meine Fürstin, Ihro Gnaden!
Seht, mit welcher Liebesmacht
Ihro Gnaden ihn umfangen;
Was ich sag', um zu erlangen,
Daß Ihr's morgen auch so macht.

Livia. Daß ich Euch nicht Gnüge leiste,
Dieser Argwohn thut mir weh.
Hüte Jupiter, daß je
Ich des Frevels mich erdreiste,
Mehr für diesen zu erwarmen,
Als für den; kommt Eure Zeit,
Nach der strengsten Billigkeit
Werd' ich dann auch Euch umarmen. (Sie geht ins Haus.)

Clarin. Nun, zum mindsten muß dergleichen
Ich nicht sehn.

Moscon.                   Was liegt daran?
Sag', ob's mich beschimpfen kann,
Zuzusehen solchen Streichen,
Ist das Mädchen nur nicht mein?

Clarin. Nein.

Moscon.         Dahero, wie ich sage,
Was nicht ist an meinem Tage,
Kann mir nicht zum Schaden sein.
Doch, wie in Gedanken hier
Unser Herr versinkt!

Clarin.                             Ich will
Horchen, wenn er spricht; sei still!

Moscon. Ich will's auch thun.

(Indem sie von verschiedenen Seiten sich dem Cyprianus nähern, macht dieser eine heftige Belegung mit den Armen und trifft sie beide.)

Cyprianus.                               Wehe mir,
Daß ich jeden Trost verliere!

Clarin. Wehe mir!

Moscon.                 Und weh mir auch!

Clarin. Diesen Ort nennt künft'ger Brauch
Füglich: Land der Wehemire.

Cyprianus. Wart ihr beide hier soeben?

Clarin. Freilich war ich hier, ich schwöre.

Moscon. Ich auch, ganz.

Cyprianus.                     Unglück, zerstöre
Auf einmal mein elend Leben!
Hat ein menschlich Herz so eigen
Je gemartert sich gesehn?

Clarin. Moscon, sprich, wohin wir gehn.

Moscon. Wenn wir da sind, wird sich's zeigen.
Doch, zur Stadt hinaus spazieren
Laß uns jetzt.

Clarin.                   Aufs Land hinaus?
Unnütz wär' uns das durchaus,
Da wir beide nicht studieren.

Cyprianus. Geh zu Haus, Clarin.

Moscon.                                         Und ich?

Clarin. Gelt, du dächtest hier zu passen?

Cyprianus. Beide sollt ihr mich verlassen.

Clarin. Gehen heißt er dich wie mich. (Die Diener ab.)

Cyprianus. Dunkle Bilder meiner Seele,
Waltet nicht so mächtig hier,
Mich beredend, daß in mir
Jetzt ein andrer Geist befehle!
Götzendienst, Ehrgeiz umgraute
Meinen Blick, seit mir's geschah,
Daß ich eine Schönheit sah,
Daß ich eine Gottheit schaute;
Doch zweideut'ge Strenge schreckt
Also die verworrnen Triebe,
Daß ich weiß zwar, wer mir Liebe,
Nicht, wer Eifersucht mir weckt.
Und so die Vernunft entwunden
Hat mir diese Leidenschaft,
So ist jede Sinneskraft
Mir in dieser Angst entschwunden,
Daß ich (denn ein kühner Mann
Wird stets seiner Zagheit Meister)
Selbst dem teuflischsten der Geister
(Ja, die Hölle ruf' ich all!)
Daß ich ihm, da Qual und Pein
Schon mich rettungslos umschließen,
Gäb', um dies Weib zu genießen,
Meine Seele.

Dämon (von innen).   Sie sei mein!

(Es erhebt sich ein Ungewitter mit Donner und Blitz.)

Cyprianus. Was, Himmel, muß ich schauen?
Bist du zugleich nun heiter und voll Grauen?
Der Tag hüllt sich in Dunkel,
Und Donner, Blitz und Wetterstrahlgefunkel
Gebären tausend Schrecken,
Die länger nicht ihr Schoß vermag zu decken.
Der Himmel gürtet sich mit Wolkenzonen,
Und grauenschwanger, will er nicht verschonen
Des Berges krauses Haupt mit wildem Streite.
Des Horizontes Weite
Ist Aetnas Schlund, ein Nebelungeheuer
Die Sonne, Dampf die Luft, der Himmel Feuer.
Bin ich so lang', o Weisheit! dir entfremdet,
Daß dieses Tages Wirkung mich befremdet?
Hoch über Wolken scheint das Meer in Haufen
Von Trümmern zu zerlaufen;
Denn wirbelnd treibt es über Windesräume,
In leichten Flocken, Aschen gleich, die Schäume. –
Ein scheiternd Schiff, von Winden
Gejagt, weiß auf dem Meer nicht Raum zu finden;
Denn nichts dient sichrer ihm zum Schirm und Schilde,
Als wenn es flieht des Ports unsichre Milde.
Das Hilferufen, Angstgeseufz und Klagen
Scheint gräßlich anzusagen
Den nahen Tod, nur zögernd mit Verderben,
Damit die Harrenden noch länger sterben.
Nicht Himmel bloß und Elemente, schauen
Läßt auch der Tod ein wunderhaftes Grauen;
Denn sicher dient der Sturm ihm zum Gewande,
Und rettungslos treibt er das Schiff zum Strande.
Jetzt stößt es an die Erde!
Daß nicht das Meer allein ihm furchtbar werde,
Dräut ihm ein Fels entgegen,
Um neuen wilden Krieg ihm zu erregen,
Damit der Schaum sich färb' aus blut'ger Wunde.

(Der Sturm braust heftiger.)

Stimmen (hinter der Szene).
Wir alle gehn zu Grunde!

Dämon (hinter der Szene).
Zu meines Zwecks Gelingen,
Soll dieses Brett mich an das Ufer bringen.

Cyprianus. Dem wilden Meer zum Staunen,
Entrinnt ein Mensch, verspottend seine Launen.
Allein das Schiff, bedeckt vom Flutenschwalle,
Sinkt unter, suchend der Tritonen Halle,
Und ist, im Sturz der Wogen,
Leichnam des Meers, in Trümmer ganz zerflogen.

Der Dämon tritt auf, durchnäßt, wie aus dem Meere kommend.

Dämon (für sich). Meinen Vorsatz zu vollstrecken,
Mußt' ich ihn mit Truggebilden
Auf saphirenen Gefilden
Täuschen durch dies Wunderschrecken;
Und nun, ihm mit neuen Streichen
Drohend, nicht in der Gestalt,
Die er sah, als dort im Wald
Ihm mein Wissen mußte weichen,
Komm' ich her, und besser werde
Jetzt ich nntzen, als Getriebe,
Seine Wißbegier und Liebe. –
(Laut.) Gib, o süße Mutter Erde,
Schutz mir vor dem Ungeheuer,
Das mich von sich speit in Wut!

Cyprianus. Freund, belebe deinen Mut!
Halte deinen Geist von neuer
Qualerinnerung verschont,
Und in deiner größten Trauer
Sieh, daß keines Glückes Dauer
Sei zu hoffen unterm Mond.

Dämon. Wer bist du, zu dessen Füßen
Mich mein Schicksal hat geführt?

Cyprianus. Einer, den dein Unglück rührt,
Der dein Leiden zu versüßen
Wünscht und hofft mit Zuversicht.

Dämon. Ganz umsonst ist dein Verlangen;
Nie Erleichtrung kann empfangen
Meine Qual.

Cyprianus.           Und warum nicht?

Dämon. All mein Gut ist nun dahin;
Doch ich will nicht Klag' erheben,
Denn Erinnerung und Leben
Geb' ich dem Vergessen hin.

Cyprianus. Jetzo, da nicht mehr der wilde
Sturm durchtobt des Meeres Hallen
Und der Himmel, hell, kristallen,
Wiederkehrt zur vor'gen Milde
So geschwind, als ob man sollte
Denken bei so kurzer Wut,
Daß ihr Toben in die Flut
Nur dein Schiff versenken wollte:
Laß mich wissen, wer du bist,
Meinem Mitgefühl zum Frommen.

Dämon. Mehr wohl kostet mich mein Kommen,
Als zu sagen möglich ist,
Viel mehr, als dein Auge sah;
Denn bei solchem Leid, wie meines,
Ist der Schiffbruch nur ein kleines.
Willst du sehn, ob's wahr ist?

Cyprianus.                                     Ja.

Dämon. Ich bin, da du's wissen willst,
Inbegriff und Wunderkrone
So des Unglücks, drob ich weine,
Als des Glücks, das ich verloren.
So war glänzend ich durch Gaben,
So durch Herrlichkeit gehoben,
So geadelt durch Entstammung
Und durch Weisheit so vollkommen,
Daß in seiner Huld ein König,
Er, der Höchste aller Hohen,
Weil vor ihm sie alle zittern,
Sehn sein Antlitz sie von Zorne
Glühn in seiner Burg, bedeckt
Mit Demanten und Pyropen
(Und wenn man sie Sterne nennte,
Wär' es nicht zu kühn gesprochen),
Mich erkor zu seinem Günstling;
Welche große Huld zu solchem
Uebermut mein Herz entflammte,
Daß ich, nach der Königskrone
Strebend, setzen meine Füße
Wollt' auf seine goldnen Throne.
Daß es war tollkühnes Trachten,
Hat die Zücht'gung mir erprobet.
Ich entwich als Thor, doch wäre
Thörichter, bereu'n zu wollen;
Denn ich will in meinem Trotz,
Bei dem Starrsinn meines Stolzes,
Lieber doch als Mut'ger fallen,
Denn als Zagender gehorchen.
War's Verwegenheit, so fehlt' es
Doch nicht so mir an Genossen,
Daß nicht seiner Kronvasallen
Viele sich zu mir gerottet.
Kurz, besiegt, wenn gleich zum Teile
Sieger noch, mußt' ich vom Hofe
Fortziehn, sprühend aus den Augen,
Aus dem Munde gift'ge Tropfen
Und für solchen offenkund'gen
Schimpf grausame Rache drohend,
Stiftend unter seinen Völkern
Aufruhr, Räuberei'n und Morde.
Nun, ein blutiger Pirat,
Streif' ich durch des Meeres Wogen,
Als ein Argus seiner Klippen,
Als ein Lynceus seiner Golfe.
Auf dem Schiffe, das der Wind
Hat in leichte Luft zerstoben,
Auf dem Schiffe, das im Meer
Trümmer ohne Staub geworden,
Streift' ich heut durch die kristallnen
Fluren hin, um unverdrossen,
Stein vor Stein und Stamm vor Stamm,
Ein Gebirge zu durchforschen;
Weil auf ihm ein Mensch verweilet,
Den ich such', um einem Worte,
Das er gab und das ich annahm,
Die Erfüllung einzufordern.
Da ergriff mich dieser Sturm;
Und wenn gleich mein wundervoller
Geist auf einmal konnte fesseln
Wind' aus Ost, aus Süd und Norden,
Dennoch, andrer Zwecke wegen,
Wollt' ich nicht, obschon verloren,
In anmut'ger Weste Hauch
Sie verwandeln jetzt; ich konnt' es,
Sag' ich, und ich wollt' es nicht.
(Beiseite.) (Dies soll seinen Geist, ich hoffe,
Arg bestricken, denn ich mache
So ihn der Magie gewogen.)
(Laut.) Staune nicht ob meinem Grimme,
Nicht ob seinen Wunderfolgen;
Denn im Zorne wär' ich fähig,
Auch mich selber zu ermorden,
Sollte nicht mein Wissen Graun
Noch verleihn der hellen Sonne.
Der Magie bin ich so mächtig,
Daß ich der Gestirne volle
Kenntnis habe; Zug vor Zug
Hab' ich alle sie durchforschet.
Und damit du nicht vermutest,
Daß ich ohne Grund mich lobe:
Sprich, soll jetzt im Augenblick
Dieser unbebaute, rohe
Felsen-Nimrod, schreckensreicher
Als einst jener babylon'sche,
Mildern dir sein Graun und doch nicht
Abthun seine Wälderkrone?
Der bin ich, verwaister Gastfreund
Dieser Erlen, dieser Ornen;
Und obwohl ich's bin, doch will ich
Knieend deinen Beistand fordern,
Und ich will für solche Gabe
Dir ein Gut verleihn, erworben
Durch die Mühe meiner Forschung,
Die sich stützt auf sichre Proben;
Denn herbeiziehn will ich dir,
(beiseite) Dies soll seine Liebe locken –
Was dein geizigstes Verlangen,
Deiner Wünsche kühnster fordert.
Und wofern, blöd' oder höflich,
Du verschmähst, was ich geboten,
Labe denn dich am Verlangen,
Wenn ich's nicht dir tilgen konnte.
Denn um deines Mitleids willen,
Das ich dankbar wahrgenommen,
Bleib' ich nun so fest dein Freund,
Daß fortan nicht der Erfolge
Wechselnd Ungeheur, das Glück,
Das, verlästert und erhoben,
Günstig und ungünstig, Kargheit
So wie Großmut läßt erproben:
Noch die Zeit, im steten Tagwerk
Ihren ew'gen Kreis verfolgend,
Der Jahrhunderte Magnet:
Noch der Himmel selbst, der hohe
Himmel, der die Welt so herrlich
Schmückt durch seine Sternengloben,
Mich von deiner Seit' auf einen
Augenblick entfernen sollen,
Wenn du hier mir Schutz verleihest;
Doch dies sind nur schwache Worte
Gegen das, was ich gewähre,
Wenn, was ich gewünscht, erfolget.

Cyprianus. Wohl muß ich hohen Dank dem Meere sagen,
Das dich, vom Weg verschlagen,
Ließ dies Gebirg' erreichen,
Wo du die klaren Zeichen
Der dir geweihten Freundschaft wirst erkennen,
Darf ich Beglückter meinen Gast dich nennen.
Komm mit mir denn, ich bitte;
Schon acht' ich dich als Freund von echter Sitte,
Solange dir mein Haus mag dienstlich scheinen,
Sei du mein Gast.

Dämon.                       Schon nimmst du als den deinen
Mich auf?

Cyprianus (ihn umarmend).   Des Arms Umwindung
Knüpf' unsrer Freundschaft ewige Verbindung! –
(Beiseite.) O könnt' ich ihn doch lenken,
Mir Unterricht in der Magie zu schenken!
Durch sie vielleicht geläng' es meiner Liebe,
Daß sie zum Teil doch meine Qual vertriebe;
Vielleicht auch könnt' es ihr durch sie gelingen,
Was diese Qual bewirkt, ganz zu erringen,
Was mich zur Wut, zum Rasen treibt, zum Bangen!

Dämon (beiseite). Schon halten Lieb' und Wißgier ihn gefangen.

Clarin und Moscon treten auf, von verschiedenen Seiten herbeilaufend.

Clarin. Herr, lebst du noch?

Moscon.                                 Das nenn' ich Höflichkeiten
Zu ungelegnen Zeiten!
Du siehst ihn ja, so muß er wohl noch leben.

Clarin. Den Ausdruck des Erstaunens braucht' ich eben,
Edler Lakai, erwägend dieses Wunder,
Daß ihm von allen Blitzen, so jetzunder
Getroffen diesen Berg, kein Leid geschehen.

Moscon. Beruhigt dich denn das nicht, ihn zu sehen?

Cyprianus (zum Dämon). Mir dienen diese beiden. –
(Zu den Dienern.)
Weswegens kommt ihr wieder?

Moscon.                                               Dir zum Leiden.

Dämon. Sie sind von lust'gem Sinn.

Cyprianus.                                         Um mich zu quälen,
Läßt's keiner je an Albernheiten fehlen.

Moscon. Herr, sag' uns im Vertrauen,
Wer ist der Mann?

Cyprianus.                   Mein Gast; laßt euch nicht grauen.

Clarin. Warum denn jetzt mit Gästen dich befassen?

Cyprianus. Des Mannes Wert kann dein Verstand nicht fassen.

Moscon. Mein Herr hat recht; bist du vielleicht sein Erbe?

Clarin. Das nicht; doch das Gewerbe
Wird dieser Gast, wenn ich nicht irre, treiben,
Ein Jahr im Haus, und noch ein Jahr, zu bleiben.

Moscon. Dein Grund?

Clarin.                         Von einem Gast, der vor dem Schmause
Davon geht, sagt man: er erregt im Hause
Nicht vielen Rauch; doch der . . .

Moscon.                                                 Sprich!

Clarin.                                                               Wird hingegen . . .

Moscon. Was?

Clarin.             Uns im Hause vielen Rauch erregen.

Cyprianus. Um von dem Zorn der Wellen
Und ihrem Unglimpf jetzt dich herzustellen,
Begleite mich.

Dämon.                   Nach dir werd' ich mich richten.

Cyprianus. Ich will dich pflegen; komm! (ab.)

Dämon (für sich).                                       Ich dich vernichten:
Und da zu deiner Nähe
Den Zugang schon ich mir geöffnet sehe,
So soll nun meiner Rache Wut beizeiten
Justinen auch den Untergang bereiten. (ab.)

Clarin. Weißt du wohl, was ich dachte?

Moscon. Nun?

Clarin.             Sicher, als vorhin die Erd' erkrachte,
Barst ein Vulkan; es riecht so stark nach Schwefel.

Moscon. Das kommt vom Gaste, glaub' ich ohne Frevel.

Clarin. Er führt schlecht Räucherwerk; doch ich vermute
Den Grund.

Moscon.             Sag' an!

Clarin.                             Gewißlich hat der Gute
Die Krätze wohl und salbte, will ich schwören,
Mit Schwefelsalbe sich.

Moscon.                                 Das läßt sich hören. (Beide ab.)

Lälius und Fabius treten auf.

Fabius. Kommst du wiederum hieher?

Lälius. Hier verlor ich ja mein Leben,
Hier es suchen ist mein Streben;
Lieb', o fänd' ich's nimmermehr!
Weh mir!

Fabius.           Zu Justinens Wohnung
Führten dich die alten Triebe.

Lälius. Wohl; denn heut soll meine Liebe
Sich erklären sonder Schonung.
Sah ich, daß sie sich bei Nacht
Andern zu vertrauen wage,
So ist's wenig, daß bei Tage
Nun mein Kummer Luft sich macht. –
Besser ist es, unbegleitet
Dort zu sein; drum geh nur, Alter.
Da mein Vater, als Statthalter,
Dieses Orts Verwaltung leitet,
Darf ich wohl – denn mich entraffen
Zorn und Wut zu wildem Graus –
Eingehn in Justinens Haus
Und Genugthuung mir schaffen. (Fabius geht ab.)

Lälius geht auf das Haus zu; indem tritt Justina heraus.

Justina (ins Haus sprechend).
Livia . . . (sie erblickt den Lälius).
                Wer ist's, den ich sehe?

Lälius. Ich.

Justina.       Zu wie verwegnem Schritte
Hat Verachtung aller Sitte
Dich gereizt?

Lälius.                   Wenn ich vergehe,
Ganz verzehrt von Eifersucht,
Glaubst du, daß ich schüchtern bliebe?
O vergib! denn mit der Liebe
Nahm die Achtung auch die Flucht.

Justina. Mit wie rasendem Beginnen
Dringst du . . .

Lälius.                     Mich zernagt die Wut!

Justina. Frecher . . .

Lälius.                       Ha, wie kocht mein Blut!

Justina. Hier herein?

Lälius.                         Ich bin von Sinnen!

Justina. Und bedenkest nicht, wie sehr
Meinem Ruf dies freche Spiel
Muß . . .

Lälius.           Sei ruhig, denn nicht viel
Hast du zu verlieren mehr.

Justina. Lälius, meiner Ehr' hab acht!

Lälius. Ha, Justina, besser sagen
Würdst du diese deine Klagen
Dem, der vom Balkon bei Nacht
Niedersteigt; denn du sollst wissen,
Daß ich deinen Leichtsinn weiß,
Damit länger nicht der Preis
Meiner Liebe werd' entrissen
Von der Starrheit deiner Ehre;
Wenn sie gleich mir strenger ist,
Weil du andern günstig bist,
Als weil sie so kitzlich wäre.

Justina. Schweige, schweige, sprich nicht zu!
Wer wagt's, in mein Haus zu brechen?
Wer, durch Handeln oder Sprechen,
Mich zu schmähn? So blind bist du,
So von tollem Wahn umnachtet,
Daß du wolltest durch Erdichten
Leeren Trugs den Glanz vernichten,
Der die Sonne selbst nicht achtet?
Hier ein Mann im Hause?

Lälius.                                       Ja.

Justina. Vom Balkon herab?

Lälius.                                     Bewähre
Dir's mein Schmerz!

Justina.                             Beschütz', o Ehre,
Dich und mich vor diesem da!

Der Dämon tritt aus der Thüre von Justinens Hause, ihr im Rücken.

Dämon (für sich). Jetzo führ' ich, wutentglommen,
Meinen Doppelvorsatz aus,
Und durch mich soll dieses Haus
Nun um Ehr' und Ansehn kommen.
Diesen Liebenden umstricken
Grimm und Zorn; und daß sein Blut
Heft'ger noch gerat' in Glut,
Zeig' ich jetzt mich seinen Blicken,
Um sodann, wenn er mich sah,
Schnell ins Haus zurück zu springen.

(Er thut, als wollte er aus dem Hause gehn, und da Lälius ihn erblickt, verhüllt er sich und geht schnell wieder hinein.)

Justina (die den Dämon nicht gesehen, zu Lälius).
Kommst du, Mensch, mich umzubringen?

Lälius (in heftiger Bewegung).
Nein, zu sterben.

Justina.                       Was geschah,
Das aufs neue dich verwandelt?

Lälius. Ich erblicke deinen Trug;
Sage jetzt, es sei nur Lug,
Daß du schmählich mich behandelt.
Eben aus dem Hause schleichen
Wollt' ein Mann; und wie er mich
Ward gewahr, verhüllt' er sich
Und ging schnell zurück.

Justina.                                   Ein Zeichen,
Daß Gebilde sonder Wahrheit
Du dir schaffest.

(Lälius will ins Haus gehen, Justina hält ihn zurück.)

Lälius.                         Eitle Macht!

Justina. Lälius, gnügt' es nicht bei Nacht?
Denkest du, des Lichtes Klarheit
Auch bei Tage zu betrügen?

Lälius. Mag's Betrug sein, oder nicht:
Sehn will ich der Wahrheit Licht.

(Er macht sich von ihr los und geht in das Haus.)

Justina. Ich will diesem Schritt mich fügen,
Daß, gestützt auf solch Erlauben,
Wiedergeben nun der Tag
Mir den Glanz der Unschuld mag,
So die Nacht mir wollte rauben.

Lysander tritt auf, von der Gasse her.

Lysander. Ha, Justina!

Justina (beiseite).           Das noch fehlte!
Weh, wenn Lälius, da Lysander
Hier ist, aus dem Hause tritt!

Lysander. Meine Leiden, meine Qualen,
Lindern will ich sie bei dir.

Justina. Was ist dir geschehn? Dein Antlitz
Zeugt von Gram und tiefer Trauer.

Lysander. Ach! kein Wunder wär's, zerkrampfte
Sich mein Herz; nicht weiter gehen
Läßt mich dieser bittre Jammer.

(Er setzt sich im Vordergrunde nieder.)

Lälius kommt wieder aus dem Hause.

Lälius (für sich). Jetzo glaub' ich in der That,
Eifersucht schafft Traumgestalten;
Denn der Mann, den ich gesehen,
Ist im Hause nicht, auch hatt' er
Keinen Ausgang.

Justina (leise zu Lälius).   Nahe nicht,
Lälius; denn hier ist mein Vater.

Lälius. Warten, bis er weggeht, will ich,
Schon geheilt von meinen Plagen.

(Er tritt in den Hintergrund.)

Justina (zu Lysander). Herr, was seufzest du und weinest?
Was bedrücket, was zernagt dich?

Lysander. Mich bedrückt der schwerste Kummer,
Mich zernagt der tiefste Jammer,
Den je weiches Mitleid sah,
Seit mit Schaudern ich gewahrte,
In wie viel unschuld'gem Blut
Jetzt die Grausamkeit sich badet.
Dem Statthalter übersendet
Kaiser Decius ein furchtbares
Mordgebot – ich kann nicht reden.

Justina (beiseite). Wer sah je so bittre Qualen!
Tief bekümmert um der Christen
Schweres Leid, läßt sich Lysander
Zu mir aus und ahnet nicht
Als Zuhörer seiner Klagen
Lälius, des Statthalters Sohn.

Lysander. Kurz, Justina . . .

Justina.                                 Unterlasse,
Herr, wenn dies so sehr dich schmerzet,
Im Gespräche fortzufahren.

Lysander. Laß mich alles dir verkünden,
Dies wird mir Erleichtrung schaffen.
Er befiehlt . . .

Justina.                   Nicht weiter, Herr;
Billig ist es ja, dein Alter
Durch mehr Ruhe zu erquicken.

Lysander. Wenn ich, daß du mit mir tragest
Diese Last gewalt'ger Schmerzen,
Die mich schier zu Tode martern,
Dir die grausamste Verordnung
Melde, die am Tiberstrande
Je geschrieben ward mit Blut,
Zu besudeln seine Wasser:
Lenkest du mich ab? Justina,
Ehmals hörtest du auf andre
Weise meine Klagen.

Justina.                             Herr,
Auch die Zeiten wohl sind anders.

Lälius. Nur in abgebrochnen Worten
Hör' ich, was sie dort sich sagen.

Florus tritt auf.

Florus (für sich). Freiheit hat ein Eifersücht'ger,
Welcher kommt, um zu entlarven
Eine heuchlerische Tugend,
Ohn' auf Ehrfurcht mehr zu achten.
Dieser Vorsatz führt mich her . . .
Aber bei ihr ist ihr Vater;
Andre Zeit will er erspähn.

Lysander. Wer will dieser Schwelle nahen?

Florus (beiseite). Wehe mir! Ich kann nicht wieder
Gehn, ohn' etwas ihm zu sagen.
Suchen muß ich einen Vorwand. –
(Laut.) Ich bin's.

Lysander.                 Du bei mir?

Florus.                                           Ich habe,
Wenn du es vergönnst, dir Dinge
Von Bedeutung vorzutragen.

Justina (beiseite). Habe Mitleid mit mir, Schicksal!
Wahrlich, hart ist meine Lage.

Lysander. Nun, was willst du mir?

Florus (beiseite).                               Was red' ich,
Das mich dieser Not entraffe?

Lälius (im Hintergrunde). Florus, in Justinens Hause
Kühnlich ein- und ausgelassen?
Nein, nicht ohne Grund ist jene
Eifersucht; hier ist die wahre.

Lysander (zu Florus). Wie? dein Angesicht erbleicht?

Florus. Staune, wundre dich nicht lange;
Denn ich muß dir eine Kunde
Bringen, die dein Leben angeht:
Einen Feind besitzest du,
Der nach deinem Tode trachtet;
Laß dir, was ich sage, gnügen.

Lysander (beiseite). Florus hat gewiß erfahren,
Ich sei Christ, und kommt deshalb,
Um vor der Gefahr zu warnen,
Die mir droht. – (Laut.) Sprich weiter, Florus,
Und verbirg nur nichts von allem.

Livia tritt auf.

Livia. Herr, der Statthalter gebot mir,
Dich sogleich zu ihm zu laden,
Und er wartet an der Thür.

Florus. Besser, daß ich deiner harre;
(beiseite) (Unterdes ersinn' ich Täuschung)
Suche bald dich loszumachen.

Lysander. Dank für deine Höflichkeit!
Einen Augenblick nur warte. (ab.)

Florus (zu Justinen). Ha, bist du die Tugendreiche,
Die gelinder Lüfte sanfte
Schmeichelei als unerträglich
Rauhe Mißhandlung betrachtet?
Wie denn konntest du der Ehre
Und des Hauses Schlüssel andern
Ueberliefern?

Justina.                 Florus, schweige!
Lästre nicht so frechermaßen
Einen Ruf, den selbst die Sonne,
Nach dem schärfsten Prüfungsbade,
Hell und lauter fand.

Florus.                               Zu spät
Kommt dies übermäß'ge Prahlen;
Denn schon weiß ich, wem du freien
Zutritt gabst . . .

Justina.                     Das darfst du sagen?

Florus. Ueber den Balkon . . .

Justina.                                   Halt ein!

Florus. In dein Zimmer.

Justina.                           Das ertrag' ich?

Florus. Ja; denn solch ein heuchlerischer
Tugendschein verdient nichts andres.

Lälius (im Hintergrunde).
Florus stieg nicht vom Balkon;
Da wir beid' es nun nicht thaten,
Gibt's noch einen andern Buhlen.

Justina. Lästre nicht, wenn du erhabnen
Bluts dich rühmest, edle Frauen.

Florus. Edle Frau? Wenn in die Arme
Du ihn aufnimmst? Wenn von deinem
Erker ich ihn steigen sahe?
Glanz besiegte dich; denn weil
Der Statthalter ist sein Vater,
Riß dich fort die Eitelkeit,
Daß der einst gebiet' im Lande . . .

Lälius. Von mir spricht er.

Florus.                               Und nicht sahst du
Auf so manchen größern Mangel
Seiner Sitten, seines Blutes,
Ueberhüllt von Rang und Ansehn.
Aber nimmer . . .

Lälius (tritt hervor).     Laß ab, Florus,
Hinterm Rücken mich zu tadeln!
Denn vom Mitbewerber schlecht
Sprechen, ist der Feigen Sache;
Und ich komm', um dir's zu wehren,
Aufgebracht, daß von so manchen
Zwisten, die wir hatten, keiner
Dich zu töten war im stande.

Justina. Wer sah, ohne Schuld, sich jemals
In so schauderhafter Lage?

Florus. Was ich hinter deinem Rücken,
Auch im Antlitz werd' ich's sagen,
Und unleugbar ist die Wahrheit.

(Beide greifen an den Degen.)

Justina. Lälius, Florus, halt! Was macht ihr?

Lälius. Da nehm' ich Genugtuung,
Wo Beleid'gung ich empfangen.

Florus. Was ich sprach, werd' ich behaupten,
Wo ich's sprach.

Justina.                       O Himmel, schaffe
Rettung mir aus solchem Unglück!

Lälius (zu Florus). Und ich werde dich bestrafen.

(Sie fechten.)

Der Statthalter, Lysander und Gefolge treten auf.

Alle. Haltet ein!

Justina.             Ich Unglücksel'ge!

Statthalter. Was ist dies? Doch, sind die nackten
Schwerter nicht Anzeige gnug,
Um mir Kunde zu verschaffen?

Justina. Welches Unglück!

Lysander.                           Welcher Schmerz!

Lälius. Herr . . .

Statthalter.       Schweig, Lälius; schweige, sag' ich.
Du, mein Sohn, ein Ruhestörer?
Du bedienst dich meiner Gnade,
Um zu schrecken Antiochia?

Lälius. Herr, vernimm . . .

Statthalter (zum Gefolge).   Führt sie von dannen!
Denn Ausnahmen soll's nicht geben;
Und kein Vorrecht höhern Standes
Darf, bei gleichem Grad der Schuld,
Die Bestrafung ungleich machen.

Lälius. Nun, zur Eifersucht, noch Schimpf!

Florus. Qualen fügen sich zu Qualen!

Statthalter (indem man sie abführt).
In verschiedne Kerker bringt sie,
Und mit starker Wache haltet
Beide fest. – Und ist es möglich,
Daß, Lysander, Ihr den Adel
Eurer Seele so beflecket,
Da Ihr zugebt . . .

Lysander.                   Nein, nicht lasset
Durch des Scheines Trug Euch täuschen;
Denn Justina weiß des Handels
Anlaß nicht.

Statthalter.         Wie? So unwissend
Sollt' im Hause sie sich halten,
Da sie schön ist, jene jung?
Ich üb' in so schwerem Falle
Mäßigung, damit's nicht heiße,
Daß ich, leidenschaftlich handelnd,
Als Partei das Urteil spreche. –
(Zu Justinen.) Doch Ihr, Anlaß dieses allen!
Da Ihr schon die Scham verloren,
Werdet Ihr, ich weiß, nicht lange
Die Gelegenheit verzögern,
Die ich wünsch', um zu entlarven
Eure lügenhafte Tugend
Durch wahrhaft'ge Lasterthaten. (Ab mit dem Gefolge.)

Justina. Antwort sei'n Euch meine Thränen.

Lysander. Eitles und zu spätes Klagen!
O wie sehr, Justina, fehlt' ich
Jenes Tags, als ich dir sagte,
Wer du bist! O hätt' ich niemals
Dir verkündet, daß am Rande
Eines Bachs, dort im Gebirge,
Dich zur Welt ein Leichnam brachte!

Justina. Ich . . .

Lysander.         Entschuld'ge dich nur nicht.

Justina. Recht wird mir der Himmel schaffen.

Lysander. Ach, zu spät!

Justina.                           Nein, keine Frist
Kommt zu spät im Erdewallen.

Lysander. Um zu züchtigen das Böse.

Justina. Um zu reinigen das Wahre.

Lysander. Dich verdammet, was ich sah.

Justina. Und dich, was du nicht erkanntest.

Lysander. Laß mich nur; denn sterbend geh' ich,
Daß mich bald mein Schmerz begrabe.

Justina. Sterben dir zu Füßen will ich,
Wirst nur du mich nicht verlassen. (Beide ab.)

 


 
Eine offene Galerie, zur Seite eine Thür, im Hintergrunde eine bergige Landschaft.

Der Dämon, Cyprianus, Clarin und Moscon treten auf.

Dämon. Schon seitdem ich zu dir kam,
Sah ich fern dich vom Vergnügen,
Und in allen deinen Zügen
Malt sich tiefer Seelengram.
Unrecht ist's, dem Trost zu wehren,
Da du dich verbirgst vor mir;
Denn losreißen will ich schier
Alle Klammern jener Sphären,
Um des kleinsten Wunsches willen,
Der dir Qual und Sorge schafft.

Cyprianus. Nimmer ja kann Zauberkraft
Ein unmöglich Streben stillen;
Unvertilgbar ist mein Leid.

Dämon. Schenk' aus Freundschaft mir Vertrauen.

Cyprianus. Wiss', ich lieb' ein Weib.

Dämon.                                               Bei Frauen
Fürchtest du Unmöglichkeit?

Cyprianus. Wüßtest du nur, wer es ist!

Dämon. Aufmerksam horcht dir mein Ohr,
Kommt es gleich mir lustig vor,
Daß du so bedenklich bist.

Cyprianus. Frühe Wieg' am Himmelsrande,
Wann die junge Sonn', erwachend,
Thränen trocknet, heiter lachend
Im Karmin- und Schneegewande:
Grüner Kerker, dessen Bande
Sprengt die Rose, wann der Flur
Sie enthüllt des Maien Spur,
Und, bei kühlem Hauch, der hehren
Morgengöttin Himmelszähren
Lächeln sind für die Natur:
Wiesenbächlein, das nicht fließt
Und nicht darf zu murmeln wähnen,
Selbst nicht zwischen seinen Zähnen,
Weil der Frost sie ihm verschließt:
Nelke, die gen Himmel sprießt,
Ein Gestirn von Meerkorallen:
Frühlingsvogel, der vor allen
Prangt im Farbenschmuck der Glieder,
Schnelle Zither mit Gefieder
Bei der Orgel von Kristallen:
Jäher Fels, der Sonne Kraft
Täuschend, die ihn denkt zu schmelzen,
Doch nur Schnee ihm kann entmälzen,
Nimmer das Gestein entrafft:
Lorbeer, der den starren Schaft
Badet in des Schneees Wogen,
Und, von keiner Furcht betrogen,
Ein Narzissus, grün belaubt,
Hat mit Strahlen sich das Haupt,
Sich den Fuß mit Eis umzogen:
Wiege, Schnee, Karmin, sie alle,
Sonne, Rose, Bach und Au,
Lächeln mit dem Perlentau,
Vogel mit dem Wonneschalle,
Nelke, welche trinkt Kristalle,
Fels, der jedes Feindes lacht,
Lorbeer, der sich Kronen macht
Aus der Sonne goldnem Scheine:
Alle bilden im Vereine
Dieses Weibes Götterpracht.
Ich bin so blind, so besessen,
Daß ich (solltest du es meinen?),
Um ein andrer Mensch zu scheinen,
Andrer Kleidung mich vermessen.
Weisheit gab ich dem Vergessen,
Tugendruhm der Lästerbrut,
Geisteskraft der Liebesglut,
Meinen Thränen das Empfinden,
Meine Hoffnungen den Winden
Und der Schmach mein höchstes Gut.
Ja, ich sagt' und halt' es kühn,
Daß ich einem Geist der Tiefen
Meine Seele will verbriefen
(Schließ auf meines Herzens Glühn!),
Wenn für meine Liebesmühn
Diesen Lohn ich darf erheben.
Doch umsonst ist all mein Streben;
Denn die Seele selbst, ich weiß,
Ist ein zu geringer Preis,
Dafür wird man sie nicht geben.

Dämon. Krönt auch jemals ein Erfolg
Das verzweiflungsvolle Treiben
Solcher Liebenden, die mutlos
Sich beim ersten Angriff zeigen?
Sind so ferne die Exempel
Schöner Frauen, welche neigten
Ihren Uebermut den Bitten,
Ihren Stolz den Schmeicheleien?
Willst du deinen Wunsch im holden
Kerker ihrer Arm' erreichen?

Cyprianus. Kannst du zweifeln?

Dämon.                                       Wohl, so sende
Diese Diener fort, und bleiben
Laß uns beide hier allein.

Cyprianus. Auf! entfernet euch, ihr beiden!

Moscon. Ich gehorche. (ab.)

Clarin.                           Und ich auch. –
(Beiseite.) Satan steckt dem Gast im Leibe!

(Er versteckt sich.)

Cyprianus. Fort sind jene.

Dämon (beiseite).               Daß Clarin
Hier zurückblieb, kann ich leiden.

Cyprianus. Was verlangst du jetzt?

Dämon.                                           Verschließe
Diese Thür.

Cyprianus (nachdem er es gethan).   Nun stört uns keiner.

Dämon. Sagtest du nicht hier, du würdest,
Zu genießen dieses Weibes,
Deine Seele geben?

Cyprianus.                     Ja.

Dämon. Wohl, ich will den Handel eingehn.

Cyprianus. Wie? Was sagst du?

Dämon.                                       Eingehn will ich's.

Cyprianus. Wie?

Dämon.               Da ich dir mitzuteilen
Eine Wissenschaft vermag,
Mittels welcher du herbeiziehn
Kannst die Schöne, die du liebst
(Denn ich kann, obschon so weise,
Sie herbeiziehn keinem andern):
Laß zuvörderst uns mit eignen
Händen die Verschreibung machen.

Cyprianus. Willst du noch durch neue Leiden
Meine bittre Pein verlängern?
Was ich biete, steht in meiner
Hand; doch, was du bietest, nicht
In der deinen; denn, ich weiß es,
Weder Zauber noch Beschwörung
Kann den freien Willen meistern.

Dämon. Nun so schreib auf die Bedingnis
Den Kontrakt mir.

Clarin (verborgen).       Hol's der Geier!
Dieser Teufel ist, nach dem,
Was ich sah, kein ungescheiter.
Ei, Kontrakt? Nun wahrlich, ständen
Meine Zimmer auch ohn' einen
Mietsmann zwanzig Säcula,
Nimmer thät' ich's.

Cyprianus.                   Täuschereien
Sind für frohgestimmte Freunde,
Nicht für solche, die verzweifeln.

Dämon. Wohl, ich geb', um dir mein Können
Und Vermögen zu beweisen,
Dir ein Merkmal, wär's auch nur
Meiner Macht ein schwaches Zeichen.
Was zeigt hier sich deinem Auge?

Cyprianus. Vieler Himmel, viele Weide,
Ein Gebüsch, ein Bach, ein Berg.

Dämon. Was gefällt dir nun am meisten?

Cyprianus. Dieser Berg, weil er als Bild
Der Geliebten mir erscheinet.

Dämon. Stolzer Nebenbuhler du
Der gesamten Jahreszeiten,
Der, als König der Gefilde,
Krönt mit Wolken seine Scheitel,
Rege dich, durchmiß die Lüfte!
Siehe, dir gebeut dein Meister. –
(Zu Cyprianus.) Und sieh, ob du nicht ein Weib
Wirst, wie ich den Berg, herbeiziehn.

(Ein Berg bewegt sich von einer Seite der Bühne zur andern.)

Cyprianus. Nie sah ich ein seltner Wunder,
Nie ein grauenvoller Zeichen!

Clarin. Vor Erstaunen und vor Furcht
Bebt zweimal mein Herz im Leibe.

Dämon. Vogel, der die Luft durchflieget,
Dem als Flügel dienen Zweige,
Schiff, das durch die Lüfte segelt,
Dem Gesträuche dient zu Seilen,
Geh an deinen Ort und laß
Staunen und Bewundrung schweigen!
    (Der Berg kehrt an seinen vorigen Platz zurück.)
Gnügt die Probe nicht, so will ich
Eine zweite noch dir zeigen.
Wünschest du das Weib zu sehen,
Das du liebst?

Cyprianus.             Ja.

Dämon.                         So zerreiße,
Ungeheur der Elemente,
Du dein hartes Eingeweide;
Laß die Schönheit, die dein dunkler
Schoß mir aufbewahrt, erscheinen!
    (Ein Fels öffnet sich, und Justina erscheint schlafend.)
Ist es diese, die du liebst?

Cyprianus. Die, der ich Anbetung weihe.

Dämon. Sieh, ob ich sie dir kann geben,
Da ich so sie kann herbeiziehn.

Cyprianus. Göttlich Weib! in deinen Armen
Will das Zentrum meiner heißen
Lieb' ich finden, Sonne trinkend
Strahl bei Strahl und Schein bei Scheine!

(Indem er sich Justinen nähern will, schließt sich der Fels.)

Dämon. Halt! denn eh du das Versprechen,
Das du gabst, nicht unterzeichnest,
Rührst du sie nicht an.

Cyprianus.                         O harre,
Dunkle Wolke dieser heitern
Sonne, die zum Heil mir aufging!
Doch nur Luft ist's, was ich greife. –
(Zum Dämon.) Ja, ich traue deinem Wissen,
Ja, dir geb' ich ganz mich eigen.
Sprich, was soll ich thun für dich?
Wes bedarfst du?

Dämon.                        Eines Scheines,
Den, zur Vorsicht, deine Hand
Muß mit deinem Blute schreiben.

Clarin. Meine Seele gäb' ich ihm,
Wär' ich nur nicht hier verweilet.

Cyprianus. Dien' als Feder dieser Dolch,
Als Papier dies weiße Leinen,
Und das Blut aus meinem Arme
Dien' als Tinte mir zum Schreiben.

(Er schreibt mit dem Dolche auf ein Schnupftuch, nachdem er sich Blut aus dem Arme gelassen.)

Ich, der große Cyprianus
(Welcher Frost, welch Graun mich peinigt!),
Gebe hin die ew'ge Seele
(Welcher Wahnsinn mich ergreifet!)
Dem, der eine Kunst mich lehret
(Welches Grausen mich durchschneidet!),
Daß ich zu mir her Justinen
Könne ziehn, die strenge Feindin.
Dies bescheiniget mein Name.

Dämon (beiseite). Jetzt ward meinen Täuschereien
Auf das gültigste gehuldigt,
Wenn er gleich an Seel' und Leibe
Zagt' und bebte. – (Laut.) Schon geschrieben
Hast du?

Cyprianus.     Ja, und unterzeichnet. (Er gibt ihm das Tuch.)

Dämon. Dein ist deines Lebens Sonne.

Cyprianus. Dein, auf ew'ge Zeit, ist meine
Seele nun, die ich dir biete.

Dämon. Seele dir für Seel' erteil' ich,
Denn Justinens geb' ich dir
Für die deine.

Cyprianus.             Welche Weile
Nimmst du dir zum Unterricht
Der Magie?

Dämon.             Ein Jahr wird reichen;
Doch beding' ich . . .

Cyprianus.                       Fürchte nichts.

Dämon. Daß auf diese Zeit wir beide
Uns in eine Höhle schließen,
Ohn' ein andres Werk zu treiben
Und ohn' einen andern Diener
Zu gebrauchen, als den einen,
Der aus Neugier sich versteckt (er zieht den Clarin herbei);
Denn, indem wir, ohne weitres,
Diesen mit uns nehmen, sichern
Auf die Art wir das Geheimnis.

Clarin. Wär' ich nie doch hier geblieben!
Warum, da auf Horchereien
Sich so viele Nachbarn legen,
Holt kein Teufel sie bisweilen?

Cyprianus. Trefflich! Wißbegier und Liebe
Haben zwiefach mich bereichert;
Denn Justina wird nun mein,
Und als neuen Wissens Meister,
Werd' ich sein der Erde Staunen.

Dämon. Gut; mein Plan ward nicht vereitelt.

Clarin. Meiner wohl!

Dämon (zu Clarin).     Komm mit uns! (Beiseite) Sieger
Bin ich schon des größten Feindes.

Cyprianus. Glücklich seid ihr, meine Wünsche,
Wenn ich solches Gut erreiche!

Dämon (beiseite). Nimmer ruhen soll mein Haß,
Bis ich Meister bin von beiden. –
(Laut.) Komm! du kannst, im tiefen Dickicht
Dieser Bergeseinsamkeiten,
Heut in der Magie den ersten
Unterricht empfahn.

Cyprianus.                       Ich eile!
Hat mein Scharfsinn solchen Lehrer,
Meine Liebe solchen Meister,
Dann wird ewig auf der Welt
Magus Cyprianus bleiben.

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