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Der wundertätige Regenschirm

Kálmán Mikszáth: Der wundertätige Regenschirm - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorKoloman Mikszáth
titleDer wundertätige Regenschirm
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorMarie Kálmán
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071206
projectidfe82cadf
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Erster Teil

Die Legende

Die kleine Veronika wird an ihren Bestimmungsort geführt

Die verwitwete Schulmeisterin in Halap ist gestorben.

Auch wenn der Schulmeister stirbt, bleiben die Totengräber durstig; nun gar wenn ihm die Witwe nachfolgt. Nichts auf dieser weiten Welt hatte sie hinterlassen, als eine Ziege, eine Gans, die gerade gemästet wurde, und ein zweijähriges Töchterchen. Die Gans hätte noch höchstens einer Woche bedurft, um die gehörige Fülle zu erreichen, aber die arme Frau Kantorin hat, wie es scheint, nicht einmal so lange warten können. Für die Gans war sie zu früh und für das Kind zu spät gestorben. Dem wär's am besten gewesen, gar nicht geboren zu werden. Wenn doch nur der liebe Herrgott auch die Frau Kantorin gleichzeitig mit ihrem armen Mann zu sich genommen hätte! Und was für eine schöne Stimme der hatte, o du mein Gott!

Das arme Würmchen kam erst nach seines Vaters Tod zur Welt, aber nicht lange, höchstens ein – zwei Monate später.

Ich würde verdienen, daß man mir die Zunge ausschneide, wenn ich damit was Böses sagen wollte; weder sag' ich's, noch denk ich's. Sie war ein gutes, braves Weib, aber was sollte ihr noch dieses Nesthäkchen? Sie wäre wahrlich leichter ins Jenseits gegangen, wenn sie diese Last mit sich hätte nehmen können, anstatt sie hier zurücklassen zu müssen.

Und dann, es war wirklich schon unschicklich, Gott verzeih' ihr die Sünde!

Die Schulmeistersleute hatten ja schon einen erwachsenen Sohn, den Herrn Kaplan. Er war ein guter Sohn, schade, daß er der Mutter nicht ein wenig helfen konnte, da er bisher selbst nur Kaplan bei einem sehr, sehr armen Pfarrer war, weit oben in der Slowakei; aber nun, so vor zwei Wochen, war er, wie man erzählte, Pfarrer geworden in einem kleinen Dorfe, Namens Glogowa, irgendwo zwischen den Sohler und Schemnitzer Bergen.

Es gab sogar jemanden im Dorfe, nämlich den Johann Kapiczány, der seinerzeit als Ochsentreiber in jener Gegend gewesen war und nun erzählen konnte, was für ein abscheuliches Nest das Glogowa ist.

Und gerade jetzt, wo der geistliche Herr Sohn vielleicht ein wenig hätte helfen können, mußte die Frau Kantorin sterben. Aber die können wir wahrlich mit keinerlei Lamentationen wieder zum Leben erwecken, deshalb will ich nur noch berichten, daß man (der vieledlen Gemeinde Halap sei's zum Lobe gesagt) die gute Seele anständig begrub. Das gesammelte Geld reichte wohl nicht für die Begräbniskosten, und auch die Ziege mußte verkauft werden, aber die Gans, die blieb, nur mußte sie abmagern, weil kein Kukuruz für sie geblieben war, und anstatt langsam vor sich hinzuschnaufen, fing sie wieder an, wie gewöhnlich leicht zu atmen, und das träge Watscheln wegen des großen Bauches vertauschte sie mit ihrer frühern Behendigkeit. Kurzum, eines andern Wesens Sterben rettete sie von dem nahen Tode. Gott in seinem weisen Ratschluß kann Leben erhalten, selbst wo er Leben zerstört, denn glaubet mir, im himmlischen Protokoll sind die unvernünftigen Tiere eben so gut eingetragen, wie die vernünftigen, und es wird für sie gesorgt, so gut wie für Könige und Fürsten.

Gott, unser Herr, ist gewiß gut, weise und mächtig, –, aber auch der Herr Richter ist nichts Geringes. Er verordnete also gleich nach dem Begräbnis, das winzige Mägdelein (Veronika war ihr Taufname) solle der Reihe nach bei den wohlhabendern Bauern in Pflege genommen werden, und der Gemeindediener habe die Verpflichtung, sie täglich an einen andern Hof zu bringen, wo man ihr gehörige Versorgung angedeihen lassen solle.

»Und wie lange wird dies dauern, Herr Richter?« frug der Gemeinderat besorgt.

»Bis es mir beliebt, anders zu verfügen,« antwortete kurz angebunden Michael Nagy.

So stand die Sache zehn Tage, als es sich traf, daß die Bauern Matthäus Billegi und Franz Koczka ihren Weizen nach Neusohl auf den Markt führen wollten (denn, wie man erzählte, waren in jener Gegend die Juden noch nicht so durchtrieben wie bei uns).

Michael Nagy ergriff die gute Gelegenheit.

»Na, wenn ihr euer Getreide dorthin führt, könnt ihr auch das Kind zu seinem Bruder, dem Pfarrer, nach Glogowa mitnehmen. Das Glogowa muß auch dort wo liegen.«

»Warum nicht gar, das liegt ganz anders wo,« entgegneten jene.

»Dort muß es liegen, punktum,« entschied der Richter.

Die beiden drehten und klügelten lange hin und her, fanden, daß das ein großer Umweg, daß die Reise mit vielen Ungelegenheiten verbunden sei, aber es half ihnen nichts. Befehl bleibt Befehl. An einem Mittwoch wurde hoch oben auf die Säcke, die auf dem Wagen des Herrn Billegi lagen, ein Korb hingesetzt und in diesen die kleine Veronika mit der Gans, die als ihr Erbe ihr mitgegeben wurde. Die Bäuerinnen gaben der armen, verwaisten Kleinen frischgebackene Pogatscherln und Marzipan auf den weiten Weg in die schreckliche, fremde Welt mit, füllten ihr eine große Bütte mit Dörrobst, und als sich der schwere Wagen in Bewegung setzte, weinten sie dem kleinen, winzigen Kinde auch noch einige Thränen nach, dem süßen Kinde, das nicht wußte, wohin man es führt, warum man es führt, und mit seinem breiten Lächeln nur das eine sah, daß die vorgespannten Hottos sich in Bewegung setzen, und daß es selbst sich hoch oben auf den Säcken in seinem Korbe nicht rührt, während die Häuser, Gärten, Felder und Bäume immer näher und näher rücken.

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