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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 28
Quellenangabe
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typetractate
authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
projectidbe12fb09
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Nachbericht.

Den ersten Versuch, seine philosophischen Hauptansichten zu einem großen Prosawerk zusammenzufassen, hat mein Bruder wohl im Jahre 1882 unternommen. Wir finden wenigstens aus jener Zeit mancherlei Pläne, die darauf hindeuten, z.B. den folgenden:

 

Das, was kommt.

 

Eine Prophetie.

A. Selbstbesiegung der Moral.

B. Befreiung.

C. Mitte und Anfang vom Untergange.

D. Kennzeichen des Mittags.

E. Der freiwillige Tod.

Übrigens lese man die Aufzeichnungen aus dem Nachlaß zum V. Band dieser Taschenausgabe: man wird da gewiß mit Erstaunen sehen, wie eine der dort abgedruckten Niederschriften aus dem Winter 1881/82 einen großen Theil der Gedanken enthält, die dem voranstellenden Werk, dem »Willen zur Macht« zu Grunde liegen.

Besonders fruchtbar war dann der Sommer 1884, wo mehrere große Pläne entstanden und auch bereits weiter ausgeführt worden sind. Einer der Pläne heißt:

 

»Die ewige Wiederkunft.

Eine Wahrsagung.

Große Vorrede. Die neue Aufklärung – die alte war im Sinne der demokratischen Heerde: Gleichmachung Aller. Die neue will den herrschenden Naturen den Weg zeigen – inwiefern ihnen (wie dem Staate) Alles erlaubt ist, was den Heerdenwesen nicht freisteht. Erstes Hauptstück. Die neuen Wahrhaftigen. (Aufklärung in Betreff ›Wahrheit und Lüge‹ am Lebendigen.)

Zweites Hauptstück. Jenseits von Gut und Böse. (Aufklärung in Betreff ›Gut und Böse‹.)

Drittes Hauptstück. Die versteckten Künstler. (Aufklärung in Betreff der gestaltenden, umbildenden Kräfte.)

Viertes Hauptstück. Die Selbstüberwindung des Menschen. (Die Erziehung des höheren Menschen.)

Fünftes Hauptstück. Der Hammer und der große Mittag. (Die Lehre der ewigen Wiederkunft als Hammer in der Hand der mächtigsten Menschen.)«

Dazwischen tauchen in den Manuskripten die verschiedenartigsten Pläne für das Riesenwerk auf, aber »Wille zur Macht« als Titel finden wir zuerst im Frühjahr 1885 nach Vollendung des vierten Theils des Zarathustra niedergeschrieben.

Nach der Vollendung des »Jenseits von Gut und Böse« im Sommer 1886 tritt zum ersten Male der ganze Plan des vorliegenden Werkes deutlich hervor. Darüber spricht aber die Einleitung so ausführlich, daß ich darauf verweisen muß. Auch sind dort die Gründe angegeben, weshalb wir den Plan vom 17. März 1887 zur Grundlage der Einordnung des. vorliegenden Werkes genommen haben, obgleich noch Pläne aus der späteren Zeit vorhanden sind. Dieser erwähnte Plan vom 17. März 1887 existirt übrigens noch in zwei späteren Fassungen, welche uns sehr gute Fingerzeige zur Einordnung gegeben haben. Man sieht aus ihnen, daß der Plan bis Anfang des Jahres 1888 festgehalten worden ist.

 

Zweite Fassung des Planes vom 17. März 1887

(Sommer 1887). Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe.

Erstes Buch: Der Nihilismus (als Schlußfolgerung der höchsten bisherigen Werthe).

Zweites Buch: Kritik der höchsten bisherigen Werthe (Einsicht in Das, was durch sie Ja und Nein sagte).

Drittes Buch: Die Selbstüberwindung des Nihilismus (Versuch, Ja zu sagen zu Allem, was bisher verneint wurde).

Viertes Buch: Die Überwinder und die Überwundenen (Eine Wahrsagung).

Dritte Fassung. (Anfang 1888:) Erstes Buch: 1. Der Nihilismus, vollkommen zu Ende gedacht.

2. Cultur, Civilisation, die Zweideutigkeit des »Modernen«.

Zweites Buch: 3. Die Herkunft des Ideals. 4. Kritik des christlichen Ideals. 5. Wie die Tugend zum Siege kommt. 6. Der Heerdeninstinkt.

Drittes Buch: 7. Der »Wille zur Wahrheit«. 8. Moral als Circe der Philosophen. 9. Psychologie des »Willens zur Macht« (Lust, Wille. Begriff u. s. w.).

Viertes Buch: 10. Die »ewige Wiederkunft«. 11. Die große Politik. 12. Lebens-Recepte für uns.

An dem Plan vom 17. März 1887 wurde zunächst in Nizza und dann in Badia am Lago maggiore gearbeitet. Von dort gieng mein Bruder nach Zürich, hauptsächlich der Bibliothek wegen; aber der Aufenthalt dort scheint nicht so fruchtbar gewesen zu sein, wie er gehofft hatte, denn die Correkturen des fünften Buches der »Fröhlichen Wissenschaft« und nachträgliche Einfügungen nahmen ihm viel Zeit weg. Es folgte von Mitte Mai bis 10. Juni ein Aufenthalt in Chur, der ziemlich ertragreich gewesen zu sein scheint. Eigentlich war er dort nur gezwungener Weise geblieben, weil er vom Engadin die Nachricht bekam, daß es dort noch sehr winterlich sei und der Paß neuen Schnee bekommen habe. Auf der Fahrt von Chur nach Sils-Maria unterbrach er auf der Lenzer Haide seine Fahrt und schrieb dort die Einleitung zum »Willen zur Macht«. Nach kurzer Zeit aber, als er im Engadin war, legte er die Arbeit daran wieder beiseite, um die »Genealogie der Moral« zu schreiben. Dies nahm natürlich wieder fast die ganze Arbeitszeit des Sommers 1887 in Anspruch. An Peter Gast, der die Correkturen las, schreibt er nach den zwei ersten Abhandlungen als Antwort auf dessen begeisterten Brief: »In der Hauptsache steht es gut: der Ton dieser Abhandlungen wird Ihnen verrathen, daß ich mehr zu sagen habe, als in denselben steht.«

Zwischen den Correkturen der »Genealogie« im Herbst 1887 war die Hauptarbeit mit vollem Eifer wieder aufgenommen worden. Allerdings empfand er sehr stark, daß er ein ungeheures Material dazu nöthig hatte, und daß die Bibliothek, die er mit sich herumführte oder im Engadin deponirt hatte, bei Weitem nicht seinen Ansprüchen genügen konnte, Anfang September 1887 war er deshalb fast entschlossen, anstatt nach Venedig nach Deutschland zu gehen, obgleich dieser Plan einem großen inneren Widerstreben begegnete. Er schreibt am 15. September an Peter Gast über die Gründe für und wider die Reise: »Ich schwankte, aufrichtig, zwischen Venedig und – Leipzig: letzteres zu gelehrten Zwecken, denn ich habe in Hinsicht auf das nunmehr zu absolvirende Hauptpensum meines Lebens noch viel zu lernen, zu fragen, zu lesen. Daraus würde aber kein »Herbst«, sondern ein ganzer Winter in Deutschland: und, Alles erwogen, rath mir meine Gesundheit für dies Jahr dringend noch von diesem gefährlichen Experiment ab. Somit läuft es auf Venedig und Nizza hinaus: – und auch von Innen her geurtheilt brauche ich jetzt die tiefe Isolation mit mir zunächst noch dringlicher, als das Hinzulernen und Nachfragen in Bezug auf fünftausend einzelne Probleme.«

Es blieb also bei Venedig, wo er einige Wochen mit Gast verlebte. Doch kann dieser sich nicht erinnern, daß er in jener Zeit übermäßig beschäftigt gewesen wäre; offenbar hat er die Zeit zu seiner Erholung benutzt. Sobald er aber im Oktober wieder nach Nizza zurückkam, begann er mit der höchsten Anspannung der Geistes- und Arbeitskraft in wahrhaft stürmischer Weise die Zusammenstellung seines Werkes zu Ende zu führen. Er schreibt am 20. December 1887 an Peter Gast: »Die Unternehmung, in der ich drin stecke, hat etwas Ungeheures und Ungeheuerliches«, – und am 6. Januar 1888: »Zuletzt will ich nicht verschweigen, daß diese ganze letzte Zeit für mich reich war an synthetischen Einsichten und Erleuchtungen; daß mein Muth wieder gewachsen ist, ›das Unglaubliche‹ zu thun und die philosophische Sensibilität, welche mich unterscheidet, bis zu ihrer letzten Folgerung zu formuliren.«

Während dieses Winters 1887–88 machte er auch den ersten Versuch, seine Aufzeichnungen in den damaligen Plan des Werkes genauer einzuordnen. Er verfaßte eigens dazu einen kleinen Registerband, in welchem er dreihundertzweiundsiebzig nummerirte Abschnitte aufführte, durch ein Stichwort oder eine kurze Inhaltsangabe kennzeichnete und dreihundert davon auch noch mit einer der römischen Zahlen von I bis IV versah, die das Buch des Hauptplanes bezeichnen sollte; zweiundsiebzig Nummern, die in einem andern Heft standen, blieben uneingeordnet. Das Register ist für uns von hohem Werthe gewesen, wenn wir auch die Einordnung in die vier Bücher nicht immer beibehalten konnten, da das reiche in andere Pläne eingeordnete Material aus der späteren und aus der früheren Zeit oft eine andere Eintheilung verlangte. Wir haben also die Grundzüge des Planes vom 17. März 188? im Ganzen Großen festgehalten, aber bei der Einordnung in die einzelnen Bücher so ziemlich alle Pläne berücksichtigt, die hier in diesem Nachbericht angeführt sind.

Als mein Bruder im Frühling 1888 in Turin war, befand er sich besonders wohl und fühlte sich so angeregt, daß er versuchte, das gesammte zu seinem Hauptwerk vorbereitete Material neu einzuordnen. Er schreibt darüber an Brandes: »Diese Wochen in Turin, wo ich noch bis zum 5. Juni bleibe, sind mir besser gerathen als irgend welche Wochen seit Jahren, vor allem philosophischer. Ich habe fast jeden Tag ein, zwei Stunden jene Energie erreicht, um meine Gesammt-Conception von Oben nach Unten sehen zu können: wo die ungeheure Vielheit von Problemen, wie im Relief und klar in den Linien, unter mir ausgebreitet lag. Dazu gehört ein Maximum von Kraft, auf welches ich kaum mehr bei mir gehofft hatte. Es war schon seit Jahren Alles im rechten Gange, man baut seine Philosophie wie ein Biber, man ist nothwendig und weiß es nicht: aber das Alles muß man sehn, wie ich's jetzt gesehen habe, um es zu glauben.« Aus jener Zeit mögen folgende Pläne stammen:

 

I.

 

Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe.

Erster Theil: Was aus der Stärke stammt.

Zweiter Theil: Was aus der Schwäche stammt.

Dritter Theil: Und woraus stammen wir?

Vierter Theil: Die große Wahl.

 

II.

 

Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe.

 

I. Psychologie des Irrthums.

  1. Verwechslung von Ursache und Wirkung.
  2. 2. Verwechslung der Wahrheit mit dem als wahr Geglaubten.
  3. Verwechslung des Bewußtseins mit der Ursächlichkeit.
  4. Verwechslung der Logik mit dem Princip des Wirklichen.

 

II. Die falschen Werthe.

  1. Moral als falsch.
  2. Religion als falsch.
  3. Metaphysik als falsch.
  4. Die modernen Ideen als falsch.

 

III. Das Kriterium der Wahrheit.

  1. Der Wille zur Macht.
  2. Symptomatologie des Niedergangs.
  3. Zur Physiologie der Kunst.
  4. Zur Physiologie der Politik.

 

IV. Kampf der falschen und der wahren Werthe.

  1. Nothwendigkeit einer doppelten Bewegung.
  2. Nützlichkeit einer doppelten Bewegung.
  3. Die Schwachen.
  4. Die Starken.

Von dem nachfolgenden Plan wissen wir nicht genau, ob er im Sommer 1888 in Turin oder Sils-Maria aufgestellt ist. Ich habe, da er mir ganz besonders klar erscheint, immer unendlich bedauert, daß er nicht ausgeführt worden ist, denn es wären so viele Mißverständnisse dadurch beseitigt worden.

 

 

Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe.

 

Wir Hyperboreer. Grundsteinlegung des Problems.

Erstes Buch: » was ist Wahrheit

  1. Psychologie des Irrthums.
  2. Weich von Wahrheit und Irrthum.
  3. Der Wille zur Wahrheit (erst gerechtfertigt im Ja-Werth des Lebens).

Zweites Buch: Herkunft der Werthe.

  1. Die Metaphysiker.
  2. Die homines religiosi.
  3. Die Guten und die Verbesserer.

Drittes Buch: Kampf der Werthe.

  1. Gedanken über das Christentum,
  2. Zur Physiologie der Kunst.
  3. Zur Geschichte des europäischen Nihilismus.

Psychologen-Kurzweil.

Viertes Buch: Der große Mittag.

  1. Das Princip des Lebens (»Rangordnung«).
  2. 2. Die zwei Wege.
  3. 3. Die ewige Wiederkunft.

Leider besaßen wir zu diesem Plan nur eine ziemlich unvollständige Einordnung, so daß es ganz unmöglich war, ihn zur Grundlage für die Zusammenstellung des überreichen Materials zu nehmend Es ist leicht möglich, daß noch andere Anordnungen dazu vorhanden gewesen sind, aber die Manuskripte meines Bruders haben nach seiner Erkrankung jahrelang im Sils-Maria unbehütet gelegen. Da ist nun Manches ln Verlust gerathen.

Zu dem Werk haben hauptsächlich zwei Inhaltsverzeichnisse als Grundlage gedient, die der Autor im Herbst 1886 und im Winter 1887/88 in N. XIII und W. VIII aufgezeichnet hat. Es sind danach die folgenden Manuskripthefte benutzt worden: W I bis XVII, außerdem die Notizhefte aus den Jahren 1885–88 und die Mappen XXXI, XXXIII und XXXIX. Die erste Ausgabe des »Willens zur Macht« enthielt 483 Aphorismen, die vorliegende hat 570 Aphorismen mehr. Dieses Mehr stammt hauptsächlich aus dem Convolut W XIII, das mein Bruder im August 1888 ausdrücklich für sein großes Hauptprosawerk zusammengestellt hat, und welches leider für die erste Ausgabe des »Willens zur Macht« fast unbeachtet geblieben ist. Peter Gast schreibt darüber in der Vorrede zum XIV. Band der großen Gesammtausgabe: »Das Convolut XIII enthält 96 engbeschriebene Blätter meist aus dem Jahr 1887, zum Theil aber auch aus früheren Jahren bis zu 1883 zurück; diese Blätter sind von Nietzsche inhaltlich, geordnet im Pichi zu 5–10 Blättern zusammengelegt, in dieser Schichtung quer gebrochen und mit Capitelüberschriften aus dem Willen zur Macht versehen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Stücke nach Nietzsche's Willen in dieses Werk mit hineinzunehmen sind, zumal insofern durch ihren Wegfall der große Gedankenzusammenhang leiden würde. Und nur dann dürfen wir uns die Befolgung seiner Vorschrift erlassen, wenn der aufzunehmende Gedanke bereits vorhanden ist.« Auch die Notizbücher aus den Jahren 1885–88 haben noch reichen Ertrag von Aphorismen für das vorliegende Werk ergeben.

Leider war es uns, wie schon die Einleitung sagt, nicht möglich das gesammte Werk in den IX. Band zu bringen; wir waren genöthigt vom dritten Buch die beiden Kapitel »der Wille zur Macht als Gesellschaft und Individuum« und »der Wille zur Wacht als Kunst« ebenso wie das gesammte vierte Buch »Zucht und Züchtung« in den X. Band hinüber zu nehmen. So gilt also dieser Nachbericht nicht nur für den IX. sondern auch für den X. Band. Der Nachbericht zum X. Band wird nur die Weiterentwicklung einiger Theile des »Willens zur Macht« zu einem weniger umfangreichen Werke bringen, das sich nur nach dem Untertitel »Umwerthung aller Werthe« nennt.

Die erste Ausgabe des Willens zur Macht erschien im Jahre 1901; die vorliegende neue Ausgabe ist vollständig neu bearbeitet und zusammengestellt: das erste und dritte Buch von Herrn Peter Gast, das zweite und vierte Buch von der Unterzeichneten. Alle Correcturen sind von Herrn Peter Gast mit dem Originaltext sorgfältig verglichen worden.

Elisabeth Förster-Nietzsche.

Weimar, September 1906.

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