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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 26
Quellenangabe
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typetractate
authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
projectidbe12fb09
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2. Der Wille zur Macht als Leben.

a) Der organische Proceß.

 

640.

Bei der Entstehung der Organismen denkt sich bei Mensch zugegen: was ist bei diesem Vorgänge mit Augen und Getast wahrzunehmen gewesen? Was ist in Zahlen zu bringen? Welche Regeln zeigen sich in den Bewegungen? Also: der Mensch will alles Geschehen sich als ein Geschehen für Auge und Getast zurechtlegen, folglich als Bewegungen: er will Formeln finden, die ungeheure Masse dieser Erfahrungen zu vereinfachen. Reduktion alles Geschehens auf den Sinnenmenschen und Mathematiker. Es handelt sich um ein Inventarium der menschlichen Erfahrungen: gesetzt, daß der Mensch, oder vielmehr das menschliche Auge und Begriffsvermögen, der ewige Zeuge aller Dinge gewesen sei.

 

641.

Eine Vielheit von Kräften, verbunden durch einen gemeinsamen Ernährungs-Vorgang, heißen wir » Leben«. Zu diesem Ernährungs-Vorgang, als Mittel seiner Ermöglichung, gehört alles sogenannte Fühlen, Vorstellen, Denken, d. h. 1) ein Widerstreben gegen alle anderen Kräfte; 2) ein Zurechtmachen derselben nach Gestalt und Rhythmus; 3) ein Abschätzen in Bezug aus Einverleibung oder Abscheidung.

 

642.

Die Verbindung des Unorganischen und Organischen muß in der abstoßenden Kraft liegen, welche jedes Kraftatom ausübt. »Leben« wäre zu definiren als eine dauernde Form von Processen der Kraftfeststellungen, wo die verschiedenen Kämpfenden ihrerseits ungleich wachsen. Inwiefern auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben. Ebenso ist im Befehlen ein Zugestehen, daß die absolute Macht des Gegners nicht besiegt ist, nicht einverleibt, aufgelöst. »Gehorchen« und »Befehlen« sind Formen des Kampfspiels.

 

643.

Der Wille zur Macht intepretirt (– bei der Bildung eines Organs handelt es sich um eine Interpretation ): er grenzt ab, bestimmt Grade, Machtverschiedenheiten. Bloße Machtverschiedenheiten könnten sich noch nicht als solche empfinden: es muß ein wachsenwollendes Etwas da sein, das jedes andre wachsenwollende Etwas auf seinen Werth hin interpretirt. Darin gleich – – In Wahrheit ist Interpretation ein Mittel selbst, um Herr über Etwas zu werden. (Der organische Proceß setzt fortwährend Interpretiren voraus.)

 

644.

Die größere Complicirtheit, die scharfe Abscheidung, das Nebeneinander der ausgebildeten Organe und Funktionen, mit Verschwinden der Mittelglieder – wenn Das Vollkommenheit ist, so ergiebt sich ein Wille zur Macht im organischen Proceß, vermöge deren herrschaftliche, gestaltende, befehlende Kräfte immer das Gebiet ihrer Macht mehren und innerhalb desselben immer wieder vereinfachen: der Imperativ wachsend.

Der »Geist« ist nur ein Mittel und Werkzeug im Dienst des höheren Lebens, der Erhöhung des Lebens.

 

645.

Daß » Vererbung«, als etwas ganz Unerklärtes, nicht zur Erklärung benutzt werden kann, sondern nur zur Bezeichnung, Fixirung eines Problems. Eben das gilt vom » Anpassungs-Vermögen«. Thatsächlich ist durch die morphologische Darstellung, gesetzt sie wäre vollendet, Nichts erklärt, aber ein ungeheurer Thatbestand beschrieben. Wie ein Organ benutzt werden kann zu irgend einem Zwecke, das ist nicht erklärt. Es wäre mit der Annahme von causae finales so wenig wie mit causae efficientes in diesen Dingen erklärt. Der Begriff » causa« ist nur ein Ausdrucksmittel, nicht mehr; ein Mittel zur Bezeichnung.

 

646.

Es giebt Analogien, z. B. zu unserm Gedächtnis; ein anderes Gedächtniß, welches sich in Vererbung und Entwicklung und Formen bemerkbar macht. Zu unserem Erfinden und Experimentiren ein Erfinden in der Verwendung nun Werkzeugen zu neuen Zwecken u.s.w.

Das, was wir unser » Bewußtsein« nennen, ist an allen wesentlichen Vorgängen unserer Erhaltung und unseres Wachsthums unschuldig; und kein Kopf wäre so fein, daß er mehr construiren könnte als eine Maschine, – worüber jeder organische Proceß weit hinaus ist.

 

647.

Gegen den Darwinismus. – Der Nutzen eines Organs erklärt nicht seine Entstehung, im Gegentheil! Die längste Zeit, während deren eine Eigenschaft sich bildet, erhält sie das Individuum nicht und nützt ihm nicht, am wenigsten im Kampf mit äußeren Umständen und Feinden.

Was ist zuletzt »nützlich«? Man muß fragen »in Bezug worauf nützlich?« Z. B. was der Dauer des Individuums nützt, könnte seiner Stärke und Pracht ungünstig sein; was das Individuum erhält, könnte es zugleich festhalten und still stellen in der Entwicklung. Andererseits kann ein Mangel, eine Entartung vom höchsten Nutzen sein, insofern sie als Stimulans anderer Organe wirkt. Ebenso kann eine Nothlage Existenzbedingung sein, insofern sie ein Individuum auf das Maß herunterschraubt, bei dem es zusammenhält und sich nicht vergeudet. – Das Individuum selbst als Kampf der Theile (um Nahrung, Raum u. s. w.): seine Entwicklung geknüpft an ein Siegen, Vorherrschen einzelner Theile, an ein Verkümmern, »Organwerden« anderer Theile.

Der Einfluß der »äußeren Umstände« ist bei Darwin in's Unsinnige überschätzt: das Wesentliche am Lebensproceß ist gerade die ungeheure gestaltende, von Innen her formenschaffende Gewalt, welche die »äußeren Umstände« ausnützt, ausbeutet–. Die von Innen her gebildeten neuen Formen sind nicht auf einen Zweck hin geformt; aber im Kampf der Theile wird eine neue Form nicht lange ohne Beziehung zu einem partiellen Nutzen stehen und dann, dem Gebrauche nach, sich immer vollkommener ausgestalten.

 

648.

»Nützlich« in Bezug auf die Beschleunigung des Tempo's der Entwicklung ist ein anderes »Nützlich« Als das in Bezug auf möglichste Feststellung und Dauerhaftigkeit des Entwickelten.

 

649.

»Nützlich« im Sinne der darwinistischen Biologie – das heißt: im Kampf mit Anderen sich als begünstigend erweisend. Aber mir scheint schon das Mehrgefühl, das Gefühl des Stärker-werdens, ganz abgesehen vom Nutzen im Kampf, der eigentliche Fortschritt: aus diesem Gefühle entspringt erst der Wille zum Kampf – 650.

Die Physiologen sollten sich besinnen, den »Erhaltungstrieb« als cardinalen Trieb eines organischen Wesens anzusetzen. Vor Allem will etwas Lebendiges seine Kraft auslassen: die »Erhaltung« ist nur eine der Consequenzen davon. – Vorsicht vor überflüssigen theologischen Principien! Und dahin gehört der ganze Begriff »Erhaltungstrieb«.

 

651.

Man kann die unterste und ursprünglichste Thätigkeit im Protoplasma nicht aus einem Willen zur Selbsterhaltung ableiten, denn es nimmt auf eine unsinnige Art mehr in sich hinein, als die Erhaltung bedingen würde: und vor Allem, es »erhält sich« damit nicht, sondern zerfällt ... Der Trieb, der hier waltet, hat gerade dieses Sich- nicht-erhalten-wollen zu erklären: »Hunger« ist schon eine Ausdeutung, nach ungleich complicirteren Organismen (– Hunger ist eine specialisirte und spätere Form des Triebes, ein Ausdruck der Arbeitstheilung, im Dienst eines darüber waltenden höheren Triebes).

 

652.

Es ist nicht möglich, den Hunger als primum mobile zu nehmen, ebensowenig als die Selbsterhaltung Der Hunger als Folge der Unterernährung aufgefaßt, heißt: der Hunger als Folge eines nicht mehr Herr werdenden Willens zur Macht. Es handelt sich durchaus nicht um eine Wiederherstellung eines Verlustes, – erst spät, infolge Arbeitstheilung, nachdem der Wille zur Macht ganz andre Wege zu seiner Befriedigung einschlagen lernte, wird das Aneignungsbedürfniß des Organismus reducirt auf den Hunger, auf das Wiederersatzbedürfniß des Verlorenen.

 

653.

Spott über den falschen »Altruismus« bei den Biologen: die Fortpflanzung bei den Amöben erscheint als Abwerfen des Ballastes, als purer Vortheil. Die Ausstoßung der unbrauchbaren Stoffe.

 

654.

Die Theilung eines Protoplasma's in zwei tritt ein, wenn die Macht nicht mehr ausreicht, den angeeigneten Besitz zu bewältigen: Zeugung ist Folge einer Ohnmacht.

Wo die Männchen aus Hunger die Weibchen aufsuchen und in ihnen aufgehn, ist Zeugung die Folge eines Hungers.

 

655.

Das Schwächere drängt sich zum Stärkeren aus Nahrungsnoth; es will unterschlüpfen, mit ihm womöglich Eins werden. Der Stärkere wehrt umgekehrt ab von sich, er will nicht in dieser Weise zu Grunde gehen; vielmehr, im Wachsen, spaltet er sich zu Zweien und Mehreren. Je größer der Drang ist zur Einheit, umso mehr darf man auf Schwäche schließen; je mehr der Drang nach Varietät, Differenz, innerlichem Zerfall, umso mehr Kraft ist da.

Der Trieb, sich anzunähern, – und der Trieb, Etwas zurückzustoßen, sind in der unorganischen wie organischen Welt das Band. Die ganze Scheidung ist ein Vorurtheil.

Der Wille zur Macht in jeder Kraft-Combination, sich wehrend gegen das Stärkere, losstürzend auf das Schwächere ist richtiger. NB. Die Processe als » Wesen«.

 

656.

Der Wille zur Macht kann sich nur an Widerständen äußern; er sucht also nach Dem, was ihm widersteht, – dies die ursprüngliche Tendenz des Protoplasma's, wenn es Pseudopodien ausstreckt und um sich tastet. Die Aneignung und Einverleibung ist vor allem ein Überwältigen-wollen, ein Formen, An- und Umbilden, bis endlich das Überwältigte ganz in den Machtbereich des Angreifers übergegangen ist und denselben vermehrt hat. – Gelingt diese Einverleibung nicht, so zerfällt wohl das Gebilde; und die Zweiheit erscheint als Folge des Willens zur Macht: um nicht fahren zu lassen, was erobert ist, tritt der Wille zur Macht in zwei Willen auseinander (unter Umständen ohne seine Verbindung unter einander völlig aufzugeben).

»Hunger« ist nur eine engere Anpassung, nachdem der Grundtrieb nach Macht geistigere Gestalt gewonnen hat.

 

657.

Was ist »passiv«? Gehemmt sein in der vorwärtsgreifenden Bewegung: also ein Handeln des Widerstandes und der Reaktion.
Gehemmt sein in der vorwärtsgreifenden Bewegung: also ein Handeln des Widerstandes und der Reaktion.
Was ist »aktiv«? –
nach Macht ausgreifend.
»Ernährung« –
ist nur abgeleitet; das Ursprüngliche ist: Alles in sich einschließen wollen.
»Zeugung« –
nur abgeleitet; ursprünglich: wo Ein Wille nicht ausreicht, das gesammte Angeeignete zu organisiren, tritt ein Gegenwille in Kraft, der die Loslösung vornimmt, ein neues Organisationcentrum, nach einem Kampfe mit dem ursprünglichen Willen.
»Lust« –
als Machtgefühl (die Unlust voraussetzend).

658.

1) Die organischen Funktionen zurückübersetzt in den Grundwillen, den Willen zur Macht, – und aus ihm abgespaltet.

2) Der Wille zur Macht sich specialisirend als Wille zur Nahrung, nach Eigenthum, nach Werkzeugen, nach Dienern (Gehorchern) und Herrschern: der Leib als Beispiel. – Der stärkere Wille dirigirt den schwächeren. Es giebt gar keine andre Causalität als die von Wille zu Wille. Mechanistisch nicht erklärt.

3) Denken, Fühlen, Wollen in allem Lebendigen. Was ist eine Lust Anderes als: eine Reizung des Machtgefühls durch ein Hemmniß (noch stärker durch rhythmische Hemmungen und Widerstände) – sodaß es dadurch anschwillt. Also in aller Lust ist Schmerz inbegriffen. – Wenn die Lust sehr groß werden soll, müssen die Schmerzen sehr lange und die Spannung des Bogens ungeheuer werden.

4) Die geistigen Funktionen. Wille zur Gestaltung, zur Anähnlichung u. s. w.

b) Der Mensch.

 

659.

Am Leitfaden des Leibes. – Gesetzt, daß die »Seele« ein anziehender und geheimnißvoller Gedanke war, von dem sich die Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt haben – vielleicht ist Das, was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch anziehender, noch geheimnißvoller. Der menschliche Leib, an dem die ganze fernste und nächste Vergangenheit alles organischen Werdens wieder lebendig und leibhaft wird, durch den hindurch, über den hinweg und hinaus ein ungeheurer, unhörbarer Strom zu fließen scheint: der Leib ist ein erstaunlicherer Gedanke als die alte »Seele«. Es ist zu allen Zeiten besser an den Leib als an unseren eigentlichsten Besitz, unser gewissestes Sein, kurz unser ego geglaubt worden als an den Geist (oder die »Seele« oder das Subjekt, wie die Schulsprache jetzt statt Seele sagt). Niemand kam je auf den Einfall, seinen Magen als einen fremden, etwa einen göttlichen Magen zu verstehen: aber seine Gedanken als »eingegeben«, seine Wertschätzungen als »von einem Gott eingeblasen«, seine Instinkte als Thätigkeit im Dämmern zu fassen – für diesen Hang und Geschmack des Menschen giebt es aus allen Altern der Menschheit Zeugnisse. Noch jetzt ist, namentlich unter Künstlern, eine Art Verwunderung und ehrerbietiges Aushängen der Entscheidung reichlich vorzufinden, wenn sich ihnen die Frage vorlegt, wodurch ihnen der beste Wurf gelungen und aus welcher Welt ihnen der schöpferische Gedanke gekommen ist: sie haben, wenn sie dergestalt fragen, Etwas wie Unschuld und kindliche Scham dabei, sie wagen es kaum zu sagen »das kam von mir, das war meine Hand, die die Würfel warf«. – Umgekehrt haben selbst jene Philosophen und Religiösen, welche den zwingendsten Grund in ihrer Logik und Frömmigkeit hatten, ihr Leibliches als Täuschung (und zwar als überwundene und abgethane Täuschung) zu nehmen, nicht umhin gekonnt, die dumme Thatsächlichkeit anzuerkennen, daß der Leib nicht davon gegangen ist: worüber die seltsamsten Zeugnisse theils bei Paulus, theils in der Vedânta-Philosophie zu finden sind. Aber was bedeutet zuletzt Stärke des Glaubens? Deshalb könnte es immer noch ein sehr dummer Glaube sein! – Hier ist nachzudenken: –

Und zuletzt, wenn der Glaube an den Leib nur die Folge eines Schlusses ist: gesetzt, es wäre ein falscher Schluß, wie die Idealisten behaupten, ist es nicht ein Fragezeichen an der Glaubwürdigkeit des Geistes selber, daß er dergestalt die Ursache falscher Schlüsse ist? Gesetzt, die Vielheit, und Raum und Zeit und Bewegung (und was alles die Voraussetzungen eines Glaubens an Leiblichkeit sein mögen) wären Irrthümer – welches Mißtrauen würde dies gegen den Geist erregen, der uns zu solchen Voraussetzungen veranlaßt hat? Genug, der Glaube an den Leib ist einstweilen immer noch ein stärkerer Glaube, als der Glaube an den Geist; und wer ihn untergraben will, untergräbt eben damit am gründlichsten auch den Glauben an die Autorität des Geistes!

 

660.

Der Leib als Herrschaftsgebilde

Die Aristokratie im Leibe, die Mehrheit der Herrschenden (Kampf der Zellen und Gewebe).

Die Sklaverei und die Arbeitsteilung: der höhere Typus nur möglich durch Herunterdrückung eines niederen auf eine Funktion.

Lust und Schmerz kein Gegensatz. Das Gefühl der Macht.

»Ernährung« nur eine Konsequenz der unersättlichen Aneignung, des Willens zur Macht.

Die »Zeugung«, der Zerfall eintretend bei der Ohnmacht der herrschenden Zellen, das Angeeignete zu organisiren.

Die gestaltende Kraft ist es, die immer neuen »Stoff« (noch mehr »Kraft«) vorräthig haben will. Das Meisterstück des Aufbaus eines Organismus aus dem Ei.

»Mechanistische Auffassung«: will nichts als Quantitäten: aber die Kraft steckt in der Qualität. Die Mechanistik kann also nur Vorgänge beschreiben, nicht erklären.

Der »Zweck«. Auszugehen von der »Sagacität« der Pflanzen.

Begriff der »Vervollkommnung«: nicht nur größere Complicirtheit, sondern größere Macht (– braucht nicht nur größere Masse zu sein –).

Schluß auf die Entwicklung der Menschheit: die Vervollkommnung besteht in der Hervorbringung der mächtigsten Individuen, zu deren Werkzeug die größte Menge gemacht wird (und zwar als intelligentestes und beweglichstes Werkzeug).

 

661.

Warum alle Thätigkeit, auch die eines Sinnes, mit Lust verknüpft ist? Weil vorher eine Hemmung, ein Druck bestand? Oder vielmehr weil alles Thun ein Überwinden, ein Herrwerden ist und Vermehrung des Machtgefühls giebt? – Die Lust im Denken. – Zuletzt ist es nicht nur das Gefühl der Macht, sondern die Lust an dem Schaffen und am Geschaffenen: denn alle Thätigkeit kommt uns in's Bewußtsein als Bewußtsein eines »Werks«.

 

662.

Schaffen – als Auswählen und Fertig-machen des Gewählten. (Bei jedem Willensakte ist dies das Wesentliche.)

 

663.

Alles Geschehen aus Absichten ist reducirbar auf die Absicht der Mehrung von Macht.

 

664.

Wenn wir Etwas thun, so entsteht ein Kraftgefühl, oft schon vor dem Thun, bei der Vorstellung des zu Thuenden (wie beim Anblick eines Feindes, eines Hemmnisses, dem wir uns gewachsen glauben): immer begleitend. Wir meinen instinktiv, dies Kraftgefühl sei Ursache der Handlung, es sei »die Kraft«. Unser Glaube an Causalität ist der Glaube an Kraft und deren Wirkung; eine Übertragung unsres Erlebnisses: wobei wir Kraft und Kraftgefühl identificiren. – Nirgends aber bewegt die Kraft die Dinge; die empfundene Kraft »setzt nicht die Muskeln in Bewegung«. »Wir haben von einem solchen Proceß keine Vorstellung, keine Erfahrung«. – »Wir erfahren ebenso wenig, wie die Kraft als Bewegendes, die Nothwendigkeit einer Bewegung.« Die Kraft soll das Zwingende sein! »Wir erfahren nur, daß Eins auf das Andre folgt, – weder Zwang erfahren wir, noch Willkür, daß Eins auf das Andre folgt.« Die Causalität wird erst durch die Hineindenkung des Zwanges in den Folgenvorgang geschaffen. Ein gewisses »Begreifen« entsteht dadurch, d. h. wir haben uns den Vorgang angemenschlicht, »bekannter« gemacht: das Bekannte ist das Gewohnheitsbekannte des mit Kraftgefühl verbundenen menschlichen Erzwingens.

 

665.

Ich habe die Absicht, meinen Arm auszustrecken; angenommen, ich weiß so wenig von Physiologie des menschlichen Leibes und von den mechanischen Gesetzen seiner Bewegung als ein Mann aus dem Volke, was giebt es eigentlich Vageres, Blasseres, Ungewisseres als diese Absicht im Vergleich zu Dem, was darauf geschieht? Und gesetzt, ich sei der scharfsinnigste Mechaniker und speciell über die Formeln unterrichtet, die hierbei angewendet werden, so würde ich um keinen Deut besser oder schlechter meinen Arm ausstrecken. Unser »Wissen« und unser »Thun« in diesem Falle liegen kalt auseinander: als in zwei verschiedenen Reichen. – Andererseits: Napoleon führt den Plan eines Feldzuges durch – was heißt das? Hier ist Alles gewußt, was zur Durchführung des Planes gehört, weil Alles befohlen werden muß: aber auch hier sind Untergebene vorausgesetzt, welche das Allgemeine auslegen, anpassen an die Noth des Augenblicks, Maaß der Kraft u. s. w.

 

666.

Wir haben von Alters her den Werth einer Handlung, eines Charakters, eines Daseins in die Absicht gelegt, in den Zweck, um dessentwillen gethan, gehandelt, gelebt worden ist: diese uralte Idiosynkrasie des Geschmacks nimmt endlich eine gefährliche Wendung, – gesetzt nämlich, daß die Absichts- und Zwecklosigkeit des Geschehens immer mehr in den Vordergrund des Bewußtseins tritt. Damit scheint eine allgemeine Entwerthung sich vorzubereiten: »Alles hat keinen Sinn«, – diese melancholische Sentenz heißt »aller Sinn liegt in der Absicht, und gesetzt, daß die Absicht ganz und gar fehlt, so fehlt auch ganz und gar der Sinn«. Man war, jener Schätzung gemäß, genöthigt gewesen, den Werth des Lebens in ein »Leben nach dem Tode« zu verlegen, oder in die fortschreitende Entwicklung der Ideen oder der Menschheit oder des Volkes oder über den Menschen weg; aber damit war man in den Zweck- progressus in infinitum gekommen: man hatte endlich nöthig, sich einen Platz in dem »Welt-Proceß« auszumachen mit der dysdämonistischen Perspektive vielleicht, daß es der Proceß in's Nichts sei).

Dem gegenüber bedarf der » Zweck« einer strengeren Kritik: man muß einsehen, daß eine Handlung niemals verursacht wird durch einen Zweck; daß Zweck und Mittel Auslegungen sind, wobei gewisse Punkte eines Geschehens unterstrichen und herausgewählt werden, auf Unkosten anderer und zwar der meisten; daß jedesmal, wenn Etwas auf einen Zweck hin gethan wird, etwas Grundverschiednes und Andres geschieht; daß in Bezug auf jede Zweck-Handlung es so steht, wie mit der angeblichen Zweckmäßigkeit der Hitze, welche die Sonne ausstrahlt: die übergroße Masse ist verschwendet; ein kaum in Rechnung kommender Theil hat »Zweck«, hat »Sinn« –; daß ein »Zweck« mit seinen »Mitteln« eine unbeschreiblich unbestimmte Zeichnung ist, welche als Vorschrift, als » Wille« zwar commandiren kann, aber ein System von gehorchenden und eingeschulten Werkzeugen voraussetzt, welche an Stelle des Unbestimmten lauter feste Großen setzen (d. h. wir imaginiren ein System von zweck- und mittelsetzenden klügeren, aber engeren Intellekten, um unserm einzig bekannten »Zweck« die Rolle der »Ursache einer Handlung« zumessen zu können, wozu wir eigentlich kein Recht haben: es hieße, um ein Problem zu lösen, die Lösung des Problems in eine unserer Beobachtung unzugängliche Welt hineinstellen –).

Zuletzt: warum könnte nicht »ein Zweck« eine Begleiterscheinung sein, in der Reihe von Veränderungen wirkender Kräfte, welche die zweckmäßige Handlung hervorrufen – ein in das Bewußtsein vorausgeworfenes blasses Zeichenbild, das uns zur Orientirung dient Dessen, was geschieht, als ein Symptom selbst vom Geschehen, nicht als dessen Ursache? – Aber damit haben wir den Willen selbst kritisirt: ist es nicht eine Illusion, Das, was im Bewußtsein als Willensakt auftaucht, als Ursache zu nehmen? Sind nicht alle Bewußtseins-Erscheinungen nur End-Erscheinungen, letzte Glieder einer Kette, aber scheinbar in ihrem Hintereinander innerhalb Einer Bewußtseins-Fläche sich bedingend? Dies könnte eine Illusion sein. –

 

667.

Die Wissenschaft fragt nicht, was uns zum Wollen trieb: sie leugnet vielmehr, daß gewollt worden ist, und meint, daß etwas ganz Anderes geschehen sei – kurz, daß der Glaube an »Wille« und »Zweck« eine Illusion sei. Sie fragt nicht nach den Motiven der Handlung, als ob diese uns vor der Handlung im Bewußtsein gewesen wären: sondern sie zerlegt erst die Handlung in eine mechanische Gruppe von Erscheinungen und sucht die Vorgeschichte dieser mechanischen Bewegung – aber nicht im Fühlen, Empfinden, Denken. Daher kann sie nie die Erklärung nehmen: die Empfindung ist ja eben ihr Material, das erklärt werden soll. – Ihr Problem ist eben: die Welt zu erklären, ohne zu Empfindungen als Ursache zu greifen: denn das hieße ja: als Ursache der Empfindungen die Empfindungen ansehen. Ihre Aufgabe ist schlechterdings nicht gelöst.

Also: entweder kein Wille – die Hypothese der Wissenschaft –, oder freier Wille. Letztere Annahme das herrschende Gefühl, von dem wir uns nicht losmachen können, auch wenn die Hypothese bewiesen wäre.

Der populäre Glaube an Ursache und Wirkung ist auf die Voraussetzung gebaut, daß der freie Wille Ursache sei von jeder Wirkung: erst daher haben wir das Gefühl der Causalität. Also darin liegt auch das Gefühl, daß jede Ursache nicht Wirkung ist, sondern immer erst Ursache – wenn der Wille die Ursache ist. »Unsre Willensakte sind nicht nothwendig« – das liegt im Begriff »Wille«. Nothwendig ist die Wirkung nach der Ursache – so fühlen wir. Es ist eine Hypothese, daß auch unser Wollen in jedem Falle ein Müssen sei.

 

668.

»Wollen« ist nicht »begehren«, streben, verlangen: davon hebt es sich ab durch den Affekt des Commando's.

Es giebt kein »Wollen«, sondern nur ein Etwas-Wollen: man muß nicht das Ziel auslösen aus dem Zustand – wie es die Erkenntnißtheoretiker thun. »Wollen«, wie sie es verstehn, kommt so wenig vor wie »Denken«: ist eine reine Fiktion.

Daß Etwas befohlen wird gehört zum Wollen (– damit ist natürlich nicht gesagt, daß der Wille »effektuirt« wird).

Jener allgemeine Spannungszustand, vermöge dessen eine Kraft nach Auslösung trachtet, – ist kein »Wollen«.

 

669.

»Unlust« und »Lust« sind die denkbar dümmsten Ausdrucksmittel von Urtheilen: womit natürlich nicht gesagt ist, daß die Urtheile, welche hier auf diese Art laut werden, dumm sein müßten. Das Weglassen aller Begründung und Logicität, ein Ja oder Nein in der Reduktion auf ein leidenschaftliches Haben-wollen oder Wegstoßen, eine imperativische Abkürzung, deren Nützlichkeit unverkennbar ist: das ist Lust und Unlust. Ihr Ursprung ist in der Central-Sphäre des Intellekts; ihre Voraussetzung ist ein unendlich beschleunigtes Wahrnehmen, Ordnen, Subsumiren, Nachrechnen, Folgern: Lust und Unlust sind immer Schlußphänomene, keine »Ursachen«.

Die Entscheidung darüber, was Unlust und Lust erregen soll, ist vom Grade der Macht abhängig: Dasselbe, was in Hinsicht auf ein geringes Quantum Macht als Gefahr und Nöthigung zu schnellster Abwehr erscheint, kann bei einem Bewußtsein größerer Machtfülle eine wollüstige Reizung, ein Lustgefühl als Folge haben.

Alle Lust- und Unlustgefühle setzen bereits ein Messen nach Gesammt-Nützlichkeit, Gesammt-Schädlichkeit voraus: also eine Sphäre, wo das Wollen eines Ziels (Zustandes) und ein Auswählen der Mittel dazu stattfindet. Lust und Unlust sind niemals »ursprüngliche Thatsachen«.

Lust- und Unlustgefühle sind Willens-Reaktionen (Affekte), in denen das intellektuelle Centrum den Werth gewisser eingetretener Veränderungen zum Gesammtwerth fixirt, zugleich als Einleitung von Gegenaktionen.

 

670.

Der Glaube an » Affekte«. – Affekte sind eine Construktion des Intellekts, eine Erdichtung von Ursachen, die es nicht giebt. Alle körperlichen Gemeingefühle, die wir nicht verstehen, werden intellektuell ausgedeutet, d. h. ein Grund gesucht, um sich so oder so zu fühlen, in Personen, Erlebnissen u. s. w. Also etwas Nachtheiliges, Gefährliches, Fremdes wird gesetzt als wäre es die Ursache unserer Verstimmung; thatsächlich wird es zu der Verstimmung hinzugesucht, um der Denkbarkeit unseres Zustandes willen. – Häufige Blutzuströmungen zum Gehirn mit dem Gefühl des Erstickens werden als »Zorn« interpretirt: die Personen und Sachen, die uns zum Zorn reizen, sind Auslösungen für den physiologischen Zustand. – Nachträglich, in langer Gewöhnung, sind gewisse Vorgänge und Gemeingefühle sich so regelmäßig verbunden, daß der Anblick gewisser Vorgänge jenen Zustand des Gemeingefühls hervorbringt und speciell irgend jene Blutstauung, Samenerzeugung u. s. w. mit sich bringt: also durch die Nachbarschaft. »Der Affekt wird erregt« sagen wir dann.

In »Lust« und »Unlust« stecken bereits Urtheile: die Reize werden unterschieden, ob sie dem Machtgefühl förderlich sind oder nicht.

Der Glaube an das Wollen. Es ist Wunder-Glaube, einen Gedanken als Ursache einer mechanischen Bewegung zu setzen. Die Consequenz der Wissenschaft verlangt, daß, nachdem wir die Welt in Bildern uns denkbar gemacht haben, wir auch die Affekte, Begehrungen, Willen u. s. w. uns denkbar machen, d.h. sie leugnen und als Irrthümer des Intellekts behandeln.

 

671.

Unfreiheit oder Freiheit des Willens? – Es giebt keinen »Willen«: das ist nur eine vereinfachende Conception des Verstandes, wie »Materie«.

Alle Handlungen müssen erst mechanisch als möglich vorbereitet sein, bevor sie gewollt werden. Oder: der » Zweck« tritt im Gehirn zumeist erst auf, wenn Alles vorbereitet ist zu seiner Ausführung. Der Zweck ein »innerer« »Reiz« – nicht mehr.

 

672.

Die nächste Vorgeschichte einer Handlung bezieht sich auf diese: aber weiter zurück liegt eine Vorgeschichte, die weiter hinaus deutet: die einzelne Handlung ist zugleich ein Glied einer viel umfänglicheren späteren Thatsache. Die kürzeren und die längeren Processe sind nicht getrennt –

 

673.

Theorie des Zufalls. Die Seele ein auslesendes und sich nährendes Wesen äußerst klug und schöpferisch fortwährend (diese schaffende Kraft gewöhnlich übersehn! nur als » passiv« begriffen).

Ich erkannte die aktive Kraft, das Schaffende inmitten des Zufälligen: – Zufall ist selber nur das Aufeinanderstoßen der schaffenden Impulse.

 

674.

In der ungeheuren Vielheit des Geschehens innerhalb eines Organismus ist der uns bewußt werdende Theil ein bloßes Mittel: und das Bißchen »Tugend«, »Selbstlosigkeit« und ähnliche Fiktionen werden auf eine vollkommen radikale Weise vom übrigen Gesammtgeschehen aus Lügen gestraft. Wir thun gut, unseren Organismus in seiner vollkommenen Unmoralität zu studiren...

Die animalischen Funktionen sind ja principiell millionenfach wichtiger als alle schönen Zustände und Bewußtseins-Höhen: letztere sind ein Überschuß, soweit sie nicht Werkzeuge sein müssen für jene animalischen Funktionen. Das ganze bewußte Leben, der Geist sammt der Seele, sammt dem Herzen, sammt der Güte, sammt der Tugend: in wessen Dienst arbeitet es denn? In dem möglichster Vervollkommnung der Mittel (Ernährungs-, Steigerungsmittel) der animalischen Grundfunktionen: vor Allem der Lebenssteigerung.

Es liegt so unsäglich viel mehr an Dem, was man «Leib« und »Fleisch« nannte: der Rest ist ein kleines Zubehör. Die Aufgabe, die ganze Kette des Lebens fortzuspinnen, und so, daß der Faden immer mächtiger wird – das ist die Aufgabe.

Aber nun sehe man, wie Herz, Seele, Tugend, Geist förmlich sich verschwören, diese principielle Aufgabe zu verkehren: wie als ob sie die Ziele wären!... Die Entartung des Lebens ist wesentlich bedingt durch die außerordentliche Irrthumsfähigkeit des Bewußtseins: es wird am wenigsten durch Instinkte in Zaum gehalten und vergreift sich deshalb am längsten und gründlichsten.

Nach den angenehmen oder unangenehmen Gefühlen dieses Bewußtseins abmessen, ob das Dasein Werth hat: kann man sich eine tollere Ausschweifung der Eitelkeit denken? Es ist ja nur ein Mittel: – und angenehme oder unangenehme Gefühle sind ja auch nur Mittel!

Woran mißt sich objektiv der Werth? Allein an dem Quantum gesteigerter und organisirter Macht.

 

675.

Werth alles Abwerthens. – Meine Forderung ist, daß man den Thäter wieder in das Thun hineinnimmt, nachdem man ihn begrifflich aus ihm herausgezogen und damit das Thun entleert hat; daß man das Etwas-thun, das »Ziel«, die »Absicht«, daß man den »Zweck« wieder in das Thun zurücknimmt, nachdem man ihn künstlich aus ihm herausgezogen und damit das Thun entleert hat.

Alle »Zwecke«, »Ziele«, »Sinne« sind nur Ausdrucksweisen und Metamorphosen des Einen Willens, der allem Geschehen inhärirt: des Willens zur Macht. Zwecke«, Ziele-, Absichten-haben, Wollen überhaupt, ist soviel wie Stärker-werden-wollen, Wachsen-wollen – und dazu auch die Mittel wollen.

Der allgemeinste und unterste Instinkt in allem Thun und Wollen ist eben deshalb der unerkannteste und verborgenste geblieben, weil in praxi wir immer seinem Gebote folgen, weil wir dies Gebot sind ...

Alle Wertschätzungen sind nur Folgen und engere Perspektiven im Dienste dieses Einen Willens: das Wertschätzen selbst ist nur dieser Wille zur Macht.

Eine Kritik des Seins aus irgend einem dieser Werthe heraus ist etwas Widersinniges und Mißverständliches. Gesetzt selbst, daß sich darin ein Untergangsproceß einleitet, so steht dieser Proceß noch im Dienste dieses Willens.

Das Sein selbst abschätzen! Aber das Abschätzen selbst ist dieses Sein noch! – und indem wir Nein sagen, thun wir immer noch, was wir sind.

Man muß die Absurdität dieser daseinsrichtenden Gebärde einsehn; und sodann noch zu errathen suchen, was sich eigentlich damit begiebt. Es ist symptomatisch.

 

676.

Über die Herkunft unsrer Werthschätzungen.

Wir können uns unsern Leib räumlich auseinanderlegen, und dann erhalten wir ganz dieselbe Vorstellung davon wie vom Sternensystem, und der Unterschied von organisch und unorganisch fällt nicht mehr in die Augen. Ehemals erklärte man die Sternbewegungen als Wirkungen zweckbewußter Wesen: man braucht das nicht mehr, und auch in Betreff des leiblichen Bewegens und Sich-Veränderns glaubt man lange nicht mehr mit dem zwecksetzenden Bewußtsein auszukommen. Die allergrößte Menge der Bewegungen hat gar nichts mit Bewußtsein zu thun: auch nicht mit Empfindung. Die Empfindungen und Gedanken sind etwas äußerst Geringes und Seltenes im Verhältniß zu dem zahllosen Geschehn in jedem Augenblick.

Umgekehrt nehmen wir wahr, daß eine Zweckmäßigkeit im kleinsten Geschehn herrscht, der unser bestes Wissen nicht gewachsen ist: eine Vorsorglichkeit, eine Auswahl, ein Zusammenbringen, Wieder-gut-machen u.s.w. Kurz, wir finden eine Thätigkeit vor, die einem ungeheuer viel höheren und überschauenden Intellekt zuzuschreiben wäre, als der uns bewußte ist. Wir lernen von allem Bewußten geringer denken: wir verlernen, uns für unser Selbst verantwortlich zu machen, da wir als bewußte, zwecksetzende Wesen nur der kleinste Theil davon sind. Von den zahlreichen Einwirkungen in jedem Augenblick, z.B. Luft, Elektricität empfinden wir fast Nichts: es könnte genug Kräfte geben, welche, obschon sie uns nie zur Empfindung kommen, uns fortwährend beeinflussen. Lust und Schmerz sind ganz seltene und spärliche Erscheinungen gegenüber den zahllosen Reizen, die eine Zelle, ein Organ auf eine andre Zelle, ein andres Organ ausübt.

Es ist die Phase der Bescheidenheit des Bewußtseins. Zuletzt verstehen wir das bewußte Ich selber nur als ein Werkzeug im Dienste jenes höheren, überschauenden Intellekts: und da können wir fragen, ob nicht alles bewußte Wollen, alle bewußten Zwecke, alle Wertschätzungen vielleicht nur Mittel sind, mit denen etwas wesentlich Verschiedenes erreicht werden soll, als es innerhalb des Bewußtseins scheint. Wir meinen: es handle sich um unsre Lust und Unlust – – – aber Lust und Unlust könnten Mittel sein, vermöge deren wir Etwas zu leisten hätten, was außerhalb unseres Bewußtseins liegt – – – Es ist zu zeigen, wie sehr alles Bewußte auf der Oberfläche bleibt: wie Handlung und Bild der Handlung verschieden ist, wie wenig man von Dem weiß, was einer Handlung vorhergeht: wie phantastisch unsere Gefühle »Freiheit des Willens«, »Ursache und Wirkung« sind: wie Gedanken und Bilder, wie Worte nur Zeichen von Gedanken sind: die Unergründlichkeit jeder Handlung: die Oberflächlichkeit alles Lobens und Tadelns: wie wesentlich Erfindung und Einbildung ist, worin wir bewußt leben: wie wir in allen unsern Worten von Erfindungen reden (Affekte auch), und wie die Verbindung der Menschheit auf einem Überleiten und Fortdichten dieser Erfindungen beruht: während im Grunde die wirkliche Verbindung (durch Zeugung) ihren unbekannten Weg geht. Verändert wirklich dieser Glaube an die gemeinsamen Erfindungen die Menschen? Oder ist das ganze Ideen- und Werthschätzungswesen nur ein Ausdruck selber von unbekannten Veränderungen? Giebt es denn Willen, Zwecke, Gedanken, Werthe wirklich? Ist vielleicht das ganze bewußte Leben nur ein Spiegelbild? Und auch wenn die Werthschätzung einen Menschen zu bestimmen scheint, geschieht im Grunde etwas ganz Anderes! Kurz: gesetzt, es gelänge, das Zweckmäßige im Wirken der Natur zu erklären ohne die Annahme eines zweckesetzenden Ich's: könnte zuletzt vielleicht auch unser Zweckesetzen, unser Wollen u. s. w. nur eine Zeichensprache sein für etwas Wesentlich-Anderes, nämlich Nicht-Wollendes und Unbewußtes? nur der feinste Anschein jener natürlichen Zweckmäßigkeit des Organischen, aber nichts Verschiedenes davon?

Und kurz gesagt: es handelt sich vielleicht bei der ganzen Entwicklung des Geistes um den Leib: es ist die fühlbar werdende Geschichte davon, daß ein höherer Leib sich bildet. Das Organische steigt noch auf höhere Stufen. Unsere Gier nach Erkenntnis; der Natur ist ein Mittel, wodurch der Leib sich vervollkommnen will. Oder vielmehr: es werden hunderttausende von Experimenten gemacht, die Ernährung, Wohnart, Lebensweise des Leibes zu verändern: das Bewußtsein und die Werthschätzungen in ihm, alle Arten von Lust und Unlust sind Anzeichen dieser Veränderungen und Experimente. Zuletzt handelt es sich gar nicht um den Menschen: er soll überwunden werden.

 

677.

Inwiefern die Welt-Auslegungen Symptome eines herrschenden Triebes sind.

Die artistische Welt-Betrachtung: sich vor das Leben hinsetzen. Aber hier fehlt die Analysis des ästhetischen Anschauens, seine Reduktion auf Grausamkeit, Gefühl der Sicherheit, des Richter-seins und Außerhalb-seins u. s. w. Man muß den Künstler selbst nehmen: und dessen Psychologie (die Kritik des Spieltriebs, als Auslassen von Kraft, Lust am Wechsel, am Eindrücken der eigenen Seele in Fremdes, der absolute Egoismus des Künstlers u. s w.). Welche Triebe er sublimisirt.

Die wissenschaftliche Welt-Betrachtung: Kritik des psychologischen Bedürfnisses nach Wissenschaft. Das Begreiflich-machen-wollen; das Praktisch-, Nützlich-, Ausbeutbar-machen-wollen –: inwiefern anti-ästhetisch. Der Werth allein, was gezählt und berechnet werden kann. Inwiefern eine durchschnittliche Art Mensch dabei zum Übergewicht kommen will. Furchtbar, wenn gar die Geschichte in dieser Weise in Besitz genommen wird – das Reich des Überlegenen, des Richtenden. Welche Triebe er sublimisirt!

Die religiöse Welt-Betrachtung: Kritik des religiösen Menschen. Es ist nicht nothwendig der moralische, sondern der Mensch der starken Erhebungen und tiefen Depressionen, der die ersteren mit Dankbarkeit oder Verdacht interpretirt und nicht von sich herleitet (– die letzteren auch nicht –). Wesentlich der sich »unfrei« fühlende Mensch, der seine Zustände, die Unterwerfungs-Instinkte sublimisirt.

Die moralische Welt-Betrachtung. Die socialen Rangordnungs-Gefühle werden in's Universum verlegt: die Unverrückbarkeit, das Gesetz, die Einordnung und Gleichordnung werden, weil am höchsten geschätzt, auch an der höchsten Stelle gesucht, – über dem All, oder hinter dem All.

Was gemeinsam ist: die herrschenden Triebe wollen auch als höchste Werth-Instanzen überhaupt, ja als schöpferische und regierende Gewalten betrachtet werden. Es versteht sich, daß diese Triebe sich gegenseitig entweder anfeinden oder unterwerfen (synthetisch auch wohl binden, oder in der Herrschaft wechseln). Ihr tiefer Antagonismus ist aber so groß, daß wo sie alle Befriedigung wollen, ein Mensch von tiefer Mittelmäßigkeit zu denken ist.

 

678.

Ob nicht der Ursprung unfrei anscheinenden »Erkenntnisse« auch nur in älteren Wertschätzungen zu suchen ist, welche so fest einverleibt sind, daß sie zu unserem Grundbestand gehören? Sodaß eigentlich nur jüngere Bedürfnisse mit dem Resultat der ältesten Bedürfnisse handgemein werden?

Die Welt so und so gesehen, empfunden, ausgelegt, daß organisches Leben bei dieser Perspektive von Auslegung sich erhält. Der Mensch ist nicht nur ein Individuum, sondern das fortlebende Gesammt-Organische in Einer bestimmten Linie. Daß er besteht, damit ist bewiesen, daß eine Gattung von Interpretation (wenn auch immer fortgebaut) auch bestanden hat, daß das System der Interpretation nicht gewechselt hat. »Anpassung«.

Unser »Ungenügen«, unser »Ideal« u. s. w. ist vielleicht die Consequenz dieses einverleibten Stücks Interpretation, unseres perspektivischen Gesichtspunkts: vielleicht geht endlich das organische Leben daran zu Grunde – so wie die Arbeitstheilung von Organismen zugleich eine Verkümmerung und Schwächung der Theile, endlich den Tod Kr das Ganze mit sich bringt. Es muß der Untergang des organischen Lebens, auch seiner höchsten Form, ebenso angelegt sein wie der Untergang des Einzelnen.

 

679.

Die Individuation, vom Standpunkt der Abstammungstheorie beurtheilt, zeigt das beständige Zerfallen von Eins in Zwei und das ebenso beständige Vergehen der Individuen auf den Gewinn von wenig Individuen, die die Entwicklung fortsetzen: die übergroße Masse stirbt jedesmal ab (»der Leib«).

Das Grundphänomen: unzählige Individuen geopfert um weniger willen: als deren Ermöglichung. – Man muß sich nicht täuschen lassen: ganz so steht es mit den Völkern und Rassen: sie bilden den »Leib« zur Erzeugung von einzelnen werthvollen Individuen, die den großen Proceß fortsetzen.

 

680.

Gegen die Theorie, daß das einzelne Individuum den Vortheil der Gattung, seiner Nachkommenschaft im Auge hat, auf Unkosten des eigenen Vortheils: das ist nur Schein.

Die ungeheure Wichtigkeit, mit der das Individuum den geschlechtlichen Instinkt nimmt, ist nicht eine Folge von dessen Wichtigkeit für die Gattung, sondern das Zeugen ist die eigentliche Leistung des Individuums und sein höchstes Interesse folglich, seine höchste Machtäußerung (natürlich nicht vom Bewußtsein aus beurtheilt, sondern von dem Centrum der ganzen Individuation).

 

681.

Grundirrthümer der bisherigen Biologen: es handelt sich nicht um die Gattung, sondern um stärker auszuwirkende Individuen. (Die Vielen sind nur Mittel).

Das Leben ist nicht Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern Wille zur Macht, der von Innen her immer mehr »Äußeres« sich unterwirft und einverleibt.

Diese Biologen setzen die moralischen Weichschätzungen fort (– der »an sich höhere Werth des Altruismus«, die Feindschaft gegen die Herrschsucht, gegen den Krieg, gegen die Unnützlichkeit, gegen die Rang- und Ständeordnung).

 

682.

Mit der moralischen Herabwürdigung des ego geht auch noch, in der Naturwissenschaft, eine Überschätzung der Gattung Hand in Hand. Aber die Gattung ist etwas ebenso Illusorisches wie das ego: man hat eine falsche Distinktion gemacht. Das ego ist hundertmal mehr, als bloß eine Einheit in der Kette von Gliedern; es ist die Kette selbst, ganz und gar; und die Gattung ist eine bloße Abstraktion aus der Vielheit dieser Ketten und deren partieller Ähnlichkeit. Daß, wie so oft behauptet worden ist, das Individuum der Gattung geopfert wird, ist durchaus kein Thatbestand: vielmehr nur das Muster einer fehlerhaften Interpretation.

 

683.

Formel des »Fortschritts«-Aberglaubens eines berühmten Physiologen der cerebralen Thätigkeit:

» L'animal ne fait jamais de progrès comme espèce. L'homme seul fait de progrès comme espèce.«

Nein: –

 

684.

Anti-Darwin. – Die Domestikation des Menschen: welchen definitiven Werth kann sie haben? oder hat überhaupt eine Domestikation einen definitiven Werth? – Man hat Gründe, dies letztere zu leugnen.

Die Schule Darwin's macht zwar große Anstrengung, uns zum Gegentheil zu überreden: sie will, daß die Wirkung der Domestikation tief, ja fundamental werden kann. Einstweilen halten wir am Alten fest: es hat sich Nichts bisher bewiesen, als eine ganz oberflächliche Wirkung durch Domestikation – oder aber die Degenerescenz. Und Alles, was der menschlichen Hand und Züchtung entschlüpft, kehrt fast sofort wieder in seinen Natur-Zustand zurück. Der Typus bleibt constant: man kann nicht » dénaturer la nature«.

Man rechnet auf den Kampf um die Existenz, den Tod der schwächlichen Wesen und das Überleben der Robustesten und Bestbegabten; folglich imaginirt man ein beständiges Wachsthum der Vollkommenheit für die Wesen. Wir haben uns umgekehrt versichert, daß, in dem Kampf um das Leben, der Zufall den Schwachen so gut dient, wie den Starken; daß die List die Kraft oft mit Vortheil supplirt; daß die Fruchtbarkeit der Gattungen in einem merkwürdigen Rapport zu den Chancen der Zerstörung steht ...

Man theilt der natürlichen Selektion zugleich langsame und unendliche Metamorphosen zu: man will glauben, daß jeder Vortheil sich vererbt und sich in abfolgenden Geschlechtern immer stärker ausdrückt (während die Erblichkeit so capriciös ist ...); man betrachtet die glücklichen Anpassungen gewisser Wesen an sehr besondere Lebensbedingungen und man erklärt, daß sie durch den Einfluß des Milieu's erlangt seien.

Man findet aber Beispiele der unbewußten Selektion nirgendswo (ganz und gar nicht). Die disparatesten Individuen einigen sich, die extremen mischen sich in die Masse. Alles concurrirt, seinen Typus aufrecht zu erhalten; Wesen, die äußere Zeichen haben, die sie gegen gewisse Gefahren schützen, verlieren dieselben nicht, wenn sie unter Umstände kommen, wo sie ohne Gefahr leben ... Wenn sie Orte bewohnen, wo das Kleid aufhört, sie zu verbergen, nähern sie sich keineswegs dem Milieu an.

Man hat die Auslese der Schönsten in einer Weise übertrieben, wie sie weit über den Schönheitstrieb unsrer eignen Rasse hinausgeht! Tatsächlich paart sich das Schönste mit sehr enterbten Creaturen, das Größte mit dem Kleinsten. Fast immer sehen wir Männchen und Weibchen von jeder zufälligen Begegnung profitiren und sich ganz und gar nicht wählerisch zeigen. – Modifikation durch Klima und Nahrung: – aber in Wahrheit gleichgültig.

Es giebt keine Übergangsformen. –

Man behauptet die wachsende Entwicklung der Wesen. Es fehlt jedes Fundament. Jeder Typus hat seine Grenze: über diese hinaus giebt es keine Entwicklung. Bis dahin absolute Regelmäßigkeit.

*

Meine Gesammtansicht. – Erster Satz: der Mensch als Gattung ist nicht im Fortschritt. Höhere Typen werden wohl erreicht, aber sie halten sich nicht. Das Niveau der Gattung wird nicht gehoben.

Zweiter Satz: der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgend einem andern Thier dar. Die gesammte Thier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren ... Sondern Alles zugleich, und übereinander und durcheinander und gegeneinander. Die reichsten und complexesten Formen – denn mehr besagt das Wort »höherer Typus« nicht – gehen leichter zu Grunde: nur die niedrigsten halten eine scheinbare Unvergänglichkeit fest. Erstere werden selten erreicht und halten sich mit Noth oben: letztere haben eine compromittirende Fruchtbarkeit für sich. – Auch in der Menschheit gehen unter wechselnder Gunst und Ungunst die höheren Typen, die Glücksfälle der Entwicklung, am leichtesten zu Grunde. Sie sind jeder Art von décadence ausgesetzt: sie sind extrem, und damit selbst beinahe schon décadents ... Die kurze Dauer der Schönheit, des Genie's, des Caesar ist sui generis: dergleichen vererbt sich nicht. Der Typus vererbt sich; ein Typus ist nichts Extremes, kein »Glücksfall« ... Das liegt an keinem besondern Verhängnis; und »bösen Willen« der Natur, sondern einfach am Begriff »höherer Typus«: der höhere Typus stellt eine unvergleichlich größere Complexität, – eine größere Summe coordinirter Elemente dar: damit wird auch die Disgregation unvergleichlich wahrscheinlicher. Das »Genie« ist die sublimste Maschine, die es giebt, – folglich die zerbrechlichste.

Dritter Satz: die Domestikation (die »Cultur«) des Menschen geht nicht tief ... Wo sie tief geht, ist sie sofort die Degenerescenz (Typus: der Christ). Der »wilde« Mensch (oder, moralisch ausgedrückt: der böse Mensch) ist eine Rückkehr zur Natur – und, in gewissem Sinne, seine Wiederherstellung, seine Heilung von der »Cultur« ...

 

685.

Anti-Darwin. – Was mich beim Überblick über die großen Schicksale des Menschen am meisten überrascht, ist, immer das Gegentheil vor Augen zu sehn von Dem, was heute Darwin mit seiner Schule sieht oder sehen will: die Selektion zu Gunsten der Stärkeren, Besser-Weggekommenen, den Fortschritt der Gattung. Gerade das Gegentheil greift sich mit Händen: das Durchstreichen der Glücksfälle, die Unnützlichkeit der höher gerathenen Typen, das unvermeidliche Herr-werden der mittleren, selbst der unter-mittleren Typen. Gesetzt, daß man uns nicht den Grund aufzeigt, warum der Mensch die Ausnahme unter den Kreaturen ist, neige ich zum Vorurtheil, daß die Schule Darwin's sich überall getäuscht hat. Jener Wille zur Macht, in dem ich den letzten Grund und Charakter aller Veränderung wiedererkenne, giebt uns das Mittel an die Hand, warum gerade die Selektion zu Gunsten der Ausnahmen und Glücksfälle nicht statt hat: die Stärksten und Glücklichsten sind schwach, wenn sie organisirte Heerdeninstinkte, wenn sie die Furchtsamkeit der Schwachen, die Überzahl gegen sich haben. Mein Gesammtaspekt der Welt der Werthe zeigt, daß in den obersten Werthen, die über der Menschheit heute aufgehängt sind, nicht die Glücksfälle, die Selektions-Typen, die Oberhand haben: vielmehr die Typen der décadence, – vielleicht giebt es nichts Interessanteres in der Welt, als dieses unerwünschte Schauspiel ...

So seltsam es klingt: man hat die Starken immer zu beweisen gegen die Schwachen; die Glücklichen gegen die Mißglückten; die Gesunden gegen die Verkommenden und Erblich-Belasteten. Will man die Realität zur Moral formuliren, so lautet diese Moral: die Mittleren sind mehr werth, als die Ausnahmen; die décadence-Gebilde mehr als die Mittleren; der Wille zum Nichts hat die Oberhand über den Willen zum Leben – und das Gesammtziel ist, nun, christlich, buddhistisch, schopenhauerisch ausgedrückt: »besser nicht sein, als sein«.

Gegen die Formulirung der Realität zur Moral empöre ich mich: deshalb perhorrescire ich das Christenthum mit einem tödtlichen Haß, weil es die sublimen Worte und Gebärden schuf, um einer schauderhaften Wirklichkeit den Mantel des Rechts, der Tugend, der Göttlichkeit zu geben ...

Ich sehe alle Philosophen, ich sehe die Wissenschaft auf den Knieen vor der Realität vom umgekehrten Kampf um's Dasein, als ihn die Schule Darwin's lehrt, – nämlich ich sehe überall Die obenauf, Die übrigbleibend, die das Leben, den Werth des Lebens compromittiren. – Der Irrthum der Schule Darwin's wurde mir zum Problem: wie kann man blind sein, um gerade hier falsch zu sehen?

Daß die Gattungen einen Fortschritt darstellen, ist die unvernünftigste Behauptung von der Welt: einstweilen stellen sie ein Niveau dar. Daß die höheren Organismen aus den niederen sich entwickelt hätten, ist durch keinen Fall bisher bezeugt. Ich sehe, daß die niederen durch die Menge, durch die Klugheit, durch die List im Übergewicht sind, – ich sehe nicht, wie eine zufällige Veränderung einen Vortheil abgiebt, zum Mindesten nicht für eine so lange Zeit: diese wäre wieder ein neues Motiv, zu erklären, warum eine zufällige Veränderung derartig stark geworden ist.

Ich finde die »Grausamkeit der Natur«, von der man so viel redet, an einer andern Stelle: sie ist grausam gegen ihre Glückskinder, sie schont und schützt und liebt les humbles.

In summa: das Wachsthum der Macht einer Gattung ist durch die Präponderanz ihrer Glückskinder, ihrer Starken vielleicht weniger garantirt, als durch die Präponderanz der mittleren und niederen Typen ... In letzteren ist die große Fruchtbarkeit, die Dauer; mit ersteren wächst die Gefahr, die rasche Verwüstung, die schnelle Zahl-Verminderung.

 

686.

Der bisherige Mensch – gleichsam ein Embryo des Menschen der Zukunft; – alle gestaltenden Kräfte, die auf diesen hinzielen, sind in ihm: und weil sie ungeheuer sind, so entsteht für das jetzige Individuum, je mehr es zukunftbestimmend ist, Leiden. Dies ist die tiefste Auffassung des Leidens: die gestaltenden Kräfte stoßen sich. – Die Vereinzelung des Individuums darf nicht täuschen – in Wahrheit fließt Etwas fort unter den Individuen. Daß es sich einzeln fühlt, ist der mächtigste Stachel im Processe selber nach fernsten Zielen hin: sein Suchen für sein Glück ist das Mittel, welches die gestaltenden Kräfte andrerseits zusammenhält und mäßigt, daß sie sich nicht selber zerstören.

 

687.

Die überschüssige Kraft in der Geistigkeit, sich selbst neue Ziele stellend; durchaus nicht bloß als befehlend und führend für die niedere Welt oder für die Erhaltung des Organismus, des »Individuums«.

Wir sind mehr, als das Individuum: wir sind die ganze Kette noch, mit den Aufgaben aller Zukünfte der Kette.

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