Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Wilhelm Nietzsche >

Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/nietzsch/willmac1/willmac1.xml
typetractate
authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
projectidbe12fb09
Schließen

Navigation:

4. Schlußbetrachtung zur Kritik der Philosophie.

 

461.

Warum die Philosophen Verleumder sind. – Die tückische und blinde Feindseligkeit der Philosophen gegen die Sinne, – wie viel Pöbel und Biedermann ist in all diesem Haß!

Das Volk betrachtet einen Mißbrauch, von dem es schlechte Folgen fühlt, immer als Einwand gegen Das, was mißbraucht worden ist: alle aufständischen Bewegungen gegen Principien, sei es im Gebiete der Politik oder der Wirthschaft, argumentiren immer so, mit dem Hintergedanken, einen abusus als dem Princip notwendig und inhärent darzustellen.

Das ist eine jammervolle Geschichte: der Mensch sucht nach einem Princip, von wo aus er den Menschen verachten kann, – er erfindet eine Welt, um diese Welt verleumden und beschmutzen zu können: thatsächlich greift er jedesmal nach dem Nichts und construirt das Nichts zum »Gott«, zur »Wahrheit« und jedenfalls zum Richter und Verurtheiler dieses Seins ...

Wenn man einen Beweis dafür haben will, wie tief und gründlich die eigentlich barbarischen Bedürfnisse des Menschen auch noch in seiner Zähmung und »Civilisation« Befriedigung suchen, so sehe man die »Leitmotive« der ganzen Entwicklung der Philosophie an: – eine Art Rache an der Wirklichkeit, ein heimtückisches Zugrunderichten der Werthung, in der der Mensch lebt, eine unbefriedigte Seele, die die Zustände der Zähmung als Tortur empfindet und am krankhaften Aufdröseln aller Bande, die mit ihr verbinden, ihre Wollust hat.

Die Geschichte der Philosophie ist ein heimliches Wüthen gegen die Voraussetzungen des Lebens, gegen die Werthgefühle des Lebens, gegen das Parteinehmen zu Gunsten des Lebens. Die Philosophen haben nie gezögert, eine Welt zu bejahen, vorausgesetzt, daß sie dieser Welt widerspricht, daß sie eine Handhabe abgiebt, von dieser Welt schlecht zu reden. Es war bisher die große Schule der Verleumdung: und sie hat so sehr imponirt, daß heute noch unsere sich als Fürsprecherin des Lebens gebende Wissenschaft die Grundposition der Verleumdung acceptirt hat und diese Welt als scheinbar, diese Ursachenkette als bloß phänomenal handhabt. Was haßt da eigentlich? ...

Ich fürchte, es ist immer die Circe der Philosophen, die Moral, welche ihnen diesen Streich gespielt, zu allen Zeiten Verleumder sein zu müssen ... Sie glaubten an die moralischen »Wahrheiten«, sie fanden da die obersten Werthe, – was blieb ihnen übrig, als, je mehr sie das Dasein begriffen, umsomehr zu ihm Nein zu sagen? ... Denn dieses Dasein ist unmoralisch ... Und dieses Leben ruht auf unmoralischen Voraussetzungen: und alle Moral verneint das Leben –.

– Schaffen wir die wahre Welt ab: und um dies zu können, haben wir die bisherigen obersten Werthe abzuschaffen, die Moral ... Es genügt nachzuweisen, daß auch die Moral unmoralisch ist, in dem Sinne, in welchem das Unmoralische bis jetzt verurtheilt worden ist. Ist auf diese Weise die Tyrannei der bisherigen Werthe gebrochen, haben wir die »wahre Welt« abgeschafft, so wird eine neue Ordnung der Werthe von selbst folgen müssen.

Die scheinbare Welt und die erlogene Welt – ist der Gegensatz. Letztere hieß bisher die »wahre Welt«, die »Wahrheit«, »Gott«. Diese haben wir abzuschaffen.

Logik meiner Conception:

  1. Moral als oberster Werth (Herrin über alle Phasen der Philosophie, selbst der Skeptiker). Resultat: diese Welt taugt Nichts, sie ist nicht die »wahre Welt«.
  2. Was bestimmt hier den obersten Werth? Was ist eigentlich Moral? – Der Instinkt der décadence; es sind die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise Rache nehmen. Historischer Nachweis: die Philosophen sind immer dècadents ... im Dienste der nihilistischen Religionen.
  3. Der Instinkt der décadence, der als Wille zur Macht auftritt. Beweis: die absolute Unmoralität der Mittel in der ganzen Geschichte der Moral.

Gesammteinsicht: die bisherigen höchsten Werthe sind ein Specialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Specialfall der Unmoralität.

 

462.

Principielle Neuerungen: An Stelle der »moralischen Werthe« lauter naturalistische Werthe. Vernatürlichung der Moral.

An Stelle der »Sociologie« eine Lehre von den Herrschaftsgebilden.

An Stelle der »Gesellschaft« den Cultur-Complex, als mein Vorzugs-Interesse (gleichsam als Ganzes, bezüglich in seinen Theilen).

An Stelle der »Erkenntnißtheorie« eine Perspektiven-Lehre der Affekte (wozu eine Hierarchie der Affekte gehört: die transfigurirten Affekte: deren höhere Ordnung, deren » Geistigkeit«).

An Stelle von »Metaphysik« und Religion die Ewige Wiederkunftslehre (diese als Mittel der Züchtung und Auswahl).

 

463.

Meine Vorbereiter: Schopenhauer: Inwiefern ich den Pessimismus vertiefte und durch Erfindung seines höchsten Gegensatzes erst ganz mir zum Gefühl brachte.

Sodann: die höheren Europäer, Vorläufer der großen Politik.

Sodann: die Griechen und ihre Entstehung.

 

464.

Ich nannte meine unbewußten Arbeiter und Vorbereiter. Wo aber dürfte ich mit einiger Hoffnung nach meiner Art von Philosophen selber, zum Mindesten nach meinem Bedürfniß neuer Philosophen suchen? Dort allein, wo eine vornehme Denkweise herrscht, eine solche, welche an Sklaverei und an viele Grade der Hörigkeit als an die Voraussetzung jeder höheren Cultur glaubt; wo eine schöpferische Denkweise herrscht, welche nicht der Welt das Glück der Ruhe, den »Sabbat aller Sabbate« als Ziel setzt und selber im Frieden das Mittel zu neuen Kriegen ehrt; eine der Zukunft Gesetze vorschreibende Denkweise, welche um der Zukunft willen sich selber und alles Gegenwärtige hart und tyrannisch behandelt; eine unbedenkliche, »unmoralische« Denkweise, welche die guten und die schlimmen Eigenschaften des Menschen gleichermaaßen in's Große züchten will, weil sie sich die Kraft zutraut, beide an die rechte Stelle zu setzen, – an die Stelle, wo sie beide einander noth thun. Aber wer also heute nach Philosophen sucht, welche Aussicht hat er, zu finden, was er sucht? Ist es nicht wahrscheinlich, daß er, mit der besten Diogenes-Laterne suchend, umsonst Tags und Nachts über herumläuft? Das Zeitalter hat die umgekehrten Instinkte: es will vor Allem und zuerst Bequemlichkeit: es will zuzweit Öffentlichkeit und jenen großen Schauspieler-Lärm, jenes große Bumbum, welches seinem Jahrmarkts-Geschmacke entspricht; es will zudritt, daß Jeder mit tiefster Unterthänigkeit vor der größten aller Lügen – diese Lüge heißt »Gleichheit der Menschen« – auf dem Bauche liegt, und ehrt ausschließlich die gleichmachenden, gleichstellenden Tugenden. Damit aber ist es der Entstehung des Philosophen, wie ich ihn verstehe, von Grund aus entgegengerichtet, ob es schon in aller Unschuld sich ihm förderlich glaubt. In der That, alle Welt jammert heute darüber, wie schlimm es früher die Philosophen gehabt hätten, eingeklemmt zwischen Scheiterhaufen, schlechtes Gewissen und anmaaßliche Kirchenväter-Weisheit: die Wahrheit ist aber, daß eben darin immer noch günstigere Bedingungen zur Erziehung einer mächtigen, umfänglichen, verschlagenen und verwegen-wagenden Geistigkeit gegeben waren, als in den Bedingungen des heutigen Lebens. Heute hat eine andere Art von Geist, nämlich der Demagogen-Geist, der Schauspieler-Geist, vielleicht auch der Biber- und Ameisen-Geist des Gelehrten für seine Entstehung günstige Bedingungen. Aber umso schlimmer steht es schon mit den höheren Künstlern: gehen sie denn nicht fast alle an innerer Zuchtlosigkeit zu Grunde? Sie werden nicht mehr von Außen her, durch die absoluten Werthtafeln einer Kirche oder eines Hofes, tyrannisirt: so lernen sie auch nicht mehr ihren »inneren Tyrannen« großziehen, ihren Willen. Und was von den Künstlern gilt, gilt in einem höheren und verhängnißvolleren Sinne von den Philosophen. Wo sind denn heute freie Geister? Man zeige mir doch heute einen freien Geist! –

 

465.

Ich verstehe unter » Freiheit des Geistes« etwas sehr Bestimmtes: hundertmal den Philosophen und andern Jüngern der »Wahrheit« durch Strenge gegen sich überlegen sein, durch Lauterkeit und Muth, durch den unbedingten Willen, Nein zu sagen, wo das Nein gefährlich ist, – ich behandle die bisherigen Philosophen als verächtliche libertins unter der Kapuze des Weibes »Wahrheit«.

Drittes Buch. Princip einer neuen Werthsetzung.

I. Der Wille zur Macht als Erkenntniß.

a) Methode der Forschung.

 

466.

Nicht der Sieg der Wissenschaft ist Das, was unser 19. Jahrhundert auszeichnet, sondern der Sieg der wissenschaftlichen Methode über die Wissenschaft.

 

467.

Geschichte der wissenschaftlichen Methode, von Auguste Comte beinahe als Philosophie selber verstanden.

 

468.

Die großen Methodologen: Aristoteles, Bacon, Descartes, Auguste Comte.

 

469.

Die werthvollsten Einsichten werden am spätesten gefunden: aber die werthvollsten Einsichten sind die Methoden.

Alle Methoden, alle Voraussetzungen unsrer jetzigen Wissenschaft haben Jahrtausende lang die tiefste Verachtung gegen sich gehabt: auf sie hin ist man aus dem Verkehr mit honnetten Menschen ausgeschlossen worden, – man galt als » Feind Gottes«, als Verächter des höchsten Ideals, als »Besessener«.

Wir haben das ganze Pathos der Menschheit gegen uns gehabt, – unser Begriff von Dem, was die »Wahrheit« sein soll, was der Dienst der Wahrheit sein soll, unsre Objektivität, unsre Methode, unsre stille, vorsichtige, mißtrauische Art war vollkommen verächtlich... Im Grunde war es ein ästhetischer Geschmack, was die Menschheit am längsten gehindert hat: sie glaubte an den pittoresken Effekt der Wahrheit, sie verlangte vom Erkennenden, daß er stark auf die Phantasie wirke.

Das sieht aus, als ob ein Gegensatz erreicht, ein Sprung gemacht worden sei: in Wahrheit hat jene Schulung durch die Moral-Hyperbeln Schritt für Schritt jenes Pathos milderer Art vorbereitet, das als wissenschaftlicher Charakter leibhaft wurde...

Die Gewissenhaftigkeit im Kleinen, die Selbstcontrole des religiösen Menschen war eine Vorschule zum wissenschaftlichen Charakter: vor Allem die Gesinnung, welche Probleme ernst nimmt, noch abgesehen davon, was persönlich dabei für Einen herauskommt...

b) Der erkenntnißtheoretische Ausgangspunkt

 

470.

Tiefe Abneigung, in irgend einer Gesammt-Betrachtung der Welt ein für alle Mal auszuruhn. Zauber der entgegengesetzten Denkweise: sich den Anreiz des änigmatischen Charakters nicht nehmen lassen.

 

471

Die Voraussetzung, daß es im Grunde der Dinge so moralisch zugeht, daß die menschliche Vernunft Recht behält – ist eine Treuherzigkeit und Biedermanns-Voraussetzung, die Nachwirkung des Glaubens an die göttliche Wahrhaftigkeit – Gott als Schöpfer der Dinge gedacht. – Die Begriffe eine Erbschaft aus einer jenseitigen Vorexistenz – –

 

472

Widerspruch gegen die angeblichen »Thatsachen des Bewußtseins«. Die Beobachtung ist tausendfach schwieriger, der Irrthum vielleicht Bedingung der Beobachtung überhaupt.

 

473

Der Intellekt kann sich nicht selbst kritisiren, eben weil er nicht zu vergleichen ist mit andersgearteten Intellekten und weil sein Vermögen zu erkennen erst angesichts der »wahren Wirklichkeit« zu Tage treten würde, d. h. weil, um den Intellekt zu kritisiren, wir ein höheres Wesen mit »absoluter Erkenntniß« sein müßten. Dies setzte schon voraus, daß es, abseits von allen perspektivischen Arten der Betrachtung und sinnlichgeistiger Aneignung, Etwas gäbe, ein »An sich«. – Aber die psychologische Ableitung des Glaubens an Dinge verbietet uns, von »Dingen an sich« zu reden.

 

474.

Daß zwischen Subjekt und Objekt eine Art adäquater Relation stattfinde; daß das Objekt Etwas sei, das von Innen gesehn Subjekt wäre, ist eine gutmüthige Erfindung, die, wie ich denke, ihre Zeit gehabt hat. Das Maaß Dessen, was uns überhaupt bewußt wird, ist ja ganz und gar abhängig von der groben Nützlichkeit des Bewußtwerdens: wie erlaubte uns diese Winkelperspektive des Bewußtseins irgendwie über »Subjekt« und »Objekt« Aussagen, mit denen die Realität berührt würde! –

 

475.

Kritik der neueren Philosophie: fehlerhafter Ausgangspunkt, als ob es »Thatsachen des Bewußtseins« gäbe – und keinen Phänomenalismus in der Selbst-Beobachtung,

 

476.

»Bewußtsein« – inwiefern die vorgestellte Vorstellung, der vorgestellte Wille, das vorgestellte Gefühl ( das uns allein bekannte) ganz oberflächlich ist! »Erscheinung« auch unsre innere Welt!

 

477.

Ich halte die Phänomenalität auch der inneren Welt fest: Alles, was uns bewußt wird, ist durch und durch erst zurechtgemacht, vereinfacht, schematisirt, ausgelegt, – der wirkliche Vorgang der inneren »Wahrnehmung«, die Causalvereinigung zwischen Gedanken, Gefühlen, Begehrungen, zwischen Subjekt und Objekt ist uns absolut verborgen – und vielleicht eine reine Einbildung. Diese »scheinbare innere Welt« ist mit ganz denselben Formen und Proceduren behandelt, wie die »äußere« Welt. Wir stoßen nie auf »Thatsachen«: Lust und Unlust sind späte und abgeleitete Intellekt-Phänomene...

Die »Ursächlichkeit« entschlüpft uns; zwischen Gedanken ein unmittelbares, ursächliches Band anzunehmen, wie es die Logik thut – das ist Folge der allergröbsten und plumpsten Beobachtung. Zwischen zwei Gedanken spielen noch alle möglichen Affekte ihr Spiel: aber die Bewegungen sind zu rasch, deshalb verkennen wir sie, leugnen wir sie...

»Denken«, wie es die Erkenntnißtheoretiker ansetzen, kommt gar nicht vor: das ist eine ganz willkürliche Fiktion, erreicht durch Heraushebung Eines Elementes aus dem Proceß und Subtraktion aller übrigen, eine künstliche Zurechtmachung zum Zwecke der Verständlichung...

Der »Geist«, Etwas, das denkt: womöglich gar »der Geist absolut, rein, pur« – diese Conception ist eine abgeleitete zweite Folge der falschen Selbstbeobachtung, welche an »Denken« glaubt: hier ist erst ein Akt imaginirt, der gar nicht vorkommt, »das Denken«, und zweitens ein Subjekt-Substrat imaginirt, in dem jeder Akt dieses Denkens und sonst nichts Anderes seinen Ursprung hat: das heißt sowohl das Thun, als der Thäter sind fingirt.

 

478.

Man muß den Phänomenalismus nicht an der falschen Stelle suchen: Nichts ist phänomenaler, (oder deutlicher:) Nichts ist so sehr Täuschung, als diese innere Welt, die wir mit dem berühmten »inneren Sinn« beobachten.

Wir haben den Willen als Ursache geglaubt, bis zu dem Maaße, daß wir nach unsrer Personal-Erfahrung überhaupt eine Ursache in das Geschehen hineingelegt haben (d. h. Absicht als Ursache von Geschehen –).

Wir glauben, daß Gedanke und Gedanke, wie sie in uns nacheinander folgen, in irgend einer causalen Verkettung stehen: der Logiker insonderheit, der thatsächlich von lauter Fällen redet, die niemals in der Wirklichkeit vorkommen, hat sich an das Vorurtheil gewöhnt, daß Gedanken Gedanken verursachen –.

Wir glauben – und selbst unsre Philosophen glauben es noch –, daß Lust und Schmerz Ursache sind von Reaktionen, daß es der Sinn von Lust und Schmerz ist, Anlaß zu Reaktionen zu geben. Man hat Lust und das Vermeiden der Unlust geradezu Jahrtausende lang als Motive für jedes Handeln aufgestellt. Mit einiger Besinnung dürften wir zugeben, daß Alles so verlaufen würde, nach genau derselben Verkettung der Ursachen und Wirkungen, wenn diese Zustände »Lust und Schmerz« fehlten: und man täuscht sich einfach, zu behaupten, daß sie irgend Etwas verursachen: – es sind Begleiterscheinungen mit einer ganz andern Finalität, als der, Reaktionen hervorzurufen; es sind bereits Wirkungen innerhalb des eingeleiteten Processes der Reaktion.

In summa: Alles, was bewußt wird, ist eine Enderscheinung, ein Schluß – und verursacht Nichts; alles Nacheinander im Bewußtsein ist vollkommen atomistisch –. Und wir haben die Welt versucht zu verstehn in der umgekehrten Auffassung, – als ob Nichts wirke und real sei als Denken, Fühlen, Wollen! ...

 

479.

Der Phänomenalismus der »inneren Welt«. Die chronologische Umdrehung, sodaß die Ursache später in's Bewußtsein tritt als die Wirkung. – Wir haben gelernt, daß der Schmerz an eine Stelle des Leibes projicirt wird, ohne dort seinen Sitz zu haben –: wir haben gelernt, daß die Sinnesempfindung, welche man naiv als bedingt durch die Außenwelt ansetzt, vielmehr durch die Innenwelt bedingt ist: daß die eigentliche Aktion der Außenwelt immer unbewußt verläuft ... Das Stück Außenwelt, das uns bewußt wird, ist nachgeboren nach der Wirkung, die von Außen auf uns geübt ist, ist nachträglich projicirt als deren »Ursache« ...

In dem Phänomenalismus der »innern Welt« kehren wir die Chronologie von Ursache und Wirkung um. Die Grundthatsache der »inneren Erfahrung« ist, daß die Ursache imaginirt wird, nachdem die Wirkung erfolgt ist... Dasselbe gilt auch von der Abfolge der Gedanken: – wir suchen den Grund zu einem Gedanken, bevor er uns noch bewußt ist: und dann tritt zuerst der Grund und dann dessen Folge in's Bewußtsein ... Unser ganzes Träumen ist die Auslegung von Gesammt-Gefühlen auf mögliche Ursachen: und zwar so, daß ein Zustand erst bewußt wird, wenn die dazu erfundene Causalitäts-Kette in's Bewußtsein getreten ist.

Die ganze »innere Erfahrung« beruht darauf, daß zu einer Erregung der Nerven-Centren eine Ursache gesucht und vorgestellt wird – und daß erst die gefundene Ursache in's Bewußtsein tritt: diese Ursache ist schlechterdings nicht adäquat der wirklichen Ursache, – es ist ein Tasten auf Grund der ehemaligen »inneren Erfahrungen«, d. h. des Gedächtnisses. Das Gedächtniß conservirt aber auch die Gewohnheit der alten Interpretationen, d. h. der irrtümlichen Ursächlichkeit, – sodaß die »innere Erfahrung« in sich noch die Folgen aller ehemaligen falschen Causal-Fiktionen zu tragen hat. Unsere »Außenweit«, wie wir sie jeden Augenblick projiciren, ist unauflöslich gebunden an den alten Irrthum vom Grunde: wir legen sie aus mit dem Schematismus des »Dings« u. s. w.

Die »innere Erfahrung« tritt uns in's Bewußtsein erst nachdem sie eine Sprache gefunden hat, die das Individuum versteht – d. h. eine Übersetzung eines Zustande« in ihm bekanntere Zustände–: »verstehen« das heißt naiv bloß: etwas Neues ausdrücken können in der Sprache von etwas Altem, Bekanntem. Z. B. »ich befinde mich schlecht« – ein solches Urtheil setzt eine große und späte Neutralität des Beobachtenden voraus –: der naive Mensch sagt immer: Das und Das macht, daß ich mich schlecht befinde, – er wird über sein Schlechtbefinden erst klar, wenn er einen Grund sieht, sich schlecht zu befinden ... Das nenne ich den Mangel an Philologie; einen Text als Text ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen zu mengen, ist die späteste Form der »inneren Erfahrung«, – vielleicht eine kaum mögliche ...

 

480.

Es giebt weder »Geist«, noch Vernunft, noch Denken, noch Bewußtsein, noch Seele, noch Wille, noch Wahrheit: Alles Fiktionen, die unbrauchbar sind. Es handelt sich nicht um »Subjekt und Objekt«, sondern um eine bestimmte Thierart, welche nur unter einer gewissen relativen Richtigkeit, vor Allem Regelmäßigkeit ihrer Wahrnehmungen (sodaß sie Erfahrung capitalisiren kann) gedeiht ...

Die Erkenntnis; arbeitet als Werkzeug der Macht. So liegt es auf der Hand, daß sie wächst mit jedem Mehr von Macht ...

Sinn der »Erkenntniß«: hier ist, wie bei »gut« oder »schön«, der Begriff streng und eng anthropocentrisch und biologisch zu nehmen. Damit eine bestimmte Art sich erhält und wächst in ihrer Macht, muß sie in ihrer Conception der Realität so viel Berechenbares und Gleichbleibendes erfassen, daß daraufhin ein Schema ihres Verhaltens construirt werden kann. Die Nützlichkeit der Erhaltung – nicht irgend ein abstrakttheoretisches Bedürfniß, nicht betrogen zu werden – steht als Motiv hinter der Entwicklung der Erkenntnißorgane ..., sie entwickeln sich so, daß ihre Beobachtung genügt, uns zu erhalten. Anders: das Maaß des Erkennen-wollens hängt ab von dem Maaß des Wachsens des Willens zur Macht der Art: eine Art ergreift so viel Realität, um über sie Herr zu werden, um sie in Dienst zu nehmen.

c) Der Glaube an's »Ich«. Subjekt.

 

481.

Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehn bleibt »es giebt nur Thatsachen«, würde ich sagen: nein, gerade Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Faktum »an sich« feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen. »Es ist Alles subjektiv« sagt ihr: aber schon Das ist Auslegung. Das »Subjekt« ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzu-Erdichtetes, Dahinter-Gestecktes. – Ist es zuletzt nöthig, den Interpreten noch hinter die Interpretation zu setzen? Schon Das ist Dichtung, Hypothese.

Soweit überhaupt das Wort »Erkenntniß« Sinn hat, ist die Welt erkennbar: aber sie ist anders deutbar, sie hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne. – »Perspektivismus«.

Unsere Bedürfnisse sind es, die die Welt auslegen; unsere Triebe und deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.

 

482.

Wir stellen ein Wort hin, wo unsre Unwissenheit anhebt, wo wir nicht mehr weiter sehn können, z. B. das Wort »Ich«, das Wort »thun«, das Wort »leiden«: – das sind vielleicht Horizontlinien unsrer Erkenntniß, aber keine »Wahrheiten«.

 

483.

Durch das Denken wird das Ich gesetzt; aber bisher glaubte man wie das Voll, im »Ich denke« liege etwas von Unmittelbar-Gewissem, und dieses »Ich« sei die gegebene Ursache des Denkens, nach deren Analogie wir alle sonstigen ursächlichen Verhältnisse verstünden. Wie sehr gewohnt und unentbehrlich jetzt jene Fiktion auch sein mag, – das allein beweist noch Nichts gegen ihre Erdichtetheit: es kann ein Glaube Lebensbedingung und trotzdem falsch sein.

 

484.

»Es wird gedacht: folglich giebt es Denkendes«: darauf läuft die Argumentation des Cartesius hinaus. Aber das heißt unsern Glauben an den Substanzbegriff schon als »wahr a priori« ansetzen: – daß, wenn gedacht wird, es Etwas geben muß, »das denkt«, ist einfach eine Formulirung unserer grammatischen Gewöhnung, welche zu einem Thun einen Thäter setzt. Kurz, es wird hier bereits ein logisch-metaphysisches Postulat gemacht – und nicht nur constatirt... Auf dem Wege des Cartesius kommt man nicht zu etwas absolut Gewissem, sondern nur zu einem Faktum eines sehr starken Glaubens.

Reducirt man den Satz auf »es wird gedacht, folglich giebt es Gedanken«, so hat man eine bloße Tautologie: und gerade Das, was in Frage steht, die » Realität des Gedankens«, ist nicht berührt, – nämlich in dieser Form ist die »Scheinbarkeit« des Gedankens nicht abzuweisen. Was aber Cartesius wollte, ist, daß der Gedanke nicht nur eine scheinbare Realität hat, sondern eine an sich.

 

485.

Der Substanz-Begriff eine Folge des Subjekt-Begriffs: nicht umgekehrt! Geben wir die Seele, »das Subjekt« preis, so fehlt die Voraussetzung für eine »Substanz« überhaupt. Man bekommt Grade des Seienden, man verliert das Seiende.

Kritik der » Wirklichkeit«: worauf führt die » Mehr-oder-Weniger-Wirklichkeit«, die Gradation des Seins, an die wir glauben? –

Unser Grad von Lebens- und Machtgefühl (Logik und Zusammenhang des Erlebten) giebt uns das Maaß von »Sein«, »Realität«, Nicht-Schein.

Subjekt: das ist die Terminologie unsres Glaubens an eine Einheit unter allen den verschiedenen Momenten höchsten Realitätsgefühls: wir verstehen diesen Glauben als Wirkung Einer Ursache, – wir glauben an unseren Glauben so weit, daß wir um seinetwillen die »Wahrheit«, »Wirklichkeit«, »Substanzialität« überhaupt imaginiren. – »Subjekt« ist die Fiktion, als ob viele gleiche Zustände an uns die Wirkung Eines Substrats wären: aber wir haben erst die »Gleichheit« dieser Zustände geschaffen; das Gleich- setzen und Zurecht- machen derselben ist der Thatbestand, nicht die Gleichheit (– diese ist vielmehr zu leugnen –).

 

486.

Man müßte wissen, was Sein ist, um zu entscheiden, ob Dies und Jenes real ist (z.B. »die Thatsachen des Bewußtseins«); ebenso was Gewißheit ist, was Erkenntniß ist und dergleichen. – Da wir das aber nicht wissen, so ist eine Kritik des Erkenntnißvermögens unsinnig: wie sollte das Werkzeug sich selbst kritisiren können, wenn es eben nur sich zur Kritik gebrauchen kann? Es kann nicht einmal sich selbst definiren!

 

487.

Muß nicht alle Philosophie endlich die Voraussetzungen, auf denen die Bewegung der Vernunft ruht, an's Licht bringen? – unsern Glauben an das »Ich« als an eine Substanz, als an die einzige Realität, nach welcher wir überhaupt den Dingen Realität zusprechen? Der älteste »Realismus« kommt zuletzt an's Licht: zu gleicher Zeit, wo die ganze religiöse Geschichte der Menschheit sich wiedererkennt als Geschichte vom Seelen-Aberglauben. Hier ist eine Schranke: unser Denken selbst involvirt jenen Glauben (mit seiner Unterscheidung von Substanz, Accidens; Thun, Thäter u.s.w.); ihn fahren lassen heißt: nicht-mehr-denken-dürfen.

Daß aber ein Glaube, so nothwendig er ist zur Erhaltung von Wesen, Nichts mit der Wahrheit zu thun hat, erkennt man z.B. selbst daran, daß wir an Zeit, Raum und Bewegung glauben müssen, ohne uns gezwungen zu fühlen, hier absolute Realität zuzugestehen.

 

488.

Psychologische Ableitung unseres Glaubens an die Vernunft. – Der Begriff »Realität«, »Sein« ist von unserm » Subjekt«-Gefühl entnommen.

»Subjekt«: von uns aus interpretirt, sodaß das Ich als Substanz gilt, als Ursache alles Thuns, als Thäter.

Die logisch-metaphysischen Postulate, der Glaube an Substanz, Accidens, Attribut u.s.w. hat seine Überzeugungskraft in der Gewohnheit, all unser Thun als Folge unseres Willens zu betrachten: – sodaß das Ich, als Substanz, nicht vergeht in der Vielheit der Veränderung. – Aber es giebt keinen Willen. –

Wir haben gar keine Kategorien, um eine »Welt an sich« von einer »Welt als Erscheinung« scheiden zu dürfen. Alle unsre Vernunft-Kategorien sind sensualistischer Herkunft: abgelesen von der empirischen Welt. »Die Seele«, »das Ich« – die Geschichte dieser Begriffe zeigt, daß auch hier die älteste Scheidung (»Athem«, »Leben«)...

Wenn es nichts Materielles giebt, giebt es auch nichts Immaterielles. Der Begriff enthält Nichts mehr.

Keine Subjekt-»Atome«. Die Sphäre eines Subjekts beständig wachsend oder sich vermindernd, der Mittelpunkt des Systems sich beständig verschiebend; im Falle es die angeeignete Masse nicht organisieren kann, zerfällt es in zwei. Andererseits kann es sich ein schwächeres Subjekt, ohne es zu vernichten, zu seinem Funktionär umbilden und bis zu einem gewissen Grade mit ihm zusammen eine neue Einheit bilden. Keine »Substanz«, vielmehr Etwas, das an sich nach Verstärkung strebt; und das sich nur indirekt »erhalten« will (es will sich überbieten –).

 

489.

Alles, was als »Einheit« in's Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer complicirt: wir haben immer nur einen Anschein von Einheit.

Das Phänomen des Leibes ist das reichere, deutlichere, faßbarere Phänomen: methodisch voranzustellen, ohne Etwas auszumachen über seine letzte Bedeutung.

 

490.

Die Annahme des Einen Subjekts ist vielleicht nicht nothwendig; vielleicht ist es ebensogut erlaubt, eine Vielheit von Subjekten anzunehmen, deren Zusammenspiel und Kampf unserem Denken und überhaupt unserem Bewußtsein zu Grunde liegt. Eine Art Aristokratie von »Zellen«, in denen die Herrschaft ruht?

Gewiß von pares, welche mit einander an's Regieren gewöhnt sind und zu befehlen verstehen?

Meine Hypothesen: Das Subjekt als Vielheit.

Der Schmerz intellektuell und abhängig vom Urtheil »schädlich«: projicirt.

Die Wirkung immer »unbewußt«: die erschlossene und vorgestellte Ursache wird projicirt, folgt der Zeit nach.

Die Lust ist eine Art des Schmerzes.

Die einzige Kraft, die es giebt, ist gleicher Art wie die des Willens: ein Commandiren an andere Subjekte, welche sich daraufhin verändern.

Die beständige Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Subjekts. »Sterbliche Seele«.

Die Zahl als perspektivische Form.

 

491.

Der Glaube an den Leib ist fundamentaler, als der Glaube an die Seele: letzterer ist entstanden aus der unwissenschaftlichen Betrachtung der Agonien des Leibes (Etwas, das ihn verläßt. Glaube an die Wahrheit des Traumes –).

 

492.

Ausgangspunkt vom Leibe und der Physiologie: warum? – Wir gewinnen die richtige Vorstellung von der Art unsrer Subjekt-Einheit, nämlich als Regenten an der Spitze eines Gemeinwesens (nicht als »Seelen« oder »Lebenskräfte«), insgleichen von der Abhängigkeit dieser Regenten von den Regierten und den Bedingungen der Rangordnung und Arbeitstheilung als Ermöglichung zugleich der Einzelnen und des Ganzen. Ebenso wie fortwährend die lebendigen Einheiten entstehen und sterben und wie zum »Subjekt« nicht Ewigkeit gehört; ebenso daß der Kampf auch in Gehorchen und Befehlen sich ausdrückt und ein fließendes Machtgrenzen-bestimmen zum Leben gehört. Die gewisse Unwissenheit, in der der Regent gehalten wird über die einzelnen Verrichtungen und selbst Störungen des Gemeinwesens, gehört mit zu den Bedingungen, unter denen regiert werden kann. Kurz, wir gewinnen eine Schätzung auch für das Nichtwissen, das Im-Großen-und-Groben-Sehen, das Vereinfachen und Fälschen, das Perspektivische. Das Wichtigste ist aber: daß wir den Beherrscher und seine Unterthanen als gleicher Art verstehn, alle fühlend, wollend, denkend – und daß wir überall, wo wir Bewegung im Leibe sehen oder errathen, auf ein zugehöriges subjektives, unsichtbares Leben hinzuschließen lernen. Bewegung ist eine Symbolik für das Auge; sie deutet hin, daß Etwas gefühlt, gewollt, gedacht worden ist.

Das direkte Befragen des Subjekts über das Subjekt und alle Selbst-Bespiegelung des Geistes hat darin seine Gefahren, daß es für seine Thätigkeit nützlich und wichtig sein könnte, sich falsch zu interpretiren. Deshalb fragen wir den Leib und lehnen das Zeugniß der verschärften Sinne ab: wenn man will, wir sehen zu, ob nicht die Untergebenen selber mit uns in Verkehr treten können.

d) Biologie des Erkenntnißtriebes. Perspektivismus.

 

493.

Wahrheit ist die Art von Irrthum, ohne welche eine bestimmte Art von lebendigen Wesen nicht leben könnte. Der Werth für das Leben entscheidet zuletzt.

 

494.

Es ist unwahrscheinlich, daß unser »Erkennen« weiter reichen sollte, als es knapp zur Erhaltung des Lebens ausreicht. Die Morphologie zeigt uns, wie die Sinne und die Nerven, sowie das Gehirn sich entwickeln im Verhältniß zur Schwierigkeit der Ernährung.

 

495.

»Der Sinn für Wahrheit« muß, wenn die Moralität des »Du sollst nicht lügen« abgewiesen ist, sich vor einem andern Forum legitimiren: – als Mittel der Erhaltung von Mensch, als Macht-Wille.

Ebenso unsre Liebe zum Schönen: ist ebenfalls der gestaltende Wille. Beide Sinne stehen bei einander; der Sinn für das Wirkliche ist das Mittel, die Macht in die Hand zu bekommen, um die Dinge nach unserem Belieben zu gestalten. Die Lust am Gestalten und Umgestalten – eine Urlust! Wir können nur eine Welt begreifen, die wir selber gemacht haben.

 

496.

Von der Vielartigkeit der Erkenntnis;. Seine Relation zu vielem Anderen spüren (oder die Relation der Art) – wie sollte Das »Erkenntniß« des Andern sein! Die Art zu kennen und zu erkennen ist selber schon unter den Existenz-Bedingungen: dabei ist der Schluß, daß es keine anderen Intellekt-Arten geben könne (für uns selber) als die, welche uns erhält, eine Übereilung: diese thatsächliche Bedingung ist vielleicht nur zufällig und vielleicht keineswegs nothwendig.

Unser Erkenntniß-Apparat nicht auf »Erkenntniß« eingerichtet.

 

497.

Die bestgeglaubten apriorischen »Wahrheiten« sind für mich – Annahmen bis auf Weiteres, z. B. das Gesetz der Causalität, sehr gut eingeübte Gewöhnungen des Glaubens, so einverleibt, daß nicht daran glauben das Geschlecht zu Grunde richten würde. Aber sind es deswegen Wahrheiten? Welcher Schluß! Als ob die Wahrheit damit bewiesen würde, daß der Mensch bestehen bleibt!

 

498.

Wie weit auch unser Intellekt eine Folge von Existenzbedingungen ist –: wir hätten ihn nicht, wenn wir ihn nicht nöthig hätten, und hätten ihn nicht so, wenn wir ihn nicht so nöthig hätten, wenn wir auch anders leben könnten.

 

499.

»Denken« im primitiven Zustande (vor-organisch) ist Gestalten-Durchsetzen, wie beim Krystalle. – In unserm Denken ist das Wesentliche das Einordnen des neuen Materials in die alten Schemata (= Prokrustesbett), das Gleich- machen des Neuen.

 

500.

Die Sinneswahrnehmungen nach »außen« projicirt: »innen« und »außen« – da commandirt der Leib –?

Dieselbe gleichmachende und ordnende Kraft, welche im Idioplasma waltet, waltet auch beim Einverleiben der Außenwelt: unsere Sinneswahrnehmungen sind bereits das Resultat dieser Anähnlichung und Gleichsetzung in Bezug auf alle Vergangenheit in uns; sie folgen nicht sofort auf den »Eindruck« –

 

501.

Alles Denken, Urtheilen, Wahrnehmen als Vergleichen hat als Voraussetzung ein »Gleich- setzen«, noch früher ein »Gleich- machen«. Das Gleich-machen ist Dasselbe, was die Einverleibung der angeeigneten Materie in die Amöbe ist.

»Erinnerung« spät, insofern hier der gleichmachende Trieb bereits gebändigt erscheint: die Differenz wird bewahrt. Erinnern als ein Einrubriciren und Einschachteln; alternativ – wer?

 

502.

In Betreff des Gedächtnisses muß man umlernen: hier steckt die Hauptverführung eine »Seele« anzunehmen, welche zeitlos reproducirt, wiedererkennt u. s. w. Aber das Erlebte lebt fort »im Gedächtniß«; daß es »kommt«, dafür kann ich Nichts, der Wille ist dafür unthätig, wie beim Kommen jedes Gedankens. Es geschieht Etwas, dessen ich mir bewußt werde: jetzt kommt etwas Ähnliches – wer ruft es? weckt es?

 

503.

Der ganze Erkenntniß-Apparat ist ein Abstraktions- und Simplifikations-Apparat – nicht auf Erkenntniß gerichtet, sondern auf Bemächtigung der Dinge: »Zweck« und »Mittel« sind so fern vom Wesen wie die »Begriffe«. Mit »Zweck« und »Mittel« bemächtigt man sich des Processes (– man erfindet einen Proceß, der faßbar ist), mit »Begriffen« aber der »Dinge«, welche den Proceß machen.

 

504.

Das Bewußtsein, – ganz äußerlich beginnend, als Coordination und Bewußtwerden der »Eindrücke« – anfänglich am weitesten entfernt vom biologischen Centrum des Individuums; aber ein Proceß, der sich vertieft, verinnerlicht, jenem Centrum beständig annähert.

 

505.

Unsere Wahrnehmungen, wie wir sie verstehen: d. i. die Summe aller der Wahrnehmungen, deren Bewußtwerden uns und dem ganzen organischen Processe vor uns nützlich und wesentlich war: also nicht alle Wahrnehmungen überhaupt (z. B. nicht die elektrischen); das heißt: wir haben Sinne nur für eine Auswahl von Wahrnehmungen – solcher, an denen uns gelegen sein muß, um uns zu erhalten. Bewußtsein ist so weit da, als Bewußtsein nützlich ist. Es ist kein Zweifel, daß alle Sinneswahrnehmungen gänzlich durchsetzt sind mit Werthurtheilen (nützlich und schädlich – folglich angenehm oder unangenehm). Die einzelne Farbe drückt zugleich einen Werth für uns aus (obwohl wir es uns selten oder erst nach langem, ausschließlichem Einwirken derselben Farbe eingestehen, z. B. Gefangene im Gefängniß oder Irre). So auch reagiren Insekten auf verschiedene Farben anders: einige lieben diese, andere jene, z. B. Ameisen.

 

506.

Erst Bilder – zu erklären, wie Bilder im Geiste entstehen. Dann Worte, angewendet auf Bilder. Endlich Begriffe, erst möglich, wenn es Worte giebt – ein Zusammenfassen vieler Bilder unter etwas Nicht-Anschauliches, sondern Hörbares (Wort). Das kleine Bißchen Emotion, welches beim »Wort« entsteht, also beim Anschauen ähnlicher Bilder, für die Ein Wort da ist – diese schwache Emotion ist das Gemeinsame, die Grundlage des Begriffes. Daß schwache Empfindungen als gleich angesetzt werden, als dieselben empfunden werden, ist die Grundthatsache. Also die Verwechslung zweier ganz benachbarten Empfindungen in der Constatierung dieser Empfindungen; – wer aber constatirt? Das Glauben ist das Uranfängliche schon in jedem Sinnes-Eindruck: eine Art Ja-sagen erste intellektuelle Thätigkeit! Ein »Für-wahr-Halten« im Anfange! Also zu erklären: wie ein »Für-wahr-halten« entstanden ist! Was liegt für eine Sensation hinter »wahr«?

 

507.

Die Werthschätzung »ich glaube, daß Das und Das so ist« als Wesen der » Wahrheit«. In den Werthschätzungen drücken sich Erhaltungs- und Wachsthums-Bedingungen aus. Alle unsre Erkenntnißorgane und Sinne sind nur entwickelt in Hinsicht auf Erhaltungs- und Wachsthums-Bedingungen. Das Vertrauen zur Vernunft und ihren Kategorien, zur Dialektik, also die Werthschätzung der Logik, beweist nur die durch Erfahrung bewiesene Nützlichkeit derselben für das Leben: nicht deren »Wahrheit«.

Daß eine Menge Glauben da sein muß; daß geurtheilt werden darf; daß der Zweifel in Hinsicht auf alle wesentlichen Werthe fehlt: – das ist Voraussetzung alles Lebendigen und seines Lebens. Also daß Etwas für wahr gehalten werden muß, ist nothwendig, – nicht, daß Etwas wahr ist.

»Die wahre und die scheinbare Welt« – dieser Gegensatz wird von mir zurückgeführt auf Werthverhältnisse. Wir haben unsere Erhaltungs-Bedingungen projicirt als Prädikate des Seins überhaupt. Daß wir in unserm Glauben stabil sein müssen, um zu gedeihen, daraus haben wir gemacht, daß die »wahre« Welt keine wandelbare und werdende, sondern eine seiende ist.

e) Entstehung von Vernunft und Logik.

 

508.

Ursprünglich Chaos der Vorstellungen. Die Vorstellungen, die sich mit einander vertrugen, blieben übrig, die größte Zahl gieng zu Grunde – und geht zu Grunde.

 

509.

Das Begierden-Erdreich, aus dem die Logik herausgewachsen ist: Heerden-Instinkt im Hintergrunde.

Die Annahme der gleichen Fälle setzt die »gleiche Seele« voraus. Zum Zweck der Verständigung und Herrschaft.

 

510.

Zur Entstehung der Logik. Der fundamentale Hang, gleichzusetzen, gleichzusehen wird modificirt, im Zaum gehalten durch Nutzen und Schaden, durch den Erfolg: es bildet sich eine Anpassung aus, ein milderer Grad, in dem er sich befriedigen kann, ohne zugleich das Leben zu verneinen und in Gefahr zu bringen. Dieser ganze Proceß ist ganz entsprechend jenem äußeren, mechanischen (der sein Symbol ist), daß das Plasma fortwährend, was es sich aneignet, sich gleich macht und in seine Formen und Reihen einordnet.

 

511.

Gleichheit und Ähnlichkeit.

  1. Das gröbere Organ sieht viele scheinbare Gleichheit;
  2. der Geist will Gleichheit, d. h. einen Sinneneindruck subsumiren unter eine vorhandene Reihe: ebenso wie der Körper Unorganisches sich assimilirt.

Zum Verständniß der Logik:

der Wille zur Gleichheit ist der Wille zur Macht – der Glaube, daß Etwas so und so sei (das Wesen des Urtheils), ist die Folge eines Willens, es soll so viel als möglich gleich sein.

 

512.

Die Logik ist geknüpft an die Bedingung: gesetzt, es giebt identische Fälle. Thatsächlich, damit logisch gedacht und geschlossen werde, muß diese Bedingung erst als erfüllt fingirt werden. Das heißt: der Wille zur logischen Wahrheit kann erst sich vollziehen, nachdem eine grundsätzliche Fälschung alles Geschehens angenommen ist. Woraus sich ergiebt, daß hier ein Trieb waltet, der beider Mittel fähig ist, zuerst der Fälschung und dann der Durchführung seines Gesichtspunktes: die Logik stammt nicht aus dem Willen zur Wahrheit.

 

513.

Die erfinderische Kraft, welche Kategorien erdichtet hat, arbeitete im Dienst des Bedürfnisses, nämlich von Sicherheit, von schneller Verständlichkeit auf Grund von Zeichen und Klängen, von Abkürzungsmitteln: – es handelt sich nicht um metaphysische Wahrheiten bei »Substanz«, »Subjekt«, »Objekt«, »Sein«, »Werden«. – Die Mächtigen sind es, welche die Namen der Dinge zum Gesetz gemacht haben, und unter den Mächtigen sind es die größten Abstraktions-Künstler, die die Kategorien geschaffen haben.

 

514.

Eine Moral, eine durch lange Erfahrung und Prüfung erprobte, bewiesene Lebensweise kommt zuletzt als Gesetz zum Bewußtsein, als dominirend ... Und damit tritt die ganze Gruppe verwandter Werthe und Zustände in sie hinein: sie wird ehrwürdig, unangreifbar, heilig, wahrhaft; es gehört zu ihrer Entwicklung, daß ihre Herkunft vergessen wird ... Es ist ein Zeichen, daß sie Herr geworden ist ...

Ganz Dasselbe könnte geschehen sein mit den Kategorien der Vernunft: dieselben könnten, unter vielem Tasten und Herumgreifen, sich bewährt haben durch relative Nützlichkeit ... Es kam ein Punkt, wo man sie zusammenfaßte, sich als Ganzes zum Bewußtsein brachte – und wo man sie befahl, d.h. wo sie wirkten als befehlend ... Von jetzt ab galten sie als a priori, als jenseits der Erfahrung, als unabweisbar. Und doch drücken sie vielleicht Nichts aus, als eine bestimmte Rassen- und Gattungs-Zweckmäßigkeit, – bloß ihre Nützlichkeit ist ihre »Wahrheit« –.

 

515.

Nicht »erkennen«, sondern schematisiren, – dem Chaos so viel Regularität und Formen auferlegen, als es unserm praktischen Bedürfniß genugthut.

In der Bildung der Vernunft, der Logik, der Kategorien ist das Bedürfniß maaßgebend gewesen: das Bedürfniß, nicht zu »erkennen«, sondern zu subsumiren, zu schematisiren, zum Zweck der Verständigung, der Berechnung ... (Das Zurechtmachen, das Ausdichten zum Ähnlichen, Gleichen, – derselbe Proceß, den jeder Sinneseindruck durchmacht, ist die Entwicklung der Vernunft!) Hier hat nicht eine präexistente »Idee« gearbeitet: sondern die Nützlichkeit, daß nur, wenn wir grob und gleichgemacht die Dinge sehen, sie für uns berechenbar und handlich werden ... Die Finalität in der Vernunft ist eine Wirkung, keine Ursache: bei jeder anderen Art Vernunft, zu der es fortwährend Ansätze giebt, mißräth das Leben, – es wird unübersichtlich –, zu ungleich –.

Die Kategorien sind »Wahrheiten« nur in dem Sinne, als sie lebenbedingend für uns sind: wie der Euklidische Raum eine solche bedingende »Wahrheit« ist. (An sich geredet: da Niemand die Notwendigkeit, daß es gerade Menschen giebt, aufrecht erhalten wird, ist die Vernunft, so wie der Euklidische Raum, eine bloße Idiosynkrasie bestimmter Thierarten, und eine neben vielen anderen...)

Die subjektive Nöthigung, hier nicht widersprechen zu können, ist eine biologische Nöthigung: der Instinkt der Nützlichkeit, so zu schließen wie wir schließen, steckt uns im Leibe, wir sind beinahe dieser Instinkt... Welche Naivetät aber, daraus einen Beweis zu ziehen, daß wir damit eine »Wahrheit an sich« besäßen! ... Das Nicht-widersprechen-können beweist ein Unvermögen, nicht eine »Wahrheit«.

 

516.

Ein und Dasselbe zu bejahen und zu verneinen mißlingt uns: das ist ein subjektiver Erfahrungssatz, darin drückt sich keine »Notwendigkeit« aus, sondern nur ein Nichtvermögen.

Wenn, nach Aristoteles, der Satz vom Widerspruch der gewisseste aller Grundsätze ist, wenn er der letzte und unterste ist, auf den alle Beweisführungen zurückgehn, wenn in ihm das Princip aller anderen Axiome liegt: umso strenger sollte man erwägen, was er im Grunde schon an Behauptungen voraussetzt. Entweder wird mit ihm Etwas in Betreff des Wirklichen, Seienden behauptet, wie als ob man es anderswoher bereits kennte; nämlich daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zugesprochen werden können. Oder der Satz will sagen: daß ihm entgegengesetzte Prädikate nicht zugesprochen werden sollen. Dann wäre Logik ein Imperativ, nicht zur Erkenntniß des Wahren, sondern zur Setzung und Zurechtmachung einer Welt, die uns wahr heißen soll.

Kurz, die Frage steht offen: sind die logischen Axiome dem Wirklichen adäquat, oder sind sie Maaßstäbe und Mittel, um Wirkliches, den Begriff »Wirklichkeit«, für uns erst zu schaffen? ... Um das Erste bejahen zu können, müßte man aber, wie gesagt, das Seiende bereits kennen; was schlechterdings nicht der Fall ist. Der Satz enthält also kein Kriterium der Wahrheit, sondern einen Imperativ über Das, was als wahr gelten soll.

Gesetzt, es gäbe ein solches sich-selbst-identisches A gar nicht, wie es jeder Satz der Logik (auch der Mathematik) voraussetzt, das A wäre bereits eine Scheinbarkeit, so hätte die Logik eine bloß scheinbare Welt zur Voraussetzung. In der That glauben wir an jenen Satz unter dem Eindruck der unendlichen Empirie, welche ihn fortwährend zu bestätigen scheint. Das »Ding« – das ist das eigentliche Substrat zu A; unser Glaube an Dinge ist die Voraussetzung für den Glauben an die Logik. Das A der Logik ist wie das Atom eine Nachconstruktion des »Dinges« ... Indem wir das nicht begreifen und aus der Logik ein Kriterium des wahren Seins machen, sind wir bereits auf dem Wege, alle jene Hypostasen: Substanz, Prädikat, Objekt, Subjekt, Aktion u.s.w als Realitäten zu setzen: das heißt eine metaphysische Welt zu concipiren, das heißt eine »wahre Welt« (– diese ist aber die scheinbare Welt noch einmal ...).

Die ursprünglichsten Denkakte, das Bejahen und Verneinen, das Für-wahr-halten und Nicht-für-wahrhalten, sind, insofern sie nicht nur eine Gewohnheit, sondern ein Recht voraussetzen, überhaupt für wahr zu halten oder für unwahr zu halten, bereits von einem Glauben beherrscht, daß es für uns Erkenntniß giebt, daß Urtheilen wirklich die Wahrheit treffen könne: – kurz, die Logik zweifelt nicht, Etwas vom An-sich-Wahren aussagen zu können (nämlich daß ihm nicht entgegengesetzte Prädikate zukommen können).

Hier regiert das sensualistische grobe Vorurtheil, daß die Empfindungen uns Wahrheiten über die Dinge lehren, – daß ich nicht zu gleicher Zeit von ein und demselben Dinge sagen kann, es ist hart und es ist weich. (Der instinktive Beweis »ich kann nicht zwei entgegengesetzte Empfindungen zugleich haben« – ganz grob und falsch.)

Das begriffliche Widerspruchs-Verbot geht von dem Glauben aus, daß wir Begriffe bilden können, daß ein Begriff das Wesen eines Dinges nicht nur bezeichnet, sondern faßt ... Thatsächlich gilt die Logik (wie die Geometrie und Arithmetik) nur von fingirten Wesenheiten, die wir geschaffen haben. Logik ist der Versuch, nach einem von uns gesetzten Seins-Schema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns formulirbar, berechenbar zu machen ...

 

517.

Die Annahme des Seienden ist nöthig, um denken und schließen zu können: die Logik handhabt nur Formeln für Gleichbleibendes. Deshalb wäre diese Annahme noch ohne Beweiskraft für die Realität: »das Seiende« gehört zu unsrer Optik. Das »Ich« als seiend (– durch Werden und Entwicklung nicht berührt).

Die fingirte Welt von Subjekt, Substanz, »Vernunft« u.s.w. ist nöthig –: eine ordnende, vereinfachende, fälschende, künstlich-trennende Macht ist in uns. »Wahrheit« ist Wille, Herr zu werden über das Vielerlei der Sensationen: – die Phänomene aufreihen auf bestimmte Kategorien. Hierbei gehen wir vom Glauben an das »An-sich« der Dinge aus (wir nehmen die Phänomene als wirklich).

Der Charakter der werdenden Welt als unformulirbar, als »falsch«, als »sich-widersprechend«. Erkenntniß und Werden schließen sich aus. Folglich muß »Erkenntniß« etwas Anderes sein: es muß ein Wille zum Erkennbar-machen vorangehn, eine Art Werden selbst muß die Täuschung des Seienden schaffen.

 

518.

Wenn unser »Ich« uns das einzige Sein ist, nach dem wir alles Sein machen oder verstehen: sehr gut! Dann ist der Zweifel sehr am Platze, ob hier nicht eine perspektivische Illusion vorliegt – die scheinbare Einheit, in der wie in einer Horizontlinie Alles sich zusammenschließt. Am Leitfaden des Leibes zeigt sich eine ungeheure Vielfachheit; es ist methodisch erlaubt, das besser studirbare reichere Phänomen zum Leitfaden für das Verständniß des ärmeren zu benutzen. Endlich: gesetzt Alles ist Werden, so ist Erkenntniß nur möglich auf Grund des Glaubens an Sein.

 

519.

Wenn es »nur Ein Sein giebt, das Ich« und nach seinem Bilde alle andern »Seienden« gemacht sind, – wenn schließlich der Glaube an das »Ich« mit dem Glauben an die Logik, d.h. metaphysische Wahrheit der Vernunft-Kategorien steht und fällt: wenn andrerseits das Ich sich als etwas Werdendes erweist: so –

 

520.

Die fortwährenden Übergänge erlauben nicht, von »Individuum« u.s.w. zu reden; die »Zahl« der Wesen ist selber im Fluß. Wir würden Nichts von Zeit und Nichts von Bewegung wissen, wenn wir nicht, in grober Weise, »Ruhendes« neben Bewegtem zu sehen glaubten. Ebensowenig von Ursache und Wirkung, und ohne die irrthümliche Conception des »leeren Raumes« wären wir gar nicht zur Conception des Raums gekommen. Der Satz von der Identität hat als Hintergrund den »Augenschein«, daß es gleiche Dinge giebt. Eine werdende Welt könnte im strengen Sinne nicht »begriffen«, nicht »erkannt« werden; nur insofern der »begreifende« und »erkennende« Intellekt eine schon geschaffene grobe Welt vorfindet, gezimmert aus lauter Scheinbarkeiten, aber fest geworden, insofern diese Art Schein das Leben erhalten hat – nur insofern giebt es Etwas wie »Erkenntniß«: d.h. ein Messen der früheren und der jüngeren Irrthümer an einander.

 

521.

Zur »logischen Scheinbarkeit«. – Der Begriff »Individuum« und »Gattung« gleichermaaßen falsch und bloß augenscheinlich. » Gattung« drückt nur die Thatsache aus, daß eine Fülle ähnlicher Wesen zu gleicher Zeit hervortreten und daß das Tempo im Weiterwachsen und Sich-Verändern eine lange Zeit verlangsamt ist: sodaß die tatsächlichen kleinen Fortsetzungen und Zuwächse nicht sehr in Betracht kommen (– eine Entwicklungsphase, bei der das Sich-entwickeln nicht in die Sichtbarkeit tritt, sodaß ein Gleichgewicht erreicht scheint, und die falsche Vorstellung ermöglicht wird, hier sei ein Ziel erreicht – und es habe ein Ziel in der Entwicklung gegeben...).

Die Form gilt als etwas Dauerndes und deshalb Wertvolleres; aber die Form ist bloß von uns erfunden; und wenn noch so oft »dieselbe Form erreicht wird«, so bedeutet das nicht, daß es dieselbe Form ist, – sondern es erscheint immer etwas Neues – und nur wir, die wir vergleichen, rechnen das Neue, insofern es Altem gleicht, zusammen in die Einheit der »Form«. Als ob ein Typus erreicht werden sollte und gleichsam der Bildung vorschwebe und innewohne.

Die Form, die Gattung, das Gesetz, die Idee, der Zweck – hier wird überall der gleiche Fehler gemacht, daß einer Fiktion eine falsche Realität untergeschoben wird: wie als ob das Geschehen irgendwelchen Gehorsam in sich trage, – eine künstliche Scheidung im Geschehen wird da gemacht zwischen Dem, was thut, und Dem, wonach das Thun sich richtet (aber das was und das wonach sind nur angesetzt aus einem Gehorsam gegen unsre metaphysisch-logische Dogmatik: kein »Thatbestand«).

Man soll diese Nöthigung, Begriffe, Gattungen, Formen, Zwecke, Gesetze zu bilden (» eine Welt der identischen Fälle«) nicht so verstehen, als ob wir damit die wahre Welt zu fixiren im Stande wären; sondern als Nöthigung, uns eine Welt zurecht zu machen, bei der unsre Existenz ermöglicht wird: – wir schaffen damit eine Welt, die berechenbar, vereinfacht, verständlich u.s.w. für uns ist.

Diese selbe Nöthigung besteht in der Sinnen-Aktivität, welche der Verstand unterstützt – durch Vereinfachen, Vergröbern, Unterstreichen und Ausdichten, auf dem alles »Wiedererkennen«, alles Sich-verständlich-machen-können beruht. Unsre Bedürfnisse haben unsre Sinne so präcisirt, daß die »gleiche Erscheinungswelt« immer wiederkehrt und dadurch den Anschein der Wirklichkeit bekommen hat.

Unsre subjektive Nöthigung, an die Logik zu glauben, drückt nur aus, daß wir, längst bevor uns die Logik selber zum Bewußtsein kam, Nichts gethan haben als ihre Postulate in das Geschehen hineinlegen: jetzt finden wir sie in dem Geschehen vor –, wir können nicht mehr anders – und vermeinen nun, diese Nöthigung verbürge Etwas über die »Wahrheit«. Wir sind es, die das »Ding«, das »gleiche Ding«, das Subjekt, das Prädikat, das Thun, das Objekt, die Substanz, die Form geschaffen haben, nachdem wir das Gleich- machen, das Grob- und Einfach- machen am längsten getrieben haben. Die Welt erscheint uns logisch, weil wir sie erst logisirt haben.

 

522.

Grundlösung. – Wir glauben an die Vernunft: diese aber ist die Philosophie der grauen Begriffe. Die Sprache ist auf die allernaivsten Vorurtheile hin gebaut.

Nun lesen wir Disharmonien und Probleme in die Dinge hinein, weil wir nur in der sprachlichen Form denken, – somit die »ewige Wahrheit« der »Vernunft« glauben (z. B. Subjekt, Prädikat u.s.w.).

Wir hören auf zu denken, wenn wir es nicht in dem sprachlichen Zwange thun wollen, wir langen gerade noch bei dem Zweifel an, hier eine Grenze als Grenze zu sehn.

Das vernünftige Denken ist ein Interpretiren nach einem Schema, welches wir nicht abwerfen können.

f) Bewußtsein.

 

523.

Nichts ist fehlerhafter, als aus psychischen und physischen Phänomenen die zwei Gesichter, die zwei Offenbarungen einer und derselben Substanz zu machen. Damit erklärt man Nichts: der Begriff » Substanz« ist vollkommen unbrauchbar, wenn man erklären will. Das Bewußtsein, in zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht zu verschwinden und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen –

Wenn wir nur die inneren Phänomene beobachten, so sind wir vergleichbar den Taubstummen, die aus der Bewegung der Lippen die Worte errathen, die sie nicht hören. Wir schließen aus den Erscheinungen des inneren Sinns auf unsichtbare und andere Phänomene, welche wir wahrnehmen würden, wenn unsre Beobachtungsmittel zureichend wären.

Für diese innere Welt gehn uns alle feineren Organe ab, sodaß wir eine tausendfache Complexität noch als Einheit empfinden, sodaß wir eine Causalität hineinerfinden, wo jeder Grund der Bewegung und Veränderung uns unsichtbar bleibt, – die Aufeinanderfolge von Gedanken, von Gefühlen ist ja nur das Sichtbarwerden derselben im Bewußtsein. Daß diese Reihenfolge irgend Etwas mit einer Causal-Verkettung zu thun habe, ist völlig unglaubwürdig: das Bewußtsein liefert uns nie ein Beispiel von Ursache und Wirkung.

 

524.

Rolle des » Bewußtseins«. – Es ist wesentlich, daß man sich über die Rolle des »Bewußtseins« nicht vergreift: es ist unsere Relation mit der » Außenwelt«, welche es entwickelt hat. Dagegen die Direktion, resp. die Obhut und Vorsorglichkeit in Hinsicht auf das Zusammenspiel der leiblichen Funktionen tritt uns nicht in's Bewußtsein; ebensowenig als die geistige Einmagazinirung: daß es dafür eine oberste Instanz giebt, darf man nicht bezweifeln: eine Art leitendes Comité, wo die verschiedenen Hauptbegierden ihre Stimme und Macht geltend machen. »Lust«, »Unlust« sind Winke aus dieser Sphäre her: der Willensakt insgleichen: die Ideen insgleichen.

In summa: Das, was bewußt wird, steht unter causalen Beziehungen, die uns ganz und gar vorenthalten sind, – die Aufeinanderfolge von Gedanken, Gefühlen, Ideen im Bewußtsein drückt Nichts darüber aus, daß diese Folge eine causale Folge ist: es ist aber scheinbar so, im höchsten Grade. Auf diese Scheinbarkeit hin haben wir unsere ganze Vorstellung von Geist, Vernunft, Logik u. s. w. gegründet (– das giebt es Alles nicht: es sind fingirte Synthesen und Einheiten) und diese wieder in die Dinge, hinter die Dinge projicirt!

Gewöhnlich nimmt man das Bewußtsein selbst als Gesammt-Sensorium und oberste Instanz; indessen, es ist nur ein Mittel der Mittheilbarkeit: es ist im Verkehr entwickelt, und in Hinsicht auf Verkehrs-Interessen... »Verkehr« hier verstanden auch von den Einwirkungen der Außenwelt und den unsererseits dabei nöthigen Reaktionen; ebenso wie von unseren Wirkungen nach Außen. Es ist nicht die Leitung, sondern ein Organ der Leitung.

 

525.

Mein Satz, in eine Formel gedrängt, die alterthümlich riecht, nach Christenthum, Scholastik und anderem Moschus: im Begriff »Gott als Geist« ist Gott als Vollkommenheit negirt ...

 

526.

Wo es eine gewisse Einheit in der Gruppirung giebt, hat man immer den Geist als Ursache dieser Coordination gesetzt: wozu jeder Grund fehlt. Warum sollte die Idee eines complexen Faktums eine der Bedingungen dieses Faktums sein? oder warum müßte einem complexen Faktum die Vorstellung als Ursache davon präcediren? –

Wir werden uns hüten, die Zweckmäßigkeit durch den Geist zu erklären: es fehlt jeder Grund, dem Geist die Eigenthümlichkeit, zu organisiren und zu systematisiren, zuzuschreiben. Das Nervensystem hat ein viel ausgedehnteres Reich: die Bewußtseinswelt ist hinzugefügt. Im Gesammtproceß der Adaptation und Systematisation spielt das Bewußtsein keine Rolle.

 

527.

Die Physiologen wie die Philosophen glauben, das Bewußtsein, im Maaße es an Helligkeit zunimmt, wachse im Werthe: das hellste Bewußtsein, das logischste, kälteste Denken sei ersten Ranges. Indessen – wonach ist dieser Werth bestimmt? – In Hinsicht auf Auslösung des Willens ist das oberflächlichste, vereinfachteste Denken das am meisten nützliche, – es könnte deshalb das – u.s.w. (weil es wenig Motive übrig läßt).

Die Präcision des Handelns steht in Antagonismus mit der weitblickenden und oft ungewiß urtheilenden Vorsorglichkeit: letztere durch den tieferen Instinkt geführt.

 

528.

Hauptirrthum der Psychologen: sie nehmen die undeutliche Vorstellung als eine niedrigere Art der Vorstellung gegen die helle gerechnet: aber was aus unserm Bewußtsein sich entfernt und deshalb dunkel wird, kann deshalb an sich vollkommen klar sein. Das Dunkelwerden ist Sache der Bewußtseins-Perspektive.

 

529.

Die ungeheuren Fehlgriffe:

  1. die unsinnige Überschätzung des Bewußtseins, aus ihm eine Einheit, ein Wesen gemacht: »der Geist«, «die Seele«, Etwas, das fühlt, denkt, will –
  2. der Geist als Ursache, namentlich überall wo Zweckmäßigkeit, System, Coordination erscheinen:
  3. das Bewußtsein als höchste erreichbare Form, als oberste Art Sein, als »Gott«;
  4. der Wille überall eingetragen, wo es Wirkung giebt;
  5. die »wahre Welt« als geistige Welt, als zugänglich durch die Bewußtseins-Thatsachen;
  6. die Erkenntniß absolut als Fähigkeit des Bewußtseins, wo überhaupt es Erkenntniß giebt.

Folgerungen:

jeder Fortschritt liegt in dem Fortschritt zum Bewußtwerden; jeder Rückschritt im Unbewußtwerden; (– das Unbewußtwerden galt als Verfallensein an die Begierden und Sinne, – als Verthierung ...)

man nähert sich der Realität, dem »wahren Sein« durch Dialektik; man entfernt sich von ihm durch Instinkte, Sinne, Mechanismus ...

den Menschen in Geist auflösen, hieße ihn zu Gott machen: Geist, Wille, Güte – Eins;

alles Gute muß aus der Geistigkeit stammen, muß Bewußtseins-Thatsache sein;

der Fortschritt zum Besseren kann nur ein Fortschritt im Bewußt-werden sein.

g) Urtheil. Wahr – falsch.

 

530.

Das theologische Vorurtheil bei Kant, sein unbewußter Dogmatismus, seine moralistische Perspektive als herrschend, lenkend, befehlend.

Das πρώον ψεύσος: wie ist die Thatsache der Erkenntnis; möglich? ist die Erkenntnis; überhaupt eine Thatsache? was ist Erkenntniß? Wenn wir nicht wissen, was Erkenntniß ist, können wir unmöglich die Frage beantworten, ob es Erkenntnis giebt. – Sehr schön! Aber wenn ich nicht schon »weiß«, ob es Erkenntnis; giebt, geben kann, kann ich die Frage »was ist Erkenntnis;« vernünftigerweise gar nicht stellen. Kant glaubt an die Thatsache der Erkenntnis;: es ist eine Naivetät, was er will: die Erkenntniß der Erkenntniß!

»Erkenntnis; ist Urtheil!« Aber Urtheil ist ein Glaube, daß Etwas so und so ist! Und nicht Erkenntniß! »Alle Erkenntniß besteht in synthetischen Urtheilen« mit dem Charakter der Allgemeingültigkeit (die Sache verhält sich in allen Fällen so und nicht anders), mit dem Charakter der Nothwendigkeit (das Gegentheil der Behauptung kann nie stattfinden).

Die Rechtmäßigkeit im Glauben an die Erkenntniß wird immer vorausgesetzt: so wie die Rechtmäßigkeit im Gefühl des Gewissensurtheils vorausgesetzt wird. Hier ist die moralische Ontologie das herrschende Vorurtheil.

Also der Schluß ist: 1) es giebt Behauptungen, die wir für allgemeingültig und nothwendig halten;

2) der Charakter der Nothwendigkeit und Allgemeingültigkeit kann nicht aus der Erfahrung stammen;

3) folglich muß er ohne Erfahrung, anderswoher sich begründen und eine andere Erkenntnißquelle haben!

(Kant schließt 1) es giebt Behauptungen, die nur unter gewisser Bedingung gültig sind; 2) diese Bedingung ist, daß sie nicht aus der Erfahrung, sondern aus der reinen Vernunft stammen.)

Also: die Frage ist, woher unser Glaube an die Wahrheit solcher Behauptungen seine Gründe nimmt? Nein, woher er seine Ursache hat! Aber die Entstehung eines Glaubens, einer starken Überzeugung ist ein psychologisches Problem: und eine sehr begrenzte und enge Erfahrung bringt oft einen solchen Glauben zuwege! Er setzt bereits voraus, daß es nicht nur » data a posteriori« giebt, sondern auch data a priori, »vor der Erfahrung«. Nothwendigkeit und Allgemeingültigkeit könne nie durch Erfahrung gegeben werden: womit ist denn nun klar, daß sie ohne Erfahrung, überhaupt da sind?

Es giebt keine einzelnen Urtheile!

Ein einzelnes Urtheil ist niemals »wahr«, niemals Erkenntniß; erst im Zusammenhang, in der Beziehung von vielen Urtheilen ergiebt sich eine Bürgschaft.

Was unterscheidet den wahren und den falschen Glauben? Was ist Erkenntniß? Er »weiß« es, das ist himmlisch!

Nothwendigkeit und Allgemeingültigkeit können nie durch Erfahrung gegeben werden! Also unabhängig von der Erfahrung, vor aller Erfahrung! Diejenige Einsicht, die a priori stattfindet, also unabhängig von aller Erfahrung aus der bloßen Vernunft, »eine reine Erkenntniß«!

»Die Grundsätze der Logik, der Satz der Identität und des Widerspruchs, sind reine Erkenntnisse, weil sie aller Erfahrung vorausgehen.« – Aber das sind gar keine Erkenntnisse! sondern regulative Glaubensartikel.

Um die Apriorität (die reine Vernunftmäßigkeit) der mathematischen Urtheile zu begründen, muß der Raum begriffen werden als eine Form der reinen Vernunft.

Hume hatte erklärt: »es giebt gar keine synthetischen Urtheile a priori.« Kant sagt: doch! die mathematischen! Und wenn es also solche Urtheile giebt, giebt es vielleicht auch Metaphysik, eine Erkenntniß der Dinge durch die reine Vernunft!

Mathematik wird möglich unter Bedingungen, unter denen Metaphysik nie möglich ist. Alle menschliche Erkenntniß ist entweder Erfahrung oder Mathematik.

Ein Urtheil ist synthetisch: d. h. es verknüpft verschiedene Vorstellungen.

Es ist a priori: d. h. jene Verknüpfung ist eine allgemeingültige und notwendige, die nie durch sinnliche Wahrnehmung, sondern nur durch reine Vernunft gegeben sein kann.

Soll es synthetische Urtheile a priori geben, so wird die Vernunft im Stande sein müssen, zu verknüpfen: das Verknüpfen ist eine Form. Die Vernunft muß formgebende Vermögen besitzen.

 

531.

Das Urtheilen ist unser ältester Glaube, unser gewohntestes Für-Wahr- oder Für-Unwahr-halten, ein Behaupten oder Leugnen, eine Gewißheit, daß Etwas so und nicht anders ist, ein Glaube, hier wirklich »erkannt« zu haben, – was wird in allen Urtheilen als wahr geglaubt?

Was sind Prädikate? – Wir haben Veränderungen an uns nicht als solche genommen, sondern als ein »An-sich«, das uns fremd ist, das wir nur »wahrnehmen«: und wir haben sie nicht als ein Geschehen, sondern als ein Sein gesetzt, als »Eigenschaft« – und ein Wesen hinzuerfunden, an dem sie haften, d. h. wir haben die Wirkung als Wirkendes angesetzt und das Wirkende als Seiendes. Aber auch noch in dieser Formulirung ist der Begriff »Wirkung« willkürlich: denn von jenen Veränderungen, die an uns vorgehen und von denen wir bestimmt glauben, nicht selbst die Ursache zu sein, schließen wir nur, daß sie Wirkungen sein müssen: nach dem Schluß: »zu jeder Veränderung gehört ein Urheber«; – aber dieser Schluß ist schon Mythologie: er trennt das Wirkende und das Wirken. Wenn ich sage »der Blitz leuchtet«, so habe ich das Leuchten einmal als Thätigkeit und das andere Mal als Subjekt gesetzt: also zum Geschehen ein Sein supponirt, welches mit dem Geschehen nicht eins ist, vielmehr bleibt, ist, und nicht » wird«. – Das Geschehen als Wirken anzusetzen: und die Wirkung als Sein: das ist der doppelte Irrthum, oder Interpretation, deren wir uns schuldig machen.

 

532.

Das Urtheil – das ist der Glaube: »Dies und Dies ist so.« Also steckt im Urtheil das Geständniß, einem »identischen Fall« begegnet zu sein: es setzt also Vergleichung voraus, mit Hülfe des Gedächtnisses. Das Urtheil schafft es nicht, daß ein identischer Fall da zu sein scheint. Vielmehr es glaubt einen solchen wahrzunehmen; es arbeitet unter der Voraussetzung, daß es überhaupt identische Fälle giebt. Wie heißt nun jene Funktion, die viel älter, früher arbeitend sein muß, welche an sich ungleiche Fälle ausgleicht und verähnlicht? Wie heißt jene zweite, welche auf Grund dieser ersten u. s. w. »Was gleiche Empfindungen erregt, ist gleich«: wie aber heißt Das, was Empfindungen gleich macht, als gleich »nimmt«? – Es könnte gar keine Urtheile geben, wenn nicht erst innerhalb der Empfindungen eine Art Ausgleichung geübt wäre: Gedächtniß ist nur möglich mit einem beständigen Unterstreichen des schon Gewohnten, Erlebten. – Bevor geurtheilt wird, muß der Proceß der Assimilation schon gethan sein: also liegt auch hier eine intellektuelle Thätigkeit vor, die nicht in's Bewußtsein fällt, wie beim Schmerz infolge einer Verwundung. Wahrscheinlich entspricht allen organischen Funktionen ein inneres Geschehen, also ein Assimiliren, Ausscheiden, Wachsen u. s. w.

Wesentlich: vom Leib ausgehen und ihn als Leitfaden zu benutzen. Er ist das viel reichere Phänomen, welches deutlichere Beobachtung zuläßt. Der Glaube an den Leib ist besser festgestellt, als der Glaube an den Geist.

»Eine Sache mag noch so stark geglaubt werden: darin liegt kein Kriterium der Wahrheit.« Aber was ist Wahrheit? Vielleicht eine Art Glaube, welche zur Lebensbedingung geworden ist? Dann freilich wäre die Stärke ein Kriterium, z. B. in Betreff der Causalität.

 

533.

Die logische Bestimmtheit, Durchsichtigkeit als Kriterium der Wahrheit » omne illud verum est, quod clare et distincte percipitur« Descartes): damit ist die mechanische Welt-Hypothese erwünscht und glaublich.

Aber das ist eine grobe Verwechslung: wie simplex sigillum veri. Woher weiß man das, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge in diesem Verhältnis; zu unserm Intellekt steht? – Wäre es nicht anders? daß die ihm am meisten das Gefühl von Macht und Sicherheit gebende Hypothese am meisten von ihm bevorzugt, geschätzt und folglich als wahr bezeichnet wird? – Der Intellekt setzt sein freiestes und stärkstes Vermögen und Können als Kriterium des Werthvollsten, folglich Wahren ...

»Wahr«: von Seiten des Gefühls aus –: was das Gefühl am stärksten erregt (»Ich«);

von Seiten des Denkens aus –: was dem Denken das größte Gefühl von Kraft giebt;

von Seiten des Tastens, Sehens, Hörens aus –: wobei am stärksten Widerstand zu leisten ist.

Also die höchsten Grabe in der Leistung erwecken für das Objekt den Glauben an dessen »Wahrheit«, das heißt Wirklichkeit. Das Gefühl der Kraft, des Kampfes, des Widerstandes überredet dazu, daß es Etwas giebt, dem hier widerstanden wird.

 

534.

Das Kriterium der Wahrheit liegt in der Steigerung des Machtgefühls.

 

535.

»Wahrheit«: das bezeichnet innerhalb meiner Denkweise nicht nothwendig einen Gegensatz zum Irrthum, sondern in den grundsätzlichsten Fällen nur eine Stellung verschiedner Irrthümer zu einander: etwa daß der eine älter, tiefer als der andere ist, vielleicht sogar unausrottbar, insofern ein organisches Wesen unserer Art nicht ohne ihn leben könnte; während andere Irrthümer uns nicht dergestalt als Lebensbedingungen tyrannisiren, vielmehr, gemessen an solchen »Tyrannen«, beseitigt und »widerlegt« werden können.

Eine Annahme, die unwiderlegbar ist, – warum sollte sie deshalb schon »wahr« sein? Dieser Satz empört vielleicht die Logiker, welche ihre Grenzen als Grenzen der Dinge ansetzen: aber diesem Logiker-Optimismus habe ich schon lange den Krieg erklärt.

 

536.

Alles, was einfach ist, ist bloß imaginär, ist nicht »wahr«. Was aber wirklich, was wahr ist, ist weder Eins, noch auch nur reducirbar auf Eins.

 

537.

Was ist Wahrheit? – Inertia; die Hypothese, bei welcher Befriedigung entsteht: geringster Verbrauch von geistiger Kraft u. s. w.

 

538.

Erster Satz, Die leichtere Denkweise siegt über die schwierigere; – als Dogma: simplex sigillum veri. – Dico: daß die Deutlichkeit Etwas für Wahrheit ausweisen soll, ist eine vollkommne Kinderei...

Zweiter Satz. Die Lehre vom Sein, vom Ding, von lauter festen Einheiten ist hundertmal leichter als die Lehre vom Werden, von der Entwicklung...

Dritter Satz. Die Logik war als Erleichterung gemeint: als Ausdrucksmittel, – nicht als Wahrheit ... Später wirkte sie als Wahrheit...

 

539.

Parmenides hat gesagt »man denkt das nicht, was nicht ist«; – wir sind am andern Ende und sagen »was gedacht werden kann, muß sicherlich eine Fiktion sein«.

 

540.

Es giebt vielerlei Augen. Auch die Sphinx hat Augen –: und folglich giebt es vielerlei »Wahrheiten«, und folglich giebt es keine Wahrheit.

 

541.

Überschriften über einem modernen Narrenhaus

»Denknothwendigkeiten sind Moralnothwendigkeiten.«

Herbert Spencer.

»Der letzte Prüfstein für die Wahrheit eines Satzes ist die Unbegreiflichkeit ihrer Verneinung.«

Herbert Spencer.

 

542.

Wenn der Charakter des Daseins falsch sein sollte – das wäre nämlich möglich –, was wäre dann die Wahrheit, alle unsere Wahrheit?... Eine gewissenlose Umfälschung des Falschen? Eine höhere Potenz des Falschen?...

 

543.

In einer Welt, die wesentlich falsch ist, wäre Wahrhaftigkeit eine widernatürliche Tendenz: eine solche könnte nur Sinn haben als Mittel zu einer besonderen höheren Potenz von Falschheit. Damit eine Welt des Wahren, Seienden fingirt werden konnte, mußte zuerst der Wahrhaftige geschaffen sein (eingerechnet, daß ein solcher sich »wahrhaftig« glaubt).

Einfach, durchsichtig, mit sich nicht im Widerspruch, dauerhaft, sich gleichbleibend, ohne Falte, Volte, Vorhang, Form: ein Mensch derart concipirt eine Welt des Seins als »Gott« nach seinem Bilde.

Damit Wahrhaftigkeit möglich ist, muß die ganze Sphäre des Menschen sehr sauber, klein und achtbar sein: es muß der Vortheil in jedem Sinne auf Seiten des Wahrhaftigen sein. – Lüge, Tücke, Verstellung müssen Erstaunen erregen...

 

544.

Die Zunahme der »Verstellung« gemäß der aufwärtssteigenden Rangordnung der Wesen. In der anorganischen Welt scheint sie zu fehlen – Macht gegen Macht, ganz roh –, in der organischen beginnt die List: die Pflanzen sind bereits Meister in ihr. Die höchsten Menschen wie Cäsar, Napoleon (Stendhal's Wort über ihn), insgleichen die höheren Rassen (Italiener), die Griechen (Odysseus); die tausendfältigste Verschlagenheit gehört in's Wesen der Erhöhung des Menschen ... Problem des Schauspielers. Mein Dionysos-Ideal... Die Optik aller organischen Funktionen, aller stärksten Lebensinstinkte: die irrthum wollen de Kraft in allem Leben; der Irrthum als Voraussetzung selbst des Denkens. Bevor »gedacht« wird, muß schon »gedichtet« worden sein; das Zurechtbilden zu identischen Fällen, zur Scheinbarkeit des Gleichen ist ursprünglicher, als das Erkennen des Gleichen.

(Die Hindeutung auf Stendhal's Wort (Z. 6) betrifft eine Stelle aus dessen Vie de Napoléon (Préface p. XV), die sich Nietzsche in ein andres Heft notirt hatte und welche lautet: » Une croyance presque instinctive chez moi c'est que tout homme puisant ment quand il parle et à plus forte raison quand il écrit.«)

h) Gegen den Causalismus.

 

545.

Ich glaube an den absoluten Raum, als Substrat der Kraft: diese begrenzt und gestaltet. Die Zeit ewig. Aber an sich giebt es nicht Raum, noch Zeit. »Veränderungen« sind nur Erscheinungen (oder Sinnes-Vorgänge für uns); wenn wir zwischen diesen noch so regelmäßige Wiederkehr ansetzen, so ist damit Nichts begründet als eben diese Thatsache, daß es immer so geschehen ist. Das Gefühl, daß das post hoc ein propter hoc ist, ist leicht als Mißverständnis abzuleiten; es ist begreiflich. Aber Erscheinungen können nicht »Ursachen« sein!

 

546.

Die Auslegung eines Geschehens als entweder Thun oder Leiden (– also jedes Thun ein Leiden) sagt: jede Veränderung, jedes Anderswerden setzt einen Urheber voraus und Einen, an dem »verändert« wird.

 

547.

Psychologische Geschichte des Begriffs »Subjekt«. Der Leib, das Ding, das vom Auge construirte »Ganze« erweckt die Unterscheidung von einem Thun und einem Thuenden; der Thuende, die Ursache des Thuns, immer feiner gefaßt, hat zuletzt das »Subjekt« übrig gelassen.

 

548.

Unsre Unart, ein Erinnerungszeichen, eine abkürzende Formel als Wesen zu nehmen, schließlich als Ursache, z.B. vom Blitz zu sagen: »er leuchtet«. Oder gar das Wörtchen »ich«. Eine Art von Perspektive im Sehen wieder als Ursache des Sehens selbst zu setzen: das war das Kunststück in der Erfindung des »Subjekts«, des »Ich's«!

 

549.

»Subjekt«, »Objekt«, »Prädikat« – diese Trennungen sind gemacht und werden jetzt wie Schemata übergestülpt über alle anscheinenden Thatsachen. Die falsche Grundbeobachtung ist, daß ich glaube, ich bin's, der Etwas thut, Etwas leidet, der Etwas »hat«, der eine Eigenschaft »hat«.

 

550.

In jedem Urtheile steckt der ganze, volle, tiefe Glaube an Subjekt und Prädikat oder an Ursache und Wirkung (nämlich als die Behauptung, daß jede Wirkung Thätigkeit sei und daß jede Thätigkeit einen Thäter voraussetze); und dieser letztere Glaube ist sogar nur ein Einzelfall des ersteren, sodaß als Grundglaube der Glaube übrig bleibt: es giebt Subjekte, Alles, was geschieht, verhält sich prädikativ zu irgend welchem Subjekte.

Ich bemerke Etwas und suche nach einem Grund dafür: das heißt ursprünglich: ich suche nach einer Absicht darin, und vor Allem nach Einem, der Absicht hat, nach einem Subjekt, einem Thäter: alles Geschehen ein Thun, – ehemals sah man in allem Geschehen Absichten, dies ist unsere älteste Gewohnheit. Hat das Thier sie auch? Ist es, als Lebendiges, nicht auch auf die Interpretation nach sich angewiesen? – Die Frage »warum?« ist immer die Frage nach der causa finalis, nach einem »Wozu?« Von einem »Sinn der causa efficiens« haben wir Nichts: hier hat Hume Recht, die Gewohnheit (aber nicht nur die des Individuums!) läßt uns erwarten, daß ein gewisser oft beobachteter Vorgang auf den andern folgt: weiter Nichts! Was uns die außerordentliche Festigkeit des Glaubens an Causalität giebt, ist nicht die große Gewohnheit des Hintereinander von Vorgängen, sondern unsre Unfähigkeit, ein Geschehen anders interpretiren zu können als ein Geschehen aus Absichten. Es ist der Glaube an das Lebendige und Denkende als an das einzig Wirkende – an den Willen, die Absicht –, es ist der Glaube, daß alles Geschehen ein Thun sei, daß alles Thun einen Thäter voraussetze, es ist der Glaube an das »Subjekt«. Sollte dieser Glaube an den Subjekt- und Prädikat-Begriff nicht eine große Dummheit sein?

Frage: ist die Absicht Ursache eines Geschehens?
Oder ist auch das Illusion? Ist sie nicht das Geschehen selbst?

 

551.

Kritik des Begriffs »Ursache«. – Wir haben absolut keine Erfahrung über eine Ursache; psychologisch nachgerechnet, kommt uns der ganze Begriff aus der subjektiven Überzeugung, daß wir Ursache sind, nämlich, daß der Arm sich bewegt ... Aber das ist ein Irrthum. Wir unterscheiden uns, die Thäter, vom Thun, und von diesem Schema machen wir überall Gebrauch, – wir suchen nach einem Thäter zu jedem Geschehen, Was haben wir gemacht? Wir haben ein Gefühl von Kraft, Anspannung, Widerstand, ein Muskelgefühl, das schon der Beginn der Handlung ist, als Ursache mißverstanden, oder den Willen das und das zu thun, weil auf ihn die Aktion folgt, als Ursache verstanden.

»Ursache« kommt gar nicht vor: von einigen Fällen, wo sie uns gegeben schien und wo wir aus uns sie projicirt haben zum Verständniß des Geschehens, ist die Selbsttäuschung nachgewiesen. Unser »Verständniß eines Geschehens« bestand darin, daß wir ein Subjekt erfanden, welches verantwortlich wurde dafür, daß Etwas geschah und wie es geschah. Wir haben unser Willens-Gefühl, unser »Freiheits«-Gefühl, unser Verantwortlichkeits-Gefühl und unsre Absicht zu einem Thun in bei Begriff »Ursache« zusammengefaßt: causa efficiens und causa finalis ist in der Grundconception Eins.

Wir meinten, eine Wirkung sei erklärt, wenn ein Zustand aufgezeigt würde, dem sie bereits inhärirt. Thatsächlich erfinden wir alle Ursachen nach dem Schema der Wirkung: letztere ist uns bekannt ... Umgekehrt sind wir außer Stande, von irgend einem Dinge vorauszusagen, was es »wirkt«. Das Ding, das Subjekt, der Wille, die Absicht – alles inhärirt der Conception »Ursache«. Wir suchen nach Dingen, um zu erklären, weshalb sich Etwas verändert hat. Selbst noch das Atom ist ein solches hinzugedachtes »Ding« und »Ursubjekt«...

Endlich begreifen wir, daß Dinge – folglich auch Atome – Nichts wirken: weil sie gar nicht da sind, – daß der Begriff Kausalität vollkommen unbrauchbar ist. – Aus einer nothwendigen Reihenfolge von Zuständen folgt nicht deren Causal-Verhältnis (– das hieße deren wirkende Vermögen von 1 auf 2, auf 3, auf 4, auf 5 springen machen). Es giebt weder Ursachen, noch Wirkungen. Sprachlich wissen wir davon nicht loszukommen. Aber daran liegt Nichts. Wenn ich den Muskel von seinen »Wirkungen« getrennt denke, so habe ich ihn negirt...

In summa: ein Geschehen ist weder bewirkt, noch bewirkend. Causa ist ein Vermögen zu wirken, hinzu erfunden zum Geschehen...

Die Causalitäts-Interpretation eine Täuschung... Ein »Ding« ist die Summe seiner Wirkungen, synthetisch gebunden durch einen Begriff, Bild. Thatsächlich hat die Wissenschaft den Begriff Causalität seines Inhalts entleert und ihn übrig behalten zu einer Gleichnißformel, bei der es im Grunde gleichgültig geworden ist, auf welcher Seite Ursache oder Wirkung. Es wird behauptet, daß in zwei Complex-Zuständen (Kraftconstellationen) die Quanten Kraft gleich blieben.

Die Berechenbarkeit eines Geschehens liegt nicht darin, daß eine Regel befolgt wurde, oder einer Notwendigkeit gehorcht wurde, oder ein Gesetz von Causalität von uns in jedes Geschehen projicirt wurde–: sie liegt in der Wiederkehr »identischer Fälle«.

Es giebt nicht, wie Kant meint, einen Causalitäts-Sinn, Man wundert sich, man ist beunruhigt, man will etwas Bekanntes, woran man sich halten kann... Sobald im Neuen uns etwas Altes aufgezeigt wird, sind wir beruhigt. Der angebliche Causalitäts-Instinkt ist nur die Furcht vor dem Ungewohnten und der Versuch, in ihm etwas Bekanntes zu entdecken, – ein Suchen nicht nach Ursachen, sondern nach Bekanntem.

 

552.

Zur Bekämpfung des Determinismus und der Teleologie. – Daraus, daß Etwas regelmäßig erfolgt und berechenbar erfolgt, ergiebt sich nicht, daß es nothwendig erfolgt. Daß ein Quantum Kraft sich in jedem bestimmten Falle auf eine einzige Art und Weise bestimmt und benimmt, macht es nicht zum »unfreien Willen«. Die »mechanische Notwendigkeit« ist kein Thatbestand: wir erst haben sie in das Geschehen hineininterpretirt. Wir haben die Formulirbarkeit des Geschehens ausgedeutet als Folge einer über dem Geschehen waltenden Necessität. Aber daraus, daß ich etwas Bestimmtes thue, folgt keineswegs, daß ich es gezwungen thue. Der Zwang ist in den Dingen gar nicht nachweisbar: die Regel beweist nur, daß ein und dasselbe Geschehen nicht auch ein anderes Geschehen ist. Erst dadurch, daß wir Subjekte, »Thäter« in die Dinge hineingedeutet haben, entsteht der Anschein, daß alles Geschehen die Folge von einem auf Subjekte ausgeübten Zwange ist, – ausgeübt von wem? wiederum von einem »Thäter«. Ursache und Wirkung – ein gefährlicher Begriff, solange man ein Etwas denkt, das Verursacht, und ein Etwas, auf das gewirkt wird.

a) Die Notwendigkeit ist kein Thatbestand, sondern eine Interpretation.

*

b) Hat man begriffen, daß das »Subjekt« Nichts ist, was wirkt, sondern nur eine Fiktion, so folgt Vielerlei.

Wir haben nur nach dem Vorbilde des Subjekts die Dinglichkeit erfunden und in den Sensationen-Wirrwarr hineininterpretirt. Glauben wir nicht mehr an das wirkende Subjekt, so fällt auch der Glaube an wirkende Dinge, an Wechselwirkung, Ursache und Wirkung zwischen jenen Phänomenen, die wir Dinge nennen.

Es fällt damit natürlich auch die Welt der wirkenden Atome: deren Annahme immer unter der Voraussetzung gemacht ist, daß man Subjekte braucht.

Es fällt endlich auch das »Ding an sich«: weil das im Grunde die Conception eines »Subjekts an sich« ist. Aber wir begriffen, daß das Subjekt fingirt ist. Der Gegensatz »Ding an sich« und »Erscheinung« ist unhaltbar; damit aber fällt auch der Begriff »Erscheinung« dahin.

*

c) Geben wir das wirkende Subjekt auf, so auch das Objekt, auf das gewirkt wird. Die Dauer, die Gleichheit mit sich selbst, das Sein inhärirt weder Dem, was Subjekt, noch Dem, was Objekt genannt wird: es sind Complexe des Geschehens, in Hinsicht auf andere Complexe scheinbar dauerhaft, – also z. B. durch eine Verschiedenheit im Tempo des Geschehens (Ruhe – Bewegung, fest – locker: alles Gegensätze, die nicht an sich existiren und mit denen thatsächlich nur Gradverschiedenheiten ausgedrückt werden, die für ein gewisses Maaß von Optik sich als Gegensätze ausnehmen. Es giebt keine Gegensätze: nur von denen der Logik her haben wir den Begriff des Gegensatzes – und von da aus fälschlich in die Dinge übertragen).

*

d) Geben wir den Begriff »Subjekt« und »Objekt« auf, dann auch den Begriff »Substanz« – und folglich auch dessen verschiedene Modifikationen, z. B. »Materie«, »Geist« und andere hypothetische Wesen, »Ewigkeit und Unveränderlichkeit des Stoffs« u. s. w. Wir sind die Stofflichkeit los.

*

Moralisch ausgedrückt, ist die Welt falsch. Aber insofern die Moral selbst ein Stück dieser Welt ist, so ist die Moral falsch.

Der Wille zur Wahrheit ist ein Fest- machen, ein Wahr-, Dauerhaft- machen, ein Aus-dem-Auge-schaffen jenes falschen Charakters, eine Umdeutung desselben in's Seiende. »Wahrheit« ist somit nicht Etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken wäre, – sondern Etwas, das zu schaffen ist und das den Namen für einen Proceß abgiebt, mehr noch für einen Willen der Überwältigung, der an sich kein Ende hat: Wahrheit hineinlegen, als ein processus in infinitum, ein aktives Bestimmen, – nicht ein Bewußtwerden von Etwas, das an sich fest und bestimmt wäre. Es ist ein Wort für den »Willen zur Macht«.

Das Leben ist auf die Voraussetzung eines Glaubens an Dauerndes und Regulär-Wiederkehrendes gegründet; je mächtiger das Leben, umso breiter muß die errathbare, gleichsam seiend gemachte Welt sein. Logisirung, Nationalisirung, Systematisirung als Hülfsmittel des Lebens.

Der Mensch proficirt seinen Trieb zur Wahrheit, sein »Ziel« in einem gewissen Sinne außer sich als seiende Welt, als metaphysische Welt, als »Ding an sich«, als bereits vorhandene Welt. Sein Bedürfnis als Schaffender erdichtet bereits die Welt, an der er arbeitet, nimmt sie vorweg, diese Vorwegnahme (dieser »Glaube« an die Wahrheit) ist seine Stütze.

*

Alles Geschehen, alle Bewegung, alles Werden als ein Feststellen von Grad» und Kraftverhältnissen, als ein Kampf ...

*

Sobald wir uns Jemanden imaginiren, der verantwortlich ist dafür, daß wir so und so sind u. s. w. (Gott, Natur), ihm also unsre Existenz, unser Glück und Elend als Absicht zulegen, verderben wir uns die Unschuld des Werdens. Wir haben dann Jemanden, der durch uns und mit uns Etwas erreichen will.

*

Das »Wohl des Individuums« ist ebenso imaginär als das »Wohl der Gattung«: das erstere wird nicht dem letzteren geopfert, Gattung ist aus der Ferne betrachtet etwas ebenso Flüssiges wie Individuum. » Erhaltung der Gattung« ist nur eine Folge des Wachsthums der Gattung, d. h. der Überwindung der Gattung auf dem Wege zu einer stärkeren Art.

*

Thesen. – Daß die anscheinende » Zweckmäßigkeit« (»die aller menschlichen Kunst unendlich überlegene Zweckmäßigkeit«) bloß die Folge jenes in allem Geschehen sich abspielenden Willens zur Macht ist–: daß das Stärker-werden Ordnungen mit sich bringt, die einem Zweckmäßigkeits-Entwurf ähnlich sehen –: daß die anscheinenden Zwecke nicht beabsichtigt sind, aber, sobald die Übermacht über eine geringere Macht erreicht ist und letztere als Funktion der größeren arbeitet, eine Ordnung des Ranges, der Organisation den Anschein einer Ordnung von Mittel und Zweck erwecken muß.

Gegen die anscheinende » Notwendigkeit«: – diese nur ein Ausdruck dafür, daß eine Kraft nicht auch etwas Anderes ist.

Gegen die anscheinende » Zweckmäßigkeit«: – letztere nur ein Ausdruck für eine Ordnung von Machtsphären und deren Zusammenspiel.

i) Ding an sich und Erscheinung.

 

553.

Der faule Fleck des Kantischen Kriticismus ist allmählich auch den gröberen Augen sichtbar geworden: Kant hatte kein Recht mehr zu seiner Unterscheidung » Erscheinung« und » Ding an sich«, – er hatte sich selbst das Recht abgeschnitten, noch fernerhin in dieser alten üblichen Weise zu unterscheiden, insofern er den Schluß von der Erscheinung auf eine Ursache der Erscheinung als unerlaubt ablehnte – gemäß seiner Fassung des Causalitätsbegriffs und dessen rein intraphänomenaler Gültigkeit: welche Fassung andrerseits jene Unterscheidung schon vorwegnimmt, wie als ob das »Ding an sich« nicht nur erschlossen, sondern gegeben sei.

 

554.

Es liegt auf der Hand, daß weder Dinge an sich miteinander im Verhältnisse von Ursache und Wirkung stehen können, noch Erscheinung mit Erscheinung: womit sich ergiebt, daß der Begriff »Ursache und Wirkung« innerhalb einer Philosophie, die an Dinge an sich und an Erscheinungen glaubt, nicht anwendbar ist. Die Fehler Kant's – ... Thatsächlich stammt der Begriff »Ursache und Wirkung«, psychologisch nachgerechnet, nur aus einer Denkweise, die immer und überall Wille auf Wille wirkend glaubt, – die nur an Lebendiges glaubt und im Grunde nur an »Seelen« (und nicht an Dinge). Innerhalb der mechanistischen Weltbetrachtung (welche Logik ist und deren Anwendung auf Raum und Zeit) reducirt sich jener Begriff auf die mathematische Formel – mit der, wie man immer wieder unterstreichen muß, niemals Etwas begriffen, wohl aber Etwas bezeichnet, verzeichnet wird.

 

555.

Die größte Fabelei ist die von der Erkenntnis. Man möchte wissen, wie die Dinge an sich beschaffen sind: aber siehe da, es giebt keine Dinge an sich! Gesetzt aber sogar, es gäbe ein An-sich, ein Unbedingtes, so könnte es eben darum nicht erkannt werden! Etwas Unbedingtes kann nicht erkannt werden: sonst wäre es eben nicht unbedingt! Erkennen ist aber immer «sich irgendwozu in Bedingung setzen« – – ; ein solch Erkennender will, daß Das, was er erkennen will, ihn nichts angeht, und daß dasselbe Etwas überhaupt Niemanden nichts angeht: wobei erstlich ein Widerspruch gegeben ist, im Erkennen- wollen und dem Verlangen, daß es ihn nichts angehen soll (wozu doch dann Erkennen?), und zweitens, weil Etwas, das Niemanden nichts angeht, gar nicht ist, also auch gar nicht erkannt werden kann. – Erkennen heißt »sich in Bedingung setzen zu Etwas«: sich durch Etwas bedingt fühlen und ebenso es selbst unsrerseits bedingen – – es ist also unter allen Umstanden ein Feststellen, Bezeichnen, Bewußtmachen von Bedingungen ( nicht ein Ergründen von Wesen, Dingen, »An-sichs«).

 

556.

Ein »Ding an sich« ebenso verkehrt wie ein »Sinn an sich«, eine »Bedeutung an sich«. Es giebt leinen »Thatbestand an sich«, sondern ein Sinn muß immer erst hineingelegt werden, damit es einen Thatbestand geben kann.

Das »was ist das?« ist eine Sinn-Setzung von etwas Anderem aus gesehen. Die »Essenz«, die » Wesenheit« ist etwas Perspektivisches und fetzt eine Vielheit schon voraus. Zu Grunde liegt immer »was ist das für mich?« (für uns, für Alles, was lebt u. s. w.)

Ein Ding wäre bezeichnet, wenn an ihm erst alle Wesen ihr »was ist das?« gefragt und beantwortet hätten. Gesetzt, Ein einziges Wesen, mit seinen eignen Relationen und Perspektiven zu allen Dingen, fehlte, so ist das Ding immer noch nicht »definirt«.

Kurz: das Wesen eines Dings ist auch nur eine Meinung über das »Ding«. Oder vielmehr: das » es gilt« ist das eigentliche » es ist«, das einzige »das ist«.

Man darf nicht fragen: » wer interpretirt denn?« sondern das Interpretiren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein »Sein«, sondern als ein Proceß, ein Werden) als ein Affekt.

Die Entstehung der »Dinge« ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Empfindenden. Der Begriff »Ding« selbst ebenso als alle Eigenschaften. – Selbst »das Subjekt« ist ein solches Geschaffenes, ein »Ding« wie alle andern: eine Vereinfachung, um die Kraft, welche setzt, erfindet, denkt, als solche zu bezeichnen, im Unterschiede von allem einzelnen Setzen, Erfinden, Denken selbst. Also das Vermögen im Unterschiede von allem Einzelnen bezeichnet: im Grunde das Thun in Hinsicht auf alles noch zu erwartende Thun (Thun und die Wahrscheinlichkeit ähnlichen Thuns) zusammengefaßt.

 

557.

Die Eigenschaften eines Dinges sind Wirkungen auf andre »Dinge«:

denkt man andre »Dinge« weg, so hat ein Ding keine Eigenschaften,

d. h. es giebt kein Ding ohne andre Dinge, d. h. es giebt kein »Ding an sich«.

 

558.

Das »Ding an sich« widersinnig. Wenn ich alle Relationen, alle »Eigenschaften«, alle »Thätigkeiten« eines Dinges wegdenke, so bleibt nicht das Ding übrig: weil Dingheit erst von uns hinzufingirt ist, aus logischen Bedürfnissen, also zum Zweck der Bezeichnung, der Verständigung (zur Bindung jener Vielheit von Relationen, Eigenschaften, Thätigkeiten).

 

559.

»Dinge, die eine Beschaffenheit an sich haben« – eine dogmatische Vorstellung, mit der man absolut brechen muß.

 

560.

Daß die Dinge eine Beschaffenheit an sich hätten, ganz abgesehen von der Interpretation und Subjektivität, ist eine ganz müßige Hypothese: es würde voraussetzen, daß das Interpretiren und Subjekt-sein nicht wesentlich sei, daß ein Ding aus allen Relationen gelöst noch Ding sei.

Umgekehrt: der anscheinende objektive Charakter der Dinge: könnte er nicht bloß auf eine Graddifferenz innerhalb des Subjektiven hinauslaufen? – daß etwa das Langsam »Wechselnde uns als »objektiv« dauernd, seiend, »an sich« sich herausstellte, – daß das Objektive nur ein falscher Artbegriff und Gegensatz wäre innerhalb des Subjektiven?

 

561.

Wenn alle Einheit nur als Organisation Einheit ist? Aber das »Ding«, an das wir glauben, ist nur als Unterlage zu verschiednen Prädikaten hinzuerfunden. Wenn das Ding »wirkt«, so heißt das: wir fassen alle übrigen Eigenschaften, die sonst noch hier vorhanden sind und momentan latent sind, als Ursache, daß jetzt eine einzelne Eigenschaft hervortritt: d. h. wir nehmen die Summe seiner Eigenschaftenx – als Ursache der Eigenschaft x: was doch ganz dumm und verrückt ist!

Alle Einheit ist nur als Organisation und Zusammenspiel Einheit: nicht anders als wie ein menschliches Gemeinwesen eine Einheit ist: also Gegensatz der atomistischen Anarchie, somit ein Herrschafts-Gebilde, das Eins bedeutet, aber nicht Eins ist.

 

562.

»Es mußte in der Ausbildung des Denkens der Punkt eintreten, wo es zum Bewußtsein kam, daß Das, was man als Eigenschaften der Dinge bezeichnete, Empfindungen des empfindenden Subjekts seien: damit hörten die Eigenschaften auf, dem Dinge anzugehören.« Es blieb »das Ding an sich« übrig. Die Unterscheidung zwischen Ding an sich und des Dinges für uns basirt auf der älteren, naiven Wahrnehmung, die dem Dinge Energie beilegte: aber die Analyse ergab, daß auch die Kraft hineingedichtet worden ist, und ebenso – die Substanz. »Das Ding afficirt ein Subjekt«? Wurzel der Substanzvorstellung in der Sprache, nicht im Außer-uns-Seienden! Das Ding an sich ist gar kein Problem!

Das Seiende wird als Empfindung zu denken sein, welcher nichts Empfindungsloses mehr zu Grunde liegt.

In der Bewegung ist kein neuer Inhalt der Empfindung gegeben. Das Seiende kann nicht inhaltlich Bewegung sein: also Form des Seins.

NB. Die Erklärung des Geschehens kann versucht werden einmal: durch Vorstellung von Bildern des Geschehens, die ihm voranlaufen (Zwecke); zweitens: durch Vorstellung von Bildern, die ihm nachlaufen (die mathematisch-physikalische Erklärung).

Beide soll man nicht durcheinander werfen. Also: die physische Erklärung, welche die Verbildlichung der Welt ist aus Empfindung und Denken, kann nicht selber wieder das Empfinden und Denken ableiten und entstehen machen: vielmehr muß die Physik auch die empfindende Welt consequent als ohne Empfindung und Zweck construiren – bis hinauf zum höchsten Menschen. Und die teleologische ist nur eine Geschichte der Zwecke und nie physikalisch!

 

563.

Unser »Erkennen« beschränkt sich darauf, Quantitäten festzustellen; aber wir können durch Nichts hindern, diese Quantitäts-Differenzen als Qualitäten zu empfinden. Die Qualität ist eine perspektivische Wahrheit für uns; kein »An sich«.

Unsere Sinne haben ein bestimmtes Quantum als Mitte, innerhalb deren sie funktioniren, d. h. wir empfinden groß und klein im Verhältniß zu den Bedingungen unsrer Existenz. Wenn wir unsre Sinne um das Zehnfache verschärften oder verstumpften, würden wir zu Grunde gehn: – d. h. wir empfinden auch Größenverhältnisse in Bezug auf unsre Existenz-Ermöglichung als Qualitäten.

 

564.

Sollten nicht alle Quantitäten Anzeichen von Qualitäten sein? Der größeren Macht entspricht ein anderes Bewußtsein, Begehren, ein anderer perspektivischer Blick; Wachsthum selbst ist ein Verlangen, mehr zu sein; aus einem quale heraus erwächst das Verlangen nach einem Mehr von quantum; in einer rein quantitativen Welt wäre Alles todt, starr, unbewegt. – Die Reduktion aller Qualitäten auf Quantitäten ist Unsinn: was sich ergiebt, ist, daß Eins und das Andre beisammen steht, eine Analogie –

 

565.

Die Qualitäten sind unsere unübersteiglichen Schranken; wir können durch Nichts verhindern, bloße Quantitäts-Differenzen als etwas von Quantität Grundverschiedenes zu empfinden, nämlich als Qualitäten, die nicht mehr auf einander reducirbar sind. Aber Alles, wofür nur das Wort »Erkenntniß« Sinn hat, bezieht sich auf das Reich, wo gezählt, gewogen, gemessen werden kann, auf die Quantität: während umgekehrt alle unsre Werthempfindungen (d. h. eben unsre Empfindungen) gerade an den Qualitäten haften, d. h. an unsren, nur uns allein zugehörigen perspektivischen »Wahrheiten«, die schlechterdings nicht »erkannt« werden können. Es liegt auf der Hand, daß jedes von uns verschiedene Wesen andere Qualitäten empfindet und folglich in einer andern Welt, als wir leben, lebt. Die Qualitäten sind unsre eigentliche menschliche Idiosynkrasie: zu verlangen, daß diese unsre menschlichen Auslegungen und Werthe allgemeine und vielleicht constitutive Werthe sind, gehört zu den erblichen Verrücktheiten des menschlichen Stolzes.

 

566.

Die »wahre Welt«, wie immer auch man sie bisher concipirt hat, – sie war immer die scheinbare Welt noch einmal.

 

567.

Die scheinbare Welt, d. h. eine Welt, nach Werthen angesehn; geordnet, ausgewählt nach Werthen, d. h. in diesem Falle nach dem Nützlichkeits-Gesichtspunkt in Hinsicht auf die Erhaltung und Macht-Steigerung einer bestimmten Gattung von Animal.

Das Perspektivische also giebt den Charakter der »Scheinbarkeit« ab! Als ob eine Welt noch übrig bliebe, wenn man das Perspektivische abrechnet! Damit hätte man ja die Relativität abgerechnet!

Jedes Kraftcentrum hat für den ganzen Rest seine Perspektive, d. h. seine ganz bestimmte Werthung, seine Aktions-Art, seine Widerstands-Art. Die »scheinbare Welt« reducirt sich also auf eine specifische Art von Aktion auf die Welt, ausgehend von einem Centrum.

Nun giebt es gar keine andre Art Aktion: und die »Welt« ist nur ein Wort für das Gesammtspiel dieser Aktionen. Die Realität besteht exakt in dieser Partikular-Aktion und -Reaktion jedes Einzelnen gegen das Ganze ...

Es bleibt kein Schatten von Recht mehr übrig, hier von Schein zu reden...

Die specifische Art zu reagiren ist die einzige Art des Reagirens: wir wissen nicht, wie viele und was für Arten es alles giebt.

Aber es giebt lein » anderes«, kein »wahres«, lein wesentliches Sein, – damit würde eine Welt ohne Aktion und Reaktion ausgedrückt sein ...

Der Gegensatz der scheinbaren Welt und der wahren Welt reducirt sich auf den Gegensatz »Welt« und »Nichts« –

 

568.

Kritik des Begriffes »wahre und scheinbare Welt«. – Von diesen ist die erste eine bloße Fiktion, aus lauter fingirten Dingen gebildet.

Die »Scheinbarkeit« gehört selbst zur Realität: sie ist eine Form ihres Seins; d. h. in einer Welt, wo es kein Sein giebt, muß durch den Schein erst eine gewisse berechenbare Welt identischer Fälle geschaffen werden: ein Tempo, in dem Beobachtung und Vergleichung möglich ist, u. s. w.

:»Scheinbarkeit« ist eine zurechtgemachte und vereinfachte Welt, an der unsre praktischen Instinkte gearbeitet haben: sie ist für uns vollkommen wahr: nämlich wir leben, wir können in ihr leben: Beweis ihrer Wahrheit für uns ...

:die Welt, abgesehen von unsrer Bedingung, in ihr zu leben, die Welt, die wir nicht auf unser Sein, unsre Logik und psychologischen Vorurtheile reducirt haben, existirt nicht als Welt »an sich«; sie ist essentiell Relations-Welt: sie hat, unter Umständen, von jedem Punkt aus ihr verschiedenes Gesicht: ihr Sein ist essentiell an jedem Punkte anders: sie drückt auf jeden Punkt, es widersteht ihr jeder Punkt – und diese Summirungen sind in jedem Falle gänzlich incongruent.

Das Maaß von Macht bestimmt, welches Wesen das andre Maaß von Macht hat: unter welcher Form, Gewalt, Nöthigung es wirkt oder widersteht.

Unser Einzelfall ist interessant genug: wir haben eine Conception gemacht, um in einer Welt leben zu können, um gerade genug zu percipiren, daß wir noch es aushalten ...

 

569.

Unsre psychologische Optik ist dadurch bestimmt:

1) daß Mittheilung nöthig ist, und daß zur Mittheilung Etwas fest, vereinfacht, präcisirbar sein muß (vor Allem im sogenannten identischen Fall). Damit es aber mittheilbar sein kann, muß es zurechtgemacht empfunden werden, als »wiedererkennbar«. Das Material der Sinne vom Verstande zurechtgemacht, reducirt auf grobe Hauptstriche, ähnlich gemacht, subsumirt unter Verwandtes. Also: die Undeutlichleit und das Chaos des Sinneseindrucks wird gleichsam logisirt;

2) die Welt der »Phänomene« ist die zurechtgemachte Welt, die wir als real empfinden. Die »Realität« liegt in dem beständigen Wiederkommen gleicher, bekannter, verwandter Dinge, in ihrem logisirten Charakter, im Glauben, daß wir hier rechnen, berechnen können;

3) der Gegensatz dieser Phänomenal-Welt ist nicht »die wahre Welt«, sondern die formlos-unformulirbare Welt des Sensationen-Chaos, – also eine andere Art Phänomenal-Welt, eine für uns »unerkennbare«: 4) Fragen, wie die Dinge »an sich« sein mögen, ganz abgesehn von unsrer Sinnen-Receptivität und Verstandes- -Aktivität, muß man mit der Frage zurückweisen: woher könnten wir wissen, daß es Dinge giebt? Die »Dingheit« ist erst von uns geschaffen. Die Frage ist, ob es nicht noch viele Arten geben könnte, eine solche scheinbare Welt zu schaffen – und ob nicht dieses Schaffen, Logisiren, Zurechtmachen, Fälschen die bestgarantirte Realität selbst ist: kurz, ob nicht Das, was »Dinge setzt«, allein real ist; und ob nicht die »Wirkung der äußeren Welt auf uns« auch nur die Folge solcher wollenden Subjekte ist ... Die anderen »Wesen« agiren auf uns; unsre zurechtgemachte Scheinwelt ist eine Zurechtmachung und Überwältigung von deren Aktionen: eine Art Defensiv-Maaßregel. Das Subjekt allein ist beweisbar: Hypothese, daß es nur Subjekte giebt, – daß »Objekt« nur eine Art Wirkung von Subjekt auf Subjekt ist ... ein modus des Subjekts.

k) Das metaphysische Bedürfniß.

 

570.

Ist man Philosoph, wie man immer Philosoph war, so hat man kein Auge für Das, was war, und Das, was wird: – man sieht nur das Seiende. Da es aber nichts Seiendes giebt, so blieb dem Philosophen nur das Imaginäre aufgespart, als seine »Welt«.

 

571.

Das Dasein im Ganzen von Dingen behaupten, von denen wir gar nichts wissen, exakt weil ein Vortheil darin liegt, nichts von ihnen wissen zu können, war eine Naivetät Kant's, Folge eines Nachschlags von Bedürfnissen, namentlich moralisch-metaphysischen.

 

572.

Ein Künstler hält keine Wirklichkeit aus, er blickt weg, zurück: seine ernsthafte Meinung ist, daß was ein Ding werth ist, jener schattengleiche Rest ist, den man aus Farben, Gestalt, Klang, Gedanken gewinnt; er glaubt daran, daß, je mehr subtilisirt, verdünnt, verflüchtigt ein Ding, ein Mensch wird, umsomehr sein Werth zunimmt: je weniger real, umso mehr Werth. Dies ist Platonismus: der aber noch eine Kühnheit mehr besaß, im Umdrehen: – er maß den Grad Realität nach dem Werthgrade ab und sagte: je mehr »Idee«, desto mehr Sein. Er drehte den Begriff »Wirklichkeit« herum und sagte: »Was ihr für wirklich haltet, ist ein Irrthum, und wir kommen, je näher wir der ›Idee‹ kommen, umso näher der Wahrheit«. – Versteht man es? Das war die größte Umtaufung: und weil sie vom Christenthum aufgenommen ist, so sehen wir die erstaunliche Sache nicht. Plato hat im Grunde den Schein, als Artist, der er war, dem Sein vorgezogen! also die Lüge und Erdichtung der Wahrheit! das Unwirkliche dem Vorhandenen! – er war aber so sehr vom Werthe des Scheins überzeugt, daß er ihm die Attribute »Sein«, »Ursächlichkeit« und »Gutheit«, »Wahrheit«, kurz alles Übrige beilegte, dem man Werth beilegt.

Der Werthbegriff selbst, als Ursache gedacht: erste Einsicht.

Das Ideal mit allen Attributen bedacht, die Ehre verleihen: zweite Einsicht.

 

573.

Die Idee der »wahren Welt« oder »Gottes« als absolut unsinnlich, geistig, gütig ist eine Nothmaaßregel im Verhältniß dazu, als die Gegen-Instinkte noch allmächtig sind.

Die Mäßigkeit und erreichte Humanität zeigt sich exakt in der Vermenschlichung der Götter: die Griechen der stärksten Zeit, die vor sich selber keine Furcht hatten, sondern Glück an sich hatten, näherten ihre Götter an alle ihre Affekte –.

Die Vergeistigung der Gottes-Idee ist deshalb fern davon, einen Fortschritt zu bedeuten: man fühlt dies recht herzlich bei der Berührung mit Goethe, – wie da die Verdunstung Gottes zu Tugend und Geist sich all eine rohere Stufe fühlbar macht ...

 

574.

Unsinn aller Metaphysik als einer Ableitung des Bedingten aus dem Unbedingten.

Zur Natur des Denkens gehört es, daß es zu dem Bedingten das Unbedingte hinzudenkt, hinzuerfindet: wie es das »Ich« zur Vielheit seiner Vorgänge hinzudenkt, hinzuerfindet: es mißt die Welt an lauter von ihm selbst gesetzten Größen: an seinen Grundfiktionen »Unbedingtes«, »Zweck und Mittel«, »Dinge«, »Substanzen«, an logischen Gesetzen, an Zahlen und Gestalten.

Es gäbe Nichts, was Erkenntnis; zu nennen wäre, wenn nicht erst das Denken sich die Welt dergestalt umschüfe zu »Dingen«, Sich-selbst-Gleichem. Erst vermöge des Denkens giebt es Unwahrheit.

Das Denken ist unableitbar, ebenso die Empfindungen : aber damit ist es noch lange nicht als ursprünglich oder »an sich seiend« bewiesen! sondern nur festgestellt, daß wir nicht dahinter können, weil wir nichts als Denken und Empfinden haben.

 

575.

»Erkennen« ist ein Zurückbeziehn: seinem Wesen nach ein regressus in infinitum. Was Halt macht (bei einer angeblichen causa prima, bei einem Unbedingten u. s. w.) ist die Faulheit, die Ermüdung – –

 

576.

Zur Psychologie der Metaphysik: – der Einfluß der Furchtsamkeit.

Was am meisten gefürchtet worden ist, die Ursache der mächtigsten Leiden (Herrschsucht, Wollust u.s.w.), ist von den Menschen am feindseligsten behandelt worden und aus der »wahren« Welt eliminirt. So haben sie die Affekte Schritt für Schritt weggestrichen, – Gott als Gegensatz des Bösen angesetzt, das heißt die Realität in die Negation der Begierden und Affekte verlegt (d. h. gerade in's Nichts).

Insgleichen ist die Unvernunft, das Willkürliche, Zufällige von ihnen gehaßt worden (als Ursache zahlloser physischer Leiden). Folglich negirten sie dies Element im An-sich-Seienden, faßten es als absolute »Vernünftigkeit« und »Zweckmäßigkeit«.

Insgleichen der Wechsel, die Vergänglichkeit gefürchtet: darin drückt sich eine gedrückte Seele aus, voller Mißtrauen und schlimmer Erfahrung (Fall Spinoza: eine umgekehrte Art Mensch würde diesen Wechsel zum Reiz rechnen).

Eine mit Kraft überladene und spielende Art Wesen würde gerade die Affekte, die Unvernunft und den Wechsel in eudämonistischem Sinne gutheißen, sammt ihren Consequenzen Gefahr, Contrast, Zu-Grunde-gehn u. s. w.

 

577.

Gegen den Werth des Ewig-Gleichbleibenden (v. Spinoza's Naivetät, Descartes' ebenfalls) den Werth des Kürzesten und Vergänglichsten, das verführerische Goldaufblitzen am Bauch der Schlange vita

 

578.

Die moralischen Werthe in der Theorie der Erkenntniß selbst:

das Vertrauen zur Vernunft – warum nicht Mißtrauen?

die »wahre Welt« soll die gute sein – warum?

die Scheinbarkeit, der Wechsel, der Widerspruch, der Kampf als unmoralisch abgeschätzt: Verlangen in eine Welt, wo dies Alles fehlt!

die transscendente Welt erfunden, damit ein Platz bleibt für »moralische Freiheit« (bei Kant);

die Dialektik als der Weg zur Tugend (bei Plato und Sokrates: augenscheinlich, weil die Sophistik als Weg zur Unmoralität galt);

Zeit und Raum ideal: folglich »Einheit« im Wesen der Dinge, folglich keine »Sünde«, kein Übel, keine Unvollkommenheit, – eine Rechtfertigung Gottes;

Epikur leugnet die Möglichkeit der Erkenntniß: um die moralischen (resp. hedonistischen) Werthe als die obersten zu behalten. Dasselbe thut Augustin, später Pascal (»die verdorbene Vernunft«) zu Gunsten der christlichen Werthe;

die Verachtung des Descartes gegen alles Wechselnde; insgleichen die des Spinoza.

 

579.

Zur Psychologie der Metaphysik. – Diese Welt ist scheinbar: folglich giebt es eine wahre Welt, – diese Welt ist bedingt: folglich giebt es eine unbedingte Welt; – diese Welt ist widerspruchsvoll: folglich giebt es eine widerspruchslose Welt; – diese Welt ist werdend: folglich giebt es eine seiende Welt: – lauter falsche Schlüsse (blindes Vertrauen in die Vernunft: wenn A ist, so muß auch sein Gegensatz-Begriff B sein). Zu diesen Schlüssen inspirirt das Leiden: im Grunde sind es Wünsche, es möchte eine solche Welt geben; ebenfalls drückt sich der Haß gegen eine Welt, die leiden macht, darin aus, daß eine andere imaginirt wird, eine werthvollere: das Ressentiment der Metaphysiker gegen das Wirkliche ist hier schöpferisch.

Zweite Reihe von Fragen: wozu Leiden? ... und hier ergiebt sich ein Schluß auf das Verhältniß der wahren Welt zu unsrer scheinbaren, wandelbaren, leidenden, widerspruchsvollen: 1) Leiden als Folge des Irrthums: wie ist Irrthum möglich? 2) Leiden als Folge von Schuld: wie ist Schuld möglich? (– lauter Erfahrungen aus der Natursphäre oder der Gesellschaft universalisirt und in's »An-sich« projicirt). Wenn aber die bedingte Welt ursächlich von der unbedingten bedingt ist, so muß die Freiheit zum Irrthum und zur Schuld mit von ihr bedingt sein: und wieder fragt man wozu? ... Die Welt des Scheins, des Werdens, des Widerspruchs, des Leidens ist also gewollt: wozu?

Der Fehler dieser Schlüsse: zwei gegensätzliche Begriffe sind gebildet, – weil dem einen von ihnen eine Realität entspricht, » muß« auch dem andern eine Realität entsprechen. » Woher sollte man sonst dessen Gegenbegriff haben?« – Vernunft somit als eine Offenbarungs-Quelle über An-sich-Seiendes.

Aber die Herkunft jener Gegensätze braucht nicht nothwendig auf eine übernatürliche Quelle der Vernunft zurückzugehn: es genügt, die wahre Genesis der Begriffe dagegenzustellen: – diese stammt aus der praktischen Sphäre, aus der Nützlichkeitssphäre, und hat eben daher ihren starken Glauben (man geht daran zu Grunde, wenn man nicht gemäß dieser Vernunft schließt: aber damit ist Das nicht »bewiesen«, was sie behauptet).

Die Präokkupation durch das Leiden bei den Metaphysikern: ist ganz naiv. »Ewige Seligkeit«: psychologischer Unsinn. Tapfere und schöpferische Menschen fassen Lust und Leid nie als letzte Werthfragen, – es sind Begleit-Zustände: man muß Beides wollen, wenn man Etwas erreichen will –. Darin drückt sich etwas Müdes und Krankes an den Metaphysikern und Religiösen aus, daß sie Lust- und Leidprobleme im Vordergründe sehn. Auch die Moral hat nur deshalb für sie solche Wichtigkeit, weil sie als wesentliche Bedingung in Hinsicht auf Abschaffung des Leidens gilt.

Insgleichen die Präokkupation durch Schein und Irrthum: Ursache nun Leiden, Aberglaube, daß das Glück mit der Wahrheit verbunden sei (Verwechslung: das Glück in der »Gewißheit«, im »Glauben«).

 

580.

Inwiefern die einzelnen erkenntnißtheoretischen Grundstellungen (Materialismus, Sensualismus, Idealismus) Consequenzen der Werthschätzungen sind: die Quelle der obersten Lustgefühle (»Werthgefühle«) auch als entscheidend über das Problem der Realität!

– Das Maaß positiven Wissens ist ganz gleichgültig, oder nebensächlich: man sehe doch die indische Entwicklung.

Die buddhistische Negation der Realität überhaupt (Scheinbarkeit – Leiden) ist eine vollkommene Consequenz: Unbeweisbarkeit, Unzugänglichkeit, Mangel an Kategorien nicht nur für eine »Welt an sich«, sondern Einsicht in die fehlerhaften Proceduren, vermöge deren dieser ganze Begriff gewonnen ist. »Absolute Realität«, »Sein an sich« ein Widerspruch. In einer werdenden Welt ist »Realität« immer nur eine Simplifikation zu praktischen Zwecken, oder eine Täuschung auf Grund grober Organe, oder eine Verschiedenheit im Tempo des Werdens.

Die logische Weltverneinung und Nihilisirung folgt daraus, daß wir Sein dem Nichtsein entgegensetzen müssen und daß der Begriff »Werden« geleugnet wird. (»Etwas« wird.)

 

581.

Sein und Werden. – » Vernunft«, entwickelt auf sensulistischer Grundlage, auf den Vorurtheilen der Sinne, d. h. im Glauben an die Wahrheit der Sinnes-Urtheile.

»Sein« als Verallgemeinerung des Begriffs » Leben« (athmen), »beseelt sein«, »wollen, wirken«, »werden«.

Gegensatz ist: »unbeseelt-sein«, » nicht-werdend«, » nicht-wollend«. Also: es wird dem »Seienden« nicht das Nicht-seiende, nicht das Scheinbare, auch nicht das Todte entgegengesetzt (denn todt sein kann nur Etwas, das auch leben kann).

Die »Seele«, das »Ich« als Urthatsache gesetzt; und überall hineingelegt, wo es ein Werden giebt.

 

582.

Das Sein – wir haben keine andere Vorstellung davon als » leben«. – Wie kann also etwas Todtes »sein«?

 

583.

A.

Ich sehe mit Erstaunen, daß die Wissenschaft sich heute resignirt, auf die scheinbare Welt angewiesen zu sein: eine wahre Welt – sie mag sein, wie sie will –, gewiß haben wir kein Organ der Erkenntnis; für sie.

Hier dürfen wir nun schon fragen: mit welchem Organ der Erkenntnis; setzt man auch diesen Gegensatz nur an? ...

Damit, daß eine Welt, die unsern Organen zugänglich ist, auch als abhängig von diesen Organen verstanden wird, damit, daß wir eine Welt als subjektiv bedingt verstehen, damit ist nicht ausgedrückt, daß eine objektive Welt überhaupt möglich ist. Wer zwingt uns, zu denken, daß die Subjektivität real, essentiell ist?

Das »An sich« ist sogar eine widersinnige Conception: eine »Beschaffenheit an sich« ist Unsinn: wir haben den Begriff »Sein«, »Ding« immer nur als Relationsbegriff ...

Das Schlimme ist, daß mit dem alten Gegensatz »scheinbar« und »wahr« sich das correlative Werthurtheil fortgepflanzt hat: »gering an Werth« und »absolut werthvoll«.

Die scheinbare Welt gilt uns nicht als eine »werthvolle« Welt; der Schein soll eine Instanz gegen den obersten Werth sein. Werthvoll an sich kann nur eine »wahre« Welt sein ...

Vorurtheil der Vorurtheile! Erstens wäre an sich möglich, daß die wahre Beschaffenheit der Dinge dermaaßen Voraussetzungen des Lebens schädlich wäre, entgegengesetzt wäre, daß eben der Schein noth thäte, um leben zu können ... Dies ist ja der Fall in so vielen Lagen: z. B. in der Ehe.

Unsre empirische Welt wäre aus den Instinkten der Selbsterhaltung auch in ihren Erkenntnißgrenzen bedingt: wir hielten für wahr, für gut, für werthvoll, was der Erhaltung der Gattung frommt ...

a) Wir haben keine Kategorien, nach denen wir eine wahre und eine scheinbare Welt scheiden dürften (Es könnte eben bloß eine scheinbare Welt geben, aber nicht nur unsere scheinbare Welt.)

b) Die wahre Welt angenommen, so könnte sie immer noch die geringere an Werth für uns sein: gerade das Quantum Illusion möchte, in seinem Erhaltungswerth für uns, höheren Ranges sein. (Es sei denn, daß der Schein an sich ein Verwerfungsurtheil begründete?)

c) Daß eine Correlation bestehe zwischen den Graden der Werthe und den Graden der Realität (sodaß die obersten Werthe auch die oberste Realität hätten), ist ein metaphysisches Postulat, von der Voraussetzung ausgehend, daß wir die Rangordnung der Werthe kennen: nämlich daß diese Rangordnung eine moralische sei... Nur in dieser Voraussetzung ist die Wahrheit nothwendig für die Definition alles Höchstwerthigen.

B.

Es ist von cardinaler Wichtigkeit, daß man die wahre Welt abschafft. Sie ist die große Anzweiflerin und Werthverminderung der Welt, die wir sind: sie war bisher unser gefährlichstes Attentat auf das Leben.

Krieg gegen alle Voraussetzungen, auf welche hin man eine wahre Welt fingirt hat. Zu diesen Voraussetzungen gehört, daß die moralischen Werthe die obersten seien.

Die moralische Werthung als oberste wäre widerlegt, wenn sie bewiesen werden könnte als die Folg einer unmoralischen Werthung: als ein Specialfall der realen Unmoralität: sie reducirte sich damit selbst auf einen Anschein, und als Anschein hättest«, von sich aus, kein Recht mehr, den Schein zu verurtheilen.

C.

Der »Wille zur Wahrheit« wäre sodann psychologisch zu untersuchen: er ist keine moralische Gewalt, sondern eine Form des Willens zur Macht. Dies wäre damit zu beweisen, baß er sich aller unmoralischen Mittel bedient: die Metaphysiker voran –.

Mr sind heute vor die Prüfung der Behauptung gestellt, daß die moralischen Werthe die obersten Werthe seien. Die Methodik der Forschung ist erst erreicht, wenn alle moralischen Vorurtheile überwunden sind: – sie stellte einen Sieg über die Moral dar ...

 

584.

Die Verirrung der Philosophie ruht darauf, daß man, statt in der Logik und den Vernunftkategorien Mittel zu sehen zum Zurechtmachen der Welt zu Nützlichkeits-Zwecken (also, »principiell«, zu einer nützlichen Fälschung), man in ihnen das Kriterium der Wahrheit, resp. der Realität zu haben glaubte. Das »Kriterium der Wahrheit« war in der That bloß die biologische Nützlichkeit eines solchen Systems principieller Fälschung: und da eine Gattung Thier nichts Wichtigeres kennt, als sich zu erhalten, so dürfte man in der That hier von »Wahrheit« reden. Die Naivetät war nur die, die anthropocentrische Idiosynkrasie als Maaß der Dinge, als Richtschnur über »real« und »unreal« zu nehmen: kurz, eine Bedingtheit zu verabsolutisiren. Und siehe da, jetzt fiel mit Einem Mal die Welt auseinander in eine »wahre« Welt und eine »scheinbare«: und genau die Welt, in der der Mensch zu wohnen und sich einzurichten seine Vernunft erfunden hatte, genau dieselbe wurde ihm discreditirt. Statt die Formen als Handhabe zu benutzen, sich die Welt handlich und berechenbar zu machen, kam der Wahnsinn der Philosophen dahinter, daß in diesen Kategorien der Begriff jener Welt gegeben ist, dem die andere Welt, die, in der man lebt, nicht entspricht ... Die Mittel wurden mißverstanden als Werthmaaß, selbst als Verurtheilung der Absicht ...

Die Absicht war, sich auf eine nützliche Weise zu tauschen: die Mittel dazu die Erfindung von Formeln und Zeichen, mit deren Hülfe man die verwirrende Vielheit auf ein zweckmäßiges und handliches Schema reducirte.

Aber wehe! jetzt brachte man eine Moral-Kategorie in's Spiel: kein Wesen will sich täuschen, kein Wesen darf täuschen, – folglich giebt es nur einen Willen zur Wahrheit. Was ist »Wahrheit«?

Der Satz vom Widerspruch gab das Schema: die wahre Welt, zu der man den Weg sucht, kann nicht mit sich in Widerspruch sein, kann nicht wechseln, kann nicht werden, hat keinen Ursprung und kein Ende.

Das ist der größte Irrthum, der begangen worden ist, das eigentliche Verhängniß des Irrthums auf Erden: man glaubte ein Kriterium der Realität in den Vernunftformen zu haben, – während man sie hatte, um Herr zu werden über die Realität, um auf eine kluge Weise die Realität mißzuverstehn ...

Und siehe da: jetzt wurde die Welt falsch, und exakt der Eigenschaften wegen, die ihre Realität ausmachen, Wechsel, Werden, Vielheit, Gegensatz, Widerspruch, Krieg. Und nun war das ganze Verhängniß da:

1) Wie kommt man los von der falschen, der bloß scheinbaren Welt? (– es war die wirkliche, die einzige);

2) wie wird man selbst möglichst der Gegensatz zu dem Charakter der scheinbaren Welt? (Begriff des vollkommnen Wesens als eines Gegensatzes zu jedem realen Wesen, deutlicher, als Widerspruch zum Leben...)

Die ganze Richtung der Werthe war auf Verleumdung des Lebens aus; man schuf eine Verwechslung des Ideal-Dogmatismus mit der Erkenntniß überhaupt: sodaß die Gegenpartei immer nun auch die Wissenschaft perhorrescirte.

Der Weg zur Wissenschaft war dergestalt doppelt versperrt: einmal durch den Glauben an die »wahre« Welt, und dann durch die Gegner dieses Glaubens. Die Naturwissenschaft, Psychologie war 1) in ihren Objekten verurtheilt, 2) um ihre Unschuld gebracht ...

In der wirklichen Welt, wo schlechterdings Alles verkettet und bedingt ist, heißt irgend Etwas verurtheilen und wegdenken, Alles wegdenken und verurtheilen. Das Wort »das sollte nicht sein«, »das hätte nicht sein sollen« ist eine Farce ... Denkt man die Consequenzen aus, so ruinirte man den Quell des Lebens, wenn man Das abschaffen wollte, was in irgend einem Sinne schädlich, zerstörerisch ist. Die Physiologie demonstrirt es ja besser!

– Wir sehen, wie die Moral a) die ganze Weltauffassung vergiftet, b) den Weg zur Erkenntniß, zur Wissenschaft abschneidet, c) alle wirklichen Instinkte auflöst und untergräbt (indem sie deren Wurzeln als unmoralisch empfinden lehrt).

Wir sehen ein furchtbares Werkzeug der décadence vor uns arbeiten, das sich mit den heiligsten Namen und Gebärden aufrecht hält.

 

585.

Ungeheure Selbstbesinnung: nicht als Individuum, sondern als Menschheit sich bewußt werden. Besinnen wir uns, denken wir zurück: gehen wir die kleinen und großen Wege!

A.

Der Mensch sucht »die Wahrheit«: eine Welt, die nicht sich widerspricht, nicht täuscht, nicht wechselt, eine wahre Welt – eine Welt, in der man nicht leidet: Widerspruch, Täuschung, Wechsel – Ursachen des Leidens! Er zweifelt nicht, daß es eine Welt, wie sie sein soll, giebt; er möchte zu ihr sich den Weg suchen. (Indische Kritik: selbst das »Ich« als scheinbar, als nicht-real.)

Woher nimmt hier der Mensch den Begriff der Realität? – Warum leitet er gerade das Leiden von Wechsel, Täuschung, Widerspruch ab? und warum nicht vielmehr sein Glück? ... –

Die Verachtung, der Haß gegen Alles, was vergeht, wechselt, wandelt: – woher diese Werthung des Bleibenden? Ersichtlich ist hier der Wille zur Wahrheit bloß das Verlangen in eine Welt des Bleibenden.

Die Sinne täuschen, die Vernunft corrigirt die Irrthümer: folglich, schloß man, ist die Vernunft der Weg zu dem Bleibenden; die unsinnlichsten Ideen müssen der »wahren Welt« am nächsten sein. – Von den Sinnen her kommen die meisten Unglücksschläge, – sie sind Betrüger, Bethörer, Vernichter. –

Das Glück kann nur im Seienden verbürgt sein: Wechsel und Glück schließen sich aus. Der höchste Wunsch hat demnach die Einswerdung mit dem Seienden im Auge. Das ist die Formel für: Weg zum höchsten Glück.

In summa: Die Welt, wie sie sein sollte, existirt; diese Welt, in der wir leben, ist ein Irrthum, – diese unsre Welt sollte nicht existiren.

Der Glaube an das Seiende erweist sich nur als eine Folge: das eigentliche primum mobile ist der Unglaube an das Werdende, das Mißtrauen gegen das Werdende, die Geringschätzung alles Werdens ...

Was für eine Art Mensch reflektirt so? Eine unproduktive, leidende Art, eine lebensmüde Art. Dächten wir uns die entgegengesetzte Art Mensch, so hätte sie den Glauben an das Seiende nicht nöthig: mehr noch, sie würde es verachten, als todt, langweilig, indifferent ...

Der Glaube, daß die Welt, die sein sollte, ist, wirklich existirt, ist ein Glaube der Unproduktiven, die nicht eine Welt schaffen wollen, wie sie sein soll, Sie setzen sie als vorhanden, sie suchen nach Mitteln und Wegen, um zu ihr zu gelangen. »Wille zur Wahrheit« – als Ohnmacht des Willens zum Schaffen.

Erkennen, daß Etwas so und so ist:
Thun, daß Etwas so und so wird:
Antagonismus
in den Kraft-Graden
der Naturen

Fiktion einer Welt, welche unseren Wünschen entspricht; psychologische Kunstgriffe und Interpretationen, um Alles, was wir ehren und als angenehm empfinden, mit dieser wahren Welt zu verknüpfen.

»Wille zur Wahrheit« auf dieser Stufe ist wesentlich Kunst der Interpretation: wozu immer noch Kraft der Interpretation gehört.

Dieselbe Species Mensch, noch eine Stufe ärmer geworden, nicht mehr im Besitz der Kraft zu interpretiren, des Schaffens von Fiktionen, macht den Nihilisten. Ein Nihilist ist der Mensch, welcher von der Welt, wie sie ist, urtheilt, sie sollte nicht sein, und von der Welt, wie sie sein sollte, urtheilt, sie existirt nicht. Demnach hat dasein (handeln, leiden, wollen, fühlen) keinen Sinn: das Pathos des »Umsonst« ist das Nihilisten-Pathos, – zugleich noch als Pathos eine Inconsequenz des Nihilisten.

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen vermag, der Willens- und Kraftlose, der legt wenigstens noch einen Sinn hinein, d.h. den Glauben, daß schon ein Wille darin sei.

Es ist ein Gradmesser von Willenskraft, wie weit man des Sinnes in den Dingen entbehren kann, wie weit man in einer sinnlosen Welt zu leben aushält: weil man ein kleines Stück von ihr selbst organisirt.

Das philosophische Objektiv-Blicken kann somit ein Zeichen von Willens- und Kraft-Armuth sein. Denn die Kraft organisirt das Nähere und Nächste; die »Erkennenden«, welche nur feststellen wollen, was ist, sind Solche, die Nichts festsetzen können, wie es sein soll.

Die Künstler, eine Zwischenart: sie setzen wenigstens ein Gleichniß von Dem fest, was sein soll, – sie sind produktiv, insofern sie wirklich verändern und umformen; nicht wie die Erkennenden, welche Alles lassen, wie es ist.

Zusammenhang der Philosophen mit den pessimistischen Religionen: dieselbe Species Mensch (– sie legen den höchsten Grad von Realität den höchstgewertheten Dingen bei –).

Zusammenhang der Philosophen mit den moralischen Menschen und deren Werthmaaßen (– die moralische Weltauslegung als Sinn: nach dem Niedergang des religiösen Sinnes –).

Überwindung der Philosophen, durch Vernichtung der Welt des Seienden: Zwischenperiode des Nihilismus: bevor die Kraft da ist, die Werthe umzuwenden und das Werdende, die scheinbare Welt, als die einzige zu vergöttlichen und gutzuheißen.

B.

Der Nihilismus als normales Phänomen kann ein Symptom wachsender Stärke sein oder wachsender Schwäche:

theils, daß die Kraft, zu schaffen, zu wollen, so gewachsen ist, daß sie diese Gesammt-Ausdeutungen und Sinn-Einlegungen nicht mehr braucht (»nähere Aufgaben«, Staat u. s. w.);

theils, daß selbst die schöpferische Kraft, Sinn zu schaffen, nachläßt und die Enttäuschung der herrschende Zustand wird. Die Unfähigkeit zum Glauben an einen »Sinn«, der »Unglaube«.

Was die Wissenschaft in Hinsicht auf beide Möglichkeiten bedeutet?

  1. Als Zeichen von Stärke und Selbstbeherrschung, als Entbehren- können heilender, tröstlicher Illusions-Welten;
  2. als untergrabend, secirend, enttäuschend, schwächend.

C.

Der Glaube an die Wahrheit, das Bedürfniß einen Halt zu haben an etwas Wahrgeglaubtem: psychologische Reduktion abseits von allen bisherigen Werthgefühlen. Die Furcht, die Faulheit.

Insgleichen der Unglaube: Reduktion. Inwiefern er einen neuen Werth bekommt, wenn es eine wahre Welt gar nicht giebt (– dadurch werden die Werthgefühlt wieder frei, die bisher auf die seiende Welt verschwendet worden sind).

 

586.

Die » wahre« und die » scheinbare Welt«.

A.

Die Verführungen, die von diesem Begriff ausgehen, sind dreierlei Art:

a) eine unbekannte Welt: – wir sind Abenteurer, neugierig, – das Bekannte scheint uns müde zu machen (– die Gefahr des Begriffs liegt darin, uns »diese« Welt als bekannt zu insinuiren ...);

b) eine andre Welt, wo es anders ist: – es rechnet Etwas in uns nach, unsre stille Ergebung, unser Schweigen verlieren dabei ihren Werth,– vielleicht wird Alles gut, wir haben nicht umsonst gehofft ... Die Welt, wo es anders, wo wir selbst – wer weiß? anders sind ...

c) eine wahre Welt: – das ist der wunderlichste Streich und Angriff, der auf uns gemacht wird; es ist so Vieles an das Wort »wahr« ankrustirt, unwillkürlich machen wir's auch der »wahren Welt« zum Geschenk: die wahre Welt muß auch eine wahrhaftige sein, eine solche, die uns nicht betrügt, nicht zu Narren hat: an sie glauben ist beinahe glauben müssen (– aus Anstand, wie es unter zutrauenswürdigen Wesen geschieht –).

*

Der Begriff »die unbekannte Welt« insinuirt uns diese Welt als »bekannt« (als langweilig –);

der Begriff »die andre Welt« insinuirt, als ob die Welt anders sein könnte

, – hebt die Nothwendigkeit und das Fatum auf (– unnütz, sich zu ergeben, sich anzupassen –);

der Begriff »die wahre Welt« insinuirt diese Welt als eine unwahrhaftige, betrügerische, unredliche, unechte, unwesentliche, – und folglich auch nicht unserm Nutzen zugethane Welt (– unrathsam, sich ihr anzupassen; besser: ihr widerstreben).

*

Wir entziehen uns also in dreierlei Weise »dieser« Welt:

a) mit unsrer Neugierde, – wie als ob der interessantere Theil wo anders wäre;

b) mit unsrer Ergebung, – wie als ob es nicht nöthig sei, sich zu ergeben, – wie als ob diese Welt keine Notwendigkeit letzten Ranges sei;

c) mit unsrer Sympathie und Achtung, – wie als ob diese Welt sie nicht verdiente, als unlauter, als gegen uns nicht redlich ...

In summa: wir sind auf eine dreifache Weise revoltirt: wir haben ein x zur Kritik der »bekannten Welt« gemacht.

B.

Erster Schritt der Besonnenheit: zu begreifen, inwiefern wir verführt sind, – nämlich es könnte an sich exakt umgekehrt sein:

a) die unbekannte Welt könnte derartig beschaffen fein, um uns Lust zu machen zu »dieser« Welt, – als eine vielleicht stupide und geringere Form des Daseins;

b) die andere Welt, geschweige, daß sie unsern Wünschen, die hier keinen Austrag fänden. Rechnung trüge, könnte mit unter der Masse Dessen sein, was uns diese Welt möglich macht: sie kennen lernen wäre ein Mittel, uns zufrieden zu machen;

c) die wahre Welt: aber wer sagt uns eigentlich, daß die scheinbare Welt weniger werth sein muß, als die wahre? Widerspricht nicht unser Instinkt diesem Urtheile? Schafft sich nicht ewig der Mensch eine fingirte Welt, weil er eine bessere Welt haben will als die Realität? Vor Allem: wie kommen wir darauf, daß nicht unsre Welt die wahre ist? ... zunächst könnte doch die andre Welt die »scheinbare« sein (in der That haben sich die Griechen z. B. ein Schattenreich, eine Scheinexistenz neben der wahren Existenz gedacht –). Und endlich: was giebt uns ein Recht, gleichsam Grade der Realität anzusetzen? Das ist etwas Andres als eine unbekannte Welt, – das ist bereits Etwas-wissen-wollen von der unbekannten. Die »andere«, die »unbekannte« Welt – gut! aber sagen »wahre Welt« das heißt »Etwas wissen von ihr«, – das ist der Gegensatz zur Annahme einer x-Welt ...

In summa: die Welt x könnte in jedem Sinne langweiliger, unmenschlicher und unwürdiger sein als diese Welt.

Es stünde anders, wenn behauptet würde, es gebe x Welten, d. h. jede mögliche Welt noch außer dieser. Aber das ist nie behauptet worden ...

C.

Problem: warum die Vorstellung von der andern Welt immer zum Nachtheil, resp. zur Kritik »dieser« Welt ausgefallen ist, – worauf das weist? –

Nämlich: ein Volk, das auf sich stolz ist, das im Aufgange des Lebens ist, denkt das Anders-sein immer als Niedriger-, Werthloser-sein: es betrachtet die fremde, die unbekannte Welt als seinen Feind, als seinen Gegensatz, es fühlt sich ohne Neugierde, in voller Ablehnung gegen das Fremde ... Ein Volk würde nicht zugeben, daß ein anderes Volk das »wahre Volk« wäre ...

Schon daß ein solches Unterscheiden möglich ist, – daß man diese Welt für die »scheinbare« und jene für die »wahre« nimmt, ist symptomatisch.

Die Entstehungsherde der Vorstellung »andre Welt«: der Philosoph, der eine Vernunft-Welt erfindet, wo die Vernunft und die logischen Funktionen adäquat sind: – daher stammt die »wahre« Welt;

der religiöse Mensch, der eine »göttliche Welt« erfindet: – daher stammt die »entnatürlichte, widernatürliche« Welt;

der moralische Mensch, der eine »freie Welt« fingirt: – daher stammt die »gute, vollkommene, gerechte, heilige« Welt.

Das Gemeinsame der drei Entstehungsherde: der psychologische Fehlgriff, die physiologischen Verwechslungen.

Die »andre Welt«, wie sie tatsächlich in der Geschichte erscheint, mit welchen Prädikaten abgezeichnet? Mit den Stigmaten des philosophischen, des religiösen, des moralischen Vorurtheils.

Die »andre Welt«, wie sie aus diesen Thatsachen erhellt, als ein Synonym des Nicht-seins, des Nicht-lebens, des Nicht-leben-wollens ...

Gesammteinsicht: der Instinkt der Lebensmüdigkeit, und nicht der des Lebens, hat die »andre Welt« geschaffen.

Consequenz: Philosophie, Religion und Moral sind Symptome der décadence .

l) Biologischer Werth der Erkenntniß.

 

587.

Es könnte scheinen, als ob ich der Frage nach der »Gewißheit« ausgewichen sei. Das Gegentheil ist wahr: aber indem ich nach dem Kriterium der Gewißheit fragte, prüfte ich, nach welchem Schwergewichte überhaupt bisher gewogen worden ist – und daß die Frage nach der Gewißheit selbst schon eine abhängige Frage sei, eine Frage zweiten Ranges.

 

588.

Die Frage der Werthe ist fundamentaler als die Frage der Gewißheit: letztere erlangt ihren Ernst erst unter der Voraussetzung, daß die Werthfrage beantwortet ist.

Sein und Schein, psychologisch nachgerechnet, ergiebt kein »Sein an sich«, keine Kriterien für »Realität«, sondern nur für Grade der Scheinbarkeit gemessen an der Stärke des Antheils, den wir einem Schein geben.

Nicht ein Kampf um Existenz wird zwischen den Vorstellungen und Wahrnehmungen gekämpft, sondern um Herrschaft: – vernichtet wird die überwundene Vorstellung nicht, nur zurückgedrängt oder subordinirt. Es giebt im Geistigen leine Vernichtung ...

 

589.

»Zweck und Mittel«
»Ursache und Wirkung«
»Subjekt und Objekt«
»Thun und Leiden«
»Ding an sich und Erscheinung«
als Ausdeutungen ( nicht als
Thatbestand) und inwiefern
vielleicht nothwendige
Ausdeutungen? (als »erhaltende«)
alle im Sinne eines Willens
zur Macht.

590.

Unsre Werthe sind in die Dinge hineininterpretirt.

Giebt es denn einen Sinn im An-sich?!

Ist nicht notwendig Sinn eben Beziehungs-Sinn und Perspektive?

Aller Sinn ist Wille zur Macht (alle Beziehungs-Sinne lassen sich in ihn auflösen).

 

591.

Das Verlangen nach »festen Thatsachen« – Erkenntnißtheorie: wie viel Pessimismus ist darin!

 

592.

Der Antagonismus zwischen der »wahren Welt«, wie sie der Pessimismus aufdeckt, und einer lebensmöglichen Welt: – dazu muß man die Rechte der Wahrheit prüfen. Es ist nöthig, den Sinn aller dieser »idealen Triebe« am Leben zu messen, um zu begreifen, was eigentlich jener Antagonismus ist: der Kampf des krankhaften, verzweifelnden, sich an Jenseitiges klammernden Lebens mit dem gesünderen, dümmeren, verlogneren, reicheren, unzersetzteren Leben. Also nicht »Wahrheit« im Kampf mit Leben, sondern eine Art Leben mit einer anderen. – Aber es will die höhere Art sein! – Hier muß die Beweisführung einsetzen, daß eine Rangordnung noth thut, – daß das erste Problem das der Rangordnung der Arten Leben ist.

 

593.

Der Glaube »so und so ist es« zu verwandeln in den Willen »so und so soll es werden«.

m) Wissenschaft.

 

594.

Die Wissenschaft – das war bisher die Beseitigung der vollkommenen Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen, welche Alles »erklären«, – also aus dem Widerwillen des Intellekts an dem Chaos. – Dieser selbe Widerwille ergreift mich bei der Betrachtung meiner selber: die innere Welt möchte ich auch durch ein Schema mir bildlich vorstellen und über die intellektuelle Verworrenheit hinauskommen. Die Moral war eine solche Vereinfachung: sie lehrte den Menschen als erkannt, als bekannt. – Nun haben wir die Moral vernichtet – wir selber sind uns wieder völlig dunkel geworden! Ich weiß, daß ich von mir Nichts weiß. Die Physik ergiebt sich als eine Wohlthat für das Gemüth: die Wissenschaft (als der Weg zur Kenntniß) bekommt einen neuen Zauber nach der Beseitigung der Moral – und weil wir hier allein Consequenz finden, so müssen wir unser Leben darauf einrichten, sie uns zu erhalten. Dies ergiebt eine Art praktischen Nachdenkens über unsre Existenzbedingungen als Erkennenden.

 

595.

Unsere Voraussetzungen: kein Gott: kein Zweck: endliche Kraft. Wir wollen uns hüten, den Niedrigen die ihnen nöthige Denkweise auszudenken und vorzuschreiben!!

 

596.

Keine »moralische Erziehung« des Menschengeschlechts: sondern die Zwangsschule der wissenschaftlichen Irrthümer ist nöthig, weil die »Wahrheit« degoutirt und das Leben verleidet, – vorausgesetzt daß der Mensch nicht schon unentrinnbar in seine Bahn gestoßen ist und seine redliche Einsicht mit einem tragischen Stolze auf sich nimmt.

 

597.

Die Voraussetzung der wissenschaftlichen Arbeit: ein Glaube an den Verband und die Fortdauer der wissenschaftlichen Arbeit, sodaß der Einzelne an jeder noch so kleinen Stelle arbeiten darf, im Vertrauen, nicht umsonst zu arbeiten.

Es giebt Eine große Lähmung: umsonst arbeiten, umsonst kämpfen. – –

*

Die aufhäufenden Zeiten, wo Kraft, Machtmittel gefunden werden, deren sich einst die Zukunft bedienen wird: Wissenschaft als mittlere Station, an der die mittleren, vielfacheren, complicirteren Wesen ihre natürlichste Entladung und Befriedigung haben: alle Die, denen die That sich widerräth.

 

598.

Ein Philosoph erholt sich anders und mit Anderem: er erholt sich z. B. im Nihilismus. Der Glaube, daß es gar keine Wahrheit giebt, der Nihilisten-Glaube, ist ein großes Gliederstrecken für Einen, der als Kriegsmann der Erkenntniß unablässig mit lauter häßlichen Wahrheiten im Kampfe liegt. Denn die Wahrheit ist häßlich.

 

599.

Die »Sinnlosigkeit des Geschehens«: der Glaube daran ist die Folge einer Einsicht in die Falschheit der bisherigen Interpretationen, eine Verallgemeinerung der Muthlosigkeit und Schwäche, – kein nothwendiger Glaube.

Unbescheidenheit des Menschen –: wo er den Sinn nicht sieht, ihn zu leugnen!

 

600.

Unendliche Ausdeutbarkeit der Welt: jede Ausdeutung ein Symptom des Wachsthums oder des Untergehens.

Die Einheit (der Monismus) ein Bedürfniß der inertia; die Mehrheit der Deutung Zeichen der Kraft. Der Welt ihren beunruhigenden und änigmatischen Charakter nicht abstreiten wollen!

 

601.

Gegen das Versöhnen-wollen und die Friedfertigkeit. Dazu gehört auch jeder Versuch von Monismus.

 

602.

Diese perspektivische Welt, diese Welt für das Auge, Getast und Ohr ist sehr falsch, verglichen schon für einen sehr viel feineren Sinnenapparat. Aber ihre Verständlichkeit, Übersichtlichkeit, ihre Praktikabilität, ihre Schönheit beginnt aufzuhören, wenn wir unsre Sinne verfeinern: ebenso hört die Schönheit auf beim Durchdenken von Vorgängen der Geschichte; die Ordnung des Zwecks ist schon eine Illusion. Genug, je oberflächlicher und gröber zusammenfassend, umso werthvoller, bestimmter, schöner, bedeutungsvoller erscheint die Welt. Je tiefer man hineinsieht, umsomehr verschwindet unsere Wertschätzung, – die Bedeutungslosigkeit naht sich! Wir haben die Welt, welche Werth hat, geschaffen! Dies erkennend, erkennen wir auch, daß die Verehrung der Wahrheit schon die Folge einer Illusion ist – und daß man, mehr als sie, die bildende, vereinfachende, gestaltende, erdichtende Kraft zu schätzen hat.

»Alles ist falsch! Alles ist erlaubt!«

Erst bei einer gewissen Stumpfheit des Blickes, einem Willen zur Einfachheit stellt sich das Schöne, das »Werthvolle« ein: an sich ist es, ich weiß nicht was.

 

603.

Wir wissen, daß die Zerstörung einer Illusion noch keine Wahrheit ergiebt, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres »leeren Raumes«, einen Zuwachs unserer »Oede« –

 

604.

Was kann allein Erkenntniß sein? – »Auslegung«, Sinn-Hineinlegen, – nicht »Erklärung« (in den meisten Fällen eine neue Auslegung über eine alte unverständlich gewordne Auslegung, die jetzt selbst nur Zeichen ist). Es giebt keinen Thatbestand, Alles ist flüssig, unfaßbar, zurückweichend; das Dauerhafteste sind noch unsre Meinungen.

 

605.

Das Feststellen zwischen »wahr« und »unwahr«, das Feststellen überhaupt von Thatbeständen ist grundverschieden von dem schöpferischen Setzen, vom Bilden, Gestalten, Überwältigen, Wollen, wie es im Wesen der Philosophie liegt. Einen Sinn hineinlegen – diese Aufgabe bleibt unbedingt immer noch übrig, gesetzt, daß kein Sinn darin liegt. So steht es mit Tönen, aber auch mit Volks-Schicksalen: sie sind der verschiedensten Ausdeutung und Richtung zu verschiedenen Zielen fähig.

Die noch höhere Stufe ist ein Ziel setzen und daraufhin das Tatsächliche einformen: also die Ausdeutung der That, und nicht bloß die begriffliche Umdichtung.

 

606.

Der Mensch findet zuletzt in den Dingen Nichts wieder, als was er selbst in sie hineingesteckt hat: – das Wiederfinden heißt sich Wissenschaft, das Hineinstecken – Kunst, Religion. Liebe, Stolz. In Beidem, wenn es selbst Kinderspiel sein sollte, sollte man fortfahren und guten Muth zu Beidem haben – die Einen zum Wiederfinden, die Andern – wir Andern! – zum Hineinstecken!

 

607.

Die Wissenschaft: ihre zwei Seiten:

hinsichtlich des Individuums;
hinsichtlich des Cultur-Complexes (»Niveau's«);

– entgegengesetzte Werthung nach dieser und nach jener Seite.

 

608.

Die Entwicklung der Wissenschaft löst das »Bekannte« immer mehr in ein Unbekanntes auf: – sie will aber gerade das Umgekehrte und geht von dem Instinkt aus, das Unbekannte auf das Bekannte zurückzuführen.

In summa bereitet die Wissenschaft eine souveräne Unwissenheit vor, ein Gefühl, daß »Erkennen« gar nicht vorkommt, daß es eine Art Hochmuth war, davon zu träumen, mehr noch, daß wir nicht den geringsten Begriff übrig behalten, um auch nur »Erkennen« als eine Möglichkeit gelten zu lassen, – daß »Erkennen« eine widerspruchsvolle Vorstellung ist. Wir übersetzen eine uralte Mythologie und Eitelkeit des Menschen in die harte Thatsache: so wenig »Ding an sich«, so wenig ist »Erkenntniß an sich« noch erlaubt als Begriff, Die Verführung durch »Zahl und Logik«, die Verführung durch die »Gesetze«.

»Weisheit« als Versuch, über die perspektivischen Schätzungen (d. h. über den »Willen zur Macht«) hinweg zu kommen: ein lebensfeindliches und auflösendes Princip, Symptom wie bei den Indern u.s.w., Schwächung der Aneignungskraft.

 

609.

Es ist nicht genug, daß du einsiehst, in welcher Unwissenheit Mensch und Thier lebt: du mußt auch noch den Willen zur Unwissenheit haben und hinzulernen. Es ist dir nöthig, zu begreifen, daß ohne diese Art Unwissenheit das Leben selber unmöglich wäre, daß sie eine Bedingung ist, unter welcher das Lebendige allein sich erhält und gedeiht: eine große, feste Glocke von Unwissenheit muß um dich stehn.

 

610.

Wissenschaft – Umwandlung der Natur in Begriffe zum Zweck der Beherrschung der Natur – das gehört in die Rubrik » Mittel«.

Aber der Zweck und Wille des Menschen muß ebenso wachsen, die Absicht in Hinsicht auf das Ganze.

 

611.

Wir finden als das Stärkste und fortwährend Geübte auf allen Stufen des Lebens das Denken, – in jedem Percipiren und scheinbaren Erleiden auch noch! Offenbar wird es dadurch am mächtigsten und anspruchsvollsten, und auf die Dauer tyrannisirt es alle anderen Kräfte. Es wird endlich die »Leidenschaft an sich«.

 

612.

Das Recht auf den großen Affekt – für den Erkennenden wieder zurückzugewinnen! nachdem die Entselbstung und der Cultus des »Objektiven« eine falsche Rangordnung auch in dieser Sphäre geschaffen haben. Der Irrthum kam auf die Spitze, als Schopenhauer lehrte: eben im Loskommen vom Affekt, vom Willen liege der einzige Zugang zum »Wahren«, zur Erkenntniß; der willensfreie Intellekt könne gar nicht anders, als das wahre, eigentliche Wesen der Dinge sehen.

Derselbe Irrthum in arte: als ob Alles schön wäre, sobald es ohne Willen angeschaut wird.

 

613.

Wettstreit der Affekte und Überherrschaft Eines Affektes über den Intellekt.

 

614.

Die Welt »vermenschlichen«, d. h. immer mehr uns in ihr als Herren fühlen –

 

615.

Die Erkenntniß wird, bei höherer Art von Wesen, auch neue Formen haben, welche jetzt noch nicht nöthig sind.

 

616.

Daß der Werth der Welt in unserer Interpretation liegt (– daß vielleicht irgendwo noch andre Interpretationen möglich sind, als bloß menschliche –), daß die bisherigen Interpretationen perspektivische Schätzungen sind, vermöge deren wir uns im Leben, d. h. im Willen zur Macht, zum Wachsthum der Macht, erhalten, daß jede Erhöhung des Menschen die Überwindung engerer Interpretationen mit sich bringt, daß jede erreichte Verstärkung und Machterweiterung neue Perspektiven aufthut und an neue Horizonte glauben heißt – das geht durch meine Schriften. Die Welt, die uns etwas angeht, ist falsch, d. h. ist kein Thatbestand, sondern eine Ausdichtung und Rundung über einer mageren Summe von Beobachtungen; sie ist »im Flusse«, als etwas Werdendes, als eine sich immer neu verschiebende Falschheit, die sich niemals der Wahrheit nähert: denn – es giebt keine »Wahrheit«.

 

617.

Recapitulation:

Dem Werden den Charakter des Seins aufzuprägen – das ist der höchste Wille zur Macht.

Zwiefache Fälschung, von den Sinnen her und vom Geiste her, um eine Welt des Seienden zu erhalten, des Verharrenden, Gleichwertigen u. s. w.

Daß Alles wiederkehrt, ist die extremste Annäherung einer Welt des Werdens an die des Seins: – Gipfel der Betrachtung.

Von den Werthen aus, die dem Seienden beigelegt werden, stammt die Verurtheilung und Unzufriedenheit im Werdenden: nachdem eine solche Welt des Seins erst erfunden war.

Die Metamorphosen des Seienden (Körper, Gott, Ideen, Naturgesetze, Formeln u. s. w.).

»Das Seiende« als Schein: Umkehrung der Werthe: der Schein war das Werthverleihende –.

Erkenntnis; an sich im Werden unmöglich; wie ist also Erkenntniß möglich? Als Irrthum über sich selbst, als Wille zur Macht, als Wille zur Täuschung.

Werden als Erfinden, Wollen, Selbstverneinen, Sich-selbst-überwinden: kein Subjekt, sondern ein Thun, Setzen, schöpferisch, keine »Ursachen und Wirkungen«.

Kunst als Wille zur Überwindung des Werdens, als »Verewigen«, aber kurzsichtig, je nach der Perspektive: gleichsam im Kleinen die Tendenz des Ganzen wiederholend.

Was alles Leben zeigt, als verkleinerte Formel für die gesammte Tendenz zu betrachten: deshalb eine neue Fixirung des Begriffs »Leben«, als Wille zur Macht.

Anstatt »Ursache und Wirkung« der Kampf des Werdenden mit einander, oft mit Einschlürfung des Gegners; keine constante Zahl des Werdenden.

Unbrauchbarkeit der alten Ideale zur Interpretation des ganzen Geschehens, nachdem man deren thierische Herkunft und Nützlichkeit erkannt hat; alle überdies dem Leben widersprechend.

Unbrauchbarkeit der mechanistischen Theorie, – giebt den Eindruck der Sinnlosigkeit.

Der ganze Idealismus der bisherigen Menschheit ist im Begriff, in Nihilismus umzuschlagen, – in den Glauben an die absolute Werthlosigkeit, d.h. Sinnlosigkeit.

Die Vernichtung der Ideale, die neue Öde; die neuen Künste, um es auszuhalten, wir Amphibien.

Voraussetzung: Tapferkeit, Geduld, keine »Rückkehr«, keine Hitze nach vorwärts. (NB. Zarathustra, sich beständig parodisch zu allen früheren Werthen verhaltend, aus der Fülle heraus.)

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.