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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 23
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
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3. Wahrheit und Irrthum der Philosophen.

 

448.

Philosophie von Kant definirt als »Wissenschaft von den Grenzen der Vernunft«!!

 

449.

Philosophie als die Kunst, die Wahrheit zu entdecken: so nach Aristoteles. Dagegen die Epikureer, die sich die sensualistische Theorie der Erkenntniß des Aristoteles zu Nutze machten: gegen das Suchen der Wahrheit ganz ironisch und ablehnend; »Philosophie als eine Kunst des Lebens«.

 

450.

Die drei großen Naivetäten:

Erkenntniß als Mittel zum Glück (als ob ...), als Mittel zur Tugend (als ob ...),

als Mittel zur »Verneinung des Lebens«, – insofern sie ein Mittel zur Enttäuschung ist – (als ob ...)

 

451.

Daß es eine »Wahrheit« gebe, der man sich irgendwie nähern könne –!

 

452.

Der Irrthum und die Unwissenheit sind verhängnißvoll, – Die Behauptung, daß die Wahrheit da sei und daß es ein Ende habe mit der Unwissenheit und dem Irrthum, ist eine der größten Verführungen, die es giebt. Gesetzt, sie wird geglaubt, so ist damit der Wille zur Prüfung, Forschung, Vorsicht, Versuchung lahm gelegt: er kann selbst als frevelhaft, nämlich als Zweifel an der Wahrheit gelten ... Die »Wahrheit« ist folglich verhängnißvoller als der Irrthum und die Unwissenheit, weil sie die Kräfte unterbindet, mit denen an der Aufklärung und Erkenntniß gearbeitet wird. Der Affekt der Faulheit nimmt jetzt Partei für die »Wahrheit« – (»Denken ist eine Noth, ein Elend!«); insgleichen die Ordnung, die Regel, das Glück des Besitzes, der Stolz der Weisheit, – die Eitelkeit in summa: – es ist bequemer zu gehorchen, als zu prüfen; es ist schmeichelhafter, zu denken »ich habe die Wahrheit«, als um sich herum nur Dunkel zu sehn... vor Allem: es beruhigt, es giebt Vertrauen, es erleichtert das Leben, – es »verbessert« den Charakter, insofern es das Mißtrauen verringert. Der »Frieden der Seele«, die »Ruhe des Gewissens«: alles Erfindungen, die nur unter der Voraussetzung möglich sind, daß die Wahrheit da ist. – »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« ... Die »Wahrheit« ist Wahrheit, denn sie macht die Menschen besser... Der Proceß setzt sich fort: alles Gute, allen Erfolg, der »Wahrheit« auf's Conto zu setzen.

Das ist der Beweis der Kraft: das Glück, die Zufriedenheit, der Wohlstand des Gemeinwesens wie des Einzelnen werden nunmehr als Folge des Glaubens an die Moral verstanden... Die Umkehrung: der schlimme Erfolg ist aus dem Mangel an Glauben abzuleiten –.

 

453.

Die Ursachen des Irrthums liegen ebensosehr im guten Willen des Menschen als im schlechten –: er verbirgt sich in tausend Fällen die Realität, er fälscht sie, um an seinem guten oder schlechten Willen nicht zu leiden. Gott z. B. als Lenker des menschlichen Schicksals: oder die Auslegung seines kleinen Geschicks, wie als ob Alles zum Heil der Seele geschickt und ausgedacht sei, – dieser Mangel an »Philologie«, der einem feinern Intellekt als Unsauberkeit und Falschmünzerei gelten muß, wird durchschnittlich unter der Inspiration des guten Willens gemacht. Der gute Wille, die »edlen Gefühle«, die »hohen Zustände« sind in ihren Mitteln ebensolche Falschmünzer und Betrüger als die moralisch abgelehnten und egoistisch genannten Affekte Liebe, Haß, Rache,

Die Irrthümer sind Das, was die Menschheit am kostspieligsten zu bezahlen hat: und in's Große gerechnet sind es die Irrthümer des »guten Willens«, die sie am tiefsten geschädigt haben. Der Wahn, der glücklich macht, ist verderblicher als der, welcher direkt schlimmst Folgen hat: letzterer schärft, macht mißtrauisch, reinigt die Vernunft, – ersterer schläfert sie ein ...

Die schönen Gefühle, die erhabenen Wallungen gehören, physiologisch geredet, unter die narkotischen Mittel: ihr Mißbrauch hat ganz dieselbe Folge wie der Mißbrauch eines andern Opiums, – die Nervenschwäche...

 

454.

Der Irrthum ist der kostspieligste Luxus, den sich der Mensch gestatten kann: und wenn der Irrthum gar ein physiologischer Irrthum ist, dann wird er lebensgefährlich. Wofür hat folglich die Menschheit bisher am meisten gezahlt, am schlimmsten gebüßt? Für ihre »Wahrheiten«: denn dieselben waren allesammt Irrthümer in physiologicis ...

 

455.

Die psychologischen Verwechslungen: – das Verlangen nach Glauben – verwechselt mit dem »Willen zur Wahrheit« (z. B. bei Carlyle). Aber ebenso ist das Verlangen nach Unglauben verwechselt worden mit dem »Willen zur Wahrheit« (– ein Bedürfniß, loszukommen von einem Glauben, aus hundert Gründen: Recht zu bekommen gegen irgend welche »Gläubigen«). Was inspirirt die Skeptiker? Der Haß gegen die Dogmatiker – oder ein Ruhe-Bedürfniß, eine Müdigkeit, wie bei Pyrrho.

Die Vortheile, welche man von der Wahrheit erwartete, waren die Vortheile des Glaubens an sie: – an sich nämlich könnte ja die Wahrheit durchaus peinlich, schädlich, verhängnißvoll sein –. Man hat die »Wahrheit« auch nur wieder bekämpft, als man Vortheile sich vom Siege versprach, – z. B. Freiheit von den herrschenden Gewalten.

Die Methodik der Wahrheit ist nicht aus Motiven der Wahrheit gefunden worden, sondern aus Motiven der Macht, des Überlegen-sein-wollens.

Womit beweist sich die Wahrheit? Mit dem Gefühl der erhöhten Macht, – mit der Nützlichkeit, – mit der Unentbehrlichkeit, – kurz mit Vortheilen (nämlich Voraussetzungen, welcher Art die Wahrheit beschaffen sein sollte, um von uns anerkannt zu werden). Aber das ist ein Vorurtheil: ein Zeichen, daß es sich gar nicht um Wahrheit handelt ...

Was bedeutet z. B. der »Wille zur Wahrheit« bei den Goncourts? bei den Naturalisten? – Kritik der »Objektivität«.

Warum erkennen: warum nicht lieber sich täuschen? ... Was man wollte, war immer der Glaube, – und nicht die Wahrheit ... Der Glaube wird durch entgegengesetzte Mittel geschaffen als die Methodik der Forschung –: er schließt letztere selbst aus –.

 

456.

Ein gewisser Grad von Glaube genügt uns heute als Einwand gegen das Geglaubte, – noch mehr als Fragezeichen an der geistigen Gesundheit des Gläubigen.

 

457.

Märtyrer. – Alles, was auf Ehrfurcht sich gründet, bedarf, um bekämpft zu werden, seitens der Angreifenden eine gewisse verwegene, rücksichtslose, selbst schamlose Gesinnung... Erwägt man nun, daß die Menschheit seit Jahrtausenden nur Irrthümer als Wahrheiten geheiligt hat, daß sie selbst jede Kritik derselben als Zeichen der schlechten Gesinnung brandmarkte, so muß man mit Bedauern sich eingestehn, daß eine gute Anzahl Immoralitäten nöthig war, um die Initiative zum Angriff, will sagen zur Vernunft zu geben ... Daß diese Immoralisten sich selbst immer als »Märtyrer der Wahrheit« aufgespielt haben, soll ihnen verziehen sein: die Wahrheit ist, daß nicht der Trieb zur Wahrheit, sondern die Auflösung, die frevelhafte Skepsis, die Lust am Abenteuer der Trieb war, aus dem sie negirten –. Im andern Falle sind es persönliche Rancunen, die sie in's Gebiet der Probleme treiben, – sie kämpfen gegen Probleme, um gegen Personen Recht zu behalten. Vor Allem aber ist es die Rache, welche wissenschaftlich nutzbar geworden ist, – die Rache Unterdrückter, Solcher, die durch die herrschende Wahrheit bei Seite gedrängt und selbst unterdrückt waren ...

Die Wahrheit, will sagen die wissenschaftliche Methodik, ist von Solchen erfaßt und gefördert worden, die in ihr ein Werkzeug des Kampfes erriethen, – eine Waffe zur Vernichtung ... Um ihre Gegnerschaft zu Ehren zu bringen, brauchten sie im Übrigen einen Apparat nach Art Derer, die sie angriffen: – sie affichirten den Begriff »Wahrheit« ganz so unbedingt wie ihre Gegner, – sie wurden Fanatiker, zum Mindesten in der Attitüde, weil keine andre Attitüde ernst genommen wurde. Das Übrige that dann die Verfolgung, die Leidenschaft und Unsicherheit des Verfolgten, – der Haß wuchs und folglich nahm die Voraussetzung ab, um auf dem Boden der Wissenschaft zu bleiben. Sie wollten zuletzt allesammt auf eine ebenso absurde Weise Recht haben wie ihre Gegner ... Das Wort »Überzeugung«, »Glaube«, der Stolz des Märtyrerthums – das sind Alles die ungünstigsten Zustände für die Erkenntniß. Die Gegner der Wahrheit haben zuletzt die ganze subjektive Manier, um über Wahrheit zu entscheiden, nämlich mit Attitüden, Opfern, heroischen Entschließungen, von selbst wieder acceptirt, – d. h, die Herrschaft der antiwissenschaftlichen Methode verlängert. Als Märtyrer compromittirten sie ihre eigene That.

 

458.

Gefährliche Unterscheidung zwischen »theoretisch« und »praktisch« z. B. bei Kant, aber auch bei den Alten: – sie thun, als ob die reine Geistigkeit ihnen die Probleme der Erkenntniß und Metaphysik vorlege; – sie thun, als ob, wie auch die Antwort der Theorie ausfalle, die Praxis nach eigenem Werthmaaß zu beurtheilen sei.

Gegen das Erste richte ich meine Psychologie der Philosophen: ihr entfremdetster Calcul und ihre »Geistigkeit« bleiben immer nur der letzte blasseste Abdruck einer physiologischen Thatsache; es fehlt absolut die Freiwilligkeit darin, Alles ist Instinkt, Alles ist von vornherein in bestimmte Bahnen gelenkt ...

Gegen das Zweite frage ich, ob wir eine andere Methode kennen, um gut zu handeln, als: gut zu denken; Letzteres ist ein Handeln, und Ersteres setzt Denken voraus. Haben wir ein Vermögen, den Werth einer Lebensweise anderswie zu beurtheilen, als den Werth einer Theorie: durch Induktion, durch Vergleichung?... Die Naiven glauben, hier wären wir besser daran, hier wüßten wir, was »gut« ist, – die Philosophen reden's nach. Wir schließen, daß hier ein Glaube vorhanden ist, weiter Nichts ...

»Man muß handeln; folglich bedarf es einer Richtschnur« – sagten selbst die antiken Skeptiker. Die Dringlichkeit einer Entscheidung als Argument, irgend Etwas hier für wahr zu halten!...

»Man muß nicht handeln« – sagten ihre consequenteren Brüder, die Buddhisten, und ersannen eine Richtschnur, wie man sich losmache vom Handeln ...

Sich einordnen, leben wie der »gemeine Mann« lebt, für recht und gut halten was er für recht hält: das ist die Unterwerfung unter den Heerdeninstinkt. Man muß seinen Muth und seine Strenge so weit treiben, eine solche Unterwerfung wie eine Scham zu empfinden. Nicht mit zweierlei Maaß leben!... Nicht Theorie und Praxis trennen!...

 

459.

Daß Nichts von Dem wahr ist, was ehemals als wahr galt –. Was als unheilig, verboten, verächtlich, verhängnißvoll ehemals verachtet wurde –: alle diese Blumen wachsen heut am lieblichen Pfade der Wahrheit.

Diese ganze alte Moral geht uns Nichts mehr an: es ist kein Begriff darin, der noch Achtung verdiente. Wir haben sie überlebt, – wir sind nicht mehr grob und naiv genug, um in dieser Weise uns belügen lassen zu müssen ... Artiger gesagt: wir sind zu tugendhaft dazu ... Und wenn Wahrheit im alten Sinne nur deshalb »Wahrheit« war, weil die alte Moral zu ihr Ja sagte, Ja sagen durfte: so folgt daraus, daß wir auch keine Wahrheit von Ehedem mehr nöthig haben ... Unser Kriterium der Wahrheit ist durchaus nicht die Moralität: wir widerlegen eine Behauptung damit, daß wir sie als abhängig von der Moral, als inspirirt durch edle Gefühle beweisen.

 

460.

Alle diese Werthe sind empirisch und bedingt. Aber Der, der an sie glaubt, der sie verehrt, will eben diesen Charakter nicht anerkennen. Die Philosophen glauben allesammt an diese Werthe, und eine Form ihrer Verehrung war die Bemühung, aus ihnen a priori-Wahrheiten zu machen. Fälschender Charakter der Verehrung ...

Die Verehrung ist die hohe Probe der intellektuellen Rechtschaffenheit: aber es giebt in der ganzen Geschichte der Philosophie keine intellektuelle Rechtschaffenheit, – sondern die »Liebe zum Guten« ...

Der absolute Mangel an Methode, um den Werth dieser Werthe zu prüfen; zweitens: die Abneigung, diese Werthe zu prüfen, überhaupt sie bedingt zu nehmen. – Bei den Moral-Werthen kamen alle antiwissenschaftlichen Instinkte zusammen in Betracht, um hier die Wissenschaft auszuschließen ...

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