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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 22
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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2. Zur Kritik der griechischen Philosophie.

 

427.

Das Erscheinen der griechischen Philosophen von Sokrates an ist ein Symptom der décadence; die antihellenischen Instinkte kommen oben auf...

Noch ganz hellenisch ist der » Sophist« – eingerechnet Anaxagoras, Demokrit, die großen Ionier –; aber als Übergangsform. Die Polis verliert ihren Glauben an die Einzigkeit ihrer Cultur, an ihr Herren-Recht über jede andere Polis ... Man tauscht die Cultur, d. h. »die Götter« aus, – man verliert dabei den Glauben an das Allein-Vorrecht des deus autochtonus. Das Gut und Böse verschiedener Abkunft mischt sich: die Grenze zwischen Gut und Böse verwischt sich ... Das ist der »Sophist« ...

Der »Philosoph« dagegen ist die Reaktion: er will die alte Tugend. Er sieht die Gründe des Verfalls im Verfall der Institutionen, er will alte Institutionen; – er sieht den Verfall im Verfall der Autorität: er sucht nach neuen Autoritäten (Reise in's Ausland, in fremde Litteraturen, in exotische Religionen ...); – er will die ideale Polis, nachdem der Begriff »Polis« sich überlebt hatte (ungefähr wie die Juden sich als »Volk« festhielten, nachdem sie in Knechtschaft gefallen waren). Sie interessiren sich für alle Tyrannen: sie wollen die Tugend mit force majeure wiederherstellen.

Allmählich wird alles Echthellenische verantwortlich gemacht für den Verfall (und Pluto ist genau so undankbar gegen Perikles, Homer, Tragödie, Rhetorik, wie die Propheten gegen David und Saul). Der Niedergang von Griechenland wird als Einwand gegen die Grundlagen der hellenischen Cultur verstanden: Grundirrthum der Philosophen –. Schluß: die griechische Welt geht zu Grunde. Ursache: Homer, der Mythos, die antike Sittlichkeit u.s.w.

Die antihellenische Entwicklung des Philosophen-Werthurtheils: – das Ägyptische (»Leben nach dem Tode« als Gericht ...); – das Semitische (die »Würde des Weisen«, der »Scheich«); – die Pythagoreer, die unterirdischen Culte, das Schweigen, die Jenseits-Furchtmittel, die Mathematik: religiöse Schätzung, eine Art Verkehr mit dem kosmischen All; – das Priesterliche, Asketische, Transscendente; – die Dialektik, – ich denke, es ist eine abscheuliche und pedantische Begriffsklauberei schon in Plato? – Niedergang des guten geistigen Geschmacks: man empfindet das Häßliche und Klappernde aller direkten Dialektik bereits nicht mehr.

Neben einander gehen die beiden décadence-Bewegungen und Extreme: a) die üppige, liebenswürdigboshafte, prunk- und kunstliebende décadence und b) die Verdüsterung des religiös-moralischen Pathos, die stoische Selbst-Verhärtung, die platonische Sinnen-Verleumdung, die Vorbereitung des Bodens für das Christenthum.

 

428.

Wie weit die Verderbniß der Psychologen durch die Moral-Idiosynkrasie geht: – Niemand der alten Philosophen hat den Muth zur Theorie des »unfreien Willens« gehabt (d. h. zu einer die Moral negirenden Theorie); – Niemand hat den Muth gehabt, das Typische der Lust, jeder Art Lust (»Glück«) zu definiren als Gefühl der Macht: denn die Lust an der Macht galt als unmoralisch; – Niemand hat den Muth gehabt, die Tugend als eine Folge der Unmoralität (eines Machtwillens) im Dienste der Gattung (oder der Rasse oder der Polis) zu begreifen (denn der Machtwille galt als Unmoralität).

Es kommt in der ganzen Entwicklung der Moral keine Wahrheit vor: alle Begriffs-Elemente, mit denen gearbeitet wird, sind Fiktionen: alle Psychologien, an die man sich hält, sind Fälschungen: alle Formen der Logik, welche man in dies Reich der Lüge einschleppt, sind Sophismen. Was die Moral«Philosophen selbst auszeichnet, das ist die vollkommene Absenz jeder Sauberkeit, jeder Selbstzucht des Intellekts: sie halten »schöne Gefühle« für Argumente: ihr »geschwellter Busen« dünkt ihnen der Blasebalg der Gottheit ... Die Moralphilosophie ist die skabröse Periode in der Geschichte des Geistes.

Das erste große Beispiel: unter dem Namen der Moral, als Patronat der Moral ein unerhörter Unfug ausgeübt, thatsächlich eine décadence in jeder Hinsicht. Man kann nicht streng genug darauf insistieren, daß die großen griechischen Philosophen die décadence jedweder griechischen Tüchtigkeit repräsentiren und contagiös machen ... Diese gänzlich abstrakt gemachte »Tugend« war die große Verführung, sich selbst abstrakt zu machen: d. h. sich herauszulösen.

Der Augenblick ist sehr merkwürdig: die Sophisten streifen an die erste Kritik der Moral, die erste Einsicht über die Moral: – sie stellen die Mehrheit (die lokale Bedingtheit) der moralischen Werthurtheile neben einander; – sie geben zu verstehen, daß jede Moral sich dialektisch rechtfertigen lasse: d. h. sie errathen, wie alle Begründung einer Moral nothwendig sophistisch sein muß, – ein Satz, der hinterdrein im allergrößten Stil durch die antiken Philosophen von Pinto an (bis Kant) bewiesen worden ist; – sie stellen die erste Wahrheit hin, daß eine »Moral an sich«, ein »Gutes an sich« nicht existirt, daß es Schwindel ist, von »Wahrheit« auf diesem Gebiete zu reden.

Wo war nur die intellektuelle Rechtschaffenheit damals?

Die griechische Cultur der Sophisten war aus allen griechischen Instinkten herausgewachsen; sie gehört zur Cultur der Perikleischen Zeit, so nothwendig wie Plato nicht zu ihr gehört: sie hat ihre Vorgänger in Heraklit, in Demokrit, in den wissenschaftlichen Typen der alten Philosophie; sie hat in der hohen Cultur des Thulydides z. B. ihren Ausdruck. Und – sie hat schließlich Recht bekommen: jeder Fortschritt der erkenntnißtheoretischen und moralistischen Erkenntnis; hat die Sophisten restituirt ... Unsre heutige Denkweise ist in einem hohen Grade heraklitisch, demokritisch und protagoreisch ... es genügte zu sagen, daß sie protagoreisch sei: weil Protagoras die beiden Stücke Heraklit und Demokrit in sich zusammennahm.

( Plato: ein großer Cagliostro, – man denke, wie ihn Epikur beurtheilte; wie ihn Timon, der Freund Pyrrho's, beurtheilte – – Steht vielleicht die Rechtschaffenheit Plato's außer Zweifel? ... Aber wir wissen zum Mindesten, daß er als absolute Wahrheit gelehrt wissen wollte, was nicht einmal bedingt ihm als Wahrheil galt: nämlich die Sonder-Existenz und Sonder-Unsterblichkeit der »Seelen«.)

 

429.

Die Sophisten sind Nichts weiter als Realisten: sie formuliren die Allen gang und gäben Werthe und Praktiken zum Rang der Werthe, – sie haben den Muth, den alle starken Geister haben, um ihre Unmoralität zu wissen ...

Glaubt man vielleicht, daß diese kleinen griechischen Freistädte, welche sich vor Wuth und Eifersucht gern aufgefressen hätten, von menschenfreundlichen und rechtschaffenen Principien geleitet wurden? Macht man vielleicht dem Thukydides einen Vorwurf aus seiner Rede, die er den athenischen Gesandten in den Mund legt, als sie mit den Meliern über Untergang oder Unterwerfung verhandeln?

Inmitten dieser entsetzlichen Spannung von Tugend zu reden war nur vollendeten Tartüffs möglich – oder Abseits-Gestellten, Einsiedlern, Flüchtlingen und Auswanderern aus der Realität... Alles Leute, die negirten, um selber leben zu können –

Die Sophisten waren Griechen: als Sokrates und Plato die Partei der Tugend und Gerechtigkeit nahmen, waren sie Juden oder ich weiß nicht was –. Die Taktik Grote's zur Verteidigung der Sophisten ist falsch: er will sie zu Ehrenmännern und Moral-Standarten erheben, – aber ihre Ehre war, keinen Schwindel mit großen Worten und Tugenden zu treiben ...

 

430.

Die große Vernunft in aller Erziehung zur Moral war immer, daß man hier die Sicherheit eines Instinkts zu erreichen suchte: sodaß weder die gute Absicht noch die guten Mittel als solche erst in's Bewußtsein traten. So wie der Soldat exercirt, so sollte der Mensch handeln lernen. In der That gehört dieses Unbewußtsein zu jeder Art Vollkommenheit: selbst noch der Mathematiker handhabt seine Kombinationen unbewußt...

Was bedeutet nun die Reaktion des Sokrates, welcher die Dialektik als Weg zur Tugend anempfahl und sich darüber lustig machte, wenn die Moral sich nicht logisch zu rechtfertigen wußte? Aber eben das Letztere gehört zu ihrer Güte, – ohne Unbewußtheit taugt sie Nichts!

Es bedeutet exakt die Auflösung der griechischen Instinkte, als man die Beweisbarkeit als Voraussetzung der persönlichen Tüchtigkeit in der Tugend voranstellte. Es sind selbst Typen der Auflösung, alle diese großen »Tugendhaften« und Wortemacher.

In praxi bedeutet es, daß die moralischen Urtheile aus ihrer Bedingtheit, aus der sie gewachsen sind und in der allein sie Sinn haben, aus ihrem griechischen und griechisch-politischen Grund und Boden ausgerissen werden und, unter dem Anschein von Sublimirung, entnatürlicht werden. Die großen Begriffe »gut«, »gerecht« werden losgemacht von den Voraussetzungen, zu denen sie gehören, und als frei gewordne »Ideen« Gegenstände der Dialektik. Man sucht hinter ihnen eine Wahrheit, man nimmt sie als Entitäten oder als Zeichen von Entitäten: man erdichtet eine Welt, wo sie zu Hause sind, wo sie herkommen ...

In summa: der Unfug ist auf seiner Spitze bereits bei Plato ... Und nun hatte man nöthig, auch den abstrakt-vollkommenen Menschen hinzu zu erfinden: – gut, gerecht, weise, Dialektiker – kurz, die Vogelscheuche des antiken Philosophen: eine Pflanze, aus jedem Boden losgelöst; eine Menschlichkeit ohne alle bestimmten regulirenden Instinkte; eine Tugend, die sich mit Gründen »beweist«. Das vollkommen absurde »Individuum« an sich! die Unnatur höchsten Ranges ...

Kurz, die Entnatürlichung der Moralwerthe hatte zur Consequenz, einen entartenden Typus des Menschen zu schaffen, – » den Guten«, » den Glücklichen«, » den Weisen«. – Sokrates ist ein Moment der tiefsten Perversität in der Geschichte der Werthe.

 

431.

Sokrates. – Dieser Umschlag des Geschmacks zu Gunsten der Dialektik ist ein großes Fragezeichen. Was geschah eigentlich? – Sokrates, der Roturier, der ihn durchsetzte, kam mit ihm über einen vornehmeren Geschmack, den Geschmack der Vornehmen, zum Sieg: – der Pöbel kam mit der Dialektik zum Sieg. Vor Sokrates lehnte man seitens aller guten Gesellschaft die dialektische Manier ab; man glaubte, daß sie bloßstellte; man warnte die Jugend vor ihr. Wozu diese Etalage von Gründen? Wozu eigentlich beweisen? Gegen Andere hatte man die Autorität. Man befahl: das genügte. Unter sich, inter pares, hat man das Herkommen, auch eine Autorität: und, zuguterletzt, man »verstand sich«! Man fand gar keinen Platz für Dialektik. Auch mißtraute man solchem offnen Präsentiren seiner Argumente. Alle honnetten Dinge halten ihre Gründe nicht so in der Hand. Es ist etwas Unanständiges darin, alle fünf Finger zu zeigen. Was sich »beweisen« läßt, ist wenig werth. – Daß Dialektik Mißtrauen erregt, daß sie wenig überredet, das weiß übrigens der Instinkt der Redner aller Parteien. Nichts ist leichter wegzuwischen als ein Dialektiker-Effekt. Dialektik kann nur eine Nothwehr sein. Man muß in der Noth sein, man muß sein Recht zu erzwingen haben: eher macht man keinen Gebrauch von ihr. Die Juden waren deshalb Dialektiker, Reineke Fuchs war es, Sokrates war es. Man hat ein schonungsloses Werkzeug in der Hand. Man kann mit ihr tyrannisiren. Man stellt bloß, indem man siegt. Man überläßt seinem Opfer den Nachweis, kein Idiot zu sein. Man macht wüthend und hülflos, während man selber kalte, triumphirende Vernünftigkeit bleibt, – man depotenzirt die Intelligenz seines Gegners. – Die Ironie des Dialektikers ist eine Form der Pöbel-Rache: die Unterdrückten haben ihre Ferocität in den kalten Messerstichen des Syllogismus ...

Bei Plato, als bei einem Menschen der überreizbaren Sinnlichkeit und Schwärmerei, ist der Zauber des Begriffs so groß gewesen, daß er unwillkürlich den Begriff als eine Idealform verehrte und vergötterte. Dialektik-Trunkenheit: als das Bewußtsein, mit ihr eine Herrschaft über sich auszuüben – – als Werkzeug des Machtwillens.

 

432.

Das Problem des Sokrates. – Die beiden Gegensätze: die tragische Gesinnung, die sokratisch Gesinnung, – gemessen an dem Gesetz des Lebens.

Inwiefern die sokratische Gesinnung ein Phänomen der décadence ist: inwiefern aber noch eine starke Gesundheit und Kraft im ganzen Habitus, in der Dialektik und Tüchtigkeit, Straffheit des wissenschaftlichen Menschen sich zeigt (– die Gesundheit des Plebejers; dessen Bosheit, esprit frondeur, dessen Scharfsinn, dessen Canaille au fond, im Zaum gehalten durch die Klugheit; »häßlich«).

Verhäßlichung: die Selbstverhöhnung, die dialektische Dürre, die Klugheit als Tyrann gegen den »Tyrannen« (den Instinkt). Es ist Alles übertrieben, excentrisch, Caricatur an Sokrates, ein buffo mit den Instinkten Voltaire's im Leibe. Er entdeckt eine neue Art Agon; er ist der erste Fechtmeister in den vornehmen Kreisen Athens; er vertritt Nichts als die höchste Klugheit: er nennt sie »Tugend« (– er errieth sie als Rettung: es stand ihm nicht frei, klug zu sein, es war de rigueur); sich in Gewalt haben, um mit Gründen und nicht mit Affekten in den Kampf zu treten (– die List des Spinoza, – das Aufdröseln der Affekt-Irrthümer); – entdecken, wie man Jeden fängt, den man in Affekt bringt, entdecken, daß der Affekt unlogisch procedirt; Übung in der Selbstverspottung, um das Rancune-Gefühl in der Wurzel zu schädigen.

Ich suche zu begreifen, aus welchen partiellen und idiosynkiatischen Zuständen das sokratische Problem ableitbar ist: seine Gleichsetzung von Vernunft = Tugend = Glück. Mit diesem Absurdum von Identitätslehre hat er bezaubert: die antike Philosophie kam nicht wieder davon los ...

Absoluter Mangel an objektivem Interesse: Haß gegen die Wissenschaft: Idiosynkrasie, sich selbst als Problem zu fühlen. Akustische Hallucinationen bei Sokrates: morbides Element. Mit Moral sich abgeben widersteht am meisten, wo der Geist reich und unabhängig ist. Wie kommt es, daß Sokrates Moral-Monoman ist? – Alle »praktische« Philosophie tritt in Nothlagen sofort in den Vordergrund. Moral und Religion als Hauptinteressen sind Nothstands-Zeichen.

 

433.

– Die Klugheit, Helle, Härte und Logicität als Waffe wider die Wildheit der Triebe. Letztere müssen gefährlich und untergangdrohend sein: sonst hat es keinen Sinn, die Klugheit bis zu dieser Tyrannei auszubilden. Aus der Klugheit einen Tyrannen machen: – aber dazu müssen die Triebe Tyrannen sein. Dies das Problem. – Es war sehr zeitgemäß damals. Vernunft wurde = Tugend = Glück.

Lösung: Die griechischen Philosophen stehen auf der gleichen Grundthatsache ihrer inneren Erfahrungen wie Sokrates: fünf Schritt weit vom Exceß, von der Anarchie, von der Ausschweifung, – alles décadence-Menschen, Sie empfinden ihn als Arzt: Logik als Wille zur Macht, zur Selbstherrschaft, zum »Glück«. Die Wildheit und Anarchie der Instinkte bei Sokrates ist ein décadence-Symptom. Die Superfötation der Logik und der Vernunft-Helligkeit insgleichen. Beide sind Abnormitäten, Beide gehören zu einander.

Kritik. Die décadence verräth sich in dieser Praeokkuppation des »Glücks« (d. h. des »Heils der Seele«, d. h. seinen Zustand als Gefahr empfinden). Ihr Fanatismus des Interesses für »Glück« zeigt die Pathologie des Untergrundes: es war ein Lebensinteresse, Vernünftig sein oder zu Grunde gehn war die Alternative, vor der sie Alle standen. Der Moralismus der griechischen Philosophen zeigt, daß sie sich in Gefahr fühlten ...

 

434.

Warum Alles auf Schauspielerei hinauskam. – Die rudimentäre Psychologie, welche nur die bewußten Momente des Menschen rechnete (als Ursachen), welche »Bewußtheit« als Attribut der Seele nahm, welche einen Willen (d. h. eine Absicht) hinter allem Thun suchte: sie hatte nur nöthig, auf die Frage, erstens: Was will der Mensch? zu antworten: Das Glück (man durfte nicht sagen »Macht«: das wäre unmoralisch gewesen); – folglich ist in allem Handeln des Menschen eine Absicht, mit ihm das Glück zu erreichen. Zweitens: wenn thatsächlich der Mensch das Glück nicht erreicht, woran liegt das? An den Fehlgriffen in Bezug auf die Mittel. – Welches ist unfehlbar das Mittel zum Glück? Antwort: die Tugend. – Warum die Tugend? – Weil sie die höchste Vernünftigkeit ist und weil Vernünftigkeit den Fehler unmöglich macht, sich in den Mitteln zu vergreifen: als Vernunft ist die Tugend der Weg zum Glück. Die Dialektik ist das beständige Handwerk der Tugend, weil sie alle Trübung des Intellekts, alle Affekte ausschließt.

Thatsächlich will der Mensch nicht das »Glück«. Lust ist ein Gefühl von Macht: wenn man die Affekte ausschließt, so schließt man die Zustände aus, die am höchsten das Gefühl der Macht, folglich Lust geben. Die höchste Vernünftigkeit ist ein kalter, klarer Zustand, der fern davon ist, jenes Gefühl von Glück zu geben, das der Rausch jeder Art mit sich bringt ...

Die antiken Philosophen bekämpfen Alles, was berauscht, – was die absolute Kälte und Neutralität des Bewußtseins beeinträchtigt ... Sie waren consequent, auf Grund ihrer falschen Voraussetzung: daß Bewußtsein der hohe, der oberste Zustand sei, die Voraussetzung der Vollkommenheit, – während das Gegentheil wahr ist– – –

Soweit gewollt wird, soweit gewußt wird, giebt es keine Vollkommenheit im Thun irgendwelcher Art. Die antiken Philosophen waren die größten Stümper der Praxis, weil sie sich theoretisch verurtheilten, zur Stümperei ... In praxi lief Alles auf Schauspielerei hinaus: – und wer dahinter kam, Pyrrho z. B., urtheilte wie Jedermann, nämlich daß in der Güte und Rechtschaffenheit die »kleinen Leute« den Philosophen weit über sind.

Alle tieferen Naturen des Alterthums haben Ekel an den Philosophen der Tugend gehabt: man sah Streithammel und Schauspieler in ihnen. (Urtheil über Plato: seitens Epikur's, seitens Pyrrho's).

Resultat: In der Praxis des Lebens, in der Geduld, Güte und gegenseitigen Förderung sind ihnen die kleinen Leute über: – ungefähr das Urtheil, wie es Dostoiewsky oder Tolstoi für seine Muschiks in Anspruch nimmt: sie sind philosophischer in der Praxis, sie haben eine beherztere Art, mit dem Nothwendigen fertig zu werden ...

 

435.

Zur Kritik des Philosophen. – Es ist ein Selbstbetrug der Philosophen und Moralisten, damit aus der décadence herauszutreten, daß sie gegen dieselbe ankämpfen. Das steht außerhalb ihres Willens, und, so wenig sie es anerkennen, später entdeckt man, wie sie zu den kräftigsten Förderern der décadence gehört haben.

Nehmen wir die Philosophen Griechenlands, z. B. Plato. Er löste die Instinkte ab von der Polis, vom Wettkampf, von der militärischen Tüchtigkeit, von der Kunst und Schönheit, von den Mysterien, von dem Glauben an Tradition und Großväter ... Er war der Verführer der nobles: er selbst verführt durch den roturier Sokrates ... Er negirte alle Voraussetzungen des »vornehmen Griechen« von Schrot und Korn, nahm Dialektik in die Alltags-Praxis auf, conspirirte mit den Tyrannen, trieb Zukunftspolitik und gab das Beispiel der vollkommensten Instinkt-Ablösung vom Alten. Er ist tief, leidenschaftlich in allem Antihellenischen ...

Sie stellen der Reihe nach die typischen décadence-Formen dar, diese großen Philosophen: die moralisch-religiöse Idiosynkrasie, den Anarchismus, den Nihilismus άδιάφορία, den Cynismus, die Verhärtung, den Hedonismus, den Reaktionismus.

Die Frage vom »Glück«, von der »Tugend«, vom »Heil der Seele« ist der Ausdruck der physiologischen Widersprüchlichkeit in diesen Niedergangsnaturen: es fehlt in den Instinkten das Schwergewicht, das Wohin.

 

436.

Inwiefern die Dialektik und der Glaube an die Vernunft noch auf moralischen Vorurtheilen ruht. Bei Plato sind wir als einstmalige Bewohner einer intelligiblen Welt des Guten noch im Besitz eines Vermächtnisses jener Zeit: die göttliche Dialektik, als aus dem Guten stammend, führt zu allem Guten (– also gleichsam »zurück« –), Auch Descartes hatte einen Begriff davon, daß in einer christlich-moralischen Grunddenkweise, welche an einen guten Gott als Schöpfer der Dinge glaubt, die Wahrhaftigkeit Gottes erst uns unsre Sinnesurtheile verbürgt. Abseits von einer religiösen Sanktion und Verbürgung unsrer Sinne und Vernünftigkeit – woher sollten wir ein Recht auf Vertrauen gegen das Dasein haben! Daß das Denken gar ein Maaß des Wirklichen sei, – daß was nicht gedacht werden kann, nicht ist, – ist ein plumpes non plus ultra einer moralistischen Vertrauensseligkeit (auf ein essentielles Wahrheits-Princip im Grund der Dinge), an sich eine tolle Behauptung, der unsre Erfahrung in jedem Augenblicke widerspricht. Wir können gerade gar nichts denken, inwiefern es ist ...

 

437.

Die eigentlichen Philosophen der Griechen sind die vor Sokrates (– mit Sokrates verändert sich Etwas). Das sind alles vornehme Personnagen, abseits sich stellend von Volk und Sitte, gereift, ernst bis zur Düsterkeit, mit langsamem Auge, den Staatsgeschäften und der Diplomatie nicht fremd. Sie nehmen den Weisen alle großen Conceptionen der Dinge vorweg: sie stellen sie selber dar, sie bringen sich in System. Nichts giebt einen höheren Begriff vom griechischen Geist, als diese plötzliche Fruchtbarkeit an Typen, als diese ungewollte Vollständigkeit in der Aufstellung der großen Möglichkeiten des philosophischen Ideals. – Ich sehe nur noch Eine originale Figur in dem Kommenden: einen Spätling, aber nothwendig den letzten, – den Nihilisten Pyrrho: – er hat den Instinkt gegen alles Das, was inzwischen obenauf gekommen war, die Sokratiker, Plato, den Artisten «Optimismus Heraklit's. (Pyrrho greift über Protagoras zu Demokrit zurück ...)

*

Die weise Müdigkeit: Pyrrho. Unter den Niedrigen leben, niedrig. Kein Stolz. Auf die gemeine Art leben; ehren und glauben, was Alle glauben. Auf der Hut gegen Wissenschaft und Geist, auch Alles, was bläht ... Einfach: unbeschreiblich geduldig, unbekümmert, mild. άπάδεια, mehr noch πραύτης Ein Buddhist für Griechenland, zwischen dem Tumult der Schulen aufgewachsen; spät gekommen; ermüdet; der Protest des Müden gegen den Eifer der Dialektiker; der Unglaube des Müden an die Wichtigkeit aller Dinge. Er hat Alexander gesehn, er hat die indischen Büßer gesehn. Auf solche Späte und Raffinirte wirkt alles Niedrige, alles Arme, alles Idiotische selbst verführerisch. Das narkotisirt: das macht ausstrecken (Pascal), Sie empfinden andrerseits, mitten im Gewimmel und verwechselt mit Jedermann, ein wenig Wärme: sie haben Wärme nöthig, diese Müden ... Den Widerspruch überwinden; kein Wettkampf; kein Wille zur Auszeichnung: die griechischen Instinkte verneinen. (Pyrrho lebte mit seiner Schwester zusammen, die Hebamme war.) Die Weisheit verkleiden, daß sie nicht mehr auszeichnet; ihr einen Mantel von Armuth und Lumpen geben; die niedrigsten Verrichtungen thun: auf den Markt gehn und Milchschweine verkaufen ... Süßigkeit; Helle; Gleichgültigkeit; keine Tugenden, die Gebärden brauchen: sich auch in der Tugend gleichsetzen: letzte Selbstüberwindung, letzte Gleichgültigkeit.

Pyrrho, gleich Epikur, zwei Formen der griechischen décadence: verwandt, im Haß gegen die Dialektik und gegen alle schauspielerischen Tugenden – Beides zusammen hieß damals Philosophie –; absichtlich Das, was sie lieben, niedrig achtend; die gewöhnlichen, selbst verachteten Namen dafür wählend; einen Zustand darstellend, wo man weder krank, noch gesund, noch lebendig, noch todt ist ... Epikur naiver, idyllischer, dankbarer; Pyrrho gereifter, verlebter, nihilistischer ... Sein Leben war ein Protest gegen die große Identitätslehre (Glück – Tugend – Erkenntniß). Das rechte Leben fördert man nicht durch Wissenschaft: Weisheit macht nicht »weise« ... Das rechte Leben will nicht Glück, sieht ab von Glück ...

 

438.

Der Kampf gegen den »alten Glauben«, wie ihn Epikur unternahm, war, im strengen Sinne, der Kampf gegen das präexistente Christenthum, – der Kampf gegen die bereits verdüsterte, vermoralisirte, mit Schuldgefühlen durchsäuerte, alt und trank gewordene alte Welt.

Nicht die »Sittenverderbniß« des Alterthums, sondern gerade seine Vermoralisirung ist die Voraussetzung, unter der allein das Christenthum über dasselbe Herr werden konnte. Der Moral-Fanatismus (kurz: Plato) hat das Heidenthum zerstört, indem er seine Werthe umwerthete und seiner Unschuld Gift zu trinken gab. – Wir sollten endlich begreifen, daß, was da zerstört wurde, das Höhere war, im Vergleich mit Dem, was Herr wurde! – Das Christenthum ist aus der psychologischen Verderbnis; gewachsen, hat nur auf verderbtem Boden Wurzel gefaßt.

 

439.

Wissenschaftlichkeit: als Dressur oder als Instinkt. – Bei den griechischen Philosophen sehe ich einen Niedergang der Instinkte: sonst hätten sie nicht dermaaßen fehlgreifen können, den bewußten Zustand als den werthvolleren anzusetzen. Die Intensität des Bewußtseins steht im umgekehrten Verhältniß zur Leichtigkeit und Schnelligkeit der cerebralen Übermittelung. Dort regierte die umgekehrte Meinung über den Instinkt: was immer das Zeichen geschwächter Instinkte ist.

Wir müssen in der That das vollkommene Leben dort suchen, wo es am wenigsten mehr bewußt wird (d. h. seine Logik, seine Gründe, seine Mittel und Absichten, seine Nützlichkeit sich vorführt). Die Rückkehr zur Thatsache des bon sens, des bon homme, der »kleinen Leute« aller Art. Einmagazinirte Rechtschaffenheit und Klugheit seit Geschlechtern, die sich niemals ihrer Principien bewußt wird und selbst einen kleinen Schauder vor Principien hat. Das Verlangen nach einer raisonnierenden Tugend ist nicht raisonnabel ... Ein Philosoph ist mit einem solchen Verlangen compromittirt.

 

440.

Wenn durch Übung in einer ganzen Reihe von Geschlechtern die Moral gleichsam einmagazinirt worden ist – also die Feinheit, die Vorsicht, die Tapferkeit, die Billigkeit –, so strahlt die Gesammtkraft dieser aufgehäuften Tugend selbst noch in die Sphäre aus, wo die Rechtschaffenheit am seltensten, in die geistige Sphäre. In allem Bewußtwerden drückt sich ein Unbehagen des Organismus aus; es soll etwas Neues versucht werden, es ist Nichts genügend zurecht dafür, es giebt Mühsal, Spannung, Überreiz, – das Alles ist eben Bewußtwerden ... Das Genie sitzt im Instinkt, die Güte ebenfalls. Man handelt nur vollkommen, sofern man instinktiv handelt. Auch moralisch betrachtet ist alles Denken, das bewußt verläuft, eine bloße Tentative, zumeist das Widerspiel der Moral. Die wissenschaftliche Rechtschaffenheit ist immer ausgehängt, wenn der Denker anfängt zu raisonniren: man mache die Probe, man lege die Weisesten auf die Goldwage, indem man sie Moral reden macht ...

Das läßt sich beweisen, daß alles Denken, das bewußt verläuft, auch einen viel niedrigeren Grad von Moralität darstellen wird, als das Denken desselben, sofern es von seinen Instinkten geführt wird,

 

441.

Der Kampf gegen Sokrates, Plato, die sämmtlichen sokratischen Schulen geht von dem tiefen Instinkt aus, daß man den Menschen nicht besser macht, wenn man ihm die Tugend als beweisbar, als gründefordernd darstellt ... Zuletzt ist es die mesquine Thatsache, daß der agonale Instinkt alle diese gebornen Dialektiker dazu zwang, ihre Personal-Fähigkeit als oberste Eigenschaft zu verherrlichen und alles übrige Gute als bedingt durch sie darzustellen. Der antiwissenschaftliche Geist dieser ganzen »Philosophie«: sie will Recht behalten.

 

442.

Das ist außerordentlich. Wir finden von Anfang der griechischen Philosophie an einen Kampf gegen die Wissenschaft, mit den Mitteln einer Erkenntnißtheorie, resp. Skepsis: und wozu? Immer zu Gunsten der Moral ... (Der Haß gegen die Physiker und Ärzte.) Sokrates, Aristipp, die Megariker, die Cyniker, Epikur, Pyrrho – General-Ansturm gegen die Erkenntniß zu Gunsten der Moral ... (Haß auch gegen die Dialektik.) Es bleibt ein Problem: sie nähern sich der Sophistik, um die Wissenschaft loszuwerden. Andererseits sind die Physiker alle so weit unterjocht, um das Schema der Wahrheit, des wahren Seins in ihre Fundamente aufzunehmen: z. B. das Atom, die vier Elemente ( Juxta-Position des Seienden, um die Vielheit und Veränderung zu erklären –). Verachtung gelehrt gegen die Objektivität des Interesses: Rückkehr zu dem praktischen Interesse, zur Personal-Nützlichkeit aller Erkenntniß ...

Der Kampf gegen die Wissenschaft richtet sich gegen 1) deren Pathos (Objektivität), 2) deren Mittel (d. h. gegen deren Nützlichkeit), 3) deren Resultate (als kindisch).

Es ist derselbe Kampf, der später wieder von Seiten der Kirche, im Namen der Frömmigkeit, geführt wird: sie erbt das ganze antike Rüstzeug zum Kampfe. Die Erkenntnißtheorie spielt dabei dieselbe Rolle wie bei Kant, wie bei den Indern ... Man will sich nicht darum zu bekümmern haben: man will freie Hand behalten für seinen »Weg«.

Wogegen wehren sie sich eigentlich? Gegen die Verbindlichkeit, gegen die Gesetzlichkeit, gegen die Nöthigung Hand in Hand zu gehn –: ich glaube, man nennt das Freiheit ...

Darin drückt sich die décadence aus: der Instinkt der Solidarität ist so entartet, daß die Solidarität als Tyrannei empfunden wird: sie wollen keine Autorität, keine Solidarität, keine Einordnung in Reih und Glied zu unedler Langsamkeit der Bewegung. Sie hassen das Schrittweise, das Tempo der Wissenschaft, sie hassen das Nicht-anlangen-wollen, den langen Athem, die Personal-Indifferenz des wissenschaftlichen Menschen.

 

443.

Im Grunde ist die Moral gegen die Wissenschaft feindlich gesinnt: schon Sokrates war dies – und zwar deshalb, weil die Wissenschaft Dinge als wichtig nimmt, welche mit »gut« und »böse« Nichts zu schaffen haben, folglich dem Gefühl für »gut« und »böse« Gewicht nehmen. Die Moral nämlich will, daß ihr der ganze Mensch und seine gesamte Kraft zu Diensten sei: sie hält es für die Verschwendung eines Solchen, der zum Verschwenden nicht reich genug ist, wenn der Mensch sich ernstlich um Pflanzen und Sterne kümmert. Deshalb gieng in Griechenland, als Sokrates die Krankheit des Moralisirens in die Wissenschaft eingeschleppt hatte, es geschwinde mit der Wissenschaftlichkeit abwärts; eine Höhe, wie die in der Gesinnung eines Demokrit, Hippokrates und Thukydides, ist nicht zum zweiten Male erreicht worden.

 

444.

Problem des Philosophen und des wissenschaftlichen Menschen. – Einfluß des Alters; depressive Gewohnheiten (Stubenhocken à la Kant; Überarbeitung; unzureichende Ernährung des Gehirns; Lesen). Wesentlicher: ob nicht ein décadence-Symptom schon in der Richtung aus solche Allgemeinheit gegeben ist; Objektivität als Willens-Disgregation (– so fern bleiben können ...). Dies setzt eine große Adiaphorie gegen die starken Triebe voraus: eine Art Isolation, Ausnahmestellung, Widerstand gegen die Normal-Triebe.

Typus: die Loslösung von der Heimat; in immer weitere Kreise; der wachsende Exotismus; das Stummwerden der alten Imperative – –; gar dieses beständige Fragen »wohin?« (»Glück«) ist ein Zeichen der Herauslösung aus Organisationsformen, Herausbruch.

Problem: ob der wissenschaftliche Mensch eher noch ein décadence-Symptom ist, als der Philosoph: – er ist als Ganzes nicht losgelöst, nur ein Theil von ihm ist absolut der Erkenntnis geweiht, dressirt für eine Ecke und Optik –, er hat hier alle Tugenden einer starken Rasse und Gesundheit nöthig, große Strenge, Männlichkeit, Klugheit. Er ist mehr ein Symptom hoher Vielfachheit der Cultur, als von deren Müdigkeit. Der décadence-Gelehrte ist ein schlechter Gelehrter. Während der décadence-Philosoph, bisher wenigstens, als der typische Philosoph galt.

 

445.

Nichts ist seltner unter den Philosophen als intellektuelle Rechtschaffenheit: vielleicht sagen sie das Gegentheil, vielleicht glauben sie es selbst. Aber ihr ganzes Handwerk bringt es mit sich, daß sie nur gewisse Wahrheiten zulassen; sie wissen, was sie beweisen müssen, sie erkennen sich beinahe daran als Philosophen, daß sie über diese »Wahrheiten« einig sind. Da sind z. B. die moralischen Wahrheiten. Aber der Glaube an Moral ist noch kein Beweis von Moralität: es giebt Fälle – und der Fall der Philosophen gehört hierher–, wo ein solcher Glaube einfach eine Unmoralität ist.

 

446.

Was ist denn am Philosophen rückständig? – Daß er seine Qualitäten als nothwendige und einzige Qualitäten lehrt, um zum »höchsten Gut« zu gelangen (z. B. Dialektik, wie Plato). Daß er alle Arten Mensch gradatim aufsteigen läßt zu seinem Typus als dem höchsten. Daß er geringschätzt, was sonst geschätzt wird, – daß er eine Kluft aufreißt zwischen den obersten priesterlichen Werthen und den weltlichen. Daß er weiß, was wahr ist, was Gott ist, was das Ziel ist, was der Weg ist ... Der typische Philosoph ist hier absolut Dogmatiker; – wenn er Skepsis nöthig hat, so ist es, um von seiner Hauptsache dogmatisch reden zu dürfen,

 

447.

Der Philosoph gegen die Rivalen, z. B. gegen die Wissenschaft: da wird er Skeptiker; da behält er sich eine Form der Erkenntniß vor, die er dem wissenschaftlichen Menschen abstreitet; da geht er mit dem Priester Hand in Hand, um nicht den Verdacht des Atheismus, Materialismus zu erregen; er betrachtet einen Angriff auf sich als einen Angriff auf die Moral, die Tugend, die Religion, die Ordnung, – er weiß seine Gegner als »Verführer« und »Unterminirer« in Verruf zu bringen: da geht er mit der Macht Hand in Hand.

Der Philosoph im Kampf mit andern Philosophen: – er sucht sie dahin zu drängen, als Anarchisten, Ungläubige, Gegner der Autorität zu erscheinen. In summa: soweit er kämpft, kämpft er ganz wie ein Priester, wie eine Priesterschaft.

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