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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 21
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
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III. Kritik der Philosophie.

1. Allgemeine Betrachtungen.

 

406.

Thun wir einigen Aberglauben von uns ab, der in Bezug auf Philosophen bisher gang und gäbe war!

 

407.

Die Philosophen sind eingenommen gegen den Schein, den Wechsel, den Schmerz, den Tod, das Körperliche, die Sinne, das Schicksal und die Unfreiheit, das Zwecklose.

Sie glauben erstens an: die absolute Erkenntniß, 2) an die Erkenntniß um der Erkenntniß willen, 3) an die Tugend und Glück im Bunde, 4) an die Erkennbarkeit der menschlichen Handlungen. Sie sind von instinktiven Werthbestimmungen geleitet, in denen sich frühere Culturzustände spiegeln (gefährlichere).

 

408.

Was fehlte den Philosophen? 1) historischer Sinn, 2) Kenntniß der Physiologie, 3) ein Ziel gegen die Zukunft hin. – Eine Kritik zu machen, ohne alle Ironie und moralische Verurtheilung.

 

409.

Die Philosophen hatten 1) von jeher das wunderbare Vermögen zur controdictio in adjecto; 2) sie trauten den Begriffen ebenso unbedingt, als sie den Sinnen mißtrauten: sie erwogen nicht, daß Begriffe und Worte unser Erbgut aus Zeiten sind, wo es in den Köpfen sehr dunkel und anspruchslos zugieng.

Was am letzten den Philosophen aufdämmert: sie müssen sich die Begriffe nicht mehr nur schenken lassen, nicht nur sie reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen und zu ihnen überreden. Bisher vertraute man im Ganzen seinen Begriffen, wie als einer wunderbaren Mitgift aus irgendwelcher Wunder-Welt: aber es waren zuletzt die Erbschaften unsrer fernsten, ebenso dümmsten als gescheidtesten Vorfahren. Es gehört diese Pietät gegen Das, was sich in uns vorfindet, vielleicht zu dem moralischen Element im Erkennen. Zunächst thut die absolute Skepsis gegen alle überlieferten Begriffe noth (wie sie vielleicht schon einmal Ein Philosoph besessen hat – Plato natürlich –, denn er hat das Gegentheil gelehrt).

 

410.

Gegen die erkenntnißtheoretischen Dogmen tief mißtrauisch, liebte ich es, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster zu blicken, hütete mich, mich darin festzusetzen, hielt sie für schädlich, – und zuletzt: ist es wahrscheinlich, daß ein Werkzeug seine eigene Tauglichkeit kritisiren kann?? – Worauf ich Acht gab, war vielmehr, daß niemals eine erkenntnißtheoretische Skepsis oder Dogmatik ohne Hintergedanken entstanden ist, – daß sie einen Werth zweiten Ranges hat, sobald man erwägt, was im Grunde zu dieser Stellung zwang.

Grundeinsicht: sowohl Kant als Hegel, als Schopenhauer – sowohl die skeptisch-epochistische Haltung, als die historisirende, als die pessimistische – sind moralischen Ursprungs. Ich sah Niemanden, der eine Kritik der moralischen Werthgefühle gewagt hätte: und den spärlichen Versuchen, zu einer Gutstehungsgeschichte dieser Gefühle zu kommen (wie bei den englischen und deutschen Darwinisten) wandte ich bald den Rücken.

Wie erklärt sich Spinoza's Stellung, seine Verneinung und Ablehnung der moralischen Werthurtheile? (Es war eine Consequenz seiner Theodicee!)

 

411.

Moral als höchste Abwerthung.– Entweder ist unsre Welt das Werk und der Ausdruck (der modus) Gottes: dann muß sie höchst vollkommensein (Schluß Leibnizens...) – und man zweifelte nicht, was zur Vollkommenheit gehöre, zu wissen –, dann kann das Böse, das Übel nur scheinbar sein ( radikaler bei Spinoza die Begriffe Gut und Böse) oder muß aus dem höchsten Zweck Gottes abgeleitet sein (– etwa als Folge einer besonderen Gunsterweisung Gottes, der zwischen Gut und Böse zu wählen erlaubt: das Privilegium, lein Automat zu sein; »Freiheit« auf die Gefahr hin, sich zu vergreifen, falsch zu wählen... z. B. bei Simplicius im Commentar zu Epiktet).

Oder unsere Welt ist unvollkommen, das Übel und die Schuld sind real, sind determinirt, sind absolut ihrem Wesen inhärent, dann kann sie nicht die wahre Welt sein: dann ist Erkenntniß eben nur der Weg, sie zu verneinen, dann ist sie eine Verirrung, welche als Verirrung erkannt werden kann. Dies die Meinung Schopenhauer's auf Grund Kantischer Voraussetzungen. Noch desperater Pascal: er begriff, daß dann auch die Erkenntniß corrupt, gefälscht sein müsse, – daß Offenbarung noth thue, um die Welt auch nur als verneinenswerth zu begreifen...

 

412.

Aus der Gewöhnung an unbedingte Autoritäten ist zuletzt ein tiefes Bedürfniß nach unbedingten Autoritäten entstanden: – so stark, daß es selbst in einem kritischen Zeitalter, wie dem Kant's, dem Bedürfniß nach Kritik sich als überlegen bewies und, in einem gewissen Sinne, die ganze Arbeit des kritischen Verstandes sich unterthänig und zu Nutze zu machen wußte. – Es bewies in der darauf folgenden Generation, welche durch ihre historischen Instinkte nothwendig auf das Relative jeder Autorität hingelenkt wurde, noch Ein Mal seine Überlegenheit, als es auch die Hegel'sche Entwicklungs-Philosophie, die in Philosophie umgetaufte Historie, selbst sich dienstbar machte und die Geschichte als die fortschreitende Selbstoffenbarung, Selbstüberbietung der moralischen Ideen hinstellte. Seit Plato ist die Philosophie unter der Herrschaft der Moral. Auch bei seinen Vorgängern spielen moralische Interpretationen entscheidend hinein (bei Anaximander das Zu-Grunde-gehn aller Dinge als Strafe für ihre Emancipation vom reinen Sein; bei Heraklit die Regelmäßigkeit der Erscheinungen als Zeugniß für den sittlich-rechtlichen Charakter des gesammten Werdens).

 

413.

Durch moralische Hinterabsichten ist der Gang der Philosophie bisher am meisten aufgehalten worden.

 

414.

Man hat zu allen Zeiten die »schönen Gefühle« für Argumente genommen, den »gehobenen Busen« für den Blasebalg der Gottheit, die Überzeugung als »Kriterium der Wahrheit«, das Bedürfnis des Gegners als Fragezeichen zur Weisheit: diese Falschheit, Falschmünzerei geht durch die ganze Geschichte der Philosophie. Die achtbaren, aber nur spärlichen Skeptiker abgerechnet, zeigt sich nirgends ein Instinkt von intellektueller Rechtschaffenheit. Zuletzt hat noch Kant in aller Unschuld diese Denker-Corruption mit dem Begriff »praktische Vernunft« zu verwissenschaftlichen gesucht: er erfand eigens eine Vernunft dafür, in welchen Fällen man sich nicht um die Vernunft zu kümmern brauche: nämlich wenn das Bedürfniß des Herzens, wenn die Moral, wenn die »Pflicht« redet.

 

415.

Hegel: seine populäre Seite die Lehre vom Krieg und den großen Männern. Das Recht ist bei dem Siegreichen: er stellt den Fortschritt der Menschheit dar. Versuch, die Herrschaft der Moral aus der Geschichte zu beweisen.

Kant: ein Reich der moralischen Werthe, uns entzogen, unsichtbar, wirklich.

Hegel: eine nachweisbare Entwicklung, Sichtbarwerdung des moralischen Reiches.

Wir wollen uns weder auf die Kantische noch Hegel'sche Manier betrügen lassen: – wir glauben nicht mehr, wie sie, an die Moral und haben folglich auch keine Philosophien zu gründen, damit die Moral Recht behalte. Sowohl der Kriticismus als der Historicismus hat für uns nicht darin seinen Reiz: – nun, welchen hat er denn? –

 

416.

Die Bedeutung der deutschen Philosophie (Hegel): einen Pantheismus auszudenken, bei dem das Böse, der Irrthum und das Leid nicht als Argumente gegen Göttlichkeit empfunden werden. Diese grandiose Initiative ist mißbraucht worden von den vorhandenen Machten (Staat u. f. w.), als sei damit die Vernünftigkeit des gerade Herrschenden sanktionirt. Schopenhauer erscheint dagegen als hartnäckiger Moral-Mensch, welcher endlich, um mit seiner moralischen Schätzung Recht zu behalten, zum Welt-Verneiner wird. Endlich zum »Mystiker«. Ich selbst habe eine ästhetische Rechtfertigung versucht: wie ist die Häßlichkeit der Welt möglich? – Ich nahm den Willen zur Schönheit, zum Verharren in gleichen Formen, als ein zeitweiliges Erhaltungs- und Heilmittel: fundamental aber schien mir das ewig-Schaffende als das ewig-Zerstören-Müssende gebunden an den Schmerz. Das Häßliche ist die Betrachtungsform der Dinge unter dem Willen, einen Sinn, einen neuen Sinn in das Sinnlos-gewordene zu legen: die angehäufte Kraft, welche den Schaffenden zwingt, das Bisherige als unhaltbar, mißrathen, verneinungswürdig, als häßlich zu fühlen! –

 

417.

Meine erste Lösung: die dionysische Weisheit. Lust an der Vernichtung des Edelsten und am Anblick wie er schrittweise in's Verderben geräth: als Lust am Kommenden, Zukünftigen, welches triumphirt über das vorhandene noch so Gute. Dionysisch: zeitweilige Identifikation mit dem Princip des Lebens (Wollust des Märtyrers einbegriffen).

Meine Neuerungen. – Weiter-Entwicklung des Pessimismus: der Pessimismus des Intellekts; die moralische Kritik, Auflösung des letzten Trostes. Erkenntniß der Zeichen des Verfalls: umschleiert durch Wahn jedes starke Handeln; die Cultur isolirt, ist ungerecht und dadurch stark.

  1. Mein Anstreben gegen den Verfall und die zunehmende Schwäche der Persönlichkeit. Ich suchte ein neues Centrum.
  2. 2) Unmöglichkeit dieses Strebens erkannt.
  3. 3) Darauf gieng ich weiter in der Bahn der Auflösung, – darin fand ich für Einzelne neue Kraftquellen. Wir müssen Zerstörer sein!– – Ich erkannte, daß der Zustand der Auflösung, in der einzelne Wesen sich vollenden können wie nie – ein Abbild und Einzelfall des allgemeinen Daseins ist. Gegen die lähmende Empfindung der allgemeinen Auflösung und Unvollendung hielt ich die ewige Wiederkunft.

 

418.

Man sucht das Bild der Welt in der Philosophie, bei der es uns am freisten zu Muthe wird; d. h. bei der unser mächtigster Trieb sich frei fühlt zu seiner Thätigkeit. So wird es auch bei mir stehn!

 

419.

Die deutsche Philosophie als Ganzes – Leibniz, Kant, Hegel, Schopenhauer, um die Großen zu nennen – ist die gründlichste Art Romantik und Heimweh, die es bisher gab: das Verlangen nach dem Besten, was jemals war. Man ist nirgends mehr heimisch, man verlangt zuletzt nach Dem zurück, wo man irgendwie heimisch sein kann, weil man dort allein heimisch sein möchte: und das ist die griechische Welt! Aber gerade dorthin sind alle Brücken abgebrochen, – ausgenommen die Regenbogen der Begriffe! Und die führen überall hin, in alle Heimaten und »Vaterländer«, die es für Griechen-Seelen gegeben hat! Freilich: man muß sehr leicht, sehr dünn sein, um über diese Brücken zu schreiten! Aber welches Glück liegt schon in diesem Willen zur Geistigkeit, fast zur Geisterhaftigkeit! Wie ferne ist man damit von »Druck und Stoß«, von der mechanischen Tölpelei der Naturwissenschaften, von dem Jahrmarkts-Lärme der »modernen Ideen«! Man will zurück, durch die Kirchenväter zu den Griechen, aus dem Norden nach dem Süden, aus den Formeln zu den Formen; man genießt noch den Ausgang des Alterthums, das Christenthum, wie einen Zugang zu ihm, wie ein gutes Stück alter Welt selber, wie ein glitzerndes Mosaik antiker Begriffe und antiker Werthurtheile. Arabesken, Schnörkel, Rokoko scholastischer Abstraktionen – immer noch besser, nämlich feiner und dünner, als die Bauern- und Pöbel-Wirklichkeit des europäischen Nordens, immer noch ein Protest höherer Geistigkeit gegen den Bauernkrieg und Pöbel-Aufstand, der über den geistigen Geschmack im Norden Europa's Herr geworden ist und welcher an dem großen »ungeistigen Menschen«, an Luther, seinen Anführer hatte: – in diesem Betracht ist deutsche Philosophie ein Stück Gegenreformation, sogar noch Renaissance, mindestens Wille zur Renaissance, Wille fortzufahren in der Entdeckung des Alterthums, in der Ausgrabung der antiken Philosophie, vor Allem der Vorsokratiker – der bestverschütteten aller griechischen Tempel! Vielleicht, daß man einige Jahrhunderte später urtheilen wird, daß alles deutsche Philosophiren darin seine eigentliche Würde habe, ein schrittweises Wiedergewinnen des antiken Bodens zu sein, und daß jeder Anspruch auf »Originalität« kleinlich und lächerlich klinge im Verhältnis zu jenem höheren Ansprüche der Deutschen, das Band, das zerrissen schien, neu gebunden zu haben, das Band mit den Griechen, dem bisher höchst gearteten Typus »Mensch«. Wir nähern uns heute allen jenen grundsätzlichen Formen der Weltauslegung wieder, welche der griechische Geist, in Anaximander, Heraklit, Parmenides, Empedokles, Demokrit und Anaxagoras, erfunden hat, – wir werden von Tag zu Tag griechischer, zuerst, wie billig, in Begriffen und Wertschätzungen, gleichsam als gräcisirende Gespenster: aber dereinst hoffentlich auch mit unserem Leibe! Hierin liegt (und lag von jeher) meine Hoffnung für das deutsche Wesen!

 

420.

Ich will Niemanden zur Philosophie überreden: es ist nothwendig, es ist vielleicht auch wünschenswert!), daß der Philosoph eine seltene Pflanze ist. Nichts ist mir widerlicher als die lehrhafte Anpreisung der Philosophie, wie bei Seneca oder gar Cicero. Philosophie hat wenig mit Tugend zu thun. Es sei mir erlaubt zu sagen, daß auch der wissenschaftliche Mensch etwas Grundverschiedenes vom Philosophen ist. – Was ich wünsche ist: daß der echte Begriff des Philosophen in Deutschland nicht ganz und gar zu Grunde gehe. Es giebt so viele halbe Wesen aller Art in Deutschland, welche ihr Mißrathensein gern unter einem so vornehmen Namen verstecken möchten.

 

421.

Ich muß das schwierigste Ideal des Philosophen aufstellen. Das Lernen thut's nicht! Der Gelehrte ist das Heerdenthier im Reiche der Erkenntniß, – welcher forscht, weil es ihm befohlen und vorgemacht worden ist, –

 

422.

Aberglaube über den Philosophen: Verwechslung mit dem wissenschaftlichen Menschen. Als ob die Werthe in den Dingen steckten und man sie nur festzuhalten hätte! Inwiefern sie unter der Einflüsterung gegebener Werthe forschen (ihr Haß auf Schein, Leib u. s. w.). Schopenhauer in Betreff der Moral (Hohn über den Utilitarismus). Zuletzt geht die Verwechslung so weit, daß man den Darwinismus als Philosophie betrachtet: und jetzt ist die Herrschaft bei den wissenschaftlichen Menschen. Auch die Franzosen wie Taine suchen oder meinen zu suchen, ohne die Werthmaaße schon zu haben. Die Niederwerfung vor den »Facten«, eine Art Cultus. Tatsächlich vernichten sie die bestehenden Wertschätzungen. Erklärung dieses Mißverständnisses. Der Befehlende entsteht selten; er mißdeutet sich selber. Man will durchaus die Autorität von sich ablehnen und in die Umstände setzen. – In Deutschland gehört die Schätzung des Kritikers in die Geschichte der erwachenden Männlichkeit. Lessing u.s.w. (Napoleon über Goethe). Thatsächlich ist diese Bewegung durch die deutsche Romantik wieder rückgängig gemacht: und der Ruf der deutschen Philosophie bezieht sich auf sie, als ob mit ihr die Gefahr der Skepsis beseitigt sei, und der Glaube bewiesen werden könne: In Hegel culminiren beide Tendenzen: im Grunde verallgemeinert er die Thatsache der deutschen Kritik und die Thatsache der deutschen Romantik, – eine Art von dialektischem Fatalismus, aber zu Ehren des Geistes, thatsächlich mit Unterwerfung des Philosophen unter die Wirklichkeit. Der Kritiker bereitet vor: nicht mehr!

Mit Schopenhauer dämmert die Aufgabe des Philosophen, daß es sich um eine Bestimmung des Werthes handle: immer noch unter der Herrschaft des Eudämonismus. Das Ideal des Pessimismus.

 

423.

Theorie und Praxis. – Verhängnisvolle Unterscheidung, wie als ob es einen eignen Erkenntnißtrieb gebe, der, ohne Rücksicht auf Fragen des Nutzens und Schadens, blindlings auf die Wahrheit losgehe: und dann, davon abgetrennt, die ganze Welt der praktischen Interessen...

Dagegen suche ich zu zeigen, welche Instinkte hinter all diesen reinen Theoretikern thätig gewesen sind, – wie sie allesammt fatalistisch im Bann ihrer Instinkte

auf Etwas losgiengen, das für sie »Wahrheit« war, für sie und nur für sie. Der Kampf der Systeme, sammt dem der erkenntnißtheoretischen Skrupel, ist ein Kampf ganz bestimmter Instinkte (Formen der Vitalität, des Niedergangs, der Stände, der Rassen u.s.w,).

Der sogenannte Erkenntnißtrieb ist zurückzuführen auf einen Aneignungs- und Überwältigungstrieb: diesem Triebe folgend haben sich die Sinne, das Gedächtniß, die Instinkte u.s.w. entwickelt. Die möglichst schnelle Reduktion der Phänomene, die Ökonomie, die Akkumulation des erworbenen Schatzes an Erkenntnis; (d. h. angeeigneter und handlich gemachter Welt)...

Die Moral ist deshalb eine so curiose Wissenschaft, weil sie im höchsten Grade praktisch ist! sodaß die reine Erkenntnißposition, die Wissenschaftliche Rechtschaffenheit sofort preisgegeben wird, sobald die Moral ihre Antworten fordert. Die Moral sagt: ich brauche manche Antworten, – Gründe, Argumente; Skrupel mögen hinterdrein kommen, oder auch nicht –.

»Wie soll gehandelt werden?« – Denkt man nun nach, daß man mit einem souverän entwickelten Typus zu thun hat, von dem seit unzähligen Jahrtausenden »gehandelt« worden ist, und Alles Instinkt, Zweckmäßigkeit, Automatismus, Fatalität geworden ist, so kommt Einem die Dringlichkeit dieser Moral-Frage sogar ganz komisch vor.

»Wie soll gehandelt werden?« – Moral war immer ein Mißverständniß: thatsächlich wollte eine Art, die ein Fatum so und so zu handeln im Leibe hatte, sich rechtfertigen, indem sie ihre Norm als Universalnorm aufdecretiren wollte...

»Wie soll gehandelt werden?« ist keine Ursache, sondern eine Wirkung. Die Moral folgt, das Ideal kommt am Ende.

– Andrerseits verräth das Auftreten der moralischen Skrupel (anders ausgedrückt: das Bewußtwerden der Werthe, nach denen man handelt) eine gewisse Krankhaftigkeit; starke Zeiten und Völker reflektiren nicht über ihr Recht, über Principien zu handeln, über Instinkt und Vernunft. Das Bewußtwerden ist ein Zeichen davon, daß die eigentliche Moralität, d. h. Instinkt-Gewißheit des Handelns, zum Teufel geht... Die Moralisten sind, wie jedes Mal, daß eine neue Bewußtseins-Welt geschaffen wird, Zeichen einer Schädigung, Verarmung, Desorganisation. – Die Tief-Instinktiven haben eine Scheu vor dem Logisiren der Pflichten: unter ihnen findet man pyrrhonistische Gegner der Dialektik und der Erkennbarkeit überhaupt... Eine Tugend wird mit »um« widerlegt...

Thesis: das Auftreten der Moralisten gehört in die Zeiten, wo es zu Ende geht mit der Moralität.

Thesis: der Moralist ist ein Auflöser der moralischen Instinkte, so sehr er deren Wiederhersteller zu sein glaubt.

Thesis: Das, was den Moralisten thatsächlich treibt, sind nicht moralische Instinkte, sondern die Instinkte der décadence, übersetzt in die Formeln der Moral (– er empfindet das Unsicherwerden der Instinkte als Corruption).

Thesis: die Instinkte der décadence, die durch die Moralisten über die Instinkt-Moral starker Rassen und Zeiten Herr werden wollen, sind

  1. die Instinkte der Schwachen und Schlechtweggekommenen;
  2. die Instinkte der Ausnahmen, der Solitären, der Ausgelösten, des abortus im Hohen und Geringen;
  3. die Instinkte der Habituell-Leidenden, welche eine noble Auslegung ihres Zustandes brauchen und deshalb so wenig als möglich Physiologen sein dürfen.

 

424.

Tartüfferie der Wissenschaftlichkeit. – Man muß nicht Wissenschaftlichkeit affektiren, wo es noch nicht Zeit ist, wissenschaftlich zu sein; aber auch der wirkliche Forscher hat die Eitelkeit von sich zu thun, eine Art von Methode zu affektiren, welche im Grunde noch nicht an der Zeit ist. Ebenso Dinge und Gedanken, auf die er anders gekommen ist, nicht mit einem falschen Arrangement von Deduktion und Dialektik zu »fälschen«. So fälscht Kant in seiner »Moral« seinen innewendigen psychologischen Hang; ein neuerliches Beispiel ist Herbert Spencer's Ethik. – Man soll die Thatsache, wie uns unsre Gedanken gekommen sind, nicht verhehlen und verderben. Die tiefsten und unerschöpftesten Bücher werden wohl immer Etwas von dem aphoristischen und plötzlichen Charakter von Pascal's Pensées haben. Die treibenden Kräfte und Werthschätzungen sind lange unter der Oberfläche; was hervorkommt, ist Wirkung.

Ich wehre mich gegen alle Tartüfferie von falscher Wissenschaftlichkeit:

  1. in Bezug auf die Darlegung, wenn sie nicht der Genesis der Gedanken entspricht;
  2. in den Ansprüchen auf Methoden, welche vielleicht zu einer bestimmten Zeit der Wissenschaft noch gar nicht möglich sind;
  3. in den Ansprüchen auf Objektivität, auf kalte Unpersönlichkeit, wo, wie bei allen Wertschätzungen, wir mit zwei Worten von uns und unsren inneren Erlebnissen erzählen. Es giebt lächerliche Arten von Eitelkeit, z. B. Saint-Beuve's, der sich zeitlebens geärgert hat, hier und da wirklich Wärme und Leidenschuft im »Für« und »Wider« gehabt zu haben, und es gern aus seinem Leben weggelogen hätte.

 

425.

»Objektivität« am Philosophen: moralischer Indifferentismus gegen sich, Blindheit gegen die guten und schlimmen Folgen: Unbedenklichkeit im Gebrauch gefährlicher Mittel; Perversität und Vielheit des Charakters als Vorzug errathen und ausgenützt.

Meine tiefe Gleichgültigkeit gegen mich: ich will keinen Vortheil aus meinen Erkenntnissen und weiche auch den Nachtheilen nicht aus, die sie mit sich bringen. – Hier ist eingerechnet Das, was man Verderbniß des Charakters nennen könnte; diese Perspektive liegt außerhalb: ich handhabe meinen Charakter, aber denke weder daran, ihn zu verstehen, noch ihn zu verändern, – der persönliche Calcul der Tugend ist mir nicht einen Augenblick in den Kopf gekommen. Es scheint mir, daß man sich die Thore der Erkenntniß zumacht, sobald man sich für seinen persönlichen Fall interessirt – oder gar für das »Heil seiner Seele«! ... Man muß seine Moralität nicht zu wichtig nehmen und sich ein bescheidenes Anrecht auf deren Gegentheil nicht nehmen lassen ...

Eine Art Erbreichthum an Moralität wird hier vielleicht vorausgesetzt: man wittert, daß man viel davon verschwenden und zum Fenster hinauswerfen kann, ohne dadurch sonderlich zu verarmen. Niemals sich versucht fühlen, »schöne Seelen« zu bewundern; sich ihnen immer überlegen wissen. Den Tugend-Ungeheuern mit einem innerlichen Spott begegnen; déniaser la vertu – geheimes Vergnügen.

Sich um sich selber rollen; kein Wunsch, »besser« oder überhaupt nur »anders« zu werden. Zu interessirt, um nicht Fangarme oder Netze jeder Moralität nach den Dingen auszuwerfen –.

 

426.

Zur Psychologie des Philosophen. Psychologen, wie sie erst vom 19. Jahrhundert ab möglich sind: nicht mehr jene Eckensteher, die drei, vier Schritt vor sich blicken und beinahe zufrieden sind, in sich hinein zu graben. Wir Psychologen der Zukunft – wir haben wenig guten Willen zur Selbstbeobachtung: wir nehmen es fast als ein Zeichen von Entartung, wenn ein Instrument »sich selbst zu erkennen« sucht: wir sind Instrumente der Erkenntnis; und möchten die ganze Naivetät und Präcision eines Instrumentes haben, – folglich dürfen wir uns selbst nicht analysiren, nicht »kennen«. Erstes Merkmal von Selbsterhaltungs-Instinkt des großen Psychologen: er sucht sich nie, er hat kein Auge, kein Interesse, keine Neugierde für sich ... Der große Egoismus unsres dominirenden Willens will es so von uns, daß wir hübsch vor uns die Augen schließen, – daß wir als »unpersönlich«, » désintersssé«, »objektiv« erscheinen müssen! – oh in wie excentrischem Grade wir das Gegentheil davon sind!

Wir sind keine Pascals, wir sind nicht sonderlich am »Heil der Seele«, am eigenen Glück, an der eigenen Tugend interessirt. – Wir haben weder Zeit noch Neugierde genug, uns dergestalt um uns selbst zu drehn. Es steht, tiefer angesehn, sogar noch anders: wir mißtrauen allen Nabelbeschauern aus dem Grunde, weil uns die Selbstbeobachtung als eine Entartungsform des psychologischen Genie's gilt, als ein Fragezeichen am Instinkt des Psychologen: so gewiß ein Maler-Auge entartet ist, hinter dem der Wille steht, zu sehn, um zu sehn.

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