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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 20
Quellenangabe
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
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6. Schlußbetrachtung zur Kritik der Moral.

 

399.

Das sind meine Forderungen an euch – sie mögen euch schlecht genug zu Ohren gehen –: daß ihr die moralischen Werthschätzungen selbst einer Kritik unterziehen sollt. Daß ihr dem moralischen Gefühls-Impuls, welcher hier Unterwerfung und nicht Kritik verlangt, mit der Frage: »warum Unterwerfung?« Halt gebieten sollt. Daß ihr dies Verlangen nach einem »Warum?«, nach einer Kritik der Moral, eben als eure jetzige Form der Moralität selbst ansehen sollt, als die sublimste Art von Moralität, die euch und eurer Zeit Ehre macht. Daß eure Redlichkeit, euer Wille, euch nicht zu betrügen, sich selbst ausweisen muß: »warum nicht? – Vor welchem Forum?«

 

400.

Die drei Behauptungen:

Das Unvornehme ist das Höhere (Protest des »gemeinen Mannes«);

das Widernatürliche ist das Höhere (Protest der Schlechtweggekommenen)

das Durchschnittliche ist das Höhere (Protest der Heerde, der »Mittleren«).

In der Geschichte der Moral drückt sich also ein Wille zur Macht aus, durch den bald die Sklaven und Unterdrückten, bald die Mißrathnen und An-sich-Leidenden, bald die Mittelmäßigen den Versuch machen, die ihnen günstigsten Werthurtheile durchzusetzen.

Insofern ist das Phänomen der Moral vom Standpunkt der Biologie aus höchst bedenklich. Die Moral hat sich bisher entwickelt auf Unkosten: der Herrschenden und ihrer specifischen Instinkte, der Wohlgerathenen und schönen Naturen, der Unabhängigen und Privilegirten in irgend einem Sinne.

Die Moral ist also eine Gegenbewegung gegen die Bemühungen der Natur, es zu einem höheren Typus zu bringen. Ihre Wirkung ist: Mißtrauen gegen das Leben überhaupt (insofern dessen Tendenzen als »unmoralisch« empfunden werden), – Sinnlosigkeit, Widersinn (insofern die obersten Werthe als im Gegensatz zu den obersten Instinkten empfunden werden), – Entartung und Selbstzerstörung der »höheren Naturen«, weil gerade in ihnen der Konflikt bewußt wird.

 

401.

Welche Werthe bisher obenauf waren.

Moral als oberster Werth, in allen Phasen der Philosophie (selbst bei den Skeptikern). Resultat: diese Welt taugt nichts, es muß eine »wahre Welt« geben.

Was bestimmt hier eigentlich den obersten Werth? Was ist eigentlich Moral? Der Instinkt der décadence, es sind die Erschöpften und Enterbten, die auf diese Weise Rache nehmen und die Herren machen...

Historischer Nachweis: die Philosophen immer décadents, immer im Dienst der nihilistischen Religionen.

Der Instinkt der décadence, der als Wille zur Macht auftritt. Vorführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel.

Gesammteinsicht: die bisherigen obersten Werthe sind ein Specialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Specialfall der Unmoralität.

Warum die gegnerischen Werthe immer unterlagen.

1. Wie war das eigentlich möglich? Frage: warum unterlag das Leben, die physiologische Wohlgerathenheit überall? Warum gab es keine Philosophie des Ja, keine Religion des Ja?...

Die historischen Anzeichen solcher Bewegungen: die heidnische Religion. Dionysos gegen den »Gekreuzigten«. Die Renaissance. Die Kunst.

2. Die Starken und die Schwachen: die Gesunden und die Kranken; die Ausnahme und die Regel. Es ist kein Zweifel, wer der Stärkere ist...

Gesammtaspekt der Geschichte: Ist der Mensch damit eine Ausnahme in der Geschichte des Lebens? – Einsprache gegen den Darwinismus. Die Mittel der Schwachen, um sich oben zu erhalten, sind Instinkte, sind »Menschlichkeit« geworden, sind »Institutionen«...

3. Nachweis dieser Herrschaft in unsern politischen Instinkten, in unsern socialen Werthurtheilen, in unsern Künsten, in unsrer Wissenschaft.

*

Die Niedergangs-Instinkte sind Herr über die Aufgangs-Instinkte geworden... Der Wille zum Nichts ist Herr geworden über den Willen zum Leben!

Ist das wahr? ist nicht vielleicht eine größere Garantie des Lebens, der Gattung in diesem Sieg der Schwachen und Mittleren? – ist es vielleicht nur ein Mittel in der Gesammtbewegung des Lebens, eine Tempo-Verzögerung? eine Nothwehr gegen etwas noch Schlimmeres?

– Gesetzt, die Starken wären Herr, in Allem, und auch in den Wertschätzungen geworden: ziehen wir die Consequenz, wie sie über Krankheit, Leiden, Opfer denken würden! Eine Selbstverachtung der Schwachen wäre die Folge: sie würden suchen, zu verschwinden und sich auszulöschen. Und wäre dies vielleicht wünschenswerth? – und möchten wir eigentlich eine Welt, in der die Nachwirkung der Schwachen, ihre Feinheit, Rücksicht, Geistigkeit, Biegsamkeit fehlte?...

*

Wir haben zwei »Willen zur Macht« im Kampfe gesehn (im Specialfall: wir hatten ein Princip, dem Einen Recht zu geben, der bisher unterlag, und Dem, der bisher siegte, Unrecht zu geben): wir haben die «wahre Welt« als eine »erlogene Welt« und die Moral als eine Form der Unmoralität erkannt. Wir sagen nicht: »der Stärkere hat Unrecht«. Wir haben begriffen, was bisher den obersten Werth bestimmt hat und warum es Herr geworden ist über die gegnerische Werthung –: es war numerisch stärker. Reinigen wir jetzt die gegnerische Werthung von der Infektion und Halbheit, von der Entartung, in der sie uns Allen bekannt ist.

Wiederherstellung der Natur: moralinfrei.

 

402.

Moral ein nützlicher Irrthum, deutlicher, in Hinsicht auf die größten und vorurtheilsfreiesten ihrer Förderer, eine nothwendig erachtete Lüge,

 

403.

Man darf sich die Wahrheit bis soweit zugestehn, als man bereits erhöht genug ist, um nicht mehr die Zwangsschule des moralischen Irrthums nöthig zu haben. – Falls man das Dasein moralisch beurtheilt, degoutirt es.

Man soll nicht falsche Personen erfinden, z. B. nicht sagen »die Natur ist grausam«. Gerade einzusehen, daß es kein solches Centralwesen der Verantwortlichkeit giebt, erleichtert!

Entwicklung der Menschheit. A. Macht über die Natur zu gewinnen und dazu eine gewisse Macht über sich. (Die Moral war nöthig, um den Menschen durchzusetzen im Kampf mit Natur und »wildem Thier«.)

B. Ist die Macht über die Natur errungen, so kann man diese Macht benutzen, um sich selbst frei weiterzubilden: Wille zur Macht als Selbsterhöhung und Verstärkung.

 

404.

Moral als Illusion der Gattung, um den Einzelnen anzutreiben, sich der Zukunft zu opfern: scheinbar ihm selbst einen unendlichen Werth zugestehend, sodaß er mit diesem Selbstbewußtsein andere Seiten seiner Natur tyrannisirt und niederhält und schwer mit sich zufrieden ist.

Tiefste Dankbarkeit für Das, was die Moral bisher geleistet hat: aber jetzt nur noch ein Druck, der zum Verhängniß werden würde! Sie selbst zwingt als Redlichkeit zur Moralverneinung.

 

405.

Inwiefern die Selbstvernichtung der Moral noch ein Stück ihrer eigenen Kraft ist. Wir Europäer haben das Blut Solcher in uns, die für ihren Glauben gestorben sind; wir haben die Moral furchtbar und ernst genommen und es ist Nichts, was wir ihr nicht irgendwie geopfert haben. Andrerseits: unsre geistige Feinheit ist wesentlich durch Gewissens-Vivisektion erreicht worden. Wir wissen das »Wohin?« noch nicht, zu dem wir getrieben werden, nachdem wir uns dergestalt von unsrem alten Boden abgelöst haben. Aber dieser Boden selbst hat uns die Kraft angezüchtet, die uns jetzt hinaustreibt in die Ferne, in's Abenteuer, durch die wir in's Uferlose, Unerprobte, Unentdeckte hinausgestoßen werden, – es bleibt uns keine Wahl, wir müssen Eroberer sein, nachdem wir kein Land mehr haben, wo wir heimisch sind, wo wir »erhalten« möchten. Ein verborgenes Ja treibt uns dazu, das stärker ist, als alle unsre Neins. Unsre Stärke selbst duldet uns nicht mehr im alten morschen Boden: wir wagen uns in die Weite, wir wagen uns daran: die Welt ist noch reich und unentdeckt, und selbst Zu-Grunde-gehn ist besser als halb und giftig werden. Unsre Stärke selbst zwingt uns auf's Meer, dorthin, wo alle Sonnen bisher untergegangen sind: wir wissen um eine neue Welt...

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