Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Wilhelm Nietzsche >

Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/nietzsch/willmac1/willmac1.xml
typetractate
authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
projectidbe12fb09
Schließen

Navigation:

2. Die Heerde.

 

274.

Wessen Wille zur Macht ist die Moral? – Das Gemeinsame in der Geschichte Europa's seit Sokrates ist der Versuch, die moralischen Werthe zur Herrschaft über alle anderen Werthe zu bringen: sodaß sie nicht nur Führer und Richter des Lebens sein sollen, sondern auch 1) der Erkenntniß, 2) der Künste, 3) der staatlichen und gesellschaftlichen Bestrebungen. »Besserwerden« als einzige Aufgabe, alles Übrige dazu Mittel (oder Störung, Hemmung, Gefahr: folglich bis zur Vernichtung zu bekämpfen ...). – Eine ähnliche Bewegung in China. Eine ähnliche Bewegung in Indien.

Was bedeutet dieser Wille zur Macht seitens der moralischen Werthe, der in den ungeheuren Entwicklungen sich bisher auf der Erde abgespielt hat?

Antwort: – drei Mächte sind hinter ihm versteckt: 1) der Instinkt der Heerde gegen die Starken und Unabhängigen; 2) der Instinkt der Leidenden und Schlechtweggekommenen gegen die Glücklichen: 3) der Instinkt der Mittelmäßigen gegen die Ausnahmen. – Ungeheurer Vortheil dieser Bewegung, wie viel Grausamkeit, Falschheit und Bornirtheit auch in ihr mitgeholfen hat (: denn die Geschichte vom Kampf der Moral mit den Grundinstinkten des Lebens ist selbst die größte Immoralität, die bisher auf Erden dagewesen ist ...).

 

275.

Es gelingt den Wenigsten, in Dem, worin wir leben, woran wir von Alters her gewöhnt sind, ein Problem zu sehn, – das Auge ist gerade dafür nicht eingestellt: dies scheint mir zumal in Betreff unserer Moral der Fall zu sein.

Das Problem »jeder Mensch als Objekt für Andere« ist Anlaß zu den höchsten Ehrverleihungen: für sich selbst – nein!

Das Problem »du sollst«: ein Hang, der sich nicht zu begründen weiß, ähnlich wie der Geschlechtstrieb, soll nicht unter die Verurtheilung der Triebe fallen: umgekehrt, er soll ihr Werthmesser und Richter sein!

Das Problem der »Gleichheit«, während wir Alle nach Auszeichnung dürsten: hier gerade sollen wir umgekehrt an uns genau die Anforderungen wie an Andere stellen. Das ist so abgeschmackt, sinnfällig verrückt: aber – es wird als heilig, als höheren Ranges empfunden, der Widerspruch gegen die Vernunft wird kaum gehört.

Aufopferung und Selbstlosigkeit als auszeichnend, der unbedingte Gehorsam gegen die Moral und der Glaube, vor ihr mit Jedermann gleichzustehn.

Die Vernachlässigung und Preisgebung von Wohl und Leben als auszeichnend, die vollkommne Verzichtleistung auf eigne Werthesetzung, das strenge Verlangen, von Jedermann auf dasselbe verzichtet zu sehen. »Der Werth der Handlungen ist bestimmt: jeder Einzelne ist dieser Werthung unterworfen.«

Wir sehn: eine Autorität redet – wer redet? – Man darf es dem menschlichen Stolze nachsehn, wenn er diese Autorität so hoch als möglich suchte, um sich so wenig als möglich unter ihr gedemüthigt zu finden. Also – Gott redet!

Man bedurfte Gottes, als einer unbedingten Sanktion, welche keine Instanz über sich hat, als eines kategorischen Imperators« –: oder, sofern man an die Autorität der Vernunft glaubt, man brauchte eine Einheits-Metaphysik, vermöge deren dies logisch war.

Gesetzt nun, der Glaube an Gott ist dahin: so stellt sich die Frage von Neuem: » wer redet?« – Meine Antwort, nicht aus der Metaphysik, sondern der Thier-Physiologie genommen: der Heerden-Instinkt redet. Er will Herr sein: daher sein »du sollst!« – er will den Einzelnen nur im Sinne des Ganzen, zum Besten des Ganzen gelten lassen, er haßt die Sich-Loslösenden, – er wendet den Haß aller Einzelnen gegen ihn.

 

276.

Die ganze Moral Europa's hat den Nutzen den Heerde auf dem Grunde: die Trübsal aller höheren, seltneren Menschen liegt darin, daß Alles, was sie auszeichnet, ihnen mit dem Gefühl der Verkleinerung und Verunglimpfung zum Bewußtsein kommt. Die Stärken des jetzigen Menschen sind die Ursachen der pessimistischen Verdüsterung: die Mittelmäßigen sind, wie die Heerde ist, ohne viel Frage und Gewissen, – heiter. (Zur Verdüsterung der Starken: Pascal, Schopenhauer.)

Je gefährlicher eine Eigenschaft der Heerde scheint, um so gründlicher wird sie in die Acht gethan.

 

277.

Moral der Wahrhaftigkeit in der Heerde. »Du sollst erkennbar sein, dein Inneres durch deutliche und constante Zeichen ausdrücken, – sonst bist du gefährlich: und wenn du böse bist, ist die Fähigkeit, dich zu verstellen, das Schlimmste für die Heerde. Wir verachten den Heimlichen, Unkennbaren. – Folglich mußt du dich selber für erkennbar halten, du darfst dir nicht verborgen sein, du darfst nicht an deinen Wechsel glauben,« Also: die Forderung der Wahrhaftigkeit setzt die Erkennbarkeit und die Beharrlichkeit der Person voraus. Thatsächlich ist es Sache der Erziehung, das Heerden-Mitglied zu einem bestimmten Glauben über das Wesen des Menschen zu bringen: sie macht erst diesen Glauben und fordert dann daraufhin »Wahrhaftigkeit«.

 

278.

Innerhalb einer Heerde, jeder Gemeinde, also inter pares, hat die Überschätzung der Wahrhaftigkeit guten Sinn. Sich nicht betrügen lassen – und folglich, als persönliche Moral, selber nicht betrügen! eine gegenseitige Verpflichtung unter Gleichen! Nach außen hin verlangt die Gefahr und Vorsicht, daß man auf der Hut vor Betrug sei: als psychologische Vorbedingung dazu auch innen. Mißtrauen als Quelle der Wahrhaftigkeit.

 

279.

Zur Kritik der Heerden-Tugenden. – Die inertia thätig 1) im Vertrauen, weil Mißtrauen Spannung, Beobachtung, Nachdenken nöthig macht; – 2) in der Verehrung, wo der Abstand der Macht groß ist und Unterwerfung nothwendig: um nicht zu fürchten, wird versucht zu lieben, hochzuschätzen und die Machtverschiedenheit als Werthverschiedenheit auszudeuten: sodaß das Verhältniß nicht mehr revoltirt; – 3) im Wahrheitssinn. Was ist wahr? Wo eine Erklärung gegeben ist, die uns das Minimum von geistiger Kraftanstrengung macht (überdies ist Lügen sehr anstrengend); – 4) in der Sympathie. Sich gleichsetzen, versuchen gleich zu empfinden, ein vorhandenes Gefühl anzunehmen, ist eine Erleichterung: es ist etwas Passives gegen das Aktivum gehalten, welches die eigensten Rechte des Werthurtheils sich wahrt und beständig bethätigt (Letzteres giebt keine Ruhe); – 5) in der Unparteilichkeit und Kühle des Urtheils: man scheut die Anstrengung des Affekts und stellt sich lieber abseits, »objektiv«; – 6) in der Rechtschaffenheit: man gehorcht lieber einem vorhandenen Gesetz, als daß man sich ein Gesetz schafft, als daß man sich und Anderen befiehlt: die Furcht vor dem Befehlen –: lieber sich unterwerfen, als reagiren; – 7) in der Toleranz: die Furcht vor dem Ausüben des Rechts, des Richtens.

 

280.

Der Instinkt der Heerde schätzt die Mitte und das Mittlere als das Höchste und Werthvollste ab: die Stelle, auf der die Mehrzahl sich befindet; die Art und Weise, in der sie sich daselbst befindet. Damit ist er Gegner aller Rangordnung, der ein Aussteigen von Unten nach Oben zugleich als ein Hinabsteigen von der Überzahl zur kleinsten Zahl ansteht. Die Heerde empfindet die Ausnahme, sowohl das Unter-ihr wie das Über-ihr, als Etwas, das zu ihr sich gegnerisch und schädlich verhält. Ihr Kunstgriff in Hinsicht auf die Ausnahmen nach Oben, die Stärkeren, Mächtigeren, Weiseren, Fruchtbareren ist, sie zur Rolle der Hüter, Hirten, Wächter zu überreden – zu ihren ersten Dienern: damit hat sie eine Gefahr in einen Nutzen umgewandelt. In der Mitte hört die Furcht auf: hier ist man mit Nichts allein; hier ist wenig Raum für das Mißverständniß; hier giebt es Gleichheit; hier wird das eigne Sein nicht als Vorwurf empfunden, sondern als das rechte Sein; hier herrscht die Zufriedenheit. Das Mißtrauen gilt den Ausnahmen; Ausnahme sein gilt als Schuld.

 

281.

Wenn wir uns, aus dem Instinkte der Gemeinschaft heraus, Vorschriften machen und gewisse Handlungen verbieten, so verbieten wir, wie es Vernunft hat, nicht eine Art zu »sein«, nicht eine »Gesinnung«, sondern nun eine gewisse Richtung und Nutzanwendung dieses »Seins«, dieser »Gesinnung«. Aber da kommt der Ideologe der Tugend, der Moralist, seines Wegs und sagt: »Gott siehet das Herz an! Was liegt daran, daß ihr euch bestimmter Handlungen enthaltet: ihr seid darum nicht besser!« Antwort: mein Herr Langohr und Tugendsam, wir wollen durchaus nicht besser sein, wir sind sehr zufrieden mit uns, wir wollen uns nur nicht unter einander Schaden thun, – und deshalb verbieten wir gewisse Handlungen in einer gewissen Rücksicht, nämlich auf uns, während wir dieselben Handlungen, vorausgesetzt, daß sie sich auf Gegner des Gemeinwesens – auf Sie zum Beispiel – beziehen, nicht genug zu ehren wissen. Wir erziehen unsere Kinder auf sie hin; wir züchten sie groß ... Wären wir von jenem »gottwohlgefälligen« Radikalismus, den Ihr heiliger Aberwitz anempfiehlt, wären wir Mondkälber genug, mit jenen Handlungen ihre Quelle, das »Herz«, die »Gesinnung« zu verurtheilen, so hieße das unser Dasein verurtheilen und mit ihm seine oberste Voraussetzung – eine Gesinnung, ein Herz, eine Leidenschaft, die wir mit den höchsten Ehren ehren. Wir verhüten durch unsre Decrete, daß diese Gesinnung auf eine unzweckmäßige Weise ausbricht und sich Wege sucht, – wir sind klug, wenn wir uns solche Gesetze geben, wir sind damit auch sittlich... Argwöhnen Sie nicht, von ferne wenigstens, welche Opfer es uns kostet, wie viel Zähmung, Selbstüberwindung, Härte gegen uns dazu noth thut? Wir sind vehement in unsern Begierden, es giebt Augenblicke, wo wir uns auffressen möchten... Aber der »Gemeinsinn« wird über uns Herr: bemerken Sie doch, das ist beinahe eine Definition der Sittlichkeit.

 

282.

Die Schwäche des Heerdenthieres erzeugt eine ganz ähnliche Moral wie die Schwäche des décadent: sie verstehen sich, sie verbünden sich (– die großen décadenceReligionen rechnen immer auf die Unterstützung durch die Heerde). An sich fehlt alles Krankhafte am Heerdenthier, es ist unschätzbar selbst; aber unfähig sich zu leiten, braucht es einen »Hirten«, – das verstehn die Priester... Der Staat ist nicht intim, nicht heimlich genug: die »Gewissensleitung« entgeht ihm. Worin das Heerdenthier krank gemacht wird durch den Priester? –

 

283.

Der Haß gegen dir Leiblich- und Seelisch-Privilegirten: Aufstand der häßlichen, mißrathenen Seelen gegen die schönen, stolzen, wohlgemuthen. Ihr Mittel: Verdächtigung der Schönheit, des Stolzes, der Freude: »es giebt kein Verdienst«, »die Gefahr ist ungeheuer: man soll zittern und sich schlecht befinden«, »die Natürlichkeit ist böse; der Natur widerstreben ist das Rechte. Auch der ›Vernunft‹« (– das Widernatürliche als das Höhere.)

Wieder sind es die Priester, die diesen Zustand ausbeuten und das »Volk« für sich gewinnen. »Der Sünder«, an dem Gott mehr Freude hat als am »Gerechten«. Dies ist der Kampf gegen das »Heidentum« (der Gewissensbiß als Mittel, die seelische Harmonie zu zerstören).

Der Haß der Durchschnittlichen gegen die Ausnahmen, der Heerde gegen die Unabhängigen. (Die Sitte als eigentliche »Sittlichkeit«.) Wendung gegen den »Egoismus«: Werth hat allein das »dem Andern«. »Wir sind Alle gleich«, – gegen die Herrschsucht, gegen »Herrschen« überhaupt; – gegen das Vorrecht; – gegen Sektirer, Freigeister, Skeptiker; – gegen die Philosophie (als dem Werkzeug- und Ecken-Instinkt entgegen); bei Philosophen selbst »der kategorische Imperativ«, das Wesen des Moralischen »allgemein und überall«.

 

284.

Die gelobten Zustande und Begierden: – friedlich, billig, mäßig, bescheiden, ehrfürchtig, rücksichtsvoll, tapfer, keusch, redlich, treu, gläubig, gerade, vertrauensvoll, hingebend, mitleidig, hülfreich, gewissenhaft, einfach, mild, gerecht, freigebig, nachsichtig, gehorsam, uneigennützig, neidlos, gütig, arbeitsam –

Zu unterscheiden: inwiefern solche Eigenschaften bedingt sind als Mittel zu einem bestimmten Willen und Zwecke (oft einem » bösen« Zwecke); oder als natürliche Folgen eines dominirenden Affektes (z. B. Geistigkeit): oder Ausdruck einer Nothlage, will sagen: als Existenzbedingung (z. B. Bürger, Sklave. Weib u. s. w.).

Summa: sie sind allesammt nicht um ihrer selber willen als »gut« empfunden, sondern bereits unter dem Maaßstab der »Gesellschaft«. »Heerde«. als Mittel zu deren Zwecken, als nothwendig für deren Aufrechterhaltung und Förderung, als Folge zugleich eines eigentlichen Heerdeninstinktes im Einzelnen: somit im Dienste eines Instinktes, der grundverschieden von diesen Tugendzuständen ist. Denn die Heerde ist nach Außen hin feindselig, selbstsüchtig, unbarmherzig, voller Herrschsucht, Mißtrauen u. s. w.

Im » Hirten« kommt der Antagonismus heraus: er muß die entgegengesetzten Eigenschaften der Heerde haben.

Todfeindschaft der Heerde gegen die Rangordnung: ihr Instinkt zu Gunsten der Gleichmacher (Christus). Gegen die starken Einzelnen ( les souverains) ist sie feindselig, unbillig, maaßlos, unbescheiden, frech, rücksichtslos, feig, verlogen, falsch, unbarmherzig, versteckt, neidisch, rachsüchtig.

 

285.

Ich lehre: die Heerde sucht einen Typus aufrecht zu erhalten und wehrt sich nach beiden Seiten, ebenso gegen die davon Entartenden (Verbrecher u. s. w.), als gegen die darüber Emporragenden. Die Tendenz der Heerde ist auf Stillstand und Erhaltung gerichtet, es ist nichts Schaffendes in ihr.

Die angenehmen Gefühle, die der Gute, Wohlwollende, Gerechte uns einflößt (im Gegensatz zu der Spannung, Furcht, welche der große, neue Mensch hervorbringt) sind unsere persönlichen Sicherheits-, Gleichheits-Gefühle: das Heerdenthier verherrlicht dabei die Heerdennatur und empfindet sich selber dann wohl. Dies Urtheil des Wohlbehagens maskirt sich mit schönen Worten – so entsteht »Moral«. – Man beobachte aber den Haß der Heerde gegen den Wahrhaftigen. –

 

286.

Daß man sich nicht über sich selbst vergreift! Wenn man in sich den moralischen Imperativ so hört, wie der Altruismus ihn versteht, so gehört man zur Heerde. Hat man das umgekehrte Gefühl, fühlt man in seinen uneigennützigen und selbstlosen Handlungen seine Gefahr, seine Abirrung, so gehört man nicht zur Heerde.

 

287.

Meine Philosophie ist auf Rangordnung gerichtet: nicht auf eine individualistische Moral. Der Sinn der Heerde soll in der Heerde herrschen, – aber nicht über sie hinausgreifen: die Führer der Heerde bedürfen einer grundverschiedenen Werthung ihrer eignen Handlungen, insgleichen die Unabhängigen, oder die »Raubthiere« u. s. w.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.