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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 15
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
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II. Kritik der Moral.

1. Herkunft der moralischen Wertschätzungen.

 

253.

Versuch über Moral zu denken, ohne unter ihrem Zauber zu stehen, mißtrauisch gegen die Überlistung ihrer schönen Gebärden und Blicke. Eine Welt, die wir verehren können, die unserem anbetenden Triebe gemäß ist – die sich fortwährend beweist – durch Leitung des Einzelnen und Allgemeinen –: dies ist die christliche Anschauung, aus der wir Alle stammen.

Durch ein Wachsthum an Schärfe, Mißtrauen, Wissenschaftlichkeit (auch durch einen höher gerichteten Instinkt der Wahrhaftigkeit, also unter wieder christlichen Einwirkungen) ist diese Interpretation uns immer mehr unerlaubt geworden.

Feinster Ausweg: der Kantische Kriticismus. Der Intellekt stritt sich selbst das Recht ab sowohl zur Interpretation in seinem Sinne, als zur Ablehnung der Interpretation in jenem Sinne. Man begnügt sich mit einem Mehr von Vertrauen und Glauben, mit einem Verzichtleisten auf alle Beweisbarkeit seines Glaubens, mit einem unbegreiflichen und überlegenen »Ideal« (Gott) die Lücke auszufüllen.

Der Hegel'sche Ausweg, im Anschluß an Plato, ein Stück Romantik und Reaktion, zugleich das Symptom des historischen Sinns, einer neuen Kraft: der »Geist« selbst ist das »sich enthüllende und verwirklichende Ideal«: im »Proceß«, im »Werden« offenbart sich ein immer Mehr von diesem Ideal, an das wir glauben –, also das Ideal verwirklicht sich, der Glaube richtet sich auf die Zukunft, in der er seinem edlen Bedürfnisse nach anbeten kann. Kurz,

  1. Gott ist uns unerkennbar und unnachweisbar (Hintersinn der erkenntniß-theoretischen Bewegung);
  2. Gott ist nachweisbar, aber als etwas Werdendes und wir gehören dazu, eben mit unsrem Drang zum Idealen (Hintersinn der Historisirenden Bewegung).

Man sieht: es ist niemals die Kritik an das Ideal selbst gerückt, sondern nur an das Problem, woher der Widerspruch gegen dasselbe kommt, warum es noch nicht erreicht oder warum es nicht nachweisbar im Kleinen und Großen ist.

*

Es macht den größten Unterschied: ob man aus der Leidenschaft heraus, aus einem Verlangen heraus, diesen Nothstand als Nothstand fühlt oder ob man ihn mit der Spitze des Gedankens und einer gewissen Kraft der historischen Imagination gerade noch als Problem erreicht.

Abseits von der religiös-philosophischen Betrachtung finden wir dasselbe Phänomen: der Utilitarismus (der Socialismus, der Demokratismus) kritisirt die Herkunft der moralischen Wertschätzungen, aber er glaubt an sie, ebenso wie der Christ. (Naivetät, als ob Moral übrig bliebe, wenn der sanktionirende Gott fehlt! Das »Jenseits« absolut nothwendig, wenn der Glaube an Moral aufrecht erhalten werden soll.)

Grundproblem: woher diese Allgewalt des Glaubens? Des Glaubens an die Moral? (– der sich auch darin verrät!), daß selbst die Grundbedingungen des Lebens zu Gunsten der Moral falsch interpretirt werden: trotz Kenntniß der Thierwelt und Pflanzenwelt. Die »Selbsterhaltung«: darwinistische Perspektive auf Versöhnung altruistischer und egoistischer Principien.)

 

254.

Die Frage nach der Herkunft unsrer Werthschätzungen und Gütertafeln fällt ganz und gar nicht mit deren Kritik zusammen, wie so oft geglaubt wird: so gewiß auch die Einsicht in irgend eine pudenda origo für das Gefühl eine Werthverminderung der so entstandnen Sache mit sich bringt und gegen dieselbe eine kritische Stimmung und Haltung vorbereitet.

Was sind unsre Wertschätzungen und moralischen Gütertafeln selber werth? Was kommt bei ihrer Herrschaft heraus? Für wen? in Bezug worauf? – Antwort: für das Leben. Aber was ist Leben? Hier thut also eine neue, bestimmtere Fassung des Begriffs »Leben« noth. Meine Formel dafür lautet: Leben ist Wille zur Macht.

Was bedeutet das Werthschätzen selbst? weist es auf eine andere, metaphysische Welt zurück oder hinab? (wie noch Kant glaubte, der vor der großen historischen Bewegung steht.) Kurz: wo ist es entstanden? Oder ist es nicht »entstanden«? – Antwort: das moralische Werthschätzen ist eine Auslegung, eine Art zu interpretiren. Die Auslegung selbst ist ein Symptom bestimmter physiologischer Zustände, ebenso eines bestimmten geistigen Niveaus von herrschenden Urtheilen: Wer legt aus? – Unsre Affekte.

 

255.

Alle Tugenden physiologische Zustände: namentlich die organischen Hauptfunktionen als nothwendig, als gut empfunden. Alle Tugenden sind eigentlich verfeinerte Leidenschaften und erhöhte Zustände.

Mitleid und Liebe zur Menschheit als Entwicklung des Geschlechtstriebes. Gerechtigkeit als Entwicklung des Rachetriebes. Tugend als Lust am Widerstande, Wille zur Macht. Ehre als Anerkennung des Ähnlichen und Gleichmächtigen.

 

256.

Ich verstehe unter »Moral« ein System von Werthschätzungen, welches mit den Lebensbedingungen eines Wesens sich berührt.

 

257.

Ehemals sagte man von jeder Moral: »an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen«. Ich sage von jeder Moral: »Sie ist eine Frucht, an der ich den Boden erkenne, aus dem sie wuchs«.

 

258.

Mein Versuch, die moralischen Urtheile als Symptome und Zeichensprachen zu verstehen, in denen sich Vorgänge des physiologischen Gedeihens oder Mißrathens, ebenso das Bewußtsein von Erhaltungs- und Wachsthumsbedingungen verrathen, – eine Interpretations-Weise vom Werthe der Astrologie, Vorurtheile, denen Instinkte souffliren (von Rassen, Gemeinden, von verschiedenen Stufen, wie Jugend oder Verwelken u. s. w.).

Angewendet auf die speciell christlich-europäische Moral: unsere moralischen Urtheile sind Zeichen von Verfall, von Unglauben an das Leben, eine Vorbereitung des Pessimismus.

Mein Hauptsatz: es giebt keine moralischen Phänomene, sondern nur eine moralische Interpretation dieser Phänomene. Diese Interpretation selbst ist außermoralischen Ursprungs.

Was bedeutet es, daß wir einen Widerspruch in das Dasein hineininterpretirt haben? – Entscheidende Wichtigkeit: hinter allen andern Werthschätzungen stehen commandirend jene moralischen Werthschätzungen. Gesetzt, sie fallen fort, wonach messen wir dann? Und welchen Werth haben dann Erkenntnis; u. s. w., u. s. w.???

 

259.

Einsicht: bei aller Wertschätzung handelt es sich um eine bestimmte Perspektive: Erhaltung des Individuums, einer Gemeinde, einer Rasse, eines Staates, einer Kirche, eines Glaubens, einer Cultur. – Vermöge des Vergessens, daß es nur ein perspektivisches Schätzen giebt, wimmelt Alles von widersprechenden Schätzungen und folglich von widersprechenden Antrieben in Einem Menschen. Das ist der Ausdruck der Erkrankung am Menschen, im Gegensatz zum Thiere, wo alle vorhandenen Instinkte ganz bestimmten Aufgaben genügen.

Dies widerspruchsvolle Geschöpf hat aber an seinem Wesen eine große Methode der Erkenntniß: er fühlt viele Für und Wider, er erhebt sich zur Gerechtigkeit – zum Begreifen jenseits des Gut- und Böse-Schätzens.

Der weiseste Mensch wäre der reichste an Widersprüchen, der gleichsam Tastorgane für alle Arten Mensch hat: und zwischeninnen seine großen Augenblicke grandiosen Zusammenhangs – der hohe Zufall auch in uns! Eine Art planetarischer Bewegung –

 

260.

»Wollen«: ist gleich Zweck-Wollen. »Zweck« enthält eine Werthschätzung. Woher stammen die Wertschätzungen? Ist eine feste Norm von »angenehm und schmerzhaft« die Grundlage?

Aber in unzähligen Fällen machen wir erst eine Sache schmerzhaft, dadurch daß wir unsere Werthschätzung hineinlegen.

Umfang der moralischen Wertschätzungen: sie sind fast in jedem Sinneseindruck mitspielend. Die Welt ist uns gefärbt dadurch.

Wir haben die Zwecke und die Werthe hineingelegt: wir haben eine ungeheure latente Kraftmasse dadurch in uns: aber in der Vergleichung der Werthe ergiebt sich, daß Entgegengesetztes als werthvoll galt, daß viele Gütertafeln existirten (also Nichts »an sich« werthvoll).

Bei der Analyse der einzelnen Gütertafeln ergab sich ihre Aufstellung als die Aufstellung von Existenzbedingungen beschränkter Gruppen (und oft irrthümlicher): zur Erhaltung.

Bei der Betrachtung der jetzigen Menschen ergab sich, daß wir sehr verschiedene Werthurtheile handhaben, und daß keine schöpferische Kraft mehr darin ist, – die Grundlage: »die Bedingung der Existenz« fehlt dem moralischen Urtheile jetzt. Es ist viel überflüssiger, es ist lange nicht so schmerzhaft. – Es wird willkürlich. Chaos.

Wer schafft das Ziel, das über der Menschheit stehen bleibt und auch über dem Einzelnen? Ehemals wollte man mit der Moral erhalten: aber Niemand will jetzt mehr erhalten, es ist Nichts daran zu erhalten. Also eine versuchende Moral: sich ein Ziel geben.

 

261.

Was ist das Kriterium der moralischen Handlung? l. ihre Uneigennützigkeit, 2. ihre Allgemeingültigkeit u. s. w. Aber das ist Stuben-Moralistik. Man muß die Völker studiren und zusehn, was jedesmal das Kriterium ist, und was sich darin ausdrückt: ein Glaube »ein solches Verhalten gehört zu unseren ersten Existenz-Bedingungen«. Unmoralisch heißt »untergang-bringend«. Nun sind alle diese Gemeinschaften, in denen diese Sätze gefunden wurden, zu Grunde gegangen: einzelne dieser Sätze sind immer von Neuem unterstrichen worden, weil jede neu sich bildende Gemeinschaft sie – wieder nöthig hatte, z.B. »Du sollst nicht stehlen«. Zu Zeiten, wo das Gemeingefühl für die Gesellschaft (z. B. im imperium Romanum) nicht verlangt werden konnte, warf sich der Trieb auf's »Heil der Seele«, religiös gesprochen: oder »das größte Glück«, philosophisch geredet. Denn auch die griechischen Moral-Philosophen empfanden nicht mehr mit ihrer ðüëéò.

 

262.

Die Necessität der falschen Werthe. – Man kann ein Urtheil widerlegen, indem man seine Bedingtheit nachweist: damit ist die Nothwendigkeit, es zu haben, nicht abgeschafft. Die falschen Werthe sind nicht durch Gründe auszurotten: so wenig wie eine krumme Optik im Auge eines Kranken. Man muß ihre Notwendigkeit, dazusein, begreifen: sie sind eine Folge von Ursachen, die mit Gründen Nichts zu thun haben.

 

263.

Das Problem der Moral sehen und zeigen – das scheint mir die neue Aufgabe und Hauptsache. Ich leugne, daß das in der bisherigen Moralphilosophie geschehen ist.

 

264.

Wie falsch, wie verlogen war die Menschheit immer über die Grundthatsachen ihrer inneren Welt! Hier kein Auge zu haben, hier den Mund halten und den Mund aufthun –

 

265.

Es fehlt das Wissen und Bewußtsein davon, welche Umdrehungen bereits das moralische Urtheil durchgemacht hat und wie wirklich mehrere Male schon im gründlichsten Sinne »Böse« auf »Gut« umgetauft worden ist. Auf eine dieser Verschiebungen habe ich mit dem Worte »Sittlichkeit der Sitte« hingewiesen. Auch das Gewissen hat seine Sphäre vertauscht: es gab einen Heerden-Gewissensbiß.

 

266.

A. Moral als Werk der Unmoralität.

  1. Damit moralische Werthe zur Herrschaft kommen, müssen lauter unmoralische Kräfte und Affekte helfen.
  2. Die Entstehung moralischer Werthe ist das Werk unmoralischer Affekte und Rücksichten.

B. Moral als Werk des Irrthums.

C. Moral mit sich selbst allgemach im Widerspruch.

Vergeltung. – Wahrhaftigkeit, Zweifel, έποχή, Richten. – »Unmoralität« des Glaubens an die Moral.

Die Schritte:

  1. absolute Herrschaft der Moral: alle biologischen Erscheinungen nach ihr gemessen und gerichtet.
  2. Versuch einer Identifikation von Leben und Moral (Symptom einer erwachten Skepsis: Moral soll nicht mehr als Gegensatz gefühlt werden); mehrere Mittel, selbst ein transscendenter Weg.
  3. Entgegensetzung von Leben und Moral: Moral vom Leben aus gerichtet und verurtheilt.

D. Inwiefern die Moral dem Leben schädlich war:

  1. dem Genuß des Lebens, der Dankbarkeit gegen das Leben u. s. w.,
  2. der Verschönerung, Veredelung des Lebens,
  3. der Erkenntniß des Lebens,
  4. der Entfaltung des Lebens, insofern es die höchsten Erscheinungen desselben mit sich selbst zu entzweien suchte.

E. Gegenrechnung: ihre Nützlichkeit für das Leben.

  1. die Moral als Erhaltungsprincip von größeren Ganzen, als Einschränkung der Glieder: nützlich für das » Werkzeug«.
  2. die Moral als Erhaltungsprincip im Verhältniß zur inneren Gefährdung des Menschen durch Leidenschaften: nützlich für den » Mittelmäßigen«.
  3. die Moral als Erhaltungsprincip gegen die lebenvernichtenden Einwirkungen tiefer Noth und Verkümmerung: nützlich für den » Leidenden«.
  4. die Moral als Gegenprincip gegen die furchtbare Explosion der Mächtigen: nützlich für den » Niedrigen«.

 

267.

Es thut gut, »Recht«, »Unrecht« u. s. w. in einem bestimmten, engen, bürgerlichen Sinn zu nehmen, wie »thue Recht und scheue Niemand«: d. h. einem bestimmten groben Schema gemäß, innerhalb dessen ein Gemeinwesen besteht, seine Schuldigkeit thun.

– Denken wir nicht gering von Dem, was ein paar Jahrtausende Moral unserm Geiste angezüchtet haben!

 

268.

Zwei Typen der Moral sind nicht zu verwechseln: eine Moral, mit der sich der gesund gebliebene Instinkt gegen die beginnende décadence wehrt, – und eine andere Moral, mit der eben diese décadence sich formulirt, rechtfertigt und selber abwärts führt.

Die erstere pflegt stoisch, hart, tyrannisch zu sein (– der Stoicismus selbst war eine solche Hemmschuh-Moral); die andere ist schwärmerisch, sentimental, voller Geheimnisse, sie hat die Weiber und »schönen Gefühle« für sich (– das erste Christenthum war eine solche Moral).

 

269.

Das gesammte Moralisiren als Phänomen in's Auge bekommen. Auch als Räthsel. Die moralischen Phänomene habe mich beschäftigt wie Räthsel. Heute würde ich eine Antwort zu geben wissen: was bedeutet es, daß für mich das Wohl des Nächsten höheren Werth haben soll, als mein eigenes? daß aber der Nächste selbst den Werth seines Wohls anders schätzen soll als ich, nämlich demselben gerade mein Wohl überordnen soll? Was bedeutet das »Du sollst«, das selbst von Philosophen als »gegeben« betrachtet wird?

Der anscheinend verrückte Gedanke, daß Einer die Handlung, die er dem Andern erweist, höher halten soll, als die sich selbst erwiesene, dieser Andere ebenso wieder u. s. w. (daß man nur Handlungen gut heißen soll, weil Einer dabei nicht sich selbst im Auge hat, sondern das Wohl des Andern) hat seinen Sinn: nämlich als Instinkt des Gemeinsinns, auf der Schätzung beruhend, daß am Einzelnen überhaupt wenig gelegen ist, aber sehr viel an Allen zusammen, vorausgesetzt, daß sie eben eine Gemeinschaft bilden, mit einem Gemein-Gefühl und Gemein-Gewissen. Also eine Art Übung in einer bestimmten Richtung des Blicks, Wille zu einer Optik, welche sich selbst zu sehn unmöglich machen will.

Mein Gedanke: es fehlen die Ziele, und diese müssen Einzelne sein! Wir sehn das allgemeine Treiben: jeder Einzelne wird geopfert und dient als Werkzeug. Man gehe durch die Straße, ob man nicht lauter »Sklaven« begegnet. Wohin? Wozu?

 

270.

Wie ist es möglich, daß Jemand vor sich gerade in Hinsicht auf die moralischen Werthe allein Respekt hat, daß er alles Andere unterordnet und gering nimmt im Vergleich mit Gut, Böse, Besserung, Heil der Seele u.s.w.? z. B. Henri Fréd. Amiel. Was bedeutet die Moral-Idiosynkrasie? – ich frage psychologisch, auch physiologisch, z. B. Pascal. Also in Fällen, wo große andere Qualitäten nicht fehlen; auch im Falle Schopenhauer's, der ersichtlich Das schätzte, was er nicht hatte und haben konnte ... – ist es nicht die Folge einer bloß gewohnheitsmäßigen Moral-Interpretation von tatsächlichen Schmerz- und Unlust-Zuständen? ist es nicht eine bestimmte Art von Sensibilität, welche die Ursache ihrer vielen Unlustgefühle nicht versteht, aber mit moralischen Hypothesen sich zu erklären glaubt? Sodaß auch ein gelegentliches Wohlbefinden und Kraftgefühl immer sofort wieder unter der Optik vom »guten Gewissen«, von der Nähe Gottes, vom Bewußtsein der Erlösung überleuchtet erscheint? ... Also der Moral-Idiosynkratiker hat 1) entweder wirklich in der Annäherung an den Tugend-Typus der Gesellschaft seinen eigenen Werth: »der Brave«, » Rechtschaffene«, – ein mittlerer Zustand hoher Achtbarkeit: in allem Können mittelmäßig, aber in allem Wollen honnett, gewissenhaft, fest, geachtet, bewährt; 2) oder er glaubt ihn zu haben, weil er alle seine Zustände überhaupt nicht anders zu verstehen glaubt –, er ist sich unbekannt, er legt sich dergestalt aus. – Moral als das einzige Interpretationsschema, bei dem der Mensch sich aushält: – eine Art Stolz? ...

 

271.

Die Vorherrschaft der moralischen Werthe.– Folgen dieser Vorherrschaft: die Verderbniß der Psychologie u. s. w., das Verhängnis; überall, das an ihr hängt. Was bedeutet diese Vorherrschaft? Worauf weist sie hin? –

Auf eine gewisse größere Dringlichkeit eines bestimmten Ja und Nein auf diesem Gebiete. Man hat alle Arten Imperative darauf verwendet, um die moralischen Werthe als fest erscheinen zu lassen: sie sind am längsten commandirt worden: – sie scheinen instinktiv, wie innere Commando's. Es drücken sich Erhaltungsbedingungen der Societät darin aus, daß die moralischen Werthe als undiscutirbar empfunden werden. Die Praxis: das will heißen die Nützlichkeit, unter einander sich über die obersten Werthe zu verstehen, hat hier eine Art Sanktion erlangt. Wir sehen alle Mittel angewendet, wodurch das Nachdenken und die Kritik auf diesem Gebiete lahm gelegt wird: – welche Attitüde nimmt noch Kant an! nicht zu reden von Denen, welche es als unmoralisch ablehnen, hier zu »forschen« –

 

272.

Meine Absicht, die absolute Homogeneität in allem Geschehen zu zeigen und die Anwendung der moralischen Unterscheidung nur als perspektivisch bedingt; zu zeigen, wie alles Das, was moralisch gelobt wird, wesensgleich mit allem Unmoralischen ist und nur, wie jede Entwicklung der Moral, mit unmoralischen Mitteln und zu unmoralischen Zwecken ermöglicht worden ist –; wie umgekehrt Alles, was als unmoralisch in Verruf ist, ökonomisch betrachtet, das Höhere und Principiellere ist, und wie eine Entwicklung nach größerer Fülle des Lebens nothwendig auch den Fortschritt der Unmoralität bedingt. »Wahrheit« der Grad, in dem wir uns die Einsicht in diese Thatsache gestatten.

 

273.

Zuletzt sei man ohne Sorge: man braucht nämlich sehr viel Moralität, um in dieser seinen Weise unmoralisch zu sein; ich will ein Gleichniß gebrauchen:

Ein Physiologe, der sich für eine Krankheit interessirt, und ein Kranker, der von ihr geheilt werden will, haben nicht das gleiche Interesse. Nehmen wir einmal an, daß jene Krankheit die Moral ist – denn sie ist eine Krankheit – und daß wir Europäer deren Kranke sind: was für eine feine Qual und Schwierigkeit wird entstehen, wenn wir Europäer nun zugleich auch deren neugierige Beobachter und Physiologen sind! Weiden wir auch nur ernsthaft wünschen, von der Moral loszukommen? Werden wir es wollen? Abgesehen von der Frage, ob wir es können? Ob wir »geheilt« werden können? –

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