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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 14
Quellenangabe
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111210
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3. Christliche Ideale.

 

217.

Krieg gegen das christliche Ideal, gegen die Lehre von der »Seligkeit« und dem »Heil« als Ziel des Lebens, gegen die Suprematie der Einfältigen, der reinen Herzen, der Leidenden und Mißglückten.

Wann und wo hat je ein Mensch, der in Betracht kommt, jenem christlichen Ideal ähnlich gesehen? Wenigstens für solche Augen, wie sie ein Psycholog und Nierenprüfer haben muß! – man blättere alle Helden Plutarch's durch.

 

218.

Unser Vorrang: wir leben im Zeitalter der Vergleichung, wir können nachrechnen, wie nie nachgerechnet worden ist: wir sind das Selbstbewußtsein der Historie überhaupt. Wir genießen anders, wir leiden anders: die Vergleichung eines unerhört Vielfachen ist unsre instinktivste Thätigkeit. Wir verstehen Alles, wir leben Alles, wir haben kein feindseliges Gefühl mehr in uns. Ob wir selbst dabei schlecht wegkommen, unsre entgegenkommende und beinahe liebevolle Neugierde geht ungescheut auf die gefährlichsten Dinge los ...

»Alles ist gut« – es kostet uns Mühe, zu verneinen. Wir leiden, wenn wir einmal so unintelligent werden, Partei gegen Etwas zu nehmen ... Im Grunde erfüllen wir Gelehrten heute am besten die Lehre Christi – –

 

219.

Ironie gegen Die, welche das Christenthum durch die modernen Naturwissenschaften überwunden glauben. Die christlichen Werthurtheile sind damit absolut nicht überwunden. »Christus am Kreuze« ist das erhabenste Symbol – immer noch. –

 

220.

Die beiden großen nihilistischen Bewegungen: a) der Buddhismus, b) das Christenthum. Letzteres hat erst jetzt ungefähr Cultur-Zustände erreicht, in denen es seine ursprüngliche Bestimmung erfüllen kann – ein Niveau, zu dem es gehört, – in dem es sich rein zeigen kann...

 

221.

Wir haben das christliche Ideal wieder hergestellt: es bleibt übrig, seinen Werth zu bestimmen:

1) Welche Werthe werden durch dasselbe negirt? Was enthält das Gegensatz-Ideal? – Stolz, Pathos der Distanz, die große Verantwortung, den Übermuth, die prachtvolle Animalität, die kriegerischen und eroberungslustigen Instinkte, die Vergöttlichung der Leidenschaft, der Rache, der List, des Zorns, der Wollust, des Abenteuers, der Erkenntniß; –; das vornehme Ideal wird negirt: Schönheit, Weisheit, Macht, Pracht und Gefährlichkeit des Typus Mensch: der Ziele setzende, der »zukünftige« Mensch (–hier ergiebt sich die Christlichkeit als Schlußfolgerung des Judenthums–).

2) Ist es realisirbar? –Ja, doch klimatisch bedingt, ähnlich wie das indische. Beiden fehlt die Arbeit. – Es löst heraus aus Volk, Staat, Cultur-Gemeinschaft, Gerichtsbarkeit, es lehnt den Unterricht, das Wissen, die Erziehung zu guten Manieren, den Erwerb, den Handel ab .. es löst Alles ab, was den Nutzen und Werth des Menschen ausmacht – es schließt ihn durch eine Gefühls-Idiosynkrasie ab. Unpolitisch, antinational, weder aggressiv noch defensiv, – nur möglich innerhalb des festgeordnetsten Staats- und Gesellschaftslebens, welches diese heiligen Parasiten auf allgemeine Unkosten wuchern läßt ...

3) Es bleibt eine Consequenz des Willens zur Lust – und zu Nichts weiter! Die »Seligkeit« gilt als Etwas, das sich selbst beweist, das keine Rechtfertigung mehr braucht, – alles Übrige (die Art leben und leben lassen) ist nur Mittel zum Zweck ...

Aber das ist niedrig gedacht: die Furcht vor dem Schmerz, vor der Verunreinigung, vor der Verderbniß selbst als ausreichendes Motiv, Alles fahren zu lassen... Dies ist eine arme Denkweise, Zeichen einer erschöpften Rasse; man soll sich nicht täuschen lassen. (»Werdet wie die Kinder« –. Die verwandte Natur: Franz von Assisi, neurotisch, epileptisch, Visionär, wie Jesus.)

 

222.

Der höhere Mensch unterscheidet sich von dem niederen in Hinsicht auf die Furchtlosigkeit und die Herausforderung des Unglücks: es ist ein Zeichen von Rückgang, wenn eudämonistische Werthmaaße als oberste zu gelten anfangen (– physiologische Ermüdung, Willens-Verarmung –). Das Christenthum mit seiner Perspektive auf »Seligkeit« ist eine typische Denkweise für eine leidende und verarmte Gattung Mensch. Eine volle Kraft will schaffen, leiden, untergehn: ihr ist das christliche Mucker-Heil eine schlechte Musik und hieratische Gebärden ein Verdruß.

 

223.

Armuth, Demuth und Keuschheit –gefährliche und verleumderische Ideale, aber, wie Gifte in gewissen Krankheitsfällen, nützliche Heilmittel, z. B. in der römischen Kaiserzeit.

Alle Ideale sind gefährlich: weil sie das Thatsächliche erniedrigen und brandmarken; alle sind Gifte, aber als zeitweilige Heilmittel unentbehrlich.

 

224.

Gott schuf den Menschen glücklich, müßig, unschuldig und unsterblich: unser wirkliches Leben ist ein falsches, abgefallenes, sündhaftes Dasein, eine Straf-Existenz ... Das Leiden, der Kampf, die Arbeit, der Tod werden als Einwände und Fragezeichen gegen das Leben abgeschätzt, als etwas Unnatürliches, Etwas, das nicht dauern soll; gegen das man Heilmittel braucht – und hat! ...

Die Menschheit hat von Adam an bis jetzt sich in einem unnormalen Zustande befunden: Gott selbst hat seinen Sohn für die Schuld Adam's hergegeben, um diesem unnormalen Zustande ein Ende zu machen: der natürliche Charakter des Lebens ist ein Fluch; Christus giebt Dem, der an ihn glaubt, den Normal-Zustand zurück: er macht ihn glücklich, müßig und unschuldig. – Aber die Erde hat nicht angefangen, fruchtbar zu sein ohne Arbeit; die Weiber gebären nicht ohne Schmerzen Kinder; die Krankheit hat nicht aufgehört; die Gläubigsten befinden sich hier so schlecht wie die Ungläubigsten. Nur daß der Mensch vom Tode und von der Sünde befreit ist– Behauptungen, die keine Controlle zulassen –, das hat die Kirche umso bestimmter behauptet. »Er ist frei von Sünde« – nicht durch sein Thun, nicht durch einen rigorosen Kampf seinerseits, sondern durch die That der Erlösung freigekauft – folglich vollkommen, unschuldig, paradiesisch ... Das wahre Leben nur ein Glaube (d. h. ein Selbstbetrug, ein Irrsinn). Das ganze ringende, kämpfende, wirkliche Dasein voll Glanz und Finsterniß nur ein schlechtes, falsches Dasein: von ihm erlöst werden ist die Aufgabe.

»Der Mensch unschuldig, müßig, unsterblich, glücklich« – diese Conception der »höchsten Wünschbarkeit« ist vor Allem zu kritisiren. Warum ist die Schuld, die Arbeit, der Tod, das Leiden ( und, christlich geredet, die Erkenntniß ...) wider die höchste Wünschbarkeit? – Die faulen christlichen Begriffe »Seligkeit«, »Unschuld«, »Unsterblichkeit« – – –

 

225.

Es fehlt der excentrische Begriff der »Heiligkeit«, – »Gott« und »Mensch« sind nicht auseinandergerissen. Das »Wunder« fehlt – es giebt gar nicht jene Sphäre: die einzige, die in Betracht kommt, ist die »geistliche« (d. h. symbolisch-psychologische). Als décadence: Seitenstück zum »Epikureismus« ... Das Paradies, nach griechischem Begriff, auch nur der »Garten Epikur's«.

Es fehlt die Aufgabe in einem solchen Leben: – es will Nichts; – eine Form der »epikurischen Götter«; – es fehlt aller Grund, noch Ziele zu setzen, – Kinder zu haben: – Alles ist erreicht.

 

226.

Sie verachteten den Leib: sie ließen ihn außer Rechnung: mehr noch, sie behandelten ihn wie einen Feind. Ihr Wahnwitz war, zu glauben, man könne eine »schöne Seele« in einer Mißgeburt von Cadaver herumtragen ... Um das auch Andern begreiflich zu machen, hatten sie nöthig, den Begriff »schöne Seele« anders anzusetzen, den natürlichen Werth umzuwerthen, bis endlich ein bleiches, krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen als Vollkommenheit, als »englisch«, als Verklärung, als höherer Mensch empfunden wurde.

 

227.

Die Unwissenheit in psychologics – der Christ hat kein Nervensystem –; die Verachtung und das Willkürliche Wegsehen-wollen von den Forderungen des Leibes, von der Entdeckung des Leibes; die Voraussetzung, daß es so der höheren Natur des Menschen gemäß sei, – daß es der Seele nothwendig zu Gute komme –; die grundsätzliche Reduktion aller Gesammt-Gefühle des Leibes auf moralische Werthe; die Krankheit selbst bedingt gedacht durch die Moral, etwa als Strafe oder als Prüfung oder auch als Heils-Zustand, in dem der Mensch vollkommener wird, als er es in der Gesundheit sein könnte (– der Gedanke Pascal's), unter Umständen das freiwillige Sich-krank-machen –

 

228.

Was ist denn das, dieser Kampf des Christen »wider die Natur«? Wir werden uns ja durch seine Worte und Auslegungen nicht täuschen lassen! Es ist Natur wider Etwas, das auch Natur ist. Furcht bei Vielen, Ekel bei Manchen, eine gewisse Geistigkeit bei Anderen, die Liebe zu einem Ideal ohne Fleisch und Begierde, zu einem »Auszug der Natur« bei den Höchsten – diese wollen es ihrem Ideale gleichthun. Es versteht sich, daß Demüthigung an Stelle des Selbstgefühls, ängstliche Vorsicht vor den Begierden, die Lostrennung von den gewöhnlichen Pflichten (wodurch wieder ein höheres Ranggefühl geschaffen wird), die Aufregung eines beständigen Kampfes um ungeheure Dinge, die Gewohnheit der Gefühls-Effusion – alles einen Typus zusammensetzt: in ihm überwiegt die Reizbarkeit eines verkümmernden Leibes, aber die Nervosität und ihre Inspiration wird anders interpretirt. Der Geschmack dieser Art Naturen geht einmal 1) auf das Spitzfindige, 2) auf das Blumige, 3) auf die extremen Gefühle. – Die natürlichen Hänge befriedigen sich doch, aber unter einer neuen Form der Interpretation, z. B. als »Rechtfertigung vor Gott«, »Erlösungsgefühl in der Gnade« (– jedes unabweisbare Wohlgefühl wird so interpretiert! –), der Stolz, die Wollust usw. – Allgemeines Problem: was wird aus dem Menschen, der sich das Natürliche verlästert und praktisch verleugnet und verkümmert? Thatsächlich erweist sich der Christ als eine übertreibende Form der Selbstbeherrschung: um seine Begierden zu bändigen, scheint er nöthig zu haben, sie zu vernichten oder zu kreuzigen.

 

229.

Der Mensch kannte sich nicht physiologisch, die ganze Kette der Jahrtausende entlang: er kennt sich auch heute noch nicht. Zu wissen z. B., daß man ein Nervensystem habe (– aber keine »Seele« –), bleibt immer noch das Vorrecht der Unterrichtetsten. Aber der Mensch begnügt sich nicht, hier nicht zu wissen. Man muß sehr human sein, um zu sagen »ich weiß das nicht«, um sich Ignoranzen zu gönnen.

Gesetzt, er leidet oder er ist in guter Laune, so zweifelt er nicht, den Grund dafür zu finden, wenn er nur sucht. Also sucht er ihn ... In Wahrheit kann er den Grund nicht finden, weil er nicht einmal argwöhnt, wo er zu suchen hätte ... Was geschieht? ... Er nimmt eine Folge seines Zustandes als dessen Ursache, z. B. ein Werk in guter Laune unternommen (im Grunde unternommen, weil schon die gute Laune den Muth dazu gab) geräth: ecco, das Werk ist der Grund, zur guten Laune ... Thatsächlich war wiederum das Gelingen bedingt durch Dasselbe, was die gute Laune bedingte, – durch die glückliche Coordination der physiologischen Kräfte und Systeme.

Er befindet sich schlecht: und folglich wird er mit einer Sorge, einem Skrupel, einer Selbstkritik nicht fertig ... In Wahrheit glaubt der Mensch, sein schlechter Zustand sei die Folge seines Skrupels, seiner »Sünde«, seiner »Selbstkritik« ...

Aber der Zustand der Wiederherstellung, oft nach einer tiefen Erschöpfung und Prostration, kehrt zurück. »Wie ist das möglich, daß ich so frei, so erlöst bin? Das ist ein Wunder; das kann nur Gott mir gethan haben.« – Schluß: »er hat mir meine Sünde vergeben« ...

Daraus ergiebt sich eine Praktik: um Sündengefühle anzuregen, um Zerknirschungen vorzubereiten, hat man den Körper in einen krankhaften und nervösen Zustand zu bringen. Die Methodik dafür ist bekannt. Wie billig, argwöhnt man nicht die causale Logik der Thatsache: man hat eine religiöse Deutung für die Kasteiung des Fleisches, sie erscheint als Zweck an sich, während sie sich nur als Mittel ergiebt, um jene krankhafte Indigestion der Reue möglich zu machen (die »idée fixe« der Sünde, die Hypnotisirung der Henne durch den Strich »Sünde«). Die Mißhandlung des Leibes erzeugt den Boden für die Reihe der »Schuldgefühle«, d. h. ein allgemeines Leiden, das erklärt sein will ...

Andrerseits ergiebt sich ebenso die Methodik der »Erlösung«: man hat jede Ausschweifung des Gefühls durch Gebete, Bewegungen, Gebärden, Schwüre herausgefordert, – die Erschöpfung folgt, oft jäh, oft unter epileptischer Form. Und – hinter dem Zustand tiefer Somnolenz kommt der Schein der Genesung –, religiös geredet: »Erlösung«.

 

230.

Ehedem hat man jene Zustände und Folgen der physiologischen Erschöpfung, weil sie reich an Plötzlichem, Schrecklichem, Unerklärlichem und Unberechenbarem sind, für wichtiger genommen, als die gesunden Zustände und deren Folgen. Man fürchtete sich: man setzte hier eine höhere Welt an. Man hat den Schlaf und Traum, man hat den Schatten, die Nacht, den Naturschrecken verantwortlich gemacht für das Entstehen zweier Welten: vor Allem sollte man die Symptome der physiologischen Erschöpfung daraufhin betrachten. Die alten Religionen discipliniren ganz eigentlich den Frommen zu einem Zustande der Erschöpfung, wo er solche Dinge erleben muß ... Man glaubte in eine höhere Ordnung eingetreten zu sein, wo Alles aufhört, bekannt zu sein. – Der Schein einer höheren Macht ...

 

225.

Der Schlaf als Folge jeder Erschöpfung, die Erschöpfung als Folge jeder übermäßigen Reizung ...

Das Bedürfnis; nach Schlaf, die Vergöttlichung und Adoration selbst des Begriffes »Schlaf« in allen pessimistischen Religionen und Philosophien –

Die Erschöpfung ist in diesem Fall eine Rassen-Erschöpfung; der Schlaf, psychologisch genommen, nur ein Gleichnis; eines viel tieferen und längeren Ruhenmüssens ... In praxi ist es der Tod, der hier unter dem Bilde seines Bruders, des Schlafes, so verführerisch wirkt ...

 

232.

Der ganze christliche Buß- und Erlösungs- training kann aufgefaßt werden als eine willkürlich erzeugte folie circulaire: wie billig nur in bereits prädestinirten, nämlich morbid angelegten Individuen erzeugbar.

 

233.

Gegen Reue und ihre rein psychologische Behandlung. – Mit einem Erlebnis; nicht fertig weiden ist bereits ein Zeichen von dédadence. Dieses Wieder-Aufreißen alter Wunden, das Sich-Wälzen in Selbstverachtung und Zerknirschung ist eine Krankheit mehr, aus der nimmermehr das »Heil der Seele«, sondern immer nur eine neue Krankheitsform derselben entstehen kann ...

Diese »Erlösungs-Zustände« im Christen sind bloße Wechsel eines und desselben krankhaften Zustandes, – Auslegungen der epileptischen Krise unter einer bestimmten Formel, welche nicht die Wissenschaft, sondern der religiöse Wahn giebt.

Man ist auf eine krankhafte Manier gut, wenn man krank ist ... Wir rechnen jetzt den größten Theil des psychologischen Apparates, mit dem das Christenthum gearbeitet hat, unter die Formen der Hysterie und der Epilepsoidis.

Die ganze Praxis der seelischen Wiederherstellung muß auf eine physiologische Grundlage zurückgestellt werden: der »Gewissensbiß« als solcher ist ein Hinderniß der Genesung, – man muß Alles aufzuwiegen suchen durch neue Handlungen, um möglichst schnell dem Siechthum der Selbsttortur zu entgehn ... Man sollte die rein psychologische Praktik der Kirche und der Sekten als gesundheitsgefährlich in Verruf bringen... Man heilt einen Kranken nicht durch Gebete und Beschwörungen böser Geister: die Zustände der »Ruhe«, die unter solchen Einwirkungen eintreten, sind fern davon, im psychologischen Sinne Vertrauen zu erwecken ...

Man ist gesund, wenn man sich über seinen Ernst und Eifer lustig macht, mit dem irgend eine Einzelheit unsres Lebens dergestalt uns hypnotisirt hat, wenn man beim Gewissensbiß Etwas fühlt wie beim Biß eines Hundes wider einen Stein, – wenn man sich seiner Reue schämt, –

Die bisherige Praxis, die rein psychologische und religiöse, war nur aus eine Veränderung der Symptome aus: sie hielt einen Menschen für wiederhergestellt, wenn er vor dem Kreuze sich erniedrigte und Schwüre that, ein guter Mensch zu sein ... Aber ein Verbrecher, der mit einem gewissen düstern Ernst sein Schicksal festhält und nicht seine That hinterdrein verleumdet, hat mehr Gesundheit der Seele ... Die Verbrecher, mit denen Dostoiewsky zusammen im Zuchthause lebte, waren sammt und sonders ungebrochene Naturen, – sind sie nicht hundertmal mehr werth als ein »gebrochener« Christ?

(– Ich empfehle die Behandlung des Gewissensbisses mit der Mitchell-Cur – –)

 

234.

Der Gewissensbiß: Zeichen, daß der Charakter der That nicht gewachsen ist. Es giebt Gewissensbisse auch nach guten Werken: ihr Ungewöhnliches, das was aus dem alten Milieu heraushebt. –

 

235.

Gegen die Reue. – Ich liebe diese Art Feigheit gegen die eigene That nicht; man soll sich selbst nicht im Stich lassen unter dem Ansturz unerwarteter Schande und Bedrängniß. Ein extremer Stolz ist da eher am Platz. Zuletzt, was hilft es! Keine That wird dadurch, daß sie bereut wird, ungethan; ebensowenig dadurch, daß sie »vergeben« oder daß sie »gesühnt« wird. Man müßte Theologe sein, um an eine schuldentilgende Macht zu glauben: wir Immoralisten ziehen es vor, nicht an »Schuld« zu glauben. Wir halten dafür, daß jedwederlei Handlung in der Wurzel werth-identisch ist, – insgleichen daß Handlungen, welche sich gegen uns wenden, ebendarum immer noch, ökonomisch gerechnet, nützliche, allgemein-wünschbare Handlungen sein können. – Im einzelnen Fall werden wir zugestehen, daß eine That uns leicht hätte erspart bleiben können, – nur die Umstände haben uns zu ihr begünstigt. Wer von uns hätte nicht, von den Umständen begünstigt, schon die ganze Skala der Verbrechen durchgemacht? ... Man soll deshalb nie sagen: »das und das hättest du nicht thun sollen«, sondern immer nur: »wie seltsam, daß ich das nicht schon hundertmal gethan habe!« – Zuletzt sind die wenigsten Handlungen typische Handlungen und wirklich Abbreviaturen einer Person; und in Anbetracht, wie wenig Person die Meisten sind, wird selten ein Mensch durch eine einzelne That charakterisirt. That der Umstände, bloß epidermal, bloß reflexmaßig als Auslösung auf einen Reiz erfolgend: lange bevor die Tiefe unseres Seins davon berührt, darüber befragt worden ist. Ein Zorn, ein Griff, ein Messerstich: was ist daran von Person! – Die That bringt häufig eine Art Starrblick und Unfreiheit mit sich: sodaß der Thäter durch ihre Erinnerung wie gebannt ist und sich selbst bloß als Zubehör zu ihr noch fühlt. Diese geistige Störung, eine Form von Hvpnotisirung, hat man vor Allem zu bekämpfen: eine einzelne That, sie sei welche sie sei, ist doch im Vergleich mit Allem, was man thut, gleich Null und darf weggerechnet werden, ohne daß die Rechnung falsch würde. Das unbillige Interesse, welches die Gesellschaft haben kann, unsre ganze Existenz nur in Einer Richtung nachzurechnen, wie als ob ihr Sinn sei, eine einzelne That herauszutreiben, sollte den Thäter selbst nicht anstecken: leider geschieht es fast beständig. Das hängt daran, daß jeder That mit ungewöhnlichen Folgen eine geistige Störung folgt: gleichgültig selbst, ob diese Folgen gute oder schlimme sind. Man sehe einen Verliebten an, dem ein Versprechen zu Theil geworden; einen Dichter, dem ein Theater Beifall klatscht: sie unterscheiden sich, was den torpor intellectualis betrifft, in Nichts von dem Anarchisten, den man mit einer Haussuchung überfällt.

Es giebt Handlungen, die unser unwürdig sind: Handlungen, die, als typisch genommen, uns in eine niedrigere Gattung herabdrücken würden. Hier hat man allein diesen Fehler zu vermeiden, daß man sie typisch nimmt. Es giebt die umgekehrte Art Handlungen, deren wir nicht würdig sind: Ausnahmen, aus einer besondern Fülle von Glück und Gesundheit geboren, unsere höchsten Fluthwellen, die ein Sturm, ein Zufall einmal so hoch trieb: solche Handlungen und »Werke« sind ebenfalls nicht typisch. Man soll einen Künstler nie nach dem Maaße seiner Werke messen.

 

236.

A. In dem Maaße, in dem heute das Christenthum noch nöthig erscheint, ist der Mensch noch wüst und verhängnißvoll ...

B. In anderem Betracht ist es nicht nöthig, sondern extrem schädlich, wirkt aber anziehend und verführend, weil es dem morbiden Charakter ganzer Schichten, ganzer Typen der jetzigen Menschheit entspricht ... sie geben ihrem Hange nach, indem sie christlich aspiriren – die décadents aller Art –

Man hat hier zwischen A und B streng zu scheiden. Im Fall A ist Christenthum ein Heilmittel, mindestens ein Bändigungsmittel (– es dient unter Umständen, krank zu machen: was nützlich sein kann, um die Wüstheit und Roheit zu brechen). Im Fall B ist es ein Symptom der Krankheit selbst, vermehrt die décadence; hier wirkt es einem corrobortrenden System der Behandlung entgegen, hier ist es der Kranken-Instinkt gegen Das, was ihm heilsam ist –

 

237.

Die Partei der Ernsten, Würdigen, Nachdenklichen: und ihr gegenüber die wüste, unsaubere, unberechenbare Bestie –: ein bloßes Problem der Thierbändigung, – wobei der Thierbändiger hart, furchtbar und schreckeneinflößend sein muß für seine Bestie.

Alle wesentlichen Forderungen müssen mit einer brutalen Deutlichkeit, d. h. tausendfach übertrieben gestellt werden

: die Erfüllung der Forderung selbst muß in einer Vergröberung dargestellt werden, daß sie Ehrfurcht erregt, z. B. die Entsinnlichung seitens der Brahmanen.

*

Der Kampf mit der Canaille und dem Vieh. Ist eine gewisse Bändigung und Ordnung erreicht, so muß die Kluft zwischen diesen Gereinigten und Wiedergeborenen und dem Rest so furchtbar wie möglich aufgerissen werden ...

Diese Kluft vermehrt die Selbstachtung, den Glauben an Das, was von ihnen dargestellt wird, bei den höheren Kasten, – daher der Tschandala. Die Verachtung und deren Übermaaß ist vollkommen psychologisch correct, nämlich hundertfach übertrieben, um überhaupt nachgefühlt zu werden.

 

238.

Der Kampf gegen die brutalen Instinkte ist ein anderer, als der Kampf gegen die krankhaften Instinkte; es kann selbst ein Mittel sein, um über die Brutalität Herr zu werden, krank zu machen. Die psychologische Behandlung im Christenthum läuft oft darauf hinaus, aus einem Vieh ein krankes und folglich zahmes Thier zu machen.

Der Kampf gegen rohe und wüste Naturen muß ein Kampf mit Mitteln sein, die auf sie wirken: die abergläubischen Mittel sind unersetzlich und unerläßlich ...

 

239.

Unser Zeitalter ist in einem gewissen Sinne reif (nämlich décadent), wie es die Zeit Buddha's war ... Deshalb ist eine Christlichkeit ohne die absurden Dogmen möglich (die widerlichsten Ausgeburten des antiken Hybridismus).

 

240.

Gesetzt selbst, daß ein Gegenbeweis des christlichen Glaubens nicht geführt werden könnte, hielt Pascal doch in Hinsicht auf eine furchtbare Möglichkeit, daß er dennoch wahr sei, es für klug im höchsten Sinne, Christ zu sein. Heute findet man, zum Zeichen, wie sehr das Christentum an Furchtbarkeit eingebüßt hat, jenen andern Versuch seiner Rechtfertigung, daß selbst, wenn er ein Irrthum wäre, man zeitlebens doch den großen Vortheil und Genuß dieses Irrthums habe: – es scheint also, daß gerade um seiner beruhigenden Wirkungen willen dieser Glaube aufrecht erhalten werden solle, – also nicht aus Furcht vor einer drohenden Möglichkeit, vielmehr aus Furcht vor einem Leben, dem ein Reiz abgeht. Diese hedonische Wendung, der Beweis aus der Lust, ist ein Symptom des Niedergangs: er ersetzt den Beweis aus der Kraft, aus Dem, was an der christlichen Idee Erschütterung ist, aus der Furcht. Thatsächlich nähert sich in dieser Umdeutung das Christenthum der Erschöpfung: man begnügt sich mit einem opiatischen Christenthum, weil man weder zum Suchen, Kämpfen, Wagen, Alleinstehen-wollen die Kraft hat, noch zum Pascalismus, zu dieser grüblerischen Selbstverachtung, zum Glauben an die menschliche Unwürdigkeit, zur Angst des »Vielleicht-Verurtheilten«. Aber ein Christenthum, das vor Allem kranke Nerven beruhigen soll, hat jene furchtbare Lösung eines »Gottes am Kreuze« überhaupt nicht nöthig: weshalb im Stillen überall der Buddhismus in Europa Fortschritte macht.

 

241.

Der Humor der europäischen Cultur: man hält Das für wahr, aber thut Jenes. Z. B. was hilft alle Kunst des Lesens und der Kritik, wenn die kirchliche Interpretation der Bibel, die protestantische so gut wie die katholische, nach wie vor aufrecht erhalten wird!

 

242.

Man giebt sich nicht genug Rechenschaft darüber, in welcher Barbarei der Begriffe wir Europäer noch leben. Daß man hat glauben können, das »Heil der Seele« hänge an einem Buche! ... Und man sagt mir, man glaube das heute noch.

Was hilft alle wissenschaftliche Erziehung, alle Kritik und Hermeneutik, wenn ein solcher Widersinn von Bibel-Auslegung, wie ihn die Kirche aufrecht erhält, noch nicht die Schamröthe zur Leibfarbe gemacht hat?

 

243.

Nachzudenken: Inwiefern immer noch der verhängnißvolle Glaube an die göttliche Providenz dieser für Hand und Vernunft lähmendste Glaube, den es gegeben hat – fortbesteht; inwiefern unter den Formeln »Natur«, »Fortschritt«, »Vervollkommnung«, »Darwinismus«, unter dem Aberglauben einer gewissen Zusammengehörigkeit von Glück und Tugend, von Unglück und Schuld immer noch die christliche Voraussetzung und Interpretation ihr Nachleben hat. Jenes absurde Vertrauen zum Gang der Dinge, zum »Leben«, zum »Instinkt des Lebens«, jene biedermännische Resignation, die des Glaubens ist, Jedermann habe nur seine Pflicht zu thun, damit Alles gut gehe – dergleichen hat nur Sinn unter der Annahme einer Leitung der Dinge sub specie boni. Selbst noch der Fatalismus, unsre jetzige Form der philosophischen Sensibilität, ist eine Folge jenes längsten Glaubens an göttliche Fügung, eine unbewußte Folge: nämlich als ob es eben nicht auf uns ankomme, wie Alles geht (– als ob wir es laufen lassen dürften, wie es läuft: jeder Einzelne selbst nur ein Modus der absoluten Realität –).

 

244.

Es ist der Gipfel der psychologischen Verlogenheit des Menschen, sich ein Wesen als Anfang und »An-sich« nach seinem Winkel-Maaßstab des ihm gerade gut, weise, mächtig, werthvoll Erscheinenden herauszurechnen – und dabei die ganze Ursächlichkeit, vermöge deren überhaupt irgendwelche Güte, irgendwelche Weisheit, irgendwelche Macht besteht und Werth hat, wegzudenken. Kurz, Elemente der spätesten und bedingtesten Herkunft als nicht entstanden, sondern als »an sich« zu setzen und womöglich gar als Ursache alles Entstehens überhaupt ... Gehen wir von der Erfahrung aus, von jedem Falle, wo ein Mensch sich bedeutend über das Maaß des Menschlichen erhoben hat, so sehen wir, daß jeder hohe Grad von Macht Freiheit von Gut und Böse ebenso wie von »Wahr« und »Falsch« in sich schließt und Dem, was Güte will, keine Rechnung gönnen kann: wir begreifen dasselbe noch einmal für jeden hohen Grad von Weisheit – die Güte ist in ihr ebenso aufgehoben als die Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Tugend und andere Volks-Velleitäten der Werthung. Endlich jeder hohe Grad von Güte selbst: ist es nicht ersichtlich, daß er bereits eine geistige Myopie und Unfeinheit voraussetzt? insgleichen die Unfähigkeit, zwischen wahr und falsch, zwischen nützlich und schädlich auf eine größere Entfernung hin zu unterscheiden? gar nicht davon zu reden, daß ein hoher Grad von Macht in den Händen der höchsten Güte die unheilvollsten Folgen (»die Abschaffung des Übels«) mit sich bringen würde? – In der That, man sehe nur an, was der »Gott der Liebe« seinen Gläubigen für Tendenzen eingiebt: sie ruiniren die Menschheit zu Gunsten des »Guten«. – In praxi hat sich derselbe Gott angesichts der wirklichen Beschaffenheit der Welt als Gott der höchsten Kurzsichtigkeit, Teufelei und Ohnmacht erwiesen: woraus sich ergiebt, wie viel Werth seine Conception hat.

An sich hat ja Wissen und Weisheit keinen Werth; ebensowenig als Güte: man muß immer erst noch das Ziel haben, von wo aus diese Eigenschaften Werth oder Unwerth erhalten, – es könnte ein Ziel geben, von wo aus ein extremes Wissen einen hohen Unwerth darstellte (etwa wenn die extreme Täuschung eine der Voraussetzungen der Steigerung des Lebens wäre; insgleichen wenn die Güte etwa die Sprungfedern der großen Begierde zu lähmen und zu entmuthigen vermöchte) ...

Unser menschliches Leben gegeben, wie es ist, so hat alle »Wahrheit«, alle »Güte«, alle »Heiligkeit«, alle »Göttlichkeit« im christlichen Stile bis jetzt sich als große Gefahr erwiesen, – noch jetzt ist die Menschheit in Gefahr, an einer lebenswidrigen Idealität zu Grunde zu gehn.

 

245.

Man überlege sich die Einbuße, welche alle menschlichen Institutionen machen, falls überhaupt eine göttliche und jenseitige höhere Sphäre angesetzt wird, welche diese Institutionen erst sanktionirt. Indem man sich gewöhnt, den Werth dann in dieser Sanktion zu sehen (z. B. in der Ehe), hat man ihre natürliche Würdigkeit zurückgesetzt, unter Umständen geleugnet ... Die Natur ist in dem Maaße mißgünstig beurtheilt, als man die Widernatur eines Gottes zu Ehren gebracht hat. »Natur« wurde so viel wie »verächtlich«, »schlecht« ...

Das Verhängniß eines Glaubens an die Realität der höchsten moralischen Qualitäten als Gott: damit waren alle wirklichen Werthe geleugnet und grundsätzlich als Unwerthe gefaßt. So stieg das Widernatürliche auf den Thron. Mit einer unerbittlichen Logik langte man bei der absoluten Forderung der Verneinung der Natur an.

 

246.

Damit, daß das Christenthum die Lehre von der Uneigennützigkeit und Liebe in den Vordergrund gerückt hat, hat es durchaus noch nicht das Gattungs-Interesse für höherwerthig angesetzt als das Individual-Interesse. Seine eigentlich historische Wirkung, das Verhängnis von Wirkung bleibt umgekehrt gerade die Steigerung des Egoismus, des Individual-Egoismus bis in's Extrem (– bis zum Extrem der Individual-Unsterblichkeit). Der Einzelne wurde durch das Christenthum so wichtig genommen, so absolut gesetzt, daß man ihn nicht mehr opfern konnte: aber die Gattung besteht nur durch Menschenopfer ... Vor Gott wurden alle »Seelen« gleich: aber das ist gerade die gefährlichste aller möglichen Werthschätzungen! Setzt man die Einzelnen gleich, so stellt man die Gattung in Frage, so begünstigt man eine Praxis, welche auf den Ruin der Gattung hinausläuft: das Christenthum ist das Gegenprincip gegen die Selektion. Wenn der Entartende und Kranke (»der Christ«) so viel Werth haben soll wie der Gesunde (»der Heide«), oder gar noch mehr, nach Pascal's Urtheil über Krankheit und Gesundheit, so ist der natürliche Gang der Entwicklung gekreuzt und die Unnatur zum Gesetz gemacht ... Diese allgemeine Menschenliebe ist in praxi die Bevorzugung alles Leidenden, Schlechtweggekommenen, Degenerirten: sie hat thatsächlich die Kraft, die Verantwortlichkeit, die hohe Pflicht, Menschen zu opfern, heruntergebracht und abgeschwächt. Es blieb nach dem Schema des christlichen Werthmaaßes nur noch übrig, sich selbst zu opfern: aber dieser Rest von Menschenopfer, den das Christenthum concedirte und selbst anrieth, hat, vom Standpunkte der Gesammt-Züchtung aus, gar keinen Sinn. Es ist für das Gedeihen der Gattung gleichgültig, ob irgend welche Einzelne sich selbst opfern (– sei es in mönchischer und asketischer Manier oder, mit Hülfe von Kreuzen, Scheiterhaufen und Schafotten, als »Märtyrer« des Irrthums). Die Gattung braucht den Untergang der Mißrathenen, Schwachen, Degenerirten: aber gerade an sie wendete sich das Christenthum, als conservirende Gewalt; sie steigerte noch jenen an sich schon so mächtigen Instinkt der Schwachen, sich zu schonen, sich zu erhalten, sich gegenseitig zu hallen. Was ist die »Tugend« und »Menschenliebe« im Christenthum, wenn nicht eben diese Gegenseitigkeit der Erhaltung, diese Solidarität der Schwachen, diese Verhinderung der Selektion? Was ist der christliche Altruismus, wenn nicht der Massen-Egoismus der Schwachen, welcher erräth, daß, wenn Alle für einander sorgen, jeder Einzelne am längsten erhalten bleibt? ... Wenn man eine solche Gesinnung nicht als eine extreme Unmoralität, als ein Verbrechen am Leben empfindet, so gehört man zur kranken Bande und hat selber deren Instinkte ... Die echte Menschenliebe verlangt das Opfer zum Besten der Gattung, – sie ist hart, sie ist voll Selbstüberwindung, weil sie das Menschenopfer braucht. Und diese Pseudo-Humanität, die Christenthum heißt, will gerade durchsetzen, daß Niemand geopfert wird ...

 

247.

Nichts wäre nützlicher und mehr zu fördern, als ein consequenter Nihilismus der That. – So wie ich alle die Phänomene des Christenthums, des Pessimismus verstehe, so drücken sie aus: »wir sind reif, nicht zu sein; für uns ist es vernünftig, nicht zu sein«. Diese Sprache der »Vernunft« wäre in diesem Falle auch die Sprache der selektiven Natur.

Was über alle Begriffe dagegen zu verurtheilen ist, das ist die zweideutige und feige Halbheit einer Religion, wie die des Christenthums: deutlicher, der Kirche: welche, statt zum Tode und zur Selbstvernichtung zu ermuthigen, alles Mißrathene und Kranke schützt und sich selbst fortpflanzen macht –

Problem: mit was für Mitteln würde eine strenge Form des großen contagiösen Nihilismus erzielt werden: eine solche, welche, mit wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, den freiwilligen Tod lehrt und übt (– und nicht das schwächliche Fortvegetiren mit Hinsicht auf eine falsche Postexistenz –)?

Man kann das Christenthum nicht genug verurtheilen, weil es den Werth einer solchen reinigenden großen Nihilismus-Bewegung, wie sie vielleicht im Gange war, durch den Gedanken der unsterblichen Privat-Person entwerthet hat: insgleichen durch die Hoffnung auf Auferstehung: kurz, immer durch ein Abhalten von der That des Nihilismus, dem Selbstmord ... Es substituirte den langsamen Selbstmord: allmählich ein kleines, armes, aber dauerhaftes Leben; allmählich ein ganz gewöhnliches, bürgerliches, mittelmäßiges Leben u. s. w.

 

248.

Die christlichen Moral-Quacksalber. – Mitleid und Verachtung folgen sich in schnellem Wechsel, und mitunter bin ich empört, wie beim Anblick eines schnöden Verbrechens. Hier ist der Irrthum zur Pflicht gemacht – zur Tugend –, der Fehlgriff ist Handgriff geworden, der Zerstörer-Instinkt systematisirt als »Erlösung«; hier wird aus jeder Operation eine Verletzung, eine Ausschneidung selbst von Organen, deren Energie die Voraussetzung jeder Wiederkehr der Gesundheit ist. Und besten Falls wird nicht geheilt, sondern nur eine Symptomen-Reihe des Übels in eine andere eingetauscht ... Und dieser gefährliche Unsinn, das System der Schändung und Verschneidung des Lebens gilt als heilig, als unantastbar; in seinem Dienste leben, Werkzeug dieser Heilkunst sein, Priester sein hebt heraus, macht ehrwürdig, macht heilig und unantastbar selbst. Nur die Gottheit kann die Urheberin dieser höchsten Heilkunst sein: nur als Offenbarung ist die Erlösung begreiflich, als Akt der Gnade, als unverdientestes Geschenk, das der Creatur gemacht ist.

Erster Satz: die Gesundheit der Seele wird als Krankheit angesehen, mißtrauisch ...

Zweiter Satz: die Voraussetzungen für ein starkes und blühendes Leben, die starken Begehrungen und Leidenschaften, gelten als Einwände gegen ein starkes und blühendes Leben.

Dritter Satz: Alles, woher dem Menschen Gefahr droht. Alles, was über ihn Herr werden und ihn zu Grunde lichten kann, ist böse, ist verwerflich, – ist mit der Wurzel aus seiner Seele auszureißen.

Vierter Satz: der Mensch, ungefährlich gemacht, gegen sich und Andre, schwach, niedergeworfen in Demuth und Bescheidenheit, seiner Schwäche bewußt, der »Sünder«, – das ist der wünschbarste Typus, der, welchen man mit einiger Chirurgie der Seele auch herstellen kann ...

 

249.

Wogegen ich protestire? Daß man nicht diese kleine friedliche Mittelmäßigkeit, dieses Gleichgewicht einer Seele, welche nicht die großen Antriebe der großen Krafthäufungen kennt, als etwas Hohes nimmt, womöglich gar als Maaß des Menschen.

Bacon von Verulam sagt: Infimarum virtutum apud vulgus laus est, mediarum admitratio, supremarum sensus nullus. Das Christenthum aber gehört, als Religion, zum vulgus: es hat für die höchste Gattung virtus keinen Sinn.

 

250.

Sehen wir, was »der echte Christ« mit Alledem anfängt, was seinem Instinkte sich widerräth: – die Beschmutzung und Verdächtigung des Schönen, des Glänzenden, des Reichen, des Stolzen, des Selbstgewissen, des Erkennenden, des Mächtigen – in summa der ganzen Cultur: seine Absicht geht dahin, ihr das gute Gewissen zu nehmen ...

 

251.

Man hat bisher das Christenthum immer auf eine falsche, und nicht bloß schüchterne Weise angegriffen. Solange man nicht die Moral des Christenthums als Capitalverbrechen am Leben empfindet, haben dessen Vertheidiger gutes Spiel. Die Frage der bloßen »Wahrheit« des Christenthums – sei es in Hinsicht auf die Existenz seines Gottes oder die Geschichtlichkeit seiner Entstehungslegende, gar nicht zu reden von der christlichen Astronomie und Naturwissenschaft – ist eine ganz nebensächliche Angelegenheit, solange die Werthfrage der christlichen Moral nicht berührt ist. Taugt die Moral des Christenthums Etwas oder ist sie eine Schändung und Schmach trotz aller Heiligkeit der Verführungskünste? Es giebt Schlupfwinkel jeder Art für das Problem von der Wahrheit; und die Gläubigsten können zuletzt sich der Logik der Ungläubigsten bedienen, um sich ein Recht zu schaffen, gewisse Dinge als unwiderlegbar zu affirmiren – nämlich als jenseits der Mittel aller Widerlegung (– dieser Kunstgriff heißt sich heute »Kantischer Kriticismus«).

 

252.

Man soll es dem Christenthum nie vergeben, daß es solche Menschen wie Pascal zu Grunde gerichtet hat. Man soll nie aufhören, eben Dies am Christenthum zu bekämpfen, daß es den Willen dazu hat, gerade die stärksten und vornehmsten Seelen zu zerbrechen. Man soll sich nie Frieden geben, solange dies Eine noch nicht in Grund und Boden zerstört ist: das Ideal vom Menschen, welches vom Christenthum erfunden worden ist, seine Forderungen an den Menschen, sein Nein und sein Ja in Hinsicht auf den Menschen. Der ganze absurde Rest von christlicher Fabel, Begriffs-Spinneweberei und Theologie geht uns Nichts an; er könnte noch tausendmal absurder sein, und wir würden nicht einen Finger gegen ihn aufheben. Aber jenes Ideal bekämpfen wir, das mit seiner krankhaften Schönheit und Weibs-Verführung, mit seiner heimlichen Verleumder-Beredsamkeit allen Feigheiten und Eitelkeiten müdgewordner Seelen zuredet – und die Stärksten haben müde Stunden –, wie als ob alles Das, was in solchen Zuständen am nützlichsten und wünschbarsten scheinen mag, Vertrauen, Arglosigkeit, Anspruchslosigkeit, Geduld, Liebe zu seines Gleichen, Ergebung, Hingebung an Gott, eine Art Abschirrung und Abdankung seines ganzen Ichs, auch an sich das Nützlichste und Wünschbarste sei; wie als ob die kleine bescheidene Mißgeburt von Seele, das tugendhafte Durchschnittsthier und Heerdenschaf Mensch nicht nur den Vorrang vor der stärkeren, böseren, begehrlicheren, trotzigeren, verschwenderischeren und darum hundertfach gefährdeteren Art Mensch habe, sondern geradezu für den Menschen überhaupt das Ideal, das Ziel, das Maaß, die höchste Wünschbarkeit abgebe. Diese Aufrichtung eines Ideals war bisher die unheimlichste Versuchung, welcher der Mensch ausgesetzt war: denn mit ihm drohte den stärker gerathenen Ausnahmen und Glücksfällen von Mensch, in denen der Wille zur Macht und zum Wachsthum des ganzen Typus Mensch einen Schritt vorwärts thut, der Untergang; mit seinen Werthen sollte das Wachsthum jener Mehr-Menschen an der Wurzel angegraben werden, welche um ihrer höheren Ansprüche und Aufgaben willen freiwillig auch ein gefährlicheres Leben (ökonomisch ausgedrückt: Steigerung der Unternehmer-Kosten ebensosehr wie der Unwahrscheinlichkeit des Gelingens) in den Kauf nehmen. Was wir am Christenthum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Muth entmuthigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnoth verkehren will, daß es die vornehmen Instinkte giftig und krank zu machen versteht, bis sich ihre Kraft, ihr Wille zur Macht rückwärts lehrt, gegen sich selber kehrt, – bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zu Grunde gehen: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgiebt.

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