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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 13
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
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2. Zur Geschichte des Christenthums

 

158.

Man soll das Christenthum als historische Realität nicht mit jener Einen Wurzel verwechseln, an welche es mit seinem Namen erinnert: die andern Wurzeln, aus denen es gewachsen ist, sind bei Weitem mächtiger gewesen. Es ist ein Mißbrauch ohne Gleichen, wenn solche Verfalls-Gebilde und Mißformen, die »christliche Kirche«, »christlicher Glaube« und »christliches Leben« heißen, sich mit jenem heiligen Namen abzeichnen. Was hat Christus verneint? – Alles, was heute christlich heißt.

 

159.

Die ganze christliche Lehre von Dem, was geglaubt werden soll, die ganze christliche »Wahrheit« ist eitel Lug und Trug: und genau das Gegenstück von Dem, was den Anfang der christlichen Bewegung gegeben hat.

Das gerade, was im kirchlichen Sinn das Christliche ist, ist das Antichristliche von vornherein: lauter Sachen und Personen statt der Symbole, lauter Historie statt der ewigen Thatsachen, lauter Formeln, Riten, Dogmen statt einer Praxis des Lebens. Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen Dogmen, Cultus, Priester, Kirche, Theologie.

Die Praxis des Christentums ist keine Phantasterei, so wenig die Praxis des Buddhismus sie ist: sie ist ein Mittel, glücklich zu sein,

 

160.

Jesus geht direkt auf den Zustand los, das »Himmelreich« im Herzen, und findet die Mittel nicht in der Observanz der jüdischen Kirche –; er rechnet selbst die Realität des Judenthums (seine Nöthigung, sich zu erhalten) für Nichts; er ist rein innerlich. –

Ebenso macht er sich Nichts aus den sämmtlichen groben Formeln im Verkehr mit Gott: er wehrt sich gegen die ganze Buß- und Versöhnungs-Lehre; er zeigt, wie man leben muß, um sich als »vergöttlicht« zu fühlen – und wie man nicht mit Buße und Zerknirschung über seine Sünden dazu kommt: » es liegt Nichts an Sünde« ist sein Haupturtheil.

Sünde, Buße, Vergebung, – das gehört Alles nicht hierher ... das ist eingemischtes Judenthum, oder es ist heidnisch.

 

161.

Das Himmelreich ist ein Zustand des Herzens (– von den Kindern wird gesagt »denn ihrer ist das Himmelreich«): Nichts, was »über der Erde« ist. Das Reich Gottes »kommt« nicht chronologisch-historisch, nicht nach dem Kalender, Etwas, das eines Tages da wäre und Tags vorher nicht: sondern es ist eine »Sinnes-Änderung im Einzelnen«, Etwas, das jederzeit kommt und jederzeit noch nicht da ist ...

 

162.

Der Schächer am Kreuz: – wenn der Verbrecher selbst, der einen schmerzhaften Tod leidet, urtheilt: »so, wie dieser Jesus, ohne Revolte, ohne Feindschaft, gütig, ergeben, leidet und stirbt, so allein ist es das Rechte«, hat er das Evangelium bejaht: und damit ist er im Paradiese...

 

163.

Jesus gebietet: Man soll Dem, der böse gegen uns ist, weder durch die That, noch im Herzen Widerstand leisten.

Man soll keinen Grund anerkennen, sich von seinem Weibe zu scheiden.

Man soll keinen Unterschied zwischen Fremden und Einheimischen, Ausländern und Volksgenossen machen.

Man soll sich gegen Niemanden erzürnen, man soll Niemanden geringschätzen. Gebt Almosen im Verborgenen. Man soll nicht reich werden wollen. Man soll nicht schwören. Man soll nicht richten. Man soll sich versöhnen, man soll vergeben. Betet nicht öffentlich.

Die »Seligkeit« ist nichts Verheißenes: sie ist da, wenn man so und so lebt und thut.

 

164.

Spätere Zuthaten. – Die ganze Propheten- und Wunderthäter-Attitüde, der Zorn, das Heraufbeschwören des Gerichts ist eine abscheuliche Verderbniß (z. B. Marcus 6, 11 Und Die, welche euch nicht aufnehmen... ich sage euch: wahrlich, es wird Sodom und Gomorrha u. s. w.). Der »Feigenbaum« (Matth. 21, 18): Als er aber des Morgens wieder in die Stadt gieng, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum am Wege und gieng hin und fand Nichts daran, denn allein Blätter, und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir hinfort nimmermehr Frucht! und der Feigenbaum verdorrte alsbald.

 

165.

Auf eine ganz absurde Weise ist die Lohn- und Straf-Lehre hineingemengt: es ist Alles damit verdorben.

Insgleichen ist die Praxis der ersten ecclesia militans, des Apostels Paulus und sein Verhalten auf eine ganz verfälschende Weise als geboten, als voraus festgesetzt dargestellt – – – .

Die nachträgliche Verherrlichung des thatsächlichen Lebens und Lehrens der ersten Christen: wie als ob Alles so vorgeschrieben und bloß befolgt wäre – –.

Nun gar die Erfüllung der Weissagungen: was ist da Alles gefälscht und zurecht gemacht worden!

 

166.

Jesus stellte ein wirkliches Leben, ein Leben in der Wahrheit jenem gewöhnlichen Leben gegenüber: Nichts liegt ihm ferner, als der plumpe Unsinn eines »verewigten Petrus«, einer ewigen Personal-Fortdauer. Was er bekämpft, das ist die Wichtigthuerei der »Person«: wie kann er gerade die verewigen wollen?

Er bekämpft insgleichen die Hierarchie innerhalb der Gemeinde: er verspricht nicht irgend eine Proportion von Lohn je nach der Leistung: wie kann er Strafe und Lohn im Jenseits gemeint haben!

 

167.

Das Christenthum ist ein naiver Ansatz zu einer buddhistischen Friedensbewegung, mitten aus dem eigentlichen Herde des Ressentiments heraus ... aber durch Paulus zu einer heidnischen Mysterienlehre umgedreht, welche endlich sich mit der ganzen staatlichen Organisation vertragen lernt ... und Kriege führt, verurtheilt, foltert, schwört, haßt.

Paulus geht von dem Mysterien-Bedürfniß der großen, religiös-erregten Menge aus: er sucht ein Opfer, eine blutige Phantasmagorie, die den Kampf aushält mit den Bildern der Geheimculte: Gott am Kreuze, das Bluttrinken, die unio mystica, mit dem »Opfer«.

Er sucht die Fortexistenz (die selige, entsühnte Fortexistenz der Einzelseele) als Auferstehung in Causalverbindung mit jenem Opfer zu bringen (nach dem Typus des Dionysos, Mithras, Osiris).

Er hat nöthig, den Begriff Schuld und Sünde in den Vordergrund zu bringen, nicht eine neue Praxis (wie sie Jesus selbst zeigte und lehrte), sondern einen neuen Cultus, einen neuen Glauben, einen Glauben an eine wundergleiche Verwandlung (»Erlösung« durch den Glauben).

Er hat das große Bedürfniß der heidnischen Welt verstanden und aus den Tatsachen vom Leben und Tode Christi eine vollkommen willkürliche Auswahl gemacht, Alles neu accentuirt, überall das Schwergewicht verlegt... er hat principiell das ursprüngliche Christenthum annullirt ...

Das Attentat auf Priester und Theologen mündete, Dank dem Paulus, in eine neue Priesterschaft und Theologie – einen herrschenden Stand, auch eine Kirche.

Das Attentat auf die übermäßige Wichtigthuerei der » Person« mündete in den Glauben an die »ewige Person« (in die Sorge um's »ewige Heil« ...), in die paradoxeste Übertreibung des Personal-Egoismus.

Das ist der Humor der Sache, ein tragischer Humor: Paulus hat gerade Das im großen Stile wieder aufgerichtet, was Christus durch sein Leben annullirt hatte. Endlich, als die Kirche fertig ist, nimmt sie sogar das Staats-Dasein unter ihre Sanktion.

 

168.

– Die Kirche ist exakt Das, wogegen Jesus gepredigt hat – und wogegen er seine Jünger kämpfen lehrte –

 

169.

Ein Gott für unsere Sünden gestorben; eine Erlösung durch den Glauben; eine Wiederauferstehung nach dem Tode – das sind alles Falschmünzereien des eigentlichen Christenthums, für die man jenen unheilvollen Querkopf (Paulus) verantwortlich machen muß.

Das vorbildliche Leben besteht in der Liebe und Demuth; in der Herzens-Fülle, welche auch den Niedrigsten nicht ausschließt; in der förmlichen Verzichtleistung auf das Recht-behalten-wollen, auf Vertheidigung, auf Sieg im Sinne des persönlichen Triumphes; im Glauben an die Seligkeit hier, auf Erden, trotz Noth, Widerstand und Tod; in der Versöhnlichkeit, in der Abwesenheit des Zornes, der Verachtung; nicht belohnt werden wollen; Niemandem sich verbunden haben; die geistlich-geistigste Herrenlosigkeit; ein sehr stolzes Leben unter dem Willen zum armen und dienenden Leben.

Nachdem die Kirche die ganze christliche Praxis sich hatte nehmen lassen und ganz eigentlich das Leben im Staate, jene Art Leben, welche Jesus bekämpft und verurtheilt hatte, sanktionirt hatte, mußte sie den Sinn des Christenthums irgendwo anders hin legen: in den Glauben an unglaubwürdige Dinge, in das Ceremoniell von Gebeten, Anbetung, Festen u. s. w. Der Begriff »Sünde«, »Vergebung«, »Strafe«, »Belohnung« – Alles ganz unbeträchtlich und fast ausgeschlossen vom ersten Christenthum – kommt setzt in den Vordergrund.

Ein schauderhafter Mischmasch von griechischer Philosophie und Judenthum: der Asketismus; das beständige Richten und Verurtheilen; die Rangordnung u. s. w.

 

170.

Das Christentum hat von vornherein das Symbolische in Cruditäten umgesetzt:

  1. der Gegensatz »wahres Leben« und »falsches« Leben: mißverstanden als »Leben diesseits« und »Leben jenseits«;
  2. der Begriff »ewiges Leben« im Gegensatz zum Personal-Leben der Vergänglichkeit als »Personal-Unsterblichkeit«
  3. die Verbrüderung durch gemeinsamen Genuß von Speise und Trank nach hebräisch-arabischer Gewohnheit als »Wunder der Transsubstantiation«;
  4. die »Auferstehung –« als Eintritt in das »wahre Leben«, als »wiedergeboren«; daraus: eine historische Eventualität, die irgendwann nach dem Tode eintritt;
  5. die Lehre vom Menschensohn als dem »Sohn Gottes«, das Lebensverhältnis zwischen Mensch und Gott; daraus: die »zweite Person der Gottheit« – gerade das weggeschafft: das Sohnverhältniß jedes Menschen zu Gott, auch des niedrigsten;
  6. die Erlösung durch den Glauben (nämlich daß es keinen anderen Weg zur Sohnschaft Gottes giebt als die von Christus gelehrte Praxis des Lebens) umgekehrt in den Glauben, daß man an irgend eine wunderbare Abzahlung der Sünde zu glauben habe, welche nicht durch den Menschen, sondern durch die That Christi bewerkstelligt ist:

    Damit mußte »Christus am Kreuze« neu gedeutet werden. Dieser Tod war an sich durchaus nicht die Hauptsache ... er war nur ein Zeichen mehr, wie man sich gegen die Obrigkeit und Gesetze der Welt zu verhalten habe – nicht sich wehren ... Darin lag das Vorbild.

 

171.

Zur Psychologie des Paulus. – Das Faktum ist der Tod Jesu. Dies bleibt auszulegen ... Daß es eine Wahrheit und einen Irrthum in der Auslegung giebt, ist solchen Leuten gar nicht in den Sinn gekommen: eines Tags steigt ihnen eine sublime Möglichkeit in den Kopf »es könnte dieser Tod das und das bedeuten« – und sofort ist er das! Eine Hypothese beweist sich durch den sublimen Schwung, welchen sie ihrem Urheber giebt ...

»Der Beweis der Kraft«: d. h. ein Gedanke wird durch seine Wirkung bewiesen, – (»an seinen Früchten«, wie die Bibel naiv sagt); was begeistert, muß wahr sein, – wofür man sein Blut läßt, muß wahr sein –

Hier wird überall das plötzliche Machtgefühl, das ein Gedanke in seinem Urheber erregt, diesem Gedanken als Werth zugerechnet: – und da man einen Gedanken gar nicht anders zu ehren weiß, als indem man ihn als wahr bezeichnet, so ist das erste Prädikat, das er zu seiner Ehre bekommt, er sei wahr ... Wie könnte er sonst wirken? Er wird von einer Macht imaginirt: gesetzt sie wäre nicht real, so könnte sie nicht wirken ... Er wird als inspirirt aufgefaßt: die Wirkung, die er ausübt, hat Etwas von der Übergewalt eines dämonischen Einflusses –

Ein Gedanke, dem ein solcher décadent nicht Widerstand zu leisten vermag, dem er vollends verfällt, ist als wahr »bewiesen«!!!

Alle diese heiligen Epileptiker und Gesichte-Seher besaßen nicht ein Tausendstel von jener Rechtschaffenheit der Selbstkritik, mit der heute ein Philologe einen Text liest oder ein historisches Ereigniß auf seine Wahrheit prüft ... Es sind, im Vergleich zu uns, moralische Cretins ...

 

172.

Daß es nicht darauf ankommt, ob Etwas wahr ist, sondern wie es wirkt –: absoluter Mangel an intellektueller Rechtschaffenheit. Alles ist gut, die Lüge, die Verleumdung, die unverschämteste Zurechtmachung, wenn es dient, jenen Wärmegrad zu erhöhen, – bis man »glaubt« –.

Eine förmliche Schule der Mittel der Verführung zu einem Glauben: principielle Verachtung der Sphären, woher der Widerspruch kommen könnte (– der Vernunft, der Philosophie und Weisheit, des Mißtrauens, der Vorsicht); ein unverschämtes Loben und Verherrlichen der Lehre unter beständiger Berufung darauf, daß Gott es sei, der sie gebe, – daß der Apostel Nichts bedeute, – daß hier Nichts zu kritisiren sei, sondern nur zu glauben, anzunehmen; daß es die außerordentlichste Gnade und Gunst sei, eine solche Erlösungslehre zu empfangen; daß die tiefste Dankbarkeit und Demuth der Zustand sei, in dem man sie zu empfangen habe ...

Es wird beständig speculirt auf die Ressentiments, welche diese Niedrig-Gestellten gegen Alles, was in Ehren ist, empfinden: daß man ihnen diese Lehre als Gegensatz-Lehre gegen die Weisheit der Welt, gegen die Macht der Welt darstellt, das verführt zu ihr. Sie überredet die Ausgestoßenen und Schlechtweggekommenen aller Art; sie verspricht die Seligkeit, den Vorzug, das Privilegium den Unscheinbarsten und Demüthigsten; sie fanatisirt die armen, kleinen, thörichten Köpfe zu einem unsinnigen Dünkel, wie als ob sie der Sinn und das Salz der Erde wären –.

Das Alles, nochmals gesagt, kann man nicht tief genug verachten. Wir ersparen uns die Kritik der Lehre; es genügt, die Mittel anzusehn, deren sie sich bedient, um zu wissen, womit man es zu thun hat. Sie accordirte mit der Tugend, sie nahm die ganze Fascinations-Kraft der Tugend schamlos für sich allein in Anspruch ... sie accordirte mit der Macht des Paradoxen, mit dem Bedürfniß alter Civilisationen nach Pfeffer und Widersinn; sie verblüffte, sie empörte, sie reizte auf zu Verfolgung und zu Mißhandlung –.

Es ist genau dieselbe Art durchdachter Nichtswürdigkeit, mit der die jüdische Priesterschaft ihre Macht festgestellt hat und die jüdische Kirche geschaffen worden ist ...

Man soll unterscheiden: 1) jene Wärme der Leidenschaft »Liebe« (auf dem Untergrund einer hitzigen Sinnlichkeit ruhend); 2) das absolut Unvornehme des Christenthums: – die beständige Übertreibung, die Geschwätzigkeit; – den Mangel an kühler Geistigkeit und Ironie; – das Unmilitärische in allen Instinkten; – das priesterliche Vorurtheil gegen den männlichen Stolz, gegen die Sinnlichkeit, die Wissenschaften, die Künste.

 

173.

Paulus: er sucht Macht gegen das regierende Judenthum, – seine Bewegung ist zu schwach ... Umwerthung des Begriffes »Jude«: die »Rasse« wird bei Seite gethan –: aber das hieß das Fundament negiren. Der »Märtyrer«, der »Fanatiker«, der Werth alles starken Glaubens ...

Das Christenthum ist die Verfalls-Form der alten Welt in tiefster Ohnmacht, sodaß die kränksten und ungesündesten Schichten und Bedürfnisse obenauf kommen.

Folglich mußten andere Instinkte in den Vordergrund treten, um eine Einheit, eine sich wehrende Macht zu schaffen –, kurz eine Art Nothlage war nöthig, wie jene, aus der die Juden ihren Instinkt zur Selbsterhaltung genommen hatten ...

Unschätzbar sind hierfür die Christen-Verfolgungen – die Gemeinsamkeit in der Gefahr, die Massen-Bekehrungen als einziges Mittel, den Privat-Verfolgungen ein Ende zu machen (– er nimmt es folglich so leicht als möglich mit dem Begriff »Bekehrung« –).

 

174.

Das christlich-jüdische Leben: hier überwog nicht das Ressentiment. Erst die großen Verfolgungen mögen die Leidenschaft dergestalt herausgetrieben haben – sowohl die Gluth der Liebe, als die des Hasses.

Wenn man für seinen Glauben seine Liebsten geopfert sieht, dann wird man aggressiv; man verdankt den Sieg des Christenthums seinen Verfolgern.

Die Asketik im Christenthum ist nicht specifisch: das hat Schopenhauer mißverstanden: sie wächst nur in das Christenthum hinein: überall dort, wo es auch ohne Christenthum Asketik giebt.

Das hypochondrische Christenthum, die Gewissens-Thierquälerei und -Folterung ist insgleichen nur einem gewissen Boden zugehörig, auf dem christliche Werthe Wurzel geschlagen haben: es ist nicht das Christenthum selbst. Das Christenthum hat alle Art Krankheiten morbider Böden in sich aufgenommen: man könnte ihm einzig zum Vorwurf machen, daß es sich gegen keine Ansteckung zu wehren wußte. Aber eben Das ist sein Wesen: Christenthum ist ein Typus der décadence.

 

175.

Die Realität, auf der das Christenthum sich aufbauen konnte, war die kleine jüdische Familie der Diaspora, mit ihrer Wärme und Zärtlichkeit, mit ihrer im ganzen römischen Reiche unerhörten und vielleicht unverstandenen Bereitschaft zum Helfen, Einstehen für einander, mit ihrem verborgenen und in Demuth verkleideten Stolz der »Auserwählten«, mit ihrem innerlichsten Neinsagen ohne Neid zu Allem, was obenauf ist und was Glanz und Macht für sich hat. Das als Macht erkannt zu haben, diesen seligen Zustand als mittheilsam, verführerisch, ansteckend auch für Heiden erkannt zu haben – ist das Genie des Paulus: den Schatz von latenter Energie, von klugem Glück auszunützen zu einer »jüdischen Kirche freieren Bekenntnisses«, die ganze jüdische Erfahrung und Meisterschaft der Gemeinde-Selbsterhaltung unter der Fremdherrschaft, auch die jüdische Propaganda – das errieth er als seine Aufgabe. Was er vorfand, das war eben jene absolut unpolitische und abseits gestellte Art kleiner Leute: ihre Kunst, sich zu behaupten und durchzusetzen, in einer Anzahl Tugenden angezüchtet, welche den einzigen Sinn von Tugend ausdrückten (»Mittel der Erhaltung und Steigerung einer bestimmten Art Mensch«).

Aus der kleinen jüdischen Gemeinde kommt das Princip der Liebe her: es ist eine leidenschaftlichere Seele, die hier unter der Asche von Demuth und Armseligkeit glüht: so war es weder griechisch, noch indisch, noch gar germanisch. Das Lied zu Ehren der Liebe, welches Paulus gedichtet hat, ist nichts Christliches, sondern ein jüdisches Auflodern der ewigen Flamme, die semitisch ist. Wenn das Christenthum etwas Wesentliches in psychologischer Hinsicht gethan hat, so ist es eine Erhöhung der Temperatur der Seele bei jenen kälteren und vornehmeren Rassen, die damals obenauf waren; es war die Entdeckung, daß das elendeste Leben reich und unschätzbar werden kann durch eine Temperatur-Erhöhung...

Es versteht sich, daß eine solche Übertragung nicht stattfinden konnte in Hinsicht auf die herrschenden Stände: die Juden und Christen hatten die schlechten Manieren gegen sich, – und was Stärke und Leidenschaft der Seele bei schlechten Manieren ist, das wirkt abstoßend und beinahe Ekel erregend (– ich sehe diese schlechten Manieren, wenn ich das neue Testament lese). Man mußte durch Niedrigkeit und Noth mit dem hier redenden Typus des niederen Volles verwandt sein, um das Anziehende zu empfinden ... Es ist eine Probe davon, ob man etwas classischen Geschmack im Leibe hat, wie man zum neuen Testament steht (vergl. Tacitus); wer davon nicht revoltirt ist, wer dabei nicht ehrlich und gründlich Etwas von foeda superstitio empfindet, Etwas, wovon man die Hand zurückzieht, wie um nicht sich zu beschmutzen: der weiß nicht, was classisch ist. Man muß das »Kreuz« empfinden wie Goethe –

 

176.

Reaktion der kleinen Leute: – Das höchste Gefühl der Macht giebt die Liebe. Zu begreifen, inwiefern hier nicht der Mensch überhaupt, sondern eine Art Mensch redet.

»Wir sind göttlich in der Liebe, wir werden Kinder Gottes', Gott liebt uns und will gar Nichts von uns, als Liebe«; das heißt: alle Moral, alles Gehorchen und Thun bringt nicht jenes Gefühl von Macht und Freiheit hervor, wie es die Liebe hervorbringt; – aus Liebe thut man nichts Schlimmes, man thut viel Mehr, als man aus Gehorsam und Tugend thäte.

Hier ist das Heerdenglück, das Gemeinschafts-Gefühl im Großen und Kleinen, das lebendige Eins-Gefühl als Summe des Lebensgefühls empfunden. Das Helfen und Sorgen und Nützen erregt fortwährend das Gefühl der Macht; der sichtbare Erfolg, der Ausdruck der Freude unterstreicht das Gefühl der Macht; der Stolz fehlt nicht, als Gemeinde, als Wohnstätte Gottes, als »Auserwählte«.

Thatsächlich hat der Mensch nochmals eine Alteration der Persönlichkeit erlebt: diesmal nannte er sein Liebesgefühl Gott. Man muß ein Erwachen eines solchen Gefühls sich denken, eine Art Entzücken, eine fremde Rede, ein »Evangelium«, – diese Neuheit war es, welche ihm nicht erlaubte, sich die Liebe zuzurechnen –: er meinte, daß Gott vor ihm wandle und in ihm lebendig geworden sei. – »Gott kommt zu den Menschen«, der »Nächste« wird transfigurirt, in einen Gott (insofern an ihm das Gefühl der Liebe sich auslöst). Jesus ist der Nächste, so wie dieser zur Gottheit, zur Machtgefühl erregenden Ursache umgedacht wurde.

 

177.

Die Gläubigen sind sich bewußt, dem Christenthum Unendliches zu verdanken, und schließen folglich, daß dessen Urheber eine Personnage ersten Ranges sei ... Dieser Schluß ist falsch, aber er ist der typische Schluß der Verehrenden. Objektiv angesehn, wäre möglich, erstens, daß sie sich irrten über den Werth Dessen, was sie dem Christenthum verdanken: Überzeugungen beweisen Nichts für Das, wovon man überzeugt ist, bei Religionen begründen sie eher noch einen Verdacht dagegen... Es wäre zweitens möglich, daß, was dem Christenthum verdankt wird, nicht seinem Urheber zugeschrieben werden dürfte, sondern eben dem fertigen Gebilde, dem Ganzen, der Kirche u. s. w. Der Begriff »Urheber« ist so vieldeutig, daß er selbst die bloße Gelegenheits-Ursache für eine Bewegung bedeuten kann: man hat die Gestalt des Gründers in dem Maaße vergrößert, als die Kirche wuchs; aber eben diese Optik der Verehrung erlaubt den Schluß, daß irgend wann dieser Gründer etwas sehr Unsicheres und Unfestgestelltes war, – am Anfang... Man denke, mit welcher Freiheit Paulus das Personal-Problem Jesus behandelt, beinahe eskamotirt –: Jemand, der gestorben ist, den man nach seinem Tode wieder gesehen hat, Jemand, der von den Juden zum Tode überantwortet wurde... Ein bloßes »Motiv«: die Musik macht er dann dazu...

 

178.

Ein Religionsstifter kann unbedeutend sein, – ein Streichholz, Nichts mehr!

 

179.

Zum psychologischen Problem des Christenthums. – Die treibende Kraft bleibt : das Ressentiment, der Volksaufstand, der Aufstand der Schlechtweggekommenen. (Mit dem Buddhismus steht es anders: er ist nicht geboren aus einer Ressentiments-Bewegung. Er bekämpft dasselbe, weil es zum Handeln antreibt).

Diese Friedenspartei begreift, daß Verzichtleisten auf Feindseligkeit in Gedanken und That eine Unterscheidungs- und Erhaltungsbedingung ist. Hierin liegt die psychologische Schwierigkeit, welche verhindert hat, daß man das Christenthum verstand: der Trieb, der es schuf, erzwingt eine grundsätzliche Bekämpfung seiner selber.

Nur als Friedens- und Unschuldspartei hat diese Aufstandsbewegung eine Möglichkeit auf Erfolg: sie muß siegen durch die extreme Milde, Süßigkeit, Sanftmuth, ihr Instinkt begreift das –. Kunststück: den Trieb, dessen Ausdruck man ist, leugnen, verurtheilen, das Gegenstück dieses Triebes durch die That und das Wort beständig zur Schau tragen –.

 

180.

Die angebliche Jugend. – Man betrügt sich, wenn man hier von einem naiven und jungen Volks-Dasein träumt, das sich gegen eine alte Cultur abhebt; es geht der Aberglaube, als ob in diesen Schichten des niedersten Volkes, wo das Christenthum wuchs und Wurzeln schlug, die tiefere Quelle des Lebens wieder emporgesprudelt sei: man versteht Nichts von der Psychologie der Christlichkeit, wenn man sie als Ausdruck einer neu heraufkommenden Volks-Jugend und Rassen-Verstärkung nimmt. Vielmehr: es ist eine typische décadence-Form, die Moral-Verzärtlichung und Hysterie in einer müde und ziellos gewordenen, krankhaften Mischmasch-Bevölkerung. Diese wunderliche Gesellschaft, welche hier um diesen Meister der Volks-Verführung sich zusammenfand, gehört eigentlich sammt und sonders in einen russischen Roman: alle Nervenkrankheiten geben sich bei ihnen ein Rendezvous ... die Abwesenheit von Aufgaben, der Instinkt, daß Alles eigentlich am Ende sei, daß sich Nichts mehr lohne, die Zufriedenheit in einem dolce far niente.

Die Macht und Zukunfts-Gewißheit des jüdischen Instinkts, das Ungeheure seines zähen Willens zu Dasein und Macht liegt in seiner herrschenden Klasse; die Schichten, welche das junge Christentum emporhebt, sind durch Nichts schärfer gezeichnet, als durch die Instinkt- Ermüdung. Man hat es satt: das ist das Eine – und man ist zufrieden, bei sich, in sich, für sich – das ist das Andere.

 

181.

Das Christenthum als emancipirtes Judenthum (in gleicher Weise wie eine lokal und rassenmäßig bedingte Vornehmheit endlich sich von diesen Bedingungen emancipirt und nach verwandten Elementen suchen geht ...).

1) als Kirche (Gemeinde) auf dem Boden des Staates, als unpolitisches Gebilde;

2) als Leben, Zucht, Praxis, Lebenskunst;

3) als Religion der Sünde (des Vergehens an Gott als einziger Art der Vergehung, als einziger Ursache alles Leidens überhaupt), mit einem Universalmittel gegen sie. Es giebt nur an Gott Sünde; was gegen die Menschen gefehlt ist, darüber soll der Mensch nicht richten, noch Rechenschaft fordern, es sei denn im Namen Gottes. Insgleichen alle Gebote (Liebe): Alles ist angeknüpft an Gott, und um Gottes Willen wird es am Menschen gethan. Darin steckt eine hohe Klugheit (– das Leben in großer Enge, wie bei den Eskimos, ist nur erträglich bei der friedfertigsten und nachsichtigsten Gesinnung: das jüdisch-christliche Dogma wendete sich gegen die Sünde, zum Besten des »Sünders« –).

 

182.

Die jüdische Priesterschaft hatte verstanden, Alles was sie beanspruchte, als eine göttliche Satzung, als Folgeleistung gegen ein Gebot Gottes zu präsentiren ... insgleichen, was dazu diente, Israel zu erhalten, seine Existenz- Ermöglichung (z.B. eine Summe von Werken: Beschneidung, Opfercult als Centrum des nationalen Bewußtseins) nicht als Natur, sondern als »Gott« einzuführen. – Dieser Proceß setzt sich fort; innerhalb des Judenthums, wo die Notwendigkeit der »Werke« nicht empfunden wurde (nämlich als Abscheidung gegen Außen), konnte eine priesterliche Art Mensch concipirt werden, die sich verhält wie die »vornehme Natur« zum Aristokraten; eine kastenlose und gleichsam spontane Priesterhaftigkeit der Seele, welche nun, um ihren Gegensatz scharf von sich abzuheben, nicht auf die »Werke«, sondern die »Gesinnung« den Werth legte...

Im Grunde handelte es sich wieder darum, eine bestimmte Art von Seele durchzusetzen: gleichsam ein Volks-Aufstand innerhalb eines priesterlichen Volkes, – eine pietistische Bewegung von Unten (Sünder, Zöllner, Weiber, Kranke). Jesus von Nazareth war das Zeichen, an dem sie sich erkannten. Und wieder, um an sich glauben zu können, brauchen sie eine theologische Transfiguration: nichts Geringeres als »der Sohn Gottes« thut ihnen noth, um sich Glauben zu schaffen... Und genau so, wie die Priesterschaft die ganze Geschichte Israels verfälscht hatte, so wurde nochmals der Versuch gemacht, überhaupt die Geschichte der Menschheit hier umzufälschen, damit das Christentum als sein cardinalstes Ereigniß erscheinen könne. Diese Bewegung konnte nur auf dem Boden des Judenthums entstehen: dessen Hauptthat war, Schuld und Unglück zu verflechten und alle Schuld auf Schuld an Gott zu reduciren: davon ist das Christentum die zweite Potenz.

 

183.

Der Symbolismus des Christentums ruht auf dem jüdischen, der auch schon die ganze Realität (Historie, Natur) in eine heilige Unnatürlichkeit und Unrealität aufgelöst hatte ... der die wirkliche Geschichte nicht mehr sehen wollte –, der sich für den natürlichen Erfolg nicht mehr interessirte –

 

184.

Die Juden machen den Versuch, sich durchzusetzen, nachdem ihnen zwei Kasten, die der Krieger und die der Ackerbauer, verloren gegangen sind;

sie sind in diesem Sinne die »Verschnittenen«: sie haben den Priester – und dann sofort den Tschandala...

Wie billig kommt es bei ihnen zu einem Bruch, zu einem Aufstand des Tschandala: der Ursprung des Christenthums.

Damit, daß sie den Krieger nur als ihren Herrn kannten, brachten sie in ihre Religion die Feindschaft gegen den Vornehmen, gegen den Edlen, Stolzen, gegen die Macht, gegen die herrschenden Stände –: sie sind Entrüstungs-Pessimisten...

Damit schufen sie eine wichtige neue Position: der Priester an der Spitze der Tschandala's, – gegen die vornehmen Stände ...

Das Christenthum zog die letzte Consequenz dieser Bewegung: auch im jüdischen Priesterthum empfand es noch die Kaste, den Privilegirten, den Vornehmen – es strich den Priester aus

Der Christ ist der Tschandala, der den Priester ablehnt ... der Tschandala, der sich selbst erlöst...

Deshalb ist die französische Revolution die Tochter und Fortsetzerin des Christenthums ... sie hat den Instinkt gegen die Kaste, gegen die Vornehmen, gegen die letzten Privilegien – –

 

185.

Das »christliche Ideal«: jüdisch klug in Scene gesetzt. Die psychologischen Grundtriebe, seine »Natur«:

der Aufstand gegen die herrschende geistliche Macht; Versuch, die Tugenden, unter denen das Glück der Niedrigsten möglich ist, zum richterlichen Ideal aller Werthe zu machen, – es Gott zu heißen: der Erhaltungs-Instinkt der lebensärmsten Schichten;

die absolute Enthaltung von Krieg und Widerstand aus dem Ideal zu rechtfertigen, – insgleichen den Gehorsam;

die Liebe unter einander, als Folge der Liebe zu Gott.

Kunstgriff: alle natürlichen mobilia ableugnen und umkehren in's Geistlich-Jenseitige ...

die Tugend und deren Verehrung ganz und gar für sich ausnützen, schrittweise sie allem Nicht-Christlichen absprechen.

 

186.

Die tiefe Verachtung, mit der der Christ in der vornehm gebliebenen antiken Welt behandelt wurde, gehört ebendahin, wohin heute noch die Instinkt-Abneigung gegen den Juden gehört: es ist der Haß der freien und selbstbewußten Stände gegen Die, welche sich durchdrücken und schüchterne, linkische Gebärden mit einem unsinnigen Selbstgefühl verbinden.

Das neue Testament ist das Evangelium einer gänzlich unvornehmen Art Mensch; ihr Anspruch, mehr Werth zu haben, ja allen Werth zu haben, hat in der That etwas Empörendes, – auch heute noch.

 

187.

Wie wenig liegt am Gegenstand! Der Geist ist es, der lebendig macht! Welche kranke und verstockte Luft mitten aus all dem aufgeregten Gerede von »Erlösung«, Liebe, Seligkeit, Glaube, Wahrheit, »ewigem Leben«! Man nehme einmal ein eigentlich heidnisches Buch dagegen, z. B. Petronius, wo im Grunde Nichts gethan, gesagt, gewollt und geschätzt wird, was nicht, nach einem christlich-muckerischen Werthmaaß, Sünde, selbst Todsünde ist. Und trotzdem: welches Wohlgefühl in der reineren Luft, der überlegenen Geistigkeit des schnelleren Schrittes, der freigewordenen und überschüssigen zukunftsgewissen Kraft! Im ganzen neuen Testament kommt keine einzige bouffonnerie vor: aber damit ist ein Buch widerlegt...

 

188.

Die tiefe Unwürdigkeit, mit der alles Leben außerhalb des christlichen beurtheilt wird: es genügt ihnen nicht, ihre eigentlichen Gegner sich gemein zu denken, sie brauchen nichts weniger als eine Gesammtverleumdung von Allem, was nicht sie sind... Mit der Arroganz der Heiligkeit verträgt sich auf's Beste eine niederträchtige und verschmitzte Seele: Zeugniß die ersten Christen.

Die Zukunft: sie lassen es sich tüchtig bezahlen... Es ist die unsauberste Art Geist, die es giebt. Das ganze Leben Christi wird so dargestellt, daß er den Weissagungen zum Recht verhilft: er handelt so, damit sie Recht bekommen...

 

189.

Die lügnerische Auslegung der Worte, Gebärden und Zustände Sterbender: da wird z.B. die Furcht vor dem Tode mit der Furcht vor dem »Nach-dem-Tode« grundsätzlich verwechselt ...

 

190.

Auch die Christen haben es gemacht wie die Juden und Das, was sie als Existenzbedingung und Neuerung empfanden, ihrem Meister in den Mund gelegt und sein Leben damit inkrustirt. Insgleichen haben sie die ganze Spruchweisheit ihm zurückgegeben –: kurz, ihr thatsächliches Leben und Treiben als einen Gehorsam dargestellt und dadurch für ihre Propaganda geheiligt.

Woran Alles hängt, das ergiebt sich bei Paulus: es ist wenig. Das Andere ist die Ausgestaltung eines Typus von Heiligen, aus Dem, was ihnen als heilig galt.

Die ganze »Wunderlehre«, eingerechnet die Auferstehung, ist eine Consequenz der Selbstverherrlichung der Gemeinde, welche Das, was sie sich selber zutraute, in höherem Grade ihrem Meister zutraute (resp. aus ihm ihre Kraft ableitete...).

 

191.

Die Christen haben niemals die Handlungen prakticirt, welche ihnen Jesus vorgeschrieben hat, und das unverschämte Gerede von der »Rechtfertigung durch den Glauben« und dessen oberster und einziger Bedeutsamkeit ist nur die Folge davon, daß die Kirche nicht den Muth, noch den Willen hatte, sich zu den Werken zu bekennen, welche Jesus forderte.

Der Buddhist handelt anders als der Nichtbuddhist! der Christ handelt wie alle Welt und hat ein Christenthum der Ceremonien und der Stimmungen.

Die tiefe und verächtliche Verlogenheit des Christenthums in Europa –: wir werden wirklich die Verachtung der Araber, Hindu's, Chinesen... Man höre die Reden des ersten deutschen Staatsmannes über Das, was jetzt 40 Jahre Europa eigentlich beschäftigt hat...

 

192.

» Glaube« oder » Werte«? – Aber daß zum »Werke«, zur Gewohnheit bestimmter Werke sich eine bestimmte Wertschätzung und endlich Gesinnung hinzuerzeugt, ist ebenso natürlich, als es unnatürlich ist, daß aus einer bloßen Wertschätzung »Werke« hervorgehn. Man muß sich üben, nicht in der Verstärkung von Werthgefühlen, sondern im Thun; man muß erst Etwas können... Der christliche Dilettantismus Luther's. Der Glaube ist eine Eselsbrücke. Der Hintergrund ist eine tiefe Überzeugung Luther's und seines Gleichen von ihrer Unfähigkeit zu christlichen Werken, eine persönliche Thatsache, verhüllt unter einem extremen Mißtrauen darüber, ob nicht überhaupt jedwedes Thun Sünde und vom Teufel ist: sodaß der Werth der Existenz auf einzelne hochgespannte Zustände der Unthätigkeit fällt (Gebet, Effusion u.s.w.). – Zuletzt hätte er Recht: die Instinkte, welche sich im ganzen Thun der Reformatoren ausdrücken, sind die brutalsten, die es giebt. Nur in der absoluten Wegwendung von sich, in der Versenkung in den Gegensatz, nur als Illusion (»Glaube«) war ihnen das Dasein auszuhalten.

 

193.

– »Was thun, um zu glauben?« – eine absurde Frage. Was im Christentum fehlt, das ist die Enthaltung von Alledem, was Christus befohlen hat zu thun.

Es ist das mesquine Leben, aber mit einem Auge der Verachtung interpretirt.

 

194.

Der Eintritt in das wahre Leben– man rettet sein persönliches Leben vom Tode, indem man das allgemeine Leben lebt

 

195.

Das »Christenthum« ist etwas Grundverschiedenes von Dem geworden, was sein Stifter that und wollte. Es ist die große antiheidnische Bewegung des Alterthums, formulirt mit Benutzung von Leben, Lehre und »Worten« des Stifters des Christenthums, aber in einer absolut willkürlichen Interpretation nach dem Schema grundverschiedener Bedürfnisse: übersetzt in die Sprache aller schon bestehenden unterirdischen Religionen

Es ist die Heraufkunft des Pessimismus (– während Jesus den Frieden und das Glück der Lämmer bringen wollte): und zwar des Pessimismus der Schwachen, der Unterlegenen, der Leidenden, der Unterdrückten.

Ihr Todfeind ist 1) die Macht in Charakter, Geist und Geschmack; die »Weltlichkeit«: 2) das classische »Glück«, die vornehme Leichtfertigkeit und Skepsis, der harte Stolz, die exzentrische Ausschweifung und die kühle Selbstgenügsamkeit des Weisen, das griechische Raffinement in Gebärde, Wort und Form. Ihr Todfeind ist der Römer ebensosehr als der Grieche.

Versuch des Antiheidenthums, sich philosophisch zu begründen und möglich zu machen: Witterung für die zweideutigen Figuren der alten Cultur, vor Allem für Plato, diesen Antihellenen und Semiten von Instinkt... Insgleichen für den Stoicismus, der wesentlich das Werk von Semiten ist (– die »Würde« als Strenge, Gesetz, die Tugend als Größe, Selbstverantwortung, Autorität, als höchste Personal-Souveränetät – das ist semitisch. Der Stoiker ist ein arabischer Scheich in griechische Windeln und Begriffe gewickelt).

 

196.

Das Christenthum nimmt den Kampf nur auf, der schon gegen das classische Ideal, gegen die vornehme Religion bestand. Thatsächlich ist diese ganze Umbildung eine Übersetzung in die Bedürfnisse und das Verständniß-Niveau der damaligen religiösen Masse: jener Masse, welche an Isis, Mithras, Dionysos, die »große Mutter« glaubte und welche von einer Religion verlangte: 1) die Jenseits-Hoffnung, 2) die blutige Phantasmagone des Opferthiers (das Mysterium), 3) die erlösende That, die heilige Legende, 4) den Asketismus, die Weltverneinung, die abergläubische »Reinigung«, 5) die Hierarchie, eine Form der Gemeindebildung. Kurz: das Christenthum paßt sich an das schon bestehende, überall eingewachsene Anti-Heidenthum an, an die Culte, welche von Epikur bekämpft worden sind ... genauer, an die Religionen der niederen Masse, der Frauen, der Sklaven, der nicht-vornehmen Stände.

Wir haben also als Mißverständniß:

  1. die Unsterblichkeit der Person;
  2. die angebliche andere Welt;
  3. die Absurdität des Strafbegriffs und Sühnebegriffs im Centrum der Daseins-Interpretation;
  4. die Entgöttlichung des Menschen statt seiner Vergöttlichung, die Aufreißung der tiefsten Kluft, über die nur das Wunder, nur die Prostration der tiefsten Selbstverachtung hinweghilft;
  5. die ganze Welt der verdorbenen Imagination und des krankhaften Affekts, statt der liebevollen, einfältigen Praxis, statt eines auf Erden erreichbaren buddhistischen Glückes;
  6. eine kirchliche Ordnung mit Priesterschaft, Theologie, Cultus, Sacrament; kurz, alles Das, was Jesus von Nazareth bekämpft hatte;
  7. das Wunder in Allem und Jedem, der Aberglaube: während gerade das Auszeichnende des Judenthums und des ältesten Christenthums sein Widerwille gegen das Wunder ist, seine relative Rationalität.

 

197.

Die psychologische Voraussetzung: die Unwissenheit und Uncultur, die Ignoranz, die jede Scham verlernt hat: man denke sich diese unverschämten Heiligen mitten in Athen;

: der jüdische »Auserwählten-Instinkt: sie nehmen alle Tugenden ohne Weiteres für sich in Anspruch und rechnen den Rest der Welt als ihren Gegensatz; tiefes Zeichen der Gemeinheit der Seele;

: der vollkommene Mangel an wirklichen Zielen, an wirklichen Aufgaben, zu denen man andere Tugenden als die der Mucker braucht, – der Staat nahm ihnen diese Arbeit ab: das unverschämte Volk that trotzdem, als ob sie ihn nicht nöthig hätten.

»So ihr nicht werdet wie die Kinder –«: oh wie fern wir von dieser psychologischen Naivetät sind!

 

198.

Der Stifter des Christenthums hat es büßen müssen, daß er sich an die niedrigste Schicht der jüdischen Gesellschaft und Intelligenz gewendet hat. Sie hat ihn nach dem Geiste concipirt, den sie begriff ... Es ist eine wahre Schande, eine Heilsgeschichte, einen persönlichen Gott, einen persönlichen Erlöser, eine persönliche Unsterblichkeit herausfabricirt zu haben und die ganze Mesquinerie der »Person« und der »Historie« übrig behalten zu haben aus einer Lehre, die allem Persönlichen und Historischen die Realität bestreitet ...

Die Heils-Legende an Stelle der symbolischen Jetzt- und Allzeit, des Hier und Überall; das Mirakel an Stelle des psychologischen Symbols.

 

199.

Nichts ist weniger unschuldig als das neue Testament. Man weiß, auf welchem Boden es gewachsen ist. Dies Volk, mit einem unerbittlichen Willen zu sich selbst, das sich, nachdem es jeden natürlichen Halt verloren und sein Recht auf Dasein längst eingebüßt hatte, dennoch durchzusetzen wußte und dazu nöthig hatte, sich ganz und gar auf unnatürliche, rein imaginäre Voraussetzungen (als auserwähltes Volk, als Gemeinde der Heiligen, als Volk der Verheißung, als »Kirche«) aufzubauen: dies Volk handhabte die pia fraus mit einer Vollendung, mit einem Grad »guten Gewissens«, daß man nicht vorsichtig genug sein kann, wenn es Moral predigt. Wenn Juden als die Unschuld selber auftreten, da ist die Gefahr groß geworden: man soll seinen kleinen Fond Verstand, Mißtrauen, Bosheit immer in der Hand haben, wenn man das neue Testament liest.

Leute niedrigster Herkunft, zum Theil Gesindel, die Ausgestoßenen nicht nur der guten, sondern auch der achtbaren Gesellschaft, abseits selbst vom Geruche der Cultur aufgewachsen, ohne Zucht, ohne Wissen, ohne jede Ahnung davon, daß es in geistigen Dingen Gewissen geben könnte, eben – Juden: instinktiv klug, mit allen abergläubischen Voraussetzungen, mit der Unwissenheit selbst, einen Vorzug, eine Verführung zu schaffen.

 

200.

Ich betrachte das Christenthum als die verhängnißvollste Lüge der Verführung, die es bisher gegeben hat, als die große unheilige Lüge: ich ziehe seinen Nachwuchs und Ausschlag von Ideal noch unter allen sonstigen Verkleidungen heraus, ich wehre alle Halb- und Dreiviertels-Stellungen zu ihm ab, – ich zwinge zum Krieg mit ihm.

Die Kleine-Leute-Moralität als Maaß der Dinge: das ist die ekelhafteste Entartung, welche die Cultur bisher aufzuweisen hat. Und diese Art Ideal als »Gott« hängen bleibend über der Menschheit!!

 

201.

Wenn man auch noch so bescheiden in seinem Anspruch auf intellektuelle Sauberkeit ist, man kann nicht verhindern, bei der Berührung mit dem neuen Testament etwas wie ein unaussprechliches Mißbehagen zu empfinden: denn die zügellose Frechheit des Mitredenwollens Unberufenster über die großen Probleme, ja ihr Anspruch auf Richterthum in solchen Dingen übersteigt jedes Maaß. Die unverschämte Leichtfertigkeit, mit der hier von den unzugänglichsten Problemen (Leben, Welt, Gott, Zweck des Lebens) geredet wird, wie als ob sie keine Probleme wären, sondern einfach Sachen, die diese kleinen Mucker wissen!

 

202.

Dies war die verhängnißvollste Art Größenwahn, die bisher auf Erden dagewesen ist: – wenn diese verlogenen kleinen Mißgeburten von Muckern anfangen, die Worte »Gott«, »jüngstes Gericht«, »Wahrheit«, »Liebe«, »Weisheit«, »heiliger Geist« für sich in Anspruch zu nehmen und sich damit gegen »die Welt« abzugrenzen, wenn diese Art Mensch anfängt, die Werthe nach sich umzudrehen, wie als ob sie der Sinn, das Salz, das Maaß und Gewicht vom ganzen Rest wären: so sollte man ihnen Irrenhäuser bauen und Nichts weiter thun. Daß man sie verfolgte, das war eine antike Dummheit großen Stils: damit nahm man sie zu ernst, damit machte man aus ihnen einen Ernst.

Das ganze Verhängnis; war dadurch ermöglicht, daß schon eine verwandte Art von Größenwahn in der Welt war, der jüdische (– nachdem einmal die Kluft zwischen den Juden und den Christen-Juden aufgerissen, mußten die Christen-Juden die Procedur der Selbsterhaltung, welche der jüdische Instinkt erfunden hatte, nochmals und in einer letzten Steigerung zu ihrer Selbsterhaltung anwenden –); andererseits dadurch, daß die griechische Philosophie der Moral Alles gethan hatte, um einen Moral-Fanatismus selbst unter Griechen und Römern vorzubereiten und schmackhaft zu machen ... Plato, die große Zwischenbrücke der Verderbniß, der zuerst die Natur in der Moral nicht verstehen wollte, der bereits die griechischen Götter mit seinem Begriff »gut« entwerthet hatte, der bereits jüdisch – angemuckert war (– in Ägypten?).

 

203.

Diese kleinen Heerdenthier-Tugenden führen ganz und gar nicht zum »ewigen Leben«: sie dergestalt in Scene setzen, und sich mit ihnen, mag sehr klug sein, aber für Den, der hier noch seine Augen auf hat, bleibt es trotzalledem das lächerlichste aller Schauspiele. Man verdient ganz und gar nicht ein Vorrecht auf Erden und im Himmel, wenn man es zur Vollkommenheit einer kleinen, lieben Schafsmäßigkeit gebracht hat; man bleibt damit, günstigen Falls, immer bloß ein kleines, liebes, absurdes Schaf mit Hörnern – vorausgesetzt, daß man nicht vor Eitelkeit platzt und durch richterliche Attitüden skandalisirt.

Die ungeheure Farben-Verklärung, mit der hier die kleinen Tugenden illuminirt werben – wie als Widerglanz göttlicher Qualitäten!

Die natürliche Absicht und Nützlichkeit jeder Tugend grundsätzlich verschwiegen; sie ist nur in Hinsicht auf ein göttliches Gebot, ein göttliches Vorbild werthvoll, nur in Hinsicht auf jenseitige und geistliche Güter. (Prachtvoll: als ob sich's um's » Heil der Seele« handelte: aber es war ein Mittel, um es hier mit möglichst viel schönen Gefühlen »auszuhalten«.)

 

204.

Das Gesetz, die gründlich realistische Formulirung gewisser Erhaltungsbedingungen einer Gemeinde, verbietet gewisse Handlungen in einer bestimmten Richtung, namentlich insofern sie gegen die Gemeinde sich wenden: sie verbietet nicht die Gesinnung, aus der diese Handlungen fließen, – denn sie hat dieselben Handlungen in einer anderen Richtung nöthig, nämlich gegen die Feinde der Gemeinschaft. Nun tritt der Moral-Idealist auf und sagt »Gott stehet das Herz an: die Handlung selbst ist noch Nichts; man muß die feindliche Gesinnung ausrotten, aus der sie fließt ...« Darüber lacht man in normalen Verhältnissen; nur in jenen Ausnahmefällen, wo eine Gemeinschaft absolut außerhalb der Nöthigung lebt, Krieg für ihre Existenz zu führen, hat man überhaupt das Ohr für solche Dinge. Man läßt eine Gesinnung fahren, deren Nützlichkeit nicht mehr abzusehen ist.

Dies war z. B. beim Auftreten Buddha's der Fall, innerhalb einer sehr friedlichen und selbst geistig übermüdeten Gesellschaft.

Dies war insgleichen bei der ersten Christengemeinde (auch Judengemeinde) der Fall, deren Voraussetzung die absolut unpolitische jüdische Gesellschaft ist. Das Christenthum konnte nur auf dem Boden des Judenthums wachsen, d. h. innerhalb eines Volkes, das politisch schon Verzicht geleistet hatte und eine Art Parasiten-Dasein innerhalb der römischen Ordnung der Dinge lebte. Das Christenthum ist um einen Schritt weiter: man darf sich noch viel mehr »entmannen«, – die Umstände erlauben es. – Man treibt die Natur aus der Moral heraus, wenn man sagt »liebet eure Feinde«: denn nun ist die Natur »du sollst deinen Nächsten lieben, deinen Feind hassen« in dem Gesetz (im Instinkt) sinnlos geworden: nun muß auch die Liebe zu dem Nächsten sich erst neu begründen (als eine Art Liebe zu Gott). Überall Gott hineingesteckt und die Nützlichkeit herausgezogen; überall geleugnet, woher eigentlich alle Moral stammt: die Naturwürdigung, welche eben in der Anerkennung einer Natur-Moral liegt, in Grund und Boden vernichtet ...

Woher kommt der Verführungsreiz eines solchen entmannten Menschheits-Ideals? Warum degoutirt es nicht, wie uns etwa die Vorstellung des Kastraten degoutirt? ... Eben hier liegt die Antwort: die Stimme des Castraten degoutirt uns auch nicht, trotz der grausamen Verstümmelung, welche die Bedingung ist: sie ist süßer geworden ... Eben damit, daß der Tugend die »männlichen Glieder« ausgeschnitten sind, ist ein femininischer Stimmklang in die Tugend gebracht, den sie vorher nicht hatte.

Denken wir andererseits an die furchtbare Härte, Gefahr und Unberechenbarkeit, die ein Leben der männlichen Tugenden mit sich bringt – das Leben eines Corsen heute noch oder das der heidnischen Araber (welches bis auf die Einzelheiten dem Leben der Corsen gleich ist: die Lieder könnten von Corsen gedichtet sein) – so begreift man, wie gerade die robusteste Art Mensch von diesem wollüstigen Klang der »Güte«, der »Reinheit« fascinirt und erschüttert wird ... Eine Hirtenweise ... ein Idyll ... der »gute Mensch«: dergleichen wirkt am stärksten in Zeiten, wo die Tragödie durch die Gassen läuft.

*

Hiermit haben wir aber auch erkannt, inwiefern der »Idealist« (– Ideal-Castrat) auch aus einer ganz bestimmten Wirklichkeit herausgeht und nicht bloß ein Phantast ist ... Er ist gerade zur Erkenntniß gekommen, daß für seine Art Realität eine solche grobe Vorschrift des Verbotes bestimmter Handlungen keinen Sinn hat (weil der Instinkt gerade zu diesen Handlungen geschwächt ist, durch langen Mangel an Übung, an Nöthigung zur Übung). Der Castratist formulirt eine Summe von neuen Erhaltungsbedingungen für Menschen einer ganz bestimmten Species: darin ist er Realist. Die Mittel zu seiner Legislatur sind die gleichen, wie für die älteren Legislaturen: der Appell an alle Art Autorität, an »Gott«, die Benutzung des Begriffs »Schuld und Strafe«, – d. h. er macht sich den ganzen Zubehör des älteren Ideals zu nutz: nur in einer neuen Ausdeutung, die Strafe z. B. innerlicher gemacht (etwa als Gewissensbiß).

In praxi geht diese Species Mensch zu Grunde, sobald die Ausnahmebedingungen ihrer Existenz aufhören – eine Art Tahiti und Inselglück, wie es das Leben der kleinen Juden in der Provinz war. Ihre einzige natürliche Gegnerschaft ist der Boden, aus dem sie wuchsen: gegen ihn haben sie nöthig zu kämpfen, gegen ihn müssen sie die Offensiv- und Defensiv-Affekte wieder wachsen lassen: ihre Gegner sind die Anhänger des alten Ideals (– diese Species Feindschaft ist großartig durch Paulus im Verhältnis zum Jüdischen vertreten, durch Luther im Verhältnis zum priesterlich-asketischen Ideal). Die mildeste Form dieser Gegnerschaft ist sicherlich die der ersten Buddhisten: vielleicht ist auf Nichts mehr Arbeit verwendet worden, als die feindseligen Gefühle zu entmuthigen und schwach zu machen. Der Kampf gegen das Ressentiment erscheint fast als erste Aufgabe des Buddhisten: erst damit ist der Frieden der Seele verbürgt. Sich loslösen, aber ohne Rancune: das setzt allerdings eine erstaunlich gemilderte und süß gewordene Menschlichkeit voraus, – Heilige ...

*

Die Klugheit des Moral-Castratismus. – Wie führt man Krieg gegen die männlichen Affekte und Werthungen? Man hat keine physischen Gewaltmittel, man kann nur einen Krieg der List, der Verzauberung, der Lüge, kurz »des Geistes« führen.

Erstes Recept: man nimmt die Tugend überhaupt für sein Ideal in Anspruch; man negirt das ältere Ideal bis zum Gegensatz zu allem Ideal. Dazu gehört eine Kunst der Verleumdung.

Zweites Recept: man setzt seinen Typus als Werthmaaß überhaupt an; man projicirt ihn in die Dinge hinter die Dinge, hinter das Geschick der Dinge – als Gott.

Drittes Recept: man setzt die Gegner seines Ideals als Gegner Gottes an; man erfindet sich das Recht zum großen Pathos, zur Macht, zu fluchen und zu segnen.

Viertes Recept: man leitet alles Leiden, alles Unheimliche, Furchtbare und Verhängnißvolle des Daseins aus der Gegnerschaft gegen sein Ideal ab: – alles Leiden folgt als Strafe, und selbst bei den Anhängern (– es sei denn, daß es eine Prüfung ist u. s. w.).

Fünftes Recept: man geht so weit, die Natur als Gegensatz zum eignen Ideal zu fassen: man betrachtet es als eine große Geduldsprobe, als eine Art Martyrium, so lange im Natürlichen auszuhalten; man übt sich auf den dédain, in der Mienen und Manieren in Hinsicht auf alle »natürlichen Dinge« ein.

Sechstes Recept: der Sieg der Widernatur, des idealen Castratismus, der Sieg der Welt des Reinen, Guten, Sündlosen, Seligen wird projicirt in die Zukunft, als Ende, Finale, große Hoffnung, als »Kommen des Reiches Gottes«.

– – Ich hoffe, man kann über diese Emporschraubung einer kleinen Species zum absoluten Werthmaß der Dinge noch lachen? ...

 

205.

Ich liebe es durchaus nicht an jenem Jesus von Nazareth oder an seinem Apostel Paulus, daß sie den kleinen Leuten so viel in den Kopf gesetzt haben, als ob es Etwas auf sich habe mit ihren bescheidenen Tugenden. Man hat es zu theuer bezahlen müssen: denn sie haben die werthvolleren Qualitäten von Tugend und Mensch in Verruf gebracht, sie haben das schlechte Gewissen und das Selbstgefühl der vornehmen Seele gegen einander gesetzt, sie haben die tapfern, großmüthigen, verwegenen, excessiven Neigungen der starken Seele irregeleitet, bis zur Selbstzerstörung ...

 

206.

Im neuen Testament, speciell in den Evangelien höre ich durchaus nichts » Göttliches« reden: vielmehr eine indirekte Form der abgründlichsten Verleumdungs- und Vernichtungswuth – eine der unehrlichsten Formen des Hasses. Es fehlt alle Kenntniß der Eigenschaften einer höheren Natur. Ungescheuter Mißbrauch aller Art Biedermännerei; der ganze Schatz von Sprüchwörtern ist ausgenützt und angemaaßt; war es nöthig, daß ein Gott kommt, um jenen Zöllnern zu sagen u. s. w. –

Nichts ist gewöhnlicher als dieser Kampf gegen die Pharisäer mit Hülfe einer absurden und unpraktischen Moral-Scheinbarkeit; an solchem tour de force hat das Volk immer sein Vergnügen gehabt. Vorwurf der »Heuchelei«! aus diesem Munde! Nichts ist gewöhnlicher als diese Behandlung der Gegner – ein Indicium verfänglichster Art für Vornehmheit oder nicht ...

 

207.

Das ursprüngliche Christenthum ist Abolition des Staates: es verbietet den Eid, den Kriegsdienst, die Gerichtshöfe, die Selbstvertheidigung und Vertheidigung irgend eines Ganzen, den Unterschied zwischen Volksgenossen und Fremden; insgleichen die Ständeordnung.

Das Vorbild Christi: er widerstrebt nicht Denen, die ihm Übles thun; er vertheidigt sich nicht; er thut mehr: er »reicht die linke Wange« (auf die Frage »bist du Christus?« antwortet er »und von nun an werdet ihr sehen des Menschen Sohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen in den Wolken des Himmels«). Er verbietet, daß seine Jünger ihn vertheidigen; er macht aufmerksam, daß er Hülfe haben könnte, aber nicht will.

Das Christenthum ist auch Abolition der Gesellschaft: es bevorzugt alles von ihr Geringgeschätzte, es wächst heraus aus den Verrufenen und Verurtheilten, den Aussätzigen jeder Art, den »Sündern«, den »Zöllnern«, den Prostituirten, dem dümmsten Volk (den »Fischern«); es verschmäht die Reichen, die Gelehrten, die Vornehmen, die Tugendhaften, die »Correcten« ...

 

208.

Der Krieg gegen die Vornehmen und Mächtigen, wie er im neuen Testament geführt wird, ist ein Krieg wie der des Reineke und mit gleichen Mitteln: nur immer in priesterlicher Salbung und in entschiedener Ablehnung, um seine eigne Schlauheit zu wissen.

 

209.

Das Evangelium: die Nachricht, daß den Niedrigen und Armen ein Zugang zum Glück offen steht, – daß man Nichts zu thun hat als sich von der Institution, der Tradition, der Bevormundung der oberen Stände loszumachen: insofern ist die Heraufkunft des Christentums Nichts weiter, als die typische Socialisten-Lehre. Eigenthum, Erwerb, Vaterland, Stand und Rang, Tribunale, Polizei, Staat, Kirche, Unterricht, Kunst, Militärwesen: Alles ebenso viele Verhinderungen des Glücks, Irrthümer, Verstrickungen, Teufelswerke, denen das Evangelium das Gericht ankündigt – Alles typisch für die Socialisten-Lehre.

Im Hintergrunde der Aufruhr, die Explosion eines aufgestauten Widerwillens gegen die »Herren«, der Instinkt dafür, wie viel Glück nach so langem Drucke schon im Frei-sich-fühlen liegen könnte... (Meistens ein Symptom davon, daß die unteren Schichten zu menschenfreundlich behandelt worden sind, daß sie ein ihnen verbotenes Glück bereits auf der Zunge schmecken ... Nicht der Hunger erzeugt Revolutionen, sondern daß das Volk en mangeant Appetit bekommen hat ...)

 

210.

Man lese einmal das neue Testament als Verführungs-Buch: die Tugend wird in Beschlag genommen, im Instinkt, daß man mit ihr die öffentliche Meinung für sich einnimmt, – und zwar die allerbescheidenste Tugend, welche das ideale Heerdenschaf anerkennt und Nichts weiter (den Schafhirten eingerechnet –): eine kleine, zärtliche, wohlwollende, hülfreiche und schwärmerisch-vergnügte Art Tugend, welche nach Außen hin absolut anspruchslos ist, – welche »die Welt« gegen sich abgrenzt. Der unsinnigste Dünkel, als ob sich das Schicksal der Menschheit dergestalt um sie drehe, daß die Gemeinde auf der einen Seite das Rechte und die Welt auf der andern Seite das Falsche, das ewig-Verwerfliche und Verworfene sei. Der unsinnigste Haß gegen Alles, was in der Macht ist: aber ohne daran zu rühren! Eine Art von innerlicher Loslösung, welche äußerlich Alles beim Alten läßt (Dienstbarkeit und Sklaverei! aus Allem sich ein Mittel zum Dienste Gottes und der Tugend zu machen wissen)

 

211.

Das Christentum ist möglich als privateste Daseinsform; es setzt eine enge, abgezogene, vollkommen unpolitische Gesellschaft voraus, – es gehört in's Conventikel. Ein »christlicher Staat«, eine »christliche Politik« dagegen ist eine Schamlosigkeit, eine Lüge, etwa wie eine christliche Heerführung, welche zuletzt den »Gott der Heerschaaren« als Generalstabschef behandelt. Auch das Papstthum ist niemals im Stande gewesen, christliche Politik zu machen ...; und wenn Reformatoren Politik treiben, wie Luther, so weiß man, daß sie eben solche Anhänger Macchiavell's sind wie irgend welche Immoralisten oder Tyrannen.

 

212.

Das Christenthum ist jeden Augenblick noch möglich, Es ist an keines der unverschämten Dogmen gebunden, welche sich mit seinem Namen geschmückt haben: es braucht weder die Lehre vom persönlichen Gott, noch von der Sünde, noch von der Unsterblichkeit, noch von der Erlösung, noch vom Glauben; es hat schlechterdings keine Metaphysik nöthig, noch weniger den Asketismus, noch weniger eine christliche »Naturwissenschaft«. Das Christenthum ist eine Praxis, keine Glaubenslehre. Es sagt uns wie wir handeln, nicht was wir glauben sollen.

Wer jetzt sagte »ich will nicht Soldat sein«, »ich kümmere mich nicht um die Gerichte«, »die Dienste der Polizei werden von mir nicht in Anspruch genommen«, »ich will Nichts thun, was den Frieden in mir selbst stört: und wenn ich daran leiden muß, Nichts wird mehr mir den Frieden erhalten als Leiden« – der wäre Christ.

 

213.

Zur Geschichte des Christenthums. – Fortwährende Veränderung des Milieu's: die christliche Lehre verändert damit fortwährend ihr Schwergewicht ... Die Begünstigung der Niederen und kleinen Leute ... Die Entwicklung der caritas ... Der Typus »Christ« nimmt schrittweise Alles wieder an, was er ursprünglich negirte (in dessen Negation er bestand –). Der Christ wird Bürger, Soldat, Gerichtsperson, Arbeiter, Handelsmann, Gelehrter, Theolog, Priester, Philosoph, Landwirth, Künstler, Patriot, Politiker, »Fürst« ... er nimmt alle Thätigkeiten wieder auf, die er abgeschworen hat (– die Selbstvertheidigung, das Gerichthalten, das Strafen, das Schwören, das Unterscheiden zwischen Volk und Volk, das Geringschätzen, das Zürnen ...). Das ganze Leben des Christen ist endlich genau das Leben, von dem Christus bis Loslösung predigte ...

Die Kirche gehört so gut zum Triumph des Antichristlichen, wie der moderne Staat, der moderne Nationalismus ... Die Kirche ist die Barbarisirung des Christenthums.

 

214.

Über das Christenthum Herr geworden: der Judaismus (Paulus); der Platonismus (Augustin); die Mysterienculte (Erlösungslehre, Sinnbild des »Kreuzes«); der Asketismus (– Feindschaft gegen die »Natur«, »Vernunft«, »Sinne«, – Orient ...).

 

215.

Das Christenthum als eine Entnatürlichung der Heerdenthier-Moral: unter absolutem Mißverständniß und Selbstverblendung. Die Demokratisirung ist eine natürlichere Gestalt derselben, eine weniger verlogene.

Thatsache: die Unterdrückten, die Niedrigen, die ganze große Menge von Sklaven und Halbsklaven wollen zur Macht.

Erste Stufe: sie machen sich frei, – sie lösen sich aus, imaginär zunächst, sie erkennen sich unter einander an, sie setzen sich durch.

Zweite Stufe: sie treten in Kampf, sie wollen Anerkennung, gleiche Rechte, »Gerechtigkeit«.

Dritte Stufe: sie wollen die Vorrechte (– sie ziehen die Vertreter der Macht zu sich hinüber).

Vierte Stufe: sie wollen die Macht allein, und sie haben sie ...

Im Christenthum sind drei Elemente zu unterscheiden: a) die Unterdrückten aller Art, b) die Mittelmäßigen aller Art, c) die Unbefriedigten und Kranken aller Art. Mit dem ersten Element kämpft es gegen die politisch Vornehmen und deren Ideal; mit dem zweiten Element gegen die Ausnahmen und Privilegirten (geistig, sinnlich –) jeder Art; mit dem dritten Element gegen den Natur-Instinkt der Gesunden und Glücklichen.

Wenn es zum Siege kommt, so tritt das zweite Element in den Vordergrund; denn dann hat das Christenthum die Gesunden und Glücklichen zu sich überredet (als Krieger für seine Sache), insgleichen die Mächtigen (als interessirt wegen der Überwältigung der Menge), – und jetzt ist es der Heerden-Instinkt, die in jedem Betracht werthvolle Mittelmaaß-Natur, die ihre höchste Sanktion durch das Christenthum bekommt. Diese Mittelmaaß-Natur kommt endlich so weit sich zum Bewußtsein (– gewinnt den Muth zu sich –), daß sie auch politisch sich die Macht zugesteht ...

Die Demokratie ist das vernatürlichte Christenthum: eine Art »Rückkehr zur Natur«, nachdem es durch eine extreme Antinatürlichkeit von der entgegengesetzten Werthung überwunden werden konnte. – Folge: das aristokratische Ideal entnatürlicht sich nunmehr (»der höhere Mensch«, »vornehm«, »Künstler«, »Leidenschaft«, »Erkenntniß«; Romantik als Cultus der Ausnahme, Genie u. s. w.).

 

216.

Wann auch die »Herren« Christen werden können. – Es liegt in dem Instinkt einer Gemeinschaft (Stamm, Geschlecht, Heerde, Gemeinde), die Zustände und Begehrungen, denen sie ihre Erhaltung verdankt, als an sich werthvoll zu empfinden, z. B. Gehorsam, Gegenseitigkeit, Rücksicht, Mäßigkeit, Mitleid, – somit Alles, was denselben im Wege steht oder widerspricht, herabzudrücken.

Es liegt insgleichen in dem Instinkt der Herrschenden (seien es Einzelne, seien es Stände), die Tugenden, auf welche hin die Unterworfenen handlich und ergeben sind, zu patronisiren und auszuzeichnen (– Zustände und Affekte, die den eignen so fremd wie möglich sein können).

Der Heerdeninstinkt und der Instinkt der Herrschenden kommen im Loben einer gewissen Anzahl von Eigenschaften und Zuständen überein, – aber aus verschiedenen Gründen: der erste aus unmittelbarem Egoismus, der zweite aus mittelbarem Egoismus.

Die Unterwerfung der Herren-Rassen unter das Christentum ist wesentlich die Folge der Einsicht, daß das Christenthum eine Heerdenreligion ist, daß es Gehorsam lehrt: kurz, daß man Christen leichter beherrscht als Nichtchristen. Mit diesem Wink empfiehlt noch heute der Papst dem Kaiser von China die christliche Propaganda.

Es kommt hinzu, daß die Verführungskraft des christlichen Ideals am stärksten vielleicht auf solche Naturen wirkt, welche die Gefahr, das Abenteuer und das Gegensätzliche lieben, welche Alles lieben, wobei sie sich riskiren, wobei aber ein non plus ultra von Machtgefühl erreicht werden kann. Man denke sich die heilige Theresa, inmitten der heroischen Instinkte ihrer Brüder: – das Christenthum erscheint da als eine Form der Willens-Ausschweifung, der Willensstärke, als eine Donquixoterie des Heroismus...

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