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Der Wille zur Macht I

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Der Wille zur Macht I - Kapitel 10
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authorFriedrich Nietzsche
titleDer Wille zur Macht I
publisherAlfred Krner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand IX
year1922
firstpub1884/88
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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b) Die letzten Jahrhunderte.

 

91.

Die Verdüsterung, die pessimistische Färbung kommt nothwendig im Gefolge der Aufklärung. Gegen 1770 bemerkte man bereits die Abnahme der Heiterkeit; Frauen dachten, mit jenem weiblichen Instinkt, der immer zu Gunsten der Tugend Partei nimmt, daß die Immoralität daran Schuld sei. Galiani traf in's Schwarze: er citirt Voltaire's Vers:

Un monstre gai vaut mieux
Qu'un sentimental ennuyeux.

Wenn ich nun vermeine, jetzt um ein paar Jahrhunderte Voltairen und sogar Galiani – der etwas viel Tieferes war – in der Aufklärung voraus zu sein: wie weit mußte ich also gar in der Verdüsterung gelangt sein! Dies ist auch wahr: und ich nahm zeitig mich mit einer Art Bedauern in Acht vor der deutschen und christlichen Enge und Folge-Unrichtigkeit des Schopenhauer'schen oder gar Leopardi'schen Pessimismus und suchte die principiellsten Formen auf (– Asien –). Um aber diesen extremen Pessimismus zu ertragen (wie er hier und da aus meiner »Geburt der Tragödie« herausklingt), »ohne Gott und Moral« allein zu leben, mußte ich mir ein Gegenstück erfinden. Vielleicht weiß ich am besten, warum der Mensch allein lacht: er allein leidet so tief, daß er das Lachen erfinden mußte. Das unglücklichste und melancholischste Thier ist, wie billig, das heiterste.

 

92.

In Bezug auf deutsche Cultur habe ich das Gefühl des Niedergangs immer gehabt. Das hat mich oft unbillig gegen das ganze Phänomen der europäischen Cultur gemacht, daß ich eine niedergehende Art kennen lernte. Die Deutschen kommen immer später hinterdrein: sie tragen Etwas in der Tiefe, z. B. –

Abhängigkeit vom Ausland: z. B. Kant – Rousseau, Sensualisten, Hume, Swedenborg.

Schopenhauer – Inder und Romantik, Voltaire.

Wagner – französischer Cultus des Gräßlichen und der großen Oper, Paris und Flucht in Urzustände (die Schwester-Ehe).

– Gesetz der Nachzügler (Provinz nach Paris, Deutschland nach Frankreich). Wieso gerade Deutsche das Griechische entdeckten (: je stärker man einen Trieb entwickelt, umso anziehender wird es, sich einmal in seinen Gegensatz zu stürzen).

Musik ist Ausklingen.

 

93.

Renaissance und Reformation. – Was beweist die Renaissance? Daß das Reich des »Individuums« nur kurz sein kann. Die Verschwendung ist zu groß: es fehlt die Möglichkeit selbst, zu sammeln, zu capitalisiren, und die Erschöpfung folgt auf dem Fuße. Es sind Zeiten, wo Alles verthan wird, wo die Kraft selbst verthan wird, mit der man sammelt, capitalisirt, Reichthum auf Reichthum häuft ... Selbst die Gegner solcher Bewegungen sind zu einer unsinnigen Kraftvergeudung gezwungen; auch sie werden alsbald erschöpft, ausgebraucht, öde.

Wir haben in der Reformation ein wüstes und pöbelhaftes Gegenstück zur Renaissance Italiens, verwandten Antrieben entsprungen, nur daß diese im zurückgebliebenen, gemein gebliebenen Norden sich religiös verkleiden mußten, – dort hatte sich der Begriff des höheren Lebens von dem des religiösen Lebens noch nicht abgelöst.

Auch mit der Reformation will das Individuum zur Freiheit; »Jeder sein eigner Priester« ist auch nur eine Formel der Libertinage. In Wahrheit genügte Ein Wort – »evangelische Freiheit« – und alle Instinkte, die Grund hatten, im Verborgenen zu bleiben, brachen wie wilde Hunde heraus, die brutalsten Bedürfnisse bekamen mit Einem Male den Muth zu sich, Alles schien gerechtfertigt ... Man hütete sich zu begreifen, welche Freiheit man im Grunde gemeint hatte, man schloß die Augen vor sich ... Aber daß man die Augen zumachte und die Lippen mit schwärmerischen Reden benetzte, hinderte nicht, daß die Hände zugriffen, wo Etwas zu greifen war, daß der Bauch der Gott des »freien Evangeliums« wurde, daß alle Rache- und Neid-Gelüste sich in unersättlicher Wuth befriedigten ...

Dies dauerte eine Weile: dann kam die Erschöpfung, ganz so wie sie im Süden Europa's gekommen war; und auch hier wieder eine gemeine Art Erschöpfung, ein allgemeines ruere in servitutem ... Es kam das unanständige Jahrhundert Deutschlands ...

 

94.

Die Ritterlichkeit als die errungene Position der Macht: ihr allmähliches Zerbrechen (und zum Theil Übergang in's Breitere, Bürgerliche). Bei Larochefoucauld ist Bewußtsein über die eigentlichen Triebfedern der Noblesse des Gemüths da – und christlich verdüsterte Beurtheilung dieser Triebfedern.

Fortsetzung des Christenthums durch die französische Revolution. Der Verführer ist Rousseau: er entfesselt das Weib wieder, das von da an immer interessanter – leidend – dargestellt wird. Dann die Sclaven und Mistreß Beecher-Stowe. Dann die Armen und die Arbeiter. Dann die Lasterhaften und Kranken, – Alles das wird in den Vordergrund gestellt (selbst um für das Genie einzunehmen, wissen sie seit fünfhundert Jahren es nicht anders als den großen Leidträger darzustellen!). Dann kommt der Fluch auf die Wollust (Baudelaire und Schopenhauer); die entschiedenste Überzeugung, daß Herrschsucht das größte Laster ist; vollkommene Sicherheit darin, daß Moral und désintéressement identische Begriffe sind; daß das »Glück Aller« ein erstrebenswerthes Ziel sei (d.h. das Himmelreich Christi). Wir sind auf dem besten Wege: das Himmelreich der Armen des Geistes hat begonnen. – Zwischenstufen: der Bourgeois (in Folge des Geldes Parvenu) und der Arbeiter (in Folge der Maschine).

Vergleich der griechischen Cultur und der französischen zur Zeit Ludwig's XIV. Entschiedener Glaube an sich selber. Ein Stand von Müßigen, die es sich schwer machen und viel Selbstüberwindung üben. Die Macht der Form, Wille, sich zu formen. »Glück« als Ziel eingestanden. Viel Kraft und Energie hinter dem Formenwesen. Der Genuß am Anblick eines so leicht scheinenden Lebens. – Die Griechen sahen den Franzosen wie Kinder aus.

 

95.

Die drei Jahrhunderte.

Ihre verschiedene Sensibilität drückt sich am besten so aus:

Aristokratismus: Descartes, Herrschaft der Vernunft, Zeugniß von der Souveränetät des Willens;

Feminismus: Rousseau, Herrschaft des Gefühls, Zeugniß von der Souveränetät der Sinne, verlogen;

Animalismus: Schopenhauer, Herrschaft der Begierde, Zeugniß von der Souveränetät der Animalität, redlicher, aber düster.

Das 17. Jahrhundert ist aristokratisch, ordnend, hochmüthig gegen das Animalische, streng gegen das Herz, »ungemüthlich«, sogar ohne Gemüth, »undeutsch«, dem Burlesken und dem Natürlichen abhold, generalisirend und souverän gegen Vergangenheit: denn es glaubt an sich. Viel Raubthier au fond, viel asketische Gewöhnung, um Herr zu bleiben. Das willensstarke Jahrhundert; auch das der starken Leidenschaft.

Das 18. Jahrhundert ist vom Weibe beherrscht, schwärmerisch, geistreich, flach, aber mit einem Geiste im Dienst der Wünschbarkeit, des Herzens, libertin im Genusse des Geistigsten, alle Autoritäten unterminirend; berauscht, heiter, klar, human, falsch vor sich, viel Canaille au fond, gesellschaftlich ...

Das 19. Jahrhundert ist animalischer, unterirdischer, häßlicher, realistischer, pöbelhafter, und ebendeshalb »besser«, »ehrlicher«, vor der »Wirklichkeit« jeder Art unterwürfiger, wahrer; aber willensschwach, aber traurig und dunkel-begehrlich, aber fatalistisch. Weder vor der »Vernunft«, noch vor dem »Herzen« in Scheu und Hochachtung; tief überzeugt von der Herrschaft der Begierde (Schopenhauer sagte »Wille«; aber Nichts ist charakteristischer für seine Philosophie, als daß das eigentliche Wollen in ihr fehlt). Selbst die Moral auf Einen Instinkt reducirt (»Mitleid«).

Auguste Comte ist Fortsetzung des 18. Jahrhunderts (Herrschaft von cœur über la tête, Sensualismus in der Erkenntnistheorie, altruistische Schwärmerei).

Daß die Wissenschaft in dem Grade souverän geworden ist, das beweist, wie das 19. Jahrhundert sich von der Domination der Ideale losgemacht hat. Eine gewisse »Bedürfnißlosigkeit« im Wünschen ermöglicht uns erst unsere wissenschaftliche Neugierde und Strenge – diese unsere Art Tugend ...

Die Romantik ist Nachschlag des 18. Jahrhunderts; eine Art aufgethürmtes Verlangen nach dessen Schwärmerei großen Stils (– thatsächlich ein gut Stück Schauspielerei und Selbstbetrügerei: man wollte die starke Natur, die große Leidenschaft darstellen).

Das 19. Jahrhundert sucht instinktiv nach Theorien, mit denen es seine fatalistische Unterwerfung unter das Tatsächliche gerechtfertigt fühlt. Schon Hegel's Erfolg gegen die »Empfindsamkeit« und den romantischen Idealismus lag im Fatalistischen seiner Denkweise, in seinem Glauben an die größere Vernunft auf Seiten des Siegreichen, in seiner Rechtfertigung des wirklichen »Staates« (an Stelle von »Menschheit« u.s.w.). – Schopenhauer: wir sind etwas Dummes und, besten Falls, sogar etwas Sich-selbst-Aufhebendes. Erfolg des Determinismus, der genealogischen Ableitung der früher als absolut geltenden Verbindlichkeiten, die Lehre vom milieu und der Anpassung, die Reduktion des Willens auf Reflexbewegungen, die Leugnung des Willens als »wirkender Ursache«; endlich – eine wirkliche Umtaufung: man sieht so wenig Wille, daß das Wort frei wird, um etwas Anderes zu bezeichnen. Weitere Theorien: die Lehre von der Objektivität, »willenlosen« Betrachtung, als einzigem Weg zur Wahrheit; auch zur Schönheit (– auch der Glaube an das »Genie«, um ein Recht auf Unterwerfung zu haben); der Mechanismus, die ausrechenbare Starrheit des mechanischen Processes; der angebliche »Naturalismus«, Elimination des wählenden, richtenden, interpretirenden Subjekts als Princip –

Kant, mit seiner »praktischen Vernunft«, mit seinem Moral-Fanatismus ist ganz 18. Jahrhundert; noch völlig außerhalb der historischen Bewegung; ohne jeden Blick für die Wirklichkeit seiner Zeit, z. B. Revolution; unberührt von der griechischen Philosophie; Phantast des Pflichtbegriffs; Sensualist, mit dem Hinterhang der dogmatischen Verwöhnung –.

Die Rückbewegung auf Kant in unserem Jahrhundert ist eine Rückbewegung zum achtzehnten Jahrhundert: man will sich ein Recht wieder auf die alten Ideale und die alte Schwärmerei verschaffen, – darum eine Erkenntnißtheorie, welche »Grenzen setzt«, das heißt erlaubt, ein Jenseits der Vernunft nach Belieben anzusetzen ...

Die Denkweise Hegel's ist von der Goethe'schen nicht sehr entfernt: man höre Goethe über Spinoza. Wille zur Vergöttlichung des Alls und des Lebens, um in seinem Anschauen und Ergründen Ruhe und Glück zu finden; Hegel sucht Vernunft überall, – vor der Vernunft darf man sich ergeben und bescheiden. Bei Goethe eine Art von fast freudigem und vertrauendem Fatalismus, der nicht revoltirt, der nicht ermattet, der aus sich eine Totalität zu bilden sucht, im Glauben, daß erst in der Totalität Alles sich erlöst, als gut und gerechtfertigt erscheint.

 

96.

Periode der Aufklärung, – darauf Periode der Empfindsamkeit. Inwiefern Schopenhauer zur »Empfindsamkeit« gehört (Hegel zur Geistigkeit).

 

97.

Das 17. Jahrhundert leidet am Menschen wie an einer Summe von Widersprüchenl'amas de contradictions«, der wir sind); es sucht den Menschen zu entdecken, zu ordnen, auszugraben: während das 18. Jahrhundert zu vergessen sucht, was man von der Natur des Menschen weiß, um ihn an seine Utopie anzupassen. »Oberflächlich, weich, human«, – schwärmt für »den Menschen« –

Das 17. Jahrhundert sucht die Spuren des Individuums auszuwischen, damit das Werk dem Leben so ähnlich als möglich sehe. Das 18. sucht durch das Werk für den Autor zu interessiren. Das 17. Jahrhundert sucht in der Kunst Kunst, ein Stück Cultur: das 18. treibt mit der Kunst Propaganda für Reformen socialer und politischer Natur.

Die »Utopie«, der »ideale Mensch«, die Natur-Angöttlichung, die Eitelkeit des Sich-in-Scene-setzens, die Unterordnung unter die Propaganda socialer Ziele, die Charlatanerie – das haben wir vom 18. Jahrhundert.

Der Stil des 17. Jahrhunderts: propre, exact et libre.

Das starke Individuum, sich selbst genügend oder vor Gott in eifriger Bemühung – und jene moderne Autoren-Zudringlichkeit und -Zuspringlichkeit – das sind Gegensätze. »Sich-produciren« – damit vergleiche man die Gelehrten von Port-Royal.

Alfieri hatte einen Sinn für großen Stil.

Der Haß gegen das Burleske (Würdelose), der Mangel an Natursinn gehört zum 17. Jahrhundert.

 

98.

Gegen Rousseau. – Der Mensch ist leider nicht mehr böse genug; die Gegner Rousseau's, welche sagen »der Mensch ist ein Raubthier«, haben leider nicht Recht. Nicht die Verderbniß des Menschen, sondern seine Verzärtlichung und Vermoralisirung ist der Fluch. In der Sphäre, welche von Rousseau am heftigsten bekämpft wurde, war gerade die relativ noch starke und wohlgerathene Art Mensch (– die, welche noch die großen Affekte ungebrochen hatte: Wille zur Macht, Wille zum Genuß, Wille und Vermögen zu commandiren). Man muß den Menschen des 18. Jahrhunderts mit dem Menschen der Renaissance vergleichen (auch dem des 17. Jahrhunderts in Frankreich), um zu spüren, worum es sich handelt: Rousseau ist ein Symptom der Selbstverachtung und der erhitzten Eitelkeit – beides Anzeichen, daß es am dominirenden Willen fehlt: er moralisirt und sucht die Ursache seiner Miserabilität als Rancune-Mensch in den herrschenden Ständen.

 

99.

VoltaireRousseau. – Der Zustand der Natur ist furchtbar, der Mensch ist Raubthier; unsere Civilisation ist ein unerhörter Triumph über diese Raubthier-Natur: – so schloß Voltaire. Er empfand die Milderung, die Raffinements, die geistigen Freuden des civilisirten Zustandes; er verachtete die Bornirtheit, auch in der Form der Tugend; den Mangel an Delikatesse auch bei den Asketen und Mönchen.

Die moralische Verwerflichkeit des Menschen schien Rousseau zu präoccupiren; man kann mit den Worten »ungerecht«, »grausam« am meisten die Instinkte der Unterdrückten aufreizen, die sich sonst unter dem Bann des vetitum und der Ungnade befinden: sodaß ihr Gewissen ihnen die aufrührerischen Begierden widerräth. Diese Emancipatoren suchen vor Allem Eins: ihrer Partei die großen Accente und Attitüden der höheren Natur zu geben.

 

100.

Rousseau: die Regel gründend auf das Gefühl; die Natur als Quelle der Gerechtigkeit; der Mensch vervollkommnet sich in dem Maaße, in dem er sich der Natur nähert (– nach Voltaire in dem Maaße, in dem er sich von der Natur entfernt). Dieselben Epochen für den Einen die des Fortschritts der Humanität, für den Andern Zeiten der Verschlimmerung von Ungerechtigkeit und Ungleichheit.

Voltaire noch die umanità, im Sinne der Renaissance begreifend, insgleichen die virtù (als »hohe Cultur«), er kämpft für die Sache der »honnêtes gens« und »de la bonne compagnie«, die Sache des Geschmacks, der Wissenschaft, der Künste, die Sache des Fortschritts selbst und der Civilisation.

Der Kampf gegen 1760 entbrannt: der Genfer Bürger und le seigneur de Ferney. Erst von da an wird Voltaire der Mann seines Jahrhunderts, der Philosoph, der Vertreter der Toleranz und des Unglaubens (bis dahin nur un bel esprit). Der Neid und der Haß auf Rousseau's Erfolg trieb ihn vorwärts, »in die Höhe«.

Pour »la canaille« un dieu rémunérateur et vengeur – Voltaire.

Kritik beider Standpunkte in Hinsicht auf den Werth der Civilisation. Die sociale Erfindung die schönste, die es für Voltaire giebt: es giebt kein höheres Ziel, als sie zu unterhalten und zu vervollkommnen; eben Das ist die honnêteté, die socialen Gebräuche zu achten; Tugend ein Gehorsam gegen gewisse nothwendige »Vorurtheile« zu Gunsten der Erhaltung der »Gesellschaft«. Cultur-Missionär, Aristokrat, Vertreter der siegreichen, herrschenden Stände und ihrer Werthungen. Aber Rousseau blieb Plebejer, auch als homme de lettres, das war unerhört; seine unverschämte Verachtung alles Dessen, was nicht er selbst war.

Das Krankhafte an Rousseau am meisten bewundert und nachgeahmt. (Lord Byron ihm verwandt; auch sich zu erhabenen Attitüden aufschraubend, zum rancunösen Groll; Zeichen der »Gemeinheit«; später, durch Venedig in's Gleichgewicht gebracht, begriff er, was mehr erleichtert und wohlthut, ... l'insouciance.)

Rousseau ist stolz in Hinsicht aus Das, was er ist, trotz seiner Herkunft; aber er geräth außer sich, wenn man ihn daran erinnert...

Bei Rousseau unzweifelhaft die Geistesstörung, bei Voltaire eine ungewöhnliche Gesundheit und Leichtigkeit. Die Rancune des Kranken; die Zeiten seines Irrsinns auch die seiner Menschenverachtung und seines Mißtrauens.

Die Vertheidigung der Providenz durch Rousseau (gegen den Pessimismus Voltaire's): er brauchte Gott, um den Fluch auf die Gesellschaft und die Civilisation werfen zu können; Alles mußte an sich gut sein, da Gott es geschaffen; nur der Mensch hat den Menschen verdorben. Der »gute Mensch« als Naturmensch war eine reine Phantasie; aber mit dem Dogma von der Autorschaft Gottes etwas Wahrscheinliches und Begründetes.

Romantik à la Rousseau: die Leidenschaft (»das souveräne Recht der Passion«); die »Natürlichkeit«; die Fascination der Verrücktheit (die Narrheit zur Größe gerechnet); die unsinnige Eitelkeit des Schwachen; die Pöbel-Rancune als Richterin (»in der Politik hat man seit hundert Jahren einen Kranken als Führer genommen«)

 

101.

Kant: macht den erkenntnißtheoretischen Skepticismus der Engländer möglich für Deutsche:

1) indem er die moralischen und religiösen Bedürfnisse der Deutschen für denselben interessirt: so wie aus gleichem Grunde die neueren Akademiker die Skepsis benutzten als Vorbereitung für den Platonismus (vide Augustin); so wie Pascal sogar die moralistische Skepsis benutzte, um das Bedürfniß nach Glauben zu excitiren (»zu rechtfertigen«);

2) indem er ihn scholastisch verschnörkelte und verkräuselte und dadurch dem wissenschaftlichen Form-Geschmack der Deutschen annehmbar machte (denn Locke und Hume an sich waren zu hell, zu klar, d. h. nach deutschen Werthinstinkten geurtheilt »zu oberflächlich« –).

Kant: ein geringer Psycholog und Menschenkenner; grob fehlgreifend in Hinsicht auf große historische Werthe (französische Revolution); Moral-Fanatiker à la Rousseau; mit unterirdischer Christlichkeit der Werthe; Dogmatiker durch und durch, aber mit einem schwerfälligen Überdruß an diesem Hang, bis zum Wunsche, ihn zu tyrannisiren, aber auch der Skepsis sofort müde; noch von keinem Hauche kosmopolitischen Geschmacks und antiker Schönheit angeweht ... ein Verzögerer und Vermittler, nichts Originelles (– so wie Leibnitz zwischen Mechanik und Spiritualismus, wie Goethe zwischen dem Geschmack des 18. Jahrhunderts und dem des »historischen Sinnes« [– der wesentlich ein Sinn des Exotismus ist], wie die deutsche Musik zwischen französischer und italienischer Musik, wie Karl der Große zwischen imperium Romanum und Nationalismus vermittelte, überbrückte, – Verzögerer par excellence).

 

102.

Inwiefern die christlichen Jahrhunderte mit ihrem Pessimismus stärkere Jahrhunderte waren als das 18. Jahrhundert – entsprechend das tragische Zeitalter der Griechen –.

Das 19. Jahrhundert gegen das 18. Jahrhundert. Worin Erbe, – worin Rückgang gegen dasselbe (: »geist«loser, geschmackloser), – worin Fortschritt über dasselbe (: düsterer, realistischer, stärker).

 

103.

Was bedeutet daß, daß wir die Campagna romana nachfühlen? Und das Hochgebirge? Chateaubriand 1803 in einem Brief an M. de Fontanes giebt den ersten Eindruck der Campagna romana.

Der Präsident de Brosses sagt von der Campagna romana: «il fallait que Romulus fût ivre, quand il sougea à bâtir une ville dans un terrain aussi laid.«

Auch Delacroix wollte Rom nicht, es machte ihm Furcht. Er schwärmte für Venedig, wie Shakespeare, wie Byron, wie George Sand. Die Abneigung gegen Rom auch bei Theoph. Gautier – und bei Rich. Wagner.

Lamartine hat für Sorrent und den Posilipp die Sprache –

Victor Hugo schwärmt für Spanien, »parce que aucune autre nation n'a moins emprunté à l'antiquité, parce qu'elle n'a subi aucune influence classique.«

 

104.

Die beiden großen Tentativen, die gemacht worden sind, das 18. Jahrhundert zu überwinden:

Napoleon, indem er den Mann, den Soldaten und den großen Kampf um Macht wieder aufweckte – Europa als politische Einheit concipirend;

Goethe, indem er eine europäische Cultur imaginirte, die die volle Erbschaft der schon erreichten Humanität macht.

Die deutsche Cultur dieses Jahrhunderts erweckt Mißtrauen – in der Musik fehlt jenes volle, erlösende und bindende Element Goethe –

 

105.

Das Übergewicht der Musik in den Romantikern von 1830 und 1840. Delacroix. Ingres, ein leidenschaftltcher Musiker (Cultus für Gluck, Haydn, Beethoven, Mozart) sagte seinen Schülern in Rom »si je pouvais vous rendre tous musiciens, vous y gagneriez comme peintres« –; insgleichen Horace Vernet, mit einer besonderen Leidenschaft für den Don Juan (wie Mendelssohn bezeugt 1831); insgleichen Stendhal, der von sich sagt: Combien de lieues ne ferais-je pas à pied, et à combien de jours de prison ne me soumetterais-je pas pour entendre Don Juan ou le Matrimonio segreto; et je ne sais pour quelle autre chose je ferais cet effort. Damals war er 56 Jahre alt.

Die entliehenen Formen, z. B. Brahms als typischer »Epigone«, Mendelssohn's gebildeter Protestantismus ebenfalls (eine frühere »Seele« wird nachgedichtet ...)

– die moralischen und poetischen Substitutionen bei Wagner, die eine Kunst als Nothbehelf für Mängel in der anderen,

– der »historische Sinn«, die Inspiration durch Dichten, Sagen,

– jene typische Verwandlung, für die unter Franzosen G. Flaubert, unter Deutschen Richard Wagner das deutlichste Beispiel ist, wie der romantische Glaube an die Liebe und die Zukunft in das Verlangen zum Nichts sich verwandelt, 1830 in 1850.

 

106.

Warum culminirt die deutsche Musik zur Zeit der deutschen Romantik? Warum fehlt Goethe in der deutschen Musik? Wie viel Schiller, genauer wie viel »Thekla« ist dagegen in Beethoven!

Schumann hat Eichendorff, Uhland, Heine, Hoffmann, Tieck in sich. Richard Wagner hat Freischütz, Hoffmann, Grimm, die romantische Sage, den mystischen Katholicismus des Instinkts, den Symbolismus, die »Freigeisterei der Leidenschaft« (Rousseau's Absicht). Der »Fliegende Holländer« schmeckt nach Frankreich, wo le ténébreux 1830 der Verführer-Typus war.

Cultus der Musik, der revolutionären Romantik der Form. Wagner resümirt die Romantik, die deutsche und die französische –

 

107.

Richard Wagner bleibt, bloß in Hinsicht auf seinen Werth für Deutschland und deutsche Cultur abgeschätzt, ein großes Fragezeichen, ein deutsches Unglück vielleicht, ein Schicksal in jedem Falle: aber was liegt daran? Ist er nicht sehr viel mehr, als bloß ein deutsches Ereigniß? Es will mir sogar scheinen, daß er nirgendswo weniger hingehört als nach Deutschland: Nichts ist daselbst auf ihn vorbereitet, sein ganzer Typus steht unter Deutschen einfach fremd, wunderlich, unverstanden, unverständlich da. Aber man hütet sich, das sich einzugestehen: dazu ist man zu gutmüthig, zu viereckig, zu deutsch. » Credo quia absurdus est«: so will es und wollte es auch in diesem Falle der deutsche Geist – und so glaubt er einstweilen Alles, was Wagner über sich selbst geglaubt haben wollte. Der deutsche Geist hat zu allen Zeiten in psychologicis der Feinheit und Divination ermangelt. Heute, wo er unter dem Hochdruck der Vaterländerei und Selbstbewunderung steht, verdickt und vergröbert er sich zusehends; wie sollte er dem Problem Wagner gewachsen sein! –

 

108.

Die Deutschen sind noch Nichts, aber sie werden Etwas; also haben sie noch keine Cultur, – also können sie noch leine Cultur haben! – Sie sind noch Nichts: das heißt sie sind Allerlei. Sie werden Etwas: das heißt sie hören einmal auf, Allerlei zu sein. Das letzte ist im Grunde nur ein Wunsch, kaum noch eine Hoffnung; glücklicherweise ein Wunsch, auf dem man leben kann, eine Sache des Willens, der Arbeit, der Zucht, der Züchtung so gut als eine Sache des Unwillens, des Verlangens, der Entbehrung, des Unbehagens, ja der Erbitterung, – kurz, wir Deutschen wollen Etwas von uns, was man von uns noch nicht wollte – wir wollen Etwas mehr!

Daß diesem »Deutschen, wie er noch nicht ist« – etwas Besseres zukommt, als die heutige deutsche »Bildung«; daß alle »Werdenden« ergrimmt sein müssen, wo sie eine Zufriedenheit auf diesem Bereiche, ein dreistes »Sich-zur-Ruhe-setzen« oder »Sich-selbst-anräuchern« wahrnehmen: das ist mein zweiter Satz, über den ich auch noch nicht umgelernt habe.

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