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Der Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842)

James Fenimore Cooper: Der Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842) - Kapitel 21
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type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842)
publisherVerlag von S.G. Liesching
year1842
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel.

»Ich that, was thun kann Menschenhand,
    Und Alles half nicht mehr;
Leb wohl, mein Lieb! mein Heimathland!
    Denn ich muß über's Meer;
                            Mein Lieb,
    Denn ich muß über's Meer.«
Schottische Ballade.

Im letzten Kapitel verließen wir die Kämpfenden, wie sie in ihrem engen Kampfplatz Athem schöpften. Gewohnt an die derben Spiele des Ringens und Schwingens, wie sie damals in Amerika und zumal an den Grenzen so gewöhnlich waren, besaß Hurry, neben seiner ungeheuern Stärke einen Vortheil, der den Kampf minder ungleich machte, als er sonst erscheinen mochte. Dieß allein hatte ihn in Stand gesetzt, so lang allein gegen so viele Feinde auszuhalten; denn der Indianer ist keineswegs ausgezeichnet durch Stärke oder Gewandtheit in athletischen Uebungen. Bis jetzt war noch Niemand ernstlich beschädigt, obwohl Einige von den Wilden schwere Fälle gethan hatten; namentlich derjenige, der der Länge nach auf die Plattform geschleudert worden, war, kann man wohl sagen, für den Augenblick kampfuntüchtig geworden. Einige der Uebrigen hinkten; und March selbst war nicht ohne alle Beulen durchgekommen, obgleich Erschöpfung des Athems der Hauptverlust war, den beide Parteien wieder herzustellen wünschten.

Unter Umständen wie die, worin die Parteien sich befanden, konnte ein Waffenstillstand, welche Ursache er nun haben mochte, nicht wohl von langer Dauer seyn. Der Kampfplatz war zu enge, und die Besorgniß vor Verrätherei zu groß, um dieß zu gestatten. Was man bei seiner Lage gar nicht hätte erwarten sollen, war Hurry der Erste, der die Feindseligkeiten wieder eröffnete. Ob er dieß aus Politik that, oder in dem Gedanken, er könnte durch einen plötzlichen und unvermutheten Angriff irgend einen Vortheil gewinnen, oder ob es die Folge der Aufregung und seines nie ruhenden Hasses gegen die Indianer gewesen, ist unmöglich zu sagen. Sein Angriff indessen war wüthend, und zuerst trieb er Alle vor sich her. Er packte den nächsten Huronen um den Leib, hob ihn ganz von der Plattform empor, und schleuderte ihn in's Wasser, als wäre er nur ein Kind. In einer halben Minute lagen noch Zwei neben ihm, von welchen Einer eine schwere Verletzung davontrug, weil er auf den ihm eben vorangegangenen Genossen fiel. Nur vier Feinde blieben noch übrig, und in einem Handgemenge, wo man sich keiner andren Waffen bediente, als der von der Natur selbst gegebenen, glaubte sich Hurry ganz Mannes genug, mit dieser Zahl von Rothhäuten es aufzunehmen.

»Hurrah! Alter Tom!« brüllte er; »die Schurken machen sich in den See und ich will sie bald Alle schwimmen sehen!« Wie er diese Worte gesprochen, schleuderte ein heftiger Stoß in's Gesicht den verletzten Indianer, der den Rand der Plattform gefaßt hatte, und sich hinaufzuschwingen versuchte, rettungs- und hoffnungslos in's Wasser. Als der Kampf vorüber war, sah man seinen dunkeln Leichnam durch das durchsichtige Element des Glimmerglases mit ausgestreckten Armen der Länge nach auf dem Grund der Sandbank liegen, worauf das Castell stand, in den Sand und das Seegras die Hände einwühlend, als ob durch dieß verzweiflungsvolle Anklammern im Tod das Leben zurückgehalten werden sollte. Ein Streich, einem Andern in die Magenhöhle versetzt, rollte ihn auf, wie einen getretenen Wurm; und nur noch zwei tüchtige Feinde blieben zu bekämpfen übrig. Einer von diesen jedoch war nicht nur der Größte und Stärkste unter den Huronen, sondern auch der Erfahrenste unter den anwesenden Kriegern, und derjenige, dessen Sehnen in Kämpfen und durch Märsche auf dem Kriegspfad am meisten gestählt waren. Dieser Mann hatte die riesenhafte Stärke seines Gegners wohl gewürdigt, und hatte seine Kraft sorgsam gespart. Er war auch auf's beste gerüstet für einen solchen Kampf, denn er stand da nur in Beinkleidern, das Modell einer schönen, nackten Statue der Gewandtheit und Stärke. Ihn zu packen erforderte außerordentliche Behendigkeit und ungewöhnliche Stärke, dennoch bedachte sich Hurry nicht, und sobald er jenen Stoß versetzt, der in der That einem Mitmenschen das Leben kostete, band er auch mit diesem furchtbaren Feind an, und suchte auch ihn in's Wasser zu drängen. Der nun folgende Kampf war in der That gräßlich. So wild wurde er im Augenblick, und so rasch und wechselnd waren die Bewegungen der Athleten, daß dem noch übrigen Wilden, hätte er auch den Wunsch gehabt, keine Möglichkeit blieb, sich einzumischen, sondern er von Staunen und Furcht wie gefesselt dastand. Er war ein unerfahrner Jüngling und das Blut gerann ihm, als er Zeuge ward von dem häßlichen Kampf menschlicher Leidenschaften, der sich dazu noch in ungewohnter Gestalt darstellte.

Hurry versuchte zuerst seinen Gegner zu werfen. In dieser Absicht packte er ihn an der Kehle und einem Arm, und suchte ihm mit der Gewandtheit und Stärke eines amerikanischen Grenzmannes ein Bein zu stellen, Dieß ward vereitelt durch die behenden Bewegungen des Huronen, der Hurry bei den Kleidern packen konnte, und dessen Füße jenem Versuch auswichen mit einer Geschwindigkeit, gleich der des Angreifers selbst. Dann folgte eine Art mêlée, wenn man einen solchen Ausdruck gebrauchen darf von einem Kampf zwischen Zweien, in welchem keine Anstrengungen einzeln zu unterscheiden waren, und die Glieder u»d Leiber der Kämpfenden so viele Stellungen und Verrenkungen annahmen, daß sie jeder Beobachtung spotteten. Dieß wirre aber wüthende Handgemenge dauerte jedoch nicht ganz eine Minute, worauf Hurry rasend, daß seine Stärke durch die Gewandtheit und Nacktheit seines Feindes in ihrem Erfolg getäuscht wurde, eine verzweifelte Anstrengung machte, welche den Huronen ihm vom Leibe schaffte, und ihn heftig gegen die Blöcke der Hütte schleuderte. Die Erschütterung war so groß, daß sie für einen Augenblick den Letztern betäubte. Auch der Schmerz erpreßte ihm ein tiefes Aechzen – ein Zoll, von Qual und Angst abgerungen, der in der Hitze des Kampfes einem rothen Mann nicht selten entfährt. Dennoch stürzte er sich aufs Neue seinem Feind entgegen, wohl wissend, daß seine Rettung von seiner Entschlossenheit abhinge. Jetzt packte Hurry den Andern um den Leib, hob ihn frei über die Plattform empor, und fiel mit seiner gewaltigen Wucht auf den unter ihm Liegenden. Diese weitere heftige Bedrängniß betäubte den armen Indianer so, daß sein gigantischer weißer Gegner ihn jetzt ganz und gar in seiner Hand hatte. Er legte die Hände um die Kehle seines Opfers und preßte sie zusammen mit der Gewalt einer Schraube, wobei er den Kopf des Huronen an dem Rand der Plattform ordentlich umbog, bis bei der höllischen Stärke, die er anwendete, das Kinn zuoberst war. Ein Augenblick schon zeigte die Folgen. Die Augen des Mißhandelten schienen herauszutreten, seine Zunge reckte sich heraus, und seine Nüstern dehnten sich fast zum Zerspringen. In diesem Augenblick ward ein Strick von Bast, mit einem Auge versehen, geschickt über die beiden Arme Hurry´s geworfen; das Ende ward durch das Auge geschoben, so daß eine Schlinge entstand, und jetzt wurden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammengezogen mit einer Gewalt, der selbst seine gigantische Stärke nicht widerstehen konnte. Mit Widerstreben, selbst unter diesen Umständen noch, sah der erbitterte Grenzmann seine Hände zurückgerissen von ihrer tödtlichen Umspannung, denn alle bösen Leidenschaften tobten jetzt auf's Höchste in ihm. Beinahe im selben Augenblick fesselte ein gleiches Band auch seine Knöchel, und sein Körper ward in die Mitte der Plattform hingerollt, so hilflos und so rücksichtslos, als wäre er ein Holzscheit. Sein befreiter Gegner aber stand nicht auf, denn während er wieder zu athmen anfieng, hing doch sein Kopf noch kraftlos über den Rand der Blöcke hinunter, und man glaubte anfangs, der Hals sey ihm verdreht. Nur allmählig erholte er sich wieder und Stunden vergingen, bis er gehen konnte. Manche glaubten, weder sein Leib noch sein Gemüth habe sich je wieder ganz erholt von diesem drohenden Vorschmack des Todes.

Hurry hatte seine Niederlage und Gefangennehmung der blinden Wuth zu danken, mit der er alle seine Kräfte gegen den gefallenen Feind aufbot. Während er mit diesem beschäftigt, waren die zwei von ihm in's Wasser geschleuderten Indianer an den Pfeilern heraufgestiegen, schlichen jetzt diesen entlang daher, und gesellten sich zu ihrem Genossen auf der Plattform. Der Letztere hatte seine Geisteskräfte so weit wieder gesammelt, daß er die Stricke herbeigeholt hatte, die nun zum Gebrauch in Bereitschaft waren, als die Andern erschienen, und sie wurden in der nun schon erzählten Weise angewendet, während Hurry mit seiner ganzen Wucht seinen Feind niedergedrückt hielt, nur mit dem gräßlichen Wunsch beschäftigt, ihn zu erdrosseln. So hatte sich in Einem Augenblick das Blatt gewendet, er, der so nahe daran gewesen, einen vollständigen Sieg zu erringen, der mittelst Ueberlieferung Jahrhunderte hindurch in dieser ganzen Gegend wäre bekannt und gepriesen worden, lag jetzt da, hülflos, gebunden, gefangen. So furchtbar waren die Anstrengungen des Bleichgesichts gewesen, so wunderbar die Stärke, die er an den Tag gelegt, daß sie selbst, wie er so, einem gebundenen Schaafe gleich, vor ihnen dalag, ihn mit Achtung und nicht ohne Furcht betrachteten. Der kraftlose Leib ihres stärksten Kriegers lag noch ausgestreckt auf der Plattform; und wie sie ihre Augen auf den See warfen, den Kameraden zu suchen, der so unceremoniös hineingeschleudert worden war, und den sie in der Verwirrung des Handgemenges aus dem Gesicht verloren hatten, sahen sie, wie schon beschrieben, seine leblose Gestalt auf dem Grund des See's, an's Gras sich anklammernd, liegen. Alle diese Umstände zusammen machte den Sieg der Huronen für sie beinahe so betrübend wie eine Niederlage.

Chingachgook und seine Verlobte hatten diesem ganzen Kampf von der Arche aus zugesehen. Als die drei Huronen im Begriffe waren, die Stricke durch die Arme des daliegenden Hurry zu schieben, suchte der Delaware nach seiner Büchse; aber noch ehe er sich ihrer bedienen konnte, war der weiße Mann gebunden und das Unheil geschehen. Er konnte noch einen Feind niederschießen, aber den Skalp zu gewinnen war unmöglich, und der junge Häuptling, der so entschlossen sein Leben an eine solche Trophäe wagte, bedachte sich, einem Feinde das Leben zu nehmen, wenn er keine Aussicht auf jene hatte. Ein Blick auf Hist, und der Gedanke an die möglichen Folgen dämpfte jedes flüchtige Racheverlangen. Der Leser weiß schon, daß man von Chingachgook kaum sagen konnte, daß er die Ruder der Arche zu handhaben verstanden habe, so erfahren er auch im Gebrauche der Ruderschaufel auf Canoe's seyn mochte. Vielleicht gibt es keine Handarbeit, bei der sich die Menschen so ungeschickt und linkisch geberden, wie bei den ersten Versuchen ein Ruder zu handhaben, und selbst der erfahrenste Seemann oder Bootsmann fällt durch mit seinen Bemühungen, neben dem gefeierten Kerbenrudern des Gondoliers zu figuriren. Kurz, es ist für den Augenblick für den neuen Anfänger unmöglich, Ein Ruder gut zu handhaben; hier aber war erforderlich, zwei auf einmal, und dazu zwei sehr große zu bewältigen. Große Ruderstangen jedoch werden von einer ungeübten Hand noch eher gehandhabt, als leichtere Werkzeuge, und dieß war der Grund, daß es dem Delawaren beim ersten Versuche doch noch so gut gelang, die Arche von der Stelle zu bringen. Aber dennoch hatte dieser Versuch hingereicht, ihn gegen sich selbst mißtrauisch zu machen, und er sah wohl, in welche kritische Lage er und Hist jetzt versetzt waren, falls die Huronen das Canoe, das noch unter der Fallthüre lag, nahmen und sich gegen sie wandten. In einem Augenblick dachte er daran, Hist in das in seinem Besitz befindliche Canoe zu setzen, und sich nach den östlichen Bergen zu wenden, in der Hoffnung, durch rasche Flucht die Delawarischen Dörfer zu gewinnen. Aber manche Betrachtungen drängten sich auf, um diesen unbesonnenen Schritt zu hintertreiben. Es war beinahe gewiß, daß Kundschafter den See auf beiden Seiten bewachten und kein Canoe so leicht der Küste sich nähern konnte, ohne von den Hügeln aus gesehen zu werden. Dann war eine Fährte vor einem indianischen Auge nicht zu verhehlen, und die Kraft Hist's war einer Flucht nicht gewachsen, die so rasch und unausgesetzt ausgeführt werden mußte, um der Verfolgung geübter Krieger zu enteilen. Es war dieß eine Gegend Amerika's, wo die Indianer den Gebrauch von Pferden noch nicht kannten, und Alles hing von der physischen Kraft der Flüchtigen ab. Die letzte, aber nicht die geringste Rücksicht war der Gedanke an Wildtödters Lage; ein Freund durfte in seiner Noth nicht so verlassen werden.

Hist dachte und folgerte in einigen Punkten, ja sie fühlte auch anders, obwohl sie zu demselben Schluß gelangte. Ihre eigene Gefahr beunruhigte sie weniger, als ihre Sorge um die zwei Schwestern, für welche ihre weibliche Sympathie jetzt aufs lebhafteste sich betheiligte. Das Canoe der Mädchen hatte sich, bis der Kampf zu Ende war, dem Castell auf dreihundert Schritte genähert, und jetzt hörte Judith auf zu rudern, da die Anzeichen des Kampfes erst hier dem Auge sichtbar wurden. Sie und Hetty standen aufrecht da, ängstlich bemüht zu erkunden, was vorgefallen, aber außer Stand, sich Gewißheit zu verschaffen, weil das Gebäude großentheils den Kampfplatz verdeckte.

Die auf der Arche und im Canoe Befindlichen verdankten der Heftigkeit von Hurry's Angriff ihre augenblickliche Sicherheit. In jedem gewöhnlichen Falle wären die Mädchen sofort gefangen worden – eine leicht zu vollziehende Maßregel, nachdem die Huronen im Besitz eines Canoe's waren, ohne den demüthigenden Schlag, den die Kühnheit der Huronen in dem jüngsten Kampfe erlitten. Es erforderte eine Weile, bis sie sich von den Eindrücken dieser gewaltsamen Scene erholten; und das um so mehr, als der wichtigste Mann der Truppe, wenigstens was persönliche Tapferkeit betraf, so schwer zu Schaden gekommen war. Dennoch war es von höchster Wichtigkeit, daß Judith und ihre Schwester unverzüglich Zuflucht in der Arche suchten, deren Vertheidigungsmittel wenigstens für kurze Zeit Schirm und Schutz boten; und die nächste Aufgabe war, Mittel zu finden, sie hiezu zu veranlassen. Hist zeigte sich auf dem Hintertheil der Fähre, und machte, aber vergebens, allerlei Zeichen und Geberden, um die Mädchen zu veranlassen, mittelst eines Bogens das Castell zu vermeiden und sich der Arche von Osten her zu nähern. Aber diese Zeichen wurden verachtet oder mißverstanden. Wahrscheinlich erkannte Judith noch nicht hinlänglich den wahren Stand der Dinge, um volles Vertrauen in die eine oder andre Partei zu setzen. Statt zu thun, wie man ihr rieth, hielt sie sich vielmehr weiter entfernt; sie ruderte langsam zurück, nordwärts oder nach dem breitesten Theil des See's, wo sie die weiteste Aussicht beherrschte, und das weiteste Feld zur Flucht vor sich hatte. In diesem Augenblick erschien die Sonne über den Fichten der östlichen Bergreihe, und ein leichter Südwind erhob sich, wie zu dieser Jahrszeit und Stunde ganz gewöhnlich war.

Chingachgook verlor keine Zeit das Segel aufzuziehen. Was auch seiner warten mochte, daran konnte kein Zweifel seyn, daß es in jeder Weise wünschenswerth war, die Arche in solche Entfernung von dem Castell zu bringen, daß die Feinde in die Nothwendigkeit versetzt wurden, sich der Arche in dem Canoe zu nähern, das die Wechselfälle des Krieges so ungelegen für seine Wünsche und seine Sicherheit ihnen in die Hände geliefert hatten. Der Anblick des schwellenden Segels schien die Huronen zuerst aus ihrer Thatlosigkeit zu wecken; und bis die Spitze der Fähre vor dem Winde abgefallen war – was unglücklicher Weise in der falschen Richtung geschah – wodurch sie der Plattform auf wenige Schritte sich näherte, fand es Hist nöthig, ihren Geliebten dringend zu ermahnen, wie wesentlich es sey, daß er seine Person gegen die Büchsen der Feinde sicher stelle. Dieß war eine unter allen Umständen zu vermeidende Gefahr, und um so mehr, weil der Delaware sah, daß Hist selbst keine Bedeckung suchen würde, so lange er bloß gestellt blieb. So überließ denn Chingachgook die Fähre ganz ihren eignen Bewegungen, drängte Hist in die Cajüte, deren Thüren er augenblicklich verschloß, und sah sich dann nach den Büchsen um.

Die Lage der Parteien war jetzt so eigenthümlich, daß sie eine besondere Schilderung verdient. Die Arche war sechzig Schritte vom Castell entfernt, etwas südlich davon, auf der Seite wohin der Wind blies, mit vollem Segel und ledigem Steuerruder. Das letztere war zum Glück nicht befestigt, so daß es keinen großen Einfluß übte auf die krebsartige Bewegung des ungefügen Fahrzeugs. Da das Segel dem Winde preisgegeben war, wie es die Matrosen nennen, oder keine Brassen hatte, drängte der Luftzug die Raa vorwärts, obgleich beide Schoten fest waren. Die Wirkung war eine dreifach starke bei einem Fahrzeug, das einen vollkommen flachen Boden hatte und nur etwa drei bis vier Zoll tief im Wasser ging. Das Vordertheil wurde langsam leewärts herum getrieben, die gesammte Masse wurde zugleich nach derselben Richtung kräftig gedrängt, und das Wasser, das nothwendig unter dem Lee anschwoll, gab der Fähre auch eine verstärkte Bewegung vorwärts. Alle diese Veränderungen jedoch waren ausnehmend langsam, denn der Wind war nicht nur schwach, sondern auch wie gewöhnlich unzuverlässig, und zwei oder dreimal schwankte das Segel. Einmal schlug es ganz und gar zurück.

Hätte die Arche irgend einen Kiel gehabt, so wäre sie unausbleiblich auf die Plattform, den Bug voran, losgefahren, und dann hätte vermuthlich Nichts die Huronen verhindert, sie zu nehmen, zumal da das Segel ihnen möglich gemacht hätte, sich unter einer Deckung zu nähern. So aber trieb die Fähre nur langsam rund herum, an diesem Theil des Gebäudes nur eben vorbeigleitend. An den um einige Fuß vorstehenden Pfeilern jedoch glitt sie nicht vorbei, sondern die Spitze des langsam sich bewegenden Fahrzeugs fing sich zwischen zwei derselben mit einer seiner in rechten Winkeln auslaufenden Ecken und blieb hängen. In diesem Augenblick paßte der Delaware, aufmerksam durch ein Guckloch schauend, eine Gelegenheit ab, zu feuern, während die Huronen, auf das Gleiche bedacht, in dem Haus sich hielten. Der erschöpfte Krieger lehnte sich gegen die Hütte, da keine Zeit gewesen war, ihn wegzubringen, und Hurry lag beinahe so hülflos wie ein Klotz, gebunden wie ein Lamm auf der Schlachtbank, der Mitte der Plattform nahe. Chingachgook hätte den Erstern jeden Augenblick tödten können, aber sein Skalp wäre ihm doch entgangen, und der junge Häuptling verschmähte es, einen Schlag zu führen, der weder Ehre noch Vortheil brachte.

»Fahrt mit einem der Bootshaken heraus, Schlange, wenn Ihr es seyd,« sagte Hurry, unter das Stöhnen hinein, das ihm die Festigkeit der einschneidenden Bande auszupressen anfing, »fahrt mit einem der Bootshaken heraus und schiebt damit das Vordertheil der Fähre weg, dann kommt Ihr von uns los – und wenn Ihr Euch diesen Dienst geleistet, dann gebt mir zu Liebe diesem nach Luft schnappenden Schurken den Rest!«

Der Zuruf Hurry's hatte jedoch keine andere Wirkung, als Hist's Aufmerksamkeit auf seine Lage zu lenken. Dieß schnellauffassende Geschöpf begriff sie auf einen Blick. Seine Knöchel waren mit starken Baststricken mehrmals umwunden, und seine Arme über den Ellbogen auf ähnliche Weise über den Rücken gebunden, so daß er nur mit Händen und Fäusten wenig freies Spiel hatte. Sie setzte den Mund an ein Guckloch und sagte mit leiser, aber vernehmlicher Stimme:

»Warum Euch nicht her wälzen und in die Fähre fallen? Chingachgook Huronen schießen, wenn er nachsetzt!«

»Beim Himmel, Mädchen, das ist ein einsichtsvoller Gedanke, und soll versucht werden, wenn der Spiegel Eurer Fähre nur etwas näher kommen will. Legt nur ein Bett auf den Boden, daß ich darauf falle.«

Dieß ward in einem glücklichen Augenblick gesprochen, denn des Wartens müde, schoßen alle Indianer ihre Büchsen beinah in Einem Augenblick rasch ab, ohne Jemand zu treffen, obgleich mehrere Kugeln durch die Scharten gingen. Hist hatte einen Theil von Hurry's Worten gehört, das Meiste aber war über dem heftigen Knallen der Gewehre verloren gegangen. Sie machte den Riegel der Thüre auf, die nach dem Hintertheil der Fähre führte, wagte aber nicht ihre Person auszusetzen. Diese ganze Zeit über hing die Spitze der Arche an den Pfeilern, aber immer lockerer und loser, sowie das andere Ende langsam sich umdrehte, und der Plattform näher und näher kam. Hurry, der jetzt mit dem Gesicht der Arche zu lag, gelegentlich sich wendend und bäumend, wie Einer, der große Schmerzen erduldet, Bewegungen, die er fortwährend gemacht, seit er gebunden war, beobachtete jede Veränderung, und endlich sah er, daß das ganze Fahrzeug frei war, und anfing, langsam an den Seiten der Pfeiler hinzustreifen. Das Wagestück war verzweifelt, aber es schien die einzige Auskunft, Martern und dem Tod zu entgehen, und es paßte für die rücksichtslose Kühnheit von dieses Mannes Charakter. Bis zum letzten Augenblick wartend, damit der Spiegel der Fähre sich ordentlich an den Plattform riebe, begann er wieder, wie in unerträglichen Schmerzen, sich zu bäumen, alle Indianer überhaupt, und die Huronen insbesondere verfluchend, und dann wälzte er sich plötzlich und rasch fort, seine Richtung nach dem Hintertheil der Fähre nehmend. Zum Unglück bedurften Hurry's Schultern mehr Raum, um sich fortzuwälzen, als seine Füße, und bis er den Rand der Plattform erreichte, hatte sich seine Richtung so geändert, daß er gar nicht mehr in Einer Linie mit der Arche war, und da die Raschheit seiner rollenden Bewegung und die drohende Gefahr keinen Verzug gestatteten, fiel er hinter der Arche in's Wasser. In diesem Augenblick verleitete Chingachgook nach einer Verabredung mit seiner Verlobten die Indianer noch einmal zum Feuern, von welchen Keiner bemerkte, auf welche Weise der Mann, den sie so fest gebunden wußten, verschwunden war. Aber Hist's Gefühl nahm lebhaften Antheil an dem Gelingen eines so kühnen Anschlags, und sie bewachte die Bewegungen Hurry´s, wie die Katze die Maus. Sobald er sich in Bewegung gesetzt, sah sie die Folgen voraus, und dieß um so sicherer, als die Fähre sich jetzt mit einiger Stetigkeit zu bewegen anfing, und sie dachte auf Mittel, ihn zu retten. Mit einer Art von instinktmäßiger Besonnenheit öffnete sie die Thüre gerade in dem Augenblick, wo ihr die Büchsen in den Ohren knallten, und geschützt durch die dazwischen liegende Cajüte trat sie in den Spiegel der Fähre gerade zu rechter Zeit, um Zeugin von Hurry's Fall in den See zu seyn. Halb unbewußt setzte sie ihren Fuß auf das Ende von einer der Schoten des Segels, die hinten angebunden war, und alles entbehrliche Tau abwindend mit der Unbeholfenheit, aber auch mit der großherzigen Entschlossenheit eines Weibes, warf sie es dem hülflosen Hurry zu. Das Tau fiel dem Sinkenden auf den Kopf und den Leib, und es gelang ihm nicht nur, Theile davon mit den Händen zu erhaschen, sondern er packte auch wirklich ein Stück davon zwischen den Zähnen. Hurry war ein erfahrener Schwimmer, und gebunden, wie er war, griff er zu dem Auskunftsmittel, das Philosophie und Nachdenken ihm auch hätten empfehlen müssen. Er war auf den Rücken gefallen, und anstatt zu zappeln, und durch verzweifelte Anstrengungen, auf die Füße zu stehen zu kommen, sich den Tod des Ertrinkens zu bereiten, ließ er seinen Körper so tief als möglich sinken, und war schon, mit Ausnahme seines Gesichts, ganz unter dem Wasser, als das Tau ihn erreichte. In dieser Lage hätte er möglicherweise bleiben können, bis ihn die Huronen herausgezogen hätten, seiner Hände in der Art, wie die Fische ihrer Floßen sich bedienend, wäre ihm keine andere Hülfe zu Theil geworden; aber die Bewegung der Arche machte bald das Seil straff, und natürlich war er sachte nachgezogen, gleichen Schritt mit der Fähre haltend. Die Bewegung half sein Gesicht über dem Wasserspiegel halten, und Einer, der an Erduldung lange dauernder Unbequemlichkeiten und Schmerzen gewohnt gewesen, hätte wohl eine Meile weit in dieser seltsamen, aber einfachen Weise sich fort bugsiren lassen können.

Es wurde schon gesagt, daß die Huronen das plötzliche Verschwinden Hurry's nicht bemerkten. In seinem jetzigen Zustand war er nicht nur durch die Plattform dem Auge verborgen, sondern wie die Arche langsam weiter fuhr, von einem jetzt geschwellten Segel getrieben, erwiesen ihm die Pfeiler denselben Liebesdienst. Die Huronen waren wirklich zu sehr darauf erpicht, ihren Feind, den Delawaren, durch eine Kugel, durch eine der Scharten oder Gucklöcher der Kajüte gesendet, zu tödten, um nur an einen Mann zu denken, den sie so fest und stark gebunden wähnten. Ihre große Sorge war die Art und Weise, wie die Arche an den Pfeilern sich vorüber drängte, obwohl ihre Bewegung mindestens um die Hälfte durch die Reibung geschwächt wurde, und sie begaben sich nach dem nördlichen Theile des Castells, um Gelegenheit zu suchen, durch die Löcher und Scharten auf jener Seite des Gebäudes zu feuern. Chingachgook war ebenso beschäftigt, und der Zustand Hurry's blieb ihm ebenso verborgen, wie seinen Feinden. Wie die Arche knarrend vorbeifuhr, spieen die Büchsen ihre kleinen Rauchwolken von einem Versteck zum andern aus, aber die Augen und Bewegungen der andern Partei waren zu rasch, als daß ihnen hätte ein Leid zugefügt werden können. Endlich hatte die eine Partei den Verdruß, und die andre die Freude, die Fähre gänzlich von den Pfeilern loskommen zu sehen, worauf sie sogleich mit einer wesentlich beschleunigten Bewegung gegen Norden weiter rückte.

Jetzt erst erfuhr Chingachgook von Hist die kritische Lage Hurry's. Hätte einer von Beiden sich auf dem Spiegel der Fähre blicken lassen und ausgesetzt – so wäre dieß sichrer Tod gewesen, aber zum Glück reichte die Schote, woran der Mann sich festhielt, vorwärts bis an den Fuß des Segels. Der Delaware fand Mittel, sie von dem hintern Pflock loszumachen, und Hist, die schon zu diesem Behufe vorangeeilt war, begann sogleich das Tau einzuziehen. In diesem Augenblick trieb Hurry etwa fünfzig bis sechzig Fuß hinter dem Spiegel der Fähre her, nur das Gesicht über dem Wasser. Als er hinter dem Castell und den Pfeilern hervorgezogen ward, wurden erst die Huronen seiner ansichtig, die ein häßliches, gellendes Geschrei erhoben, und ein Feuer auf die schwimmende Masse, wie man wohl sagen darf, eröffneten. In diesem Augenblick begann auch Hist das Tau vorn anzuziehen – ein Umstand, der wahrscheinlich Hurry das Leben rettete, verbunden mit seiner eignen Fassung und Grenzmanns-Besonnenheit. Die erste Kugel schlug in's Wasser gerade an der Stelle, wo die breite Brust des jungen Riesen durch das reine Element hindurch sichtbar war, und hätte ihm vielleicht das Herz durchbohrt, wäre der Winkel, in dem sie abgefeuert worden, weniger scharf gewesen. Aber statt in den See hinabzudringen, prallte sie von seiner glatten Fläche ab, und begrub sich in der That in den Blöcken der Cajüte, nahe an dem Platze, wo sich vor einer Minute Chingachgook gezeigt hatte, als er das Tau von dem Pflocke losmachte. Eine zweite, dritte und vierte Kugel folgten, aber allen leistete die Fläche des Wassers denselben Widerstand, obwohl Hurry deutlich die heftigen Erschütterungen spürte, die sie, so unmittelbar über seiner Brust, und so nahe in's Wasser treffend, hervorbrachten. Ihren Mißgriff entdeckend, änderten jetzt die Huronen ihren Plan und zielten auf das nicht gedeckte Gesicht; aber jetzt zog Hist das Tau an, die Schießscheibe bewegte sich vorwärts, und die tödtlichen Geschoße fielen alle in's Wasser. Im nächsten Augenblick ward der Riesenkörper an dem Hintertheil der Fähre vorbeigezogen und wurde jetzt den Feinden unsichtbar. Der Delaware und Hist arbeiteten ganz im Schutze der deckenden Cajüte, und in kürzerer Zeit als die Erzählung erheischt, hatten sie den gewaltigen Körper Hurry's bis dahin, wo sie standen, herangezogen. Chingachgook stand mit seinem scharfen Messer bereit da, beugte sich über die Seite der Fähre hinab, und hatte bald den Bast durchschnitten, der die Glieder des Grenzmannes gefesselt hielt. Ihn hoch genug emporheben, um den Rand des Fahrzeugs zu erreichen, und ihm hereinhelfen, waren minder leichte Aufgaben, da Hurry seine Arme fast noch nicht brauchen konnte; aber Beides wurde doch bald geleistet, worauf der Befreite vorwärts taumelte, und erschöpft und kraftlos auf den Boden des Fahrzeugs hinfiel. Hier wollen wir ihn lassen, bis er seine Kraft und den freien Blutumlauf wieder gewinnt, während wir in der Erzählung von Ereignissen fortfahren, welche zu rasch sich herandrängen,, als daß sie einen Aufschub gestatteten.

Im Augenblick, wo die Huronen Hurry's Körper aus dem Gesicht verloren, stießen sie Alle zusammen einen Schrei aus, der ihren Verdruß und ihre getäuschte Erwartung bezeugte, und drei der Rüstigsten von ihnen liefen nach der Fallthüre und traten in das Canoe. Es brauchte jedoch etwas längere Zeit, bis sie sich mit ihren Waffen einschifften, die Ruderschaufeln fanden, und wenn wir so sagen dürfen »aus dem Dock herauskamen.« Inzwischen war Hurry in die Fähre aufgenommen, und der Delaware hatte wieder seine Büchsen in Bereitschaft gesetzt. Da die Arche natürlich vor dem Wind segelte, hatte sie sich mittlerweile volle zwei hundert Schritte vom Castell entfernt, und glitt mit jedem Augenblick weiter und weiter, obwohl mit so leichter Bewegung, daß kaum das Wasser aufgewühlt wurde. Das Canoe der Mädchen war eine volle Viertelmeile von der Arche entfernt, und hielt sich, wie man deutlich sah, absichtlich in der Ferne, in Unkunde dessen, was vorgefallen, und aus Furcht vor den Folgen, wenn sie sich zu nahe heran wagten. Sie hatten die Richtung nach der östlichen Küste eingeschlagen, und suchten zu gleicher Zeit windwärts von der Arche ab, und gewissermassen zwischen die beiden Parteien zu kommen, wie mißtrauisch und ungewiß, Wen sie für Freund, Wen für Feind zu nehmen hätten. Die Mädchen führten in Folge langer Gewohnheit die Ruderschaufeln mit großer Gewandtheit; und Judith insbesondere hatte oft im Spiel bei Wettrennen gesiegt, wenn sie mit den gelegentlich den See besuchenden Jünglingen sich in der Schnelligkeit versuchte.

Als die drei Huronen hinter den Palisaden hervorkamen und sich auf dem offenen See sahen, in die Nothwendigkeit versetzt, ohne Schutzmittel gegen die Arche anzurücken, falls sie bei ihrem ersten Plane beharrten, da kühlte sich ihr Eifer merklich ab. In einem Rinden-Canoe waren sie gänzlich ohne Schutz, und indianische Klugheit war ganz einer solchen Aufopferung des Lebens zuwider, wie sie die wahrscheinliche Folge eines Angriffsversuchs auf einen Feind seyn mußte, der so kräftig verschanzt war wie der Delaware. Statt daher der Arche zu folgen, wandten sich die drei Krieger gegen die östliche Küste hin, in sicherem Abstand von Chingachgooks Büchsen sich haltend. Aber dieß Manöver machte die Lage der Mädchen ausnehmend kritisch. Es drohte, sie, wo nicht zwischen zwei Feuer, doch wenigstens zwischen zwei Gefahren zu bringen – oder was doch ihnen als solche erschien; und Judith, statt sich von den Huronen in einer Art von Netz, wie sie meinte, einschließen zu lassen, begann sogleich ihren Rückzug in südlicher Richtung, in nicht sehr großer Entfernung von der Küste. Zu landen getraute sie sich nicht; wenn sie überhaupt zu diesem Auskunftsmittel sich entschließen sollte, so konnte sie doch nur im äußersten Fall es zu ergreifen wagen. Zuerst schenkten die Indianer dem andern Canoe wenig oder keine Aufmerksamkeit; denn wohl wissend, Wen es enthielt, achteten sie seine Wegnahme für vergleichungsweise unwichtig, während die Arche mit ihren eingebildeten Schätzen, den Personen des Delawaren und Hurry's und ihrem bedeutenden Apparat zur Ausführung von Bewegungen vor ihnen stand. Aber diese Arche hatte ihre Gefahren wie ihre Versuchungen; und nachdem sie beinahe eine Stunde mit schwankenden Bewegungen vergeudet, immer in sichrer Ferne von der Büchse, schienen die Huronen plötzlich ihren Entschluß zu fassen, und begannen ihn dadurch auszuführen, daß sie eine lebhafte Jagd auf die Mädchen eröffneten.

Als dieser letzte Plan angenommen wurde, waren die Verhältnisse aller Parteien, was ihre gegenseitigen Stellungen betrifft, wesentlich verändert. Die Arche war voll eine halbe Meile weit gesegelt und geschwommen, und war ziemlich eben so weit genau nördlich vom Castell entfernt. Sobald der Delaware merkte, daß die Mädchen ihm auswichen, hatte er, außer Stand sein ungefüges Fahrzeug zu bewältigen, und wohl wissend, daß der Versuch, einem Rinden-Canoe durch die Flucht entgehen zu wollen, falls dieß wirklich auf's Verfolgen sich legte, ein nutzloses Unternehmen wäre, sein Segel eingezogen, in der Hoffnung, dieß könnte die Schwestern veranlassen, ihren Plan zu ändern, und in der Arche eine Zuflucht zu suchen. Diese Demonstration hatte keine andre Wirkung, als daß die Arche der Scene der Handlung näher blieb, und ihre Inhaber Zeugen der Jagd zu seyn in Stand gesetzt wurden. Das Canoe Judiths war etwa eine Viertelmeile südlich von dem der Huronen entfernt, etwas näher der östlichen Küste, und ungefähr eben so weit von dem Castell südlich entfernt, als von dem feindlichen Canoe, ein Umstand, der letzteres so ziemlich gegenüber von Hutter's kleiner Feste brachte. So war die Lage und Stellung der Parteien, als die Jagd begann.

In dem Augenblick, wo die Huronen so plötzlich ihren Angriffsplan änderten, befand sich ihr Canoe eben nicht im glänzendsten Zustand zu einer Schnell- und Wettfahrt. Es waren nur zwei Ruderschaufeln da, und der dritte Mann war somit unnütze Ueberfracht. Sodann glich der Unterschied im Gewicht zwischen den Schwestern und den zwei andern Männern, zumal bei so äußerst leichten Fahrzeugen, beinahe ganz den Unterschied aus, der sich aus der größern Stärke der Huronen ergeben mochte, und machte den wetteifernden Versuch in der Schnelligkeit weit weniger ungleich, als er etwa scheinen mochte. Judith strengte ihre Kräfte nicht eher an, als bis die größere Annäherung des andern Canoes über die Absicht seiner Bewegungen nicht mehr zweifeln ließ, und dann ermunterte sie Hetty, ihr mit aller ihrer Kraft und Geschicklichkeit beizustehen.

»Warum sollen wir fliehen, Judith?« fragte das schwachsinnige Mädchen; »die Huronen haben mir nie ein Leib gethan, und werden es, denke ich, auch nie thun.«

»Das mag so seyn in Beziehung auf dich, Hetty, aber es wird ein ganz andrer Fall seyn mit mir. Kniee nieder und sprich deine Gebete, und dann stehe auf und thue dein Aeußerstes, um unsre Flucht zu fördern. Gedenke auch meiner, gutes Mädchen, wenn du betest.«

Judith sprach dieß in Kraft sehr gemischter Gefühle, erstlich weil sie wußte, daß ihre Schwester immer in Nöthen die Hülfe ihres großen Bundesgenossen suchte; und dann weil in diesem Augenblick der anscheinenden Verlassenheit und Prüfung ein Gefühl der Schwäche und Abhängigkeit plötzlich über ihren eignen stolzen Geist kam. Das Gebet ward indessen rasch gesprochen und das Canoe war bald in schneller Bewegung, doch boten beide Theile nicht gleich bei dem Beginn alle ihre Kräfte auf, da beide gleich gut wußten, daß die Jagd wohl heiß werden und lange dauern dürfte. Wie zwei Kriegsschiffe, die sich zu einem Treffen rüsten, schienen sie verlangend, zuerst das Verhältniß der beiderseitigen Schnelligkeit auszumitteln, um zu wissen, wie sie ihre Kraftentwicklung vor der Hauptanstrengung abzustufen hätten. Wenige Minuten schon zeigten den Huronen, daß es den Mädchen nicht an Erfahrung fehle, und daß sie all ihre Geschicklichkeit und Kraft brauchen würden, um sie einzuholen.

Judith hatte im Anfang der Jagd nach der östlichen Küste sich gewendet, mit einem unbestimmten Vorsatz, im letzten Nothfall zu landen, und in die Wälder zu fliehen; aber als sie sich dem Lande näherten, machte die Gewißheit, daß Kundschafter ihre Bewegungen beobachten müßten, ihre Abneigung, diese Auskunft zu ergreifen, ganz unüberwindlich. Dann war sie auch noch frisch und hegte sanguinische Hoffnungen, im Stande zu seyn, ihre Verfolger zu ermüden. In diesen Gefühlen leitete sie mit ihrem Ruder das Canoe in etwas andrer Richtung, entfernte sich von dem Saum von dunkeln Schierlingstannen, unter deren Schatten sie schon beinahe sich geborgen hatte, und steuerte wieder mehr der Mitte des See's zu. Dieß schien der günstige Augenblick für die Huronen, ihre Kraftanstrengung zu machen, da sie jetzt die ganze Breite des Wassers dazu hatten, und das dazu auf dem weitesten Theile, sobald sie zwischen die Flüchtigen und das Land gekommen waren. Die Canoes flogen jetzt dahin; Judith ersetzte, was ihr an Stärke abging, durch ihre große Gewandtheit und Selbstbeherrschung. Eine halbe Meile weit gewannen die Indianer keinen Vortheil; aber die Fortsetzung so großer Anstrengungen während vieler Minuten griff alle Betheiligten merklich an. Hier bedienten sich die Indianer eines Auskunftsmittels, das sie in Stand setzte, je Einem von ihnen Zeit zum Aufathmen zu gönnen, indem sie mit dem Rudern abwechselten, und zwar ohne daß sie in ihren Anstrengungen merklich nachließen. Judith schaute sich von Zeit zu Zeit um, und bemerkte, daß dieß Auskunftsmittel ergriffen worden war. Das machte sie sogleich mißtrauisch gegen den Ausgang, weil ihre Kräfte und Ausdauer schwerlich es denen von Männern gleich thun konnten, die überdieß einander abzulösen vermochten; doch blieb sie standhaft, und gab ihre Befürchtung im Augenblick durch nichts in die Augen Fallendes zu erkennen.

Bis jetzt hatten die Indianer sich den Mädchen nur erst auf zweihundert Schritte nähern können, obgleich sie in ›ihrem Kielwasser,‹ oder in gerader Linie hinter ihnen waren, denselben Strich des Wassers durchschneidend. Dieß machte die Verfolgung zu einer bolzgeraden, oder Stern-Jagd, nach dem technischen Ausdruck, was sprichwörtlich eine ›lange Jagd‹ ist; und der Sinn ist der, daß in Folge der beiderseitigen Stellung der Parteien keine Veränderung sichtbar wird, außer derjenigen, die in einem direkten Gewinn auf der kürzesten Annäherungslinie besteht. So ›lang‹ indessen diese Art von Jagd zugestandener Maßen ist, konnte Judith doch wahrnehmen, daß die Huronen merklich näher kamen, ehe sie die Mitte des Sees gewonnen hatte. Sie war nicht ein Mädchen, das so leicht verzweifelte; aber es war ein Augenblick, wo sie daran dachte, sich zu ergeben, in dem Wunsche, in das Lager geführt zu werden, wo sie Wildtödter als Gefangnen wußte; aber die Erwägung der Mittel, die sie hoffte anwenden zu können, um seine Freilassung zu bewirken, trat alsbald hemmend dazwischen, und spornte sie zu erneuter Anstrengung ihrer Kräfte. Wäre Jemand dagewesen, der die Bewegung der beiden Canoe's beobachtet, so würde er das der Judith pfeilschnell vor seinen Verfolgern dahinfliegen gesehen haben, als das Mädchen es mit frischem Eifer weitertrieb, während ihr Geist so über seinen glühenden und großmüthigen Entwürfen brütete. So bedeutend war in der That der Unterschied in dem Verhältniß der Schnelligkeit zwischen den zwei Canoe's während der nächsten fünf Minuten, daß die Huronen anfingen sich zu überzeugen, sie müßten alle ihre Kräfte aufbieten, oder sie würden die Schmach erfahren, durch Weiber in ihrer Hoffnung und um ihren Raub betrogen zu werden. Als sie, von dieser kränkenden Ueberzeugung angespornt, eine wüthende Anstrengung machten, brach Einem der Stärkeren von ihnen die Ruderschaufel in dem Augenblick, wo er sie aus der Hand seines Kameraden genommen, um ihn abzulösen. Dieß entschied sogleich die Sache; denn ein Canoe mit drei Männern und nur Einer Ruderschaufel war gänzlich außer Stand, Flüchtlinge, wie die Töchter Thomas Hutter's einzuholen.

»Da, Judith!« rief Hetty, welche den Unfall bemerkt, »jetzt, hoffe ich, wirst Du zugestehen, daß Beten Etwas hilft! den Huronen ist ein Ruder gebrochen, und sie können uns nicht mehr einholen! «

»Ich habe es nie geläugnet, arme Hetty; und manchmal wünsche ich, mit bitterem Leidwesen, ich hätte selbst mehr gebetet, und weniger an meine Schönheit gedacht! Wie Du sagst, wir sind jetzt gerettet, und müssen nur ein Wenig südlich uns wenden und Athem schöpfen.« Dieß geschah; denn der Feind gab seine Verfolgung so plötzlich auf, wie ein Schiff, das eine wichtige Spiere verloren hat, sobald jener Unfall sich begeben hatte. Statt Judiths Canoe zu verfolgen, das jetzt leicht auf dem Wasser südlich dahinschwamm, wendeten die Huronen den Bug ihres Canoe's nach dem Castell zu, wo sie bald ankamen und ausstiegen. Die Mädchen, fürchtend, man möchte übrige Ruder in dem Gebäude oder in der Umgebung finden, fuhren immer zu; und sie hielten erst inne, als sie so weit von ihren Feinden entfernt waren, daß sie im Fall der Erneuerung der Jagd jede Aussicht hatten, zu entkommen. Es schien als ob die Wilden an keinen solchen Plan dachten; sondern nach Verfluß einer Stunde sah man ihr Canoe, angefüllt mit Männern, das Castell verlassen und nach der Küste steuern. Die Mädchen waren ohne Lebensmittel, und sie näherten sich jetzt dem Gebäude und der Arche, da sie endlich aus den Manöuvern der letztern geschlossen hatten, daß Freunde darauf sich befinden müßten.

Obgleich das Castell ganz verlassen schien, näherte sich ihm doch Judith mit äußerster Vorsicht, die Arche war jetzt eine volle Meile gegen Norden zu entfernt, strebte aber nun auch auf das Gebäude zu, und das mit so regelmäßiger Bewegung, daß Judith sich überzeugte, ein weißer Mann müsse am Ruder seyn. Hundert Schritte noch von dem Haus entfernt, begannen die Mädchen es zu umkreisen, um sich zu versichern, daß es leer stehe. Kein Canoe war in der Nähe, und dieß ermuthigte sie, näher und näher zu kommen, bis sie ganz um die Pfeiler herum waren und die Plattform erreichten.

»Geh Du ins Haus, Hetty,« sagte Judith, »und sieh, ob die Wilden fort sind. Sie werden Dir kein Leid thun, und wenn noch Jemand von ihnen da ist, kannst Du mich warnen. Ich glaube nicht, daß sie feuern werden auf ein armes, wehrloses Mädchen, und ich werde wenigstens entkommen, bis ich bereit bin, freiwillig mich unter sie zu wagen.«

Hetty that, was Judith verlangte – und diese zog sich, zur Flucht bereit, einige Schritte weit von der Plattform zurück. Aber dieß war unnöthig, denn kaum eine Minute verstrich, als Hetty mit der Nachricht zurückkehrte, daß Alles sicher sey.

»Ich bin in allen Gemächern gewesen, Judith,« sagte sie ernst, »und alle sind leer, außer Vater's seines; er ist in seiner Stube, schlafend, aber nicht so ruhig als wir wünschen könnten.«

»Ist dem Vater Etwas zugestoßen?« fragte Judith, als sie mit dem Fuß die Plattform berührte; und sie sprach hastig, denn ihre Nerven waren in einem leicht aufzuregenden Zustand.

Hetty schien bekümmert, und sah sich verstohlen um, als wünschte sie, daß Niemand außer der Tochter höre, was sie mitzutheilen hatte, und daß auch diese es nur obenhin erfahre.

»Du weißt, wie es mit Vater manchmal ist, Judith,« sagte sie. »Wenn er von geistigem Getränk übermannt ist, weiß er nicht immer, was er sagt oder thut – und jetzt scheint er von geistigem Getränk übermannt.«

»Das ist sonderbar! Sollten die Wilden mit ihm getrunken und ihn dann verlassen haben? Aber das ist ein betrübender Anblick für ein Kind, Hetty, eine solche Verirrung an einem Vater zu sehen, und wir wollen uns ihm nicht nähern, bis er aufwacht.«

Aber ein Stöhnen aus dem innern Zimmer änderte diesen Entschluß, und die Mädchen wagten es, sich einem Vater zu nähern, den in einem Zustand zu finden, der den Menschen zum Thiere herabwürdigt, ihnen nichts Fremdes war. Er saß zurückgelehnt in einem Winkel des engen Gemaches, die Schultern durch die Ecke gehalten, den Kopf schwer auf die Brust herabgesunken. Judith trat in einer plötzlichen schlimmen Ahnung vor, und entfernte eine Leinwandmütze, die ihm so tief in den Kopf gedrückt war, daß sie das Gesicht, ja Alles bis auf die Schultern verhüllte. Sobald diese Bedeckung weggenommen war, zeigte das zuckende, rohe Fleisch, die entblößten Adern und Muskeln, und all' die andern schauerlichen Zeichen der Sterblichkeit, welche das Abziehen der Haut bloslegt, daß er skalpirt worden war, obwohl er noch lebte.

 

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