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Der Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842)

James Fenimore Cooper: Der Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842) - Kapitel 14
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type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842)
publisherVerlag von S.G. Liesching
year1842
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Ein Eichenlehnstuhl, zerbrochen gar,
Ein Leuchter, seiner Handhabe baar;
Ein eschenes Bett aus der Rumpelkammer;
Ein Koffer ohne Schloß und Klammer;
Eine Beißzange, die nicht mehr packt;
Ein Degen, die Spitze abgehackt;
Eine Schüssel, wohl lecker gefüllt, als noch ganz;
Ein Ovid, sammt alter Conkordanz.
Swift's Inventar.

Sobald Wildtödter die Pistolen aufgehoben, wandte er sich gegen den Delawaren und hielt sie ihm hin, sie zu bewundern.

»Kind's Gewehr,« sagte die Schlange lächelnd, indem er eine der Waffen wie ein Spielzeug handhabte.

»Nicht so, Schlange, nicht so. Es ist für einen Mann gemacht, und würde einen Riesen zufrieden stellen, recht gebraucht. Aber halt; weiße Männer zeichnen sich aus durch die Sorglosigkeit, womit sie Feuerwaffen in Schränken und Winkeln auf die Seite legen. Laßt mich sehen, ob diese Waffen sorglich behandelt worden sind.«

Mit diesen Worten nahm Wildtödter die Waffe seinem Freund aus der Hand und öffnete die Pfanne. Diese war mit Pulver gefüllt, das durch Zeit, Feuchtigkeit und Druck wie in ein Stückchen Kohle zusammengebacken war. Ein Versuch mit dem Ladstock zeigte, daß beide Pistolen geladen waren, obwohl Judith bezeugen konnte, daß sie vielleicht Jahre lang in dem Schranke gelegen. Es wäre schwer, das Erstaunen des Indianers bei dieser Entdeckung zu schildern, denn er war gewohnt, das Pulver auf seiner Pfanne täglich zu erneuen, und in andern kurzen Zwischenzeiten nach der Ladung seines Gewehrs zu sehen.

»Das ist weiße Nachlässigkeit,« sagte Wildtödter, den Kopf schüttelnd, »und kaum eine Jagdjahrszeit geht vorüber, ohne daß Jemand in den Ansiedlungen dadurch zu Schaden kommt. Es ist auch außerordentlich, Judith – ja, es ist geradezu außerordentlich, daß der Eigenthümer sein Gewehr auf einen Hirsch, oder ein andres Wild, oder vielleicht auf einen Feind abfeuern, und dann zweimal unter dreien fehlen soll; aber es stoße ihm ein Unfall zu mit einer solchen vergessenen Ladung – und sie bringt sichern Tod einem Kind, einem Bruder oder Freund! Nun, wir werden dem Eigenthümer einen Dienst erweisen, wenn wir an seiner Statt diese Pistolen abfeuern; und da sie für Euch und für mich etwas Neues sind, wollen wir unsre stete Hand an einem Ziele versuchen. Erneuert dieß Pulver auf der Pfanne, und ich will es bei dieser thun, dann wollen wir sehen, wer der beste Schütze ist mit einer Pistole; was die Büchse betrifft, so ist das längst unter uns ausgemacht!«

Wildtödter lachte herzlich über seinen eignen Einfall, und nach ein paar Minuten standen sie Beide auf der Plattform, sich einen Gegenstand in der Arche zur Zielscheibe zu wählen. Judith führte die Neugier auch herbei.

»Tretet zurück, Mädchen, tretet ein Wenig zurück; diese Waffen sind schon lange geladen,« sagte Wildtödter, »und es könnte bei dem Abfeuern ein Unfall sich ereignen.«

»Dann sollt Ihr sie nicht abfeuern! Gebt sie beide dem Delawaren; oder es wäre besser, die Ladung herauszuziehen, statt sie abzufeuern.«

»Das ist gegen den Gebrauch – und manche Leute meinen: gegen die Mannhaftigkeit, obgleich ich solche einfältige Lehren nicht annehme. Wir müssen sie abfeuern, Judith, ja, wir müssen sie abfeuern: obgleich ich voraussehe, daß Keiner Ursache haben wird, sich seiner Geschicklichkeit groß zu rühmen.«

Judith war im Ganzen ein Mädchen von vielem persönlichen Muth, und ihre Lebensweise machte, daß sie Nichts von der Angst fühlte, welche beim Knall von Feuerwaffen leicht ihr Geschlecht überfällt. Sie hatte manche Büchse abgefeuert, und man wußte sogar, daß sie unter Umständen, die den Erfolg begünstigten, ein Wild erlegt hatte. Sie ergab sich daher, trat ein Wenig zurück, neben Wildtödter, und überließ dem Indianer die Fronte der Plattform allein. Chingachgook erhob die Waffe mehrere Male, suchte sie mit Anwendung beider Hände in eine stete Lage zu bringen, wechselte seine Stellung, die ihm unbequem schien und nahm eine noch unbequemere an, und endlich drückte er ab, mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit, ohne in der That irgend ein Ziel fest in's Auge gefaßt zu haben. Die Folge war, daß er statt den Knoten zu treffen, der zur Zielscheibe bestimmt worden war, die Arche ganz und gar fehlte, und die Kugel auf dem Wasser dahintanzte, wie ein mit der Hand geworfner Stein.

»Gut gemacht, Schlange – gut gemacht!« rief Wildtödter, und lachte in seiner geräuschlosen Munterkeit; »Ihr habt den See getroffen, und das ist eine Großthat für manche Männer. Ich wußte es, und sagte es auch der Judith hier; denn diese kurzen Waffen eignen sich nicht für Rothhautsgaben. Ihr habt den See getroffen, und das ist besser, als nur die Luft treffen! Jetzt tretet zurück und laßt uns sehen, was weiße Gaben vermögen mit einer weißen Waffe. Eine Pistole ist keine Büchse; aber Farbe ist Farbe.«

Wildtödter zielte ebenso rasch als stet, und der Knall erfolgte beinah in dem Augenblick, wo er die Waffe erhob. Aber die Pistole zersprang und Bruchstücke davon flogen nach allen Richtungen; einige fielen auf das Dach des Castells, andere in die Arche, und noch andre in's Wasser. Judith kreischte laut auf, und als die beiden Männer sich ängstlich zu dem Mädchen wandten, war sie bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern.

»Sie ist verwundet – ja, das arme Mädchen ist verwundet, Schlange, obgleich man es nicht hätte vermuthen sollen, da wo sie stand. Wir wollen sie auf einen Sitz führen und müssen alles Mögliche für sie thun, soweit unsre Einsicht und Geschicklichkeit reicht.«

Judith ließ sich zu dem Sitz hinführen, schluckte einen Mundvoll von dem Wasser, das ihr der Delaware in einer Lederflasche bot, und nach einem heftigen Anfall von Zittern, das ihre schöne Gestalt bis zur Auflösung schien schütteln zu wollen, brach sie in Thränen ans.

»Der Schmerz muß ertragen seyn, arme Judith – ja er muß ertragen seyn,« sagte Wildtödter ihr zusprechend; »obwohl ich weit entfernt bin, zu verlangen, daß Ihr nicht weinen sollt; denn Weinen erleichtert oft mädchenhafte Gefühle. Wo kann sie denn verletzt seyn, Schlange? Ich sehe keine Spuren von Blut, auch keine Risse in Haut oder Kleidern.«

»Ich bin nicht beschädigt, Wildtödter,« stammelte das Mädchen unter ihren Thränen. »Es ist Schrecken – Nichts weiter, ich versichere Euch; und Gott sey gepriesen, ich sehe, Niemand ist durch den Zufall beschädigt.«

»Das ist außerordentlich!« rief der arglose und treuherzige Jäger. »Ich dachte, Judith, Ihr wäret hinaus über die Schwächen der Leute in den Ansiedlungen, und nicht ein Mädchen, das sich durch den Knall einer zerspringenden Waffe in Schrecken setzen ließe. Nein, ich hätte Euch nicht für so schüchtern gehalten! Hetty hätte wohl darüber in Angst gerathen dürfen; aber Ihr habt zu viel Vernunft und Einsicht, um zu erschrecken, nachdem die ganze Gefahr vorüber! Sie sind dem Auge wohlgefällig, Häuptling, und abwechselnd, aber sehr unzuverlässig in ihren Gefühlen.«

Schaam hielt Judiths Mund verschlossen. Es war keine Schauspielkunst in ihrer Aufregung, sondern Alles war die natürliche Folge plötzlicher, unüberwindlicher Besorgniß und Angst, die ihr selbst beinah ebenso unerklärlich vorkam, wie sie es ihren Genossen war. Sie wischte sich jedoch die Spuren der Thränen ab, lächelte wieder, und war bald im Stand, in das Lachen über ihre eigne Thorheit einzustimmen.

»Und Ihr, Wildtödter,« dieß brachte sie am Ende über die Lippen, »seyd Ihr wirklich ganz unverletzt? Es erscheint beinahe wie ein Wunder, daß eine Pistole Euch in der Hand zerspringen mußte, und Ihr ohne den Verlust eines Glieds, wo nicht gar des Lebens davonkamet!«

»Solche Wunder sind gar nicht ungewöhnlich bei alten, verbrauchten Waffen. Die erste Büchse, die sie mir gaben, spielte mir denselben Streich, und doch kam ich lebend davon, obwohl nicht so ohne Schaden wie dieß Mal. Thomas Hutter besitzt jetzt eine Pistole weniger, als er diesen Morgen besaß, aber da der Zufall sich ereignete bei einem Versuch ihm zu dienen, hat er keinen Grund sich zu beklagen. Jetzt kommt herbei, und laßt uns weiter nach dem Inhalt des Schrankes sehen.«

Judith war mittlerweile ihrer Bewegung so weit Meister geworden, daß sie ihren Sitz wieder einnehmen konnte, und die Untersuchung nahm ihren Fortgang. Der nächste Artikel, der sich fand, war in Tuch eingewickelt und als man dieß öffnete, zeigte sich, daß es eines der mathematischen Instrumente war, wie sie damals die Seeleute hatten, mit den gewöhnlichen Zierrathen und Bändern von Metall. Wildtödter und Chingachgook legten ihre Bewunderung und Ueberraschung bei Auffindung des ihnen unbekannten Instruments an den Tag, welches glänzte und glitzerte, und allem Anschein nach sorglich behandelt war.

»Das geht über die Feldmesser hinaus, Judith,« rief Wildtödter, nachdem er das Instrument mehrmals in seinen Händen herumgedreht; »ich habe alle ihre Werkzeuge oft gesehen, und ruchlos und herzlos genug sind sie, denn sie kommen nie in den Wald, als nur um der Verwüstung und Zerstörung Bahn zu machen; aber keines von ihnen hat ein so kluges Aussehen wie dieses! Ich fürchte am Ende doch, Thomas Hutter hat sich in die Wildniß begeben, nicht mit den besten Absichten gegen ihr Glück. Habt Ihr je schon das Thun und Treiben eines Feldmessers an Eurem Vater gesehen, Mädchen?«

»Er ist kein Feldmesser, Wildtödter, kennt auch nicht den Gebrauch dieses Instruments, obgleich er dessen Besitzer zu seyn scheint. Meint Ihr, Thomas Hutter habe je diesen Rock getragen? Er ist eben so viel zu groß für ihn, als dieß Instrument über seine Kenntnisse ist.«

»Das ist's – das muß seyn, Schlange; und der alte Camerad ist, auf irgend eine unbekannte Weise, der Erbe von eines Andern Habe geworden! Sie sagen, er sey ein Seemann gewesen, und ohne Zweifel – dieser Schrank und Alles was er enthält – Ha! was kommt da! das geht noch weit über das Metall und das schwarze Holz des Instruments!«

Wildtödter hatte einen kleinen Sack geöffnet, aus dem er nacheinander die Figuren eines Schachspiels herausholte. Sie waren von Elfenbein, weit größer als gewöhnlich, und köstlich gearbeitet. Jedes Stück stellte den Charakter oder die Sache dar, wornach es genannt ist; die Ritter (Springer) waren zu Pferde, die Thürme standen auf Elephanten, und selbst die Bauern hatten Köpfe und Büsten von Männern. Das Spiel war nicht vollständig, und einige Beschädigungen zeugten von unsorgfältiger Behandlung; aber Alles was noch übrig, war sorgfältig zurückgelegt und aufbewahrt. Selbst Judith drückte ihre Verwunderung aus, als man ihr diese neuen Gegenstände vorwies, und Chingachgook vergaß in seinem bewundernden Entzücken gänzlich seine indianische Würde. Er hob jedes Stück auf, prüfte es genau mit nimmer ermüdender Zufriedenheit, und machte das Mädchen auf die sinnreichsten und auffallendsten Theile der Arbeit aufmerksam. Die Elephanten aber machten ihm das größte Vergnügen. Die »Hughs!« die er hören ließ, als er mit den Fingern über ihre Rüssel und Ohren und Schwänze fuhr, waren sehr vernehmlich; auch entgingen seiner Aufmerksamkeit die als Bogenschützen bewaffneten Bauern nicht. Dieß Auskramen dauerte einige Minuten, während welcher Zeit Judith und der Indianer sich miteinander ganz in ihr Entzücken vertieften. Wildtödter saß schweigend, nachdenklich, und sogar düster da, obgleich seine Augen jede Bewegung der zwei Personen verfolgten, die hier die Hauptrolle spielten, und jede neue Eigenthümlichkeit an den einzelnen Stücken, so wie sie aufgehoben und vorgezeigt wurden, sich merkten. Kein Ausruf des Wohlgefallens, kein Wort des Beifalls kam über seine Lippen. Endlich bemerkten seine Genossen sein Schweigen, und jetzt zum erstenmal, seit der Auffindung der Schachfiguren, sprach er.

»Judith,« fragte er ernst, aber mit einer Theilnahme, die beinahe an Weichheit und Zärtlichkeit grenzte, »sprachen Eure Eltern je mit Euch von Religion?«

Das Mädchen erröthete, und die Purpurflammen, die über ihr schönes Angesicht liefen, glichen den seltsamen Tinten eines neapolitanischen Himmels im November. Wildtödter hatte ihr jedoch ein solches Wohlgefallen an der Wahrheit beigebracht, daß sie in ihrer Antwort nicht schwankte, sondern einfach und aufrichtig erwiederte:

»Meine Mutter, ja oft,« sagte sie, »mein Vater nie. Es kam mir vor, es mache meine Mutter bekümmert, von unsern Gebeten und Pflichten zu sprechen; aber mein Vater hat nie den Mund über solche Dinge aufgethan vor oder seit ihrem Tode.«

»Das kann ich glauben – das kann ich glauben. Er hat keinen Gott – keinen solchen Gott, wie es einem Menschen von weißer Haut zu verehren geziemt, oder auch einer Rothhaut. Die Dinge da sind Götzen!«

Judith fuhr auf, und einen Augenblick schien sie ernstlich gekränkt. Dann besann sie sich, und am Ende lachte sie.

»Und Ihr meint also, Wildtödter, diese elfenbeinernen Spielsachen seyen meines Vaters Götter? Ich habe schon von Götzen gehört, und weiß was sie sind.«

»Es sind Götzen!« wiederholte der Andere mit Bestimmtheit. »Warum sollte sie Euer Vater aufbewahren, wenn er sie nicht anbetet?«

»Würde er seine Götter in einem Sack haben, und in einem Schrank eingeschlossen? Nein, nein, Wildtödter, mein armer Vater hat seinen Gott bei sich, wohin er geht, und das ist seine eigene Sache. Diese Dinge da mögen wirklich Götzen seyn – ich glaube selbst, das sind sie, nach dem was ich von Götzendienerei gehört und gelesen habe, aber sie kommen aus einem fernen Lande, wie alle die andern Gegenstände und sind in Thomas Hutter's Hände gekommen, als er Matrose war.«

»Das freut mich – das freut mich wahrhaft zu hören, Judith, denn ich glaube, ich hätte den Entschluß nicht aufgebracht, einem weißen Götzendiener aus seiner Noth zu helfen! Der alte Mann ist von meiner Farbe und Nation, und ich wünschte ihm zu dienen, aber verläugnete er alle seine Gaben im Punkte der Religion, so würde mich's hart ankommen, das zu thun. Das Thier da scheint Euch große Freude zu machen, Schlange, obgleich es im besten Fall ein abgöttisches Haupt ist.«

»Es ist ein Elephant,« unterbrach ihn Judith. »Ich habe oft Abbildungen von solchen Thieren in der Garnison gesehen; und Mutter hatte ein Buch, worin Nachrichten von dem Geschöpfe gedruckt sind. Vater verbrannte das, sammt allen andern Büchern, denn er sagte, Mutter lese zu gern. Das war nicht lange, ehe die Mutter starb, und ich habe manchmal gedacht, der Verlust habe ihr Ende beschleunigt.«

Sie sagte dieß ebenso einerseits ohne Leichtsinn, als andrerseits ohne tieferes Gefühl. Ohne Leichtsinn, denn Judith war trüb gestimmt durch ihre Erinnerungen, und doch war sie zu sehr gewohnt gewesen, für sich allein und für die Befriedigung ihrer eiteln Neigungen zu leben, um ihrer Mutter Leiden sehr tief zu fühlen. Es bedurfte außerordentlicher Umstände, um ein geeignetes Bewußtseyn ihrer Lage zu erwecken, und die bessern Gefühle dieses schönen, aber mißleiteten Mädchens anzuspornen; und diese Umstände waren in ihrem kurzen Daseyn noch nicht eingetreten.

»Elephant oder nicht Elephant, es ist ein Götzenbild,« versetzte der Jäger, »und nicht geeignet, in christlichen Händen zu bleiben.«

»Gut für Irokesen!« sagte Chingachgook, mit Widerstreben sich von einem der Thürme trennend, als sein Freund ihn ihm abnahm, um ihn wieder in den Sack zu schieben, »Elephon einen ganzen Stamm erkaufen – beinahe Delawaren erkaufen!«

»Ja, das würde er, wie Jeder wissen muß, der die Natur der Rothhäute kennt,« versetzte Wildtödter; »aber der Mann, der falsches Geld in Umlauf setzt, Schlange, ist so schlimm, als der, der es münzt. Habt Ihr je von einem rechten Indianer gehört, der es nicht verschmähen würde, einen Iltiß für einen ächten Marder zu verkaufen, oder ein Stinkthier für einen Biber auszugeben? Ich weiß, daß wenige von diesen Götzenbildern, vielleicht Einer von diesen Elephanten Viel ausrichten würde, dem armen Thomas Hutter die Freiheit zu erkaufen, aber es läuft gegen das Gewissen, solches falsche Geld in Umlauf zu bringen. Vielleicht kein indianischer Stamm hier herum ist eigentlich götzendienerisch; aber einige kommen dem so nahe, daß weiße Gaben sich wohl hüten müssen, sie in ihrem Irrthum zu ermuthigen.«

»Wenn Götzendienerei eine Gabe ist, Wildtödter, und Gaben das sind, wofür Ihr sie zu halten scheint, so kann Götzendienerei bei solchen Leuten schwerlich Sünde seyn,« sagte Judith mit mehr Keckheit als Unterscheidungskraft.

»Gott verleiht Keinen von seinen Geschöpfen solche Gaben,« versetzte der Jäger ernsthaft. » Er muß angebetet werden, unter einem oder dem andern Namen, und nicht Kreaturen von Metall oder Elfenbein. Es ist gleichgültig, ob der Vater von Allen Gott genannt wird, oder Manitou, Gottheit oder Großer Geist, er ist nichtsdestoweniger unser gemeinsamer Herr und Schöpfer; auch trägt es nicht Viel aus, ob die Seelen der Gerechten in's Paradies kommen, oder in die glücklichen Jagdreviere, da Er ja Jeden seinen Weg schicken kann, wie es seiner Gnade und Weisheit beliebt; aber es empört mein Blut, wenn ich menschliche Sterbliche so in Finsterniß und Wahn befangen sehe, daß sie Erde oder Holz, oder Knochen – Dinge von ihren eignen Händen geformt – zu bewegungslosen, sinnlosen Bildern gestalten, und dann vor ihnen niederfallen, und sie wie eine Gottheit anbeten!«

»Am Ende, Wildtödter, sind alle diese elfenbeinernen Figuren gar keine Götzenbilder. Ich erinnere mich jetzt einen der Officiere der Garnison gesehen zu haben mit einem Spiel: Fuchs und Gänse, in ähnlicher Weise verfertigt wie diese; und da ist etwas Hartes in Tuch eingewickelt, das vielleicht zu den Götzenbildern gehört.«

Wildtödter nahm das Päckchen, das ihm das Mädchen reichte, machte es auf, und fand darin das Schachbrett. Wie die Figuren war es groß, prächtig, und mit Ebenholz und Elfenbein eingelegt. Nachdem dieß Alles in Verbindung gebracht wurde, trat der Jäger, obwohl nicht ohne viele Bedenklichkeiten, allmälig Judiths Ansicht bei, und gab am Ende zu, die vermeintlichen Götzenbilder müßten wohl nur die seltsam geschnitzten Figuren eines unbekannten Spieles seyn. Judith besaß so viel Takt, ihren Sieg mit großer Mäßigung zu benutzen; auch spielte sie nie auch nur aufs entfernteste auf den komischen Irrthum ihres Freundes an.

Diese Entdeckung der Bestimmung der so seltsam aussehenden kleinen Figuren brachte die Angelegenheit des zu bietenden Lösegeldes in's Reine. Es ward allgemein anerkannt – und alle waren mit dem Geschmack und den Schwächen der Indianer vertraut – daß Nichts ohne Zweifel die Habsucht der Irokesen mehr reizen würde, als namentlich die Elephanten. Zum Glück waren alle vier Thürme unter den vorhandenen Stücken, und es ward endlich beschlossen, diese vier thürmetragenden Thiere sollten das anzubietende Lösegeld ausmachen. Die übrigen Figuren, so wie auch alle andern Artikel in dem Schranke sollten versteckt gehalten, und nur im äußersten Nothfall zu Hülfe genommen werden. Sobald diese Präliminarien in's Reine gebracht waren, wurde Alles, außer den zum Lösegeld bestimmten Artikeln sorgfältig wieder in den Schrank gepackt, und alle Bedeckungen wurden wieder hineingesteppt, wie man sie gefunden; und es war ganz wohl möglich, daß, wenn Hutter wieder in den Besitz des Castells gesetzt werden konnte, er darin den übrigen Rest seiner Tage verlebte, ohne auch nur den Eingriff zu argwohnen, den man sich an dem Geheimniß des Schranks erlaubt hatte. Die zersprungene Pistole hätte am ehesten das Geheimniß verrathen können, aber diese ward neben die ihr entsprechende hingelegt, und Alles ward zusammengedrückt, wie es zuvor gewesen; ein halb Dutzend Päcke unten auf dem Boden des Schranks waren gar nicht geöffnet worden. Nachdem dieß geschehen, wurde der Deckel herabgesenkt, die Schlösser wieder vorgelegt, und der Schlüssel umgedreht. Dieser wurde dann wieder in die Tasche gesteckt, aus der man ihn herausgenommen.

Mehr als eine Stunde verging, bis man sich über das nun einzuschlagende Verfahren vereinigt und Alles wieder an seinen Ort gebracht hatte. Die Pausen, während deren man sich besprach, waren häufig; und Judith, die ein lebhaftes Wohlgefallen an der offenen, unverhehlten Bewunderung hatte, womit Wildtödters ehrliches Auge in ihr schönes Antlitz schaute, fand mit einer Gewandtheit, die der weiblichen Koketterie angeboren scheint, Mittel, die Unterhaltung zu verlängern. Wildtödter schien in der That der Erste zu seyn, dem es einfiel, wie viel Zeit man so vergeude, und der die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf die Nothwendigkeit hinlenkte, Etwas zu thun, um den Auslösungsplan in Ausführung zu bringen. Chingachgook war in Hutter's Schlafzimmer geblieben, wohin man die Elephanten gebracht hatte, um sein Auge an den Bildern so wunderbarer und so neuer Thiere zu weiden. Vielleicht sagte ihm ein instinktmäßiges Gefühl, seine Gegenwart würde seinen Genossen nicht so erwünscht seyn, als wenn er sich entfernt halte; denn Judith beobachtete nicht viel Zurückhaltung in der Kundgebung ihrer Vorliebe, und der Delaware hatte es nicht bis zur Verlobung gebracht, ohne sich auch einige Kenntnisse der Symptome der ›großen Leidenschaft‹ zu erwerben.

»Nun, Judith,« sagte Wildtödter aufstehend, nachdem die Besprechung weit länger gedauert hatte, als er selbst ahnte; »es ist angenehm, mit Euch zu plaudern und alle diese Dinge ins Reine zu bringen, aber die Pflicht ruft uns anders wohin. Diese ganze Zeit her sind Hurry und Euer Vater, Nichts zu sagen von Hetty –«

Dieß Wort ward dem Redenden im Mund abgeschnitten, denn in diesem entscheidenden Augenblick hörte man einen leichten Schritt auf der Plattform oder dem Thorhof, eine menschliche Gestalt beschattete die Thüre – und die zuletzt genannte Person stand vor ihm. Der leise Ausruf, welcher Wildtödtern entschlüpfte, und Judiths schwaches Kreischen waren kaum über ihre Lippen, als ein indianischer Jüngling, zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren, neben ihr stand. Das Eintreten dieser Beiden war, da sie Mokkassins an den Füßen hatten, fast ohne alles Geräusch erfolgt; aber so unerwartet und verstohlen sie sich jetzt näherten, vermochten sie doch Wildtödters Selbstbeherrschung nicht zu erschüttern. Sein Erstes war, daß er schnell auf delawarisch zu seinem Freunde sprach und ihn warnte, sich versteckt zu halten und auf der Hut zu seyn; das Nächste, daß er an die Thür trat, um sich von dem Umfang der Gefahr zu vergewissern. Niemand sonst jedoch war gekommen; und ein einfaches Fahrzeug, in Gestalt eines Floßes, das neben der Arche schwamm, erklärte sofort, auf welche Art Hetty herangekommen. Zwei gefallene und trockne, und daher schwimmende Tannenstämme waren zusammengebunden mit Pflöcken und Weiden, und eine kleine Plattform von Flußkastanienholz war kunstlos darauf angebracht. Hier hatte Hetty auf einem Holzscheit gesessen, während der junge Irokese das rohe und schwerbewegliche, aber vollkommen sichere Fahrzeug von der Küste hieher ruderte. Sobald Wildtödter diesen Floß genau ins Auge gefaßt und sich versichert hatte, daß sonst Nichts in der Nähe war, schüttelte er den Kopf und murmelte in seiner Art, mit sich selbst zu reden:

»Das kommt dabei heraus, wenn man in andrer Leute Schränken wühlt! Wären wir aufmerksam und wachsam gewesen, so hätte nie eine solche Überraschung stattfinden können: und daß uns diesen Streich ein Knabe spielt, zeigt uns, was wir zu erwarten haben, wenn die alten Krieger selbst sich recht daran machen, ihre Tücken auszuführen. Indeß, es bahnt uns den Weg zu einer Unterhandlung über das Lösegeld, und ich will hören, was Hetty zu sagen hat.«

Judith zeigte, sobald ihre Ueberraschung und ihr Schrecken ein wenig sich gelegt hatten, eine geziemende, zärtliche Freude über die Rückkunft ihrer Schwester. Sie drückte sie an ihre Brust und küßte sie, wie ihre Gewohnheit gewesen in den Tagen ihrer Kindheit und Unschuld. Hetty selbst war weniger ergriffen; denn für sie gab es keine Ueberraschung, und ihre Nerven waren gestählt durch die Reinheit und Heiligkeit ihres Bestrebens. Auf ihrer Schwester Bitte setzte sie sich, und begann eine Erzählung ihrer Abenteuer, seit sie sich getrennt hatten. Ihre Erzählung fing gerade an, als Wildtödter zurückkehrte, und auch er wurde ein aufmerksamer Zuhörer, während der junge Irokese nahe an der Thüre stand, anscheinend so gleichgültig gegen Alles was vorging, wie einer ihrer Pfosten.

Die Erzählung des Mädchens war klar genug, bis sie zu dem Zeitpunkt gelangte, wo wir sie in dem Lager verließen, nach der Besprechung mit den Häuptlingen und bis zu dem Augenblick, wo Hist sie so plötzlich verließ, wie oben angegeben. Die weitere Geschichte mag in ihren eignen Worten folgen:

»Als ich den Häuptlingen die Texte las, Judith, da hättest Du wohl nicht bemerkt, daß sie irgend eine Veränderung in ihren Gemüthern hervorbrachten,« sagte sie; »aber wenn der Samen ausgestreut ist, so wird er auch wachsen. Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt –«

»Ja, das hat er, das hat er,« murmelte Wildtödter, »und ein schöner Ertrag ist gefolgt.«

»Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt,« fuhr Hetty nach einer augenblicklichen Pause fort, »und Ihr seht, zu welcher Höhe, zu welchem Schatten sie emporgewachsen sind! So ist es mit der Bibel. Ihr könnt dieß Jahr einen Vers lesen, und ihn vergessen, und ein Jahr später kommt er Euch wieder in den Sinn, wenn Ihr am wenigsten daran denkt, Euch seiner wieder zu erinnern.«

»Und hast Du etwas der Art unter den Wilden gefunden, arme Hetty?«

»Ja, Judith, und eher und reichlicher als ich je gehofft hätte. Ich blieb nicht lange bei Vater und Hurry, sondern ging, mit Hist mein Frühstück einzunehmen. Sobald wir damit fertig waren, kamen die Häuptlinge zu uns, und da erkannten wir die Früchte des ausgestreuten Samens. Sie sagten, was ich aus dem guten Buche gelesen, sey recht – es müsse recht seyn – es laute recht wie ein holder Vogel, der ihnen ins Ohr singe; und sie hießen mich zurückkehren, und dieß dem großen Krieger sagen, der Einen ihrer Tapfern getödtet, und es Dir erzählen, und auch sagen, wie glücklich sie sich schätzen würden, hier im Castell zur Kirche zu kommen, oder auch draußen in der Sonne, und mich Mehr lesen zu hören aus dem heiligen Buche – und hießen mich Euch sagen, sie wünschten, daß Ihr ihnen einige Canoe's leihet, damit sie Vater und Hurry, und auch ihre Weiber zu dem Castell herüberführen könnten, daß wir Alle dort auf der Plattform säßen, und horchten dem Gesange des Manitou der Bleichgesichter. Nun, Judith, hast Du je Etwas gehört, was so offenkundig die Macht der Bibel zeigt, wie dieß?«

»Wenn es wahr wäre, so wäre es allerdings ein Wunder, Hetty. Aber dieß Alles ist Nichts als indianische Schlauheit und Verrätherei, die uns durch List zu überwinden suchen, wenn sie finden, daß es mit Gewalt nicht geht.«

»Zweifelst Du an der Bibel, Schwester, daß Du die Wilden so hart beurtheilst?«

»Ich zweifle nicht an der Bibel, arme Hetty, aber ich zweifle sehr an einem Indianer und einem Irokesen. Was sagt Ihr zu diesem Besuch, Wildtödter?«

»Erst laßt mich ein Wenig mit Hetty sprechen,« versetzte der Befragte; »ward dieser Floß gefertigt, nachdem Ihr Euer Frühstück eingenommen, Mädchen? und begabet Ihr Euch von dem Lager nach der uns gegenüberliegenden Küste hier?«

»Oh! nein, Wildtödter. Der Floß war bereit und im Wasser – konnte das durch ein Wunder geschehen seyn, Judith?«

»Ja – ja – ein indianisches Wunder,« versetzte der Jäger. »Sie sind erfahren genug in dieser Art von Wundern. Und Ihr fandet den Floß ganz bereit vor Euch, und im Wasser, und Eurer wartend, als seiner Ladung?«

»Alles so wie Ihr sagt. Der Floß war nahe beim Lager, und die Indianer setzten mich darauf, und hatten Schiffstaue, und zogen mich an den Platz gegenüber dem Castell, und dann hießen sie diesen jungen Mann mich herüber rudern.«

»Und die Wälder sind voll von den Vagabunden, die nur warten, um zu erfahren, was das Ende von dem Mirakel seyn werde. Wir begreifen jetzt diesen Handel, Judith, und ich will nur erst diesen jungen canadischen Blutsauger abfertigen, dann wollen wir über unser Verfahren uns besprechen. Laßt Ihr und Hetty uns allein mit einander, zuvor aber bringt mir die Elephanten, welche Schlange bewundert; denn es wird nicht gut thun, diesen lauernden Burschen nur eine Minute allein zu lassen, oder er entlehnt ein Canoe, ohne zu fragen.«

Judith that nach seinem Verlangen, brachte zuerst die Figuren und entfernte sich dann mit ihrer Schwester in ihr Gemach. Wildtödter hatte sich einige Bekanntschaft mit den meisten indianischen Dialekten der Gegend erworben, und verstand Irokesisch genug, um ein Gespräch in dieser Sprache zu führen. Er winkte daher dem Burschen und hieß ihn auf den Schrank sitzen, worauf er plötzlich zwei von den Thürmen vor ihn hinstellte. Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Wilde durch keine Miene eine innere Bewegung oder ein Wohlgefallen verrathen. Es waren viele Sachen in dem Gemach und draußen, die ihm neu seyn mußten, aber er hatte seine Selbstbeherrschung mit stoischer Fassung behauptet. Zwar hatte Wildtödter bemerkt, wie sein dunkles Auge die Vertheidigungsanstalten und Waffen musterte, aber diese Musterung war mit so unschuldiger Miene in einer so kindischen, faulen, gaffenden Art angestellt worden, daß Niemand als ein Mann, der selbst eine ähnliche Schule durchlaufen, seine Absicht auch nur von ferne hätte argwohnen können. In dem Augenblick aber, wo das Auge des Wilden auf das schöngearbeitete Elfenbein und auf die Figuren der wunderbaren unbekannten Thiere fiel, überwältigten ihn Ueberraschung und Bewunderung. Das Benehmen der Bewohner der Südseeinseln, als sie zuerst die Spielereien des civilisirten Lebens erblickten, ist oft geschildert worden; aber der Leser darf dieß nicht verwechseln mit dem Benehmen eines amerikanischen Indianers unter denselben Verhältnissen. Im vorliegenden Falle entfuhr dem jungen Irokesen oder Huronen ein Ausruf des Entzückens; dann aber nahm er sich sogleich zusammen, wie Einer, der sich einer Verletzung der Schicklichkeit schuldig gemacht. Dann hörten seine Augen auf, umher zu schweifen, und hefteten sich auf die Elephanten, von denen er nach kurzem Bedenken einen sogar mit der Hand zu betasten wagte. Wildtödter störte ihn volle zehn Minuten lang gar nicht, wohl wissend, daß der Junge die Merkwürdigkeiten sich so genau merken würde, daß er bei seiner Rückkehr den ältern Indianern die genaueste und ins Einzelnste gehende Beschreibung davon würde machen können. Nachdem der Jäger dachte, er habe ihm jetzt Zeit genug gelassen, sich Alles so genau einzuprägen, berührte er mit dem Finger das nackte Knie des Jünglings und nahm selbst dessen Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Hört mich,« sagte er; »ich möchte mit meinem jungen Freund aus den Canadas sprechen. Vergesse er seiner Verwunderung für eine Minute.«

»Wo ist der andere weiße Bruder?« fragte der Junge aufschauend und unwillkührlich entschlüpfte so seinem Munde der Gedanke, der am meisten seine Seele beschäftigt hatte vor der Vorzeigung der Schlachtfiguren.

»Er schläft – oder wenn er nicht eigentlich schläft, so ist er doch in dem Gemach, wo die Männer schlafen,« antwortete Wildtödter. »Woher weiß mein junger Freund, daß noch Einer da ist?«

»Ihn gesehen von der Küste aus, Irokesen lange Augen haben – über die Wolken hinaus sehen – den Grund der großen Quelle sehen!«

»Gut, die Irokesen sind willkommen. Zwei Bleichgesichter sind Gefangene im Lager Eurer Väter, Knabe.«

Der Bursche nickte, und behandelte den Umstand anscheinend mit großer Gleichgültigkeit; obwohl er einen Augenblick darauf lachte, wie frohlockend über die überlegene Gewandtheit seines Stammes.

»Könnt Ihr mir sagen, Knabe, was Eure Häuptlinge mit diesen Gefangenen zu thun beabsichtigen; oder sind sie deßhalb noch nicht entschlossen?«

Der Bursche schaute einen Augenblick den Jäger mit einiger Ueberraschung an, dann setzte er kaltblütig die Spitze seines Zeigefingers an seinen Kopf, gerade über dem linken Ohr, und fuhr damit rund um den Schädel, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche zeigte, wie gut er in der eigenthümlichen Kunst seines Volkes eingeschult seyn müsse.

»Wann?« fragte Wildtödter, dessen Galle schwoll, bei dieser kaltblütig zur Schau gestellten Gleichgültigkeit gegen Menschenleben. »Und warum nicht sie in Eure Wigwams mitnehmen?«

»Weg zu weit, und voll von Bleichgesichtern. Wigwam voll und Skalpe theuer zu verkaufen, kleiner Skalp, viel Gold.«

»Gut, das erklärt es – ja, das erklärt es. Es ist nicht nöthig deutlicher zu sprechen. Nun wißt Ihr, Bursche, daß der Aeltere von Euren Gefangenen der Vater von diesen zwei jungen Mädchen ist, und der Andere ist der Liebhaber der Einen. Die Mädchen wünschen natürlich, die Skalpe von so nahen Freunden zu retten, und sie wollen ihnen zwei elfenbeinerne Creaturen als Lösegeld geben, eine für jeden Skalp. Geht zurück und sagt das Euern Häuptlingen, und bringt mir die Antwort, ehe die Sonne untergeht.«

Der Knabe ging mit Eifer in diesen Vorschlag ein, und mit einer Aufrichtigkeit, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er seinen Auftrag mit Einsicht und rasch ausführen werde. Einen Augenblick vergaß er seine Ehrliebe und alle seine Stammesfeindseligkeit gegen die Britten und ihre Indianer, in seinem Wunsche, einen solchen Schatz im Besitz seines Volkes zu wissen, und Wildtödter war mit dem Eindruck, den die Sache auf den Knaben gemacht, zufrieden. Zwar schlug der Junge vor, er wolle einen der Elephanten mit sich nehmen als Probe vom Andern, aber darein zu willigen, war sein Bruder Unterhändler zu scharfblickend, da er wohl wußte, daß derselbe, solchen Händen anvertraut, nie an den Ort seiner Bestimmung gelangen würde. Diese kleine Schwierigkeit war bald ausgeglichen, und dann schickte sich der Knabe zur Abfahrt an. Als er auf der Plattform stand, bereit auf den Floß zu steigen, besann er sich und kehrte sich plötzlich um, mit dem Vorschlag, man möchte ihm ein Canoe leihen, als ein Mittel, die Unterhandlung voraussichtlich bedeutend abzukürzen. Wildtödter schlug das Verlangen ruhig ab, und nach einigem weitern Zögern ruderte der Knabe langsam von dem Castell weg, seine Richtung nach einem Dickicht an der Küste zu nehmend, das weniger als eine halbe Meile entfernt war. Wildtödter setzte sich auf einen Stuhl und beobachtete die Fahrt des Botschafters; manchmal genau die ganze Linie der Küste, so weit das Auge reichte, musternd und dann einen Ellbogen auf ein Knie stemmend, das Kinn auf die Hand gestützt, blieb er so lange Zeit sitzen.

Während der Unterredung zwischen Wildtödter und dem Jungen, fiel im anstoßenden Gemach eine Scene andrer Art vor. Hetty hatte nach dem Delawaren gefragt, und als sie erfahren, warum und wo er sich verborgen halte, begab sie sich zu ihm. Der Empfang, welchen dieser Besuch bei Chingachgook fand, war freundlich und achtungsvoll. Er verstand ihren Charakter und ihr Wesen, und ohne Zweifel ward seine Geneigtheit, einem solchen Geschöpf freundlich zu begegnen, noch gesteigert durch die Hoffnung, Nachrichten von seiner Verlobten zu erhalten. Sobald das Mädchen eingetreten war, nahm sie einen Sitz und lud den Indianer ein, sich neben sie zu setzen, blieb aber dann stumm, als hielte sie für schicklich, daß er sie befrage, ehe sie sich entschlöße von dem Gegenstande zu sprechen, den sie auf dem Herzen hatte. Aber da Chingachgook dieß Gefühl nicht verstand, erwartete er in achtungsvoller Aufmerksamkeit und schweigend, was sie ihm mitzutheilen belieben möchte.

»Ihr seyd Chingachgook, die Große Schlange der Delawaren, nicht so?« begann endlich das Mädchen in ihrer einfachen Weise, ihre Selbstbeherrschung verlierend über dem Verlangen, weiter zu kommen, aber ängstlich bedacht, sich doch zuvor der Person recht zu versichern.

»Chingachgook,« versetzte der Delaware mit ernster Würde, »Das bedeuten Große Schlange in Wildtödters Sprache.«

»Gut, das ist meine Sprache. Wildtödter, und Vater, und Judith, und ich und der arme Hurry Harry – kennt Ihr Henry March, Große Schlange? – Doch ich weiß, Ihr kennt ihn nicht, sonst hätte auch er schon von Euch gesprochen.«

»Hat eine Zunge Chingachgook genannt, schmachtende Lilie?« denn so hatte der Häuptling die arme Hetty benannt. »Ward sein Name gesungen von einem kleinen Vogel unter den Irokesen?«

Hetty antwortete zuerst nicht; aber mit jenem nicht zu beschreibenden Gefühl, welches Sympathie und Verständniß erweckt unter den Jugendlichen und in der Welt Unerfahrenen ihres Geschlechts, ließ sie ihr Haupt hängen, und das Blut schoß ihr in die Wangen, ehe sie die Sprache wieder fand. Es würde über ihren Antheil von Verstand hinausgegangen seyn, diese Verlegenheit zu erklären; aber obwohl die arme Hetty nicht bei jedem vorkommenden Fall geordnet denken konnte, konnte sie doch immer fühlen. Die Röthe trat allmälig wieder aus ihren Wangen zurück, und das Mädchen schaute den Indianer schelmisch an, lächelnd mit der Unschuld eines Kindes, worein sich denn doch das Interesse des Weibes mischte.

»Meine Schwester, die schmachtende Lilie, solchen Vogel hören!« fuhr Chingachgook fort, und das mit einer milden Freundlichkeit in Ton und Benehmen, die Solche würde in Erstaunen gesetzt haben, welche manchmal die unharmonischen, oft aus derselben Kehle kommenden schreienden Töne gehört hätten; aber solche Uebergänge von dem rauhen und Gurgel-Ton, zum sanften und melodischen sind nicht selten auch bei gewöhnlichen Gesprächen von Indianern: »Meiner Schwester Ohr offen gewesen – hat sie ihre Zunge verloren?«

»Ihr seyd Chingachgook– Ihr müßt es seyn; denn es ist kein andrer rother Mann da, und sie erwartete, daß Chingachgook kommen würde.«

»Chin–gach–gook,« so sprach er den Namen langsam aus und verweilte bei jeder Sylbe. »Große Schlange, Yengeese Sprache.«

»Chin–gach–gook,« wiederholte Hetty ebenso langsam und bedächtlich. »Ja, so nannte ihn Hist, und Ihr müßt der Häuptling seyn.«

»Wah-ta!-Wah,« rief der Delaware.

»Wah-ta!-Wah, oder Hist-oh!-Hist! Mir klingt Hist hübscher als Wah, und so nenne ich sie Hist.«

»Wah! sehr süß in Delawaren Ohren!«

»Ihr sprecht es aus, daß es anders klingt als bei mir. Aber einerlei; ich habe den Vogel singen hören, von dem Ihr sprecht, Große Schlange!«

»Will meine Schwester sagen Worte des Gesangs? – Was sie am meisten singen? – wie aussehen – sie oft lachen?«

»Sie sang Chin–gach–gook öfter als irgend sonst Etwas; und sie lachte herzlich, als ich ihr erzählte, wie die Irokesen uns im Wasser nachwateten, und uns nicht erreichen konnten. Ich hoffe, diese Stämme haben keine Ohren, Schlange!«

»Fürchtet die Stämme nicht; fürchtet Schwester nächstes Gemach. Nicht fürchten Irokesen; Wildtödter ihm Augen und Ohren stopfen mit seltsamem Gethier.«

»Ich verstehe Euch, Schlange, und ich verstand Hist. Manchmal meine ich, ich sey nicht halb so schwachsinnig, als sie sagen, daß ich bin. Jetzt schaut hinauf zur Decke, so will ich Euch Alles sagen. Aber Ihr macht mir bange, Ihr schaut mich so wild an, wenn ich von Hist spreche.«

Der Indianer suchte seinen Mienen und Blicken einen sanftern Ausdruck zu geben, um des Mädchens treuherzigem Verlangen zu genügen.

»Hist trug mir auf, in sehr leisem Tone Euch zu sagen, Ihr dürfet den Irokesen in Nichts trauen. Sie sind tückischer als alle Indianer, die sie kennt. Dann sagt sie, es sey ein großer, glänzender Stern, der über den Hügel hervortritt etwa eine Stunde nach Anbruch des Dunkels – (Hist hatte den Planeten Venus bezeichnet, ohne es zu wissen,) – und genau, wann dieser Stern sichtbar wird, will sie auf dem Landvorsprung seyn, wo ich gestern Nacht gelandet habe, und Ihr sollet sie in einem Canoe abholen.«

»Gut – Chingachgook jetzt gut genug verstehen; aber er versteht noch besser, wenn meine Schwester ihm noch einmal singt.«

Hetty wiederholte ihre Worte, erklärte noch umständlicher, welcher Stern gemeint sey, und bezeichnete den Punkt des Vorsprungs, wo er ans Land kommen sollte. Jetzt erzählte sie weiter in ihrer ungekünstelten, arglosen Art ihre Begegnung mit dem indianischen Mädchen, und wiederholte mehrere ihrer Ausdrücke und Meinungen, welche das Herz ihres Verlobten sehr entzückten. Besonders schärfte sie wiederholt ihre Warnungen ein, vor Verrätherei auf der Hut zu seyn; Warnungen, die jedoch kaum nöthig waren bei Männern, die so schlau wie die, welchen sie galten. Auch setzte sie mit genügender Klarheit – denn bei allen solchen Gegenständen versagte dem Mädchen ihr Verstand selten – die gegenwärtige Stellung des Feindes, und seine Bewegungen seit dem Morgen auseinander. Hist war mit ihr auf dem Fluß gewesen, bis es von der Küste abstieß; sie befand sich jetzt irgendwo in den Wäldern gegenüber dem Castell, und gedachte nicht in das Lager zurückzukehren, als bis gegen die Nacht; dann hoffte sie im Stande zu seyn, sich von ihren Genossinnen wegzustehlen, während sie der Küste entlang heimzögen, und sich auf dem Landvorsprung zu verbergen. Niemand schien die Anwesenheit Chingachgooks zu ahnen, obgleich man nothwendig wußte, daß in der vorigen Nacht ein Indianer in die Arche war aufgenommen worden, und man Verdacht hegte, er habe sich seither in und außer der Arche in der Tracht eines Bleichgesichts gezeigt. Doch herrschte in Betreff des letztern Punktes noch einiger Zweifel; denn da dieß die Jahrszeit war, wo man die Ankunft weißer Männer erwarten konnte, herrschte einige Besorgniß, die Besatzung des Castells möchte sich auf diesem ordentlichen Wege verstärken. All dieß hatte Hist der Hetty mitgetheilt, während die Indianer sie an der Küste hinzogen und die über sechs Meilen betragende Entfernung hatte dazu Zeit genug vergönnt.

»Hist weiß selbst nicht, ob sie gegen sie Verdacht haben oder nicht, oder ob sie gegen Euch Verdacht haben; aber sie hofft, daß keines von beiden der Fall ist. Und jetzt, Schlange, nachdem ich Euch so Viel von Eurer Verlobten gesagt,« fuhr Hetty fort, halb unbewußt eine Hand des Indianers ergreifend, und mit den Fingern spielend, wie oft ein Kind bei seinen Eltern thut; »müßt Ihr Euch Etwas von mir selbst sagen lassen. Wenn Ihr Hist heirathet. müßt Ihr gütig und freundlich gegen sie seyn, und gegen sie lächeln, wie Ihr jetzt gegen mich thut; und nicht sauer und finster sehen, wie einige Häuptlinge mit ihren Weibern thun. Wollt Ihr mir das versprechen?«

»Immer gut mit Wah! – zu zart, um hart zu zwirnen – sonst sie brechen.«

»Ja, und auch lächeln; Ihr wißt nicht, wie sehr ein Mädchen nach Lächeln schmachtet von denen, die sie lieb hat. Vater lächelte mir kaum Einmal zu, wie ich dort bei ihm war – und Hurry – ja – Hurry schwatzte laut und lachte; aber ich glaube, er lächelte nicht Einmal, Ihr kennt den Unterschied zwischen Lächeln und Lachen?«

»Lachen das Beste! Hört Wah! lachen; denkt, Vogel singe.«

»Ich weiß das; ihr Lachen ist lieblich; aber Ihr müßt lächeln. Und dann, Schlange, müßt Ihr sie nicht Lasten schleppen und schwer auf dem Feld mit der Hacke arbeiten lassen, wie so viele Indianer thun, sondern sie mehr so wie die Bleichgesichter ihre Weiber behandeln.«

»Wah-ta!-Wah nicht Bleichgesicht – hat rothe Haut, rothes Herz, rothe Gefühle. Alles roth; kein Bleichgesicht. Muß kleine Schreier tragen.«

»Jedes Weib trägt gern ihr Kind,« sagte Hetty lächelnd, »und das ist nichts Arges. Aber Ihr müßt Hist lieben, und sanft und gut gegen sie seyn; denn sie ist selbst sanft und gut.«

Chingachgook neigte sich ernst, und dann schien er der Meinung, dieser Gegenstand könnte nunmehr verlassen werden. Ehe Hetty Zeit hatte, ihre Mittheilungen noch einmal zusammenzufassen, hörte man im äußern Gemach Wildtödters Stimme, der seinem Freunde rief. Der Indianer stand auf, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und Hetty begab sich zu ihrer Schwester.

 

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