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Der Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842)

James Fenimore Cooper: Der Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842) - Kapitel 13
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type
authorJames Fenimore Cooper
titleDer Wildtödter (Werktreue Übersetzung von 1842)
publisherVerlag von S.G. Liesching
year1842
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
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Zwölftes Kapitel.

Sie spricht von ihrem Vater; sagt, sie höre,
Die Welt sey schlimm, und ächzt und schlägt die Brust;
Ein Strohhalm ärgert sie, sie spricht verworren:
Mit halbem Sinn nur; ihre Red' ist nichts,
Doch leitet ihre ungestalte Art
Die Hörenden auf Schlüsse; –
Shakspeare.

Wir verließen die Inhaber des Castells und der Arche in Schlaf versunken. Ein paarmal zwar im Laufe der Nacht stand Wildtödter oder der Delaware auf, um auf den ruhigen See hinauszuschauen, und kehrten, wenn sie Alles sicher fanden, zu ihren Lagerstätten zurück und schliefen wie Leute, die sich ihre natürliche Ruhe nicht leicht nehmen oder stören lassen. Bei dem ersten Anzeichen der Morgendämmerung jedoch stand der Erstere auf, und traf die ihn selbst zunächst angehenden Vorkehrungen für den Tag, sein Genosse aber, der in den letzten Zeiten keine ruhige oder ungestörte Nächte gehabt hatte, blieb auf seiner Pritsche liegen, bis die Sonne ganz aufgegangen war. Auch Judith war an diesem Morgen später als gewöhnlich, denn die frühern Stunden der Nacht hatten ihr wenig Erquickung oder Schlaf gebracht. Aber ehe die Sonne sich über den östlichen Hügeln gezeigt, waren doch auch sie auf und auf den Beinen; denn in jener Gegend bleiben selbst die Faulen selten nach dem Erscheinen des großen Himmelslichts noch auf ihren Polstern liegen.

Chingachgook war eben mit seiner Waldtoilette beschäftigt, als Wildtödter in die Cajüte der Arche trat, und ihm ein Paar grobe aber leichte Sommerkleidungsstücke hinwarf, welche Hutter gehörten.

»Judith hat mir das für Euch gegeben, Häuptling,« sagte der Letztere, indem er die Jacke und Beinkleider zu den Füßen des Indianers hinwarf; »denn es ist gegen alle Klugheit und Vorsicht, daß Ihr Euch in Eurer Kriegstracht und Bemalung blicken lasset. Wascht all die feurigen Streifen von Eurer Wange ab, legt diese Kleider an, und hier ist ein Hut, so wie er nun eben ist, der Euch einen schauerlich uncivilisirten Anstrich von Civilisation, wie die Missionäre sagen, geben wird. Vergeßt nicht, daß Hist in der Nähe ist, und was wir für das Mädchen thun, geschehen muß, indem wir für Andere handeln. Ich weiß, es ist gegen Eure Gaben und Natur, Kleider zu tragen, wenn sie nicht nach eines rothen Mannes Schnitt und Tracht sind, aber macht jetzt aus der Noth eine Tugend, und legt diese sofort an, wenn sie Euch auch etwas wider den Magen sind.«

Chingachgook, oder die Schlange, betrachtete die Kleider mit starkem Mißfallen; aber er erkannte den Nutzen der Vermummung, wenn auch nicht ihre absolute Notwendigkeit. Entdeckten die Irokesen einen rothen Mann in dem oder um das Castell, so konnte sie dieß gar leicht behutsamer machen, und ihrem Argwohn die Richtung auf ihre Gefangne geben. Alles war besser als ein Fehlschlagen seiner Absicht, seine Verlobte betreffend, und nachdem er die verschiednen Kleidungsstücke nach allen Seiten gedreht, sie mit einer Art ernster Ironie geprüft, sie in einer Weise anzuziehen versucht, die sich von selbst verbot, und auch sonst den Widerwillen eines jungen Wilden an den Tag gelegt hatte, seine Glieder in die herkömmlichen Fesseln und Bande des civilisirten Lebens zu schnüren, unterwarf sich der Häuptling den Anweisungen seines Freundes, und stand am Ende als ein rother Mann nur noch der Farbe nach, da – so weit nämlich das Auge darüber urtheilen konnte. Von dieser ihm einzig noch gebliebenen Eigenschaft jedoch war Wenig zu befürchten, da die Entfernung von der Küste und der Mangel von Ferngläsern jede genauere Prüfung abschnitt, und Wildtödter selbst, obgleich von einem hellern und frischern Teint, hatte doch ein Gesicht, dem die Sonne eine Farbe aufgebrannt, kaum minder roth als die seines Mohikanischen Genossen. Das linkische, verlegene Wesen des Delawaren in seiner neuen Tracht machte an diesem Tage seinen Freund mehr als einmal lächeln, aber er enthielt sich geflissentlich aller jener Scherze, die bei einer solchen Gelegenheit unter Weißen aufs Tapet gekommen wären; da die Lebensgewohnheiten eines Häuptlings, die Würde eines Kriegers auf seinem ersten Kriegspfad, und der Ernst der Umstände, worin sie sich befanden, zusammen genommen, eine solche Leichtfertigkeit gleich unzeitgemäß erscheinen ließen.

Die Begegnung der drei Insulaner, wenn wir diesen Ausdruck gebrauchen dürfen, beim Morgenimbiß war stumm, ernst und nachdenklich. Judith's Aussehen zeigte, daß sie eine unruhige Nacht gehabt, während den beiden Männern die Zukunft, mit ihren unsichtbaren und unbekannten Ereignissen, vor der Seele stand. Wenige Worte der Höflichkeit wurden zwischen Wildtödter und dem Mädchen im Verlauf des Frühstücks gewechselt, aber ihre Lage mit keiner Sylbe besprochen. Endlich brachte Judith, deren Herz voll war, und deren neue Gefühle sie zu ungewöhnlich weichen und sanften Empfindungen stimmten, diesen Gegenstand auf die Bahn, und das in einer Art, welche zeigte, wie sehr er im Lauf der letzten schlaflosen Nacht ihre Gedanken mußte beschäftigt haben.

»Es wäre schrecklich, Wildtödter,« rief das Mädchen plötzlich aus, »wenn meinem Vater und Hetty etwas Ernsthaftes zustieße! Wir dürfen hier nicht ruhig sitzen, und sie in den Händen der Irokesen lassen, ohne auf Mittel zu denken, ihnen zu dienen.«

»Ich bin bereit, Judith, ihnen zu dienen, und allen Andern, die in Nöthen sind, könnte man mir nur die Art und Weise zeigen, es zu thun. Es ist keine Kleinigkeit, in die Hände von Rothhäuten zu fallen, wenn Leute auf ein Vorhaben ausziehen, wie das war, welches Hutter und Hurry ans Land lockte; das weiß ich so gut wie ein Andrer; und ich wünschte meinem schlimmsten Feind nicht, daß er in eine solche Klemme käme, viel weniger Solchen, mit denen ich gereist bin, gegessen und geschlafen habe. Habt Ihr irgend einen Plan, dessen Ausführung Ihr von der Schlange und mir versucht wünschtet?«

«Ich kenne kein anderes Mittel, die Gefangnen frei zu machen, als Bestechung der Irokesen. Sie sind Geschenken nicht unzugänglich; und wir könnten ihnen vielleicht Genug bieten, um sie auf den Gedanken zu bringen, es sey besser, reiche Gaben, nach ihrer Schätzung, mit fort zu nehmen, als arme Gefangene; – wenn sie sie wirklich überhaupt wegführen sollten!«

»Das ist ganz gut, Judith; ja, es ist ganz gut, wenn der Feind sich erkaufen läßt, und wir Artikel finden können, um damit den Kauf zu zahlen. Euer Vater hat eine bequeme Wohnung, und sie ist sehr schlau gewählt und angelegt, aber sie scheint nicht übermäßig versehen mit Reichthümern, welche seine Freilassung erkaufen dürften. Da das Gewehr, das er Killdeer nennt, möchte Etwas gelten, und ich höre, es sey ein Pulverfäßchen da, welches allerdings in die Wagschale fiele; aber zwei tüchtige Männer sind doch nicht mit einer Kleinigkeit loszukaufen – zudem –«

»Zudem was?« fragte Judith ungeduldig, da sie bemerkte, daß der Andere zauderte fortzufahren, vermuthlich weil er sich scheute, sie zu beunruhigen.

»Ha, Judith, die Franzmänner bieten Preise, ebenso wie unsre Partei; und der Preis für zwei Skalpe würde hinreichen ein Pulverfäßchen und eine Büchse zu kaufen; obwohl ich nicht sagen will, daß eine solche Büchse ganz so gut seyn würde wie Wildtödter hier, den Euer Vater als ungemein und unerreichbar rühmt. Aber gutes Pulver, und eine recht sichre Büchse; und dann sind die rothen Männer nicht die Erfahrensten in Feuerwaffen, und wissen nicht immer den Unterschied zwischen dem zu erkennen, was wirklich und was Schein ist.«

»Das ist gräßlich,« murmelte das Mädchen, betroffen durch die unbefangene Art, in welcher ihr Genosse seine Thatsachen vorzutragen pflegte. »Aber Ihr vergeßt meine Kleider, Wildtödter; und die, glaube ich, könnten bei den Weibern der Irokesen Viel ausrichten.«

»Ohne Zweifel könnten sie, ohne Zweifel könnten sie das, Judith,« versetzte der Andere, sie scharf anblickend, als wollte er sich vergewissern, ob sie wirklich ein solches Opfer zu bringen im Stande seyn würde. »Aber wißt Ihr gewiß, Mädchen, daß Ihr es über's Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen einem solchen Zweck zulieb zu trennen? Mancher Mann hat sich muthig geglaubt, bis die Gefahr ihm entgegenstarrte: ich habe auch Solche gekannt, die sich einbildeten gutmüthig zu seyn, und bereit, Alles was sie hatten den Armen zu schenken, wenn sie von andrer Leute Hartherzigkeit hörten, aber deren Hände sich so fest und zäh zusammenballten, wie die gespaltene Hagenbuche, wenn es darauf und dran kam, von ihrem Eignen wirkliche Opfer zu bringen. Zudem, Judith, Ihr seyd schön – außerordentlich, dürfte man sagen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten – und die, so Schönheit besitzen, hängen auch an dem, was sie zu schmücken dient. Seyd Ihr gewiß, daß Ihr's über's Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen zu trennen?«

Die begütigende Anspielung auf die persönlichen Reize des Mädchens war wohl angebracht als Gegengewicht gegen die Wirkung des Mißtrauens, das der junge Mann gegen Judith's Eifer in Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten blicken ließ. Hätte ein Anderer dasselbe gesagt, was Wildtödter, – das Compliment wäre vermuthlich ganz übersehen worden in der durch jene Zweifel hervorgerufenen Entrüstung; aber eben die ungeschliffene Aufrichtigkeit, die so oft diesen einfachen Jäger seine innersten Gedanken enthüllen ließ, hatte einen Reiz für das Mädchen; und obgleich sie erröthete, und einen Augenblick ihre Augen Flammen sprühten, konnte sie es doch nicht über's Herz bringen, einem Menschen wirklich zu zürnen, dessen Seele ganz Wahrheit und männliches Wohlwollen schien. Ihre Mienen sprachen allerdings Vorwürfe aus; aber sie unterdrückte die Lust, auch in Worten sie ihn fühlen zu lassen, und sie zwang sich glücklich, mild und freundlich zu antworten.

»Ihr müßt alle Eure günstigen Ansichten für die Delawarischen Mädchen aufsparen, Wildtödter, wenn Ihr im Ernst so von denen Eurer eignen Farbe denkt,« sagte sie, sich zum Lachen zwingend. »Aber stellt mich auf die Probe! wenn Ihr findet, daß es mir um Band oder Feder, um Seide oder Mousseline Leid thut, dann mögt Ihr von meinem Herzen denken was Ihr wollt, und sagen was Ihr denkt!«

»Das ist gerecht! das Seltenste auf Erden zu finden ist ein wahrhaft gerechter Mensch. So sagt Tamenund, der weiseste Prophet der Delawaren; und so müssen Alle denken, die Gelegenheit haben, die Menschen zu sehen, mit ihnen zu sprechen und unter ihnen zu handeln. Ich liebe einen gerechten Mann, Schlange: seine Augen sind nie mit Dunkel bedeckt gegen seine Feinde, während sie ganz Sonnenschein und Glanz sind gegen seine Freunde. Er gebraucht die Vernunft, die ihm Gott gegeben, und er gebraucht sie mit dem Gefühl, daß er dazu bestimmt und verpflichtet ist, die Dinge so anzusehen und zu erwägen, wie sie sind, und nicht wie er sie haben möchte. Es ist leicht genug, Menschen zu finden, die sich selbst gerecht nennen; aber es ist außerordentlich selten, Solche zu finden, die es in der That und Wahrheit sind. Wie oft habe ich Indianer gesehen, Mädchen, die da glaubten, sie hätten Etwas ganz dem Willen des Großen Geistes Angenehmes im Auge, wenn sie in Wahrheit nur beflissen waren, nach ihrem eignen Willen und Vergnügen zu handeln, und das gar oft bei einer Versuchung zum Fehltritt, die sie selbst so wenig sehen konnten, als wir durch den Berg dort hindurch den Fluß im nächsten Thal sehen können, obgleich ein von Oben Herabschauender es so gut hätte sehen können, wie wir die Bärse, die um diese Hütte herum schwimmen.«

»Sehr wahr, Wildtödter,« versetzte Judith, bei der jede Spur von Mißfallen sich in einem strahlenden Lächeln verlor, »sehr wahr; und ich hoffe Euch dieser Liebe zur Gerechtigkeit gemäß handeln zu sehen in allen Dingen, wobei ich betheiligt bin. Vor Allem hoffe ich: Ihr werdet selbst urtheilen, und nicht jede arge Geschichte glauben, die ein geschwätziger Müssiggänger, wie Hurry Harry, erzählen mag, der darauf ausgeht, den Namen jedes jungen Weibes anzutasten, die vielleicht nicht dieselbe Meinung von seinem Gesicht und seiner Person haben mag, wie der eigenliebige Prahler selbst.«

»Hurry Harry's Ideen gelten bei mir nicht für ein Evangelium, Judith, aber auch Schlimmere, als er, haben Augen und Ohren,« erwiederte der Andere ernst.

»Genug hievon!« rief Judith mit flammendem Auge, und die Röthe stieg ihr bis zu den Schläfen; »und jetzt von meinem Vater und seiner Lösung. Es ist, wie Ihr sagt, Wildtödter: die Indianer werden schwerlich ihre Gefangenen herausgeben ohne ein gewichtigeres Lösegeld als meine Kleider, und Vaters Büchse und Pulver betragen. Da ist der Schrank.« –

»Ja, da ist der Schrank, wie Ihr sagt, Judith; und wenn es sich handelt um ein Geheimniß und einen Skalp, so würden, glaube ich, die meisten Menschen lieber den letztern für sich behalten. Hat Euch je Euer Vater ein bestimmtes Gebot diesen Schrank betreffend gegeben?«

»Nie. Er schien immer der Ansicht, seine Schlösser und seine stählernen Bänder und seine Stärke seyen sein bester Schutz.«

»Es ist ein rarer Schrank und von ganz merkwürdiger Arbeit,« versetzte Wildtödter, aufstehend und dem fraglichen Gegenstande näher tretend, auf den er sich setzte, um ihn mit größerer Bequemlichkeit zu besichtigen. »Chingachgook, das ist kein Holz aus irgend einem Walde, den Ihr oder ich je durchstreift! Es ist nicht vom schwarzen Wallnußbaum, und doch ist es ganz so hübsch, wo nicht noch hübscher, wäre es nicht von Rauch und schlechter Behandlung entstellt.«

Der Delaware trat näher, befühlte das Holz, prüfte seine Textur, suchte die Oberfläche mit einem Nagel zu ritzen, und fuhr neugierig mit der Hand über die stählernen Schlösser und die andern ihm neuen Eigenthümlichkeiten des seltsamen Meuble's.

»Nein – Nichts wie dieses wächst in diesen Gegenden,« fuhr Wildtödter fort; »ich habe alle Eichen gesehen, beide Ahornarten, die Ulmen, die Linden, alle Wallnußbäume, die Butternußbäume und jeden Baum, der Holz und Farbe hat, in einer oder der andern Gestalt verarbeitet; aber nie früher habe ich ein Holz wie dieses gesehen, Judith, der Schrank selbst würde Eures Vaters Freiheit erkaufen; oder die Neugier der Irokesen ist nicht so groß, wie die der Rothhäute überhaupt, namentlich in Holzsachen.«

»Der Handel ließe sich vielleicht wohlfeiler schließen, Wildtödter. Der Schrank ist voll und es wäre doch besser, nur die Hälfte, als Alles hinzugeben. Zudem, Vater – ich weiß nicht warum – aber Vater schätzt den Schrank sehr hoch.«

»Es scheint fast, er schätzt den Inhalt höher, als den Schrank selbst, nach der Art zu urtheilen, wie er das Aeußere behandelt und das Innere verwahrt. Es sind drei Schlösser, Judith; ist kein Schlüssel da?«

»Ich habe nie einen gesehen; und doch müssen Schlüssel da seyn, da Hetty uns gesagt hat, sie habe den Schrank oft geöffnet gesehen.«

»Schlüssel liegen so wenig in der Luft oder schwimmen im Wasser, als Menschen, Mädchen; wenn ein Schlüssel da ist, so muß auch ein Platz seyn, wo er aufbewahrt ist.« »Das ist wahr; und es würde nicht schwer halten, ihn zu finden, wenn wir suchen dürften.«

»Das ist Eure Sache, Judith; das ist ganz Eure Sache. Der Schrank ist Euer, oder Eures Vaters; und Hutter ist Euer Vater, nicht der meine. Neugier ist der Weiber, nicht der Männer Schwäche; und hier habt Ihr alle Gründe vor Euch. Wenn der Schrank Artikel enthält, welche zum Lösegeld sich eignen, so würden sie, scheint mir, klüglich dazu verwendet, ihres Besitzers Leben zu erkaufen, oder auch seinen Skalp zu retten; aber das zu beurtheilen ist Eure, nicht meine Sache. Wenn der rechtmäßige Eigenthümer einer Falle oder eines Hirsches, oder eines Canoe's nicht anwesend ist, so wird, wer ihm am nächsten steht, sein Stellvertreter, nach allen Gesetzen der Wälder. Daher überlassen wir Euch die Entscheidung, ob der Schrank geöffnet werden soll, oder nicht.«

»Ihr glaubt doch hoffentlich nicht, ich könnte mich bedenken, wenn meines Vaters Leben in Gefahr schwebt, Wildtödter?«

»Nun, es läßt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein tüchtiges Schelten gegen Thränen und Trauern setzen. Es ist nicht ohne Grund zu vermuthen, daß der alte Tom unzufrieden seyn werde mit dem, was Ihr gethan, wenn er sich wieder selbst in seiner Hütte hier sieht; aber es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Menschen mit dem nicht einverstanden sind, was zu ihrem eignen Besten geschehen ist; ich glaube fast, der Mond selbst würde sich ganz anders ausnehmen als jetzt, wenn wir ihn von der andern Seite sehen könnten.«

»Wildtödter, wenn ich den Schlüssel finden kann, will ich Euch ermächtigen, den Schrank zu öffnen und herauszunehmen, was Ihr zu Vaters Loskaufung dienlich glaubt.«

»Sucht zuerst den Schlüssel, Mädchen, von dem Uebrigen wollen wir nachher reden. Schlange, Ihr habt Augen wie eine Fliege und ein Urtheil, das selten irrt; könnt Ihr uns ersinnen helfen, wo der alte Tom wohl den Schlüssel zu einem Schranke verwahrt halten dürfte, mit dem er so geheim thut?«

Der Delaware hatte an dem Gespräche keinen Antheil genommen, bis er so geradezu aufgefordert wurde; jetzt trat er von dem Schranke weg, welcher fortwährend seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und sah sich um nach dem Orte, wo unter den vorliegenden Verhältnissen denkbarer Weise der Schlüssel verwahrt seyn dürfte. Judith und Wildtödter waren inzwischen auch nicht müssig, und so waren bald alle Drei mit lebhaftem und ängstlichem Suchen beschäftigt, da es gewiß war, daß der gewünschte Schlüssel nicht in einer der gewöhnlichen Schubladen oder Fächer, deren mehrere in dem Gebäude waren, sich finden würde, sah in diesen Niemand nach, sondern Alle wandten sich solchen Orten zu, die ihnen als sinnreiche Versteckplätze auffielen, deren man sich zu solchem Behufe leicht bedienen könnte. So ward das äußere Gemach sorgfältig aber fruchtlos durchsucht, worauf sie sich in Hutter's Schlafzimmer begaben. Dieser Theil des rohen Gebäudes war besser eingerichtet als das Uebrige; er enthielt manche Artikel, welche besonders zum Gebrauch der verstorbenen Frau des Besitzers gedient hatten; aber da Judith alle übrigen Schlüssel hatte, war es auch bald durchstöbert, ohne daß der gewünschte Schlüssel an's Licht gekommen wäre.

Jetzt traten sie in das Schlafgemach der Töchter. Dem Chingachgook fiel sogleich der Contrast zwischen den Artikeln und der Anordnung auf der Seite des Gemaches, die man die Judiths nennen konnte, und auf der Hetty angehörigen auf. Ein leiser Ausruf entschlüpfte ihm, und nach den verschiednen Richtungen hin deutend, machte er mit leiser Stimme auf diesen Umstand aufmerksam, zu seinem Freunde in der Delawarensprache redend.

»Wie Ihr denkt, Schlange,« antwortete Wildtödter, von dessen, in Delawarensprache geäußerten Bemerkungen wir so viel als möglich die eigenthümliche Ausdrucksweise des Mannes beizubehalten suchen. »Es ist richtig so, wie Jeder sehen kann; und das ist Alles in der Natur gegründet. Eine Schwester liebt schöne Sachen – übermäßig, wie Manche behaupten; während die Andere so sanft und demüthig ist, wie Gott nur je die Güte und Wahrheit selbst erschuf. Doch glaube ich am Ende, daß auch Judith ihre Tugenden und Hetty ihre Fehler hat.«

»Und die ›Geistschwache‹ hat den Schrank offen gesehen?« erkundigte sich Chingachgook, forschende Neugier in seinen Blicken.

»Gewiß; das hab' ich aus ihrem eignen Munde gehört, und Ihr auch. Es scheint, ihr Vater mißtraut ihrer Verschwiegenheit nicht, obschon vielleicht der seiner ältern Tochter.«

»Dann ist wohl der Schlüssel nur vor der Wilden Rose versteckt?« Denn so hatte der galante Chingachgook Judith in seinen Gesprächen mit seinem Freund allein zu nennen angefangen.

»Das ist's. Das ist's gerade! Der Einen traut er, und der Andern nicht. Da ist weiß und roth, Schlange; alle Stämme und Nationen kommen darin überein, daß sie Manchen trauen, und Manchen ihr Vertrauen versagen. Es kommt auf Charakter und Urtheil an.«

»Wo könnte ein Schlüssel versteckt werden, daß die Wilde Rose ihn gewiß nicht fände, wo eher als unter groben Kleidern?«

Wildtödter stutzte, wandte sich gegen seinen Freund, Bewunderung in jedem Zuge seines Gesichts sich malend, und lachte recht in seiner stillen aber herzlichen Weise über das Sinnreiche und Rasche dieser Vermuthung.

»Euer Name ist wohl angelegt, Schlange – ja, er ist wohl angelegt! Ganz gewiß! wo sollte eine Liebhaberin von schönen Putzsachen so wenig nachsuchen, als unter so groben und unscheinbaren Kleidern, wie die der armen Hetty sind? Ich glaube, Judiths zarte Finger haben nie ein Fleckchen so grobes und unschönes Tuch angerührt, wie das an diesem Unterrock, seit sie zuerst mit den Officieren Bekanntschaft machte! Ja, wer weiß? der Schlüssel dürfte ebenso gut gerade an diesem Pflock zu finden seyn, als sonst an einem Platze. Nehmt das Kleidungsstück weg, Delaware, und laßt uns sehen, ob Ihr wirklich ein Prophet seyd.«

Chingachgook that, wie er geheißen ward, aber kein Schlüssel fand sich. Eine plumpe, dem Anschein nach leere Tasche hing an dem nächsten Pflocke und ward sofort untersucht. Mittlerweile war auch Judiths Aufmerksamkeit nach dieser Richtung gezogen worden, und sie ließ sich mit Hast vernehmen, als wünschte sie unnöthige Mühe zu ersparen.

»Das sind nur die Kleider Hetty's, des guten, einfältigen Mädchens!« sagte sie. »Was wir suchen, ist wohl schwerlich hier zu finden!«

Kaum waren diese Worte über den schönen Mund der Sprecherin gekommen, als Chingachgook den gewünschten Schlüssel aus der Tasche zog. Judith besaß einen zu schnellen Verstand, um nicht sogleich den Grund zu errathen, warum ein so einfacher und leicht zu findender Versteck war gewählt worden. Das Blut schoß ihr ins Gesicht, vielleicht ebenso sehr aus Verdruß, als aus Schaam, und sie biß sich in die Lippe, blieb aber stumm. Wildtödter und sein Freund bewährten jetzt das Zartgefühl von Männern von natürlich feinem Sinn, indem sie weder lächelten, noch auch nur durch einen Blick verriethen, wie gut sie die Beweggründe und das Schlaue dieser sinnreichen List verstanden. Der Erstere, der dem Indianer den Schlüssel abgenommen, trat jetzt in das anstoßende Gemach, versuchte ihn an einem Schloß, und versicherte sich, daß wirklich das rechte Instrument gefunden sey. Es waren drei Vorlegeschlösser, die aber alle drei leicht mit dem einen Schlüssel geöffnet wurden. Wildtödter nahm sie alle ab, machte die Haspen los, hob den Deckel ein Wenig auf, um sich zu versichern, daß der Schrank aufgehe, und trat dann einige Schritte davon zurück, seinem Freunde winkend, ihm zu folgen.

»Das ist ein Familienschrank, Judith,« sagte er, »und enthält vermuthlich Familiengeheimnisse. Die Schlange und ich wollen in die Arche gehen, und nach den Canoe's, den Rudern und Schaufeln sehen, während Ihr sie allein untersucht, und zuseht, ob unter den Artikeln darin sich Etwas findet, was bei einem Lösegeld von Gewicht seyn kann, oder nicht. Wenn Ihr fertig seyd, ruft uns, und dann wollen wir in einem Rath zusammensitzen über den Werth der Artikel.«

»Halt, Wildtödter!« rief das Mädchen, als er im Begriffe war, sich zu entfernen; »nicht Einen Gegenstand rühre ich an – nicht einmal den Deckel hebe ich auf – wenn Ihr nicht dabei gegenwärtig seyd. Vater und Hetty haben für gut befunden, aus dem Inhalt dieses Schrankes mir ein Geheimnis zu machen, und ich bin viel zu stolz, ihre geheimen Schätze erspähen und durchsuchen zu wollen, wenn es nicht um ihres eignen Besten willen wäre. Aber in keinem Falle will ich den Schrank allein öffnen. So bleibt denn bei mir; ich will Zeugen haben bei dem, was ich thue.«

»Ich denke fast, Schlange, das Mädchen hat Recht. Vertrauen und guter Glaube erzeugen Sicherheit, aber Argwohn macht uns leicht Alle tückisch. Judith hat das Recht, unsre Gegenwart zu verlangen; und sollte der Schrank Geheimnisse von Meister Hutter enthalten, so kommen die in den Besitz von zwei jungen Männern von so verschlossenem Munde, als nur in der Welt zu finden sind. Wir wollen bei Euch bleiben, Judith; aber zuerst laßt uns einen Blick auf den See und die Küste werfen, denn dieser Schrank ist wohl nicht in einer Minute geleert!«

Die beiden Männer begaben sich jetzt auf die Plattform, und Wildtödter durchmusterte die Küste mit dem Fernglas, während der Indianer sein Auge ernst auf den Wassern und Wäldern umherschweifen ließ, um ein Zeichen zu suchen, das ihm die Anschläge ihrer Feinde verriethe. Nichts war zu sehen; und beruhigt für den Augenblick wegen ihrer Sicherheit, versammelten sich die Drei wieder um den Schrank mit der erklärten Absicht, ihn zu öffnen.

Judith hatte, so weit sie zurückdenken konnte, vor diesem Schrank und seinem Inhalt eine Art Ehrfurcht gehabt. Weder ihr Vater noch ihre Mutter redeten je in ihrer Anwesenheit davon; und es schien eine Art stillschweigender Verabredung zu seyn, daß bei Bezeichnung der verschiednen Gegenstände, die gelegentlich in seiner Nähe standen, oder selbst auf seinem Deckel lagen, jede Nennung des Schrankes selbst sorgfältig vermieden werde. Durch Gewohnheit war dieß so leicht und so geläufig und natürlich geworden, daß erst in ganz neuester Zeit das Mädchen über diesen seltsamen Umstand nachzudenken angefangen hatte. Aber es hatte nie zwischen Hutter und seiner ältern Tochter ein so inniges Verhältniß bestanden, daß dadurch Vertrauen wäre geweckt worden. Zu Zeiten war er freundlich, aber in der Regel, gegen sie besonders, finster und mürrisch. Am allerwenigsten hatte er seine Autorität in solcher Art geübt, daß sein Kind hätte den Muth gehabt, die Freiheit, zu der sie jetzt entschlossen war, sich herauszunehmen ohne große Besorgniß wegen der Folgen, obgleich sie den kecken Entschluß nur faßte in Kraft des Wunsches, ihm zu dienen. Und dann war Judith auch nicht frei von einem kleinen Aberglauben in Betreff dieses Schrankes, der von Kindheit an bis auf diese Stunde als eine Art Reliquie vor ihren Augen gestanden. Dennoch war die Zeit gekommen, wo, so schien es, dieß Mysterium sich aufklären sollte, und das unter Umständen, die ihr in der Sache sehr wenig Wahl ließen.

Da Judith sah, daß ihre beiden Genossen ihre Bewegungen in ernstem Schweigen beobachteten, legte sie die Hand an den Deckel und suchte ihn aufzuheben. Ihre Kraft reichte jedoch nicht zu, und es dünkte das Mädchen, das wohl wußte, daß alle Schlösser und Bande weg waren, als widersetzte sich ihr eine übernatürliche Macht bei einem unheiligen Beginnen.

»Ich kann den Deckel nicht aufheben, Wildtödter,« sagte sie. »Thäten wir nicht besser, den Versuch aufzugeben und auf andre Mittel zur Befreiung der Gefangnen zu denken?«

»Nicht so, Judith; nicht so, Mädchen. Kein Mittel ist so sicher und leicht, als eine gute Bestechung,« versetzte der Andere. »Was den Deckel betrifft, so wird der von Nichts gehalten, als von seiner eignen Schwere, die wunderbar ist für ein so kleines, zwar mit Eisen so stark beschlagenes Stück Holz.«

Mit diesen Worten versuchte Wildtödter auch seine Kraft an der Aufgabe, und es gelang ihm, den Deckel gegen das Gebälke des Hauses aufzuheben, wo er ihn mittelst einer hinlänglichen Stütze sorgfältig befestigte. Judith zitterte ordentlich, als sie den ersten Blick auf das Innere warf; und sie empfand für den Augenblick einige Beruhigung, als sie sah, daß ein am Rande sorgfältig hineingestepptes Stück Leinwand Alles was darunter war gänzlich verbarg. Der Schrank war indessen allem Anschein nach wohl angefüllt, denn die Leinwand war kaum einen Zoll vom Deckel entfernt.

»Hier ist eine volle Ladung,« sagte Wildtödter, den wohlgepackten Schrank betrachtend, »und wir thun wohl, gemächlich und ordentlich zu Werke zu gehen. Schlange, bringt einige Stühle, während ich dieß Tuch auf den Boden breite, und dann wollen wir das Werk ordentlich und behaglich angreifen.«

Der Delaware gehorchte; Wildtödter stellte höflich Judith einen Stuhl hin, nahm selbst einen, und fing an, die verhüllende Leinwand zu entfernen. Er that dieß mit gutem Bedacht und mit solcher Vorsicht, als ob man Gegenstände von zerbrechlichster Art und feinster Arbeit darunter verborgen geglaubt hätte. Als die Leinwand weggenommen war, waren die ersten Gegenstände, die sich zeigten, einige männliche Kleidungsstücke. Diese waren von feinen Stoffen, und nach der Mode jener Zeiten von lebhaften Farben und mit reichen Verzierungen. Ein Rock insbesondere war von Scharlach, und hatte mit Goldfaden genähte Knopflöcher. Doch war er nicht militärisch, sondern gehörte zum Anzug eines höhern Civilisten in einer Periode, wo der Rang in der Gesellschaft noch streng auch in der Kleidung beachtet wurde. Chingachgook konnte einen Ausruf des Wohlgefallens nicht unterdrücken, als Wildtödter diesen Rock auseinanderlegte und ihn zum Anschauen emporhob; denn trotz seiner anerzogenen Selbstbeherrschung war doch der Glanz dieses Kleidungsstückes zu Viel für die Philosophie eines Indianers. Wildtödter wandte sich rasch um, und sah seinen Freund mit einem vorübergehenden Mißfallen an, als dieser Ausbruch von Schwäche ihm entschlüpfte; dann sprach er vor sich hin, wie seine Gewohnheit war, so oft ein lebhaftes Gefühl sich seiner plötzlich bemächtigte.

»Es ist seine Gabe so! – ja, es ist die Gabe einer Rothhaut, schöne Putzsachen zu lieben, und er ist darum nicht zu tadeln. Es ist auch ein außerordentliches Kleidungsstück, und außerordentliche Sachen erzeugen außerordentliche Gefühle. Ich denke, das wird's thun, Judith, denn das indianische Herz ist schwerlich zu finden in ganz Amerika, das Farben wie diese, und einem Schimmer wie dieser, widersteht. Wenn dieser Rock je für Euren Vater gemacht wurde, so habt Ihr Euren Geschmack an schönen Putzsachen redlich und ehrlich überkommen – ja das habt Ihr!«

»Dieser Rock ist nie für Vater gemacht worden,« antwortete das Mädchen rasch; »er ist viel zu lang, denn mein Vater ist klein und vierschrötig.«

»Tuch war genug da, wenn es so war, und Flitterstaat wohlfeil,« antwortete Wildtödter mit seinem stillen, fröhlichen Lachen. »Schlange, dieß Kleid ward gemacht für einen Mann von Eurem Wuchs, und ich möchte es wohl auf Euren Schultern sehen.«

Chingachgook nicht faul, willigte in die Probe; er warf die grobe, fadenscheinige Jacke Hutter's weg, um seine Person mit einem Rock zu schmücken, der ursprünglich für einen Gentleman bestimmt war. Die Verwandlung war komisch; aber wie den Menschen selten Lächerlichkeiten in ihrer eignen äußern Erscheinung auffallen, so wenig als in ihrer Handlungsweise, beschaute der Delaware diese seine Metamorphose in einem gemeinen Spiegel, vor welchem Hutter sich zu rasiren pflegte, mit ernstem Interesse. In diesem Augenblick dachte er an Hist, und wir sind der Wahrheit schuldig, zu gestehen, obgleich es ein Wenig mit dem strengen Charakter des Kriegers streiten mag, daß er wünschte, von ihr in seiner jetzigen, so vortheilhaften Gestalt gesehen werden zu können.

»Herunter damit, Schlange – herunter damit,« begann jetzt der unbeugsame Wildtödter; »solche Kleider stehen Euch so wenig an, als sie mir anstehen würden; Eure Gaben sind für Bemalung und Falkenfedern, und wollene Decken und Wampums, und die meinigen sind für Wämser von Häuten, zähe Beinkleider und tüchtige Mokkasins. Ich sage Mokkasins, Judith; denn obgleich weiß, muß ich doch, in den Wäldern lebend, wie ich pflege, nothwendig um der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit willen einige Gebräuche der Wälder annehmen.«

»Ich sehe keinen Grund, Wildtödter, warum ein Mann nicht so gut einen Scharlachrock tragen sollte, als der Andere,« versetzte das Mädchen. »Ich wollte, ich könnte Euch in diesem schönen Kleid sehen!«

»Mich in einem Rock sehen, der für einen Lord recht wäre! Nun, Judith, wenn Ihr diesen Tag abwarten wollt, so müßt Ihr warten, bis Ihr mich des Verstands und des Gedächtnisses ledig seht. Nein – nein – Mädchen, meine Gaben sind meine Gaben, und ich will bei ihnen leben und sterben, sollte ich auch nie wieder ein Wild fällen oder einen Salmen spießen. Was habe ich gethan, daß Ihr wünscht mich in einem so flunkernden Rock zu sehen, Judith?«

»Ich meine eben, Wildtödter, die falschzüngigen und falschherzigen jungen galanten Herren von der Garnison sollten nicht allein in schönen Federn stolziren; sondern Wahrheit und Redlichkeit hätten auch ihre Ansprüche auf Ehre und Auszeichnung.«

»Und welche Auszeichnung würde es für mich seyn, Judith, geschniegelt und bescharlacht zu werden, wie ein Mingohäuptling, der eben seine Präsente von Quebeck erhalten hat? Nein – nein – ich bin wohl wie ich bin; und wenn nicht, so kann ich nicht besser werden. Legt den Rock auf die Decke, Schlange, und laßt uns weiter im Schranke nachsehen.«

Das verlockende Kleidungsstück – das sicherlich nie für Hutter gefertigt ward – wurde bei Seite gelegt und die Untersuchung fortgesetzt. Der männliche Anzug, dessen einzelne Bestandtheile sämmtlich in ihrer Beschaffenheit dem Rocke entsprachen, war bald erschöpft, und dann folgten weibliche. Ein schöner Anzug von Brokat, der durch nachlässige Behandlung etwas gelitten, folgte; und dießmal entschlüpften offene Ausrufe des Entzückens Judiths Munde. So sehr das Mädchen auf schönen Anzug hielt, und so günstige Gelegenheit sie gehabt hatte, manche kleine Ansprüche auf diesem Felde zu sehen bei den Frauen der verschiedenen Commandanten und andern Damen der Forts, so hatte sie doch noch nie zuvor ein Gewebe oder Farben geschaut, welche sich mit dem messen konnten, was jetzt so unerwartet ihrem Auge sich darbot. Ihr Entzücken war beinahe kindisch; auch wollte sie die Untersuchung nicht fortsetzen lassen, ehe sie sich mit einem Gewande bekleidet hätte, das so wenig mit ihren Lebensgewohnheiten und ihrem Aufenthaltsort zusammenstimmte. Zu diesem Behufe begab sie sich in ihr eignes Gemach, wo sie mit ihren in solchem Geschäft geübten Händen bald ihren saubern Linnenrock ablegte und in den buntern und prächtigen Farben des Brokats dastand. Der Anzug paßte zufällig für die schöne, volle Person Judiths, und gewiß hatte er nie ein Wesen geschmückt, das durch natürliche Gaben mehr geeignet gewesen wäre, seinen wahrhaft prächtigen Farben und der schönen Weberei Ehre zu machen. Als sie zurückkam, standen Wildtödter und Chingachgook, welche die kurze Zeit ihrer Abwesenheit benutzt hatten, die männlichen Kleidungsstücke nochmals zu beschauen, mit Erstaunen auf, und beide machten ihrer Bewunderung und ihrem Wohlgefallen in Ausrufungen von so unzweideutiger Art Luft, daß dadurch die Augen Judiths neuen Glanz gewannen, indem ihre Wangen von der Glut des Triumphs flammten. Sich jedoch die Miene gebend, den Eindruck, den sie gemacht, nicht zu bemerken, setzte sich das Mädchen mit dem stattlichen Anstand einer Königin nieder, und verlangte, daß man den Inhalt des Schrankes weiter untersuche.

»Ich weiß kein besseres Mittel, mit den Mingo's zu unterhandeln, Mädchen,« rief Wildtödter, »als Euch, wie Ihr seyd, an's Land zu schicken und ihnen zu sagen, eine Königin sey unter ihnen angekommen! Bei einem solchen Schauspiel werden sie den alten Hutter, und Hurry und Hetty dazu ausliefern!«

»Ich glaubte Eure Zunge zu ehrlich zum Schmeicheln, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, der diese Bewunderung größere Freude machte, als sie hätte gestehen mögen. »Einer der Hauptgründe meiner Achtung für Euch war Eure Liebe zur Wahrheit?«

»Und es ist Wahrheit, und ernste Wahrheit, Judith und nichts Anderes. Nie schauten meine Augen ein so prächtig aussehendes Geschöpf, als Ihr in diesem Augenblick seyd! Ich habe zu meiner Zeit auch Schönheiten gesehen, beides, weiße und rothe, und sie waren besprochen und gepriesen nah und fern; aber nie habe ich eine gesehen, die irgend den Vergleich aushalten konnte mit dem, was Ihr in diesem gesegneten Augenblick seyd, Judith; nie!«

Der Blick des Entzückens, den das Mädchen dem freimüthigen Jäger zuwarf, verminderte in keiner Weise den Eindruck ihrer Reize; und da die feuchten Augen dazu noch einen Ausdruck von Rührbarkeit und Gefühl gesellten, erschien vielleicht Judith nie wahrhaft liebenswürdiger, als in diesem »gesegneten Augenblicke,« wie der junge Mann sich ausgedrückt hatte. Er schüttelte den Kopf, hielt ihn einen Augenblick über den offenen Schrank hingebeugt, wie Einer, der im Zweifel ist, und fuhr dann mit der Untersuchung fort.

Einige kleinere Bestandtheile des weiblichen Anzuges kamen jetzt, alle von einer Beschaffenheit, die dem Kleide entsprach. Diese wurden stillschweigend Judith zu Füßen gelegt, als hätte sie ein natürliches Recht auf ihren Besitz. Ein paar davon, wie Handschuhe, oder Spitzen, nahm das Mädchen auf, und fügte sie ihrem schon so prächtigen Anzug bei, anscheinend nur wie zum Spiel, in der That aber in der Absicht, ihre Person so herauszuputzen, wie nur immer die Umstände erlaubten. Nachdem diese beiden auffallenden Anzüge, »ein Männlein und ein Fräulein« so zu sagen, weggenommen waren, trennte wieder eine Leinwanddecke die übrigen Artikel von dem Theil des Schrankes, den jene eingenommen. Sobald Wildtödter diese Einrichtung bemerkte, hielt er inne, zweifelnd, ob es angemessen sey, weiter fortzufahren.

»Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, glaube ich,« sagte er; »und alle Menschen haben ein Recht, sich des ihrigen zu erfreuen; wir sind weit genug in diesem Schrank hinabgekommen, um meiner Ansicht nach, unsern Wünschen und Bedürfnissen Genüge zu leisten: und es scheint mir, wir thäten gut, nicht weiter zu gehen, und dem Meister Hutter allein und seinen Gefühlen, Alles unter dieser Decke zu überlassen.«

»Ihr meint also, Wildtödter, man solle den Irokesen diese Kleider anbieten, als Lösegeld?« fragte Judith rasch.

»Gewiß, warum sonst durchstöbern wir eines Andern Schrank, als um dem Eigenthümer die besten Dienste nach unsern Kräften zu leisten? Dieser Rock allein würde ganz geeignet seyn, den Häuptling der Gewürme zu gewinnen! und wenn zufällig sein Weib oder seine Tochter mit ihm ausgezogen seyn sollte, würde dieß Kleid das Herz jedes Weibes zwischen Albany und Montreal erweichen. Ich sehe nicht, wozu wir eines weitern Handelsvorraths bedürften als diese zwei Artikel.«

»Euch mag es so erscheinen, Wildtödter,« erwiederte das betroffene Mädchen; »aber von welchem Nutzen wäre ein Anzug wie dieser für eine Indianerin? Sie könnte ihn nicht tragen unter den Zweigen der Bäume; der Schmutz und Rauch des Wigwam würde ihn bald verderben; und wie würde sich ein paar rother Arme ausnehmen, durch diese kurzen, spitzenbesetzten Ermel geschoben!«

»Alles ganz wahr, Mädchen; und Ihr könntet fortfahren und sagen, er sey ganz außer Zeit und Ort und Clima in dieser Gegend überhaupt. Was geht es uns an, wie mit den schönen Sachen umgegangen wird, wenn sie nur unsern Wünschen zur Erfüllung verhelfen? Ich sehe nicht ein, welchen Gebrauch Euer Vater von solchen Kleidern machen will; und es ist ein Glück, daß er Sachen hat, die für ihn werthlos, für Andre einen hohen Preis haben. Wir können keinen bessern Handel für ihn schließen, als diesen Tand für seine Freiheit zu bieten. Wir werfen das leichte Flitterzeug dazu, und bekommen dann Hurry in Kauf.«

»So denkt Ihr also nicht, Wildtödter, daß Thomas Hutter Jemand in seiner Familie habe – ein Kind – eine Tochter, der dieser Anzug nach billigem Ermessen wohl ansteht, und die darin dann und wann, wäre es auch nur nach langen Zwischenzeiten und nur zum Scherz zu sehen, Ihr selbst wünschen könntet?«

»Ich verstehe Euch, Judith – ja, jetzt verstehe ich Eure Meinung, und ich glaube, ich darf auch sagen: Eure Wünsche. Daß Ihr in diesem Anzug so prächtig seyd, wie die auf- oder untergehende Sonne an einem Oktobertag, gebe ich gerne zu; und daß Ihr ihm herrlich ansteht, ist um ein gut Theil gewisser, als daß er Euch an- und zusteht. Es sind Gaben in den Kleidern wie in andern Dingen. Nun glaube ich nicht, daß ein Krieger auf seinem ersten Kriegspfad dieselben entsetzlichen Bemalungen annehmen darf, wie ein Häuptling, dessen Tugend erprobt ist, und der aus Erfahrung weiß, daß er seinen Ansprüchen keine Schande machen wird. So ist es mit uns Allen, Rothen oder Weißen. Ihr seyd Thomas Hutter's Tochter und dieß Weiberkleid ward gemacht für das Kind irgend eines Gouverneurs, oder für eine Dame von hohem Stand; und es sollte getragen werden in Häusern mit schöner Einrichtung und in vornehmer Gesellschaft. In meinen Augen, Judith, steht einem sittsamen Mädchen Nichts besser, als wenn sie anständig gekleidet ist, und Nichts ist passend, was dem ganzen Wesen und Charakter widerspricht. Zudem, Mädchen, wenn ein Geschöpf in der Colonie ist, das ganz der schönen Sachen entbehren und auf sein gutes Aussehen und holdes Gesicht vertrauen kann, so seyd Ihr es.«

«Ich will den Plunder im Augenblick ausziehen, Wildtödter,« rief das Mädchen und sprang auf, um das Zimmer zu verlassen, »und nie wünsche ich ihn wieder an einem menschlichen Wesen zu sehen.«

»So ist es bei ihnen Allen, Schlange,« sagte der Andere, sich zu seinem Freunde kehrend und lachend, sobald die Schöne verschwunden war. »Sie haben eine Freude an Putzsachen, aber an ihren angebornen Reizen die größte. Ich bin jedoch froh, daß das Mädchen eingewilligt, ihren Staat wieder abzulegen, denn es ist gegen die Vernunft für eine von ihrer Classe, ihn zu tragen; und dann ist sie hübsch genug, wie ich es nenne, um so herumzulaufen. Hist würde sich auch ganz absonderlich ausnehmen in einem solchen Weiberrock, Delaware!«

»Wah-ta!-Wah ist ein Rothhautmädchen, Wildtödter,« versetzte der Indianer; »wie die Jungen der Taube, erkennt man sie an ihren eignen Federn. Ich würde an ihr, ohne sie zu kennen, vorbeigehen, wäre sie in eine solche Haut gekleidet. Es ist immer das Weiseste, so gekleidet zu seyn, daß unsre Freunde uns nicht nach unserm Namen zu fragen brauchen. Die wilde Rose ist sehr stattlich, aber sie ist nicht holdseliger mit diesen vielen Farben.«

»Das ist's! Das ist Natur, und die wahre Grundlage für Liebe und Schutz. Wenn ein Mann anhält, um eine wilde Stachelbeere zu pflücken, so erwartet er nicht eine Melone zu finden, und wenn er eine Melone brechen möchte, so verdrießt es ihn, wenn es ein Kürbis ist, obwohl Kürbisse oft für das Auge herrlicher sind, als Melonen. Das ist es, und es bedeutet: bleibt bei Euren Gaben und Eure Gaben werden bei Euch bleiben!«

Die beiden Männer hatten jetzt eine kleine Erörterung mit einander, ob es geeignet sey, noch tiefer in den Schrank Hutter's einzudringen, als Judith, ihres Prachtgewandes entkleidet, in ihrem einfachen Linnenkleide wieder erschien.

»Dank Euch, Judith,« sagte Wildtödter, sie freundlich bei der Hand fassend; »denn ich weiß, es ging ein wenig gegen die natürlichen Wünsche des Weibes, so viel schöne Sachen gleichsam wie einen Haufen Plunder wegzuwerfen. Aber Ihr seyd dem Auge lieblicher, wie Ihr da steht, ja gewiß, als wenn Ihr eine Krone auf dem Haupt und Juwelen ums Haar bammeln hättet. Die Frage ist jetzt, ob man diese Decke aufheben soll, um zu sehen, was in der That der beste Handel wäre, den wir für Meister Hutter machen könnten: denn wir müssen so handeln, wie wir denken, daß er handeln würde, stände er an unsrer Stelle.«

Judith sah sehr vergnügt aus. Gewohnt an Schmeichelei, wie sie war, hatte ihr die bescheidene Huldigung Wildtödters mehr wahre Genugthuung und Freude gewährt, als sie noch je bei den Worten aus dem Munde eines Mannes empfunden hatte. Es waren nicht die Ausdrücke, worein die Bewunderung gekleidet war, denn diese waren einfach genug – was einen so lebhaften Eindruck machte; auch nicht ihre Neuheit oder Wärme, noch sonst eine der Eigenthümlichkeiten, welche einer Lobpreisung gewöhnlich Werth verleihen, sondern die ungeirrte Wahrhaftigkeit des Redenden, die seine Worte so unmittelbar ans Herz der Hörenden dringen machte. Dieß ist einer der großen Vortheile der Geradheit und Freimüthigkeit. Der schlaue, gewohnheitsmäßige Schmeichler mag seine Absichten so lange erreichen, bis seine Künste gegen ihn selbst zurückspringen, und wie andre Süßigkeiten, die von ihm gebotene Nahrung durch Uebermaß anekelt; aber Wer ehrlich und offen handelt, wenn er auch oft anstößt, besitzt eine Macht zu loben, die keine andre Eigenschaft als die Aufrichtigkeit gewährt, weil seine Worte geradezu ans Herz dringen, und ihre Unterstützung im Verstande finden. So war es bei Wildtödter und Judith; so bald und so tief erfüllte dieser einfache Jäger Alle, die ihn kannten, mit der Ueberzeugung von seiner unbeugsamen Redlichkeit, daß Alles, was er lobend äußerte, ebenso gewiß Freude machte, als Alles, was er tadelnd und als Vorwurf äußerte, gewiß da tief einschneiden und Feindschaft erwecken mußte, wo sein Charakter nicht schon Achtung und Neigung ihm gewonnen hatte, die seinen Tadel in anderem Sinne schmerzhaft und empfindlich machten. Im spätern Leben, als die Laufbahn dieses ungebildeten und unverkünstelten Menschen ihn in Berührung brachte mit Officieren von hohem Rang, und Andern, die mit der Sorge für die Interessen des Staats betraut waren, übte er denselben Einfluß auf einem weiteren Feld; selbst Generale hörten seine Lobsprüche mit einem Anflug von hoher Freude, welche in ihnen hervorzurufen nicht immer in der Macht ihrer officiellen Obern stand. Vielleicht war Judith das erste Individuum von seiner Farbe, das sich diesen natürlichen Folgen der Wahrheitsliebe und Geradheit von Seiten Wildtödters entschieden unterwarf. Sie hatte wirklich nach seinem Lobe geschmachtet, und jetzt hatte sie es geerntet, und das in der Form, wie es ihrer Schwäche und ihrer Denkungsart am angenehmsten war. Das Ergebnis davon wird sich im Laufe dieser Erzählung zeigen.

»Wenn wir wüßten, was Alles dieser Schrank enthält, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, als sie sich ein Wenig erholt hatte von der augenblicklichen Wirkung seiner Lobsprüche auf ihre persönliche Erscheinung, »könnten wir besser entscheiden, welches Verfahren wir einschlagen sollen.«

»Das ist nicht ohne Grund, Mädchen, obgleich es mehr eine Bleichgesichts- als eine Rothhauts-Gabe ist, andrer Leute Geheimnisse zu durchspähen.«

»Neugier ist natürlich, und es läßt sich erwarten, daß alle menschliche Wesen menschliche Fehler haben. So oft ich bei den Garnisonen gewesen bin, habe ich gefunden, daß die Meisten dort und rings herum Verlangen trugen, ihres Nächsten Geheimnisse zu erspähen.«

»Ja, und manchmal sie zu errathen oder zu erdichten, wenn sie sich nicht entdecken konnten. Das ist der Unterschied zwischen einem indianischen und einem weißen Gentleman. Die Schlange hier würde den Kopf auf die Seite wenden, wenn er bemerkte, daß er unabsichtlich in eines andern Häuptlings Wigwams hineinsehe; während in den Ansiedlungen, wo Alle vornehme Leute seyn wollen, die Meisten beweisen, daß sie besser als Andre seyen, durch die Art, wie sie über diese und ihre Angelegenheiten schwatzen. Ich stehe dafür, Judith, Ihr brächtet die Schlange hier nicht dazu, zu gestehen, es sey ein Andrer in seinem Stamme um so Viel größer als er, daß er der Gegenstand seiner Gedanken würde, und er seine Zunge gebrauchte zu Gesprächen über sein Thun und Treiben, sein Gehen und Stehen, sein Essen und Trinken, und all die andern kleinen Sachen, die einen Menschen beschäftigen, wenn er nicht mit seinen größeren Pflichten zu thun hat. Wer das thut, ist nicht viel besser als ein ausgemachter Spitzbube, und Wer Einen dazu aufmuntert, ist so ziemlich von derselben Gattung, trage er so schöne Röcke als er will, und von Farben, wie sie ihm gefallen.«

»Aber das ist keines andern Mannes Wigwam; es gehört meinem Vater; es sind seine Sachen, die man zu seinem Besten verwendet und bedarf.«

»Das ist wahr, Mädchen, das ist wahr, und es ist nicht ohne Gewicht. Nun gut, wenn Alles vor uns liegt, können wir in der That am besten entscheiden, was wir als Lösegeld anbieten, was zurückbehalten sollen.«

Judith war in ihren Gefühlen nicht ganz so uneigennützig, als sie sich die Miene gab. Sie erinnerte sich, daß die Neugierde Hetty's in Bezug auf diesen Schrank war befriedigt worden, während die ihrige unberücksichtigt blieb; und es war ihr nicht leid, eine Gelegenheit zu bekommen, in diesem Einen Punkt sich ihrer minder begabten Schwester gleich zu stellen. Da es schien, als seyen Alle darüber einverstanden, die Untersuchung des Inhalts des Schrankes solle weiter fortgesetzt werden, machte sich Wildtödter daran, die zweite Leinwanddecke zu entfernen.

Die zu oberst liegenden Artikel, nachdem wieder der Vorhang von den Geheimnissen des Schrankes weggezogen war, waren ein Paar Pistolen, sehr schön mit Silber eingelegt. Ihr Werth würde in einer der Städte ansehnlich gewesen seyn, obgleich sie für die Wälder eine Art selten gebrauchter Waffen waren; ja, nie wurden sie eigentlich gebraucht, außer etwa von einem Officier aus Europa, der die Colonien besuchte, wie damals Manche zu thun pflegten, und der so erfüllt war von der Vortrefflichkeit der Sitten und Gebräuche von London, daß er meinte, er dürfe sie auch auf der Grenze Amerika's nicht bei Seite legen. Was bei der Auffindung dieser Waffen sich zutrug, wird im nächsten Kapitel kund werden.

 

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