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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Achtes Kapitel

Jerrys überraschender Vorschlag fand bei seinen Kameraden durchaus nicht den Anklang, den er wohl erwartet hatte, sie sahen sich vielmehr betroffen an und dann eine geraume Weile nachdenklich Jackson, der gleichmütig weiter rauchte.

»Was bist du eigentlich für eine Nummer?« fragte ihn Pete schließlich.

»Da ich nichts von euch, sondern ihr etwas von mir wollt, ist's wohl nur recht und billig, daß ihr euch mir zuerst einmal vorstellt«, erwiderte Jackson.

Bob holte Papier und Tabak aus der Tasche und drehte sich eine Zigarette, ohne jedoch ein Auge von Jackson zu lassen.

»Du bist doch sicher Artist«, sagte er, »so eine Art Zauberkünstler, da wird dir's doch nicht schwer werden, unser Inneres zu lesen und dir dann selbst zu sagen, wer wir sind.«

»Gewiß, das könnt' ich«, entgegnete Jackson, »aber das würde sich wohl kaum lohnen.«

»Los, Mensch, lies mal unsere Gedanken«, sagte Pete, plötzlich lebhaft werdend. »Das hab' ich mal großartig auf einer Varietébühne gesehen, da war's natürlich faustdicker Schwindel, aber die Möglichkeit fällt hier ja weg, da wir uns noch nie vorher gesehen haben und du nichts von uns weißt. Also bitte, schieß los und sag mir, woran ich jetzt gerade denke.«

»Daß das Türschloß klappert«, sagte Jackson sofort.

Pete fuhr zurück, als hätte er einen Schlag vor den Kopf bekommen, es war klar, daß Jacksons Vermutung stimmte.

»Na, siehst du, Pete«, schrie Jerry triumphierend, »hab' ich dir nicht gesagt, daß er das richtige Köpfchen für uns ist?«

»Halt gefälligst deinen Mund«, fuhr ihn Pete an. »Und du da, willst du mir noch mehr von mir erzählen? Ja? Denk' ich jetzt auch noch an das Türschloß?«

»Nicht mehr«, antwortete Jackson, »jetzt denkst du an eine Menschenmenge, in der du dich selbst befindest.«

Pete sprang auf die Füße.

»Verdammt noch mal«, schrie er, »hab' ich denn ein Fenster in der Stirn, durch das du sehen kannst, was dahinter vorgeht?«

»So ähnlich wird's wohl sein«, meinte Jackson lächelnd.

»Weiter! Was mach' ich zwischen den Menschen?« fragte Pete.

»Du arbeitest mit den Händen, die du da, wo das Gedränge am dichtesten ist, in fremde Taschen gleiten läßt und alles 'rausholst, von der geldgefüllten Börse bis zum Taschentuch, denn du verschmähst auch kleine Dinge nicht, mein Sohn, und denkst, daß Körnchen auf Körnchen gelegt schließlich auch einen Sack voll Weizen ergeben. An dem Tag, als du deine Kunst zum erstenmal erprobt hast –«

»Hör auf, ich hab' genug«, unterbrach ihn Pete ganz betroffen, »das ist ja direkt unheimlich!«

Er zog den Kopf zwischen die etwas hochstehenden Schultern ein und starrte Jackson fassungslos an.

»Gut«, sagte Jerry, »dann komme ich jetzt dran. Au, verflucht!«

Er hatte es sich etwas bequem machen wollen und dabei wieder einen Schmerz in der verrenkten Hüfte verspürt.

»Ich werd' dir die Geschichte erst einmal wieder in Ordnung bringen«, erbot sich Jackson, packte das verletzte Bein mit der Linken unter der Biegung des Knies und griff mit den Fingern der Rechten in die Hüftsehnen.

»Es wird allerdings ein bißchen weh tun«, sagte er.

»Was schadet das, wenn ich dadurch wieder laufen kann!« stöhnte Jerry.

Er hatte kaum ausgesprochen, als Jackson mit einem Ruck das Bein zur Seite stieß und dabei gleichzeitig seine Finger in die Hüfte des Patienten bohrte, der aufheulte wie ein Hund unter der Peitsche. Der Schweiß war ihm in dicken Tropfen auf die Stirne getreten, die noch herabrollten, während er das Bein auf Jacksons Anordnung beugte und wieder streckte.

»Donnerwetter, das ist ja großartig«, sagte er, »als ob nichts passiert wäre! Menschenskind, wie machst du das nur?«

»Das sind so kleine Kunstgriffe, die man gelernt haben muß«, erwiderte Jackson lächelnd.

»Na, schön, dann erzähl mir mal was von mir«, bat Jerry, kopfschüttelnd sein Bein immer wieder probierend, »zum Beispiel, wie ich zu meinem jetzigen Leben gekommen bin.«

»Du bist nach dem Militärdienst auf die schiefe Ebene geraten«, sagte Jackson, »offenbar bist du auch schon vorher ein Taugenichts gewesen, aber richtig verdorben bist du erst, nachdem du aus der Armee ausgetreten warst.«

Jerry riß Mund und Nase auf.

»Woher weißt du das?« fragte er außer sich vor Erstaunen. »Gesagt haben kann es dir niemand, also muß doch etwas dran sein an der Gedankenleserei!«

»Natürlich ist etwas dran«, erwiderte Jackson lächelnd, »aber wenn man die Sache erst einmal 'raus hat, ist sie furchtbar einfach.«

»In welcher Richtung hab' ich mich nun betätigt, nachdem ich abgerutscht war?« fragte Jerry weiter, sich gespannt vorbeugend.

»Du bist immer ein Mensch gewesen, der die freie Luft liebt«, antwortete Jackson, »und der sich mit wenigem begnügt, wenn er sich nur nicht anzustrengen braucht.«

Jerry nickte.

»Stimmt auffallend«, sagte er, »vor geschlossenen Räumen hab' ich stets eine heilige Scheu gehabt, und wohl gefühlt hab' ich mich nur, wenn ich freien Himmel über dem Kopf hatte – aber wie kannst du das wissen?«

»Durch Zauberei natürlich«, erwiderte Jackson, wiederum lächelnd.

»So, nun komm' ich dran«, drängte sich jetzt Bob vor, »nun sag mir, was ich bin.«

Jackson sah ihm flüchtig in das brutale, fast viereckige Gesicht, aus dem ihm ein Paar wäßrige, matte, weit auseinanderstehende Augen dumm anstarrten, und schwieg.

»Na, los, oder versagt bei mir deine Kunst?« fragte Bob. »Was bin ich?«

»Ein Mörder«, antwortete Jackson zögernd.

»Allmächtiger«, sagte Bob nur und wandte den Kopf ab wie ein Tier, das den Blick seines Herrn nicht zu ertragen vermag.

Die beiden anderen schwiegen, denn alles, was Jackson ihnen bisher an körperlicher und geistiger Gewandtheit gezeigt, verblaßte vor dieser kurzen Antwort.

»Der Kerl ist ja ein Satan«, murmelte Bob halblaut, »der kann uns alle einsperren lassen – dagegen müssen wir was tun.«

Dabei sah er fragend zu seinen Kameraden hinüber, doch die schüttelten beide ablehnend den Kopf – offenbar hatten sie von der Art, wie Jackson sie einmal kampfunfähig gemacht, vollkommen genug.

»Ist ja Unsinn«, sagte Jerry, »er sieht nicht aus, als ob er hinterlistig wäre, und ein Schwindler ist er auch nicht! Nun verrat uns mal, Kamerad, wie du hinter unsere Geheimnisse gekommen bist.«

»Das ist sehr einfach«, erklärte Jackson bereitwillig, »und beruht nur auf logischen Schlüssen aus dem, was man beobachtet. Dir, Jerry, sieht man zum Beispiel an, daß du von Haus aus nicht schlecht bist, deine gerade Haltung verrät, daß du längere Zeit Soldat gewesen bist, denn die lernt man nur beim Kommiß – daß du die freie Luft liebst, zeigt deine Gesichtsfarbe, und wenn du an schwerer Arbeit Spaß fändest, wärst du sicher nicht auf der Walze.«

»Das ist allerdings verflucht einfach und hat mit Zauberei nichts zu tun«, entgegnete Jerry verblüfft. »Und woher weißt du das über Pete?«

»So aus dem Mundwinkel heraus zu sprechen, wie er es tut, gewöhnen sich die Menschen nur im Gefängnis an«, sagte Jackson, »und ein Mann, der sich, ohne dabei hinzusehen, eine Zigarette drehen kann und nicht ein Krümelchen Tabak fallen läßt, muß sehr geschickte und geübte Finger haben – aus diesen und anderen kleinen Zügen, die ich beobachtet, habe ich meine Schlüsse gezogen.«

»Und wie war's bei Bob?«

»Du brauchst doch nur seine Hände anzusehen«, sagte Jackson, auf Bobs riesige, rote Hände zeigend, deren Finger von vielen, weißen Strichen – Narben früherer Wunden – bedeckt waren, »ihnen merkt man an, daß er einmal ein Schlächter gewesen ist, also war meine Schlußfolgerung gar nicht allzu kühn und hat gleichfalls mit Zauberei nichts zu tun.«

»Das klingt alles so einfach«, meinte Jerry, »muß aber doch verdammt schwer sein, unsereins wird's wohl kaum lernen. Na, und wie steht's nun mit dir, Kamerad, willst du uns nicht verraten, was du bist?«

»Zauberkünstler«, erwiderte Jackson.

»Also Artist?« fragte Jerry. »So einer, der im Varieté auftritt?«

»Nein, ich zeige meine Künste nicht auf der Bühne, sondern im Leben, an Tür- und Vorlegeschlössern, schwierigen Geldschrank-Kombinationsschlössern und anderen nützlichen Erzeugnissen moderner Kunstschlosserei.«

Die drei lachten schmunzelnd.

»Früher hab' ich mich mal auf Juwelen spezialisiert«, fuhr Jackson fort, »aber wenn die Zeiten schlecht sind, bin ich nicht wählerisch – jedenfalls darf ich ohne Überhebung behaupten, daß es keine Tür gibt, die ich nicht öffnen kann.«

Die anderen starrten ihn mit unverhohlenem Neid an, bis Pete fragte:

»Wie kommt es denn dann aber, daß du, wie wir, als blinder Passagier reist?«

»Soll ich vielleicht die Bahngesellschaft mein sauer verdientes Geld schlucken lassen, wenn ich aus geschäftlichen Gründen einen Ortswechsel vornehmen muß?«

»Ach, du hast wieder eine bessere Sache vor?« fragte Jerry. »Kannst du uns dabei nicht gebrauchen?«

Jackson sah von einem zum anderen – Bob wurde dabei rot bis unter die Augen und senkte den Blick – dann sagte er:

»Bei dem Geschäft, das ich vorhabe, könnt' ich euch alle drei ganz gut gebrauchen, ich würde euch ein festes Gehalt zahlen, was meint ihr dazu?«

»So daß wir kein Risiko dabei hätten, sondern regelmäßig unseren Lohn bekämen?« fragte Pete ungläubig.

»Jawohl, festen Lohn – zwanzig Dollar täglich, paßt euch das?«

»Zwanzig für jeden?« erkundigte sich Pete vorsichtig.

»Gewiß, zwanzig für jeden«, bestätigte Jackson.

»Und was haben wir dafür zu leisten?« fragte Jerry.

»Das wird sich von Fall zu Fall ergeben«, erwiderte Jackson. »Für jedes Unternehmen zahle ich euch außerdem als Extravergütung fünfzig Dollar und wenn dabei geprügelt werden muß, zweihundert – einverstanden?«

Sie antworteten gar nicht, sondern grinsten nur über das ganze Gesicht, wie Leute, die am Verhungern sind und zu einem Festmahl von zehn Gängen eingeladen werden.

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