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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Siebentes Kapitel

Von den Puffern eines fahrenden Güterwagens bis zu dem Vorlegeschloß an dessen Tür ist ein weiter Weg, der gute Nerven erfordert, da man es nur erreichen kann, wenn man auf das Dach klettert, sich flach hinlegt und nach dem Schloß hinunterlangt, wobei der Körper ausschließlich durch die Zehenspitzen am Dachrand festgehalten wird.

Jesse Jackson verfügte über diese beneidenswerte Nervenruhe, und da er sich gleich einen leeren Waggon ausgesucht hatte, die der Kenner an dem eigenartig dumpfen Rattern von beladenen unterscheiden kann, brauchte er nicht von einem Wagen zum anderen über schwankende Kuppelungen zu balancieren, sondern konnte es sich sehr bald im Innern des Waggons bequem machen.

Die letzte Fracht dieses Wagens war gepreßtes Heu gewesen, und da er inzwischen noch nicht ausgefegt worden war, lagen überall Halme, die sich durch die Reibung und Erschütterung aus den Ballen gelöst hatten, herum. Jackson suchte sich diese zusammen und machte sich daraus ein Lager zurecht, auf dem er sich behaglich ausstreckte. Die Tür konnte er offenlassen, da der Wind den Rauch der Lokomotive nach der anderen Seite drückte.

Die Aufregungen und der lange, angestrengte Ritt hatten seinen Körper, so elastisch und widerstandsfähig er auch war, doch stark mitgenommen, und so ging er daran, seine Muskeln durch einen bewußten Willensakt systematisch zu entspannen. Er fing mit denen der Arme und Beine an, dann, als diese vollkommen weich und schlaff waren, konzentrierte er sich darauf, das gleiche mit der Rücken-, Schulter- und Nackenmuskulatur zu erreichen.

Die Erholung des Körpers im Schlaf beruht bekanntlich auf dieser völligen Muskelentspannung, die jedoch nur nach und nach erreicht wird – fünf Minuten dieses durch Energie willkürlich herbeigeführten Zustandes leisteten Jackson daher fast ebensoviel wie fünf Stunden festen Schlafes, in den er überdies bald auch noch fiel.

Wenn der Zug seine Geschwindigkeit verringerte, weil eine Station in Sicht war, wachte er ganz von selber auf, schloß die Tür und öffnete sie erst wieder, wenn die Station passiert war.

Seiner Schätzung nach legte der Zug durchschnittlich dreißig Meilen in der Stunde zurück, so daß er eine Reise von gut fünfzehn Stunden vor sich hatte, die er in der Hauptsache schlafend zurückzulegen entschlossen war.

Eben hatte der Zug wieder einmal eine Station verlassen, und während er sich noch keuchend eine lange, ziemlich starke Steigung hinaufarbeitete, war Jackson, von der kühlen Luft, die durch die Tür hereinwehte, angenehm umfächelt, eingeschlafen, als ein von dem monotonen Rädergestampfe grundverschiedenes Geräusch in sein Bewußtsein drang und ihn aufweckte. Er richtete sich hoch und sah zwei Männer in der offenen Wagentür stehen, die gerade im Begriff waren, einem dritten hereinzuhelfen.

Sehr gepflegt wirkten die drei gerade nicht mit ihren unrasierten Gesichtern und ihren zerrissenen Anzügen, es waren vielmehr typische Landstreicher, jene modernen Nomaden, die als blinde Passagiere den ganzen amerikanischen Kontinent durchstreifen, ihren Witz und Verstand einzig dazu gebrauchen, jeder Arbeit aus dem Weg zu gehen und eher eines Verbrechens fähig sind als einer nützlichen Tätigkeit.

Nicht sonderlich entzückt über diese unerwartete Reisegesellschaft, legte sich Jackson wieder auf sein Heulager zurück und schloß die Augen, da hörte er einen der Männer sagen:

»Das einzige anständige Bett in dem Hotel hier ist von dem besoffenen Schwein da besetzt.«

»Jag doch den Kerl 'runter, Jerry«, riet ein anderer.

»Worauf du dich verlassen kannst«, erwiderte Jerry bösartig.

Jackson öffnete ganz wenig die Augen und sah durch seine langen Wimpern hindurch, daß Jerry auf ihn zuging, sich neben ihn hinstellte und zu einem Fußtritt ausholte, der jedoch nicht, wie es beabsichtigt war, Jackson in die Rippen traf. Dessen Hand hatte nämlich das schwingende Bein gepackt und riß dieses zur Seite, so daß Herr Jerry urplötzlich umfiel und sich, vor Schmerzen stöhnend, auf den Brettern des Bodens wälzte – weniger Jacksons Kraft als die Wucht des unvermutet abgelenkten Stoßes hatte dieses Kunststück fertiggebracht.

Jackson setzte sich auf und drehte sich seelenruhig eine Zigarette, die beiden anderen Landstreicher versuchten, ihren Kameraden aufzurichten, aber dieser schrie, sie sollten ihn liegenlassen, er hätte sich die Hüfte gebrochen. Dies war jedoch nicht der Fall, weder ein Bruch des Hüftknochens noch eine Auskugelung des Gelenkes war erfolgt, sondern nur eine starke Sehnenzerrung.

»In zwei, drei Tagen kannst du wieder prachtvoll marschieren«, meinte Jackson trocken, »aber bis dahin würde ich dir empfehlen, möglichst ruhig zu liegen.«

»Das war so ein gemeiner Jiu-Jitsu-Trick«, stöhnte Jerry, »schlagt doch dem Kerl in meinem Namen den Schädel ein!«

Die beiden schienen dieser freundlichen Aufforderung nachkommen zu wollen, denn sie bauten sich drohend vor Jackson auf. Alle drei waren übrigens sehr stark aussehende Burschen – schwächliche Menschen sind ja auch dem anstrengenden Leben »auf der Walze« gar nicht gewachsen, bei dem es überdies alle Tage gilt, Schläge einzustecken und auszuteilen.

»Los, Bob! Worauf wartest du, Pete?« knirschte Jerry. »Drescht den hinterlistigen Hund windelweich!«

»Keine Sorge, wir werden ihn schon vermöbeln«, beruhigte ihn Pete, der leuchtendes, brandrotes Haar hatte.

Jackson sah die beiden gelassen an, rührte sich aber nicht.

»Steh auf, du Idiot, und wehr dich!« schrie Pete, der der Anführer des Trios zu sein schien. »Deine Tracht Prügel bekommst du allerdings auf alle Fälle.«

»Jungens«, sagte Jackson sehr ruhig, »ich warne euch, wenn ihr mich angreift, werdet ihr eklig auf Granit beißen – das ist keine Prahlerei, sondern eine Tatsache.«

»Der Kerl scheint ein Boxer zu sein«, meinte Bob, bedenklich geworden.

»Höchstens ein lächerliches Leichtgewicht«, erklärte Pete fachmännisch, »ich habe doch selbst im Ring gestanden, mit dreien von der Sorte werd' ich fertig, in jede Hand nehm' ich einen und den dritten zwischen die Zähne. Vorwärts, steh endlich auf!«

»Wenn ihm das lieber ist, kann er seine Wucht ja auch im Sitzen bekommen«, rief Bob jetzt voller Mut und stürzte sich mit Knien und Ellbogen auf Jackson, traf aber nicht diesen, sondern nur die Stelle im Heu, auf der jener vorher gesessen hatte, denn Jackson war ein wenig zurück gerückt und erwiderte jetzt den Angriff mit einem, gar nicht einmal allzu starken Faustschlag, der aber so genau die richtige Stelle hinter dem Ohr traf, daß Bobs angespannte Muskeln sich lösten und er ohne Besinnung liegenblieb.

Jackson erhob sich, um den dritten und gefährlichsten Gegner zu erwarten, doch Pete, der zwar im Boxring gestanden hatte und sich auf seine Kräfte einigermaßen verlassen konnte, war ein vorsichtiger Mann. Daß seine beiden stämmigen Kameraden durch eine einzige Bewegung dieses schmächtig aussehenden Menschen erledigt worden waren, kam ihm nicht ganz geheuer vor, und darum beschloß er, lieber auf sicher zu gehen.

Er griff also in die Innentasche seines Rockes und holte ein Jagdmesser mit langer, gebogener Klinge heraus, um seinem Angriff damit etwas mehr Nachdruck zu verleihen.

Jackson stand unbeweglich wie eine Statue, es sah aus, als ob er, vollkommen erstarrt, die Gefahr, die ihm drohe, nicht begriffe, oder als ob der bloße Anblick des gezückten Stahls ihn gelähmt hätte. Im letzten Moment jedoch wich er ein wenig – nicht zurück, sondern nach unten aus, er duckte sich nicht etwa ganz zusammen, sondern ließ die Schultern nur so weit sinken, daß der Stoß, der nach seiner Kehle gezielt war, ins Leere ging. Im selben Moment machte er mit dem Oberkörper eine leichte Drehung, ergriff dabei Petes Arm, bückte sich vorwärts und benutzte die Wucht des Stoßes, um den Gegner mit einem gewaltigen Schwung über seine Schulter zu werfen. Pete schlug mit dem Kopf schwer gegen die Seitenwand des Waggons, fiel dann zu Boden und blieb besinnungslos auf den ratternden Brettern liegen.

Jerry sah entgeistert Jackson an, der ruhig die Zigarette, die bei der Prozedur zerknickt worden war, aus dem Mund nahm und zur Tür hinauswarf.

»Sind beide tot?« fragte der Landstreicher, sich ängstlich gegen die Wagenwand zurückziehend, und holte dabei einen Schlagring aus der Tasche, weniger aus Angriffslust, als um nicht ganz wehrlos gegen Jackson zu sein.

»Ach, keine Spur«, antwortete dieser, ging an die Stelle zurück, wo Bob lag, wälzte den Ohnmächtigen von seinem Heulager fort und setzte sich selbst wieder darauf.

»Sie sind ja schon ganz kalt«, kreischte Jerry auf, »du hast beide gemordet, und dafür wirst du gehenkt werden!«

»Beruhige dich, sie sind nicht tot, sondern nur ohne Besinnung«, versicherte Jackson, sich eine neue Zigarette anzündend. »Was macht denn übrigens dein Bein?«

»Das ist sicher gebrochen«, stöhnte Jerry.

»Ich kann dir die Sache schnell wieder in Ordnung bringen, das Gelenk ist nämlich nur ein bißchen verdreht, und darum zerren sich die Muskeln«, sagte Jackson freundlich, »aber hoffentlich läßt du dir's zur Warnung dienen und trittst nicht wieder nach einem Menschen, der schläft.«

»Ich werd' mich schwer hüten, man weiß ja nie, an was für Leute man gerät«, sagte Jerry kleinlaut. »Was bist du eigentlich, Fremder?«

»Ein Landstreicher – genau wie du«, erwiderte Jackson.

»Wie ich?« Jerry fing zu lachen an. »Wenn ich Kattun bin, bist du Seidensamt! Übrigens, da hat sich Bob eben bewegt.«

Tatsächlich richteten sich Bob und Pete fast gleichzeitig auf, sahen sich verdutzt um, griffen nach ihren brummenden Schädeln und starrten schließlich beide Jackson an.

»Das sind ja schöne Kunststücke, die du da mit uns gemacht hast«, sagte nach einer Weile Pete, sich sein halb verrenktes Genick reibend.

»Schön nennst du das?« stöhnte Bob. »Mir ist beinah die Hirnschale dabei flöten gegangen.«

»Hirnschale?« schrie Jerry plötzlich ganz begeistert. »Herrschaften, ich hab' eine großartige Idee! Wir suchen doch einen Kopf, der uns führen soll, weil sie unseren guten, alten Isaak eingesperrt haben – der Junge da ist richtig, der hat das nötige Gehirn, der soll unser neuer Führer werden!«

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